Die Darcys auf Pemberley Teil III

von Bihi
GeschichteRomanze / P16
Anne de Bourgh Colonel Fitzwilliam Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy Georgiana Darcy Mr. Bennet
19.06.2014
07.07.2014
17
37167
15
Alle Kapitel
19 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Ende November fuhr abends gegen zehn Uhr eine Kutsche auf Pemberley vor. Alle waren wegen der späten Stunde und angesichts der Tatsache, dass es sich um eine unangekündigte Kutsche handelte, in die Eingangshalle getreten: der Butler Smith, Mrs. Reynolds, Mrs. Annesley und sogar Mr. und Mrs. Darcy. Eine völlig erstarrte Georgiana kam zum Vorschein, ein Bediensteter Pemberleys half ihr aus der Kutsche, eine Reisebegleiterin folgte ihr und führte sie behutsam zum Portal. Oberst Fitzwilliam sprang vom Kutschbock und ging an Georgianas anderen Seite. Im Haus geleitete Mrs. Annesley Georgiana auf ihr Zimmer, Mrs. Reynolds führte die Reisebegleitung, eine Zofe aus dem Hause des Earls of Derby, in eines der kleineren Gästezimmer, und der Oberst zog sich mit Elizabeth und seinem Cousin in den Salon zurück.

Er räusperte sich einige Male verlegen und erklärte dann: „Meine Kontrolle über einen gewissen Offizier gilt leider nur für die Dienstzeit und nur bedingt für die freien Tage. Über die Urlaubszeit erstreckt sie sich ganz und gar nicht. Ein netter junger Herr aus Staffordshire, der sich in letzter Zeit sehr um Georgiana bemühte, wie meine Eltern erzählten, bat gestern Nachmittag darum, einen sehr lieben Freund zu einem Dinner in der nächsten Woche mitbringen zu dürfen, einen George Wickham. Ich besuchte zufällig meine Eltern in London und konnte gerade noch Georgiana auffangen, die bei der Nennung dieses Namens in Ohnmacht fiel. Wir erklärten die Ohnmacht mit einer hektischen Woche, die wohl für die junge Dame zu viel gewesen war.
Erst als der junge Herr das Haus verlassen hatte, übrigens ehrlich besorgt um die Gesundheit seiner Angebeteten, wies ich meine Eltern darauf hin, dass die Ohnmacht wohl auf Wickham zurückzuführen war. Ich deutete nur auf den offensichtlichen Zusammenhang hin und verriet selbstverständlich nicht, dass ich genaueres wusste.
Zum ersten Mal in meinem Leben war ich froh über den Standesdünkel unserer Familie. Als meine Eltern hörten, dass es sich um den Sohn des ehemaligen Verwalters von Pemberley handelte, wollten sie sofort das Dinner wegen einer plötzlichen Erkrankung absagen. Es ist zwar ein ziemlich wichtiges Dinner, aber sie waren sich nicht mehr sicher, ob sie die Einladung für diesen 'sehr lieben Freund' ausgesprochen hatten. Ich hatte nur auf Georgiana geachtet, konnte also auch nichts dazu sagen. Sie versprachen, mein Cousinchen vor ihm zu schützen. Als sie wieder zu sich kam, war sie so hysterisch, dass wir es für das Beste hielten, sie sofort hierher zu bringen.
Wir haben also in aller Eile gepackt und sind dann innerhalb einer halben Stunde aufgebrochen. Leider kennen wir in London keine vertrauenswürdigen Kutscher, die bereit sind, in der Nacht über Land zu fahren, sodass ich die Aufgabe selber übernahm. Zum Glück haben wir Vollmond und gestern waren kaum Wolken. Am Tage nahmen wir dann Mietkutscher. Die Zeit verschlief ich in der Kutsche, damit ich nach Einbruch der Dunkelheit wieder lenken konnte. Heute war es zwar stärker bewölkt, aber ich fuhr einfach entsprechend vorsichtiger und langsamer, bis mir die Gegend leidlich bekannt war.
Die Mietpferde müssen morgen nach Lambton gebracht werden. Die Kutsche kann hoffentlich hier in der Remise bleiben, bis meine Eltern sie wieder abholen. Stellt sie aber vorsichtshalber so ein, dass man sie nicht aus Versehen entdeckt.
Ich weiß nicht, wie eng die Beziehung zwischen dem jungen Herrn und dem Schuft ist. Vielleicht ist alles harmlos, aber man kann nie vorsichtig genug sein, wenn dieser Wickham an einer Schufterei beteiligt ist.
Bei uns im Regiment benahm er sich bisher nur deswegen so halbwegs manierlich, weil wir ihm nach den ersten zehn Tagen die Strafversetzung nach Australien angedroht haben. Anders war er nicht zu disziplinieren. Wenn wir nicht auf seine Gattin Rücksicht genommen hätten, wäre er schon längst in Unehre entlassen. Ich dachte mir, dass es wichtige Gründe gegeben hatte, ihn hier zu stationieren, und versuchte, ihn so lange als möglich im Kader zu halten.
Aber jetzt hat er seinen Urlaub eigenmächtig weit über einen Monat überschritten. Der kriegt auf alle Fälle ein Disziplinarverfahren an den Hals, falls wir ihn erwischen, wenn nicht sogar ein Verfahren vor dem Kriegsgericht wegen Desertierens. Im ersten Fall gibt es einige Wochen Festungshaft, im zweiten fünfzehn Jahre Dienst in Australien. Da unser Regiment nicht akut in Kampfhandlungen mit Frankreich verstrickt ist, entgeht er jedenfalls der standrechtlichen Erschießung. Hoffentlich übersteht das seine Gattin, die nicht sehr robust erscheint, obwohl sie sich gerne den Anschein gibt. Aber warum sollten wir ihn aus Rücksicht auf sie immer wieder straffrei davonkommen lassen? Im Führungsstab fragen wir uns schon, ob er sie alleine deshalb geheiratet hat, viel Liebe scheint er jedenfalls nicht für sie zu empfinden.
Der ganze Vorfall tut mir wirklich Leid. Ich wusste natürlich, dass der Kerl Urlaub genommen hatte und ohne seine Gattin fortgefahren war. Sie war so wütend, nachdem er fort war. Sie schimpfte ständig, dass er sie hätte mitnehmen sollen. Wohin, sagte sie nicht. Vielleicht war sie ja auch so wütend, weil sie selber nicht genau wusste, wohin er verschwunden war. Sie glaubt ihm bedingungslos. Wenn er ihr sagte, die Sonne wäre grün, würde sie mit aller Kraft versuchen, die Welt von dieser Erkenntnis zu überzeugen.  Ihr müsstet die einmal erleben: Sie ist sehr jung, absolut unbedarft und hoffnungslos in ihren Gatten verliebt. Das ist bei einem Mann wie Wickham eine äußerst schädliche Kombination.”

