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Überfall auf ein Zeltlager

von Jeanmarie
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
30.06.2014
30.07.2016
9
17.981
 
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09.01.2015 3.714
 
Kleene ging vorsichtig auf dem Waldweg vorwärts. Ab und zu leuchtete sie mit ihrer Taschenlampe kurz den Weg aus, obwohl sie eigentlich dank des Mondes, der in der wolkenlosen Nacht schien,  einigermassen sehen konnte.

Im Gegenteil, nach jedem Lichtblitz der Taschenlampe musste sie sich wieder an die Dunkelheit gewöhnen. Deshalb hatte sie mit den anderen auch etwas diskutiert, als sie ihr noch die Taschenlampe mitgaben. Aber es wäre unglaubwürdig in ihrer Rolle gewesen, wäre sie ohne Taschenlampe unterwegs gewesen.

Ihre Freunde waren alle ein Stück hinter ihr, natürlich alle ohne Taschenlampe. Sie wollten ja nicht vorzeitig gesehen werden.

Nachdem es am Morgen noch einmal kurz, aber kräftig geregnet hatte, war es seitdem den ganzen Tag über trocken gewesen. Zum Glück. Jetzt im Regen unterwegs wäre wirklich nicht angenehm gewesen. Okay, der Boden war stellenweise etwas nass. Aber das war egal, weil sie Gummistiefel trug. Also noch konnte sie keine nassen Füsse bekommen.

Ihre Freunde übrigens auch nicht, da diese alle Springerstiefel trugen. Kleene war dann doch etwas überrascht, als Steven nur seine alten Trainingsschuhe anzog, als sie zum Treffpunkt aufbrechen wollten. Er hatte ihr dann aber erklärt, dass es doch etwas unbequem ist, in Springerstiefel Auto zu fahren, wenn man es nicht gewohnt ist. Daher würden die meisten die Springerstiefel erst auf dem Parkplatz unterhalb des Zeltlagers anziehen.

Eigentlich wäre es eine gute Idee gewesen, auch so zu verfahren. Kleene trug grüne Gummistiefel, die man vorne für einen besseren Sitz zuschnüren konnte und die sie auch zugeschnürt hatte. Aber während der gut einstündigen Autofahrt zum Ort des Zeltlagers waren die Stiefel ihr doch etwas unbequem geworden.

Gut, für die Rückfahrt morgen früh hatte sie ihre Alltags-Schuhe ( eigentlich No-Name-Joggingschuhe ) im Rucksack, welcher zur Zeit noch im Auto war,  dabei. Dazu für morgen früh vorsorglich zwei Sätze neue Unterwäsche, einen Jogginganzug, für den Rest der Nacht ihren Schlafsack sowie Waschzeug. Auf Rat von Steven auch Shampoo, obwohl sie hoffte, dass sie das nicht brauchen würde. Aber es hätte schon Jahre gegeben, wo es als Strafe Duschgel oder Rasierschaum über die Haare gab.

So was wäre ihr nicht so recht. Dann lieber, dass man ihr die Klamotten etwas dreckig machen würde, oder dass sie ein paar Sportübungen mache müsste. Aber wahrscheinlich würden ja die Pfadfinder vorgeben, was die Strafe wäre.

Mittlerweile hatte sie sich dem Zeltplatz weiter genähert und sah schräg vor sich im Mondschein einige Zelte, wenn sie  zwischen den Bäumen durchschaute.

Sie liess ihre Taschenlampe ein paar Mal aufblitzen und schwenkte sie dabei hin und her, teilweise auch etwas in den Himmel, in der Hoffnung, dass ihre Freunde dies bemerken würden. Sie traute sich nicht, sich umzudrehen und dann Lichtzeichen in die vermeintliche Richtung ihrer Freunde abzugeben, denn damit würde ihre Legende fallen, falls das die Nachtwache auf dem Zeltplatz auch bemerken würde.

Während sie langsam auf dem Weg weiter ging, sah sie immer mehr vom Zeltlager. Sie liess ihre Taschenlampe noch zweimal aufblitzen. Eigentlich müsste die Lagerwache sie bemerkt haben. Über diesen Punkt hatte sie vorher mit Leyla diskutiert. Sollte sie die Lagerwache vorher auf sie aufmerksam machen? Schließlich hatten sie sich auf das jetzt praktizierte Verfahren geeinigt.

