Die Kinder der Rose

GeschichteDrama, Romanze / P18
Blanche Raymond Robin
28.06.2014
14.09.2014
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Waringham, Juni 1407



Die Rosen, die sich am Turm emporrankten, verströmten einen schweren, süßen Duft. Bienen summten auf der Suche nach Nektar von einer Blüte zur nächsten. Robin stand an einem der Fenster und sah in den Burghof hinunter. Cecilia hatte ihm den Rücken gekehrt, so dass er eigentlich kaum mehr als eine Flut aus glänzendem schwarzem Haar erkennen konnte, das ihr bis auf die Hüfte fiel. Eine ihrer kleinen Hände lag auf der Stirn eines stattlichen Streitrosses und spielte mit dessen Stirnlocke. Sie war in ein ernstes Gespräch mit Raymond vertieft, schien ihn dabei nicht aus den Augen zu lassen.

„Was gibt es denn dort unten zu sehen?“ erkundigte sich in diesem Moment eine ihm nur allzu bekannte Stimme. Er wandte den Kopf und legte Blanche einen Arm um die Schultern.

„Cecilia.“

Fröhliches Lachen drang zu ihnen herauf und lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Mädchen, das sich nun zu einer Katze hinunter beugte, die um ihre Beine strich und sie auf dem Arm nahm.

„John Beaufort hat sich angekündigt. Er möchte mit mir über Cecilia sprechen“, erklärte Robin und drehte sich um. „Sie ist jetzt alt genug, um verheiratet zu werden.“

„Sie ist gerade erst vierzehn.“

„Alt genug.“ Robin seufzte. „John befürchtet immer noch, dass ihr ihre Herkunft schaden könnte.“

„Und er befürchtet, dass Raymond sich doch noch entschließen könnte zu heiraten, ohne Cecilia dafür in Erwägung zu ziehen.“

„Manchmal fürchte ich wirklich, dass Raymond niemals heiraten wird.“

Blanche trat an ihn heran, legte ihre Arme um seinen Oberkörper und blickte ihn von unten an. „Denkst du darüber nach, ihn dazu zu zwingen?“

„Eigentlich nicht. Natürlich hoffe ich auf einen Erben, damit Waringham nicht wieder in fremde Hände fällt, aber – “ Nachdenklich strich Robin seiner Frau über den Rücken. „Ich bin davon überzeugt, dass Raymond und Cecilia sich gut verstehen würden.“

„Dieser Ansicht war Lancaster schon vor vielen Jahren“, bemerkte Blanche mit einem Lächeln.

So war es in der Tat gewesen. Robin erinnerte sich noch gut an jenen Tag vor beinahe neun Jahren, als sein Dienstherr ihn zur Seite nahm, um mit ihm über seine Enkelin zu sprechen.

***


Leicester, Dezember 1398


„John ist in Sorge. Er fürchtet, Cecilia könnte darunter leiden, dass sie unehelich geboren wurde.“

Robin nickte verstehend.Eine nicht unberechtigte Sorge.“

Lancaster hob kurz die Schultern und nippte an seinem silbernen Weinbecher. „Wie man es nimmt. Cecilia mag ihren ehelichen Halbgeschwistern, so sie denn welche haben wird, nicht gleich gestellt sein, doch das muss nicht bedeuten, dass sie keinen guten Ehemann findet.“

„Das Kloster – ?“

„Kommt nicht infrage!“ unterbrach der Herzog heftig. „Ihr kennt sie, Robin. Cecilia würde sich dort nicht einfügen können.

„Vermutlich nicht“, stimmte Robin ihm zu und lächelte. „Sie ist Euch sehr ähnlich, Mylord.“

Lancaster zeigte ein zufriedenes Lächeln. „Ja, das ist sie. Und das soll, wenn möglich, auch so bleiben.“

„Wollt Ihr sie etwa in die Politik einführen?“ fragte Robin spöttisch.

„Nichts dergleichen. Aber ich werde dafür sorgen, dass sie einen guten Ehemann bekommt. Und da kommt Ihr ins Spiel, Robin.“

„Ich, Mylord? Ich bin schon verheiratet, wir Ihr wisst. Außerdem wäre ich wohl schwerlich ein geeigneter Ehemann für Eure Enkelin.“

„Was redet Ihr denn da!“ Der Herzog schüttelte amüsiert den Kopf. „Natürlich hatte ich nicht an Euch als Ehemann gedacht, sondern vielmehr an Euren Sohn.“

„Edward?“

„Raymond.“

„Raymond? Nun, ich fürchte, Mylord, Raymond denkt nicht ans Heiraten.“

„Eines Tages wird er das müssen. Waringham braucht einen Erben, nicht wahr?“ Eine Augenbraue des Herzogs wanderte nach oben.

