In Gedanken

von 1Minute
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 Slash
22.06.2014
22.06.2014
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Prolog

Die tiefe klare Stimme dröhnte durch die Kopfhörer, die Kris von den viel zu lauten Geräuschen der Außenwelt trennten. Nur wenn die Musik in seinen Ohren die stumpfen Stimmen seiner Umgebung übertönte, fühlte er sich wohl. Doch dann, wenn sein Blick auf einen festen Punkt gerichtet war, nahmen seine Gedanken ihren freien Lauf. Gedanken, die kaum einer verstehen würde. Manchmal glitten sie durch seinen Kopf und waren nicht zu fassen. Andere Male hielten sie ihn nächtelang wach und hinterließen tiefe dunkle Augenringe auf seiner blassen Haut. Sie bestimmten seine Launen, obgleich Kris sie versuchte zu beherrschen. Gedanken, sind gefährlich und doch interessant.


Erste Begegnung


Helle klare Sonnenstrahlen drangen durch die winzigen Spalten der Rollläden, die das Zimmer in dunkles Schwarz tauchten. An manchen Stellen durchbrachen die dünnen Linien die Dunkelheit des Raumes, in der Hoffnung diese zu beseitigen. Kris wälzte sich auf die andere Seite des Bettes um den kleinen Strahlen auszuweichen. Er wollte nicht aus den warmen Decken kriechen und der Realität in die Augen sehen. Viel lieber wollte er seine Augen schließen und von einer ihm erholsamen Ruhe umgeben sein, die er dennoch nie wirklich fand. Wenig Schlaf fand Kris zwischen der weichen Bettwäsche, die seinen müden Körper umgab. Doch er konnte träumen. In seinen Träumen war er fähig zu allem, konnte in Millionen Rollen schlüpfen und diese Millionen Geschichten durchleben lassen. Er konnte seinen mehr oder weniger merkwürdigen Fantasien Gestalt geben. Dennoch waren da nicht nur die Träume, die Kris beherrschen konnte, es waren da auch die Gedanken, die ihn beherrschten. Unzählige Fragen auf die er eine Antwort suchte, unzählige Themen und unzählige Aussagen, Erlebnisse, Gesichter und Eindrücke, die ihn verfolgten. Es war schwer unter dem Ausmaß von Gedanken Klarheit zu schaffen, Ruhe zu finden und nicht unter dem Gewicht dieser zusammen zu brechen. Deshalb versuchte Kris einen Weg zu finden diese zu ordnen. Wenn er träumte, verschwand die Realität und er war Herr der Lage. Es war nur eine Flucht, dessen war er sich bewusst. Ein anderen Weg musste es geben um mit der übermächtigen Kraft der menschlichen Intelligenz, das Denken, richtig umzugehen. Mit dem Wissen entzog Kris sich aus der geborgenen Wärme und lief mit halb geschlossenen Augen zum Fenster. Langsam zog er die Rollläden hoch, die nun die Sonne in den Raum ließ. Wild tanzende Lichter drangen durch die dichte saftig grüne Blätterpracht, die sich vor seinem Fenster ausbreitete. Geblendet von der Helligkeit, blinzelte Kris solange bis seine Augen sich an diese gewöhnt hatten. Dann riss er das Fenster weit auf und atmete die frische Luft gierig ein.