Natürlich versicherten Elizabeth und Fitzwilliam dem Oberst, dass sie sehr dankbar waren für alles, was er getan hatte, und dass sie ihn bestimmt nicht für den Vorfall verantwortlich machten.
Elizabeth dachte plötzlich daran, dass der Oberst nicht wusste, woher sie den Namen kannte. Um den Cousins die Möglichkeit eines Gedankenaustauschs zu ermöglichen, klingelte sie nach zwei Bechern Schokolade. Die sollten auf Miss Darcys Zimmer gebracht werden. Dann entschuldigte sie sich und meinte, sie müsse nun ganz dringend nach ihrer Schwägerin sehen.

Die Cousins wechselten ins Herrenzimmer. Da erst fiel dem Oberst auf, wie Elizabeths Kleid gefallen war. Er war sehr besorgt, dass sein Auftreten und seine offene Ausdrucksweise ihr oder dem Kind geschadet haben könnten. Die Besorgnis hegte ihr Mann zwar auch, versuchte aber, den Cousin zu beruhigen. Insgeheim betete er, dass er nicht wieder nach Mrs. Gardiner schicken musste oder – schlimmer noch – nach der Hebamme. Zwei Monate zu früh! Das konnte kein Kind überleben – und die Mutter den folgenden Schock wohl auch nicht. Wenn es dazu kam, konnte Wickham sich glücklich schätzen, wenn es ihm gelang, nie wieder Darcys Weg zu kreuzen.
Wahrscheinlich sollte der Kerl dann einen mindestens ebenso weiten Bogen um den Cousin machen. Der durfte ja wenigstens den Schuft fordern, da Duelle innerhalb des Militärs nicht als Mord galten. Ja, wenn seiner Elfe oder seinem Kind durch Wickham ein Leid geschah, war Oberst Fitzwilliam eindeutig der geeignetere Rächer. Er selber würde nicht aus Feigheit zurückstehen, sondern weil nach dem Tode Elizabeths der kleine George seinen Vater mehr brauchte denn je. Sein Leben war dann für den kleinen George wichtig, aber ohne seine Elfe für ihn absolut ohne Wärme und Licht. Allein der Gedanke daran ließ in Fitzwilliam erschreckende Mordgelüste aufsteigen.