Das war nicht zu leugnen, und so nickte Robin zustimmend. „Raymond wird sich allerdings kaum dazu zwingen lassen.“

„Oder Ihr habt keine Lust dazu, ihn zu zwingen“, überlegte Lancaster und tippte sich mit einem langen Zeigefinger gegen die Lippen. „Aber das wird auch nicht nötig sein. Es wird wie von selbst kommen. Nehmt Cecilia mit nach Waringham. Ihre Mutter ist tot und ihr Vater hat eine Frau geheiratet, die ihm früher oder später legitime Kinder schenken wird. Und was mich betrifft – “ Er seufzte. „Ich werde auch nicht mehr lange für sie da sein können. Ich bitte Euch, Robin, nehmt Cecilia mit zu Euch. Als Euer Mündel.

„Mylord – “

„Ihr wollt Bedenkzeit.“

„Nein.“ Robin schüttelte den Kopf. „Ich werde Cecilia zu mir nehmen, wenn Ihr und John es wünscht.
Und wenn Cecilia einverstanden ist.


Der Herzog winkte ab. „Oh, das wird sie sein, seid unbesorgt. Sie liebt Eure Pferde.“

„Aber sie liebt Euch noch mehr, Mylord. Es wird ihr nicht leicht fallen, Euch und Lady Catherine zu verlassen.“

„Hm, ja, sie wird ihre Großmutter vermissen. Aber ich bin davon überzeugt, dass es Euch gelingen wird, Cecilia von Ihrem Kummer abzulenken. Ihr habt vor vielen Jahren Henry bei Euch aufgenommen. Nun vertraue ich Euch meine Enkelin an, die mir sehr am Herzen liegt.“

„Es ist mir eine große Ehre, Mylord.“

***


Waringham, Juni 1407


Keine zwei Monate später war Lancaster gestorben und Robin hatte die kleine Cecilia zu sich genommen. Anfangs hatte sie ihn oft nach ihrem Großvater gefragt, aber mit der Zeit hatte sie sich in Waringham ebenso eingelebt wie damals in Leicester Castle.

John hatte seine Tochter in den letzten Jahren so oft besucht, wie es ihm möglich war. Dann ritt er mit ihr durch die Wälder oder unternahm ausgiebige Spaziergänge. Man sah ihm jedes Mal an, dass es ihm schwer fiel, wieder von ihr Abschied zu nehmen. Doch seine Ämter und Pflichten als Earl of Somerset ermöglichten es ihm nur selten, sich um Cecilia zu kümmern. Konnte er Zeit erübrigen, wurde er meist von seiner Frau Margaret und seinen ehelichen Kindern in Beschlag genommen. Er bedauerte es zutiefst, Cecilia nicht häufiger sehen zu können und überschüttete sie daher mit Geschenken. Da es in Waringham allerdings nur wenig Gelegenheiten gab, zu denen sie Kleider aus feinstem Tuch tragen konnte, vermoderten sie in den Truhen. Dennoch ließ sich John nicht davon abhalten, seine Tochter zu beschenken.

Offenbar hatte sich Raymond inzwischen dazu überreden lassen, Cecilia auf seinem Streitross reiten zu lassen, denn er hob sie gerade, als Robin sich wieder zum Fenster umdrehte, in den Sattel.

„Herrje, lass das John nicht sehen!“ stöhnte er, als das Mädchen ihr Kleid raffte und ihr rechtes Bein über den Kopf des Pferdes auf die andere Seite schwang.

Blanche lachte auf. „Seit wann stört es dich, wie Cecilia sich auf ein Pferd setzt?“

„Mich stört es nicht.“

„Aber du denkst, John könnte es stören? Er kennt seine Tochter. Denk daran, welchen Sattel er ihr bei seinem letzten Besuch mitbrachte.“

Cecilia stieß dem Hengst nun leicht die Fersen in die Seiten und das mächtige Tier setzte sich in Bewegung. Nicht nur Robin und Blanche folgten ihr mit den Augen, während sie eine Runde über den Burghof drehte, sondern auch Raymond.