Das Wetter war genau richtig um eine Runde durch den Park zu drehen. Weder war es zu warm noch zu kalt. Automatisch griff er nach der schwarzen Jogginghose, die er mit einem alten  verblasstem Shirt kombinierte. Ihm war es egal wie er aussah, denn so früh am Morgen würde er kaum eine Menschenseele antreffen. Die Turnschuhe waren schnell hervorgeholt, sowie die zwei kleinen Flaschen, die Kris beim Joggen wie Hanteln in den Händen hielt. Ein kurzen Blick in den Spiegel genügte ihm um leise seufzend sich die Schuhe anzuziehen, die Wohnungstür zu schließen und den Schlüssel aus dem Schloss zu ziehen. Seine Augen, die unter den auffälligen Augenringen kaum zur Geltung kamen, waren matt. Seine hellbraunen Haare fielen ihm in zerzausten Strähnen über die Stirn, während seine rötlichen Lippen trocken und leicht spröde die blasse Gesichtsfarbe noch geisterhaft erscheinen ließen. Krank, müde und erschöpft sah er nicht nur aus, er war es auch. Nach kurzem Einlaufen verfiel Kris in sein übliches Tempo. Flink erreichte er den menschenleeren Park, der in prächtigen Farben erblühte. Wohin er auch sah, waren mit bunten Blumen die hellgrünen Wiesenflächen übersät, die auf beiden Seiten des Weges sich weit erstreckten. Der süßliche Duft und die klare frische Brise ließen Kris entspannen. Trotz den arbeitenden Muskeln in seinem Körper empfand er bei den Bewegungen eine gewisse Befriedigung. Einen kurzen Moment schlossen sich seine Augen, wobei er weiter lief. Er verließ sich darauf, dass seine Schritte ihn den bekannten Weg ganz ohne sein Augenlicht führen würde, doch hatte Kris nicht beachtet, dass er nicht alleine in dem Park war. Hätte er es getan, dann wäre er nicht gegen die junge Frau gelaufen, die ebenfalls ihren Blick auf den Boden behielt, mit den Gedanken weit entfernt von der Wirklichkeit.

Überrascht prallten beide Gestalten gegeneinander. Erschrocken hoben sie die Köpfe, während sie taumelnd versuchten ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen. „Verzeihung“, murmelte Kris mit zaghafter Stimme. Peinlich berührt griff er nach den beiden Wasserflaschen, die ihm beim Aufprall aus den Händen geglitten waren. Doch anstatt sich zu ärgern, fing die Frau schallend an zu lachen. Das Lachen war von einer Art voller Freude und Freundlichkeit. Weich und warm umhüllten Kris die singenden Töne, die auch ihn ein Lächeln auf den Lippen bereiten. Selten brachte ihn etwas zum Lächeln und doch konnte er nicht anders als einen kurzen Moment seine Mundwinkel zu verziehen. Seinen Blick glitt über die weibliche Gestalt, die sehr unauffällig wirkte. Leicht gewelltes dunkles Haar fielen ihr über die schmale Schulter, die in einem lockeren olivgrünem Top steckte. Darunter sah er eine dunkelblaue Jeans, die die schlangen kurzen Beine bekleideten. Kris wagte nun ein Blick auf ihr Gesicht, welches ihn aufstocken ließ. Eine lange Narbe zog sich über die rechte Wange und verunstalte die sonst so ebenmäßige Haut. Ihre Augen dagegen strahlten lebendig in einem warmen Braun, das von einer herzlichen Art sprach. Doch Kris hätte wie jede andere Person ihr Gesicht vergessen, was ohne der Narbe nicht auffällig gewesen wäre. Unbewusst starrte er auf die lange Stramme, die viele Fragen aufwarf. Was war passiert? Wie ist es passiert? War es ein Unfall oder hatte ihr jemand diese Verunstaltung selbst zugefügt? Er realisierte erst, dass seine Augen viel zu lange und neugierig auf die Wange gestarrt hatten, als die junge Frau zu sprechen begann. „Auch ich war nicht aufmerksam. Demnach sind wir quitt, zumal ich dir dankbar bin mich aus den tristen Gedanken befreit zu haben.“  „Gedanken?“ Kris sah forschend in ihre Augen, während die fremde Gestalt lächelte. „Ja. Gedanken.“, sie machte eine Pause und für einen Augenblick sah es so aus, als wolle sie noch etwas hinzufügen. Doch sie beließ es dann bei einem Nicken und einer kurzen Verabschiedung ehe sie mit schnellen Schritten außer der Sichtweite geriet. Eigentlich wollte Kris sich nichts aus der Begegnung machen, aber er verspürte eine gewisse Interesse an dieser unbekannten Person. Die Narbe mit ihrer Geschichte sowie das ihm verhasste Wort 'Gedanken'. Auch sie hatte dieses Wort negativ beschrieben. Litten nicht alle Menschen an der Macht der Gedanken, die sie zu allem fähig machten? Eine Weile blieb Kris auf der selben Stelle stehen und starrte der schon längst verschwundenen Frau hinterher. Ehe er nachdenklich seinen Weg fortsetzte und sich einige Zeit später wieder in seinen vier Wänden vorfand. Mit den Gedanken immer noch bei der Begegnung.
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