Was bleibt ist die Erinnerung

GeschichteThriller, Übernatürlich / P16 Slash
Kohta Mayu Nana (Nr.7) Nyu/Lucy Yuka
27.06.2014
29.07.2015
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Noch lange blickt Kohta auf die Standuhr, die im Hausflur steht. Wie in Trance lauscht er dem Stundenschlag, bis er im letzten Winkel des Hauses verhallt. Eine Erinnerung holt ihn ein, die sich vor seinem inneren Auge abspielt und ihn gänzlich vereinnahmt, sodass ihm ist, als geschieht es genau in diesem Augenblick.
Er kam gerade aus dem Speiseraum, als er Nyu wieder vor der Standuhr knien sah. Sie trug eine rosarote Bluse und einen langen gelben Rock mit weißem Saum und wie immer trug sie keine Schuhe. Er beobachtete sie, wie sie vorsichtig mit dem Zeigefinger das Pendel anstieß und sofort strahlte, als die Uhr gleichmäßig zu ticken begann. Flüchtig muss er lächeln, als er an das Gesicht von Nyu denkt, als sie in diesem Moment ihre Augen schloss und sich leise freute. Er denkt gerne an sie zurück. Schließlich ist sie ja eigentlich das Mädchen, das er seit seiner Kindheit kennt. Lucy, das Mädchen mit den Hörnern, das acht Jahre zuvor einsam und verlassen unter dem großen Baum stand und sich zu ihm wendete, als er die Melodie seiner Spieluhr erklingen ließ. Das Mädchen, das er lieben gelernt hatte, obwohl sie ganz anders war, als die anderen. Sie ist ein Diclonius und daher eine Mutantin des Menschen, die die Regierung zur Ausrottung verordnet hatte.
Seit er Lucy das letzte Mal gesehen hatte, weiß er auch warum, denn schließlich war auch sie es, die vor acht Jahren seine kleine Schwester Kanae und seinen Vater getötet hatte.
Heute ist ihm auch klar, dass Lucy eine gespaltene Persönlichkeit hat, eine Art der multiplen Persönlichkeitsstörung. Als sie sich ihm bei ihrer letzten Begegnung offenbarte, schien sie sie jedoch überwunden zu haben. Denn sie blieb bis zum letzten Augenblick an die Lucy, die er seit seiner Kindheit kennt.
Nur hat sie ihn danach verlassen.
Nachdem sie sich geküsst und lange umarmt hatten, hat sie sich unter Tränen von ihm verabschiedet und ist schweren Schrittes die Treppen hinabgestiegen. Sie hatte zu ihm gesagt, dass es mittlerweile viel zu gefährlich wäre, wenn sie bei ihm bleiben würde und dass er sie dieses Mal bitte nicht aufhalten solle.
Dieses Mal ließ er auch ihren Willen, auch als es schließlich zur Folge hatte, dass er sich Vorwürfe machte und immer wieder traurig herumsaß und die Muschel betrachtete, die Nyu ihm als Wiedergutmachung für Kanaes Muschel, gegeben hatte. Es war ihm immer bewusst, dass er Yuka mit seinem Verhalten in den Wahnsinn trieb, aber das kümmerte ihn nur wenig. Er weiß nämlich, dass es die Eifersucht ist, die Yuka immer wieder dazu treibt ihm ständig Vorwürfe und Ohrfeigen zu liefern.
Die Standuhr lässt seinen letzten Stundenschlag erklingen und dieser verhallt nicht lange danach. Kurz darauf übertönt wieder Wantas Bellen jedes noch so kleine Geräusch und das reißt Kohta schließlich aus seinen Gedanken. Er sieht sich irritiert um und zuckt zusammen, als ihm klar wird, dass noch immer jemand vor dem Tor des Innenhofs steht. Der Schatten zeichnet sich im hellen Holz des Tores ab und scheint sich keinen Zentimeter bewegt zu haben.
Kohta schämt sich, die Uhr hat ihn abgelenkt.
Sofort eilt er zum Tor, um nachzusehen, wer denn dort wartet. Denn eigentlich erwartet hier keiner von ihnen irgendjemanden. Er legt gerade seine Handfläche an den Rahmen des Tores, um diese beiseitezuschieben, als der Schatten plötzlich in sich zusammensackt. Fast, als würde die Person vor dem Tor zusammenbrechen. Erschrocken hält er inne, bis er dann auch leise Schluchzer vernimmt.
Langsam schiebt er schließlich das Tor beiseite und tritt vorsichtig über die Schwelle auf den Weg. Dort auf dem Boden kauert ein Mädchen mit tränenüberströmten Gesicht. Ihre großen rubinroten Augen funkeln im Abendlicht wie zwei wertvolle Opale und blicken ihn sehnsüchtig an. Ihr schulterlanges, rotes Haar weht in der sanften Brise des Abendwindes und eine Träne tropft ihr wie eine kleine Perle vom Kinn auf den hellen Steinboden. An ihrer Schläfe befindet sich eine Wunde und das Blut rinnt dem Mädchen
wie ein Rinnsal über die Wange.
"Kohta...", wispert das Mädchen traurig und sieht ihm flehend in die Augen. Kohta fällt vor ihr auf die Knie und nimmt ihre Hände in seine, als er sie schließlich erkennt.
"Nyu..."
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