The Tracy Chronicles

von - Leela -
GeschichteAngst, Freundschaft / P12
Eddie Futura Jake Tracy
09.07.2014
05.10.2014
2
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Dieses Kapitel ist mein Beitrag zum Wettbewerb »Die Angst« und gleichzeitig der Auftakt zu den Tracy Chronicles. Ich wünsche eine angenehme Lesezeit. ^^

Allgemeine Hinweise:
● Geschrieben, wie immer, nach alter Rechtschreibung
● (Und nur falls jemand auf komische Gedanken kommen sollte: Nein, kein Slash! ^.~)

Fandom-Hinweise:
Skelefon: Das Telefon im Büro der Ghostbuster
Ghostbuggy (GB): Das Multifunktionsfahrzeug der Ghostbuster, welches unter anderem auch einen Flugmodus hat



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Auf dem Prüfstand

Die Feder tauchte in das Fäßchen mit der schwarzen Tinte, und hinterließ Augenblicke später ihre Spuren auf dem sanftbraunen Papier des gebundenen Notizbuches. Im sanften Kerzenlicht entstanden die ersten, schön geschwungenen Buchstaben, die dem Leser gemeinsam folgenden Hinweis gaben:

»Kapitel 1«

      Ein weiteres Mal tauchte die Feder in das Fäßchen, um kurz darauf in aller Seelenruhe Zeile um Zeile auf die Seiten des Buches zu schreiben, während im Hintergrund nur das Prasseln des Kaminfeuers zu hören war.
      Der Gorilla, der die Feder führte, rückte seine Brille zurecht. Er sprach nicht viel, doch seit einiger Zeit hatte er beschlossen, seine Erlebnisse in einer Sammlung kleiner Geschichten und Anekdoten festzuhalten.
      Seit Tracy sich zur Ruhe gesetzt hatte, war der Gedanke daran, die interessantesten Ereignisse seines für einen Berggorilla jetzt schon sehr langen Lebens für die Nachwelt festzuhalten, immer mehr in den Vordergrund gerückt. Es gab ihm ein wenig das Gefühl, als wäre er noch dabei, so als würde er noch immer mit seinen Partnern Jake und Eddy auf Mission gehen; was aber vielleicht noch viel wichtiger war, die Geschichten blieben für die Nachwelt erhalten und konnten weitererzählt werden.
      Tracy wußte viele Geschichten zu erzählen. Er hatte mit seinem Team so viele Dinge erlebt, unglaubliche, phantastische Dinge – er konnte Buch um Buch damit füllen, ohne daß es je langweilig werden würde. Da gab es lustige Geschichten, abenteuerliche, traurige, nachdenkliche, obskure… Manche mit einer tiefgründigen, philosophischen Weisheit, manche mit einer stummen Warnung und manche einfach zum Schmunzeln, und nicht selten eine Kombination aus verschiedenen Faktoren, – und jedes Mal mußte der Leser selbst entscheiden, welche Botschaft er für sich aus der Geschichte herausziehen wollte.
      Jetzt gerade schrieb er an einer Begebenheit, die ihm noch heute mit so viel Nachdruck in Erinnerung geblieben war, daß er sie mit Bedacht für das erste Kapitel ausgewählt hatte – und wenn er an diese Geschichte dachte, dann war ihm nicht nach Lachen zumute.
      Völlig versunken schrieb er, und ließ die kleine, wahre Geschichte, die er jetzt vor Augen hatte, auf dem Papier noch einmal entstehen:

      „Der Tag begann, wie viele andere auch, völlig unspektakulär. Am frühen Nachmittag erhielten wir einen Skelefonanruf mit einem neuen Auftrag – etwas, was wir zu der Zeit gut gebrauchen konnten. Es war eine dieser Missionen, bei denen wir einen Poltergeist aus einem Haus vertreiben sollten. Eine Routinesache also, auch wenn der Schwierigkeitsgrad diesmal ziemlich hoch angesetzt war, da sich dieser Geist in einem mehrstöckigen Hochhauskomplex eingenistet hatte, und den Angaben der Bewohner zufolge auch alle Ebenen ausnutzte, die ihm zur Verfügung standen. Ein großes Territorium also, welches ihm zur Verfügung stand, und welches uns zu schaffen machte.
