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Worte wie Feuer

GeschichteFamilie, Fantasy / P12 / Gen
Danilo Ardais Regis Hastur
01.07.2014
01.07.2014
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2.397
 
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01.07.2014 2.397
 
Das ist mein Beitrag zu dem wunderschönen Wettbewerb Wenn der Sinn Feuer fängt, ausgerichtet von Isana.
Danke an sie dafür - mir hat das Schreiben sehr viel Spaß gemacht - und danke an Sinyar für's Betalesen.

Der OS lässt sich zeitlich kurz vor "Die Weltenzerstörer" und nach "Sharras Exil" einordnen.
Ich wünsche viel Spaß beim Lesen!


~*~


Worte wie Feuer



Es ist nicht das erste Mal, dass Javanne die Meinung ihres Bruders nicht teilt. Wenn Regis genauer darüber nachdenkt, scheint sie eher darauf zu warten, dass er etwas tut, womit sie nicht einverstanden ist, damit sie ihm ausführlich sämtliche Nachteile seiner Entscheidung aufzählen kann. Er akzeptiert das einerseits, weil er keinen Streit über ihr Verhalten heraufbeschwören will und andererseits, weil er sich sicher ist, dass sie das insgeheim nur aus Sorge um ihn macht. Zugegeben hat sie das allerdings nie und heute zweifelt er zum ersten Mal daran.

Es sind kleine Dinge, die anders sind als sonst und ihn dadurch stutzig werden lassen.
Danilo hinter ihm ist unruhig, obwohl er jede Auseinandersetzung der Geschwister mitbekommen hat, seit er der Friedensmann und damit nicht nur Freund, sondern auch Leibwächter von Regis geworden ist und an solche Situationen gewöhnt sein müsste. Er tritt hin und wieder von einem Fuß auf den anderen oder fährt sich mit der Hand durch die Haare. Das ist kein Verhalten, das von jemandem in seiner Position erwartet wird und normalerweise würde er diese Zeichen seiner Unsicherheit nicht zulassen, doch jetzt achtet niemand außer Regis darauf und der ist sich nicht sicher, ob sein Freund überhaupt mitbekommt, was er tut. Er selbst versucht, sich seine Anspannung nicht anmerken zu lassen. Doch Danilos Gefühle beunruhigen ihn. Dessen Gabe – die Katalysator-Telepathie – befähigt ihn nicht nur dazu, die telepathischen Begabungen anderer zu erwecken und zu verstärken, sondern sensibilisiert ihn auch für die Gefühle anderer Menschen. Wenn ihn Javannes Ausbruch so vorsichtig reagieren lässt, dann ist etwas nicht in Ordnung.
Dann sind da noch die Blässe und die Schweigsamkeit Gabriel Lanarts, der hinter seiner Frau steht und ihrem Toben still zuhört. Regis konnte bisher immer davon ausgehen, in ihm einen Verbündeten zu haben, der ihm hilft, seine Schwester zur Vernunft zu bringen, wenn diese sich zu sehr in etwas hineinsteigert. Heute ist er allerdings nicht überzeugt davon, dass Gabriel ihm eine Hilfe sein wird oder auch nur sein möchte. Der andere Mann wirkt eher so, als würde er darauf warten wollen, dass seine Gattin sich beruhigt und er sich mit ihr in ihren Teil der Suite zurückziehen kann, ohne gegen Widerstand ankämpfen zu müssen. Regis kann es ihm nicht verdenken, doch ihm wäre es eindeutig lieber, wenn er ihn unzweifelhaft auf seiner Seite hätte und auf seine Hilfe zählen könnte.

