Filigran

KurzgeschichteAllgemein / P16
23.06.2014
23.06.2014
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Kuroko no Basuke und damit die in dieser Geschichte vorkommenden Charaktere sind geistiges Eigentum von Fujimaki Tadatoshi.

Für so'ne nette Olle auf Animexx, mit der ich so gut reden kann - feel my love, Doro. :D

Ich mag Makoto total gerne. Also, so richtig. Deshalb wollte ich auch schon sehr lange über ihn schreiben, weil er im Fandom immer zu kurz kommt und weil ich diese Idee ohnehin schon seit gefühlten tausend Jahren habe.
Na ja.
Im Endeffekt habe ich trotzdem keine Ahnung, was das hier sein soll; und wenn's euch an Prinzessin erinnert, dann ist das gar nicht mal so abewgig.
Viel Spaß. :D
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Makoto hatte schon immer eine Schwäche für zerbrechliche Dinge gehabt. Zerbrechlichkeit war eine wundervolle Eigenschaft für irgendetwas, weil sie voraussetzte, dass dieses Irgendetwas mit großer Sorgfalt und Vorsicht behandelt werden musste und dass man es so leicht kaputt machen könnte, wenn man nur einen Moment lang unvorsichtig wäre.
Natürlich hatte Makoto als Kind gelernt, dass man nicht unachtsam sein durfte. Er hatte gelernt, dass man zerbrechliche Dinge mit Sorgfalt behandeln musste; dass man es besser vermied, sie anzufassen und dass man sich lieber damit begnügen sollte, sie anzusehen. Und das konnte er gut. Er konnte Stunden damit verbringen, Dinge zu bewundern, sofern sie zart und filigran waren und seine Vorsicht verlangten. Diese Eigenschaften übten eine Faszination auf ihn aus, die er sich niemals würde erklären können – und deshalb versuchte er es gar nicht erst. Es würde ihm auch nicht viel bringen, denn allein eine Erklärung würde an dieser Faszination natürlich nicht viel ändern.
Als Makoto grade in die Grundschule gekommen war, konnte er sich kaum etwas Zerbrechlicheres vorstellen als Schmetterlinge. Ihre Flügel waren so dünn und fein, dass vielleicht ein Windstoß ausreichen würde, um sie zu zerreißen. Deshalb liebte er sie. Weil ihr zarter Körperbau mit so unendlich viel Sorgfalt behandelt werden musste und weil es so leicht wäre, sie zu zerstören – und weil es ihm ein gewisses Gefühl von Größe gab, zu entscheiden, sie am Leben zu lassen.
Dieses Gefühl der Größe schätzte Makoto am meisten. Entscheiden zu können, etwas nicht zu kaputt zu machen, ließ ihn vor sich selbst gut und gnädig erscheinen und dieses Gefühl zauberte stets den Anflug eines Lächeln auf sein Gesicht, wenn er etwas Zerbrechliches betrachtete.
Bis er sieben Jahre alt war, reichte ihm das tatsächlich.
Bis er sieben Jahre alt war, verbrachte er Stunde um Stunde mit dem Betrachten solcher Dinge, auch Stunden um Stunden damit, Schmetterlinge zu suchen und anzusehen, sie zu bewundern und gnädig zu entscheiden, sie nicht zu zerstören.
Als er sieben Jahre alt war, wurde das alles anders.
Er spielte alleine auf der Straße vor dem Haus – viele Freunde hatte er nie gehabt, weil kaum jemand etwas mit seiner Vorliebe anfangen konnte, aber meistens war ihm das nur recht gewesen – als er den Schmetterling fand. Es war kein besonders hübscher Schmetterling und keiner, der besonders klein oder besonders zart war; er war ein Schmetterling wie jeder andere und solche wie ihn hatte Makoto sicher schon hunderte Male gesehen. Er saß am Straßenrand in der Sonne, blau schimmernde Flügel, ein dünner, schmaler Körper. Ein Klecks Farbe auf dem grauen Asphalt.
Makoto musste näher herangehen. Der Schmetterling flog nicht einmal davon. Er blieb dort sitzen, ließ sich die Sonne auf den Rücken scheinen und bewegte seine Flügel ganz sacht auf und ab.
Diese feinen, dünnen Flügel, so zerbrechlich, so verletzlich…
Makoto dachte nicht großartig, als er entschied, dass er diesmal nicht gnädig sein würde, und dann hob er den Fuß, um diesen normalen, überhaupt nicht besonderen Schmetterling unter seiner Schuhsohle zu zerquetschen. Der Farbklecks wurde eins mit dem grauen Asphalt.
Im ersten Moment erschrak Makoto über seine Tat und über sich selbst – schließlich hatte er gelernt, dass es nicht in Ordnung war, Dinge kaputt zu machen – aber er erschrak noch viel mehr darüber, wie gleichgültig er sich fühlte. Den Schmetterling leben zu lassen hatte ihn immer mit Güte erfüllt, aber ihn zu zertreten war weder gut noch schlecht gewesen und irgendeine Stimme in Makotos kindlichem Bewusstsein flüsterte, dass es nicht seine Schuld war; dass der Schmetterling selbst schuld an seinem Schicksal war, wenn er so zerbrechlich und ungeschützt auf der Straße saß.

