Sommerträume

von roseta
KurzgeschichteAllgemein / P12
Eomer Eowyn Théoden Théodred
13.06.2014
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Sommerträume



Wichtelgeschichte für Thainwyn zum Projekt von Forever Chazy Chaz „Sommerwichteln 2014





König Théoden betrachtete die drei jungen Menschen, die vor ihm standen, mit hochgezogenen Brauen.

„Einen Ausflug zu Pferd? Théodred, du solltest um diese Zeit mit dem Waffenmeister trainieren und das Gleiche gilt für Éomer! Und du, Éowyn, solltest mit Frau Branwen an den neuen Vorhängen arbeiten. Ihr habt alle drei Besseres zu tun als einen Spazierritt zu machen. Ihr seid doch keine Kinder mehr!"

Éowyn, die Vierzehnjährige, war in diesem Punkt durchaus seiner Meinung; sie war in dem Alter, in dem man sie normalerweise verlobt hätte, um sie dann fortzuschicken, damit sie in der Familie ihres Bräutigams leben und dort ihre Ausbildung zur Hausfrau und Herrin vollenden sollte. Das war bisher deswegen nicht geschehen, weil sowohl Theodens Königin als auch seine Schwester früh verstorben waren und somit die junge Eowyn die einzige Frau der königlichen Familie war und daher trotz ihres zarten Alters schon einige Aufgaben der Hausherrin übernehmen musste. Sie tat es, weil sie zu Pflichtbewusstsein und Gehorsam erzogen worden war, doch gewisse Tätigkeiten hasste sie von Herzen – zum Beispiel die Arbeit an den erwähnten Vorhängen.

Aber sie hielt es für klüger, das Reden den beiden Jungen zu überlassen. Sie hatten zweifellos bessere Chancen, ihren Vater und Oheim zu überzeugen.

„Meister Hartmut fühlt sich unwohl“, behauptete Théodred. „Heute herrscht eine solche Hitze, dass es eine Quälerei wäre, Schwert und Schild führen zu wollen. Der gute Meister ist nicht mehr der Jüngste und als wir ihm sagten, dass wir lieber unsere Pferde bewegen wollen, hat er nicht lange widersprochen.“
„Wenn Feinde vor den Toren Meduselds stünden, so würdet ihr alle die Waffen führen müssen, gleichgültig welche Hitze oder Kälte Euch Beschwerden bereitet“, versetzte der König ärgerlich.
„Aber wir haben Frieden, mein Herr und Oheim“, ließ sich Éomer jetzt vernehmen. „Und es ist auch nicht ganz unwichtig, unseren Pferden Auslauf zu gönnen. Auch sie leiden unter der Hitze in den engen Ställen und wenn wir sie zu den Bäumen bringen, so finden sie dort etwas frisches Gras, das noch nicht von der Sonne gedörrt ist.“

Dieses Argument schien dem König zu gefallen, denn das Wohlergehen der Pferde lag jedem Rohir fast ebenso am Herzen wie das der Menschen. Außerdem hatte sein Neffe Recht – das Reich lebte in Frieden mit den Nachbarn und der Schutz des mächtigen Zauberers Saruman, seines Verbündeten, hielt die Orks fern von Rohans Gebiet. So gab er dem Drängen nach und sagte: „Tut, was euch gefällt. Aber zur Abendmahlzeit will ich euch hier wieder sehen, und zwar anständig gekleidet, und die Pferde sollen dann wieder in ihren Ställen stehen, selbstverständlich abgerieben, gefüttert und getränkt.“

Die drei verneigten sich und murmelten Dankesworte, ehe sie hinausgingen. Éowyn fragte sich, warum der König überhaupt erwähnt hatte, dass sie erst die Pferde versorgen müssten, ehe sie sich zum Mahl begaben. Kein Rohir, ob von edler oder gewöhnlicher Abkunft, würde jemals sein Pferd vernachlässigen.

Wenig später ritten sie fröhlich über die weite Ebene, deren grüne Farbe sich unter der drückenden Sommerhitze allmählich zu einem stumpfen Gelb verfärbte. Es war einer der heißesten Sommer seit langer Zeit und hätte Éowyn ihre Mentorin, Frau Branwen, um Erlaubnis gefragt, so hätte diese ihr sicherlich den Ausritt verboten mit der Begründung, dass sie sich einen Hitzschlag holen werde. Aber der König war zum Glück nicht auf diese absurde Idee gekommen und was er erlaubt hatte, das konnte ihr niemand anders verbieten.

