Zweifel sind menschlich

von CloeMaus
GeschichteDrama, Freundschaft / P12
23.06.2014
23.06.2014
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„Was haben wir hier?“, fragte Dr. Ross als er den Behandlungsraum betrat und sich dabei zeitgleich sein Stethoskop schwungvoll um den Nacken warf. „Das ist Lisa, 13 Jahre, Multiple Sklerose im fortgeschrittenem Stadium“, stellte Dr. Mark Green seinem Kollegen die Patientin vor.

„Hallo Lisa, ich bin Dr. Ross“, begrüßte der Kinderarzt den Teenager und streckte ihr seine Hand entgegen. Doch sie reagierte nicht. Ihr starrer, angsterfüllter Blick war weiter geradeaus zur Decke gerichtet. Ross sah fragend zu Mark, dieser seufzte nur, reagierte aber auf Dougs unausgesprochene Frage: „Nach einem ausgeprägtem Schwächegefühl mit Lähmungserscheinungen in beiden Armen, verlor sie plötzlich die Sehkraft.“ „Wird das denn so bleiben?“, meldete sich Lisa mit tränenerstickter Stimme zu Wort, „Es ist so dunkel“, hauchte das Mädchen angsterfüllt. Die beiden Ärzte wechselten ein paar vielsagende Blicke. „Kommst du klar?“, fragte Mark seinen Freund und Kollegen. „Ja, ja, geh nur.“ „Danke!“, sogleich entblätterte sich Dr. Green von seinem Einweg-Kittel und seinen Gummihandschuhen und verließ den Behandlungsraum.
„Hallo? Hallo? Ist noch jemand da?“, die aufsteigende Panik war in der Stimme des Kindes deutlich zu hören. „Keine Angst, Lisa. Ich kümmere mich jetzt um dich!“, versuchte Doug sie zu besänftigen. Nebenher zog er sich das Paar Gummihandschuhe an, welches ihm von Schwester Lydia hingehalten wurde. Danach nahm er Lisas beide Hände und legte diese um seine eigene, Er hielt sie mit Nachdruck, aber sanft, fest. „Ich bin hier, hörst du? Du bist nicht allein. Ich werde dich jetzt untersuchen und dir vorher alles erklären, okay?“ Lisa nickte verkrampft und hielt sich an ihm fest. Doug war schon immer mit Leib und Seele Kinderarzt, aber in Momenten wie diesen, bricht es ihm das Herz solch' verängstigte kleine Personen zu sehen und dabei genau zu wissen, dass ihnen nicht mehr geholfen werden kann.

„Wie ich merke, sind die Lähmungserscheinungen wieder weg?“ Vorsichtig löste er sich aus dem festen Griff der jungen Patientin. Diese nickte: „Ja, nach ein paar Minuten haben sich meine Arme wieder ganz normal angefühlt. Es kribbelt nur noch ein bisschen. Aber das bin ich schon gewohnt.“ „Was hast du gemacht als der Anfall kam? Hattest du so etwas schon einmal?“, hakte Doug nach und schaute währenddessen auf die Notizen, welche Marl zuvor gemacht hatte. „Dass mir plötzlich die Kraft in den Armen fehlt, habe ich so ein bis zwei Mal in der Woche. Aber ich hatte noch nie Probleme beim Sehen“, antwortete Lisa und erneut flossen die heißen Tränen über ihre Wangen. „Ganz ruhig. Lisa, siehst du irgendwelche Schatten oder Schemen?“, in dem Moment als Doug diese Frage stellte, leuchtete er dem Mädchen mit seiner Taschenleuchte direkt in die Augen. „Nein, nichts. Es ist alles schwarz“, weinte sie. Lydia strich ihr besänftigend über ihren Unterarm.

