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home sweet home

von -SH
KurzgeschichteDrama / P12
Jesse Pinkman Walter White
04.07.2014
04.07.2014
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04.07.2014 1.357
 
AN: Nach mehr als einem halben Jahr habe ich das Staffelfinale immer noch nicht verarbeitet. Vielleicht geht es jemandem ja genauso und wir gründen eine Hilfegruppe. ;)
Hier ein kleiner OS zum besagten Finale. Viel Spaß!

Beta: Satansbratn. ll Herzlichen Dank für die wundervolle Arbeit!

PS: Wir befinden uns in der Endszene, also vor Jacks Unterschlupf.




# # #






home sweet home




»Ever since I met you, everything I ever cared about is gone.«

- Jesse





Walter gab sich Mühe nicht vor Schmerzen aufzustöhnen. Er spürte das fast schon heiße Blut aus seiner Wunde sickern. Im Vergleich zu seinem kalten Körper brannte es beinahe, war aber das Einzige, was ihn aufmerksam und bei Sinnen bleiben ließ. Noch, zumindest.

Er blinzelte, merkte, dass sich die Welt um ihn herum zu drehen begann. Er musste sich ablenken, sich neben dem Blut auf etwas Anderes fokussieren.

Jesse.

Jesse schoss nicht. Walter wusste nicht, was er darüber denken sollte. Es wunderte den ehemaligen Chemielehrer. Jesse hätte etliche Gründe ihn tot sehen zu wollen. Er hätte Gefallen daran gefunden.
Die Tatsache, dass Walter so rational über seinen Tod dachte, schob er auf den Blutverlust. Die Resignation, die Angst, das Wissen über das Ende schob er gleich mit in die hinterste Ecke seiner Gedanken.

Sie standen sich also gegenüber. Sein Kochpartner – oder mittlerweile eher sein ehemaliger Kochpartner – und er. Jesse atmete hektisch, sah ihn durch rötliche Augen wütend und prüfend an. Angst und Wut – zwei Emotionen, die Jesse mehr als gut widerspiegelten. Schon immer.

»Wir waren ein gutes Team.«

Walter brauchte einige Sekunden, um zu realisieren, dass er es war, der das gesagt hatte. Es war nur ein flüchtiger Gedanke, nicht wert ihn auszusprechen und fehl am Platz. Sein Mund hatte es dennoch gesagt. Augenblicklich fühlte sich Walt' von seinem Körper betrogen. Nicht zum ersten Mal.

Jesse sagte nichts. Zum erstem Mal fiel es dem ehemaligen Lehrer schwer ihn einzuschätzen. Eines stand fest: Vor ihm stand nicht mehr der junge Pinkman, der alles auf die leichte Schulter nahm und versuchte, lässig und cool zu agieren. Auch nicht der Pinkman, der breit grinsend auf ihn zu kam, ihm – gerade ihm – ein Highfive geben wollte und überhaupt nichts mit Wissenschaft anfangen konnte. Kein 'Yo, Wissenschaft und so'n Zeug, Mr. White' mehr.

Walter musste unwillkürlich lächeln. Sein Gegenüber verengte verwirrt die Augen. Auch Jesse konnte ihn nicht einschätzen. Schon lange nicht mehr. Das gefiel ihm. Gleichzeitig hasste er es.

»Weißt du noch, wie dein Van nach dem Kochen mitten in der Wüste den Geist aufgegeben hat und wir dachten, dass das unser Ende sei?« Während des Sprechens sah er Jesse nicht an, schwelgte in der Erinnerung und nickte immerzu mit dem Kopf, wenn ihm weitere Details einfielen. Es war ein heißer Tag gewesen, sein Schweiß hatte Fliegen angelockt, sein Magen hatte sich vor Angst zusammengezogen. Seine Lunge hatte vor Schmerz gebrannt und er hatte Blut gespuckt. Da war er sich seinem Schicksal zum ersten Mal richtig bewusst geworden.
Es kam ihm vor, als wäre es etliche Jahrzehnte her. An diesem Punkt hatten sie eine Lawine ins Rollen gebracht.

Jesse reagierte nicht auf seine Aussage. Der konfuse Ausdruck in seinem Gesicht war noch immer da, vermischt mit Ärger und Hochspannung.

»...Und weißt du noch wie wir versucht haben diese verfluchte Fliege im Superlabor zu fangen? Ich schwöre dir, das Vieh war schlauer als wir beide zusammen.« Er schnaubte lachend, ignorierte den zischenden Schmerz in seiner Seite.

Jesse lächelte. Nur für eine winzige Sekunde. Dann gefror sein Lächeln so schnell es gekommen war. Walter konnte es nicht interpretieren. Lachte er über die Erinnerung? Über das Hier und Jetzt? Lachte er ihn aus?

Nur einen Sekundenbruchteil später wurde Jesses Gesicht ein Bild aus purem Hass und Härte. Das und das Blut und die Haare in seinem Gesicht ließen ihn älter wirken, als er wirklich war.

