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Kamigami ga waku waku da yo!

von Shizana
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteHumor, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
12.06.2014
16.02.2021
9
42.119
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12.06.2014 2.908
 
„Nnng.“ Ausgiebig streckte sich Dionysos, wobei er auf seinem Stuhl gefährlich weit nach hinten kippelte. Von einem lauten Gähnen begleitet verschränkte er die Arme auf der Tischplatte vor sich und bettete den Kopf darauf. „Morgen ist der Tag.“

„Hehe, ich bin schon ganz aufgeregt!“ Fröhlich lächelte Apollon zu dem Freund hinüber. „Das ist unsere erste Gruppenaufgabe. Ich bin wirklich gespannt, was jeder so ausgearbeitet hat. Ne, Dee-Dee, darf ich eure Ausarbeitung mal sehen?“

„Hm?“, blinzelte er müde. Wenig elanvoll hob er das grüne Heftchen empor, welches er unter seinen Armen vergraben hatte.

„Ah, lass sehen, lass sehen!“, freute sich Apollon seines Lebens, als er das Heft entgegennahm und fröhlich summend darin zu blättern begann.

Er stutzte bald. „Eh? Aber da steht ja gar nichts drin!“

„Oh, echt nicht?“, blinzelte Dionysos zu ihm hin. „Ich bin mir sicher, ein paar der Aufgaben begonnen zu haben … aber ich hatte keine Lust, dazu etwas aufzuschreiben. Und Thor wirkte auch nicht so, als habe er mehr Elan. Jedes Mal verschwindet er direkt nach dem Unterricht zu seinem Club.“

„Loki-Loki und Toru-Toru sind wirklich sehr vorbildlich, was ihren Going-Home-Club anbelangt. Schade, dass sie nicht denselben Eifer in den Unterricht investieren.“ Er verzog die Lippen zu einem Schmollmund. „Thoth-sensei wird jedes Mal laut deswegen. Vor allem wegen Loki-Loki.“

Aus einer Ecke des Raumes klang ein Räuspern, als sich Hades aus einem schattigen Plätzchen heraus bemerkbar machte. „Im Unterricht einzuschlafen, ist nicht minder unangemessen.“

„Wen meinst du damit, Onkel Hades?“

„Ich kann nichts dafür“, verteidigte sich Dionysos, ein erneutes Gähnen unterdrückend. „Die Sonne macht mich schläfrig. Und Regentage. Und windiges Wetter. Und stickige Räume und eintöniges Gerede.“

„Also im Grunde alles, was mit Unterricht zu tun hat, und das immer“, schlussfolgerte Apollon und grinste breit, als sei er ehrlich stolz auf diese Erkenntnis.

„Genau.“ Dionysos erwiderte das Grinsen bis zu den Ohren.

Hades am anderen Ende des gemeinsamen Wohnzimmers seufzte schwer. „Wie dem auch sei“, sprach er ruhig. „Wenn Thor und du nichts vorzutragen habt, braucht ihr euch morgen erst gar nicht im Unterricht blicken zu lassen. Ich habe so ein unwohles Gefühl, was passieren wird, wenn er eure leeren Hefte sieht. Und wenn dazu ich noch im Raum bin …“

„Ah, darüber mach dir mal keine Sorgen“, winkte Dionysos ab und lachte unbekümmert. „Er wird so oder so wütend. Außerdem glaube ich, dass Thor eine Ausarbeitung angefertigt hat. Wer mit Loki und Baldr zusammen ist, hat keine andere Wahl, als für die beiden mitzuarbeiten, nicht? Wenn er mir die Aufzeichnungen gibt, kann ich sie bestimmt in einer Art vortragen, mit der unser großer Meister zufrieden sein wird.“ Siegessicher streckte er den Daumen in die Höhe.

„Es wird auf jeden Fall lustiger als Thoth-senseis stierernster Unterricht. Er ist immer so ernst, nicht? Wenn Dee-Dee anfängt, etwas zu erzählen, kann das Thema noch so langweilig sein, er macht es zu einer richtigen Geschichte. Es wird lustig!“

„Na, na, jetzt schmeichelst du mir aber.“ Verlegen, dennoch sichtbar stolz auf dieses Kompliment rieb er sich mit dem Finger unter der Nase.