„Setz dich doch mal bitte auf!“, forderte Doug sie auf und half ihr mit einem beherzten Griff unter ihren linken Arm. „Ich werde jetzt deine Reflexe testen. Das tut nicht weh“, erklärte er ihr geduldig. Routiniert klopfte er mit einem Reflexhammer die zu untersuchenden Stelle, wie Knie und Ellenbogenweichen. Zur Schwester, die das Klemmbrett in der Hand hielt, diktierte er: „Reflexe an Beinen normal – am rechten Arm leicht verzögert, genauso am Linken.“ Doug legte den Reflexhammer wieder zur Seite. „Jetzt werde ich mir deine Augen genauer ansehen, Lisa. Sieh einfach gerade aus, nicht blinzeln“, wies Doug das Mädchen an, griff nach einem Roll-Hocker, um sich vor die Patientin zu setzen. Er hielt Lisaeine Rolle mit rotierende Schwarz Weiß-Streifen genau vor ihr Gesicht und wartete auf eine Reaktion ihrer Augen – vergebens. Danach sah er sich ihre Sehnerven genauer an. „Deine Sehnerven sehen gut durchblutet aus“, erklärt er ihr, während er noch durch sein Ophthalmoskop in ihr linkes Auge schaute. Dann richtete er sich wieder auf und verstaute die Instrumente. Lisas Augen zuckten nervös hin und her. „Was ist mit mir?“, flüsterte sie. „Sind deine Eltern schon benachrichtigt?“ Die Schwester hakte ein „Sie sind bereits auf dem Weg.“ Beruhigend strich Doug mit seinen Daumen über die Handrücken der jungen Patientin. „Ich befürchte, dass dein Sehverlust von deiner Krankheit kommt. Normalerweise sollte sich die Sehkraft bald wieder einstellen.“ „Und was ist, wenn sie das nicht tut?“, plapperte das Mädchen aufgeregt dazwischen. Doug reagierte nicht direkt auf die Frage, sondern erhob sich vom Hocker und drückte Lisa sanft wieder auf den Rücken. „Die Schwester wird dir erst einmal Blut abnehmen“, erklärte er und sah zu Lydia „Großes Blutbild und das Labor soll sich beeilen.“ Die Schwester notierte es sich und nickte. Wieder an Lisa gerichtet, fügte Doug hinzu: „Danach werden wir eine Lumbalpunktion durchführen. Weißt du was das ist?“ Wie auf Knopfdruck strömen die Tränen über Lisas Gesicht und flehte Dr. Ross verzweifelt an: „Bitte nicht schon wieder. Bitte, bitte nicht – das will ich nicht. Das tut so weh!“ Doug kratzte sich nervös am Hinterkopf, atmetet tief durch und schaute zweifelnd hinüber zur Schwester. „Lydia, bitte bleib bei ihr und wenn die Eltern da sind, piep mich an.“ Mit diesen Worten verließ Doug, ohne sich noch einmal zu seiner Patientin umzudrehen, den Behandlungsraum. Er hatte solch einen schnellen Schritt, dass er Carol fast über den Weg rannte. Ohne sich dessen bewusst zu sein, steuerte er das Ärztezimmer an und knallte die Tür zu.

„Was ist denn mit dem los?“, fragte Jerry unbeholfen und sah ihm nach. Carol drückte daraufhin alle Klemmbretter, die sie trug, in Jerrys Arme und lief ihrem Partner nach. Allerdings wurde sie kurz vor der Tür zum Ärztezimmer von Mark aufgehalten. „Ich mach das schon“, meinte dieser und ging seinem besten Freund nach. Mark brauchte im Prinzip gar nicht sagen, Doug fing von ganz allein an zu reden. Er stand mit dem Gesicht zum Fenster und stemmte die Hände in die Hüften. „Ich bin Arzt geworden, weil ich den Kindern helfen wollte. Nicht, um ihnen beim Sterben untätig zuzusehen!“, presste er aufgewühlt hervor. „Doug – wir sind Ärzte – keine Götter!“, antwortete Mark besänftigend. „Mark!“ Mit einem Mal drehte sich Doug geschwind um und sah seinen Kollegen eindringlich an: „Dieses Mädchen“, dabei zeigte er mit ausgestrecktem Arm in Richtung Tür, „Dieses Mädchen ist gerade Mal 12 Jahre alt, ist erblindet, hat ihr halbes Leben mit Schmerzen in Krankenhäusern verbracht und wird qualvoll zu Grunde gehen! Das ich das nicht ertragen kann, hat nichts damit zu tun, dass ich Gott spielen will!“ Seine bebende Stimmte verebbte und er griff sich durch sein dunkles Haar, bis seine Hände gekreuzt im Nacken blieben. „Ich verstehe dich doch. Du hattest eine schwere Woche. Geh nach Hause, ruh' dich aus. Im Moment kannst du sowieso nichts tun!“, beschwichtigte Mark ihn. „Genau das ist ja das Problem!“ Mit einem heftigen Ruck riss Doug seine Spindtür auf, riss seine Jacke an sich und verließ in Windeseile die Notaufnahme, hinaus in den Regen.

Auf dem Flur kam Carol auf Mark zu. „Was ist mit ihm?“, fragte sie. „Ach er wird schon wieder – die Zweifel am Arztberuf bekommt jeder mal von Zeit zu Zeit“, spielte Mark die Situation runter. „Dr. Green“, meldete sich Jerry zu Wort, „Wollten Sie nicht schon längst über alle Berge sein? Ich habe sie extra frei gehalten.“ „Danke Jerry, aber Jennifer hat mich kurzfristig sitzen lassen, wieder mal.“
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