Sie näherte sich jetzt einem kleinen Knick im Waldweg. Direkt hinter dem Knick war rechts der Eingang zum Zeltplatz. Nachdem sie die Taschenlampe jetzt schon einige Zeit nicht mehr eingeschaltet hatte, konnte sie auf dem Zeltplatz die Wachen erkennen. Leyla hatte recht. Die Wachen schienen nervös zu schauen, woher das Licht gekommen war und konzentrierten sie nur auf diese Richtung.

Das liess sich noch steigern. Kleene ging jetzt zügig Richtung Zeltplatz-Eingang. Es zeichnete sich jetzt doch aus, dass Leyla ihr diese Gummistiefel gegeben hatte, denn beim blossen Gehen spürte sie die Gummistiefel nicht besonders.

„Hallo! Hallo! Ist da jemand?“ rief Kleene am Zeltplatz-Eingang. Die Wachen wurden erwartungsgemäss sofort aufmerksam. Nach ein paar Sekunden des Zögerns rief einer der Wachen zurück, „Wer da?“ Kleene antwortete, „Melanie. Entschuldigung. Ich such meinen Bruder. Der hütet hier irgendwo Schafe, “ und betrat dabei den Zeltplatz.

Die Wachen leuchteten mit einer Taschenlampe in ihre Richtung. Das klappte ja wirklich, wie ausgedacht. Wenn sie gleich die Lampe ausmachten, konnten sie für kurze Zeit in der Dunkelheit kaum sehen.

Kleene ging noch ein wenig zu ihnen, aber nur langsam. „Sagt mal, habt ihr hier irgendwo Schafe gesehen?“ Die Wachen schauten sich erst an, soweit Kleene das erkennen konnten. Dann waren sie sich wohl einig, dass eine einzelne Person kein Überfall darstellen konnte. Alle Wachen näherten sie auch Kleene. „Ich versteh die ganze Zeit nur Schafe“, meinte einer von ihnen.

„Ja, Schafe, so relativ kleine Tiere, mit weissen Fell, die mäh sagen“, erklärte Kleene und versuchte dabei die Grösse eines Schafes zu zeigen. „So blöd bin ich auch nicht, dass ich nicht weiss, was ein Schaf ist“, war die Antwort des Wachpostens, „aber wie kommst Du auf die Idee, dass hier Schafe sein sollen?“

Kleene betrachtete die Wachposten. Vier waren männlich, zwei weiblich. Soweit sie sehen konnte, trugen die meisten Jeans bzw. das eine Mädchen eine Arbeitshose. Dazu trugen sie Gummistiefel oder Springerstiefel. Dazu kam noch ein älterer Wachposten, wahrscheinlich ein Betreuer. Er trug Tarnklamotten und Springerstiefel, hatte sich bisher aber nicht aktiv in das Geschehen eingemischt.

Also dann: „Ich suche Schafe bzw. ich suche meinen Bruder. Und der ist  Schäfer.“ Der eine Wachposten, der bisher das Wort geführt hatte, schaute Kleene an. Er wusste wohl nicht so recht, was er davon halten sollte. Da frug das eine Mädchen Kleene, „und warum suchst Du Deinen Bruder so spät in der Nacht?“ Gut, auch darauf hatten sie sich vorher eine Antwort überlegt, „Weil ich irgendwie den rechten Weg verloren habe. Laufe hier schon ein paar Stunden durch die Gegend.“

Ein anderer der Pfadfinder frug, „und warum fährst Du erst abends los? Musst am Morgen fahren, da ist es länger hell.“ Oh, es klappte. Sie konzentrierten sich ganz auf Kleene und sahen daher, im Gegensatz zu Kleene nicht, wie in ihrem Rücken die ersten der Freunde sich durch den Wald auf den Zeltplatz schlichen und Richtung Banner unterwegs waren.