Das Ziel der Gruppe war ein Wäldchen, das wie eine Insel inmitten der Ebene lag; uralte Bäume umstanden dort einen kleinen Tümpel, auf dessen klarem Wasser weiße Seerosen schwammen. Die drei Königskinder waren, seit sie reiten konnten, viele Male an diesem Ort gewesen, der im Winter Schutz und im Sommer Schatten bot; hier hatten sie ausgelassen gespielt oder einfach nur ausgeruht und geträumt. An diesem heißen Tag beschlossen sie, ein erfrischendes Bad in dem kleinen Gewässer zu nehmen.
Am Ufer angekommen, befreiten sie ihre Pferde von Sattel und Zaum und ließen sie frei grasen, wie es Brauch der Rohirrim war; dann legten sie ihre Kleider ab und sprangen in das kühle Wasser des Tümpels.

Eowyn fragte sich, bevor sie ihr Untergewand ablegte, einen Augenblick, ob es richtig sei, nackt mit den Jungen im Teich zu schwimmen, aber dann schob sie den Gedanken von sich. Sie waren schon als Kinder immer zusammen in Flüssen und Seen baden gegangen, und ein nasses Unterhemd war einfach nur albern. Als einziges Zugeständnis an die Tatsache, dass sie nun schon fast eine Frau war, nahm sie sich vor, sofort nach dem Schwimmen das Kleidungsstück wieder anzuziehen.

Eine Zeitlang vergnügten sie sich in dem angenehm kühlen Wasser; dann streckten sie sich an dem grasbewachsenen Ufer aus und schauten hinauf in die hohen Baumwipfel.
„Eigentlich merkwürdig, dieses Wäldchen inmitten der Ebene“, sagte Théodred plötzlich. „Ich habe noch nie darüber nachgedacht, aber jetzt meine ich, dass es absichtlich angelegt worden sein muss. Zu welchem Zweck wohl? Es muss Hunderte von Jahren her sein; die Bäume sind riesig und uralt, fast wie die im Fangornwald weit im Norden.“
„Frau Branwen hat einmal mit mir darüber gesprochen“, Éowyn war stolz, dass sie etwas zu diesem Thema beitragen konnte. „Es gibt eine Legende, nach der einst der Fangornwald die ganze Ebene bedeckte. Niemand weiß, warum er sich dann so weit nach Norden zurückzog; sicher nicht deswegen, weil die Menschen ihn vertrieben hätten, denn die Waldgeister sind mächtig und das Volk von Rohan hat sie immer geachtet und gefürchtet. Aber dieser kleine Wald hier ist geblieben als eine Art Stützpunkt und es heißt, dass sie gelegentlich hierher kommen, um mit den Bäumen zu sprechen. In vergangenen Zeiten haben die Menschen hier die Baumgeister aufgesucht und ihre Verzeihung erbeten, wenn sie gezwungen waren, Bäume zu fällen, um ihre Häuser zu bauen. Diese Bäume hier jedoch wurden niemals angerührt; sie galten als heilig.“

„Ich dachte nicht, dass du so interessante Dinge von der alten Branwen lernst“, sagte Éomer und klang dabei sogar ein wenig neidisch. „Ich vermutete, es sei bei ihr nur fürchterlich langweilig und dass du deswegen immer bei unseren Waffenübungen mitmachen willst.“
„Ich möchte von beiden lernen, von Branwen und von Meister Hartmut“, antwortete sie. „Aber manche Tätigkeiten, die sie mich lehrt, sind in der Tat ziemlich eintönig.“

