Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wie soll mein Haus heißen?

von Romilly
KurzgeschichteFamilie / P6
02.07.2014
02.07.2014
1
1.925
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
02.07.2014 1.925
 
Hallo,

hier ist mein Beitrag zur Runde 16 der Puzzlegeschichten. Diesmal war die Vorgabe, irgendetwas zu Vivaldis Vier Jahreszeiten zu schreiben. Ich habe mir als Vorgabe für diesen OS den Frühling herausgesucht, und ein wenig damit herum gesponnen.

Demnach kann das hier als meine erste „Songfic“ durchgehen und auch als erste Geschichte ohne jegliche Form von wörtlicher Rede.


*


Wie soll mein Haus heißen?


*



Ich war schon immer der Meinung gewesen, dass Häuser Namen ebenso brauchten wie Menschen. Wir benannten Städte, Dörfer und sogar Straßen, warum nicht also auch Häuser?

Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, hieß Südblick, weil der Blick vom Südbalkon so schön war. Meine erste eigene Wohnung taufte ich Nudelhütte, weil das zu Anfang das einzige Gericht gewesen war, das ich kochen konnte. Sebastians und meine Wohnung in Hannover, aus der wir jetzt ausgezogen waren, hieß Kronleuchtertod, wegen des Kronleuchters, der zu Bruch gegangen war, als wir dort zusammen gezogen waren.

Nun wohnten wir mit unseren Kindern in einem neuen Haus, das noch keinen Namen hatte. Wir hatten zwar schon einige Namensideen, aber nichts, was uns wirklich gefiel und was gut passte. Da hieß es abwarten, bis wir eine Erleuchtung bekamen.

Mir gefiel unser neues Haus. Sebastian und ich hatten es vor etwa einem Vierteljahr gekauft und lebten nun seit etwa zwei Wochen hier. Davor hatten wir das Haus renoviert – es war 1929 fertig gestellt worden und damit schon recht alt, und der Vorbesitzer war ein Rentner gewesen, der es in den letzten Jahren nicht mehr geschafft hatte, das Haus ganz alleine in Schuss zu halten. Abgesehen davon schien er es ohnehin nicht für nötig gehalten zu haben, nach den Sechzigern noch einmal zu renovieren.

Das hieß, dass Sebastian und ich eine Menge Arbeit gehabt hatten, und die ganze Renovierung war mit zwei kleinen Kindern, Sebastians Job in Hannover und meinem technischen Unverständnis nicht einfach zu organisieren gewesen. Aber wir hatten es geschafft – ich war richtig stolz auf uns. Zwar hatten wir noch längst nicht alles eingerichtet, überall standen Kisten herum und auch noch ein paar Möbel und etwas Krimskrams des Vorbesitzers, die wir noch nicht aussortiert hatten.

Trotzdem hatte ich mich schon in unser Haus, unser Grundstück und das Dorf verliebt, in dem wir ab jetzt leben würden. Paschrath hatte nur wenig mehr als 5000 Einwohner, die einzige größere Stadt in der Nähe war Buchsheim, wir waren etwas mehr als 45 Autominuten von Hannover entfernt. Dort hatten wir vorher gelebt, und Sebastian arbeitete immer noch dort, aber wir waren uns einig, dass eine Großstadt nicht der beste Ort war, um Kinder großzuziehen.

Dafür aber war Paschrath perfekt. Es gab zwei Kindergärten, in dem einen hatten wir bereits Anna, unsere Fünfjährige, angemeldet. Justus, unser zweijähriges Nesthäkchen, blieb erst noch einmal mit mir zuhause und ‚half‘ mir eifrig beim Einrichten, Putzen und Ausräumen.
Es gab eine Grundschule in der Nähe, auf die Anna schon sehr gespannt war, außerdem noch ein Gymnasium hier vor Ort, eine Real- und Hauptschule in Buchsheim.
Aber bis wir dahingehend eine Entscheidung treffen mussten, war es noch einige Zeit hin. Bis dahin waren wir hoffentlich auch richtig eingezogen und hatten alles im Haus auf Vordermann gebracht und jeden kleinen Winkel hier erkundet.

Denn bei uns auf dem Grundstück und auch im Haus gab es einiges zu entdecken. Ich hatte mit den Kindern schon oft unseren Garten erkundet, der für uns eingefleischte Städter eher die Größe eines Parks zu haben schien – etwas mehr als 2800 Quadratmeter, hatte uns der Makler gesagt. Ich freute mich schon darauf, mein Gärtnerglück zu versuchen und vielleicht ein paar Erdbeeren, Gurken und Tomaten anzupflanzen, wenn es soweit war.

Der Garten war an den Seiten von hohen, immergrünen Hecken, Holunderbüschen und Brombeerranken umgeben, die alle schon die ersten Blätter hatten. Außerdem wuchsen hier noch ungefähr tausend Bäume – Nadelbäume (ich wusste nicht welche), Buchen und eine wunderschöne Kastanie, in der wohl mal ein Baumhaus existiert hatte. Die Reste des Holzbodens waren noch immer zwischen den Ästen zu erkennen. Hinten im Garten, weit weg vom Haus, war alles sehr verwildert und fast waldähnlich. Anna hatte sich sofort in diese Wildnis verguckt und damit begonnen, eine Hütte aus herumliegenden Ästen zu bauen.