Kleene tat ganz lässig, „Weil ich heute morgen noch nicht gewusst habe, dass ich zu ihm wollte.“ „Wie?“ unterbrach einer der Wachposten sie, „das wusstest Du heute morgen nicht?“ „Hatte ein bisschen Stress mit meinem Freund. Musste da mal raus, “ log Kleene weiter. Zwei der Posten schauten einander an. Der Betreuer schaute auch einen der Posten an, „John, komm jetzt bitte auf keine blöden Ideen. Sie ist schon erwachsen. Da kann man so was mal machen.“

Einer der weiblichen Posten leuchtete Kleene nochmal mit der Taschenlampe an und leuchtete Kleene von oben nach unten mit dem Lichtstrahl ab. „Und da läuft Du so rum, wenn Du Deinen Bruder besuchen willst?“ frug sie mit einer Stimme voller Unglauben.

Mist, dass so eine Frage kommen könnte, hatten sie bei der Vorbereitung des Überfalles nicht gedacht. Obwohl die Frage durchaus berechtigt war: Kleene trug einen Arbeitsoverall, darüber eine ( alte ) blaue Joggingjacke von Leyla. Entsprechend sah es so aus, als wenn sie eine Arbeitshose trug. Nicht gerade die übliche Ausrüstung für einen Ausflug.

Kleene versuchte zu improvisieren, „In dem Bauwagen, wo mein Bruder schläft, ist es nicht gerade sauber. Kommt von all den Schafen, mit denen er den ganzen Tag zu tun hat. Da zieh ich mir doch nicht meine beste Jeans an.“

Die Pfadfinderin nickte. Wahrscheinlich hatte Kleene sie damit überzeugt. „Habt Ihr denn irgendwo Schafe gesehen?“ fing Kleene nochmal an, während sie versuchte, unauffällig an den Wachposten vorbeizuschauen, um zu sehen, wie weit ihre Freunde mit dem Überfall waren.

„Hey!“ schallte da plötzlich ein Ruf durch die Nacht. „Mist!“ „Ruhe!“ Aber es war schon zu spät. Die Wachposten hatten sich schon ruckartig umgedreht und sahen jetzt, wie Kleene, dass sich ettliche Personen in der Nähe des Mastes mit Lagerfahne aufhielten. „Überfall! Überfall! Alle aufstehen!“

Zugleich rannten die Wachposten alle in Richtung des Mastes, weiter, so gut sie es beim Laufen konnten, „Überfall“ zu rufen.

Kleene hatten sie unbeachtet zurückgelassen. Eigentlich konnte sie jetzt ja flüchten. Andererseits, wäre das unfair, gegenüber ihren Freunden, die jetzt ja gejagt wurden. Zudem jetzt alle ihre Freunde sich zerstreuten und quer über den Platz liefen, weil  zum einen alle Wachen in ihre Richtung liefen, zum anderen aber auch allmählich die anderen Lager-Teilnehmer, alarmiert durch die Alarm-Rufe aus den Zelten krochen und sich nach kurzer Orientierung auch auf die Jagd nach den Überfallern machten. Kleene lief daher an der Seite des Lagers entlang, möglichst in der Deckung der Bäume am Lagerrand.

Dabei blieb sie unbemerkt, bis sie am Ende des Lagers angekommen war. Gut, dass sie Gummistiefel anhatte, denn hier am Ende des Lagers war das Gras stellenweise doch etwas aufgeweicht. Kam wahrscheinlich davon, dass die hohen Bäume soviel Schatten warfen.

Kleene hatte sich bis jetzt beherrscht, sich  nicht von den Geräuschen, die von der Seite kamen, stören zu lassen. Wie sie nach den Geräuschen vermutete, wurden immer mehr Pfadfinder wach und verfolgten ihre Freunde. Immer wieder hörte sie diverse Rufe. Sie vermutete, dass schon ein paar ihrer Freunde die Lebendbänder verloren hatten. Eigentlich war es jetzt ihre einzige Chance, dass sie die Fahne holte.

Was konnte sie machen, wenn sie am Mast war? Musste sie hochklettern? Da hatte sie keinerlei Übung drin – das würde wohl nicht klappen. Oder konnte sie die Fahne einfach einholen? Musste sie am Mast klären, aber erstmal musste sie zum Mast hin.

Entsprechend wollte sie jetzt am Quer-Rand des Lagers entlanglaufen, bevor sie dann in Höhe des Mastes dann zum Mast laufen wollte. Was sich dann am Mast ergab, müsste sie dort entscheiden.