Sollte Lancasters Plan tatsächlich aufgehen? Robin hätte es nicht gewundert. Für seinen Sohn würde es ihn auch freuen. Er küsste Blanche auf den Scheitel, nahm sie schließlich bei der Hand und führte sie zu einem der Sessel, die in der Nähe des Kamins standen. Die Zeit, bis John kam, wollte er noch nutzen. Daher setzte er sich und zog Blanche auf seinen Schoß.

***


Raymond beobachtete, wie Cecilia seinen Rappen lediglich mit Schenkeldruck über den Burghof lenkte. Willig folgte das Tier all ihren Anweisungen und blieb dann schließlich wieder vor ihm stehen. Er legte ihm eine Hand auf die Nüstern und lächelte der jungen Reiterin zu.

„Wie groß ist meine Chance, dass du ihn mir überlässt?“ erkundigte sie sich und strich dem Schlachtross über den muskulösen Hals.

„Du hast selbst ein wunderbares Pferd.“

„Ja“, musste das Mädchen zugeben. „Aber Arcitas ist wirklich herrlich. Kann ich dich wenigstens dazu überreden, mich ihn reiten zu lassen, solange du hier bist?“ Ihre dunklen Augen sahen ihn flehentlich an.

„Wenn es dir gelingt, meinen Vater dazu zu bringen, mir Hector zu überlassen.“

„Du willst meine Stute wohl nicht.“

„Damit du mich bei einem Rennen schlägst?“ Raymond schüttelte lachend den Kopf. „Vergiss es!“

Cecilia zog eine ihrer schön geschwungenen Augenbrauen hoch, wie er es früher schon bei ihrem Großvater gesehen hatte. Nie zuvor hatte sie Lancaster ähnlicher gewesen. Kein Wunder, dass sein Vater manchmal wehmütig wurde, wenn er Cecilia sah.

„Na schön“, sie zuckte mit den schmalen Schultern und schwang ihr rechtes Bein wieder über den Pferdehals. Raymond war sofort zur Stelle und hob sie aus dem Sattel. Seit ihre Figur frauliche Formen angenommen hatte, nutzte er gern jede Gelegenheit, um ihr näher zu kommen und sie zu berühren. Sie schenkte ihm ein Lächeln, wandte sich dann allerdings von ihm ab, als Hufschlag die Ankunft von Reitern ankündigte.

Noch ehe die drei Ritter absitzen konnten, eilte Cecilia auf sie zu. „Vater!“ Vor dem größten und am edelsten Gekleideten blieb sie stehen und neigte grüßend den Kopf.

„Cecilia.“ Der Earl of Somerset zog sie an sich und küsste sie auf die Stirn. „Wie schön, dich zu sehen!“

„Ich wusste nicht, dass Ihr kommen wolltet, Mylord.“

„Nein, ich hatte Robin gebeten, dir nichts zu sagen. Es sollte eine Überraschung werden.“

„Die ist Euch gelungen.“ Cecilia strahlte über das ganze Gesicht, besann sich aber dann und begrüßte auch die beiden Begleiter ihres Vaters.

Inzwischen war Raymond näher gekommen und verbeugte sich vor den Besuchern. „Willkommen in Waringham, Mylord. Sirs.“

„So förmlich heute?“ fragte John Beaufort spöttisch und schlug Raymond freundschaftlich auf die Schulter. „Wir sind doch nicht bei Hofe. Wo ist Robin?“

„Ich bin hier.“ Mit langen Schritten kam Robin auf den Earl und die anderen beiden Ritter zu und begrüßte sie. „Ich hatte Euch erst später erwartet.“

„Das letzte Stück haben wir die Pferde nicht geschont. Ich muss gestehen, dass ich einem guten Essen nicht abgeneigt wäre.“ John grinste.

„Wie der Vater, so der Sohn. Ich denke, wir werden etwas finden, was wir Euch anbieten können.“ Robin machte eine einladende Geste Richtung Turm. Dann winkte er einem Stallburschen und wies ihn an, sich um die Pferde zu kümmern.