      Ich möchte euch die langweiligen Details dieser Mission ersparen, die wir in einigen Stunden erfolgloser Suche hinter uns gebracht hatten und nur den Teil erzählen, der mir erzählenswert erscheint. Zu einem großen Teil werde ich dabei allerdings auf die Aussagen meiner Teamkollegen zurückgreifen müssen, da ich die meiste Zeit über nicht anwesend war, als es passierte – etwas, was ich im Nachhinein sehr bedauert habe. Viel habe ich selbst nicht einmal direkt mitbekommen, nichtsdestotrotz erschüttert mich der Vorfall noch heute; und die Erzählungen von Jake und Eddy viele Monate später waren so ergreifend, daß sie meine Wissenslücken fast schon zu bildhaft füllten, beinahe so, als hätte ich der Szene selbst beigewohnt. Erst ihre lebhaften Schilderungen machen es mir jetzt möglich, euch die ganze Begebenheit genau zu berichten. Also, die Geschichte - oder besser, der Teil, den ich euch davon erzählen möchte - begann so…“

Eddy war fix und fertig, als er endlich am Ende der Treppe ankam. Jake und Tracy waren schon ein Stück vorausgelaufen, und der Gorilla versuchte, die Klopfgeräusche nicht aus dem Sinn zu verlieren.
      Jake wartete an der Tür zu einem Appartement auf seinen Partner.
      „Gott sei Dank ist das jetzt die letzte Etage!“ erklärte Eddy von Herzen.
      „Du solltest ein bißchen mehr trainieren!“ kommentierte Jake. „Dann ist deine Kondition auch besser!“
      „Sind unsere Aufträge nicht Training genug?“ gab Eddy schmollend zurück.
      „Offenbar ja nicht! – Komm’ schon. Wir haben Glück, diese Wohnung hier steht gerade leer, das heißt, hier können wir frei agieren!“
      „Na, mich wundert’s nicht; wer mietet denn auch schon eine Wohnung mit einem Poltergeist an!“ bemerkte Eddy, war sich aber nicht ganz sicher, ob der Blondschopf es überhaupt noch gehört hatte, als er schon aus seiner Sicht verschwunden war und durch die leeren Räume ging. Er verdrehte leicht die Augen und folgte dem Teamführer bedächtiger.
      Jake sah sich schnell um und bemerkte Tracy dann einen Raum weiter, mit dem Ohr an einer Wand. „Hast du ihn?“
      Der Gorilla legte einen Finger an die Lippen und horchte weiter. Einen Augenblick später zeigte er in eine Richtung.
      „Da fängt bereits das Nachbargebäude an…“ bemerkte Jake nachdenklich, während Eddy zu ihm aufschloß. Der große, schlanke Geisterjäger sah sich unschlüssig um. „Wir kommen von hier nicht dort rüber, ohne erst wieder nach ganz unten zu laufen, und im Nachbargebäude wieder nach oben. Mist. Wir verlieren so viel Zeit, wenn wir erst außen rumgehen müssen!“
      Eddy atmete leicht durch. „Ich wünschte, wir könnten auch durch die Wände gehen, so wie die Geister. Das würde unsere Arbeit drastisch erleichtern!“
      Der Teamführer schmunzelte leicht. „Ja, aber leider können wir das nicht.“ Sein Blick fiel zu dem halboffenen Fenster, und plötzlich hielt er nachdenklich inne. „Aber es gibt etwas, was wir machen können!“ Er gab seinen Partnern einen Wink. Bei dem Fenster angekommen, öffnete er es ganz und sah hinaus. Er lehnte sich etwas vor und schaute zu dem Fenster hinüber, das bereits zu dem anderen Appartement gehörte. „Wir haben Glück. Das andere Fenster ist auch einen Spalt offen. Das heißt, wir können über die Feuerleiter auf die andere Seite kommen.“
      Sein Kollege sah ihn an, als hätte er noch nicht ganz begriffen, was sein bester Freund gerade vorgeschlagen hatte. Langsam klappte ihm sprachlos die Kinnlade herunter. „Was? Meinst du das jetzt ernst?“
      „Ja, sicher!“ erwiderte Jake unbedarft.