Aber schon als sie ein paar Schritte gelaufen war, hörte sie einen Ruf, „Hey! Da ist noch eine!“ Und ein paar Sekunden später, „Bleib stehen!“ Kleene dachte natürlich nicht dran, dieser Aufforderung nach zu kommen, aber sofort liefen fünf Pfadfinder ( bzw. es waren auch Mädchen dabei ) auf Kleene mit Gebrüll zu.

Vor Schreck ging Kleene ein paar Schritte zurück. Bei den auf sie zustürmenden Pfadfindern war einer der Wachposten dabei, die sie eigentlich vor einer Ewigkeit am Lagereingang gesprochen hatte. „Was machst denn Du hier? Von wegen auf der Suche nach dem Bruder?“

Sie wollten mit ihr diskutieren? Gut, Kleene wollte es versuchen. Vielleicht hatte dann einer ihrer Freunde noch eine Chance, zur Fahne zu kommen. „Natürlich suche ich meinen Bruder.“ „Und warum bist Du dann hierher gelaufen?“ „Warum ist hier so ein Aufstand? Hab ich Angst gekriegt, bin in die falsche Richtung gelaufen.“ „Du und Angst.“ Zugleich forderte sie ein anderer der Pfadfinder auf, „Zeig uns mal Deine Handgelenke.“

Es wurde ernst. „Handgelenke? Was? Warum?“ versuchte sich Kleene dumm zu stellen. Dieser Posten näherte sich Kleene, „Hast schon richtig gehört. Einfach die Handgelenke zeigen. Wenn Du wirklich nur vorbei gekommen bist, ist dann alles in Ordnung.“

Kleene ging noch ein paar Schritte zurück. Mehr ging aber nicht, weil jetzt hinter ihr eine Hecke war. Der Boden war hier aufgeweicht. Sie stand jetzt richtig im Matsch.

Der eine von den Pfadfindern näherte sich Kleene noch mehr. „Los, Einfach zeigen.“ „Los“ war schon richtig. Kleene lief los und versuchte ganz an der Seite des Zeltplatzes an den Pfadfindern vorzukommen. Hinterher betrachtet, war das eine sinnlose Aktion, wie sollte sie mit eins gegen fünf gewinnen. Zudem auf dem Platz wohl die meisten ihrer Freunde gefangen genommen waren, also sich noch zahlreiche weitere Pfadfinder um sie „kümmern“ konnten.

Entsprechend reagierten die anderen vier der Pfadfinder. Sie schnitten Kleene den Weg ab, so dass sie jetzt vieren gegenüber stand. Tollerweise war der Untergrund immer noch gut matschig. „Wo willst Du hin?“ frug jetzt eine von den Pfadfinderinnen. Kleene musterte sie. Die Pfadfinderin, der Kleene jetzt gegenüber stand,  trug eine Flecken-Tarnhose und ein schwarzes Sweat-Shirt, dazu schwarze hohe Gummistiefel. „Hey, wo willst Du hin?“ wiederholte die Pfadfinderin ihre Frage. Kleene versuchte es noch mal aufs Ganze, „Was sollen die blöden Fragen? Auf einmal verfolgt Ihr mich?“

Der erste von den Pfadfindern hatte sich der Gruppe wieder genähert. „Ganz einfach. Handgelenke zeigen. Wenn alles in Ordnung ist, entschuldigen wir uns. Dann finden wir bestimmt eine Ecke, wo Du heute nacht hier schlafen kannst, und morgen früh bekommst Du auch einen Kaffee. Kannst doch heute nacht nicht weiter herumirren.“ Die Pfadfinderin, die Kleene den Weg abgeschnitten hatte, ergänzte, „Wenn aber unser Verdacht stimmt, bist Du fällig.“

Kleene machte weiter auf unwissend, „was für ein Verdacht?“ Scheinbar reichte es jetzt der Pfadfinderin, „Komm, wir schauen selbst nach.“ Kleene rechnete jetzt damit,  dass sie ihr an die Arme packten, um an den Handgelenken nachzuschauen und ihr ggf. die Ärmel hochzuschieben. Stattdessen beugte sich die eine Pfadfinderin nach unten, packte Kleenes rechten Gummistiefel und zog ihn nach vorne. Um nicht sofort den Halt zu verlieren, war Kleene gezwungen, mit dem linken Fuss  hüpfend zu folgen.