Die Unterhaltung stockte und verstummte dann ganz. Die drei Gefährten hingen ihren Gedanken nach; die Wärme machte sie schläfrig. Èowyn grübelte über ihre Zukunft nach, einen Gegenstand, der sie in letzter Zeit besonders beschäftigte. Ihr Oheim hatte schon darüber gesprochen, sie zu verloben; aber sie nahm an, dass er zuerst eine eigene Heirat plante. Er war noch nicht zu alt dafür und der Königshof brauchte eine Herrin. Solange er keine gefunden hatte, musste Éowyn diese Rolle ausfüllen, so gut sie konnte.
Sie warf einen Seitenblick auf ihren Vetter Théodred und fragte sich unwillkürlich, ob sie nicht ihn heiraten könnte. Dann wäre sie wirklich Königin von Rohan und das würde ihr keineswegs missfallen. Die Frauen Rohans genossen gewisse Freiheiten, die in anderen Ländern nicht üblich waren, zum Beispiel den Zugang zum Gebrauch von Waffen, falls sie Neigung dazu hatten. Èowyn hatte bei dieser Tätigkeit schon ein beachtliches Talent gezeigt und gedachte sie nicht aufzugeben. Und sie hatte Théodred gern; er war ihr seit Kindheitstagen ein guter Freund gewesen. Sie waren allerdings eigentlich zu nahe verwandt, um zu heiraten, doch der zweite Verwandtschaftsgrad wurde in Herrscherhäusern oft nicht als Hindernis angesehen.

Eine Bewegung ließ sie aufmerken. Ging dort eine Gestalt unter den Bäumen? Oder hatte einer der Bäume sich bewegt? Sie setzte sich auf und beobachtete eine Zeitlang das andere Ufer des Tümpels. Aber nichts rührte sich; so kam sie zu dem Schluss, dass sie sich getäuscht haben musste. Wahrscheinlich hatte sie schon halb geschlafen und einer der Waldgeister, von denen sie kurz vorher gesprochen hatten, geisterte jetzt durch ihre Träume … Sie sank wieder in ihre liegende Position zurück. Die beiden Jungen neben ihr schienen längst eingeschlafen.

„Éowyn, Éomunds Tochter!“
Woher kam die Stimme? Sie schaute sich um, doch kein Mensch war in der Nähe. Hatte sie schon wieder geträumt?
„Du begehrst die Zukunft zu wissen. Du bist zu der heiligen Quelle gekommen …“
Die körperlose Stimme war dunkel und verlockend; ob sie einem Mann oder einer Frau gehörte, war kaum zu entscheiden.
Èowyn war nicht furchtsam und sie hatte klare Ansichten, auch was übernatürliche Dinge betraf. Sie beschloss, dem geheimnisvollen Sprecher zu antworten.
„Nein, die Zukunft will ich nicht wissen! Sie nicht zu kennen, ist ein Geschenk Ilúvatars an die Sterblichen. Ich habe lediglich über Möglichkeiten nachgedacht.“
Leises Gelächter antwortete ihr und plötzlich war sie ziemlich sicher, dass ihr geheimnisvoller Gesprächspartner eine Frau war. Wind kam auf; die Blätter der Äste über ihr bewegten sich und bildeten ein Muster … und in diesem erschien ein Gesicht: ein Mann mit schwarzem Haar und scharfen Gesichtszügen, der Blick seiner dunklen Augen hoheitsvoll und gebieterisch.
Éowyn schnappte nach Luft, doch das Bild  verschwand so schnell, wie es gekommen war. Geräusche füllten ihre Ohren, Waffenklirren und Kampfeslärm – Todesschreie. Sie fühlte ein Schwert in ihrer Hand und sie sah einen gewaltigen Schatten auf sich zukommen. Eisige Kälte erfüllte ihr Herz und von Furcht gelähmt, sah sie dem finsteren Ungeheuer entgegen, zu keiner Verteidigung fähig; ihre Schwerthand sank nieder und die Waffe schleifte nutzlos am Boden.
Dann hörte sie wieder eine Stimme, dicht neben sich: „Éowyn! Éowyn!“ Es war eine unbekannte Stimme, die eines Jungen oder jungen Mannes, und obwohl Angst und Schrecken aus ihr klangen, befreite der Ruf Éowyn von ihrer Lähmung. Sie hob ihr Schwert und führte einen Streich gegen den Schatten, und dieser löste sich auf und seine Dunkelheit verschwand. Aber die Kälte, die er verbreitet hatte, legte sich auf sie wie eine Eisdecke; sie konnte sich nicht mehr bewegen, war sich nicht einmal sicher, dass sie noch atmete, und glaubte im nächsten Augenblick zu sterben.