„Wir werden ebenfalls unser Bestes geben!“, entschied Apollon voller Eifer und sah zu seinem Onkel, der gerade die Seite in seinem Buch umschlug, welches er las. „Gehen wir noch einmal alles durch, Onkel Hades? Wir werden zusammen eine perfekte Arbeit abliefern! Und dann wird Thoth-sensei richtig stolz auf uns sein. Und Yousei-san* und alle anderen. Es wird perfekt, nicht wahr?“

„Hach, ich beneide euch“, seufzte Dionysos leise, mild lächelnd. „Ich hätte auch gern mit einem von euch beiden zusammengearbeitet. Stattdessen habe ich Thor abbekommen. Nicht gerade die klügste Entscheidung von unserem Herrn Lehrer, was? Naja, lässt sich nichts machen.“

Laut schob er seinen Stuhl zurück, als er sich schließlich erhob. Die Arme über Kreuz in die Höhe schiebend, streckte er sich einmal ausgiebig und gab ein wohliges Stöhnen von sich. „Na denn, ich will euch nicht von der Arbeit abhalten. Ich hau‘ mich schon mal aufs Ohr. Macht nicht mehr so lange, denn ihr wisst ja: »Wer des Nachts nicht feiert, soll nicht Unnütz tun und ruhen.«“

„Ah, Dee-Dees Lieblingsspruch!“

Er grinste breit. „Und er ist wahr! Also dann“, wandte er sich ab und hob die Hand zum Wink, „gute Nacht ihr beiden.“

„Schlaf gut, Dee-Dee!“

„Gute Nacht.“

„Also“, wandte sich Apollon seinem Onkel zu, kaum dass Dionysos den Gemeinschaftsraum der griechischen Götter verlassen hatte, „fangen wir gleich an? Ich habe meine Notizen hier. Du deine doch auch? Lass uns nochmal die Aufgaben durchgehen. Ich glaube zwar nicht, dass wir etwas vergessen haben, aber doppelt hält besser, oder so.“

„Mh“, nickte Hades einmal, klappte sein Buch zu und legte es zur Seite.

Derweil schlug Apollon bereits seine Aufzeichnungen in seinem hellblauen Notizheft nach. „Mal sehen … »Welchen Nutzen zieht der Mensch aus seinen fünf Sinnen«, hm … Zu »schmecken« habe ich irgendwie nicht sehr viel. Zu den anderen vier habe ich viele Stichpunkte, aber zu »schmecken« nicht mal fünf. Hm, dabei habe ich so lange mit Yousei-san darüber gesprochen … Können wir unsere Aufzeichnungen dazu bitte noch einmal vergleichen, Onkel?“

„Natürlich.“ Schon begann er, in seinem eigenen schwarzen Heft nach den Aufzeichnungen zu blättern.

„Eeeh?“, stieß Apollon einen entrüsteten Laut aus. „Kommst du denn gar nicht an den Tisch, damit wir zusammenarbeiten können? Es sind doch so viele Stühle frei und das Licht ist hier auch sehr viel besser als dort hinten.“

„Das ist schon in Ordnung so“, wies Hades das Angebot zurück. „Auf die Art kann nichts Schlimmes passieren, wenn wir genug Abstand zueinander einhalten. Lass uns so einfach fortfahren.“

„Aber das gefällt mir nicht.“ Der junge Sonnengott blähte trotzig die Backen. „Es gefällt mir nicht, wenn du so weit weg bist. Das ist, als würdest du dich ausschließen. Außerdem müssen wir durch den ganzen Raum miteinander reden. Ich mag das nicht.“

„So ist es das Sicherste. Du weißt –“

„Aber ich mag es nicht!“, stürzte er zwischen die Worte seines Onkels, trotzig wie ein kleines Kind, das sein Lieblingsspielzeug nicht hergeben wollte. „Ja, ich weiß, aber ich mag es dennoch nicht!“

Hades stieß ein schweres Seufzen aus. „Apollon …“

„Gut, dann komme ich eben zu dir. Es ist entschieden!“ Damit schob Apollon seinen Stuhl zurück, hakte ihn sich kurzerhand unter und ging mit seinen Notizen in der anderen Hand zu seinem Onkel hinüber. Noch ehe dieser protestieren konnte, stellte der junge Gott seinen Stuhl neben Hades‘ Sessel an den niedrigen Lesetisch und angelte aus dem Bücherregal hinter ihm nach der Leselampe, welche er in einer der Steckdosen unter dem Tisch anschloss.