Die Gleichgültigkeit, die Makoto gegenüber dem Schmetterling empfunden hatte, empfand er schnell auch allem anderen gegenüber. Außerdem entwickelte er ein völlig neues Bewusstsein für Zerbrechlichkeit; begann, all die zerbrechlichen Dinge in seinem Umfeld mit ganz anderen Augen zu sehen. Zeitweilen schien es ihm, gäbe es sie nur, um zerbrochen zu werden und obwohl die Tat an sich keinerlei Empfindung in ihm auslöste, fühlte es sich doch gut an, der Zerbrechlichkeit zu ihrem wahren Sinn zu verhelfen.
Er merkte, dass es ihm viel leichter fiel, Dinge zu bewundern, wenn sie kaputt waren. Die Vasen seiner Mutter oder diese schöne, elegante und überaus teure Kalligraphie-Feder, die immer auf dem Pult seiner Lehrerin in der Grundschule stand…  All diese feinen Dinge, die ohnehin hübsch waren und die er lange bewundert hatte, aber deren wahre Schönheit er erst entdeckte, wenn sie zertreten und in Scherben auf dem Fußboden lagen.
Es war nicht seine Schuld, wirklich nicht. Es waren nur Dinge. Sie fühlten nichts und konnten sich nicht beschweren und sie erfüllten nur den Zweck, hübsch auszusehen. Er half ihnen nur dabei. Es tat niemandem weh.