      Eddy schüttelte vehement den Kopf. „Das kannst du vergessen, Partner. Ich gehe nicht über die Feuerleiter!“
      Jake sah seinen Kameraden kurz verständnislos an, dann stöhnte er leicht auf. „Eddy, es ist nur ein kurzes Stück über das Gitter. Da passiert dir nichts!“
      „Wir sind hier in der 26. Etage!“ erinnerte Eddy aufgewühlt. „Wie breit ist das Ding? Ein Meter? Zwei Meter? Es hat einen Gitterboden und ein einfaches Stahlgeländer, durch die man ganz bis nach unten gucken kann! Das nenne ich nicht gerade vertrauenserweckend, genausowenig, wenn ich mir angucke, wie dieses minimalisierte Material an die Hauswand geklatscht ist! Ich werde den Teufel tun und auch nur einen Fuß da raussetzen!“
      „Eddy, die Dinger sind sicher!“ argumentierte Jake. „Die sind dafür da, um heil aus dem Haus zu kommen. Meinst du wirklich, jemand würde ein System für den Notfall einbauen, wenn das Notfallsystem dann nicht sicher wäre?“
      „Wir haben aber keinen Notfall! Ihr könnt gerne über das Ding da gehen, ich gehe außen rum – äh, ich meine, unten rum!“
      Jake biß die Zähne zusammen. „Partner, wir brauchen dich da drüben! Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, und das dort…“ Der sportliche Mann deutete zum Fenster. „… ist unser Ticket zu einem erfolgreich ausgeführten Auftrag! Also, was ist jetzt? Wir haben keine Zeit, das auszudiskutieren!“
      Tracy verharrte bereits wartend beim Fenster und sah sich zu den beiden um.
      „Na, komm’ schon!“ meinte Jake aufmunternd. „Tracy geht zuerst rüber! Wenn Tracy das schafft, dann schaffst du das erst recht!“ Er nickte Tracy zu, und der Gorilla machte sich bereits auf den Weg.
      „Was ist das denn für eine Argumentation?“ erwiderte Eddy verblüfft. „Tracy ist ein Gorilla! Das sind ganz andere Voraussetzungen!“
      „Und wenn schon! Du dramatisierst das ganze!“ gab Jake gereizt zurück.
      „Du hast gut reden!“ fuhr Eddy mittlerweile auf, wobei in seiner Stimme allerdings mehr Panik als Ärger schwang. „Du hast ja auch keine Höhenangst!“
      Jake atmete kurz durch und hielt ein wenig nachdenklich inne. „Das stimmt!“ räumte er ein. „Ich glaube aber trotzdem fest daran, daß du das schaffst, Eddy. Du mußt dir nur immer wieder bewußt machen, daß dir da draußen nichts passieren kann. Glaub’ mir, diese Feuerleitern sind wirklich sicher. Sonst wären sie gar nicht zugelassen. Du mußt sicher nicht aus Spaß an der Freud’ irgendwelche lauen Sommernächte auf solchen Feuertreppen verbringen, wenn du kein gutes Gefühl dabei hast, aber hier ist es nur dieses kurze Stück, und wir müssen den Geist fangen. Je länger wir reden, desto weiter entfernt er sich vielleicht aus unserem Bereich. Wir müssen diese Chance nutzen. Bitte, Eddy. Das schaffst du schon!“
      Er konnte die Panik in den braunen Augen seines Partner sehen und fuhr beruhigend fort: „Du mußt nur an dich glauben, Eddy. Dann kannst du deine Ängste besiegen! Schau mal, erinnerst du dich noch an damals, als wir beide im Skelevator festhingen, und wir nicht wußten, was passiert war? Das hat mich damals in Angst und Schrecken versetzt, weil es bei mir eine panische Platzangst ausgelöst hat. Da konnte ich nicht weg, und ich mußte mich den Ängsten stellen. Und ich habe es geschafft. Im Nachhinein hat es mir geholfen, mich ein Stück weiterzuentwickeln, weil ich festgestellt habe, daß nichts Schlimmes passiert ist. Du aber hast die Wahl, dich deinen Ängsten bewußt zu stellen, und dir selbst zu beweisen, daß nichts Schlimmes passiert. Ist es das etwa nicht wert, es zu versuchen?“
      Der etwas molligere junge Mann sah ihn nicht sehr überzeugt an. „Und was, wenn deine Rechnung nicht aufgeht…?“
      „Du bist genauso stark wie ich. Das weiß ich!“ sagte Jake zuversichtlich.