Aber schon nach drei oder vier Hüpfern war Kleene klar, dass sie das nicht durchhalten konnte, weil die Pfadfinderin schneller zog, als Kleene hüpfen konnte. Sie wollte zwar noch „Halt“ rufen, aber dann verlor sie schneller den Halt, als erwartet, und fiel nach hinten. Die Pfadfinder hatten wohl diese Methode, jemanden flachzulegen, vorher abgesprochen, denn sie fiel nicht total nach hinten, sondern wurde von jemanden abgefangen. Aber dann ging es doch langsam weiter abwärts, Richtung Boden. „Nicht wehren jetzt. Sonst wird es gefährlich.“ Offenbar war der eine Pfadfinder, der sie zuerst angesprochen hatte, unbemerkt hinter sie getreten, während seine Kameradin mit Kleene weiter diskutiert hatte.

Nachdem Kleene auf dem Grasboden aufgekommen war, warfen sich sofort zwei vom Rest der Gruppe ( ein Junge und ein Mädchen ) auf Kleene drauf, so dass sie nicht mehr hoch kommen konnte. Sekunden später spürte sie, wie auch ihre Beine festgehalten wurden.  Dann war auch schon jemand an ihrem rechten Handgelenk und schob ihr den Ärmel etwas hoch.

„Also doch, überfällst mit“, rief der Pfadfinder, der am Handgelenk nachschaute. „Kein Wunder, dass sie die Handgelenke nicht zeigen wollte“, hörte Kleene von ihren Füssen her. Dann folgte ein Rucken an ihrem rechten Handgelenk – sie hatten wohl das Lebensband an diesem durchgerissen.

Vorsorglich versuchte Kleene den linken Arm unter den Rücken zu kriegen – zu leicht wollte sie es ihnen auch jetzt nicht machen. Da sie aber zwei Pfadfinder auf sich liegen hatte, von denen der eine auch nach ihrem linken Arm tastete, stiess sie mit ihrem Bemühen auf Widerstände. Jetzt war wohl die fünfte von den Pfadfindern zu Kleenes Füssen gelaufen und zu zweit hatten sie Kleenes Beine jetzt etwas hochgehoben und schüttelten sie, leider nicht im gleichen Takt. Die Vibrationen zogen bis ins Kleenes Bauch und wurden dadurch, dass ja zwei Pfadfinder quer auf ihr lagen, auch nicht angenehmer.

„Hey“, rief sie aus, „was soll der Blödsinn“, aber da war es auch schon zu spät. Von den Vibrationen abgelenkt, hatte sie nicht auf ihren linken Arm geachtet. Die eine Pfadfinderin, die auf ihr lag, hatte ihren linken Arm erwischt und ihr das dortige Lebendband durchgerissen. „Game over“, rief sie.

Kleene konnte innerlich nur nicken. Nach den Regeln konnte sie sich jetzt nur ergeben. Der eine der Pfadfinder, der Kleene zuerst angesprochen hatte, wandte sich jetzt an seine Kameraden. „Helft Du Jean hoch. Und Du Anke.“ Die eine Pfadfinderin zu Kleenes Füssen stand jetzt auf und half dem einen Pfadfinder hoch, der auf Kleene lag. Genau machte es die andere mit der Pfadfinderin auf Kleene. Jetzt ergriff der erste Pfadfinder wieder das Wort, „Warte, ich helf Dir hoch“, sagte er zu Kleene und hielt ihr die Hand ihn. „Alles okay?“ frug er dann.

Kleene schüttelte sich erstmal etwas durch, dann meinte sie, „Ja, aber das an den Beinen war schon fies. Ging durch den ganzen Körper.“ „Sorry“, antwortete die Pfadfinderin, „glaub ich Dir, ist aber ein wirksames Mittel, dass jemand nicht mehr an Widerstand denken kann.“ Kleene musste grinsen, „hab ich gemerkt.“ Die Pfadfinderin hielt Kleene die Hand hin, und sie klatschten einander ab. Desgleiche machte dann die andere Pfadfinderin, die Kleene geschüttelt hatte.

„Jetzt sollten wir sie zum Gefangenen-Platz bringen“, mahnte der erste Pfadfinder, gleichzeitig einen Blick über den gesamten Zeltplatz werfend. Auch Kleene versuchte drüber zu schauen. Das Geschrei hatte sich wieder beruhigt. Auch lief kaum jemand  noch rum. Scheinbar waren die anderen sieben auch gefangen genommen. Es war zu erwarten gewesen.

