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Überfall auf ein Zeltlager

von Jeanmarie
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
30.06.2014
30.07.2016
9
17.981
 
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30.06.2014 1.279
 
Kleene hörte, wie draussen ein Schlüssel gegen andere schlug. Endlich kam Steven heim. Was hiess hier endlich? Er war nur bei ein paar Freunden gewesen, um etwas zu bereden. Trotzdem freute sie sich, dass er wieder zu Hause war. Das heisst, eigentlich war es sein zu Hause, wo sie, als sich ihre Beziehung festigte, eingezogen war.

„Hallo, Kleene“, begrüsste er sie, „da bin ich wieder.“ „Schön, dass Du wieder da bist. Ich liebe Dich“, war ihre Antwort, gefolgt von einem Kuss, welchen Steven mit einer Umarmung erwiderte.

Während Steven nun Richtung Küche ging und dort sich eine Cola light aus dem Kühlschrank nahm, spürte Kleene, dass Steven irgendwas auf dem Herzen lag. Er wollte doch nicht mit ihr Schluss machen? Sie hatte in ihrem Leben zuviel erlebt.

„Was ist los?“ frug sie ihn. Lieber ein Ende mit Schrecken, aber wieder Schrecken ohne Ende. Steven goss sich erst ein Glas Cola light ein, dann setzte er an, „Kleene, nicht böse sein für die Frage…“ Ihr Herz klopfte innerlich ganz furchtbar. Das hatte sie Steven nicht zugetraut.

„Hast Du Lust nächste Woche Freitag abend mitzumachen, wenn wir das Sommerlager der Pfadfinder überfallen. Aber ich muss Dich warnen: wahrscheinlich wirst Du dabei furchtbar dreckig.“ Im Geiste machte sie einen Luftsprung. Steven war ihr doch treu. Aber wieso überfallen? Das verstand sie nicht.

Er erklärte es ihr: Die Pfadfinder veranstalten jedes Jahr ein Zeltlager im Sommer. Dabei wurde an einem grossen Mast auch eine Lagerfahne angebracht. Diese Fahne nachts abzuhängen und ausserhalb des Lagers zu bringen, war ein Spass, den sich jedes Jahr einige befreundete Gruppen, aber auch Ex-Pfadfinder machten. Aber auch einige Freunde dieser aus der aktiven Pfadfinder-Zeit Herausgewachsene machten mit. Und so jemand war Steven.

„Ist das dann nicht total gefährlich, wenn wir die überfallen? Nicht, dass die uns für echte Räuber halten?“ wollte Kleene wissen. Steven beruhigte sie, „Nein, da brauchst Du keine Angst haben. Einer von den Lagerleitern weiss Bescheid. So wird auch verhindert, dass mehrere Gruppen zugleich überfallen, oder dass wir an einem Tag kommen, wo es überhaupt nicht in das Lagerprogramm passt.“ „Aber der verrät dann das doch sofort dem ganzen Lager.“

Steven schüttelte den Kopf. „Auf der einen Seite ist das Vertrauenssache, dass er es nicht tut. Bzw. Ehrenkodex. Auf der anderen Seite ist es ein tolles Erlebnis für die Kleinen, wenn sie die Überfaller jagen und fangen und bestrafen können. Das Erlebnis ruinieren die Leiter sich doch nicht, indem sie die Kids vorher warnen.“

Kleene war jetzt aber beunruhigt, „Bestrafen? Wie denn das?“ „Lass Dir weiter erklären. Wer erwischt wird, wird gefangen genommen und falls wir alle gefangen sind, bevor die Fahne vom Platz ist, kommt am nächsten Morgen die Strafe. Das klingt jetzt aber schlimmer. Im letzten Jahr hat jeder an jedem Handgelenk ein Lebendband gehabt, und wenn die Kids beide abgerissen hatten, musste man sich auf den Boden setzen. Dann mussten die Kids einen aber zur Lagermitte abführen.  Aber auch die Kids bekamen Lebendbänder, und wem beide Lebendbänder abgerissen wurden waren, durfte nicht mehr mit verteidigen, sondern musste auch zur Lagermitte.“

„Was sind Lebendbänder?“ wollte Kleene wissen.  Steven war geduldig, „das sind Papierbänder, von denen eines vom jedes Handgelenk kommt. Stören Dich beim Tragen nicht, und sind dünn genug, damit man sie mit etwas Kraft durchreissen kann.“ „Dann mach ich das, wie hiess das… Lebendband, vorher ab, und leg es mir hinterher wieder an, und kann unbesorgt, kann man kämpfen sagen.“

„Deine Idee hat nur einen Haken“, korrigierte Steven sie. „Die Lebendbänder werden zusammenklebt.“ „Kleb ich halt wieder“, unterbrach Kleene ihn. „Geht nicht. Die Bänder sind da, wo der Klebepunkt ist, mit ein paar Zick-Zack-Linien eingestanzt. Wenn Du ein einmal zusammenklebendes Band wieder versuchst auseinanderzuziehen, zerreisst Du es. Ist natürlich Vertrauenssache, dass wir nicht Reserve-Bände dabei haben.“