Je näher man aber ans Haus kam, desto gartenähnlicher wurde unser Garten. Es gab einen – mittlerweile leider sehr sumpfigen – Teich, der von Seerosen und Schilf überwuchert war. Aber den konnten Sebastian und ich sicher säubern, sobald wir Zeit dazu hatten. Näher am Haus begannen auch die Beete, die zwar mittlerweile von Unkraut überwuchert waren, aber einst sicher wunderschön gewesen waren. Unser Vorbesitzer musste einen grünen Daumen gehabt haben. Mit meinem beschränkten Wissen erkannte ich nicht allzu viele Blumen- und Pflanzenarten, nur einige wenige konnte ich überhaupt zuordnen. Da war ein hölzernes Tor, das aus einem Märchen zu stammen schien, und mit Rosen umrankt war, die gerade ausschlugen. Ein Beet, in dem drei Büsche standen, die ich für Hortensien hielt. Ein Beet, das mittlerweile hauptsächlich aus Unkraut bestand, aber wohl einmal als Kräuterbeet gedient hatte – ich erkannte Lavendel, Salbei und Pfefferminze. Oder war das Zitronenmelisse? Ich war mir nicht sicher. Aber das dunkelgrüne Grasähnliche, das mussten die ersten Sprossen von Schnittlauch sein.

Himbeeren wucherten in einer Ecke des Gartens wild über alles andere – hauptsächlich über Johannisbeerbüsche. Wenn ich da ein bisschen schneiden und trimmen würde, könnten wir im Sommer sicher eine Menge Beeren ernten.

Ganz nah am Haus und der dazugehörigen Terrasse war der Garten am ordentlichsten, am hübschesten und am seltsamsten. Ordentlich, weil hier die Beetgrenzen klar waren und das Unkraut noch nicht überhandgenommen hatte. Hübsch, weil hier bereits erste Blüten zu sehen waren – außer Vergissmeinnicht und dem ein oder anderen Gänseblümchen erkannte ich jedoch nichts.

Seltsam war dieser Teil des Gartens, weil hier eine prächtig gedeihende Palme wuchs, sowie etwas, das ich für eine Bananenstaude hielt – und an dem gut gewachsenen Busch darunter, an dem hing noch ein verblichener Plastikzettel, der ihn als Feige auswies.
Soweit Sebastian und ich das mit unserem begrenzten Gärtnerwissen beurteilen konnten, gediehen weder Palmen, Bananen noch Feigen in unseren Breitengraden. Vielleicht, wenn man sie in ein Gewächshaus steckte, oder sie in Kübeln zog und im Winter ins Haus holte. Aber doch nicht einfach so im Freien, wie sie hier wuchsen. Ich fand es äußerst seltsam, und konnte es mir nicht erklären. Sebastian hatte spekuliert, dass vielleicht die Abwärme des Hauses die Tropenpflanzen im Winter warm genug hielt. Er schien ebenso wenig überzeugt von dieser Theorie wie ich.

Das war nur eine der Seltsamkeiten, die wir in unserem neuen Haus entdeckt hatten. Ich rätselte gerne an ihnen herum, aber sie beunruhigten mich nicht. Sie waren alle harmlos, und unser Vorbesitzer hatte hier immerhin jahrzehntelang gelebt, bevor er friedlich und in hohem Alter im Krankenhaus verstarb.

Eine weitere seltsame Sache war das Waschbecken im Waschkeller. Es hatte nur einen Kaltwasserhahn, und laut dem Makler und den Originalbauplänen gab es hier unten auch nur eine Kaltwasserleitung; keinen Boiler oder ähnliches. Trotzdem bekam man, wenn man den Knopf neben dem Waschbecken drückte – darunter hing ein Schild mit der Aufschrift ‚Warm‘ – und dann das Kaltwasser aufdrehte, warmes Wasser. Äußerst komisch. Der Knopf war wohl von einer Tischlampe abgeschnitten, es waren noch Kabel daran. Die Kabel führten nirgendwo hin, man hatte sie bloß genutzt, um an ihnen den Knopf zu befestigen. Vom Knopf gab es also keine Verbindung zu irgendeinem versteckten Boiler oder auch nur Wasserkocher, trotzdem bekamen wir da unten im Keller warmes Wasser. Sehr seltsam, aber auch praktisch, wenn man sich nach den Renovierungsarbeiten im Keller die Hände waschen wollte.