„Dann komm mit“, befahl der erste Pfadfinder. Kleene folgte, und auch die anderen vier gingen mit. „Hey, Du hast ja ein total dreckiges Hinterteil“, rief die eine Pfadfinderin, die jetzt hinter Kleene ging. Kleene drehte sich um. „Was?“ „Ja, sorry, wo wir Dich gelegt haben, war es doch was nass.“ Kleene versuchte selbst zu schauen, was natürlich nicht ging.  Auf ihre Gummistiefel konnte sie allerdings sehen. Die waren gut schmutzig. Egal, Gummistiefel konnte man einfach wieder sauber machen.

Kleene schaute die Pfadfinderin an. Auf ihrer Tarnhose konnte man an den Knien auch Dreckstellen erkennen und auf ihren Gummistiefeln waren auch Schlammspritzer, wenngleich sie gegenüber Kleene noch sauber waren. Die andere Pfadfinderin neben ihr trug eine offenbar schon alte blaue Jeans mit Springerstiefeln. Sie war gleich dreckig. „Ihr seid aber auch nicht gerade sauber“, antwortete Kleene. Die beiden schauten an sich runter, „Na ja, bleibt nicht aus, wenn wir hier so rumturnen müssen.“ Die andere lachte, „Wenn meine Eltern mich so sehen würde.“ Jetzt war es an der ersten zu lachen, „Oh ja, vor allem Deine Mutter. Die hätte einen Schock.“

„Komm, jetzt los zum Gefangenen-Platz“, forderte der eine Pfadfinder alle nochmals auf. Auf dem Weg dorthin kam ihnen vom Alter her ein Betreuer entgegen. „Alles klar bei Euch?“ frug er. „Ja, sicher, eine Gefangene gemacht.“ „Gut, ich denke, wir haben alle.“

Der Gefangenen-Platz war vor einem Gebäude am Rande des Platzes. Vor dem Gebäude standen drei einfache Bänke. Darauf sassen ihre Freunde, aber auch drei Pfadfinderinnen und ein Pfadfinder.

„Alles klar, Kleene?“ frug Steven, als sie sich der Gruppe, wahrscheinlich alles Gefangene, näherte. Aber wieso sassen dann da auch vier Pfadfinder? „Ja, sicher“, antwortete Kleene an Steven. Da kam auch schon ein anderer Pfadfinder auf sie zu. „Gib mal Deine Hände her.“

Kleene befolgte den Befehl. Der Pfadfinder zeichnete ihr mit Edding ein grosses X auf die Handinnenfläche der rechten Hand. Dann befahl er „die Hand umdrehen“ und bevor Kleene etwas sagen konnte, bekam sie auch ein X von aussen auf die Hand gemalt. „Was soll denn das?“ maulte sie.

„Bist jetzt markiert. Damit Du uns nicht abhanden kommst, “ antwortete ihr der eine Pfadfinder, der sie angemalt hatte. Steven beruhigte sie auch, „Kleene, ist okay. Das geht mit etwas Wasser und Seife zu Hause wieder ab.“

Kleene beruhigte sich innerlich wieder. Auch wenn diese Zeichnung ihr vorher nicht bekannt war, sie war einfach hinterher wieder zu entfernen.

Sie bekam dann die Aufforderung, sich auch auf die Bank zu setzen. „Und schön sitzenbleiben. Wenn Du ohne Erlaubnis aufstehst, greifen wir zu härteren Mitteln.“

Diese Anweisung befolgte Kleene sicherheitshalber.

Langsam sammelten sich alle Pfadfinder, die noch auf dem Gelände unterwegs waren, um eventuell weitere Überfäller zu fangen, vor dem Gebäude. „Niemand mehr jemanden gefunden?“ frug einer der Pfadfinder, wahrscheinlich der Wachführer.