Nach getaner Arbeit ließ er sich auf seinen Platz sinken und lächelte sein fröhlichstes Lächeln in das Gesicht seines Onkels. „So ist es gleich viel besser, nicht?“

„Wir sollten nicht –“

„Schon gut, schon gut“, beschwichtigte ihn Apollon sofort. „Alles wird gut, du wirst schon sehen. Alles wird gut. Schau, bisher hat mich deine Nähe auch nicht umgebracht.“

„Das nicht, aber –“

„Also, lass sehen“, unterbrach er ihn erneut und griff nach dem schwarzen Notizheft. Eifrig überflog er die dünne, linksneigende Handschrift seines Onkels. „Hm, wo ist es denn …? Ach, da hast du’s ja! Der Sinn »schmecken« beim Menschen ist –“ Noch ehe er den ersten Stichpunkt zu Ende lesen konnte, wurde ihm das Heft aus der Hand entrissen.

„Hey!“, protestierte er laut und versuchte, das Notizheft in der Luft zu erwischen, bevor es gänzlich aus seiner Reichweite verschwunden war.

„Frag wenigstens vorher, bevor du dir einfach etwas nimmst, was anderen gehört“, mahnte Hades ihn, ohne die Stimme zu erheben.

„Na, komm schon, Onkel! Gib es her, lass mich sehen! Es geht doch viel schneller, wenn wir unsere Notizen direkt vergleichen“, versuchte er ihn mit Argumenten zu überreden. So gut er konnte, machte er die Arme lang und haschte nach dem Heft. „Bitte, gib …“, versuchte er es nochmals, überstreckte sich, brachte durch die ungleichmäßige Gewichtsverlagerung den Stuhl unter sich zum Rutschen, bis er ihm entglitt. Apollon verlor die Sitzfläche unter seinem Hintern, erschrak darüber und stolperte ungeschickt über seine wackeligen Beine, wodurch er laut polternd und von einem Schrecklaut begleitet zu Boden ging. Haltsuchend griff er nach dem Erstbesten, was er in seiner Hast zu fassen bekam, erwischte aber nur das Stromkabel der Tischlampe, welche er mit sich riss und mit einem dumpfen Aufschlag gegen seine Stirn aufschlug.

„Apollon!“, rief Hades erschrocken aus und sprang hoch. Sofort kniete er sich zu dem Neffen hinunter, der den Eindruck machte, als würde er für den Moment Sterne sehen. „Ich habe schon wieder Unglück gebracht … Junge, ist alles in Ordnung? Ich habe dich gewarnt, dass in meiner Nähe zu sein –“

„Sch-schon gut“, brachte Apollon nuschelnd zustande. „‘s is‘ nich‘ deine … ‘s ist meine Schuld. Ich hätte nicht so … überstürzt sein sollen, nicht wahr?“

„Es tut mir leid“, presste Hades leise hervor, die Hand an Apollons Schulter zur Faust geballt. „Ich bringe jedem, der mir nahesteht, nichts als Unglück.“

„Schon okay.“ Er bemühte sich um ein unbekümmertes Lächeln. „Es ist wirklich nicht deine Schuld, Onkel. Ich hätte einfach nicht so übereifrig sein sollen. Tut mir leid. Ich hätte dich erst fragen sollen, ob ich mir deine Notizen ansehen darf. Bitte entschuldige.“

Hades seufzte nur und schüttelte mit dem Kopf. Statt noch etwas darauf zu erwidern, half er seinem Neffen zurück auf die Beine und sorgte dafür, dass er sicher auf seinen Platz zurückfand. Anschließend setzte auch er sich wieder und reichte, um weiteren Unfällen vorzubeugen, dem jungen Gott seine Notizen.

„Es ist wirklich nicht deine Schuld“, beteuerte Apollon noch einmal, doch Hades winkte ab.

„Schon gut.“

„Hm …“ Nachdenklich betrachtete er sich seinen Onkel, den griechischen Gott der Unterwelt.

Ohne noch etwas zu sagen, wandte er sich den Notizen zu. Er las nicht die Wörter, die dort geschrieben standen, sondern ließ seinen Blick auf der schwarzen Handschrift ruhen.

Die Striche waren dünn, kurz; die Wörter eng aneinander geschrieben, dennoch ordentlich und gut lesbar; zwischen ihnen standen weite Abstände. Es gab so viele Details zu entdecken, die sich von seiner eigenen Handschrift deutlich unterschieden. Jedes Einzelne davon sprach eine kleine Wahrheit über seinen Onkel aus.

