Auf´s Dach gestiegen

von Melissi
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Sci-Fi / P12
03.07.2014
03.07.2014
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Dieser kleine One-Shot ist für den wundervollen Wettbewerb Auf´s Dach gestiegen von der lieben Witness.

Disclaimer: Die Welt Panem gehört einzig und allein der reizenden Suzanne Collins. Die Personen und der Inhalt der Geschichte sind aber meiner Feder entsprungen.


»Komm, ich zeige dir einen Ort, wo wir ganz ungestört sein können«, sagtest du und führtest mich den Gang entlang, hin zu einer unbedeutenden Tür, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte. Immer wieder ging ein Geräusch von ihr aus, welches sich anhörte, wie ein kräftiger Schlag gegen Beton. »Was ist hinter dieser Tür?« , fragte ich und starrte auf den Knauf, hoffte darauf, dass du die Tür endlich öffnest.
   »Hinter dieser Tür liegt ganz Panem.« Und mit diesen Worten öffnetest du die Tür.
   Der Wind, der uns entgegenkam, wehte meine Haare nach hinten und der Stoff meines kurzen Kleides schlängelte sich um meine Beine. Es war, als hätten wir eine neue Welt betreten. Eine Welt, die mir zuvor unbekannt war. Du griffst nach meiner Hand und stiegst mit mir über die Schwelle. Wir befanden uns auf dem Dach. »Eine der wenigen Sachen, an denen sich die Tribute aus Distrikt 12 erfreuen können. Das Apartment unseres Distrikts liegt ganz oben und nur die Tribute aus 12 können den Ausblick vom Dach genießen. Von hier aus sieht man ganz Panem«, erklärtest du.
   Meine Augen wanderten über die Landschaft, über die grellen Lichter des Kapitols hinweg. Und du hattest recht. Weit hinten konnte ich selbst die kleinen Berge von 12 erkennen. »Es ist wunderschön«, hauchte ich. Du nicktest und das erste Mal sah ich dich lächeln. Ich wollte diesen Moment anhalten, um für immer dein glückliches Gesicht sehen zu können.
   »Wie kommt es, dass sie uns hier hinauf lassen? Man könnte doch auf die Idee kommen, hinunter zu springen«, fragte ich und dein Lächeln verschwand. »Es geht nicht«, meintest du. »Das Dach ist von einem Kraftfeld umgeben. Wenn man es berührt, bekommt man einen leichten Stromschlag.«
   »Wie umsichtig von ihnen«, höhnte ich und dein Lächeln kehrte zurück, kleine Grübchen umspielten deine Wangen.
   »Wenn es ginge, würde ich springen«, sagtest du, immer noch fröhlich.
   »Ich auch«, stimmte ich dir zu und du drücktest meine Hand, welche immer noch in der Deinen lag, ein wenig fester. »Wenn ich könnte, würde ich diesen Moment für immer festhalten«, flüsterte ich und betrachtete die Spitzen der Berge unseres Distrikts.
   »Für immer scheint für uns zwei nicht mehr all zu lange zu sein., rauntest du, doch du hattest Recht, weshalb ich dir nicht böse sein konnte.
   Lange war es still und man konnte nur das Pfeifen des Windes zwischen den hohen Gebäuden und das Geräusch von Glöckchen hören. »Was ist das für ein Klingeln?«, hakte ich nach und sah mich um. »Am anderen Ende des Daches ist ein kleiner Garten mit vielen Glockenspielen. Möchtest du ihn sehen?«, fragtest du, doch ich schüttelte den Kopf. »Ich könnte mir keinen schöneren Ort als diesen hier vorstellen«, hauchte ich und lehnte meinen Kopf gegen deine Schulter.
   »Meinst du sie denken gerade an uns?«, fragte ich und deine Gegenfrage war: »Wen meinst du, unsere Stylisten?« Neckisch boxte ich dir in die Rippen.
   »Ich meine natürlich unsere Familien.«
   »Jetzt, in diesem Moment vielleicht nicht, aber in zwei Tagen in der Arena, ganz sicher.«
   Du hattest Recht. Zumindest hoffte ich dies. »Glaubst du, sie werden auch noch nach unserem Tod an uns denken? Wenn wir in eine Holzkiste gelegt zu ihnen geschickt und dann verbuddelt werden?«
   Entgeistert starrtest du mich an. »Warum machst du dir über so etwas Gedanken?«, haktest du nach, ich senkte meinen Blick. »Ich habe einfach Angst, dass sie mich vergessen«, krächzte ich, denn mir waren die Tränen gekommen. Ich spürte jede einzelne Träne über meine Wange laufen, machte mir jedoch nicht die Mühe diese zu trocknen. Du hobst sachte mein Kinn an, um mir in die Augen blicken zu können. Du nahmst mich vorsichtig in den Arm und ich spürte deinen warmen Atem auf meiner Haut. Wie gelähmt lag ich in deinen Armen, schluchzte und verlor irgendwann Kraft, um zu weinen. Deine Umarmung lieferte mir Schutz und ich wusste, wenn ich jetzt zusammenbräche, wäre ich nicht alleine.
   »Ich möchte dich nie wieder loslassen«, wisperte ich, als ich meinen Kopf auf deiner Schulter ablegte. »Das musst du nicht«, flüstertest du genauso leise und ruhig, wie ich. Und ich ließ dich wirklich für eine lange Zeit nicht mehr los. Ich merkte es am Untergehen der Sonne und meinen trockenen Wangen.
   Mir kamen es vor, wie ein paar schöne Sekunden, doch als ich unsere Umarmung letztendlich löste, merkte ich, dass selbst meine rechte Hand eingeschlafen war. Du strichst mir eine meiner kurzen Strähnen aus dem Gesicht und streicheltest meine Wange. »Ich möchte nicht, dass du weinst. Deine letzten Stunden sollten voller Glück, Freude und … Liebe sein.« Daraufhin nahmst du mein Gesicht in deine Hände, zogst mich zu dir hoch und drücktest deine Lippen ganz fest auf die Meinen. Ich schloss die Augen, denn ich wollte nichts sehen. Ich wollte nur fühlen, und zwar das schönste Gefühl auf der Welt. Wenigstens einmal.
   Als du den Kuss löstest, rang ich nach Luft. Es war schön deine warmen Lippen auf meinen Eiskalten gespürt zu haben. Ich ergriff deine Hand und wir verschränkten unsere Finger miteinander.
   Vom Dach aus konnte man eine riesige Leinwand sehen, auf den wir Tribute aufgelistet waren. Dazu die jeweiligen Punkte, die wir im Einzeltraining errungen hatten. Die Anzahl des vom jeweiligen Tributs getöteten Mitspieler waren daneben zu sehen. »Glaubst du, dass du jemanden töten wirst?«, fragte ich leise. »Ja, mich«, lautete deine Antwort darauf, was dazu führte, dass mein Mund ganz trocken wurde. Ich schaute auf meinen Kill-Counter, als das Bild plötzlich schwarz wurde, alle Lichter im sonst so hell erstrahltem Kapitol erloschen.
   »Stromausfall …«, murmeltest du und riefst dann voller Euphorie: »Stromausfall!«
   Fragend schaute ich dich an, doch du drücktest meine Hand ein wenig fester und zogst mich hinter dir her. Wir gingen zur Reling, stiegen so gut es ging hinauf und ließen und vorne über kippen.
   Wir, du und ich, sind gesprungen.
   Wir sind gefallen.
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