Da niemand sich meldete, kam die nächste Aufforderung, abzuzählen. Sie wollten wohl so feststellen, ob sie vollständig waren. Zwar fehlte zuerst eine Person, aber dann meldete sich ein Pfadfinder, dass ein Zelt-Kamerad sich nicht so gut fühlte und deshalb beim Alarm liegen geblieben war. Es wurden dann zwei von den Wachen geschickt, nachzuschauen, ob er wirklich im Zelt lag. Sie rief zurück, „Alles in Ordnung.“  Nun schaute der Wachführer zu einem Betreuer und frug, „Dann Alarm beendet?“ Dieser nickte.

Darauf rief der Wachführer laut, „also dann für alle Alarm beendet.“ Er schaute auf seine Uhr. „Oh, ist es schon so spät. Die nächste Runde Wache ist dran. Also, die bitte auf ihre Posten. Und wer war beim Betreuungskommando für unsere Gäste?“ Ein paar Pfadfinder meldeten sich. „Dann kümmert auch bitte um die Gäste, wie besprochen.“

Beim Blick über Kleene und ihre Freunde fielen ihm die paar Pfadfinder auf, die auch auf der Gefangenbank sassen. „Ach so, Ihr seid frei.“ Ein Betreuer ergänzte, „Macht Euch nichts draus, dass Ihr erwischt worden seid. Bei so einem Überfall mit so vielen Angreifern, “ dabei blickte er über die anderen Überfaller, „wäre es ein Wunder, wenn die Angreifer nicht ein paar fangen würden. Aber ich bin sicher, Ihr habt alles gegeben. Nächstes Mal läuft es besser. Und jetzt alle ohne Aufgabe in die Schlafsäcke.“

Während die meisten der Lagerteilnehmer sich Richtung ihrer Zelte begaben, blieben ein paar zurück wie auch die meisten Betreuer. Diese begrüssten die nun Gefangenen. Der eine oder andere Spass wurde ausgetauscht, aber auch Worte der Anerkennung für die Idee des Überfalles.

Nach ein oder zwei Minuten meldete sich dann einer der jungen Pfadfinder, „ich glaube, wir sollten unsere Gefangenen für den Rest der Nacht in sichere Verwahrung bringen.“ Einer der Betreuer stimmte zu. „Habt  Ihr dann Schlafsäcke dabei?“ Rüdiger bejahte, „sind aber alle in den Autos unten am Parkplatz.“

„Dann sollten ein paar von Euch die Rucksäcke holen. Aber ein paar bleiben hier. Nicht dass Ihr den Rückweg nicht mehr findet.“ Dabei lachte er.

Charlie und ein paar der männlichen Überfäller meldeten sich freiwillig. Zu Kleenes Erstaunen waren auch drei der Betreuer bereit, mitzugehen, um die Rucksäcke zu holen. Rüdiger schaute sich um, „einer fehlt noch. Dann sollte es klappen, “ meinte er. „Okay, ich geh mit, “ meldete sich Steven spontan.

Während die Gruppe den Zeltplatz langsam verliess, wurden Kleene, Leyla und Nicole aufgefordert, schon mal mitzukommen. Zwei von den Pfadfindern gingen vor ihnen und drei hinter ihnen. Nach ettlichen Metern über den Zeltplatz mussten sie ein Gebäude betreten.

Kleene schaute sich drinnen um. Sie war in einer Umkleidekabine. „Macht es Euch schon mal bequem. Eure Rucksäcke kommen ja bald, “ meinte einer von den Pfadfindern. „Da links geht es zur Toilette, falls Bedarf.“

„Und, war es okay für Dich?“ frug Leyla. „Ja, sicher. Hat richtig Spass gemacht. Wäre zwar noch schöner gewesen, wenn wir gewonnen hätten.“ Leyla lachte, „Das hab ich Dir aber gesagt, dass das schwierig würde.“ Kleene lachte auch, „Ich weiss, aber man darf doch mal träumen. Hat aber auch so Spass gemacht.“

Sie quatschten noch etwas über alles mögliche, bis schließlich zwei Pfadfinder und Charlie ihnen ihre Rucksäcke brachten. Kleene wollte noch mal aus dem Raum raus, um Steven gute Nacht zu sagen. „Musst Du etwas Wichtiges von ihm haben?“ frug einer von den Pfadfindern. „Nein, nur gute Nacht sagen.“ Der Pfadfinder lachte, „Du bist hier als Strafe gefangen.“

Kleene war zwar nicht begeistert davon, aber war ja nur für eine Nacht.
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