Apollon verstand nicht viel von Graphologie. Er wusste auch nicht sicher, ob sie als Götter bereits über ihre eigene Handschrift verfügt hatten oder ob diese sich erst wie von selbst entwickelt hatte, als sie von Zeus an diese Schule geholt und zu Menschen gemacht worden waren. Was er wusste, war, dass diese Handschrift anders war als seine eigene und auch anders als die Yuis. Er konnte es sich nicht erklären, doch er befand, dass sie zu seinem Onkel passte. Dass sie einmalig war, wie es sein Onkel ebenfalls war.

„Du willst es nicht“, sprach er leise, sodass es kaum zu hören war.

„Hm?“

„Hier sein.“ Apollon klang ungewohnt traurig, während er das sagte. „Die anderen auch nicht. Yousei-san auch nicht. Sie sind alle von Zeus gezwungen worden, hier zu sein. Und ich … Aber von uns allen willst du am allerwenigsten hier sein, nicht wahr?“

Er erhielt keine Antwort.

„Du versuchst immer alle auf Abstand zu halten. Du versuchst, keinen zu nah an dich heranzulassen und nicht Teil der Gruppe zu werden. Das ist traurig, sehr traurig.“

Apollon ließ eine Pause folgen, ehe er aufsah. Eine Mischung aus Hoffnung und Schmerz lag in seinen grünen Augen. „Ist es so schlimm? Hast du denn gar keinen Spaß? … Alle versuchen, das Beste aus dieser Situation zu machen. Yousei-san ist nett zu uns allen und versucht, uns bestmöglich zu unterstützen und zu verstehen, obwohl sie keine Göttin ist. Als Mensch ist es bestimmt nicht leicht für sie, die Einzige zu sein. Und doch … haben alle Spaß, nicht wahr? Du hast auch schon gelächelt, seit du mit den anderen zusammen bist, nicht? Du hast gelächelt.“

„Das ist es nicht“, sprach Hades gedämpft und wandte seinen Blick zur Seite ab. Ihm war anzusehen, dass ihm dieses Thema unangenehm war. Die Hände geballt in seinem Schoß kämpfte er seinen stillen Kampf mit dem Unmut in seinem Inneren.

„Ich habe mit Yousei-san gesprochen und sie meint auch, dass sie dich gern mehr in der Gruppe eingebunden hätte. Sie möchte nicht, dass du ausgeschlossen bist, und dass du mit allen gemeinsam schöne Erinnerungen machen kannst. Sie macht sich große Sorgen um dich.“

„Dummkopf“, flüsterte er leise, kaum hörbar. Jedoch legte sich ein dünnes Lächeln auf seine Lippen. „Sie ist ein gutes Mädchen, nicht? Aber es nützt nichts. Ich bringe Unglück. Jeder, der sich mir nähert, begibt sich in große Gefahr. Ich möchte nicht, dass einer von ihnen verletzt wird.“

Daraufhin machte sich ein betretenes Schweigen zwischen ihnen breit. Beide wussten um die Bedeutung dieser Worte, die schwer wogen.

„Ist es wirklich so schlimm?“, fragte Apollon noch einmal. Bedächtig, vorsichtig.

Hades sagte nichts darauf. Erst, als er die warmen Hände um seiner eigenen spürte, wie sie sie sanft und bestimmt zugleich hielten, blickte er zu seinem Neffen auf. In seinen eigenen Gedanken versunken, hatte er nicht bemerkt, wann Apollon mit seinem Stuhl näher an ihn herangerückt war. In den sonst so sanften, grünen Augen, die dazu bestimmt waren, eine göttlich goldene Farbe zu besitzen, lag Entschlossenheit.

„Wenn es dich so sehr quält, dann nehme ich ihn auf mich. Wenn es eine Möglichkeit gibt, dich von deinem Fluch zu erlösen oder ihn dir abzunehmen, ich tue es! Ich möchte, dass du lachen kannst. Ich möchte, dass du glücklich sein und die Zeit mit den anderen genießen kannst! Wenn es einen Weg gibt …“

„Apollon …“

„Es ist nicht fair!“, klagte er laut. Tränen stiegen dem Jungen in die Augen, dessen Herz so hell und warm war wie die Sonne selbst. „Es ist nicht fair, dass du diese Bürde allein tragen musst. Es ist nicht fair, dass du immer mit dieser Angst leben musst, andere zu verletzen, obwohl du es nicht willst. Dass du deswegen allein bist. Dass du deswegen alles und jeden auf Abstand hältst und das Wohl anderer vor dein eigenes stellst. Und das alles nur wegen …“

Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Wie er mit den Tränen Apollons umgehen sollte, die er seinetwegen verlor. Es erinnerte ihn an jenen Tag, als ihn der Junge als kleiner Knirps das erste Mal in der Unterwelt besucht hatte.