      „Wenn du mich da mal nicht überschätzt!“ gab Eddy verheißungsvoll zurück.
      Jake trat die zweieinhalb Schritte vor, die sie voneinander trennten, und faßte seinen Kumpel bei den Armen. „Eddy, du bist viel stärker, als du es dir manchmal einredest. Und wenn du dich immer von deinen Ängsten übermannen läßt, und dich ihnen nie stellst, dann wirst du sie nie besiegen! Komm’ schon. Du wirst sehen, wenn du erst mal drüben bist, wird es ein gutes Gefühl sein, weil du es geschafft hast, ein Stück weit deine Angst zu besiegen!“ Er sah seinen Partner auffordernd an.
      Der korpulentere Ghostbuster schluckte.
      „Komm schon.“ sagte Jake beruhigend. „Tracy ist schon drüben.“
      Eddy versuchte, ein Zittern zu unterdrücken, doch es gelang ihm nicht, als er seinem Partner folgte. Während Jake sich bereits auf das Gitter schwang, schätzte er die Entfernung zum anderen Fenster ab. Es war wirklich nicht viel, doch das reichte ihm schon.
      Jake blieb auf der anderen Seite stehen. „Komm schon, Eddy!“ versucht er, ihm Mut zu machen. „Das ist ganz leicht! Halt dich einfach an der Hauswand und versuch, nicht nach unten zu sehen.“
      Eddy zitterte. Der Geisterjäger in dem Fliegermantel schloß ohnmächtig die Augen. Was blieb ihm für eine Wahl? Würde er es nicht tun, würde er die ganze Mission zum Kippen bringen. Vielleicht würden Jake und Tracy ihm dann die Schuld dafür geben. – Nein, das würden sie sicher nicht; aber sie wären sicher enttäuscht von ihm. Und er wäre es auch. Jake hatte Recht. Er mußte sich seinen Ängsten stellen, allein schon für sein eigenes Selbstbewußtsein. Wenn es nur nicht so schwierig wäre…
      „Was ist denn jetzt?“ mischte sich Jakes Stimme in sein Bewußtsein. „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit!“
      Eddy atmete keuchend und konnte das Zittern nicht unterdrücken, als er durch das Fenster kletterte und den ersten Fuß auf das Gitter setzte.
      „Ganz ruhig atmen!“ rief Jake ihm zu. „Dir kann gar nichts passieren! Das geht schneller, als du denkst!“
      „Ich bezweifle, daß es länger gedauert hätte, untenrum zu gehen.“ stieß Eddy für sich verbissen hervor und schob langsam auch den Rest des Körpers aus dem Fenster, bis er mit rasendem Puls auf dem Gitter stand und sich an die Hauswand preßte. Er versuchte, Jakes Rat zu beherzigen und nicht nach unten zu sehen, wo man durch das Gitter hindurch bis auf den Eingangsbereich vor dem Haus, Stockwerke tiefer, blicken konnte. Er mußte den Anflug eines Schwindelgefühls unterdrücken und spürte sein Herz gegen die Brust schlagen. Daß Jake auf der anderen Seite bereits im Haus verschwand, machte die Sache nicht leichter. Wie paralysiert stand Eddy da. Mittlerweile war er sogar nicht einmal mehr sicher, ob er es überhaupt noch durch das Fenster zurück in die Sicherheit schaffen würde, so hatte er sich in seiner Angst versteift.