Mrs. Annesley stand inzwischen ratlos vor einer Mauer des Schweigens. Miss Darcy mochte sie nicht ins Vertrauen ziehen, obwohl es der jungen Dame wahrscheinlich gut getan hätte, zu reden. So ließ sich die ehemalige Gesellschaftsdame von der Schwägerin ablösen. Elizabeth stellte beide Becher auf dem Nachttisch ab, half Georgiana beim Aufsetzen, lehnte sie an sich und gab ihr einen Becher in die Hand. Als sie sah, dass die Schwägerin trank, wenn auch mit etwas hölzernen Bewegungen, nahm sie ihren eigenen. Sie tranken schweigend die Becher leer.
„Elizabeth, ich gehe davon aus, das Oberst Fitzwilliam erzählt hat, worum es geht. Es tut mir Leid, dass ich so reagiert habe. Aber Du ahnst nicht, was für ein Schuft das ist. Da hat es mich einfach übermannt.”
„Die Reaktion braucht Dir unseretwegen nicht Leid zu tun. Wir alle verstehen Dich. Ich weiß, was für ein Schuft das ist. Ich weiß auch, dass er so charmant sein kann, dass eine Dame seine Falschheit zu spät erkennt. Ich weiß außerdem, dass er bedenkenlos junge Damen nur so zu seiner Kurzweil ins Unglück führt. Du hast einen schlimmen Nachmittag hinter Dir mit einer hektischen Kutschfahrt im Anschluss. Du sollst jetzt erst einmal schlafen. Morgen können wir dann reden.”
Georgiana bewegte sich nicht. Da Elizabeth sie so nicht allein lassen mochte, versprach sie, sofort zurück zu kommen, sie wollte nur etwas aus ihrem Schlafzimmer holen. Sie holte eilig ihr Nachtgewand und legte Fitzwilliam eine hastig geschriebene Notiz auf das Kopfkissen, dass sie das Bett mit seiner Schwester teilen müsse. Georgiana saß noch genau so hölzern da, als Elizabeth sich in Georgianas Zimmer entkleidete und kurz darauf unter das Laken und die dicke Steppdecke schlüpfte. Dann legte Georgiana sich ebenfalls wieder hin. Allmählich wich die Starre und sie konnte einschlafen. Statt eines Nachtgrußes murmelte sie nur: „Dein Nachtgewand ist schöner als meines.” Dann waren nur noch ihre ruhigen Atemzüge zu hören.

Fitzwilliam war gerührt über die Nachricht auf seinem Kopfkissen. Er bedauerte es zwar sehr, dass in dieser Nacht mit Elizabeth nicht mehr zu rechnen war, aber er war erleichtert, dass sie sich so liebevoll um seine geliebte kleine Schwester kümmerte. Seine Elfe bewies damit nicht nur ihre Liebe zu ihm, sondern auch zu seiner Schwester.
Vor seinem geistigen Auge stand Elizabeth schlammverdreckt im Frühstücksraum von Netherfield.  Er hörte auch Georgianas Frage, ob Elizabeth so etwas auch für sie tun würde. Ja, sie tat es nicht nur für ihre Lieblingsschwester, sie tat es auch für seine.

