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Yiriki

von Anthea
KurzgeschichteFantasy / P12 / Gen
02.07.2014
02.07.2014
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Die kalte Winterluft flimmerte für einige wenige Augenblicke, ehe sie wieder klar wurde. Doch nun standen zwei Personen auf dem eben noch leeren Platz vor den von Firuns Atem mit glitzerndem Reif überzogenen Koppelzäunen. Nur langsam und - wie es den Anschein hatte - widerwillig löste sich der große, dunkle Fey von der kleineren, zierlichen Halbelfe, die er im Arm gehalten hatte. Viele Herzschläge lang verharrte er so vor ihr, die Hände auf ihre Schultern gelegt. Unzählige kleine Dampfwölkchen hatte ihrer beider Atem bereits zum Himmel geschickt, an dem das Madamal hell leuchtete, ehe er nur ein einziges Wort sprach:“Nurd’dhao.“ Ein flüchtiges, aber sanftes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie sich ein wenig reckte und ihn zum Abschied küsste. Die sachte Berührung ihrer Lippen auf den seinen dauerte nur wenige Herzschläge, dennoch war dies ein Augenblick, der für die Ewigkeit hätte währen können. Schließlich löste sie sich vorsichtig von ihm und trat einen Schritt zurück. Eine einzelne Träne lief über ihre Wange in einer glitzernden Spur. In einer fließenden Bewegung hob er die Hand und fing die salzige Perle mit der Fingerspitze auf. Ein wehmütiger Ausdruck trat auf sein Gesicht, als er die Träne an seine Lippen hob. Dann ließ er die Arme sinken und löste sich nun endgültig von ihr. Seine Arme hingen beinahe kraftlos an seinen Seiten. Leises Murmeln seiner Stimme drang durch die Nacht, dabei begann die Luft um die beiden herum erneut zu flimmern, wobei sein Bild unscharf wurde, beinahe durchscheinend anmutete, bis er schließlich verschwand.
Lange Augenblicke stand sie noch an eben dieser Stelle, den Blick ins Leere gerichtet, so als wollte sie ihm nachblicken. Völlig reglos verharrte sie, bis sie sich mit einem tiefen Atemzug aus der Starre löste und mit raschen Schritten auf ein Haus zuging. Dieses Haus war niedrig und langgestreckt, welches sie nun umrundete um es durch eine einfach gearbeitete Holztüre an der Rückseite zu betreten.
Yiriki schloß von innen die Türe und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. So blieb sie lange stehen und blickte in das fast heruntergebrannte Feuer, dessen schwacher Schein das Zimmer nur wenig erhellte. Sie aber brauchte kein helles Licht um diesen Raum genau zu kennen. Der Kamin war an der der Tür gegenüberliegenden Wand. An dieser Wand befanden sich auch einige Regale, auf denen Kochtöpfe, Geschirr und getrocknete Kräuter in kleinen Tonvasen standen. An der rechten Wand war ein Fenster und darunter stand eine große Truhe aus Eichenholz, in der Yiriki ihre Wäsche aufbewahrte, die sie aber auch als Bank zum Sitzen benutzte. An der linken Wand war ihr einfaches Bett; das weiße, saubere Leinen der Bettwäsche leuchtete sanft im Feuerschein. Genau die Mitte des Raumes nahm ein großer Tisch, ebenfalls aus Eichenholz, und vier passende Stühle ein. All das nahm Yiriki aber nicht wahr, als sie so an der Türe gelehnt dastand und ins Feuer starrte. Immer und immer wieder formten ihre Lippen lautlos Worte, so als müsse sie sich immer neu bestätigen: “Er hat es gesagt...mit Worten, nicht nur mit Blicken...er hat es ausgesprochen...“
Wie lange sie so dagestanden hatte, wusste sie nicht zu sagen, aber die Nacht hatte ihre Mitte schon lange überschritten. Endlich bewegte sich die junge Talarfey von der Türe weg. Wie in einem Traum durchquerte sie den Raum, legte mit gewohnten Bewegungen Holz im Kamin nach und ging dann schließlich hinüber zu ihrem Bett. Achtlos ließ sie dort ihr Gewand auf einen Stuhl fallen und legte sich mit einem leisen Seufzen hin, um wenigstens für wenige Stunden Schlaf zu finden. Sie schlief aber nicht sofort ein...wieder musste sie an ihn denken, an seine Worte, an seine Blicke und an seine Umarmung.