»Und weißt du noch wie du meine Freundin hast sterben lassen – die einzige Frau, die mir wirklich etwas bedeutet hat – und danach einen kleinen Jungen vergiftet hast?«, sagte er verächtlich. »Wie ich wegen dir mein Leben ständig in Gefahr gebracht und letztlich getötet habe? Wie du mich töten lassen wolltest und ich dann das Chrystal Meth kochen musste

Früher hätte Walter seine Hände abwehrend vor den Körper gehalten und versucht ruhig auf Jesse einzureden. Er hätte etwas wie 'Nein, hör mir zu, mein Junge, so war das nicht' gesagt und den verantwortungsvollen Lehrerblick aufgesetzt.

Diesmal schwieg er.

Seine Sätze stimmten Walter traurig. Das war nicht gerade das, was man kurz vorm Sterben hören wollte. Aber er konnte es Jesse nicht verübeln.

»Ein Haufen von Menschen werden froh über meinen Tod sein«, gestand er sich laut ein.

»Oh, ja.«

Der Blick seines ehemaligen Schülers sagte mehr, als Worte es hätten tun können. Walter fiel es schwer seine Maske aufrecht zu erhalten, deshalb ließ er es sein und verzog schmerzerfüllt sein Gesicht. Schuld daran war nicht bloß die Schusswunde.

Walter wollte nicht mit seinem Leben abschließen. Das wollte er weder als er die Diagnose bekam, noch als alles den Bach herunterfiel.
Er zwang sich ein Lächeln aufzusetzen. »Auf Wiedersehen, Jesse«, sagte er mit rauer Stimme, ignorierte die Tatsache, dass es kein Wiedersehen geben würde. Er wollte weg von ihm. Er wollte nicht, dass er ihn so sah. Dass er seine letzten Minuten mitbekam. Er wollte sich nicht vor ihm dem Ende ihrer Ära stellen. Jesse hatte es schon getan. Er war kurz davor, wenn auch auf eine andere Weise.

Pinkman öffnete kurz seinen Mund, sah auf Walters Bauch, schüttelte dann mit dem Kopf und schwieg. Das Rot in seinen Augen nahm zu.
Die Stille zwischen ihnen war drückend, umhüllte sie wie giftiger Samt und trotzdem störte es Walter White nicht. Er fragte sich, ob Jesse ihm noch etwas sagen würde, aber demnach sah es nicht aus.

Kurz blickte der Chemielehrer auf den Boden, schmeckte bittere Galle auf seiner Zunge. Dann sah er hoch, seine Augen bohrten sich gnadenlos in die seines Gegenübers. Das hier war sein Ende. Er war froh, dass er Jesse noch gesehen hatte. Aber das würde er ihm nicht sagen.

Walter schluckte einen Kloß in seinem Hals hinunter. Dann nickte er Jesse zu.

Und Jesse nickte nach einem kurzen Zögern zurück.

Dieser Akt trieb Walter Tränen in die Augen. Damit Jesse es nicht sah, drehte er sich um. Augenblicklich hörte er ihn gehen. Beinahe hätte er wieder nach ihm gerufen. Geh nicht, Jesse. Bitte.

Walter schwieg, ballte seine Hände zu Fäusten. Nicht aus Wut. Aus Verzweiflung. Aus Schmerz.

Ein Motor heute auf, Kies kreischte unter den Autoreifen. Er war also wirklich fort.

Plötzlich vermisste Walter Skyler, Flynn und Holly fürchterlich. Er vermisste sein Haus, die Wärme. Er vermisste sogar das viele Gerede von Marie und er vermisste Hank. Die Sehnsucht schmerzte weit aus stärker als die offene Wunde in seinem Bauch.

Dann fiel ihm ein, dass sie alle womöglich froh waren, wenn er endlich fort war. Was hieß hier 'womöglich'? Ganz sicher. Sie verstanden ihn noch immer nicht. Sie verstanden nicht, dass er das alles für sie getan hatte. Ohne das Geld wäre –

Walter hustete und drehte seinen Kopf von rechts nach links. Er wollte nicht an das 'was wäre, wenn' denken. Dafür war es ganz offensichtlich zu spät. Zumal er nicht an die Möglichkeit denken wollte, dass es doch ganz anders hätte ausgehen können, wenn er nicht dermaßen eigenwillig gehandelt hätte.

Jesse war weg. Es gab nichts, worauf er sich noch fokussieren könnte. Somit ging er an den einzigen Ort, an dem er sich wirklich lebendig gefühlt hatte. An den Ort, für den er geschaffen worden war. Zur Hölle mit den Konsequenzen, dachte er für einen Moment. Schlimmer konnte es nicht kommen.
Bei Gott, er würde sich hier nach sehnen. Das Kochen, die perfekte Ware, der Meister in einer Sache sein, die kaum jemand beherrschte. Ihm würde die Angst und gleichzeitig die Abhängigkeit der Dealer und Konsumenten fehlen.

In gewisser Weise war Walter White die Person, die am meisten süchtig war. Er brauchte das Kochen mehr als jeder andere.


Der ehemalige Lehrer konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Schluss, aus, Ende.

Heisenberg fiel.


Eines stand fest: Albuquerque würde ihn nicht vermissen.


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