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Spiegelbild

von Jessi 222
GeschichteDrama, Freundschaft / P12 / Gen
Elphaba Thropp Fiyero Tigelaar/Tiggular Glinda/Galinda Upland of the Upper Uplands OC (Own Character)
22.06.2014
27.11.2014
6
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22.06.2014 1.081
 
Es ist nicht leicht grün zu sein

Ich war noch nie in meinem Leben so aufgeregt gewesen. Meine Knie fühlten sich an, als wären sie aus Wackelpudding und meine Hände zitterten unaufhörlich. Nervös strich ich mir eine lose Haarsträhne hinters Ohr. Ich biss mir auf die Unterlippe und atmete noch ein letztes Mal tief durch bevor ich aus dem Schatten der Mauer trat, an der ich bis eben noch gelehnt hatte. Jetzt war es also soweit. Der Moment, auf den ich schon so lange gewartet hatte. Der mich auch in meinen Träumen verfolgte und an den ich ohne Unterbrechung hatte denken müssen.

Mein Blick war auf die große Eingangstür gerichtet, deren Rahmen von verschnörkelten Mustern verziert wurde. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht und zum ersten Mal fühlte ich so etwas wie ein Glücksgefühl in mir aufsteigen. Dass ich jetzt wirklich hier stand, konnte ich noch gar nicht richtig begreifen. Mit meinen Augen folgte ich den Umrissen des riesigen Gebäudes vor mir. Jedes noch so kleine Detail fraß sich in mein Gedächtnis und ich wusste, dass ich diesen Anblick niemals vergessen würde.

Zum Glück hatte ich eine etwas ungewöhnliche Zeit für meine Anreise gewählt und so konnte ich diesen Moment ungestört genießen. Ein wenig zögerlich machte ich ein paar Schritte in Richtung des Eingangsportals. Wieder wanderte mein Blick nach oben. Wie groß diese Schule doch war! Schnell überwand ich die letzten Meter, die mich noch von der schweren Tür trennten und mein Herz hörte für einen kurzen Moment auf zu schlagen, als ich meine Hand an den glänzenden Türengriff legte.

Andächtig schlossen sich meine Finger um das Metall. Am liebsten hätte ich einen Luftsprung gemacht und wäre vor Freude jubelnd durch die Gegend gerannt, doch diesen Gedanken verwarf ich besser, da ich schließlich niemanden auf mich aufmerksam machen wollte. Das würde nur Fragen geben. Fragen, denen ich wohl trotzdem nicht aus dem Weg gehen konnte. Spätestens zu meiner ersten Unterrichtsstunde wäre ich den Blicken der anderen schutzlos ausgeliefert. Ich tat zwar immer so, als würde es mich nicht stören, was die anderen von mir dachten und was sie über mich sagten, doch innerlich tat es schrecklich weh.

Ich versuchte die aufkommenden Gedanken daran zurückzudrängen. Nichts sollte diesen Moment zerstören. Leise drückte ich die Klinke nach unten und schob die Tür auf. Mit einem Ächzen machte das schwere Portal mir Platz und ich huschte schnell hinein. Mindestens genauso schnell schloss ich die Tür hinter mir wieder und ich merkte erst, dass ich die Luft angehalten hatte, als das Portal mit einem Klicken zurück ins Schloss fiel. Ich zuckte leicht zusammen. So schreckhaft war ich ja noch nie gewesen!

Schließlich startete ich einen Versuch mein viel zu schnell schlagendes Herz ein wenig zu beruhigen und atmete langsam aus. Sofort war ich gefesselt von dem Bild, das sich mir bot. Ich stand in einer großen Eingangshalle, deren Boden aus Marmor zu sein schien. Die mit kunstvollem Stuck verzierte Decke thronte weit über mir. Eine gewaltige, breite und mit Teppich bezogene Treppe führte in die erste Etage. Das Geländer war aus dunklem Holz und ein schillernder Kronleuchter hing an der Decke. Die vielen geschliffenen Steinchen glitzerten im Licht der angezündeten Kerzen.