Sanft glitt sie so in den Schlaf, doch wurde sie alsbald von einer zärtlichen Berührung geweckt. Ihre Wange wurde sacht mit einem Finger gestreichelt. Als Yiriki langsam iher Augen öffnete, blickte sie in die seinen, die sie zärtlich und unendlich traurig zugleich anblickten. Beinahe erschrocken fuhr sie auf...“Bekiyaki...was ist geschehen? Warum bist Du hier?“ Ihre Stimme zitterte aus Angst vor der Antwort, die er ihr nun gab: „Ich gehe...ich gehe in die Nebel. Weine nicht, meine Eisblume, meine pferdeflüsternde talarfey...ich liebe Dich Yirikiiama...Nurd’dhao.“ Sie hatte Mühe die nur geflüsterten Worte zu verstehen, und nun wurde auch seine Berührung immer schwächer, seine Gestalt durchscheinender, bis er schließlich ganz verschwunden war. Viele Herzschläge lang saß sie regungslos, während die Erkenntnis langsam in ihr Bewußtsein drang. Ein gequältes „Geh nicht!“ entrang sich ihrer Kehle, ehe von Schluchzen begleitet unaufhaltsam die Tränen über ihre Wangen flossen. Bittere Tränen ergossen sich wie Sturzbäche über ihr heißes Gesicht. Verzweifelt schlug sie die Hände vor das Gesicht; am ganzen Körper zitternd rollte sie sich zusammen, machte sich ganz klein. Sie konnte es nicht fassen, dass er gegangen war, sie ihn niemals wiedersehen durfte in ihrem Leben, ihn nicht mehr berühren. Yiriki hatte das Gefühl ihr Herz müsse bersten vor lauter Schmerz. Sie konnte nicht denken und wollte es auch nicht. Sie wollte nur aufwachen aus diesem schrecklichen Traum, aber sie war wach – es war geschehen. Ihr war so elend zumute, dass sie sich lange Zeit nicht bewegen konnte. Selbst als die Praiosscheibe leuchtend hell am Himmel aufstieg blieb sie noch lange reglos liegen.
Aber langsam, ganz langsam kehrten die Gedanken zurück, sie dachte an ihre Pferde. Sie durfte die beiden nicht vernachlässigen, die Tiere traf keine Schuld, niemanden traf Schuld – er war aus freiem Willen gegangen. Mit einem tiefen Seufzen schlug sie die Decke zurück und schwang die Beine aus dem Bett. Fahrig wischte sie sich die Tränen vom Gesicht. Sie zwang ihre Gedanken sich nur auf die unmittelbar zu erledigenden Aufgaben zu richten. So gelang es ihr, die beiden Pferde zu versorgen und den halben Tag hinter sich zu bringen.
Als sich der Tag aber zum Abend neigte, hielt sie es nicht mehr aus. Sie lief und lief, bis sie ihre Füße nicht mehr tragen wollten. Erst zu diesem Zeitpunkt bemerkte sie, dass sie sich auf einer kleinen Lichtung im tiefen Wald befand. Hierher hatte Bekiyaki sie gebracht bei einer ihrer ersten Begegnungen. Die Erinnerungen an ihn und der Schmerz brachen wieder über sie herein. Sie taumelte rückwärts gegen eine große, uralte Eiche, an deren Stamm sie sich hinabgleiten ließ, bis sie schließlich auf dem von Schnee verschont gebliebenen weichen Stückchen Waldboden saß. Die Knie hatte sie angezogen, die Arme um die Beine gelegt, und ihr Kinn auf die Knie. So saß sie lange da, den Blick durch Raum und Zeit in weite Ferne gerichtet, und bemerkte nicht, wie sich die Nacht über den Wald senkte. Es wurde still und es begann wieder leise zu schneien. Yirikis einzige Regung bestand darin, sich ohne darüber nachzudenken, fester in ihren warmen, schweren Umhang zu wickeln. Sie verbrachte die ganze Nacht an den Stamm der alten Eiche gelehnt, und versuchte zu begreifen, dass Bekiyaki von ihr gegangen war.
Am Morgen erhob sie sich langsam und mühsam, aber mit einem entschlossenem Ausdruck auf ihrem Gesicht. Sie würde ihn niemals vergessen, aber auch nicht zulassen, dass die Trauer ihr ganzes weiteres Leben bestimmte. Yiriki wusste, dass dies der dunkle Fey nicht gewollt hätte. War es doch ihre unbeschwerte Art gewesen, die er so geliebt hatte. Dennoch schwor sie sich, jeden Götterlauf, der noch kommen mochte, an diesem Tag hierher zu kommen und Bekiyakis Andenken zu bewahren und zu ehren.
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