Raymond ließ auch Arcitas in der Obhut eines Stallknechts zurück und ging neben Cecilia her zum Turm. Aus den Augenwinkeln warf er ihr einen kurzen Blick zu. Sie schien sich aufrichtig über den Besuch ihres Vaters zu freuen. Ihm ging es nicht anders. Seit Lancasters zweitältester Sohn John sich nach der Gefangenschaft im Tower seiner angenommen hatte, brachte er ihm eine tiefe, freundschaftliche Zuneigung entgegen. Dennoch bedauerte er es, dass die gemeinsame Zeit mit Cecilia unterbrochen worden war. Sie hatte sich in den letzten Jahren zu einer anziehenden jungen Frau entwickelt. Entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten hatte er es allerdings nie gewagt, sie anzurühren. Sein Vater hätte ihm andernfalls den Kopf abgerissen. Oder er hätte es John überlassen. Aber einer von beiden hätte es ganz sicher getan. Und irgendwie lag ihm auch zu viel an Cecilia, als dass er sie nur für ein kurzes Abenteuer gewollt hätte. Er schätzte sie als Gegnerin bei einem Pferderennen oder auch einfach nur als Gesprächspartnerin. Bisher hatte er nur für Liz Wheeler etwas Vergleichbares empfunden.

Sein Vater und der Earl of Somerset hatten bereits den Weg zum Rosenzimmer eingeschlagen und Cecilia folgte ihnen, während sich die beiden Ritter aus Johns Gefolge in die Halle setzten. Raymond blieb jedoch stehen und sah sich unschlüssig um. Weder das eine noch das andere reizte ihn sonderlich. Vielmehr zog es ihn ins Gestüt. Also wandte er sich um.

„Wo willst du denn hin?“ Offenbar war seine Abwesenheit schnell bemerkt worden.

Er verharrte nur kurz. „Ins Gestüt“, teilte er Cecilia im Hinausgehen mit.

„Darf ich dich begleiten?“ fragte sie und lief neben ihm her.

Raymond blieb stehen und sah sie an. „Willst du nicht bei deinem Vater bleiben?“

„Er will erst mit deinem Vater allein sprechen.“ Sie zuckte mit den schmalen Schultern, als mache ihr dieser Umstand nichts aus. Doch Raymond wusste es besser. Er kannte das Gefühl, das sich einstellte, wenn der Vater nach langer Abwesenheit wieder heimkehrte. Man wollte sich nur noch in dessen Gegenwart aufhalten, ihn ansehen.

„Weißt du, um was es geht?“ wollte er wissen, um sie von ihrer Enttäuschung abzulenken.

„Nein. Also, darf ich mit dir kommen?“

Raymond grinste und legte ihr scheinbar unbefangen den Arm um die Schultern. „Natürlich.“

***


Wie immer heiterte der Aufenthalt bei den Pferden sie auf. Gemeinsam mit Raymond schlenderte sie von Box zu Box und besah sich die neuen Fohlen. Die Stuten kamen vertrauensvoll näher und stupsten sie gegen die Schulter und die Brust.

„Ich wünschte, ich hätte deine Gabe“, gestand Cecilia leise, während sie versonnen über das glänzende Fell einer Stute strich.

„Das solltest du nicht.“

„Vielleicht nicht“, räumte sie ein. „Aber ich tu’s trotzdem. Wirst du mit Vater nach London zurückreiten?“

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Aber schon möglich.“

„Ich würde auch gern nach London. Denkst du, die Königin braucht noch eine Hofdame?“

Raymond lehnte sich an die Stallwand und blickte Cecilia nachdenklich an. Bisher hatte er immer angenommen, sie würde sich hier wohlfühlen. Warum wollte sie plötzlich an den königlichen Hof? Hoffte sie so, ihrem Vater näher sein zu können? „Du willst eine von Johannas Hofdamen werden?“

„Ich weiß nicht.“ Sie hob unschlüssig die Schultern. „Irgendetwas muss ich doch tun, oder? Ich kann doch nicht den Rest meines Lebens hier verbringen.“ Nachdenklich begann sie auf ihrer Unterlippe zu kauen. „Vielleicht findet Vater auch einen geeigneten Ehemann für mich.“

Einen Ehemann? Raymond fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Darüber hatte er noch nie nachgedacht, aber jetzt, da sie es erwähnte, erschien ihm das nur allzu einleuchtend. Cecilia musste das heiratsfähige Alter schon längst erreicht haben. Wenn er es richtig in Erinnerung hatte, so war sie zwei Jahre jünger als seine Halbschwester Isabella, und die war gerade siebzehn geworden.

„Das ist eine der Möglichkeiten. Oder er steckt mich ins Kloster.“ Davor schien sie regelrecht Angst zu haben, denn ein Schauer lief ihr über den Rücken.

