Die Last der Ewigkeit

von Merese
GeschichteDrama, Romanze / P18
Elijah Mikaelson OC (Own Character)
14.06.2014
22.03.2015
17
59762
7
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DISCLAIMER: Alle Charaktere aus The Originals/Vampire Diaries gehören L. J. Smith & Julie Plec. Ich verdiene kein Geld mit der Geschichte. Joanna & Oliver Davis hingegen gehören mir.

1. Februar 2018:
Hallo liebe Leser,
nach langer Zeit habe ich beschlossen, dieser Geschichte doch noch das Ende zu geben, was es verdient und ich seither im Kopf habe. Dazu werde ich allerdings Stück für Stück meine Kapitel noch einmal überarbeiten. Mit der Zeit stolpert man doch über einige Formulierungen,  die man jetzt anders schreiben würde. Ich war an einem Punkt angelangt, wo ich das Interesse an TO verloren hatte und ich mich in eine Situation geschrieben habe, von der aus ich nicht weiter kam. Aber es lässt mir einfach keine Ruhe und jetzt ist es soweit. Also auf einen Neuanfang mit Joanna und Elijah.

Viele Grüße & danke für Euer Interesse
- Merese

Überarbeitet: Kapitel 17 von 17


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„Joanna“. Erschrocken öffnete sie ihre Augen. Jemand rief ihren Namen. Nicht zum ersten Mal, wie ihr schien. Die Stimme war ihr nicht fremd, doch ebenso wenig vertraut. Ein Echo an eine Erinnerung. Joanna sah sich kurz um, verwundert, wo sie war. Sie erkannte den Schminktisch an welchem sie saß, erkannte das gewohnte Spiegelbild, welches er ihr zeigte. „Joanna“, rief die Person erneut. Vor ihr lagen allerlei Dinge, eine große Bürste, allerlei Töpfe und Pinsel. Haarnadeln jeder Form und Farbe. Eine Vase mit ein paar Blumen von denen sie wusste, dass sie in ihrem Garten wuchsen. Und dieses Buch. Es war klein, mit gold-grünen Verzierungen und Efeu auf dem Einband. Sie nahm es in die Hand, strich mit ihrem Daumen darüber. Es war, als hätte sie es schon unzählige Male in den Händen gehalten. „Joanna!“, hörte sie erneut. Langsam schien die Person ungeduldig zu werden. „Ich bin hier“, hörte Joanna sich selbst antworten, das Buch jedoch weiterhin in ihren Händen. Vorsichtig öffnete sie den Einband und las in kalligrafisch anmutender Schrift „Joanna Shepherd“. Es war ihr Buch. Sie blätterte einige Seiten weiter, erkannte die Handschrift und das, was aussah wie ein Tagebuch. April 1867.

Eine Tür öffnete sich mit einem empörten Geräusch und sie hörte, wie jemand eintrat. Joanna löste den Blick von dem Buch und drehte sich zu einem jungen Mädchen um. Sie betrachtete ihre kleine Schwester Charlotte in einem weißen Rüschenkleid, das eigentlich viel zu dünn für diese Jahreszeit war. Klein war kaum noch das richtige Wort, um sie zu beschreiben. Sie würde diesen Sommer 16 werden. Fünf Jahre jünger als Joanna selbst, aber nur noch einen Kopf kleiner. Mit jedem Tag fing sie mehr und mehr an, wie ihre Mutter auszusehen. Haar, fast so golden wie die Sonne, umrahmte in sanften Wellen ihr Gesicht. Charlottes blaue Augen und ihre Ausstrahlung begannen bereits, die Aufmerksamkeit vieler Männer auf sich zu ziehen. Joanna hatte einiges zu tun, um ihre Schwester vor diesen Avancen zu bewahren. Die Mutter der beiden würde Charlotte nie aufwachsen sehen, also übernahm Joanna diese Aufgabe so gut es ging. Schnell schob sie die Gedanken an die Mutter, die viel zu früh von ihnen gegangen war, beiseite. „Was ist denn?“, fragte Joanna ihre Schwester liebevoll und erhob sich.