Als er auf die Mittelschule kam, war er kaum wiederzuerkennen. Er genoss nicht mehr die Schönheit eines Objekts an sich, sondern die Scherben, zu denen es werden konnte. Auch Scherben waren auf eine gewisse Weise filigran und schön. Ihre Kanten mochten scharf sein, aber sie wiesen auch immer unterschiedliche Muster auf, waren immer anders geformt und wenn er am Ende noch einmal auf sie trat und sie unter seinen Schuhen knirschten, veränderten sie sich schon wieder.
Makoto hatte lange Schmetterlinge bewundert. Jetzt bewunderte er Scherben.
Vielleicht lernte er Imayoshi nur deswegen kennen. Vielleicht kam er nur deswegen so gut mit ihm aus.
Imayoshi war einer seiner Senpai aus dem zweiten Schuljahr und er war die merkwürdigste Person, die Makoto jemals kennengelernt hatte; denn Imayoshi sprach zwar immer sehr freundlich und hatte immer ein freundliches Lächeln für Makoto übrig, wirkte dabei aber niemals wirklich freundlich. Makoto wusste bis zum Ende ihrer gemeinsamen Schulzeit nicht, ob er seine Gesellschaft suchen oder meiden sollte und im Übrigen mochte ihm beides auch nicht wirklich gelingen.
Was er sehr genau wusste war, dass er Imayoshi zutiefst bewunderte – und dass er dieses Gefühl zutiefst hasste.
Denn Imayoshi war ein Meister darin, Dinge zu zerbrechen. Nicht einfach nur irgendwelche Dinge, sondern Menschen. Er tat es mit seinen freundlichen Worten und seinem freundlichen Lächeln und nutzte beides dafür, Menschen zu manipulieren und zu lenken, wie es ihm grade beliebte.
Noch nie zuvor war Makoto so beeindruckt von jemandem gewesen und noch nie zuvor hatte er so viel Angst vor der Gesellschaft eines anderen gehabt. Er wurde das Gefühl nicht los, dass Imayoshi auch ihn zerbrechen wollte, ganz vorsichtig und hinterlistig, sodass Makoto es erst merken würde, wenn es schon zu spät wäre; und das konnte er nicht zulassen.
Dass er trotzdem manipuliert wurde, merkte er daran, dass er immer wieder Imayoshis Gesellschaft suchte, auch wenn er sie meiden wollte. Und daran, dass er sich wünschte, ein bisschen mehr wie sein Senpai zu sein: andere mit Worten beeinflussen und dann vernichten zu können.
Er lernte es nie. Stattdessen blieb er sich selbst treu; er konnte Gewalt nutzen, um andere zu zerbrechen. Er konnte Gewalt nutzen, um mühsam aufgebaute Freundschaftsbande zu zerreißen und im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen zu treten. Er scheute sich auch nicht davor. Freundschaften waren etwas so Schönes und Wundervolles, doch wie bei allen anderen Dingen auch verbarg ihre wahre Schönheit sich eigentlich in ihrer Vernichtung.
Die Freundschaft, die er am meisten vernichten wollte, war seine eigene zu Imayoshi. Und er wollte Imayoshi selbst vernichten, doch alles, was er versuchte, schien nur wie Wasser an einen Fels zu prallen. Imayoshis Lächeln geriet in ihrer gesamten gemeinsamen Schulzeit nicht ein einziges Mal ins Wanken und ganz provokant nannte er ihn Makoto-chan und wirkte immer so furchtbar spöttisch, dass Makoto mehr als einmal den Drang verspürte, ihn bis zur Unkenntlichkeit zu verprügeln.
Dass er diesem Drang nicht jedes Mal nachgab, lag an Imayoshis Manipulation. Daran, dass Imayoshi trotz all des Spotts immer so freundlich wirkte und Makoto sich immer ernstgenommen fühlte, auch wenn Imayoshi sicherlich ununterbrochen Spaß auf seine Kosten hatte.
Er hasste Imayoshi dafür. Aber er verehrte ihn auch und nur aus diesem Grund wurde der Wunsch, ihn zu vernichten, mit jedem Tag größer.
Bis er Kiyoshi Teppei kennenlernte; denn im Vergleich zu Kiyoshi Teppei erschien selbst Imayoshi wie ein angenehmer Zeitgenosse. Kiyoshi Teppei war ein verfluchter Bastard mit einem blöden Grinsen und einem noch blöderen „Lass uns Spaß haben“ und es dauerte nicht lange, da wollte Makoto nichts lieber, als ihm beides aus dem Gesicht zu wischen. Mit Gewalt.
Aber Kiyoshi Teppei war kein Schmetterling. Er war Granit und er stand immer wieder auf, egal, was Makoto versuchte, ihm anzutun. Makoto hasste ihn dafür. Aber er fühlte sich auch unheimlich amüsiert darüber, dass Kiyoshi Teppei auf etwas so feines und zerbrechliches wie Freundschaft vertraute; und Makoto würde das zu seinem Untergang machen.
Danach würde er sich wieder Imayoshi widmen; denn als er Imayoshi das erste Mal nach ihrer Mittelschulzeit wiedersah, lächelte der ganz freundlich und irgendwie stolz, als wäre Makotos ganze Art sein alleiniger Verdienst. Makoto hatte wirkliche Schwierigkeiten, sich zu entscheiden, was er mehr hasste: Kiyoshi Teppeis dämliches Grinsen oder Imayoshis überhebliches Lächeln.
Was auch immer es sein mochte – er würde ihnen eins nach dem anderen aus dem Gesicht wischen, und dann würde er endlich seine Ruhe haben.