Bei dieser, ihrer ersten Begegnung hatte der Junge geweint. Hatte er sich gefürchtet vor diesem dunklen Ort, den düsteren Gestalten, den verstorbenen Seelen … vor ihm. Es war ganz natürlich gewesen. Und doch, obgleich er das Gegenteil erwartet hätte, hatte ihn Apollon ab diesem Tag des Öfteren besucht. Hatte nach und nach seine Furcht verloren und diesen verdammten Ort mit etwas erfüllt, das Hades fast vergessen hätte: Lachen. Er hatte den kleinen Jungen schnell in sein Herz geschlossen.

Von allen, die er kannte und denen er bisher begegnet war, war Apollon der Letzte, den er diese Tränen weinen sehen wollte. Und doch wusste er nicht, was er dagegen tun sollte.

„Es ist nicht seine Schuld“, versuchte er ihn zu trösten. „Es war Schicksal.“

„Dennoch …“, schluchzte er leise. Seine Stimme verebbte.

In einer nächsten Überlegung legte er eine Hand an die rechte Brust Hades‘, unter dessen Stoff seines weißen Hemdes er das dunkle Mal wusste. „Warum?“, sprach er leise und die Frage war mehr an ihn selbst gerichtet. „Ich habe es versucht … Ich sollte dazu in der Lage sein … aber selbst mit meinen göttlichen Kräften …“

Sanft legte Hades seine Hand auf die Apollons. Er sagte nichts, schloss nur die Augen.

„Warum?“

„Lass gut sein, Apollon.“

„Aber“, widerstrebte er und schüttelte mit dem Kopf. „Ich werde nicht aufgeben! Es ist nicht fair … Du bist immer so lieb und gutherzig. Du hast ein Recht darauf, glücklich zu sein! Ich will nicht, dass du deswegen unglücklich bist! Ich liebe meinen Onkel Hades.“

Wie die Sonne. Apollons Worte waren warm und wohlwollend wie die Sonne selbst. Sie entlockten Hades ein ehrliches Lächeln.

„Du bist ein guter Junge, Apollon“, sprach er sanft und legte dem jungen Gott seine Hand auf, um ihm über das blonde Haar zu streicheln. Ihre Blicke trafen sich. „Mein Bruder ist ein gesegneter Mann, solch einen lieben Jungen zu haben. Fast beneide ich ihn.“

Schmollend plusterte Apollon die Backen. „Zeus ist …“

„Dein Vater“, ergänzte Hades den Satz seines Neffen. Milde lag auf seinen Zügen. „Grolle nicht gegen ihn, Apollon. Er wird seine Gründe haben für das hier. Er hat meist seine guten Gründe für alles.“

Apollon stieß einen abfälligen Laut aus. „Ja, so sagt er.“

„Ich werde versuchen, Spaß zu haben“, sprach Hades und strich dem Jungen noch einmal über den hellen Schopf. „Ich will nicht, dass du und Dionysos euch um mich sorgt. Ich verspreche dir, dass ich es versuchen werde, auch wenn ich wenig Hoffnung habe … Ich könnte versuchen, morgen den Vortrag vor dem Rest der Klasse zu halten.“

„Echt?!“, überschlug sich Apollon schier vor lauter Begeisterung. „Das wäre toll, richtig toll! Ich freue mich. Und ich werde dir dabei helfen. Ich helfe dir!“

„Das würde mich sehr freuen.“ Er schenkte dem Jungen ein aufrichtiges Lächeln.



In diesem Moment empfand er Glück. Vielleicht war das die Chance, die sein Bruder ihm einräumte, als er ihn gegen seinen Willen hierher gezwungen hatte. Die Chance, hier, an diesem Ort, fern des Olymps und der Unterwelt, etwas anderes als Schmach und Pein zu erfahren. Er wollte an diesem Glauben festhalten, so schwer es ihm auch fiel.

Apollon war sein Licht in der Dunkelheit. War es gewesen seit dem ersten Tag, an dem er dem Jungen zum ersten Mal begegnet war. Solange er bei ihm war, konnte er so etwas wie Glück empfinden.





*Yousei bedeutet so viel wie „Fee“. Da „Fräulein Fee“ im Deutschen sehr befremdlich klingt, bleibt es beim japanischen Spitznamen.
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