„Ich weiß nicht, welches der Bänder ich für den Ball wählen soll“, jammerte Charlotte. Ihr Gesicht, sonst makellos und strahlend wie Porzellan, war vor lauter Aufregung bereits ganz fleckig geworden. Joanna erlaubte sich, kurz zu schmunzeln. Der erste Ball war etwas ganz Besonderes. Sie konnte sich noch sehr gut an ihren eigenen erinnern. Damals hatte ihre Mutter das richtige Band für Joanna ausgesucht. Also würde sie das jetzt für Charlotte tun. „Hast du dich denn bereits für ein Kleid entschieden?“, fragte Joanna und betrachtete die Bänder in Charlottes Hand. Sie waren cremefarben, himmelblau und zartrosa. „Ich dachte, du würdest mir dein Kleid aus dem schönen Musselin leihen?“ Darüber hatten die beiden lange geredet, fast schon gestritten. Es war ein Geschenk ihrer Großmutter aus Paris gewesen. Champagnerfarben. Joanna hatte nie etwas Wertvolleres besessen. Aber sie hatte dieses Kleid wahrscheinlich eine Ewigkeit nicht mehr getragen. War es einen Streit mit Charlotte wert? Wahrscheinlich passte es Joanna nicht einmal mehr. „In Ordnung", gab sie nach. Charlotte machte fast einen Luftsprung. „Nimm das blaue Band, es betont deine Augen“, fügte Joanna hinzu. Charlotte stürmte auf sie zu und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Danke, danke, danke!“, wiederholte das blonde Mädchen hastig und eilte davon.

Joanna seufzte und setzte sich wieder an ihren Frisiertisch. Ihr Spiegelbild schaute sie müde an. „Du hast nachgegeben“, hörte sie einen Mann hinter sich sagen. Ihre Blicke trafen sich im Spiegel. „Wie immer“, bestätigte Joanna und griff nach einer Haarnadel, um ihr dunkles Haar zusammen zu stecken. Ihr Vater trug schwarz, immerzu. Nicht, weil er seit fünf Jahren um seine verstorbene Gemahlin trauerte, sondern weil er der Pfarrer der Gemeinde war.  Sie hatte das Gefühl, als hätte sie ihn seit Ewigkeiten nicht gesehen. „Du tust Charlotte gut. Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde“, fuhr er fort. „Sagt das nicht, Vater“, wisperte Joanna. Es stimmte sie traurig, dass er so etwas dachte. Er legte seine Hände auf ihre Schultern, küsste sie auf das Haar und hielt den Blickkontakt durch den Spiegel aufrecht. Zwei Augenpaare, die sich nicht ähnlicher sein konnten. Anders als Charlotte, die ein Ebenbild ihrer Mutter war, hatte Joanna nichts von alledem geerbt. Nur die Augen ihres Vaters verrieten sie als Teil dieser Familie. Grau. Wie ein Sommergewitter. „Komm“, sagte ihr Vater. „Ich habe eine Überraschung für dich.“


ooOoo

Joanna schreckte schweißgebadet hoch. Es war einer dieser Träume, schon wieder. Ihr Herz schlug schnell und ihr Atem ging flach, obwohl es kein Albtraum gewesen war. Es war immer dasselbe. Andere Träume, andere Orte, andere Menschen – und doch waren sie ihr alle seltsam vertraut. Sie verschwendete einen Augenblick an die Frage, wie lange es wohl dauern würde, bis sie die Gesichter dieser Fremden, die ihr doch so bekannt vorkamen, wieder vergessen konnte. Würde sie sie überhaupt jemals wieder vergessen können? Ihre Brust schmerzte an diesem Morgen mehr als sonst. Keine Gedanken an diese Träume, beschloss Joanna. Es reichte, wenn sie ihr den Schlaf raubten. Sie duften sie nicht auch noch am Tag verfolgen. Sie rollte sich vom Bett und blieb auf dessen Rand sitzen. Ein Blick zum Fenster verriet ihr, dass die Sonne bereits aufgegangen war und irgendein fleißiger Nachbar schon den Rasen mähte. Joanna griff nach ihrem Handy auf dem Nachtisch, um nach der Uhrzeit zu sehen. 07:42, Donnerstag. Man könnte meinen, die Leute hätten nichts anderes zu tun. Aber sie hätte ohnehin nicht weiterschlafen können. Das vertraute Mahlgeräusch der Kaffeemaschine war plötzlich vernehmen. Kaffee. Genau das, was sie jetzt brauchte.