Am nächsten Morgen saßen vier sehr nachdenkliche Personen im Frühstückszimmer. Keiner wusste, wie das Schweigen zu brechen wäre, weil eine ein schlechtes Gewissen hatte und die anderen drei sie nicht bedrängen wollten.
Nach einer Weile sagte Georgiana gedankenvoll: „Fitzwilliam, weißt Du noch, wie Du mir einmal von Elizabeths Krankenbesuch in Hertfordshire erzählt hattest? Ich fragte Dich, ob sie so etwas auch für mich tun würde.” Dann strahlte sie plötzlich Elizabeth an und fuhr fort: „Er hatte mir verboten, Dich zu fragen, aber gestern hast Du geantwortet. Und ich bin Dir sehr dankbar.”
Elizabeth musste sich räuspern, bevor sie ihren Gatten fragte: „Habt Ihr das vor oder nach Ostern erzählt?”
Er war sich der Bedeutung der Frage bewusst und sagte betont und sehr liebevoll: „Das war danach.” Er konnte fast den wohligen Schauer spüren, der seiner Elizabeth über den Rücken lief.
Der Oberst hatte das Gefühl, dass man ihn absichtlich im Dunkeln lassen wollte, aber er protestierte nicht.

Noch vor dem Frühstück hatte er einen Express-Brief an seine Eltern nach London geschickt, dass er seine Cousine sicher nach Pemberley gebracht hatte. Außerdem bat er die Armee um diskrete Überwachung Pemberleys, Wickham sollte sich nicht auf weniger als zehn Meilen nähern dürfen. Sein Fernbleiben vom Posten rechtfertigte diese Maßnahme nicht, wenn der Oberst nicht bereit war, die Hintergründe aufzudecken – und das hatte er absolut nicht im Sinn. Vielleicht reichte ja der genannte Verdacht, dass Wickham sich seinem Heimatort nähern würde. Ein fragwürdiger Tipp, hatte der das doch im letzten Monat auch nicht gemacht.

Gegen Mittag brachte der Oberst die Mietpferde nach Lambton und fuhr von dort mit der Postkutsche zu seinem Stützpunkt. Er war froh, dass Elizabeth nicht reich war und er ihr damals deshalb keinen Antrag gemacht hatte. So glücklich wie mit seinem Cousin hätte sie mit ihm selber nie werden können.
Anne De Bourgh entwickelte sich zu einer lieblichen jungen Dame, jedenfalls in Abwesenheit ihrer beiden Aufpasserinnen, auch bekannt unter der Bezeichnung 'Mutter' und 'Gesellschafterin'. Sie verehrte ihn offensichtlich. Sie sah ihn so an wie Mrs. Darcy ihren Gemahl.
Ob er sie liebte? Er konnte sich jedenfalls nicht mehr an den letzten Tag erinnern, an dem er nicht an sie gedacht hatte. Er erträumte sich immer Situationen, in denen er sie zwar liebevoll beschützte, aber nicht so wie ihre Mutter, sondern eher sie auf ihrer Suche nach dem wahren Leben begleitend und leitend – und vor all den Gefahren schützend, die sie nicht kannte.
Wann hatte er sie eigentlich das letzte Mal gesehen? Ihr letzter Brief war jetzt auch schon eine ganze Woche her. Er musste ihr dringend schreiben. Nicht, dass sie wieder krank geworden war und dachte, er wollte sich nicht um sie kümmern. Nun, das war den Umständen geschuldet. In den letzten Tagen ging das Wohl Georgianas wirklich vor. Dafür hatte die liebliche Anne bestimmt Verständnis, wenn sie davon erfuhr. Da aber die Episode mit Georgiana ein Geheimnis war, würde er nur darüber sprechen, wenn die liebliche Anne ihm wegen seines langen Schweigens zürnen sollte. Von dem drohenden Geheimnisverrat abgesehen hoffte er sehr, dass sie ihm nicht zürnte.
Es wäre ungeheuerlich, wenn er seine liebliche Anne so verletzt hätte, dass sie ihn anders als freundlich oder liebevoll ansehen könnte. Sobald er auf seinem Stützpunkt angekommen war, musste er ihr schreiben. In der Kutsche war keine leserliche Handschrift zu erzielen. Das Schreiben ging dann sehr schnell – leserlich, da er sich den Rest der Fahrt die Zeit damit vertrieben hatte, den Brief im Kopf bereits aufzusetzen.

Den Darcys war gar nicht bewusst gewesen, dass Oberst Fitzwilliam sich ausgeschlossen fühlen könnte. Sie waren einfach zu sehr in ihren eigenen Gedanken gefangen.
Review schreiben