Am deutlichsten spürt der junge Hastur jedoch Javannes Gefühle, ihre Haltung ihm gegenüber. Obwohl er kein Empath wie die Ridenows ist, sind sie für ihn so deutlich, als würde er sie vor sich sehen. Vielleicht, weil sie Geschwister sind und einander von Kindesbeinen an kennen, vielleicht aber auch, weil ihre Emotionen so stark, so präsent sind und sie sich keine Mühe gibt, sie zu verbergen. Wut, gepaart mit Verzweiflung – eine gefährliche, explosive Mischung, gerade bei seiner Schwester – und irgendwo, etwas verborgener, Hilflosigkeit. Einen Moment lang glaubt er fast, ihren Gedankengang nachvollziehen zu können – was mache ich, wenn ich ihn nicht davon abhalten kann? –, doch dann lenkt ihre immer schriller werdende Stimme seine Aufmerksamkeit zurück auf die gesprochenen Worte.
„Du bringst uns alle in Gefahr mit dieser undurchdachten, wahnsinnigen Aktion! Fremden beizubringen, wie sie die Telepathie beherrschen können – das kann nicht dein Ernst sein! Sie haben keine Gaben! Wie kannst du ihnen trauen? Oh, Regis, du kannst uns doch nicht alle wissentlich in Gefahr bringen, nur um … ein wenig Abwechslung von deinem Alltag zu haben? Wie kannst du …“ Sie unterbricht sich, steht einen Augenblick lang einfach nur schwer atmend vor ihm und bedenkt ihn mit wütenden Blicken. Er ist fast froh darüber, denn ihre Worte treffen ihn. Sie sind wie kleine Feuerpfeile, die seine mühsam aus dem Weg geräumten Zweifel neu entzünden. Einen Moment lang überlegt er, ob er sie darauf hinweisen und hoffen soll, dass die Ähnlichkeit zwischen dem, was sie sagt, und den allseits geächteten Pfeilen sie zum Schweigen bringt. Wenn sie wüsste, dass er sich so fühlt, als würde sie ihn angreifen, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben, dann würde sie vielleicht schweigen, um ihr Gesicht zu wahren. Doch er zögert zu lange und gibt ihr dadurch die Gelegenheit, weiterzureden: „Wie kannst du uns der Willkür dieser ehrlosen, feigen Bastarde ausliefern?“
Wenn die Situation nicht so ernst wäre, könnte Regis in Gelächter ausbrechen. Seine Schwester, die so viel Wert auf ihren Stand als Tochter des Hochadels legt und sich wie eine Königin zu benehmen weiß, steht vor ihm und flucht schlimmer als die Händler auf dem Markt, wenn sie sich übervorteilt glauben. Doch stattdessen antwortet er nur ruhig, wenn auch mit mit Nachdruck: „Javanne, es reicht jetzt.“
Und entgegen seiner Erwartung schweigt sie tatsächlich, sieht ihn jedoch weiterhin unnachgiebig und zornig an. Ohne sich darum zu kümmern, fährt der junge Hastur-Erbe fort: „Ich danke dir für deine offensichtliche Sorge um mich und Darkover, aber es steht dir nicht zu, ein Urteil darüber zu fällen, wie durchdacht mein Plan …“

„Es steht mir nicht zu?“ Die Stimme seiner Schwester überschlägt sich beinah; sie schnappt nach Luft und verschränkt die Arme vor der Brust. Beeindruckend, fast ein wenig angsteinflößend steht sie vor Regis und funkelt ihn an, spricht jedoch leiser weiter: „Ich habe so viel für dich getan. Ich …“ Sie bricht ab und er hofft wirklich, dass sie sich besinnt und vernünftig mit ihm darüber reden kann. Er bekommt Kopfschmerzen von diesem Streit, den er nicht austragen möchte, der einem Waldbrand gleicht. Und Regis weiß eigentlich, dass er immer heftiger brennen wird, immer neu auflodern und so viel wie möglich verzehren, je mehr er selbst sich bemüht, ihn zu löschen. Doch seine Hoffnung gaukelt ihm das Bild des beinah erloschenen Feuers und des geretteten Waldes vor, das erst mit dem Klang von Javannes gefährlich leiser Stimme zerfällt. „Du verrätst unseren Planeten, wenn du das tust. Du gibst uns in die Hände der verfluchten Terraner. Angenommen, einige von ihnen haben tatsächlich eine Gabe, was ich persönlich für ausgeschlossen halte – was, denkst du, werden sie nach der Ausbildung tun? Uns bei der Ausbildung der Novizen oder dem Fördern von Metallen helfen? Nein, sie werden in ihr Hauptquartier gehen und experimentieren und irgendwann mit irgendeiner Abscheulichkeit vor uns stehen und uns ins Gesicht lachen, während sie uns zerstören. Willst du wirklich für unser Ende verantwortlich sein?“
Regis möchte sich winden und verstecken, als ihre Worte aus Flammen ihn treffen und Wunden brennen, tief und schmerzhaft, die er nicht ignorieren kann. Auch er hat sich all das bereits gefragt, was Javanne ihm nun an den Kopf wirft, nur dass er im Gegensatz zu ihr die Terraner nicht aufgrund ihrer Fremdartigkeit automatisch für schlecht hält.