„Ich bin sicher, dass er dich niemals in ein Kloster stecken würde.“ Das konnte er sich bei John einfach nicht vorstellen. Andererseits gab es vermutlich nicht besonders viele Möglichkeiten, die ihm sonst noch blieben. Ob das der Grund war, warum er sich mit seinem Vater ins Rosenzimmer zurückgezogen hatte?  Berieten sie über Cecilias Zukunft? Sein Vater war auch nach dem Tod von Johns Vater der Berater des Hauses Lancaster geblieben. Gab es Probleme, wandte sich sogar der König noch an ihn.

Plötzlich hatte Raymond das Bedürfnis, zur Burg zurückzugehen und sich nach dem Inhalt des Gesprächs zwischen seinem Vater und dem Earl of Somerset zu erkundigen. Aber was würde er tun, wenn es tatsächlich um Cecilias zukünftigen Gemahl ging? Wenn John nun nur aus diesem einen Grund nach Waringham gekommen war?

„Ich glaube auch nicht, dass er mir das antun würde. Aber wen sollte ich denn heiraten? Ich bin ein Bastard und habe keinen anständigen Namen.“

„Aber dein Vater ist der Earl of Somerset.“

„Was zählt das schon, wenn er mit meiner Mutter nicht verheiratet war?“ platzte es aus Cecilia heraus. „Eigentlich hätte er es doch besser wissen müssen, oder nicht? Schließlich weiß er, wie es ist, als Bastard aufzuwachsen.“

„Deinen Großvater hat es nie interessiert, ob seine Kinder nun ehelich oder unehelich zur Welt gekommen sind. Er hat sie alle gleich behandelt.“

Cecilia schüttelte den Kopf. „Ich weiß, dass es eine Zeit gegeben hat, da hatte mein Vater erhebliche Zweifel an der Zuneigung meines Großvaters.“

„Aber die Zeit ging vorüber.“

„Schon, doch ich denke, ganz hat er das nie abgestreift. Umso seltsamer ist es, dass er nun ebenfalls einen Bastard hat.“ Sie lächelte bitter. „Man sollte doch eigentlich meinen, dass er dazu gelernt hat, oder?“

Raymond seufzte. „Ich hatte immer den Eindruck, dass es dir nie so viel ausgemacht hat, dass du unehelich geboren wurdest.“

„Nein, ich hatte immer viel Spaß daran, der Bastard meines Vaters zu sein“, stieß sie ironisch hervor und warf verzweifelt die Arme in die Luft.

Allmählich fühlte sich Raymond unbehaglich. Das Gespräch drohte sehr heikel zu werden. Angestrengt überlegte er, wie er es wieder auf ein unverfängliches Thema zurücklenken konnte. Dabei fiel ihm gar nicht auf, wie Cecilia ihn musterte. Als er es schließlich doch bemerkte, grinste er ein bisschen verlegen. Hatte sie seine Gedanken erraten?

„Ich war kein unglückliches Kind“, räumte sie schnell ein, als hätte sie seine Not wirklich erkannt. „Zuerst hat sich meine Mutter gut um mich gekümmert, später mein Großvater und meine Großmutter. Und danach dann Robin. Mein Vater hat mich oft besucht. Ich weiß, wie schwer die Situation für ihn war. Aber jetzt mache ich mir eben meine Gedanken.“ Sie lächelte. „Ich will nur wissen, was aus mir werden soll.“

Ohne nachzudenken, zog Raymond sie an sich heran und strich ihr ein bisschen unbeholfen über das schwarze Haar. „Dein Vater wird das Richtige tun. Davon bin ich überzeugt.“

Mit feuchten Augen sah sie zu ihm auf. „Ja, ich weiß.“

„Und bevor du ins Kloster musst, heirate ich dich“, versprach er und küsste sie auf die Stirn.

Sie starrte ihn an und machte dann einen Schritt zurück. „Wie gnädig von dir“, fauchte sie wenig damenhaft, raffte ihr Kleid ein Stück und rannte eilig davon.

Völlig verdattert sah Raymond ihr nach. Was war denn nun passiert? Warum war sie denn plötzlich so wütend geworden?

„Was hast du ihr getan?“ wollte eine bekannte Stimme hinter ihm wissen. Als er sich umdrehte, erkannte er seinen Cousin Robin, der wie sein Vater die Hände in die Hüften gestemmt hatte.