Die magischste und schönste der Seltsamkeiten aber hing mittlerweile über Justus‘ Bettchen. Wir hatten vor einigen Wochen angefangen, den Dachboden zu durchforsten, der wohl seit dem Bau des Hauses nicht mehr aufgeräumt worden war. Wir hatten nur die ersten drei Meter aufgeräumt bekommen, aber dort hatten wir die Seltsamkeit entdeckt: Es war ein altes Mobile. Es war wunderschön, das war uns daran als erstes aufgefallen, mit aus Holz geschnitzten Waldtieren – Rehe, Wildschweine, Dachse, Kaninchen und Füchse. Die Tiere waren liebevoll handbemalt worden, die Farben zwar mittlerweile verblasst, aber noch immer wunderschön. Die Tiere hingen an dünnen Fäden am Gerüst des Mobiles, das aussah wie ein knorriger alter Baum mit weit verzweigten Ästen. An der Krone des Baums konnte man das Mobile aufhängen.

Genau das hatten wir auch gemacht – nachdem Sebastian einen halben Nachmittag damit verbracht hatte, das Mobile sorgfältig von Staub und Schmutz zu befreien und den Baum und die Tierchen mit einem feuchten Lappen abzuwischen, hatten wir es feierlich in Justus‘ Zimmer aufgehängt, über dem Gitterbett, in dem er nur so unwillig schlief.

Als es Abend geworden war und wir Justus zu Bett brachten, da erst hatte sich die Seltsamkeit des Mobiles gezeigt: um Justus zu beruhigen, stupste ich das Mobile vorsichtig an, damit die Tiere sich zu drehen begann. Das taten sie auch, und Justus schaute ihnen für einen Augenblick gebannt zu.

Dann begann, plötzlich und ohne Vorwarnung, ein klassisches Orchester zu spielen. Es spielte nicht zu laut, gerade so, dass ein kleines Kind davon einschlafen könnte.
Das Stück, das diese unsichtbare Kapelle spielte, kam mir bekannt vor. Es dauerte einen Augenblick bis ich es erkannt hatte: Das war Der Frühling aus Antonio Vivaldis Vier Jahreszeiten!

Irgendwo her kam auf einmal diese Musik – ich hatte keine Ahnung, woher. In Justus‘ Zimmer hatten wir kein Radio oder CD-Player, auch keine Lautsprecher für einen MP3-Player. Für einen Augenblick hatte ich gedacht, dass mir Sebastian und/oder Anna einen Streich spielen wollten, aber die waren nirgendwo zu entdecken, genauso wenig wie ein elektronisches Gerät, das dieses Kammerkonzert für Justus verursachen könnte.

Ich rief Sebastian hinzu, der ebenso verdutzt war wie ich. Einige Minuten suchten wir verwundert nach der Geräuschquelle, öffneten das Fenster, schauten unter das Bett, in die Schränke und hoben sogar die Kommode an. Währenddessen lag Justus seelenruhig in seinem Bett, wurde immer schläfriger und sah dem Mobile zu, das sich noch immer drehte.
Tatsächlich, es drehte sich noch immer, obwohl ich es nicht so stark angeschubst hatte, dass das noch möglich sein sollte.

Verwundert ging ich zum Mobile hinüber und hielt es mit dem Finger an. Die Tiere hörten auf, sich zu drehen, und die Musik verstummte.
Sebastian und ich sahen uns an. Ich versetzte das Mobile wieder in Drehung, wieder erklang Der Frühling.
Äußerst seltsam, ja, schon fast magisch.

Obwohl wir weiter suchten, das Mobile noch einmal abnahmen, entdeckten wir keine Möglichkeit, wie dieses Gebilde, das vollständig aus Holz und Faden bestand, sich selbstständig weiterdrehen konnte und dabei auch noch wunderschön Vivaldi-Konzerte geben konnte.

Das Mobile verzauberte mich, mehr noch als das geheimnisvolle Warmwasser im Keller und die dem Klima trotzenden Tropenpflanzen im Garten.
Weder Sebastian und ich schafften es jemals, diese seltsamen Vorkommnisse vollständig oder gar logisch zu erklären, und je länger wir in unserem neuen Heim lebten, auf desto mehr von diesen Unmöglichkeiten stießen wir. Einige fand Anna im Garten oder in ihrem Kinderzimmer. Ein paar entdeckten wir beim Einrichten oder beim Entrümpeln des Kellers. Viele entdeckten wir auf dem vollgestellten, staubigen Dachboden in längst vergessenen Kisten und Kartons.

Nichts davon war erklärbar, aber einen Trend gab es doch zu erkennen: sie machten das Leben einfacher, schöner und zauberhafter. Irgendwie geheimnisvoller und aufregender. Und als wir eines Tages Anna vor dem Zubettgehen aus einem ihrer Märchenbücher vorlasen, da lasen wir über die Kölner Heinzelmännchen, die ungesehen den Menschen das Leben erleichterten. Anna liebte die Geschichte, und Sebastian und ich dachten uns, dass wir endlich einen wohlverdienten Namen für unser Haus gefunden hatten.
Deshalb hängt nun an der Haustür, direkt über dem Klingelschild mit unserem Namen ein weiteres Schild, auf dem Folgendes steht:


~ Willkommen im Wichtelhaus ~
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast