Anders als gedacht

von - Leela -
GeschichteAllgemein / P12
18.06.2014
18.06.2014
1
8128
 
Alle
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
 
Diese Geschichte wurde für den Wettbewerb »Wenn der Sinn Feuer fängt« von Isana eingereicht.

Hinweis: Ich richte mich nach der alten Rechtschreibung.

Und nun wünsche ich viel Freude beim Lesen! ^^


________________________________________________________________________________________________________



Anders als gedacht

Sophia rannte aufgeregt den Weg zum Raccoonhaus hoch, wo ihre Freunde gerade alles für einen netten gemeinsamen Nachmittag im Garten vorbereiteten. „Leute!“ Atemlos blieb das Aardvarkmädchen bei den drei Raccoons, dem Schäferhund und ihrem Freund Cedric stehen, die sich dort bereits zusammengefunden hatten und ihr nun neugierig entgegensahen. „Ihr werdet es nicht glauben!“
      „Was werden wir nicht glauben?“ erkundigte sich Ralph, während er die Tischdecke über dem Gartentisch glattstrich.
      Sophia warf die Arme in die Luft. „Ich habe geerbt!“
      Die Anwesenden hielten kollektiv in ihrer Arbeit inne und sahen sie staunend an.
      Bert schnappte beeindruckt nach Luft. „Geerbt? So richtig? Wieviel ist es denn?“
      „Ein Haus!“ erklärte Sophia, noch völlig überfordert. „Es steht alles hier drin!“ Sie holte einen Umschlag aus ihrer Tasche und nahm die Papiere heraus. „Aus dem Nachlaß der Miss Angis Antbear wird folgenden Angehörigen nachstehend aufgelisteter Anteil aus ihrem Vermögen übertragen…“ las sie vor. „Und hier, an achter Stelle stehe ich!“
      „Wer ist denn Miss Angis Antbear?“ wollte Schaeffer neugierig wissen.
      „Sie war eine Tante von mir!“ erklärte Sophia. „Sie ist eigentlich viel zu früh gestorben, allerdings kam es nicht überraschend. Sie war sehr krank.“
      „Das tut mir leid, Sophia.“ bekundete Schaeffer, und die Freunde schlossen sich an.
      „Danke. Ich kann auch noch immer nicht ganz glauben, daß ich sie nie wiedersehen werde. Aber wir hatten lange genug Zeit, um uns zu verabschieden, und irgendwie ist es schon okay. Sie wollte nicht, daß wir um sie trauern. Sicher, es ist nicht ganz leicht, und ich werde sie wahnsinnig vermissen. Aber wir können es nicht ändern, und da es für sie in Ordnung war, ist es das für mich auch. Ich versuche, nicht so viel darüber nachzudenken.“
      „Miss Angis ist in Frieden gegangen.“ erzählte nun auch Cedric, der die Tante seiner Freundin ebenfalls gekannt hatte. „Ich erinnere mich noch, daß sie zu Beginn, als ihre Krankheit bekannt wurde, ganz aufgeregt war. Aber mit der Zeit wurde sie immer ruhiger, und zum Schluß schien sie sogar zufrieden gewesen zu sein, als sie gegangen ist. Wahrscheinlich ist das der normale Lauf der Dinge!“
      „Sicher ist es das, wenn man den Schock erst mal verarbeitet, und sich letztendlich damit abgefunden hat.“ mutmaßte Ralph.
      „Und du hast ein ganzes Haus geerbt?“ kam Bert auf das ursprüngliche Thema zurück. Der Raccoon in dem roten Pullover konnte kaum seine Aufregung über diese überraschenden Neuigkeiten verbergen.
      „Ja. Das Haus mit seinem gesamten Inhalt! – Was das wohl sein mag?“ überlegte Sophia.
      „Das Mobiliar, vermute ich!“ meinte Ralph.
      „Alte Lehnsessel!“ warf Schaeffer ein.
      „Antike Kommoden!“ ergänzte Melissa schwärmerisch.
      „Geheimnisvolle Truhen!“ fügte Bert abenteuerlustig hinzu.
      Melissa schmunzelte. „Bert, jetzt geht deine Phantasie aber wieder mit dir durch!“
      „Na, immerhin muß es ja auch etwas Gutes haben, wenn der Anlaß schon so traurig ist!“ argumentierte Bert.
      „Das hat es sowieso!“ bekannte Sophia. „Das Haus wird mich immer an meine Tante erinnern. Auf diese Weise lebt sie noch ein bißchen mehr weiter und ist in Gedanken immer bei mir. Leute, ich freu mich so. Ich hätte wirklich nicht damit gerechnet, daß sie mir ein so großes, persönliches Andenken vermachen würde. Am liebsten würde ich es mir gleich ansehen!“
      „Ist das denn weit von hier, Sophia?“ erkundigte sich Schaeffer.
      Das Mädchen mit den dunklen Haaren schüttelte den Kopf. „Es soll gar nicht weit von hier sein.“
      „Wie wäre es, wenn wir gemeinsam hinfahren und uns das Haus ansehen?“ schlug der Schäferhund vor. Mit seiner Neugierde war er nicht allein, denn die anderen stimmten bereits euphorisch zu.
      Sophia strahlte. „Hier, ich habe einen Lageplan vom Notar dazugelegt bekommen.“ Sie zeigte den anderen den Ausschnitt aus der Karte des immergrünen Waldes, der den Unterlagen beigefügt gewesen war.
      „Die Gegend kenne ich!“ überlegte Schaeffer und ergänzte beeindruckt: „Ich wußte gar nicht, daß du Verwandtschaft hast, die in so einer exklusiven Gegend lebt!“
      „Sie selbst hat hier auch nicht gelebt!“ erklärte Sophia.
      Cedric war bei ihr stehengeblieben und sah mit auf die Unterlagen, während er sie leicht umfaßte. „Miss Angis hatte zwei oder drei Immobilien, die sie vermietet hat. Das hier muß dazugehören. Sie hat nie erwähnt, daß sie hier in der Gegend auch ein Haus hatte.“
      „Aber praktisch ist es. Deswegen wird sie es dir sicher auch vererbt haben!“ mutmaßte Ralph. „Es paßt ja gut zusammen, wenn es hier vor Ort ist.“
      „Ist es zu weit, um die Strecke mit dem Fahrrad zurückzulegen?“ erkundigte sich Melissa.
      „Prinzipiell würde es schon gehen, wenn man die Kondition dafür hat, aber Sophia und ich haben keine Räder hier.“ sagte Schaeffer. „Wenn wir gemeinsam rüberfahren wollen, um es uns anzusehen, sollten wir besser die Autos nehmen.“
      „Worauf warten wir noch?“ rief Bert. Der Raccoon mit der gebogenen Nase war bereits aufgesprungen und winkte seinen Kameraden aufgeregt.
      „Bert ist ja bald aufgedrehter als du, Sophia!“ schmunzelte Ralph. Er konnte eine gewisse Neugierde aber selber nicht leugnen, als er sagte: „Also kommt, laßt uns gehen.“

Schaeffer war mit einem Auto vorgefahren und hatte Sophia und Cedric mitgenommen. Die drei Raccoons folgten in Berts Wagen. Schaeffer fuhr den ersten Teil der Strecke nach Gefühl, bis er fragte: „Wo müssen wir jetzt lang, Sophia?“
      „Also, wenn ich es richtig sehe…“ Sie drehte die Karte in den Händen. „Äh…“
      „Laß mich mal sehen!“ schaltete Cedric sich ein und nahm seiner konfusen Freundin die Karte ab. „Am besten wir fahren noch ein Stück und halten auf dem großen Anwohnerparkplatz hier. Von dort ist es nicht weit bis zu dem Grundstück. Den Rest gehen wir dann einfach zu Fuß, bis wir uns ein Bild von dem Grundstück gemacht haben.“
      Schaeffer nickte und folgte den Ausführungen des jungen Aardvarks mit der Brille. Nur wenige Minuten später hielten die beiden Autos nebeneinander auf dem Parkplatz, und die Freunde stiegen aus. Cedric und Sophia waren bereits wieder in die Karte vertieft.
      „Wenn ich das richtig deute, dann müssen wir nur ein Stück die Straße hinuntergehen!“ erklärte Cedric. „Es ist ziemlich am Ende!“
      „Worauf warten wir dann noch?“ fragte Schaeffer und gab damit den Anstoß, sich auf den Weg zu machen.
      Einen kleinen Fußmarsch weiter blieb die Gruppe stehen, als Cedric und Sophia an ihrer Spitze stoppten.
      „Hier muß es sein!“ Sophia sah von der Karte auf, und ihr Blick fiel auf ein verwahrlostes Grundstück, auf dem ein Haus stand, das in seinen besten Jahren einmal ein wunderschönes Anwesen gewesen sein mußte, nun aber nur noch ein Schatten seiner selbst war.
      Geschockt starrten die Freunde auf das Bild vor ihnen.
      „Sag’ mir bitte, daß es nicht dieses Haus ist…“ kommentierte Bert.
      „Doch, anscheinend ist es richtig!“ kombinierte Sophia.
      „Ich befürchte, Sophia hat Recht!“ warf Cedric ein, als er die Lage des Grundstücks mit der Karte abglich.
      Die erschütterte Stille, die daraufhin jegliche Konversation ersetzte, löste eine merkwürdige Atmosphäre aus.
      Bert räusperte sich. „Als Cedric sagte, das Haus sei »am Ende«, dachte ich nicht, daß er es so wörtlich meint.“
      „Wahrscheinlich sieht es von außen schlimmer aus, als es ist.“ meinte Ralph beruhigend. „Mit einem neuen Anstrich und wenn der Garten erst mal gemacht ist, wirkt es bestimmt gleich viel besser.“ war der Raccoon mit dem weißen Schal sich sicher.
      „Das hoffe ich.“ bekannte Bert. „Im Moment wirkt es eher wie eine Gruselvilla.“
      Sophia schaute etwas verunsichert.
      „Laßt uns erst mal reingehen, und uns dort umsehen.“ schlug Melissa vor. „Wahrscheinlich sieht dann alles nicht mehr so schlimm aus. Schließlich muß es ja einen vernünftigen Grund haben, daß Sophias Tante ihr das Haus vererbt hat. Sie wird ihr ja keine Ruine hinterlassen haben.“
      „Das sehe ich genauso.“ stimmte Cedric ihr zu. „Warum sollte ihre Tante ihr ein Haus vererben, das sie nicht nutzen kann. Sicher werden wir einiges daran tun müssen, aber so schlimm wird es schon nicht sein.“
      „Ja, das ergibt Sinn!“ meinte Sophia leise und ging voran.
      Als sie die Haustür aufdrückte, und die Freunde in den geräumigen Eingangsbereich sahen, packte sie allerdings das kalte Grausen. Man konnte einen knappen Flur hinunterschauen, von dem einige Zimmer abgingen. Die Türen waren morsch und fielen bald aus den Angeln, und diverse Bodendielen waren durchgemodert und durchgebrochen. Glasscherben von den gesprungenen Fensterscheiben verloren sich zwischen Dreck, abbröckelnden Putz und geborstenen Holzdielen, die den Boden dominierten. Die Tapete wellte sich von den Wänden, und die Treppe, die in das Obergeschoß führte, war das Gegenteil von vertrauenserweckend. Es fehlten Stufen, andere waren brüchig, und dem Geländer sah man bereits an, daß es instabil war. Aus der Decke fehlten ebenfalls schon Bretter, und eine große, schwere Lampe, die von der Decke hing, wurde nur noch von gutem Willen an ihrem Platz gehalten. Zum Teil hatte man freien Blick auf die elektrische Verkabelung in den Wänden und der Decke, an denen die Feuchtigkeit entlangkroch und bereits latente Schimmelkulturen bildete. Spinnweben zogen sich durch den ganzen Bereich, und in den Schatten schien sich etwas zu bewegen. Die Freunde starrten in Entsetzen auf das groteske Bild vor sich.
      „Ehrlich gesagt frage ich mich, welchen Sinn es hatte, daß Tante Angis dir das Haus vererbt hat…“ meinte Cedric bedächtig.
      Sophia schluckte. „Ich weiß es nicht. Aber sie wird mir bestimmt nichts Böses gewollt haben. Irgendeinen Sinn wird es also haben!“
      Ralph neben ihr streckte die Hand aus, um den Lichtschalter zu betätigen, als er im gleichen Moment gehörig einen gewischt bekam, und die Hand in einem kleinen Funkenregen mit einem erschrockenen Aufschrei wieder zurückzog.
      „Und dann hat der Sinn Feuer gefangen.“ kommentierte Bert trocken.
      „Dieses Haus ist lebensgefährlich, Sophia!“ bemerkte Schaeffer, noch bevor er überhaupt weiter in das Gebäude hineingegangen war.
      Das junge Mädchen schluckte.
      „Kannst du das Erbe noch ausschlagen, Sophia?“ fragte Ralph, während er sich die schmerzende Hand hielt.
      „Ich hab es doch schon angenommen…“ erwiderte das Aardvarkmädchen verzagt.
      „Also, ich wage mich da nicht weiter rein!“ meinte Melissa bestimmt.
      „Das würden wir auch gar nicht zulassen!“ betonte Schaeffer und ergänzte an Sophia: „Eigentlich kannst du das Haus nur abreißen und neu bauen lassen.“
      Die junge Erbin kämpfte mit den Tränen. „Das heißt also, ich habe die Katze im Sack geerbt. Das ist wieder so typisch für mich. Wie kann man nur so naiv sein?“
      „Ach, Blödsinn!“ Cedric nahm sie beruhigend in den Arm. „Das hätte jedem von uns passieren können.“
      Ralph und Schaeffer hüstelten, und Melissa sah teilnahmslos in die Gegend. Selbst Bert schwieg.
      Cedric lachte nervös. „Also, Leute, irgend etwas müssen wir hierdraus doch machen können!“
      „Ich fasse hier nichts mehr an!“ gab Ralph sofort entschieden zurück.
      „Eigentlich hat Bert Recht.“ meinte Schaeffer. „Das Beste wäre es, wenn das Haus einmal in Flammen aufginge.“
      „Tante Angis mochte mich nicht!“ schluchzte Sophia. „Und ich dachte, sie wäre anders!“
      Ralph stutzte. „Wie meinst du das, sie wäre »anders«?“
      Sophia fing sich einigermaßen, bevor sie mit einem Zittern in der Stimme erklärte: „Sie gehörte zur Familie meines Vaters. Alle waren »etwas besseres«, wenn ihr versteht, was ich meine, und das haben sie meine Familie spüren lassen. Mein Vater hat eine »einfache Frau« geheiratet und sich für ein »gewöhnliches Leben« entschieden. Seine ganze Familie hat uns spüren lassen, daß wir »nichts wert« sind.“
      Die Freunde hörten ihr betroffen zu. Die vielen Doppelpfeil-Anführungszeichen in ihrer Erzählung gefielen ihnen überhaupt nicht.
      „Alle haben uns die kalte Schulter gezeigt.“ erklärte Sophia weiter. „Außer Tante Angis, eine Schwester meines Vaters. Sie war auch wohlhabend, aber bei ihr waren wir immer willkommen. Und sie hat mich wirklich gemocht. Dachte ich jedenfalls.“
      Betroffene Stille setzte ein.
      „Naja, unter den Umständen wäre ich vielleicht auch nicht auf die Idee gekommen, das Erbe zu überprüfen.“ räumte Ralph ein.
      „Meinst du denn, deine Tante hat dir all die Jahre etwas vorgegaukelt?“ fragte Melissa.
      „Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen!“ schniefte Sophia. „Ich kann es nicht einmal jetzt richtig glauben.“
      „Vielleicht wußte deine Tante selbst nicht, wie der Zustand des Hauses ist.“ sinnierte Schaeffer.
      „Oder das Testament wurde manipuliert!“ warf Bert ein.
      „Oder sie war schon so senil, daß sie dachte, das Haus sei wirklich noch viel wert!“ überlegte Ralph.
      „Also, letzteres können wir wohl ausschließen.“ erklärte Cedric. „Angis war bis zum Schluß geistig voll auf der Höhe. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, daß das Testament manipuliert wurde. Notar Eekhorn ist einer der vertrauenswürdigsten, die ich kenne. Deswegen arbeitet mein Vater auch nicht mit ihm zusammen.“
      Der Wink mit dem Zaunpfahl reichte den Freunden als Referenz. Wenn der verschlagene Großverdiener Cyril Sneer die Zusammenarbeit mit einem Rechtsanwalt oder Notar für seine eigenen Geschäfte ablehnte, mußte er entweder sehr unfähig, oder sehr zuverlässig und integer sein.
      „Bleibt noch Schaeffers Alternative.“ sinnierte Melissa.
      „Das scheint mir die naheliegenste Erklärung zu sein.“ stimmte Cedric zu. „Obwohl es mich wundert. Naja, wie dem auch sei. Wir können es nicht mehr ändern. Wir müssen das Beste daraus machen.“
      „Vielleicht kann man das Grundstück verkaufen!“ überlegte Schaeffer.
      „Ja!“ stieg Bert euphorisch darauf ein. „Laß es von deinem Vater verkaufen, Cedric. Der alte Cyril schlägt sicher einen guten Preis dafür raus!“
      Cedric lachte. „Nie im Leben!“
      Bert entglitten die Gesichtszüge. „Was? Meinst du, nicht einmal deinem Vater gelingt es, dieses Wrack von einem Haus zu einem überteuerten Preis zu verkaufen?“
      „Und ob er das könnte! Aber ich werde es ihm nicht vorschlagen. Wenn Paps davon etwas mitbekäme, würde er einen riesigen Profit daraus schlagen, und Sophia sähe gerade mal einen Bruchteil des Erlöses!“
      Bert machte eine ratlose Geste. „Besser als nichts, oder?“
      Sophia seufzte verzagt und sah zu Boden. Sie wirkte, als stünde sie kurz davor, erneut in Tränen auszubrechen, und die beiden Jungs erkannten betroffen, daß es die Situation gerade nicht besser machte, als sie mehr über sie, als mit ihr redeten.
      Wieder dominierte gedankenvolles, niedergeschlagenes Schweigen den Raum.
      Plötzlich ging Ralph nachdenklich ein paar Schritte weiter in den Flur hinein.
      Melissa schnappte nach Luft. „Ralph…“ Ihre Stimme zeugte von Furcht. Das Haus löste Beklemmungen in ihr aus und sie wollte ihn zurückhalten, – doch er war bereits außerhalb ihrer Reichweite, und sie wagte es nicht, ihm zu folgen, um ihn aufzuhalten. Sie spürte, wie sie elektrisiert die Hände faltete, als sie ihrem Ehemann unruhig nachsah.
      Ralph ging vorsichtig zu der gegenüberliegenden Seite und hob etwas auf, das dort an der Wand gelehnt hatte. Die anderen beobachteten ihn forschend. Schließlich kam er mit seinem Fund zu der Gruppe zurück. Es war ein antiker, schöner Bilderrahmen mit einem Foto. „War das deine Tante, Sophia?“
      Das Mädchen schaute sich das Bild mit der älteren Aardvarkdame an. „Ja…“
      „Das ist ein schönes Bild!“ kommentierte Schaeffer. „Deine Tante war sehr hübsch!“
      Damit entlockte er Sophia wenigstens ein Lächeln. „Danke!“
      „Da ist etwas drauf geschrieben.“ stellte Melissa erstaunt fest, die sich an sofort Ralphs Seite gesellt und ihn beruhigt umfaßte hatte. „Direkt auf den Bilderrahmen… »Suche in der Wärme des Herzens, in der Tiefe des Selbst, und es werden sich dir die kostbarsten Geheimnisse des Lebens offenbaren.«“
      „Das stammt von einem berühmten Aardvark-Dichter!“ erkannte Cedric erstaunt. „Interessant, es muß Tante Angis sehr gefallen haben!“
      Bert schaute ebenfalls mit auf das Foto und betrachtete es nachdenklich. Die Aufnahme war etwas ungewöhnlich, allein von der Perspektive. Offenbar war das Bild im Wohnzimmer aufgenommen worden. Die blonde Aardvarkfrau stand etwas seitlich im Bild, sie trug eine Brille mit halben Gläsern und lächelte freundlich in die Kamera. Doch der Blickfang war eher der Kamin im Hintergrund. Mit einem Folienstift hatte sie nachträglich den Vers auf das Glas gebracht. Sie erste Zeile stand direkt auf dem Sims des Kamins, die zweite darunter auf dem Fußboden. Die dritte war rechts daneben auf dem Kleid, das die Aardvark trug, zu lesen.
      Ralph wollte das Bild gerade schon wieder aus der Hand legen, als Bert ihn mit einer Geste aufhielt. „Warte mal! Ich vermute, daß dieser Spruch etwas zu bedeuten hat!“
      „Natürlich hat er etwas zu bedeuten!“ kicherte Cedric. „Er bedeutet, daß man das wahre Glück nur in sich selbst finden kann, und nicht in materiellen Dingen!“
      „Eine weise Erkenntnis, würde ich sagen.“ kommentierte Ralph.
      „Nein!“ widersprach Bert. „Schaut euch das doch mal an! »Suche in der Wärme des Herzens«! Und was ist das Herz eines Hauses?“ Der Raccoon deutete auf das Bild. „Ein Kamin! – »In der Tiefe des Selbst«. Die Tiefe des Selbst eines Hauses ist der Keller! Und hier, die letzte Zeile steht direkt auf dem Bild von der Lady: »Und es werden sich dir die kostbarsten Geheimnisse des Lebens offenbaren.« Also muß es einen Keller in diesem Haus geben, der unter dem Kamin liegt, wo du irgend etwas Kostbares findest, das deine Tante dir vererbt hat, Sophia!“
      „Bert, du spinnst!“ kommentierte Ralph.
      „Einen Keller hat das Haus!“ Schaeffer zeigte in die Richtung, wo man in der Seitenwand unter der klapprigen Treppe, die nach oben in die erste Etage führte, eine Tür sehen konnte, die etwas angelehnt war. Vage konnte man Stufen erkennen, die in die Tiefe gingen.
      Die Gruppe folgte seiner Geste mit ratlosen Blicken. Keiner wagte sich bis dort hin.
      „Ich probiere das jetzt aus!“ bestimmte Bert plötzlich in die Stille hinein und ging entschlossen voran.
      „Bert!“ riefen mehrere Stimmen aufgeschreckt; doch da war es bereits zu spät. Der abenteuerlustige Raccoon lief bereits enthusiastisch zu dem gespenstisch anmutenden Kellereingang herüber.
      Ralph stöhnte auf. „Er verrennt sich da schon wieder in etwas. Kommt!“ Er gab den anderen einen Wink, um seinem Kameraden zu folgen und fügte still für sich an: ‚Warum mußte ich auch das Bild finden?‘
      Wie auf rohen Eiern tasteten sich die fünf Freunde über die Dielen bis zur Kellertür vor, durch die Bert längst verschwunden war.
      „Hat irgend jemand eine Taschenlampe?“ fragte Ralph. „Ich fasse hier keine Lichtschalter mehr an!“
      „Das scheint nicht nötig zu sein!“ bemerkte Schaeffer, als er einen Lichtschein am Ende der Treppe bemerkte.
      In der Tat hatte Bert den Teil ihrer Ankunft anscheinend bereits wieder vergessen, denn er hatte mittlerweile den Lichtschalter gefunden und ohne nachzudenken betätigt. Diesmal war aber alles gutgegangen, und so ging der Raccoon voran und erwartete seine Freunde in einem großen Kellerraum, der nun diffus beleuchtet war.
      Vorsichtig folgte ihm der Rest der Truppe. Die sechs Kameraden sahen sich aufmerksam in dem großen Raum um – allen voran der wagemutige Raccoon, der den kühnen Vorschlag gemacht hatte. Alles, was sie hier fanden, war jedoch allenfalls altes Gerümpel.
      „So viel dazu!“ kommentierte Ralph. „Und dafür haben wir jetzt unser Leben riskiert.“
      „Wir sind noch nicht direkt unter dem Wohnzimmer mit dem Kamin!“ sagte Cedric, der bereits analysiert hatte, daß der Kellerraum dieselben Ausmaße wie der Eingangsbereich haben mußte.
      Melissa machte eine hilflose Geste, mit der sie den Raum einschloß. „Es geht hier aber nirgends weiter!“
      Bert begann bereits die Wände nach einem Hohlraum abzuklopfen. Er lauschte aufmerksam, während er sich an den Mauern vorarbeitete, ein Erfolg blieb allerdings aus.
      Ralph seufzte erneut tief, als Bert zum zweiten Mal die Wände abklopfte. „Sieh es ein, Bert. Es gibt hier keinen Hohlraum hinter den Wänden. Deine Idee war nett, aber leider eben nicht mehr als das.“
      „Und ich sage dir, das ist kein Zufall, Ralph!“ beharrte Bert.
      „Deine Phantasie geht mal wieder mit dir durch. Du siehst doch, daß nichts dahinter steckt!“ argumentierte Ralph. Er machte eine umfassende Geste. „Keine Tür, kein Hohlraum, kein Durchbruch… Es gibt hier keine Möglichkeit, unter das Wohnzimmer zu kommen!“
      „Hm, da hast du Recht.“ lenkte Bert nachdenklich ein.
      Erleichtert nahm Ralph zur Kenntnis, daß Bert das anscheinend begriffen hatte.
      Schaeffer gab den anderen einen Wink. „Also kommt, Leute. Laßt uns gehen. Ich kann mir schönere Orte vorstellen, wo wir unsere Zeit verbringen können.“
      „Ja, da wartet noch eine gemütliche Gartenparty auf uns!“ stimmte Melissa zu.
      „Endlich mal ein vernünftiges Wort!“ lobte Ralph.
      Bert sah sich noch einmal grübelnd um, als die anderen die Stufen bereits wieder hinaufstiegen. „Von hier aus kommt man also nicht unter das Wohnzimmer. Also muß es eine andere Möglichkeit geben.“ Er folgte den anderen in Gedanken zurück in den Eingangsbereich. Plötzlich schnippte er mit den Fingern. „Natürlich! Dann muß es vom Wohnzimmer aus direkt gehen!“
      „Bert!“ Ralphs Stimme zeugte langsam von Ärger. „Übertreib‘ es nicht!“
      Der abenteuerlustige Raccoon beachtete ihn allerdings gar nicht und wandte sich an die beiden Aardvarks. „Cedric, Sophia, wo ist das Wohnzimmer?“
      „Keine Ahnung!“ erwiderte Cedric. „Ich vermute, am Ende des Flures.“ Er zeigte in die Richtung, wo man durch die angelehnte, halb auseinandergebrochene Tür einen vagen Blick in das Zimmer dahinter erhaschen konnte.
      Bert wandte sich in die angegebene Richtung, und in seinen Augen leuchtete es euphorisch. „Das wird es sein! Sicher gibt es von dort noch einen anderen Zugang in den Keller, damit es nicht so offensichtlich ist. Sonst hätte sie sich sicher nicht so viel Mühe mit dem Rätsel gegeben. Das müssen wir untersuchen, Leute!“
      „Bert!“ Ralph stand kurz davor zu platzen. „Es reicht! Laß uns jetzt gehen! Deine Spinnerei wird uns alle noch umbringen!“
      „Nur diese eine Chance, Ralph!“ bat Bert flehentlich. „Wenn wir da nichts finden, gehen wir wieder, versprochen!“
      Melissa sah sich um und trat an Ralphs Seite. „Wenn wir es bis hierher geschafft haben, dann schaffen wir es sicher auch bis zum Wohnzimmer. Wir müssen nur gut aufpassen, wohin wir treten.“
      „Ja.“ stimmte Cedric zu. „Wenn wir ganz vorsichtig sind, dann wird schon nichts passieren.“
      Bert sah Ralph mit seelentiefem Blick an.
      Der Chefredakteur der immergrünen Zeitung seufzte tief und maß seinen Jugendfreund mit einem abschätzenden Blick. „Na gut. Auf deine Verantwortung! Dann hat die liebe Seele Ruh‘.“
      Das Grinsen in dem Gesicht des anderen Raccoons war gewinnend.
      Ralph verdrehte die Augen. „Also, laßt es uns hinter uns bringen!“
      Ganz automatisch sondierte jeder für sich den Weg, der vor ihnen lag, wie um alle möglichen Gefahren abzuchecken. Schaeffer deutete zu der Seite des Korridors, der ihm noch halbwegs vertrauenswürdig schien, und seine Freunde nickten.
      Vorsichtig schoben sie sich an der Lampe vorbei, die jeden Augenblick herunterzustürzen drohte, immer darauf bedacht, genau darauf zu achten, wohin sie traten, bis sie am Ende des Flures ankamen. Schaeffer drückte behutsam und mit äußerstem Bedacht die zerrüttete Tür auf, die einem Wunder gleich nicht aus den Angeln fiel. Der Schäferhund, Bert und Melissa, die als erstes bei dem Raum ankamen, inspizierten ihn vorsichtig.
      „So schlimm sieht es hier gar nicht mal aus!“ stellte die Raccoonfrau überrascht fest.
      „Besser als der Flur allemal!“ bestätigte Schaeffer. „Aber das ist ja auch kein Kunststück. Laßt uns vorsichtig reingehen.“
      Der Aufforderung kamen alle gerne nach; nicht zuletzt, um aus der verunsichernden Atmosphäre des Korridors herauszukommen. Erstaunt sahen sie sich um. Das Wohnzimmer wirkte eigentlich recht freundlich, auch wenn es ebenfalls sehr verwahrlost war. Den großen Raum dominierte an der einen Seite ein bemerkenswert mächtiger Kamin. Zu einer anderen Seite gab es eine Regalwand, in der sich aber nicht mehr viele Dinge befanden. Die Fensterscheiben ließen mittlerweile keinen Blick mehr nach draußen zu, aber zumindest waren sie im Gegensatz zu den Fenstern im Eingangsbereich nicht gesprungen. Eine alte Sitzecke mit morschen Bezügen erinnerte an harmonische Tage in gemütlicher Atmosphäre. Die sechs Kameraden sahen sich aufmerksam in dem Raum um, inspizierten Fächer, Schubladen und das spärliche Mobiliar; Dinge von Wert, die dem Erbe einen neuen Sinn verliehen hätten, fanden sie jedoch nicht.
      Das war aber nicht das einzige, wonach sie schauten. Zu Ralphs Leidwesen rollten Cedric und Sophia bereits den Teppich zusammen, der den größten Teil der Raumfläche ausmachte, so daß der Redakteur mindestens zwei Mal im Weg stand, und Schaeffer ging noch einmal aufmerksam die Wände entlang. Bert hingegen untersuchte indes die Regalwand auf verborgene Mechanismen für geheime Türen und Durchgänge. Das Raccoonpärchen von der immergrünen Zeitung beobachtete die Aktivitäten – Melissa aufmerksam, Ralph kopfschüttelnd. Nach einer Weile gaben die Suchenden aber nach und nach auf.
      Schaeffer breitete die Arme hilflos aus. „Keine Türen, Bert. Hier führt kein Weg in einen Keller.“
      „Es gibt hier auch keine Falltüren!“ ergänzte Cedric, der den Boden sorgfältig inspiziert hatte.
      „Nicht, daß mich das jetzt wundern würde.“ kommentierte Ralph trocken.
      „Ach, laß doch!“ meinte Melissa und legte dem niedergeschlagenen Bert den Arm um die Schultern. „Bert ist eben ein unverbesserlicher Romantiker. Und die Idee dahinter war doch schön!“
      „Ja, und immerhin hätte es auch klappen können.“ warf Cedric ein.
      Ralph verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. „Und mit was für einer Wahrscheinlichkeit?“
      „Wer weiß, vielleicht gibt es von außen einen Keller.“ mutmaßte Schaeffer unvermittelt.
      In Berts Augen leuchtete es auf, kaum daß der Schäferhund seinen Gedanken ausgesprochen hatte. „Das ist es, Schaeffer! Kommt, laßt uns nachsehen!“
      Ralph blieb sprachlos der Mund offen stehen. „Aber… Leute! Sind denn jetzt alle verrückt geworden?“ rief der Raccoon mit dem weißen Schal, als hoffnungsvolle Blicke getauscht wurden und Bert, Schaeffer und Sophia schon auf dem Sprung zur Tür waren.
      Melissa und Cedric kicherten. „Also, zumindest haben wir langsam Spaß an dem Haus!“ meinte die Fotografin.
      Ihr Ehemann schüttelte leicht den Kopf. „Wir müssen jetzt aber nicht alle nachlaufen, oder?“ fragte der Raccoon, der zusehends genervt war.
      Melissa und Cedric wechselten einen Blick. „Sicher nicht!“ sagte Cedric. „Laß die anderen ruhig schauen. Wenn sie etwas finden, werden sie es uns schon wissen lassen.“
      „Fein. Ich gehe ein bißchen vor die Tür.“ verkündete Ralph. „Wenn wir endlich gehen können, meldet euch bei mir!“ fügte er seufzend an.
      „Machen wir!“ versprach Cedric.
      Ralph quittierte es mit einem Schmollen und verschwand ebenfalls aus dem Wohnzimmer.
      Melissa und Cedric blieben schmunzelnd zurück. Jetzt in angenehmer Ruhe sahen sie sich in dem trotz allem gemütlichen Raum um, der gegenüber dem Eingangsbereich sogar relativ sicher anmutete, und ließen die Atmosphäre entspannt und ganz ohne wilde Gedanken an einen verborgenen Schatz auf sich wirken.
      „Du kanntest das Haus auch noch gar nicht!“ stellte Melissa fest, als sie vergilbte Fotos an den Wänden betrachtete.
      „Nein. Angis lebte ein gutes Stück von hier entfernt. Ich wußte nicht, daß sie hier auch noch ein Haus besessen hat. Anscheinend hat sie es über die Jahre gar nicht mehr gepflegt. Seltsam, daß sie es ausgerechnet Sophia vermacht hat. Das wirkt ja fast wie eine Verhöhnung. Das mag ich ihr aber nicht sagen.“
      „Verständlich. Es sei denn, Schaeffers Theorie stimmt.“ warf Melissa ein.
      „Das würde ich ihr noch am meisten wünschen.“ sinnierte Cedric, ein wenig verzagt. „Von allen Varianten, die uns realistisch zur Verfügung stehen, wäre das noch die beste. Aber das werden wir wohl nie herausfinden…“
      Die beiden gingen gedankenverloren durch den Raum und blieben schließlich vor dem großen Kamin stehen, der auch auf dem Bild zu sehen gewesen war, das Ralph gefunden hatte. Melissa dachte an den Spruch zurück. „Vielleicht wollte sie Sophia sagen, daß sie in ihrem Leben viel mehr an Wert hat, als all die materiellen Reichtümer.“
      „Das mag sein, warum aber dann das Haus?“ fragte Cedric verständnislos. „Damit hat sie jetzt doch nur Ärger!“
      Darauf wußte Melissa auch keine Antwort. In das angrenzende Schweigen hinein hockte sie sich gedankenverloren hin und strich durch uralte, kalte Asche. „Ich möchte wissen, wie lange der Kamin schon nicht mehr benutzt wurde. Er ist eigentlich sehr schön.“
      „Ja!“ meinte auch Cedric, als er sich zu ihr kniete. „Ich habe noch nie einen so großen Kamin in einem Haus gesehen.“ Versunken sah er sich die schönen Verzierungen an den Innenwänden der Feuerstelle an. Plötzlich verharrte sein Blick seitlich des großen Innenraumes, der sogar einigen Personen Platz geboten hätte. „Wofür der Hebel wohl gut sein mag…?“
      Die Raccoonfrau folgte seinem Blick neugierig. „Läßt er sich bewegen?“
      Cedric haderte kurz mit sich und probierte es dann aus. „Es geht ganz leicht!“ meinte er überrascht. Plötzlich wurde der Raum von einer unerwarteten Geräuschkulisse erfüllt, welche die beiden Freunde zusammenfahren ließ. Ketten ratterten, und es schien eine verborgene Maschinerie in Gang gesetzt worden zu sein.
      „Cedric!“ hauchte Melissa. „Der Boden… Er bewegt sich!“
      Tatsächlich konnten die beiden zusehen, wie sich der Boden des Kamins herabsenkte. Im Affekt ließ Cedric den Hebel los, und die Bewegung stoppte. Die beiden sahen sich verblüfft an.
      „Das ist ein Aufzug!“ entfuhr es Melissa entgeistert. „Bert hatte Recht!“
      „Deswegen ist der Kamin auch so groß!“ stellte Cedric fest. Er überlegte kurz. „Wenn ich die Dynamik richtig verstehe, müßte er dann, wenn ich den Hebel in die andere Richtung bewege, wieder aufwärts gehen.“ Als er es ausprobierte, sah er sich bestätigt. Die beiden grinsten sich triumphierend an und klatschten ab.
      „Ob man dem System wohl vertrauen kann?“ fragte sich Melissa, während sie sich hinkniete, und den Kamin nun aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus inspizierte.
      „Die Maschinerie scheint sehr leicht zu gehen, so als wäre sie gut gepflegt worden.“ stellte Cedric fest. „Herausfinden können wir das nur in einem Echttest, da man den Hebel gedrückt halten muß!“
      Melissa sah mit der Antwort nicht ganz glücklich aus.
      Cedric warf einen schnellen Blick zur Tür, von der aus noch kein Mucks von den anderen zu hören war. „Weißt du was? Ich probiere es einmal aus. Falls wirklich etwas schiefgeht, kannst du dann Hilfe holen!“
      „Na gut.“ willigte Melissa nicht ganz überzeugt ein, doch sie war selbst viel zu neugierig, um seiner Idee nicht zuzustimmen.
      Der Aardvark stellte sich in die Kabine und testete das System an. Nach einem Stück fuhr er wieder herauf und lauschte auf die Maschinerie. Auch Melissa war ehrfürchtig still. Die beiden sahen sich an. Cedric nickte, und ließ die Kabine nun bis zum Grund herunterfahren. Mit angehaltenem Atem beobachtete Melissa, wie sie in der Tiefe verschwand. Nervös klopfte sie die Finger gegeneinander, während sie wartete. Als die Kabine schließlich wieder hochkam, konnte sie eine gewisse Erleichterung nicht verleugnen.
      Cedric sah ihr fasziniert entgegen. „So wie es aussieht, ist das ein ganz moderndes System. Es gibt sogar einen Lichtsensor für die Beleuchtung in dem Raum unter uns. Die Sache mit der Asche im Kamin kann nur Tarnung gewesen sein.“
      „Dann gibt es tatsächlich noch einen weiteren Kellerraum unter uns?“ fragte Melissa verblüfft.
      „Ja! Ich habe ihn mir aber noch nicht näher angesehen. Ich denke, das machen wir besser zusammen.“
      „Also bist du der Meinung, das System ist sicher?“ vergewisserte sich Melissa.
      „Ich hätte da keine Bedenken!“ sagte Cedric, als er aus dem Kamin wieder heraustrat.
      „Was für ein Fund…“ wisperte sie ehrfürchtig.
      Indes hörten sie Geräusche und Stimmen vom Flur. Der Rest der Gruppe kehrte zurück, und Bert schien deutlich frustriert zu sein.
      „Was habe ich dir gesagt?“ triumphierte Ralph und blieb mit verheißungsvoller Miene im Türrahmen stehen, während die anderen drei zurück in das Wohnzimmer gingen; Bert aufgebracht, Sophia verzagt und Schaeffer bedauernd.
      „Es tut mir leid, Bert!“ meinte der Schäferhund. „Aber ich fürchte, Ralph hat Recht!“
      Cedric und Melissa standen lässig zu den Seiten des Kamins und beobachteten die Szene schmunzelnd. Sie wechselten einen verschwörerischen Blick, der so viel sagte wie: ‚Sollen wir?‘
      „Aber was soll das ganze mit dem Haus und dem Spruch, wenn nichts dahintersteckt? Das ist doch die pure Verspottung!“ regte Bert sich auf, während Ralph resigniert die Stirn gegen den Türrahmen schlug.
      „Tja, Bert.“ begann Melissa. „Wenn du wirklich so ein verschlüsseltes Geheimnis aufdecken willst, dann mußt du schon beim naheliegensten anfangen!“
      „Was soll das denn heißen, Melissa!“ entgegnete Bert ärgerlich.
      „Das heißt…“ fing die Fotografin theatralisch an. „Daß du Recht hattest, und Ralph Unrecht!“
      Der Raccoon mit dem weißen Schal schreckte aus seiner Überlegenheit. „Was? Was redest du da, Schatz?“
      Cedric lächelte. „Während ihr in alle Himmelsrichtungen auseinandergestoben seid, haben wir das hier gefunden!“ Zur Demonstration betätigte er den Hebel. Mit der anderen Hand machte er eine präsentierende Geste, als sich die Plattform absenkte. „In dem Kamin ist ein Aufzug eingebaut!“
      Wenigstens einmal an diesem Tag waren Ralph und Bert sich einig, als ihnen synchron die Kinnlade herunterfiel. Und nicht nur die beiden staunten – Schaeffer und Sophia erging es nicht anders.
      Melissa ging zu Ralph herüber und legte die Arme um ihn. „Tja, mein Schatz. Wärst du ein bißchen länger geblieben, hättest du live dabei sein können, als wir das Geheimnis aufgedeckt haben!“
      Der Redakteur hatte sich noch nicht ganz aus seiner Überraschung erholt. „Das glaube ich jetzt nicht!“ hauchte er überfordert und wußte nicht, ob er seine Frau für ihr liebevolles Lächeln hassen sollte.
      Ein anderer Raccoon war dafür bereits um so aufgedrehter. „Was stehen wir hier noch rum?“ rief Bert euphorisch. „Laßt uns nachsehen, was am Ende ist!“ Der aufgeregte Waschbär gab seinen Freunden einen auffordernden Wink.
      Ralph warf dem Aufzug einen skeptischen Blick zu. „Ich weiß nicht… Ich traue dem ganzen nicht. Wenn der Aufzug so sicher ist, wie der Rest des Hauses anmutet, ist das sicher keine gute Idee.“
      „Der Mechanismus scheint aber in Ordnung zu sein!“ erklärte Cedric. „Wir haben es eben angetestet, offenbar ist zumindest das System in einem guten Zustand.“
      Bert drehte sich zu der Gruppe um und machte eine umfassende Geste. „Seid ihr denn gar nicht neugierig, was uns da unten erwartet? Wenn Cedric dem System vertraut, kann doch eigentlich nichts schiefgehen!“
      „Du sagst es, Bert! »Eigentlich«!“ warf Ralph ein.
      „Ach, komm schon, Schatz!“ versuchte es Melissa mit sanfter Überredungskunst. „Denk an Sophia. Wenn Bert Recht hat, und dort unten etwas von Wert verborgen ist, dann müssen wir es doch prüfen!“
      „Und die Chancen stehen jetzt nicht einmal mehr schlecht, wenn du mich fragst!“ mutmaßte Schaeffer.
      „Denkt nur daran, was dort unten alles auf uns warten könnte…“ schwärmte Bert. „Gold, Silber, Edelsteine…“
      „Also, ich bin dabei!“ rief Sophia.
      „Ich sowieso!“ stimmte Cedric zu.
      „Das können wir uns doch nicht entgehen lassen, Freunde!“ meinte auch Schaeffer.
      Melissa sah Ralph mit einem forschenden Lächeln an. „Na, was ist? Möchtest du lieber oben bleiben?“
      Ralph atmete durch und biß die Zähne zusammen. „Nein! Vor allem, weil ich weiß, daß du gehen wirst, und ich dich in diesem Haus nicht allein gehen lassen werde!“
      Melissa grinste triumphierend, und so gesellten sich die beiden zu den vier Freunden, die sich bereits in den Aufzug gestellt hatten. Als sie zusammen standen, betätigte Cedric den Hebel, und es ging hinab in die Tiefe.
      Nach einem kurzen Augenblick in beklemmender Dunkelheit offenbarte sich vor ihnen ein fast quadratischer Raum, der im Gegensatz zu dem anderen Kellerraum aber hell erleuchtet war. Mitten im Raum stand ein Tisch mit Schubladen. Die Rückwand dominierte eine große Schrankwand mit Regalen und Fächern, die nach links über Eck in ein halbhohes Sideboard mit weiteren Schubladen überging. Staunend sahen sich die sechs um und gingen bedächtig in den Raum.
      „Wow!“ entfuhr es Bert. „Ein Geheimraum!“ Er drehte sich euphorisch zu Ralph um. „Was habe ich gesagt? Das Rätsel stimmte also doch!“
      Ralph schmollte etwas, konnte sich jedoch ein Lächeln schon nicht mehr verkneifen. „Noch haben wir aber deinen Schatz nicht gefunden, Bert!“
      In der Zwischenzeit hatte der pragmatische Schaeffer bereits die Schrankwand in Augenschein genommen. „Das mag ja noch kommen!“ meinte der Schäferhund und zog neugierig eines der Fächer auf. Wißbegierig kamen die anderen näher, um ebenfalls in den Kasten sehen zu können.
      „Was ist drin, Schaeffer? fragte Melissa.
      „Das sieht aus wie jede Menge Papier.“ meinte Bert enttäuscht.
      „Laßt uns das mal genau ansehen.“ beschloß Schaeffer und zog das Fach ganz heraus. Er stellte die Kiste auf dem Tisch ab und zog eine der Mappen heraus. Als er sie öffnete, strahlte ihm das auf weißes Papier gedruckte Konterfei eines hoch offiziellen Dokumentes entgegen, das in diesem Raum sorgfältig gehütet worden sein mußte.
      Die Freunde sahen sich atemlos an.
      „Das sind Firehorse-Aktien!“ meinte Cedric erstaunt.
      „Firehorse?“ erkundigte sich Ralph.
      „Ja, das ist eine lukrative Firma in der IT-Branche, die ganz groß im Kommen ist. Die Aktien müssen jetzt bereits ein Vermögen wert sein, und die Prognose sagt, daß sie in den nächsten Jahren noch weiter steigen werden.“ erklärte Cedric.
      „Hier sind noch mehr!“ verkündete Bert, der neugierig in einigen weiteren Kästen stöberte.
      „Dann hat Sophias Tante also in Aktien investiert?“ stellte Ralph staunend fest.
      „Offensichtlich! Davon habe ich auch gar nichts gewußt!“ sinnierte Cedric beeindruckt.
      „Hier sind Kaufzertifikate!“ bemerkte Schaeffer, der in eine der Schubladen des Sideboards schaute. „Demnach hat Miss Angis die Aktien vor circa acht Jahren gekauft.“
      „Das war ein guter Zeitpunkt, um diese Aktien einzukaufen.“ lobte Cedric. „Ich weiß noch, wie mein Vater geflucht hat, weil er nicht rechtzeitig geschaltet hat, und erst drei Jahre später Aktien von der Firma dazugekauft hat. Sie muß sich mit der Dynamik von Aktien gut ausgekannt haben.“
      Melissa inspizierte derweil die Schubladen des Tisches und wurde ebenfalls fündig. „Schau mal, hier ist ein Brief, Sophia!“ Sie reichte der Aardvark einen Umschlag.
      Immer überforderter nahm das junge Mädchen den Brief entgegen.
      Ralph gesellte sich neugierig an ihre Seite. „Was steht drin, Sophia?“
      Wie in Trance zog sie den einfachen, gefalteten Briefbogen hervor, der mit der eigenwilligen Handschrift ihrer Tante versehen war, und las vor:

      „Liebe Sophia!

      Ich wußte, du würdest das Rätsel lösen.

      Es tut mir leid, daß ich dich so in die Irre führen mußte, aber du weißt, hätte irgendein anderer der verlogenen Bande etwas hiervon mitbekommen, hätten sie alles darangesetzt, es dir wegzunehmen. Deswegen habe ich es auch nicht gewagt, dir hiervon vorher schon etwas zu erzählen. Auf diesem etwas ungewöhnlichen Wege mußte ich sicherstellen, daß du den wahren Wert erhältst, der dir zusteht, und der ganze snobistische Pulk nicht mehr bekommt als seinen Pflichtanteil.
      Laß sie sich die Köpfe um den Rest einschlagen, und verkaufe die Aktien in ein paar Jahren, wenn der Kurs günstig steht. Vertraue auf dein Gefühl. So bin ich zu meinem Vermögen gekommen.
      Ich kann nur noch hoffen, daß meine Rechnung aufgegangen ist und dieses kleine Vermächtnis nun in deinen Händen liegt. Mach etwas draus, meine liebe Sophia!

      In Liebe, deine Tante Angis

      P.S.: Und sollte dies nicht der Fall sein, und gerade jemand anderes diesen Brief in Händen halten: Schert euch zum Teufel und verrottet in der Hölle!“

      Die Freunde lachten herzlich.
      „Na, deine Tante war nicht nur clever, sie hatte auch Sinn für Humor!“ bemerkte Ralph.
      „Sie war die beste Tante der Welt!“ Sophia war wieder den Tränen nahe, doch diesmal aus anderen Gründen.
      „Das sieht ja fast so aus, als hätte sie das von langer Hand geplant!“ stellte Schaeffer fest. „Dann erklärt sich vielleicht sogar auch, warum sie mit der Zeit immer ruhiger wurde. Sie konnte nicht gehen, ehe sie das hier alles geregelt hatte.“
      „Das könnte gut sein! Ob sie das Haus extra hat verrotten lassen, damit sie das hier durchziehen konnte?“ überlegte Ralph.
      „Wer weiß! – Du bist jetzt vermutlich die reichste Aardvark in der Gegend, gleich nach Cyril Sneer, Sophia!“ bemerkte Schaeffer schmunzelnd, während die junge Erbin vor Freude mit den Tränen kämpfte.
      „Ja, solange die Aktien stabil bleiben auf jeden Fall!“ pflichtete Ralph bei.
      „Da habe ich bei Firehorse gerade keine Bedenken.“ meinte Cedric leichthin. „Es würde mich wundern, wenn die in der nächsten Zeit fallen würden. Wir müssen mal gut durchkalkulieren, wann sie sich am besten verkaufen lassen, um den größten Gewinn rauszuholen. Und da Paps die Börsenkurse eigentlich immer ganz gut im Blick hat, dürfte das nicht das Problem sein.“
      „Behaltet lieber selbst auch die Kurse im Auge!“ warf Bert ein. „Immerhin hat dein Paps auch zu spät gekauft!“
      Cedric lachte. „Das stimmt allerdings.“ Der noch immer überwältigte Aardvark ließ den Blick über die Schrankwand wandern. „Bei dem Kapital, das hier drinsteckt, hat Sophia aber auf jeden Fall gewonnen. Man könnte die Aktien phasenweise verkaufen, je nachdem, wann man das Geld braucht und wie die Kurse gerade stehen. Und wenn man gut wieder investiert, hätte man mehr als nur für sein Leben ausgesorgt. Mit einer guten Kalkulation kann man da sicher ein Vermögen rausholen.“
      „Das überlasse ich lieber dir!“ meinte Sophia unsicher, während sie die Arme um ihren Freund legte.
      „Und dann bauen wir davon das Haus wieder auf!“ schlug Bert vor.
      Die Freunde schnappten begeistert nach Luft.
      „Das ist eine phantastische Idee, Bert!“ lobte Ralph. „Was sagst du dazu, Sophia?“
      „Ich sage, daß jetzt doch alles Sinn ergibt!“ meinte sie tiefgründig.
      Melissa nahm eine der Aktien mit dem Logo der Firma, einem stilisierten Pferdekopf, dessen Mähne in Flammen überging. „Wie sagte Bert so schön?“ erinnerte sie sich. „Und dann hat der Sinn Feuer gefangen!“
Review schreiben