Ein wenig verschlafener als sonst betrat sie fünf Minuten später die Küche. „Guten Morgen“, sagte ihr Vater Oliver und küsste sie auf die Stirn. Eine vertraute Geste, die ihr doch jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht zauberte. „Guten Morgen, Oliver.“ Joanna hatte sich schon früh angewöhnt, ihn bei seinem Vornamen zu nennen. Zum einen lag es daran, dass er seiner Zeit einfach zu jung war, um Vater zu werden. Das merkte man ihm auch heute noch an. Außerdem wollte er als alleinerziehender Single seine Chancen steigern, doch noch einmal eine Frau kennen zu lernen. Das stellte sich als äußerst schwierig heraus, wenn die erwachsene Tochter neben einem stand und „Dad“ sagte. Oliver war durchschnittlich groß, 1.80 vielleicht. Dunkle, wuschelige Haare, die er gerade noch kurz genug trug um anständig und professionell auszusehen. Bis auf seinen Dreitagebart. Wie immer. Er hatte blaue Augen mit einem Stich ins Grüne, anders als ihre grauen Augen. Ihre Mutter hatte ihn verlassen, um ihre Jugend wieder aufleben zu lassen. Aber er machte seine Sache gut. Er ließ Joanna ihren Freiraum und sie versuchte sein Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, in dem sie den Haushalt schmiss so gut es ging.

„Ich habe Toast gemacht. Möchtest du einen Kaffee?“, fragte er sie. Joanna beäugte kritisch das halb verbrannte Stück Toast auf dem Tresen. „Nein danke. Aber ein Kaffee wäre schön“, sagte sie. Oliver griff nach einer Tasse und ließ den Vollautomaten sein Werk verrichten. Eine der sinnvolleren Investitionen in letzter Zeit. „Du weißt, dass man den Toaster auch einstellen kann, oder?“, fragte Joanna und beäugte weiterhin das verkohlte Stück Brot, das ihr Vater fabriziert hatte. Oliver betrachtete es ebenfalls kritisch und zuckte schließlich mit den Schultern. „Ich bin grade ein wenig in Eile“, gab er zu und stellte ihr den Kaffee auf den Tisch. „Wie geht es dir heute Morgen?“ Er betrachtete seine Tochter misstrauisch. „Es geht mir gut“, antwortete sie langsam. Es war die Art und Weise seiner Frage, die sie aufhorchen ließ.  „Warum fragst du?“ Er zögerte bevor er antwortete. „Du hast schlecht geträumt", stellte er fest. Joanna schaute ihn ein wenig nachdenklicher über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg an. „Habe ich im Schlaf wieder geschrien?“, fragte sie nach einigen Momenten. „Nein, nur unruhig geschlafen und gemurmelt“, gab er besorgt zu. Sie hatte ihm schon die eine oder andere Nacht geraubt. In letzter Zeit wurden es mehr. Gerade jetzt konnte er sich das wirklich nicht leisten. Seine Arbeit forderte all seine Konzentration. „Wie geht es mit deinem Projekt voran?“, fragte Joanna ihn interessiert. „Gut. Wir besprechen heute die letzten Pläne. Die Bürgermeisterin von Mystic Falls hat wirklich genaue Vorstellungen, was die Restauration der Gründerhalle angeht.“ Joannas Gedanken schweiften zu dem Tag ab, an dem Oliver ihr den Plan und die Fotos der Gründerhalle von Mystic Falls gezeigt hatte. Joanna war der felsenfesten Überzeugung gewesen, dass Oliver und sie schon einmal dort gewesen waren. Dem war jedoch nicht so, hatte ihr Vater ihr versichert. Aber es hatte sich angefühlt, als wäre sie selbst schon durch diese Eingangstüren gegangen. Damals hatten die Träume angefangen, die ihr den Schlaf raubten, kurz nachdem Oliver diesen Auftrag angenommen hatte.

„Sie wird bestimmt eindrucksvoll. Du arbeitest schon seit Monaten daran“, bestärkte Joanna ihn. Seine Entwürfe waren authentisch und gut. Sie schaute ihm gerne bei der Arbeit zu. Oliver lächelte, was ihn gleich noch fünf Jahre jünger machte. „Hast du nicht Lust, mit zu kommen? Die Stadt ist wirklich großartig. Sie hat Flair. Es würde dir gefallen. Da gibt es viele junge Leute in deinem Alter und viele Einkaufsmöglichkeiten“, schwärmte Oliver, schon wieder ganz der Restaurateur der er nun einmal war. Joanna schüttelte den Kopf. „Ich passe. Ich wollte joggen gehen und noch ein paar Dinge für die Uni tun. Aber irgendwann schaff ich es schon in dein Mystic Falls, spätestens zur Eröffnung dieser Gründerhalle an der du seit Monaten arbeitest“, erwiderte sie und lächelte. Er schien ihr einen Moment wiedersprechen zu wollen, beließ es dann jedoch auf sich. „Nimm deine Medikamente. Ich muss los“, sagte er schließlich und griff nach den Schlüsseln. „Du willst mit dem Motorrad nach Mystic Falls? Sehr professionell“, spottete Joanna mit einem Blick auf die Lederjacke, die ihr nicht entgangen war. „Willst du etwa eine Bürgermeisterin beeindrucken?“ Er kniff die Augen zusammen und grinste frech. Volltreffer. „Vergiss dein Brikett nicht“, rief Joanna ihm hinterher und nickte dem Toast zu. Doch die Tür fiel bereits ins Schloss.