Doch er kann sich nicht die Blöße geben, ihr zu zeigen, was sie bewirkt. Später vielleicht, wenn er mit Danilo alleine ist und auf Verständnis und Unterstützung hoffen kann, aber nicht hier und nicht vor Javanne, wenn er sie noch überzeugen will. Also versucht er es noch einmal. „Javanne, ich kann die Zukunft nicht so klar sehen wie die Familie der Aldaran, aber ich bin mir sicher, dass das nicht passieren wird.“ Wenn er Glück hat, ist Javanne zornig genug, um nicht allzu sehr auf seine Gedanken zu achten und damit seine Lüge zu enttarnen. „Die Terraner haben die Stadt Caer Donn nach den missglückten Experimente brennen sehen, sie wissen, was man mit unseren Gaben besser nicht versuchen sollte. Wir würden sie auch vorher überprüfen, was ihre Motive angeht. Aber du weißt so gut wie ich, dass ein unausgebildeter Begabter eine Gefahr für sich selbst und seine Umgebung darstellt und in den meisten Fällen leidet! Und wenn wir ihnen helfen können, sollten wir das tun. Sie sind Menschen wie wir auch.“
Zufrieden registriert er, dass die Wut seiner Schwester langsam abflaut und sie ihm tatsächlich zuhört. Auch seine eigene Sicherheit kehrt zurück, denn er hat schließlich an alles gedacht, bevor er andere eingeweiht hat. „Du siehst, deine Sorge ist unbegründet“, fügt er lächelnd hinzu.

Er bereut es noch in derselben Sekunde, als Javannes Augen sich verengen und ihr Zorn wieder aufflammt. Seine Befürchtung wird wahr und dieser Streit aus Feuer, den er mit seinen Worten eigentlich beenden wollte, hat neue Nahrung gefunden. „Meine Sorge ist unbegründet?“, fragt sie und Regis überlegt, ob er froh sein sollte, dass sie ihre Gefühle wenigstens offen zeigt und nicht diesen leisen, gefährlichen Tonfall anschlägt. Aber froh ist er nicht, nicht einmal erleichtert, während er Javanne zuhört. „Du verdankst mir so viel. Ich habe mich um dich gekümmert, als du klein warst und dich immer unterstützt. Ich habe dir sogar noch geholfen, wenn ich Bedenken hatte, nur weil du der Meinung warst, etwas tun zu müssen. Ich habe dir meinen Sohn überlassen, damit du ihn zu deinem Erben machen und losreiten konntest, um deinen Freund zu retten, ohne ein Gesetz zu brechen! Ich habe alles getan und jetzt nicht das Recht, etwas zu sagen und mache mir nur grundlos Sorgen?“

Regis taumelt einen Schritt zurück, als ein Nachhall von Danilos damaliger Ungläubigkeit und Verlegenheit ihn erreicht, vermischt mit seinen Worten: Das war es nicht wert. Diese Erinnerung – denn das ist es doch, Danilo weiß das jetzt, er weiß doch, dass er das wert war, oder? – zusammen mit dem Zorn Javannes, die sich noch nie zurückgehalten hat, auch wenn es eigentlich nötig gewesen wäre, sind zu viel. Einen Moment lang weiß er nicht, wie es so weit kommen konnte, weiß nichts, außer dass seine Kopfschmerzen ihn umbringen werden, wenn er nicht etwas dagegen tut.
Augenblicke später werden seine Gedanken wieder klarer und er begreift, was eigentlich passiert ist: Erst haben nur die Worte in Flammen gestanden, haben an ihm und an Javanne gezehrt. Und dann hat der Sinn Feuer gefangen. Der Sinn dieses Streits, der eigentlich nur in Javannes Gedanken existiert hat. Jetzt ist er verbrannt und das Einzige, worum es seiner Schwester noch geht, ist Recht zu haben und ernst genommen zu werden. Und Regis erkennt, dass die Eskalation ausgerechnet auf ihre Hilflosigkeit zurückzuführen ist, die er nicht beachtet hat und er fragt sich, ob er damit einen größeren Fehler gemacht hat als Javanne. Aber schon in der nächsten Sekunde sagt er sich, dass das nicht sein kann, denn wenn seine Schwester nicht davon ausgehen würde, sich alles erlauben zu können und ihm nicht richtig zuhören zu müssen, dann hätte sie schon vor langer Zeit gelernt, sich zu kontrollieren.