„Und was ist mit der Strafe?“ wollte Kleene wissen. Steven holte Luft, „am nächsten Morgen kommt die Rache des Lagers. Müssen die Kids aber vorher mit den Leitern absprechen.“ „Hast Du denn letztes Jahr verloren?“ „Ehrlich gesagt, fast immer, aber ist ja auch mehr als Spass für die Kids gedacht, und wenn die Nachtwachen auf Trapp sind und das Lager auf den Alarm zügig reagiert, haben wir eigentlich keine Chance.“ „Und wenn es doch klappt?“ wollte Kleene wissen. „Dann muss das Lager die Fahne wieder auslösen. Hab schon gehört, dass woanders das dem Lager Bier für die Überfaller kostet, aber das finden wir doof. In dem einen Jahr, wo wir gewonnen haben, haben wir das Lager sieben Sündenböcke bestimmen lassen, ohne dass die Kids wussten, was den Sündenböcken bevorstand. Aber die Auswahl mussten sie vor unseren Augen und den der Leiter machen. Das war eine Diskussion, weil kaum einer sich freiwillig melden wollte. Selbst von der Lagerwache, die richtig gepennt hatte, waren nur zwei bereit.“

„Die hätte dann ja eigentlich komplett zur Strafe antreten müssen.“ „Hatten wir ja auch gedacht. Dann hätte es auch nur noch einen weiteren gebraucht, und da hätte sich dann ein Leiter gemeldet. Das hatten wir vorher abgesprochen. Aber so haben wir uns die Diskussion mit Freuden angehört. War ein richtig basis-demokratischer Prozess.“

„Und was war die Strafe hinterher?“ Steven lachte, „Das war ja der Gag: zwei Kniebeugen für Jeden.“ Kleene lachte auch. „Da hätte sich ja wirklich jeder melden können, wenn sie das gewusst hätten.“ „Ja, wussten sie aber nicht, und sie dachten daran, was ihre Strafe für uns ist.“

Einen Augenblick stockte Kleene, „was erwartet uns denn für eine Strafe?“ „Na ja, wir sind schon gut nass gemacht wurden oder mit Rasierschaum eingeschmiert. Oder Zahnpasta auf die Klamotten. Aber wir ziehen uns ja extra Überfallklamotten an.“ „Überfallklamotten? Was denn?“ „Tarnhose und Springerstiefel und Tarnfarbe im Gesicht.“

Kleene sah Steven an, „So kenn ich Dich gar nicht.“ „Lauf ich ja auch normalerweise nicht mit rum. Aber für so einen Überfall sind die Klamotten schon optimal.“ „Glaub ich Dir. Zieh die Klamotten doch mal an. Möchte Dich mal drin sehen.“ „Kleene, die Klamotten sind gut auf dem Speicher weggepackt. Brauch ja doch nur ein- oder zweimal im Jahr. Aber ich zeig sie Dir, wenn ich sie in den nächsten Tagen runterhole.“

„Okay, aber dann will ich sie sehen.“ Kleene wurde nachdenklich. „Aber so Klamotten hab ich nicht. Auch keine Springerstiefel. Kann ich doch nicht mitmachen. Obwohl, wäre ja ein Gag.“ Steven schaute sie an. Das war die Kleene, die er kannte und mochte. Die jede blöde Aktion mitmachte. „Du, da werden wir Wege finden. Frag doch mal Charlie oder Jenny. Vielleicht haben die noch eine Hose und ein Tarn T-Shirt übrig. Oder wir bestellen welche im Internet.“

„Was kostet das denn?“ „Soviel auch nicht, wenn wir bei gebrauchten Sachen gucken. Für so eine Aktion ziehst Du doch eine getragene Hose an?“ Kleene nickte, „Ja, sicher, für die Nacht ist mir das egal.“ Aber dann stockte sie wieder. „Und Springerstiefel hab ich auch keine.“

Steven überlegte, „Beim ersten Mal werden auch alte Gummistiefel gehen.“ Er kam ins Grübeln. „Vielleicht ist das sogar die Idee. Du als Ablenkung ins Jeans und Gummistiefel als ….“ Er stockte, „Das ist jetzt nicht bös gemeint, als Landstreicherin.“

Kleene sah ihn einen Augenblick an. Steven befürchtete schon, dass sie ihm dafür böse wurde. Doch dann lachte Kleene. Steven atmete auf. „Klingt nicht schlecht.  Könnte sie nach dem Weg fragen. Oder nach Essen.“ „Langsam, langsam. Die genaue Story überlegen wir noch. Solltest aber wirklich eine ganz alte Jeans anziehen.“ „Ich zeig Dir mal morgen eine, ob die alt genug ist.“

„Okay, aber wirklich. Sollten wirklich alte Klamotten sein, wenn Du keine Tarnsachen trägst.“

Kleene nickte. Während sich die beiden noch einen schönen Rest-Abend machten, überlegte Kleene, ob sie eine bestimmte alte Jeans dafür nehmen sollte, oder doch mal mit Charlie reden.
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