Ich umklammerte meinen kleinen Koffer ein wenig fester und ging auf die große Treppe zu. Wie winzig ich mir in diesem Raum vorkam… So mussten sich also die Munchkins fühlen. Ich kam zwar auch aus Munchkinland, um genau zu sein aus Kolkengrund, aber ich war größer als viele andere.

Ich drehte mich im Kreis und bestaunte die großen, sauberen Fenster, die von langen, samtenen Stoffvorhängen umspielt wurden. Draußen funkelten die Sterne mit dem Raum, in dem ich mich befand, um die Wette. Der Himmel war klar und das Licht des Mondes unterschützte die flackernden Kerzen bei ihrer Aufgabe den Raum in Licht zu tauchen.

Ich war so überwältigt gewesen, dass ich noch gar nicht darüber nachgedacht hatte, wo ich jetzt überhaupt hingehen sollte. Ich hatte zwar bereits angekündigt, dass ich eintreffen würde, doch eine genaue Uhrzeit hatte ich nicht erwähnt und damit, dass ich mitten in der Nacht auftauchen würde, hatte sicher auch keiner gerechnet. Ich war sowieso schon spät dran, da machte das nun auch nichts mehr. Das neue Schuljahr hatte vor nun mehr zwei Wochen begonnen, doch ich konnte mich wirklich glücklich schätzen überhaupt hier sein zu dürfen, immerhin war das schon lange mein Wunsch gewesen.

Wie genau ich es fertiggebracht hatte Ophelia doch noch zu überreden, wusste ich selbst nicht. Sie war alles andere als begeistert gewesen, als ich sie fragte, ob ich hier studieren dürfe. Doch als ich mit dem Argument kam, dass sie mich dann lange Zeit nicht sehen müsse und sie endlich ihre Ruhe vor mir hätte, stimmte sie schließlich zu. Ophelia hatte seitdem den Tag meiner Abreise herbeigesehnt und ich bin mir nicht sicher…aber wahrscheinlich hatte sie sogar für jeden verstrichenen Tag ein Kreuz in ihrem Kalender gemacht.

Ophelia war meine Betreuerin. Anders würde ich sie nie bezeichnen, auch wenn ich sie eigentlich als meine Patentante anerkennen sollte. Sie wurde mir schlicht und einfach zugeteilt, als ich noch ein kleines Mädchen war und hatte die Aufgabe gehabt mich anständig zu erziehen. Inwiefern ihr das geglückt war, konnte ich nicht sagen. Je älter ich wurde, desto mehr Abstand versuchte ich zwischen uns zu bringen. Sie konnte mich noch nie richtig leiden und dass ausgerechnet sie dazu verpflichtet wurde mich großzuziehen, sah sie immer noch als Bestrafung an.

Im Grunde hatte ich ihr nie etwas getan und vermied es, ihr häufig über den Weg zu laufen, was in dem kleinen Waisenhaus allerdings nicht gerade einfach war. Ja, richtig. Ich war eine Waise. Jedenfalls hatte mir Ophelia das erzählt. Sie meinte ich wurde einfach vor der Tür des Waisenhauses in Kolkengrund ausgesetzt. Meine richtigen Eltern, wer auch immer sie waren, wollten mich wohl auch nicht bei sich haben. Ich seufzte. Natürlich nicht. Wer wollte schon ein Kind, wie mich.

Ophelia zeigte mir schließlich immer wieder, wie abstoßend anders ich doch war. Ich hatte zwei Augen, zwei Hände, zwei Füße, zwei Ohren, eine Nase und einen Mund, wie jeder andere Mensch auch und trotzdem gingen mir die Leute, die mich nicht kannten aus dem Weg. Ich sah es doch, wie sie einen Bogen um mich machten, wenn ich durch die Straßen ging. Wie die kleinen Kinder neugierig zu mir herüberschielten und dann hektisch von ihren Müttern weggezerrt wurden. Manchmal fragte ich mich, womit ich dieses Schicksal verdient hatte. Wieso um alles bei Oz war ich grün? GRÜN!
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