      Als Jake durch das Fenster in das Appartement auf der anderen Seite geklettert und aus seiner Sicht verschwunden war, löste es ein beklemmendes Gefühl in ihm aus. Kurz darauf lehnte sich der Teamführer aber aus dem Fenster und sah zu ihm herüber. „Das machst du gut, Eddy!“ rief er, als sich sein Partner Zentimeter um Zentimeter weiterschob. „Es ist nur noch ein kleines Stück, dann hast du es geschafft! Komm, gleich kannst du meine Hand greifen!“
      Ein wenig beruhigte Eddy die Aussicht, auch wenn der Weg noch lange nicht ausgestanden und viel zu weit für seinen Geschmack war, und er sich zudem fragte, was Jake ausrichten wollte, wenn wirklich etwas schiefging. Jakes Theorie hatte sich gut angehört; die Praxis sah aber ganz anders aus. Das, was er gerade durchmachte, fühlte und erlebte, war der Inbegriff von Horror. Er hatte das Gefühl, als würde sich das Gitter unter seinen Füßen bewegen, obwohl er wußte, daß es nur Einbildung war. Der Wind, der eigentlich kaum nennenswert war, zerrte an ihm und vermittelte ihm das Gefühl, den Halt zu verlieren. Bei jeder Bewegung spürte er ein Zittern in den Knien, das jeden Schritt zur Tortur werden ließ. Er schaffte es nicht! Er schaffte es jetzt weder vorwärts noch rückwärts, und wahrscheinlich mußten sie jetzt auch noch eine Rettungsaktion für ihn einleiten. Oh, wenn doch nur GB in der Nähe wäre! Mit Hilfe des Ghostbuggies wäre alles viel einfacher gewesen! Er spürte, wie er sich verkrampfte. Vielleicht hätte es aber auch schon geholfen, wenn er Jake hätte begreiflich machen können, was er gerade durchmachte. Statt dessen stand er jetzt wie an die Hauswand geklebt, unzählige Meter über dem Erdboden, auf einem wackligen Konstrukt und konnte sich vor Angst nicht rühren. Er schloß decouragiert die Augen. Was für ein Meilenstein in seiner Karriere als Ghostbuster! Das würde noch Jahre später in ihrem Freundeskreis für Erheiterung sorgen…
      „Ja, sehr gut, Eddy!“ munterte Jake ihn auf, als er es wagte, sich ein Stück weiterzuschieben. Mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete der brünette Mann sich weiter vor und wagte kaum, die Augen zu öffnen. „Prima! Gleich bist du bei mir!“ ermunterte Jake ihn.
      Er schob sich noch zwei Schritte weiter, dann griff er zitternd Jakes Hand, die ihm der smarte Blondschopf beruhigend entgegenstreckte. Ein wunderbares Gefühl latenter Sicherheit durchströmte seinen Körper.
      „Na siehst du, das war doch gar nicht so schwer!“ Der Teamführer hatte noch gar nicht ganz ausgesprochen, als sich ein kreischendes Geräusch in seine letzten Worte mischte.
      „Jake, das Gitter bewegt sich!“ rief Eddy panisch.
      „Komm, Eddy, es sind nur noch ein paar wenige Schritte!“ rief Jake, nun selbst ein wenig aufgeschreckt.
      Eddy stockte geschockt der Atem. Er kannte seinen Partner. Auch wenn Jake ruhig und abgeklärt gesprochen hatte, merkte er, daß auch er verunsichert war. Er machte einen weiteren Schritt auf seinen Kameraden zu, als die erste Verankerung brach. Das Gitter sackte jäh unter den Füßen des korpulenten Geisterjägers weg und legte sich in Schräglage. Ein gellender Aufschrei durchschnitt den Abend. „Jake…!“
      Der sonst so unerschrockene Teamleiter spürte, wie ihm der Grund unter den Füßen wegging. Geistesgegenwärtig faßte er fester zu. „Ganz ruhig, Eddy! Keine Panik! – Tracy!“ Wenn das keine Panik war, die bei dem letzten Ruf in Jakes Stimme durchgeschlagen hatte, mußten Definitionen überarbeitet werden!
      „Jake, ich schaffe das nicht!“ rief Eddy verzweifelt.