„Gar nichts.“

„Und warum rennt sie dann zur Burg zurück?“

Wenn er das nur wüsste. Offenbar hatte sie sein Angebot falsch verstanden. Dabei hatte er es doch nur gut gemeint. Sie wollte nicht ins Kloster und er würde sie heiraten, um sie davor zu bewahren. Das wäre zweifellos auch im Interesse seines Vaters. Der drängte ihn zwar nicht, aber Raymond wusste auch so, dass er sich eine Ehefrau für ihn wünschte. Doch er liebte alle Frauen, war ständig neu verliebt und wollte sich nicht auf eine festlegen müssen. Wobei Cecilia ihm schon gefiele.

„Was hast du getan, du Trottel?“ fragte Robin noch einmal.

„Gar nichts!“ Raymond hob zu seiner Verteidigung beide Hände. „Ich sagte nur, dass ich sie heiraten würde, bevor ihr Vater sie ins Kloster steckt.“

Sein Cousin starrte ihn ungläubig an. „Das hast du nicht getan.“

„Doch.“

„Trottel passt“, stellte der kleine Robin, der gar nicht mehr so klein war, dann fest. „Trottel passt wirklich.“

„Was fällt dir ein?“

„Was fällt dir denn ein? Du kannst doch sowas nicht zu ihr sagen.“

„Was war denn so schlimm daran?“

Robin seufzte und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das solltest du wohl selbst herausfinden.“ Er drehte sich um und ging davon, um die Stallburschen bei der Arbeit zu beaufsichtigen. Raymond blieb allein zurück.

***


Blind von Tränen rannte Cecilia über den Mönchskopf zurück zur Burg. Sie wollte so schnell wie möglich Abstand zwischen sich und Raymond bringen. Warum sie so wütend war, konnte sie gar nicht genau sagen, aber sie hatte das Gefühl, als hätte Raymond ihr mitten ins Gesicht geschlagen.

Kurz bevor sie die Zugbrücke erreichte, verlangsamte sie ihr Tempo und wischte sich die Tränen von den Wangen. Dann schritt sie gemessenen Schrittes in den Burghof.

Eine Magd eilte auf sie zu und verneigte sich. „Euer Vater sucht Euch bereits, Mylady.“

„Danke.“ Cecilia lächelte ihr zu und machte sich auf den Weg zum Burgturm.

Ihr Vater kam ihr schon auf der Treppe entgegen. „Ich wollte mich gerade selbst nach dir umsehen.“

„Ich war im Gestüt.“

„Das hatte ich mir schon gedacht.“ Er lächelte. „Ich hoffe aber, nicht allein.“

„Raymond hat mich begleitet.“

„Verstehe.“ Ihr Vater nickte. „Was hältst du von einem Ausritt?“

„Sehr viel, Mylord.“

Sie gingen gemeinsam in den Burghof hinaus und ihr Vater wies einen Stallknecht an, ihre Pferde zu satteln.

„Geht es dir gut?“

„Natürlich.“

Er sah sie eine Weile wortlos an, ehe er fortfuhr. „Warum glaube ich dir nicht?“

Sie sah ihn konsterniert an. „Ich … ich weiß nicht.“

„Wir müssen dringend über einige Dinge reden, scheint mir.“

„Ich weiß nicht, was Ihr meint, Mylord.“

Ihr Vater nahm die Zügel seines Pferdes aus den Händen des Stallknechts entgegen und saß auf. Cecilia folgte seinem Beispiel. Nebeneinander ritten sie durch das Burgtor. Von weitem erkannte das Mädchen Raymond, der auf die Burg zustapfte. Schnell wandte sie den Blick ab und richtete ihn stur geradeaus.

„Ist zwischen dir und Raymond etwas vorgefallen?“ erkundigte sich ihr Vater, als sie sich ein Stück von der Burg entfernt hatten.

„Nein. Wie kommt Ihr darauf?“

Der Earl seufzte. „Ich hatte gerade den Eindruck. Du bist allein zur Burg zurückgekehrt und hast weggesehen, als Raymond eben über den Mönchskopf kam.“

Natürlich war es ihrem Vater nicht entgangen. Robin sagte oft, dass er ihrem Großvater sehr ähnlich wäre. Und dem war, so hatte man ihr erzählt, auch nie etwas entgangen. „Raymond ist Raymond. Es ist nicht immer leicht mit ihm.“

„Ist er … ist er dir schon jemals zu nahe gekommen?“

„Nein.“ Es klang tatsächlich entrüstet, obwohl diese Frage, wie sie wusste, nicht unbegründet war. Raymond hatte einen gewissen Ruf, der auch schon bis an ihre Ohren vorgedrungen war.