Der junge Hastur strafft sich und schottet seine Gefühle und Gedanken von der Außenwelt ab. Er weiß, dass er damit Danilo dazu bringt, sich Sorgen zu machen, aber für ihn ist es besser, so wenig wie möglich von Javannes Gefühlen mitzubekommen. Die steht vor ihm und durchbohrt ihn mit wütenden Blicken, wiederum schwer atmend, doch das beeindruckt ihn nicht mehr. „Du bist zu weit gegangen.“ Die Kälte in seiner Stimme überrascht ihn ebenso wie die anderen drei, doch leid tut es ihm nicht. „Ich werde mich jetzt zurückziehen. Wir können reden, wenn du bereit bist, ruhiger und vernünftiger an die Sache heranzugehen.“
Er wirft Gabriel einen Blick zu, der das Scheitern seines Vorhabens gelassener aufnimmt, als Regis erwartet hätte. Statt mit einer klar denkenden Javanne wird er jetzt mit einem feuerspeienden Drachen zurückgelassen. Den Gedanken bereut Regis beinah augenblicklich – dieser Vergleich ist zu hart, das weiß er –, doch das ändert nichts an seinem Entschluss. Mit einem knappen Nicken geht er an den beiden vorbei und durch den Raum. Als er ihn verlässt, hört er hinter sich den empörten Aufschrei seiner Schwester: „Das muss jetzt geklärt werden! Regis!“
Er erwartet beinah, dass sie jeden Moment durch die Tür stürmt und sich vor ihm aufbaut, doch da sind nur Danilos gedämpfte Schritte und nach wenigen Sekunden die Stimme Gabriels, die stetig leiser wird: „Ich denke, es reicht jetzt. Komm.“
Sie verstummt, als Regis endlich außerhalb der Hörweite ist. Nun geht er rascher, beeilt sich, in sein privates Schlafzimmer zu gelangen. Nur am Rande bekommt er mit, wie die Diener ihm ausweichen und ihn mit vorsichtigen Blicken bedenken. Natürlich, sie werden alles mitbekommen haben. Und spätestens heute Abend wird auch sein Großvater davon wissen und mit ihm darüber reden wollen. Regis weiß jetzt schon, wie dieses Gespräch aussehen wird: Er erklärt, was sich zugetragen hat, Danilo bestätigt oder korrigiert das und der alte Lord seufzt und ermahnt ihn dann, in Zukunft bedachter zu handeln. Du weißt doch, dass Javanne schwierig sein kann, hört er seinen Großvater förmlich sagen.
Kopfschüttelnd erreicht er die Tür zu seinen Privaträumen und eilt hindurch in dem Wissen, dass sein Friedensmann ihm folgen wird.



„Es tut ihr leid.“ Die ruhige Stimme von Gabriel Lanart-Alton besänftigt Regis etwas. Er muss zugeben, dass er ungehalten gewesen ist, als er den Gatten seiner Schwester in seine Räume gelassen hat. Lassen musste, um nicht unhöflich zu wirken, korrigiert er sich in Gedanken. „Sie wird es nicht sagen, aber sie weiß, dass sie einen großen Fehler gemacht hat“, fährt der andere Mann fort und seufzt dann leise. „Natürlich ändert sich dadurch ihre Meinung nicht, aber ich denke, dass sie deine Entscheidung respektieren wird.“
„Ihr wird nichts anderes übrig bleiben“, antwortet Regis knapp und erklärt nach einer kurzen Pause: „Lord Hastur hat das Projekt abgesegnet. Damit habe ich die Erlaubnis, die ich brauche, um es tatsächlich durchzuführen. Ich glaube fest daran, dass irgendwo im Weltall Fremde unausgebildete Gaben besitzen und wir ihnen helfen können. Wer weiß, vielleicht lernen wir dadurch ja sogar etwas Neues über unsere eigenen Fähigkeiten. Und wer sagt, dass nicht einige von ihnen doch hierbleiben und auch nach ihrer Ausbildung mit uns zusammenarbeiten?“
Nachdenklich beobachtet er, wie Gabriel einen Schluck Wein trinkt und dann erst antwortet: „Möglicherweise beruhigt Javanne dieses Wissen ja. Das wäre mehr als gut.“ Und um einiges leiser fügt er hinzu: „Am besten wäre es natürlich, wenn sie aus den heutigen Ereignissen lernt und in Zukunft beherrschter vorgeht.“ Doch Regis hört die Zweifel des anderen Mannes aus diesen Worten heraus und wenn er ehrlich ist, glaubt er selbst auch nicht daran.
Das einzige, worauf er wirklich hofft, ist, dass er nie wieder eine Eskalation wie die vorhin erleben muss. Denn seine Vergangenheit und dieser Streit haben ihn mit genug Feuer für sein ganzes Leben versorgt.
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