      „Doch, natürlich schaffst du es!“ gab Jake verbissen zurück. „Bleib ganz ruhig! Nicht zu viel bewegen! Und jetzt zieh dich langsam hoch! Sachte…“
      Eddy biß die Zähne zusammen und versuchte, Jakes andere Hand zu fassen zu bekommen. Als er sich aber nur etwas auf dem Gitter abstützte, war es bereits zu viel; das Konstrukt bog sich unter ihm weg und verschärfte den Winkel noch einmal, so daß er sich kaum noch halten konnte, und mittlerweile entstand zwischen dem Gitter und dem Fenster eine Kluft, die ihn noch mehr von seinem Partner entfernte. Panisch suchte der Ghostbuster in dem Fliegermantel nach Halt, doch als er mit dem Fuß die einzige Möglichkeit auf dem Geländer fand, um sich abzustützen, drohte sich die Kluft sofort zu erweitern, so daß er zitternd in dieser Position zwischen trügerischem Halt und freiem Fall verharrte. „Jake…“ Seine Stimme rutschte in ein dünnes Jammern ab, und seine Augen füllten sich mit aus der Angst geborenen Tränen.
      Der sportliche Blonde griff noch einmal fester nach, um seinen Partner zu halten. „Halt durch, Eddy. Wir kriegen das hin! – Tracy!“
      Jakes Stimme überschlug sich. Das war etwas, was Eddy noch nie erlebt hatte – und jetzt wußte er, daß alle Hoffnung vergebens war. Jetzt wußte er, daß sein Partner ihn nicht würde halten können. Er konnte ein angstvolles Aufschluchzen nicht vermeiden, obwohl das Kreischen des Metalls ihm sagte, daß selbst diese Bewegung schon zu viel war.
      Jake griff noch einmal nach, als er spürte, wie ihm Eddys Hände mehr und mehr entglitten. Der Teamführer biß verzweifelt die Zähne zusammen. „Diese verdammten Handschuhe…“ In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Er durfte Eddy nicht loslassen, um keinen Preis! Sobald er das tat, war sein Partner hoffnungslos verloren! Wenn er aber nicht nachgreifen konnte, würde er seinen besten Freund schon bald verlieren, denn durch die Handschuhe konnte er die Hände seines Partners nicht in einen festen Griff bekommen, und der brünette Ghostbuster rutschte immer weiter ab. Es würde nicht mehr lange dauern, bis ihm Eddys Hände vollends entglitten, und er konnte nichts dagegen tun. Jake überlegte fieberhaft. Er mußte nachgreifen, und zwar bald, bevor es zu spät war; aber er traute sich nicht, aus der Angst heraus, in dem Moment Eddys Schicksal zu besiegeln.
      „Jake, wir schaffen es nicht…“ keuchte Eddy. In seinen Augen lag eine erdrückende Mischung aus Panik und Resignation, so als kämpften in ihm die Verzweiflung, am Leben bleiben zu wollen, und das sich langsam einschleichende Bewußtsein, daß es in wenigen Augenblicken vorbei sein würde.
      „Doch! Und ob wir…“ begann Jake strikt. Der Rest seines trotzig ausgestoßenen Satzes ging in erneutem metallischem Kreischen unter, als sich die zweite Verankerung aus der Wand löste. Welcher Aufschrei lauter gewesen war, der von Eddy, oder von Jake, konnte nachher keiner der beiden Männer mehr sagen. „Nein, nein, nein, nein, nein…“ Jake wiederholte das kleine Wort monoton wie ein Mantra, als könne er allein mit Willenskraft dem Schicksal entgegenwirken, und spürte in dem Moment, wie das Gitterrost sich noch weiter nach unten neigte, und ihm Eddys Hände wegglitten. Verbissen versuchte er, fester zuzugreifen, um dem schlüpfrigen Effekt der Handschuhe entgegenzuwirken. Er hatte keine Kraft mehr zum Schreien. Wo war Tracy nur?
      Während sie in dieser ausweglosen Position verharrten, trafen sich ihre Blicke. Als Jake in Eddys panischen Blick schaute, wußte er, daß er seinen Kameraden nicht länger würde halten können. Die Erkenntnis traf ihn wie ein lähmender Schlag, und er spürte, wie Tränen seinen Blick verklärten – etwas, das er nun gerade gar nicht gebrauchen konnte. Als es ihm gelang, sich die Sicht wieder freizublinzeln, hatte sich etwas in dem Ausdruck in den Augen seines Freundes geändert. Jake hatte noch nie zuvor so einen Blick gesehen. Es war, wie ein stiller Abschied, der ihm böse unter die Haut ging. Langsam registrierte der brünette Ghostbuster, daß es für ihn keine Rettung mehr gab. Langsam wandelte sich die Angst in hoffnungslose Lethargie. Und langsam spürte Jake, wie seinem Partner sämtliche Kräfte schwanden. „Ich lasse das nicht zu!“ Das war das letzte, was Jake hervorbrachte, als Eddys Hände abrutschten.