„Aber du verstehst dich gut mit ihm.“

„Ja.“ Für gewöhnlich zumindest.

„Cecilia, du kannst dir vielleicht denken, worüber ich mit dir sprechen muss.“

„Über meine Zukunft, nehme ich an. Ich bin jetzt alt genug, um zu heiraten oder ins Kloster zu gehen.“

„Das Kloster will ich dir ersparen.“

„Danke.“ Sie war ehrlich erleichtert, auch wenn sie mit nichts anderem gerechnet hatte.

„Was das Heiraten betrifft – “

„Es ist nicht leicht, einen geeigneten Mann zu finden.“ Ganz gleich, welchen Namen ihr Vater trug, sie war aus einer außerehelichen Beziehung zwischen ihm und ihrer Mutter hervorgegangen und dieser Makel haftete an ihr. Viele Männer würden darüber nicht hinwegsehen können.

„Das ist es nie. Aber ich möchte wissen, ob es jemanden gibt, dem du zugetan bist.“

„Nein.“ Es fühlte sich an wie eine Lüge, und dennoch kam keine andere Antwort für sie infrage. „Trefft eine Wahl und“, sie biss sich auf die Unterlippe und blinzelte ärgerlich die Tränen weg, die erneut an die Oberfläche drängten, „und ich werde mich fügen.“ Zumindest würde sie es versuchen, wenngleich ihr allein die Vorstellung, mit einem Fremden verheiratet zu werden, die Kehle zuschnürte.

„Ich wünschte, es gäbe einen Mann, dem du zugetan bist. Zumindest das würde ich gern für dich tun.“

Sie wandte sich ihrem Vater zu. „Du hast doch alles für mich getan, was möglich war.“

„Ich habe meinem Vater nicht immer so viel Verständnis entgegenbringen können. – Cecilia, wenn es wirklich keinen Mann gibt, den du heiraten willst, dann … werde ich tatsächlich eine Wahl treffen müssen.“

Hätte er sie bei seiner Ankunft gefragt, wäre ihr vermutlich gleich ein Name in den Sinn gekommen. Doch nun hatte sich alles geändert. Raymond würde sie nur dann heiraten, wenn ihr Vater sie in ein Kloster steckte. Vielleicht sollte sie darauf bestehen, um Raymond zu provozieren. Aber sie wollte nicht einfach nur seine Mitleidsfrau sein. Ihre Rettung vor dem Kloster sollte nicht zwischen ihnen stehen. Was hätte sie auch davon? Dann war es allemal besser, einen völlig Fremden zu heiraten. Sie war überzeugt, dass ihr Vater schon einen guten Mann für sie auswählen würde, selbst wenn er von niederem Stand war.

„Ich habe mit Robin darüber gesprochen. Eigentlich dachten wir beide an denselben Mann. Allerdings bin ich mir nun nicht mehr sicher, ob er tatsächlich die richtige Wahl wäre.“

„Das kann ich auch nicht sagen, denn ich weiß nicht, um wen es sich handelt. Kenne ich ihn?“

„Ja, sehr gut sogar.“

„Mag ich ihn?“ Es kam ihr vor, als spreche sie über ein neues Kleid oder ein Schmuckstück und nicht über ihren zukünftigen Gatten.

„Davon bin ich bisher immer ausgegangen.“

„Dann wird es mir vermutlich nicht schwer fallen, seine Frau zu werden.“

„Wie ich schon sagte: ich bin mir nicht sicher, ob es tatsächlich die richtige Wahl wäre.“

„Das kannst nur du allein entscheiden.“ Sie würde sich dem fügen. Was sollte sie auch sonst tun? Ihr blieb keine andere Wahl, wenn sie nicht doch ins Kloster geschickt werden wollte.

„Lass mich noch einmal darüber nachdenken.“

„Wie du willst.“

„Wie wäre es mit einem kleinen Rennen?“

Sie sah ihn an und lächelte, froh dieser Unterhaltung erst einmal wieder entkommen zu sein. Beinahe im selben Moment stieß sie ihrer Stute die Fersen in die Seite.
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