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Joanna war nach dem Joggen sofort Duschen gegangen. Heißes Wasser lief an ihr herunter und hüllte das ganze Badezimmer in einen unwirklichen Nebel. Sie konnte nicht einschätzen, wie viel Zeit bereits vergangen war, aber ihre Haut begann bereits, schrumpelig zu werden. Sie hätte Stunden unter dem Wasser stehen können. Joanna joggte noch nicht sehr lange, dementsprechend anstrengend war es für sie, obwohl sie nicht sonderlich schnell war. Oliver hatte es ihr zuerst nicht erlaubt aus Angst, ihr Herz würde das nicht mitmachen. Die Ärzte hatten ihn beruhigt, ihm versichert, dass es nicht gefährlich sei, solange sie unter der Belastungsgrenze blieb. Und das tat sie, dank einer wirklichen Nerv tötender Uhr, die Jederzeit ihren Puls überwachte und sie stets daran erinnerte, langsamer zu werden, sobald sie sich von ihrer Playlist zu etwas schnelleren Takten motivieren ließ. Joanna stieg aus der Dusche und griff nach einem Handtuch. Es fühlte sich seltsam kratzig an. Bei näherem Betrachten fiel Joanna auf, dass es verfärbt war und einen unregelmäßigen fleckigen rosa Ton hatte. Einer von Olivers Waschversuchen… Ob er es jemals aufgeben würde? Ihm waren in letzter Zeit schon zu viele Blusen zum Opfer gefallen. Dann hörte Joanna ihr Handy klingeln. Sie trocknete ihre Hände und griff nach dem Telefon. «Dad», stand dort auf dem Display, wahrscheinlich der letzte Ort wo sie ihn noch nicht auf Oliver umgeschrieben hatte.

„Ja?“, nahm sie das Gespräch entgegen und fluchte innerlich, weil ihr nasses Haar auf den Bildschirm tropfte. „Joanna… endlich. Ich versuche dich schon länger zu erreichen. Wo bist du?“, fragte Oliver besorgt am anderen Ende der Leitung. „Unter der Dusche“, antwortete Joanna knapp. Wo sollte sie denn auch schon sein? „Nur weil du fünf Minuten lang nichts von mir gehört hast, heißt das nicht, dass ich bereits tot bin." Sie hörte ihn scharf die Luft einziehen. „Sag das nicht!“, bat er sie leise. Im Stillen zählte Joanna bis drei. „Entschuldige“, sagte sie. „Was ist denn los?“ Sie wischte mit der Hand über den beschlagenen Spiegel. „Ich glaube, ich habe mein Portfolio in der Küche liegen lassen“, gestand Oliver kleinlaut. „Du hast was?“ Er war nie unorganisiert, wenn es um seinen Job ging. „Ich war heute Morgen so in Eile.“ „Weil du einen guten Eindruck bei der Bürgermeisterin machen wolltest“, sagte Joanna zynisch. Männer, ihren Vater mit eingeschlossen, waren doch alle gleich. Kaum ging es um eine Frau… „Es tut mir leid. Kannst du mir das Portfolio bringen?“ Sie seufzte. Sie hatte geahnt, dass er sie das fragen würde. Und er hatte bereits gewusst, dass sie ihm eine Bitte nie ausschlagen würde. „Du lockst mich nach Mystic Falls?“, fragte Joanna. Kluger Schachzug. „Hör zu, ich brauche es. Bitte. Ich lade dich auch später zum Essen ein.“ Joanna überlegte einen Moment. „Egal wohin?“ Es gab da ein neues Sushi Restaurant, das sie unbedingt ausprobieren wollte und Oliver hasste rohen Fisch. „Egal wohin“, bestätigte Oliver. „Darf ich den BMW nehmen?“ Nun schien er einen Moment zu überlegen. „Ja, aber bitte fahr vorsichtig. Bis gleich“, sagte er merklich angespannt und beendete das Gespräch.