      Ein bitteres Schluchzen entrang sich der Kehle des Teamführers, während er das Bild vor sich unklar durch einen Tränenschleier wahrnahm – ein oranger Schemen, der vor seinen Augen verschwamm, die letzten Erinnerungen an seinen Partner, seinen besten Freund. In dem Moment, wo seine Hände frei waren, schlug er sie vors Gesicht und spürte heiße Tränen, die sich in seine Wangen schnitten.
      In dem Augenblick, als Jake dachte, alles sei vorbei, schoß plötzlich ein brauner Schatten an der Hauswand herab, und genau in dem Moment, als Jake loslassen mußte, packte eine Hand fest zu. Tracy hatte sich vom Dach aus über ihnen bis auf ihre Ebene heruntergehangelt und ihren dem sicheren Untergang geweihten Kameraden in einen festen Griff genommen.
      Geschockt schnappte der Ghostbuster in dem Safarianzug nach Luft. Allmählich klärte sich seine Sicht wieder, bis er erfassen konnte, was gerade passiert war. Tracy hatte geschafft, was er nicht gekonnt hatte: Er hatte Eddy gerettet! Als Jake den Spagat des Gorillas sah, den er dafür hinlegte, wurde ihm ganz anders. Mit zwei Händen hielt er sich am Fensterrahmen fest, mit einer dritten hatte er Eddy gepackt und mit der vierten griff er nun nach, um seinen Kameraden in die Sicherheit zu ziehen. Die Kraft des Gorillas war unglaublich, und dennoch waren sich alle sicher, daß sie auch bei Tracy zum größten Teil durch Panik gespeist wurde.
      Gemeinsam gelang es ihnen nun, Eddy zu sich nach oben zu ziehen. Kaum hatte der kraftlose Ghostbuster sich um den Rand der Fensterbank geklammert, gab das Trittrost der Feuerleiter ganz nach, und das Gitter, das Minuten zuvor noch sicheren Halt versprochen hatte, fiel mit metallisch klirrenden Geräuschen dem Boden entgegen. Mit vereinten Kräften hievten Jake und Tracy ihren Freund hoch. Jake und Eddy setzten ihre letzten Reserven ein, die sie mobilisieren konnten. Später wußte keiner mehr, woher sie noch die Kraft dafür genommen hatten. Tracy schob noch einmal kräftig nach, um Eddy über den Fenstersims in das Innere des Gebäudes zu befördern und schwang sich schnell hinterher, so daß alle drei Jungs binnen kürzester Frist keuchend und mit sich und der Welt am Ende auf dem Boden lagen.
      Eddy klammerte sich noch immer zitternd und schwer atmend in Tracys Fell. „Ich werde nie wieder auf eine Feuerleiter gehen, nie wieder, das schwöre ich bei allem, was mir heilig ist!“
      Tracy atmete durch und stemmte sich ein Stück in die Höhe, bevor er Eddy erleichtert, beruhigend und kameradschaftlich in die Arme nahm. Langsam fing sich der dem Tode geweihte Ghostbuster wieder. Tracy nahm es beruhigt zur Kenntnis. Dann fiel sein Blick auf Jake, der sich nur ein Stück von ihnen entfernt zusammengekrümmt hatte und vor sich hinschluchzte.
      Eddy sah auf. „Jake…?“
      Der junge Mann reagierte nicht. Er hatte das Gesicht in den Händen vergraben, zitterte, schluchzte und nahm seine Umwelt gar nicht mehr wahr.
      Eddy rutschte den kurzen Abstand näher und zog seinen Partner in eine beruhigende Umarmung.
      Kaum daß Jake dieses Signal spürte, klammerte er sich zitternd an Eddy fest. „Es tut mir leid. Es tut mir leid…“ Die Stimme brach ihm weg. „Ich hätte dich nie dazu drängen dürfen, etwas zu tun, was du nicht willst. Das ist die Quittung dafür. Es tut mir leid. Ich werde das nie wieder tun! Nur laß mich nicht allein!“
      Eddy wußte kaum, was er darauf sagen sollte. „Es ist nicht deine Schuld…“ brachte er nur ruhig hervor und schloß die Arme fester um Jake, der sich noch immer zitternd und schluchzend wie ein kleines Kind in dem sicheren Halt an seiner Schulter vergrub.

„Ich sehe noch immer das Bild vor mir, wie sich Jake an Eddy klammerte und nicht mehr als ein zitterndes Häufchen Elend war. Ich bedaure sehr, daß ich nicht früher zur Stelle war, um uns allen eine Menge Angst und Leid zu ersparen. Ich kann bis heute nicht beurteilen, wer von den beiden mehr Angst gehabt hat in dieser Situation – Eddy, weil er dem Tod praktisch schon ins Auge gesehen hat, oder Jake, in der Befürchtung, seinen besten Freund zu verlieren. Wie auch immer, ich hatte damit gerechnet, daß Eddy zusammenbrechen würde, nach dem, was er durchgemacht hatte, und daß Jake, den wir alle immer als starken Teamführer kannten, auch in dieser Situation, nachdem alles gut ausgegangen war, die Ruhe behalten würde. Daß es diesmal genau umgekehrt sein würde, hätte ich nicht erwartet, und es erschütterte mich zutiefst.
      Ich habe Jake noch nie zuvor so gesehen. Zum ersten Mal sah ich diesen starken Menschen in sich zusammenbrechen wie ein Kartenhaus. Es konnte einem noch Angst machen, obwohl die Situation bereits ausgestanden war. Und doch bewies es uns nur, was wir eigentlich schon wußten: Wieviel Eddy, sein bester Freund seit Kindertagen, ihm bedeutete. Es zeugt von einer Form von Liebe, die ebenso selten wie wertvoll ist, – die Art von Liebe, die rein, ohne Hintergedanken, und einfach ehrlich ist, so wie man sie vorbehaltlos nur in einer bedingungslosen Freundschaft finden konnte. Es ist eine Form von Liebe, die wir alle in unserem Team füreinander empfinden, und die nicht in Worte gefaßt werden muß, weil die tiefe Verbundenheit einfach präsent ist. Nie hat einer von uns die Worte ‚Ich liebe dich‘ gegenüber einem Teammitglied formuliert. An diesem Tag tat Jake es auf seine ganz eigene Weise.
      Wie lange wird dort auf dem Boden gesessen haben, weiß ich nicht mehr. Es dauerte lange, bis Jake sich einigermaßen wieder gefangen hatte, und ich bewundere Eddy, daß er es, obwohl er selbst es war, der knapp dem Tode entronnen war, schaffte, bedingungslos für ihn da zu sein. Aber vielleicht tat es ihm in dem Moment auch gut. Auf diese Weise war er gezwungen, sich von seinen eigenen Gedanken abzulenken.
      Den Geist haben wir an dem Tag übrigens nicht gefangen. Weder mit Jake, noch mit Eddy war an dem Tag noch groß etwas anzufangen, und wenn ich ehrlich bin, so ging es mir nicht besser. Es passierte selten, aber an dem Tag haben wir den Auftrag abgebrochen. Erst drei Wochen später schafften wir es, den Geist durch eine List in eine Falle zu locken, und das Haus von ihm zu befreien. Aber das ist eine andere Geschichte.“

      Die Feder vollführte auf dem Papier den letzten Schwung. Der Autor des Textes schaute noch einmal prüfend auf sein Schriftwerk und nickte leicht. Es hatte gut getan, sich diese Situation noch einmal von der Seele zu schreiben.
      Zufrieden legte er die Feder, sowie seine Brille neben das Buch, lehnte sich in seinem gemütlichen Sessel zurück und nahm einen Schluck aus der feinen Teetasse, die neben ihm auf einem Tisch stand und ein leichtes Bananenaroma verströmte, während er andächtig in die Flammen des Kamins sah.



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Anm. d. Aut.: Bezüge zu »So nah und doch so fern…«


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