Aber stattdessen sah sie wieder ein Gesicht, das sich über sie beugte – ein anderes diesmal, mit einem freundlichen Lächeln auf den angenehmen Zügen, und sie spürte, dass die Wärme wiederkehrte, langsam, doch wohltuend und belebend, und als ihr wieder ganz warm war, wachte sie auf.

„Was für ein Alptraum“, murmelte sie, während sie sich streckte und ihr Haar schüttelte. Ihre Glieder taten weh, wie das nicht anders zu erwarten war, wenn man auf dem Waldboden einschlief. Sie ärgerte sich, der Müdigkeit und Hitze nachgegeben zu haben, und dachte, dass es Zeit sei, den Heimweg anzutreten.

Neben ihr erwachte ihr Bruder Éomer und machte den deutlichen Eindruck, dass er auch nichts Angenehmeres geträumt hatte. Er verzog gleichfalls schmerzlich das Gesicht, während er seine Glieder streckte.
„Was hast du geträumt?“, fragte Éowyn.
„Etwas sehr Aufregendes. Ich kämpfte in einer Schlacht … einer gewaltigen Schlacht. Menschen und Elben – und Orks, ein riesiges Heer von Orks! Ich kann nicht genau sagen, wo es war, aber wir kämpften, um König Théoden zu befreien, der in irgendeiner Burg belagert wurde … unser Anführer war ein alter Mann ganz in Weiß, er leuchtete wie das Sonnenlicht, als er uns voranritt …“ Éomer verstummte und seine Schwester betrachtete ihn erstaunt. Selten hatte sie etwas so Phantasievolles von ihm gehört.

„Was für eine großartige Geschichte“, sagte Théodred. Er war offenbar schon eine ganze Weile wach und hatte Éomers Worte gehört. „Und du, Éowyn? Hattest du auch einen heldenhaften Traum?“
„Das kann ich wohl sagen“, antwortete sie. „Auch ich kämpfte in einer großen Schlacht – gegen ein schreckliches Ungeheuer. Ich wurde verwundet …“

„Ich war wohl der Einzige von uns, der angenehme Träume hatte“, meinte Théodred fröhlich. „Ich ging über eine Wiese voller weißer Blumen, sie waren wunderschön.“
„Frau Branwen würde sagen, dass diese Träume von Krieg und Kampf Unheil ankündigen“, sagte Éowyn nachdenklich, während sie ihre Pferde aufsuchten, um sie wieder zu satteln und sich auf den Heimweg zu machen.
„Alte Frauen sagen immer Unheil voraus.“ Éomer grinste spöttisch. „Ich bedaure jedenfalls, dass ich vor dem Ende des Kampfes aufgewacht bin – ich hätte zu gerne erfahren, ob wir den Sieg errungen haben. Hast du denn wenigstens deinen Kampf gewonnen, Éowyn?“
„Ja, aber ich wäre beinahe gestorben.“
„Hauptsache, du hast gesiegt.“

Er bekam keine Antwort, denn als sie das Wäldchen verließen, sahen sie einen Reiter auf sich zukommen, der sich rasch näherte. Zu ihrer großen Überraschung erkannten sie Meister Hartmut, ihren alten Waffenmeister.
„Ah, ihr seid schon auf dem Rückweg! Das ist gut. Ich wurde ausgesandt, um euch zu suchen, denn es gibt schlechte Nachrichten.“
„Das ging ja schnell“, murmelte Éowyn bestürzt.
„Herr Gríma, des Königs Ratgeber, den dieser zu dem Zauberer Saruman entsandt hatte, um dessen Rat zu erbitten, ist heute zurückgekehrt. Die Nachrichten, die er gebracht hat, waren wohl so schlecht, dass der König plötzlich erkrankt ist. Gríma hat ihm einen Heiltrank gegeben, den er von Saruman bekommen hat, aber bis jetzt zeigt er wenig Wirkung.“

Théodred stieß einen leisen Schreckensruf aus und Éomer schüttelte stumm und bestürzt den Kopf. Sie trieben ihre Pferde zur Eile an und während sie über die verdorrende Ebene auf Edoras zu ritten, wusste Éowyn, dass dies das Ende der unbeschwerten Jugendzeit war.
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