Joanna hatte keine großartige Lust darauf, Mystic Falls zu besuchen. Sie hatte nun ein paar Mal von dieser Stadt geträumt, seid ihr Vater dort dieses Projekt hatte. Nicht, dass das eine gute Referenz für diesen Ort war. Es gab eine unerklärliche, innere Abneigung, dabei kannte sie den Ort gar nicht. Joanna hing das Handtuch zurück auf den Ständer und betrachtete sich kurz im Spiegel. Eine Narbe zog sich unter ihrer Brust auf der linken Seite entlang. 9 Monate war die Operation her, ein minimaler Eingriff. Ein Versuch, das mit ihrem Herzen wieder in Ordnung zu bringen. Plötzliche Aussetzer. Einfach so. «Bradykardie», nannten die Ärzte das. Zu wenige Herzschläge. Das Herz hörte auf zu schlagen und Joanna hatte den Boden unter sich verloren. Der Eingriff verlief problemlos, blieb aber ohne Erfolg. Andere Möglichkeiten gab es nicht, noch nicht. Die Medizin entdeckte jeden Tag etwas Neues. Vielleicht würde es auch für sie eine Heilung geben, irgendwann. Joanna löste den Blick von ihrem Spiegelbild und zog sich an. Eine halbe Stunde später saß sie bereits in Olivers sehr sportlichen BMW, der sie nach Mystic Falls bringen würde. Sie liebte dieses Auto, auch wenn er sie ihn viel zu selten fahren ließ. Umso mehr würde sie es genießen, auch wenn sie sich nur auf die Fahrt, nicht aber das Ziel freute. Joanna drückte das Gaspedal noch etwas mehr durch. Auf dem mit schwarzem Leder bezogenen Beifahrersitz lag das Portfolio ihres Vaters. Eine gefühlte Ewigkeit und ein Dutzend Kleinststädte später passierte sie das Ortschild von Mystic Falls. Es schien ein sicherer Ort zu sein, um seine Kinder groß zu ziehen und abends alleine seinen Hund auszuführen. Sauber Straßen, gepflegte Vorgärten mit weißen Zäunen. Eine typische Amerikanische Vorstadtsiedlung. Vom Lenkrad aus steuerte Joanne die Freisprecheinrichtung des BMWs und wählte die Nummer ihres Vaters. „Hey“, antwortete er bereits nach dem zweiten Klingeln. „Hey“, wiederholte sie seine Begrüßung. „Ich fahre gerade eine Allee entlang und ich glaube das“, Joanne sah sich kurz im Rückspiegel nach dem Gebäude um, „war die Highschool. Also, wo muss ich hin?“

ooOoo

Kurz darauf fuhr Joanna in die Einfahrt einer beeindruckenden Villa im Kolonialstil. Natürlich gefiel es ihrem Vater. Als Restaurateur und Architekt war er immer beeindruckt von so gut erhaltenen Bauten, aber man musste nicht vom Fach sein um Gefallen an diesem Objekt zu finden. Olivers Motorrad stand in der Nähe des Brunnens, der den Vorhof zierte und wirkte völlig deplatziert. Eine Kutsche hätte wohl eher gepasst. Joanna kam es vor, als hätte sie Einfahrten wie diese schon dutzende Male gesehen. Sie runzelte die Stirn. Fast war sie sich sicher, dass sie genau diese Einfahrt gesehen hatte. Der Gedanke verschwand genauso schnell wie er gekommen war. Sie stieg aus dem Auto und streckte die Beine, die sich nach der langen Fahrt etwas steif anfühlten. Der Kies gab sanft unter ihr nach. Nichts für teure, hochhackige Schuhe, gab Joanna zu, und war froh sehr bequeme, dunkelblaue Ballerinas zu tragen. Geradezu geschaffen für einen Tag im Auto. Sie griff nach dem Portfolio ihres Vaters auf dem Beifahrersitz und stieg die Treppen zur Haustür hinauf. Diese war genauso dezent wie die Einfahrt. Natürlich gab es keine Klingel, zumindest keine offensichtliche. Bei solchen Häusern wurde ein Türklopfer aus schwerem Metall erwartet und genau so einen fand Joanna vor. Vielleicht würde ihr auch gleich ein Butler die Tür öffnen? Sie klopfte zaghaft dreimal. Kurz darauf konnte sie im Inneren Schritte hören und die Tür wurde geöffnet. „Joanna, du hast es gefunden", stellte ihr Vater fest und drückte seine Tochter kurz. „Offensichtlich. Aber deine Beschreibung war mies“, sagte Joanna und machte ein ernstes Gesicht. Kurz darauf warf sie ein: „Nein, es war ganz einfach. Hier, dein Portfolio.“ Sie überreichte Oliver feierlich die schwarze Mappe. Dann hörte Joanna Absätze auf dem Marmor hallen.

„Oh, ist sie das, Oliver?“, fragte eine Frau mittleren Alters. Sie trug ihr Haar Kinn lang und glatt. Das Dunkelblond schien gerade noch natürlich zu sein. Außerdem hatte sie ein dunkles Etuikleid an, welches ihr fabelhaft stand. Joanna musste neidlos anerkennen, dass sie eine tolle Figur hatte. Im nächsten Moment streckte gerade jene Frau ihr die Hand entgegen. „Ich bin Carol Lockwood, Bürgermeisterin von Mystic Falls“, stellte sie sich übertrieben freundlich vor. Alles an ihr strahlte Glanz und Professionalität aus. Sie wirkte unecht. „Hallo. Ich bin Joanna“, erwiderte Joanna die Geste, obwohl sie sich sicher war, dass die Frau das bereits wusste. „Du hast eine sehr hübsche Tochter, Oliver“, stellte Carol an ihren Vater gewandt fest. Das Kompliment aus ihrem Mund war Joanna unangenehm. „Das hat sie definitiv von ihrer Mutter, nicht von mir“, warf Oliver ein. „Das würde ich so nicht sagen“, erwiderte die Bürgermeisterin und tangierte ihn kokett. Joanna warf ihr einen missbilligenden Blick zu. „Joanna“, ermahnte Oliver sie, noch bevor die Frau davon Notiz nehmen konnte. „Wie lange brauchst du noch?“, fragte Joanna ihren Vater mit einer Spur von Ungeduld. Sie wollte nicht mehr Zeit als nötig mit dieser Person verbringen. „Ich muss das hier noch fertig machen. Warum schaust du dich nicht ein wenig um? Ich ruf dich dann an“, sagte er mit dem Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk. Irgendwo im Haus klingelte ein Telefon. „Bitte entschuldigt mich. Ich bin gleich zurück“, sagte die Bürgermeisterin, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand im Nebenzimmer.

„Und? Wie findest du sie?“, fragte Oliver und sah seine Tochter erwartungsvoll an - ein Strahlen im Gesicht, das Joanna bei ihm lange schon nicht mehr gesehen hatte. Also doch. „Wie finde ich die Stadt oder die Bürgermeisterin?“, hakte Joanna nach und konnte sich einen sarkastischen Unterton nicht verkneifen. Sie wusste genau, wen oder was er meinte. „Carol“, bestätigte Oliver ihre Vermutung. „Ich hab irgendwie verpasst, dass ihr euch bereits beim Vornamen nennt. Ich dachte, das hier wäre Arbeit?“, fragte Joanna etwas schärfer als beabsichtigt. Oliver schien überrascht von ihrer Reaktion. „Ich dachte, du hast nichts dagegen wenn ich mich verabrede?“ Er hatte Recht, normalerweise hatte sie nichts dagegen. Aber das hier störte sie, ohne genau zu wissen, warum. „Das habe ich nicht. Aber das hier ist deine Arbeit. Du erzählst mir seit Monaten von diesem Projekt, aber hast es nicht für nötig gehalten, mir zu erzählen, dass du eine Frau kennen gelernt hast?“, fragte Joanna aufgebracht. Vielleicht störte es sie, weil er es ihr verheimlicht hatte. „Es hat sich irgendwie entwickelt, nachdem wir das ein oder andere Mal länger zusammen gearbeitet haben“, erklärte ihr Vater sich. „Wir waren ein paar Mal essen und haben etwas zusammen getrunken und dann…“ Joanna hielt ihre Hand hoch um ihn zu unterbrechen. „Ich will nicht wissen, wie oder wo ihr an irgendetwas oder aneinander zusammen gearbeitet habt. Das will eine Tochter von ihrem Vater nicht wissen. Niemals.“ Die Vorstellung ihres Vaters bei einem Date war… Joanna schüttelte schockiert den Kopf.  „Ich werde mir mal ein wenig die Beine vertreten. Ruf mich an, wenn du fertig bist. Bis später, Dad!“ Das letzte Wort betonte sie mit aller Deutlichkeit. Dann drehte sie sich um und ging, noch bevor sie Oliver die Chance gab etwas darauf zu erwidern.
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