Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

And if we should die tonight...

von -bamboo
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12 / Gen
Bilbo Beutlin Smaug Thorin Eichenschild
09.06.2014
09.06.2014
1
3.457
5
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
 
09.06.2014 3.457
 
Kurze Anmerkung am Anfang:
Wer Sad Endings nicht verkraften kann, sollte jetzt besser wegklicken :]



Der Drache erstarrte in seiner feuerspeienden Wut. Das Feuer aus seinem Rachen verklang und Stille trat ein.
Nicht weit von ihm entfernt hörte er den hektischen, abgehackten Atem des Diebes und das Klirren des Goldes, welches bei den kleinen Schritten gelöst wurde und den Berg hinunter rasselte.
Warum die riesige Echse erstarrt war, erklärte ihre folgende Reaktion:
Sie sog dreimal Luft in die gewaltigen Nüstern ein und öffnete dann das Maul leicht.
Zischend atmete der Drache ein und ließ die Gerüche über seine Zunge gleiten. Schnell erkannte er den immer stärker werdenden Geruch in der Luft, auch wenn der fremde Geruch des Diebes seine Geruchsnerven verpestete und ihn fast von jedem anderen Geruch ablenkte.
Mit einem Grollen glühten die feurigen Augen Smaugs auf und er setzte sich langsam und elegant in Bewegung.
Zwerg lag in der Luft. Genüsslich leckte sich der Feuerdrache die Lefzen. Das wird ein Festmahl.
Dieb und Zwerg.

Der Dieb rannte währenddessen über die angehäuften Schätze. Mit seinem Leben hatte er so gut wie abgeschlossen, immerhin saß ihm ein Drache im Nacken. Drachen waren in keiner einzigen Geschichte liebevoll und in keiner Erzählung hatten sie jemals Zuneigung gezeigt. Sie waren einfach nur blutgierige Killer, denen nichts anderes als Gold und Ruhm im Sinne stand.

Nur wollte er nicht wirklich wahrhaben, dass er nun sterben würde. Am Drachenfeuer sterben, eine kleine Mahlzeit für das geschickte Wesen sein.
Er wollte doch nur eine Aufgabe für die Zwerge im Alleingang erledigen. Und selbst das schaffte er nicht, ohne dabei sein Leben zu lassen.
Sie hatten von Anfang an Recht gehabt. Er war ein nutzloser Hobbit, der lieber in seiner Höhle sitzen wollte anstatt mit wilden Zwergen durch die Weltgeschichte reisen zu müssen. Er war immer nur eine Last gewesen, selbst wenn er Thorin gerettet hat, war er eher nur eine Last gewesen. Tatsächlich hatte er gedacht, der Zwerg würde anfangen mit ihm zu sympathisieren, nachdem sie sich auf dem Carrock umarmt hatten. Dieser Gedanke hatte ihn zu unvorsichtig gemacht. Er fing an, dem majestätischen Zwerg mit seiner ständigen Anwesenheit zu nerven und zu belasten.
Wenn er dann zurückgewiesen wurde, war er verletzt und stolperte eher schlecht als recht hinter der Gruppe her und hing trübseligen Gedanken nach. Das verlangsamte alle Zwerge wieder.

Also stimmte es wirklich. Bilbo Beutlin war nur eine Last.

Außer Atem erreichte er die Spitze eines hohen Goldberges und warf einen raschen Blick über die Schulter. Der Drache war nicht zu sehen. Wo war er? Panisch blickte er sich um.
Seltsame Stille erfüllte den Berg. Er hörte nur noch das Rauschen seines eigenen Blutes in den Ohren und seinen schweren Atem. Smaug war verstummt.
Dann hörte er das Schnüffeln des Feuerdrachen. Das begierige Knurren, dass darauf folgte, verhieß nichts gutes.
Verschreckt stürzte er sich den Berg hinab und löste einen Rutsch an Gold aus.

Gerade wollte er von dem runterrutschen des Goldberges ablassen und weiter fliehen, da krachte sein im Gold vergrabener Fuß mit unangenehmer Wucht gegen die Kante eines stabilen Steines. Feuriger Schmerz schoss sein Bein hinauf und er unterdrückte einen schmerzverzerrten Schrei. Schnaufend grub er sein Bein aus dem Goldhaufen und presste seine Hände auf den schmerzenden Knöchel.
„Verdammt!“, keuchte er und biss die Zähne fest zusammen. Warum musste er ausgerechnet jetzt so tollpatschig sein und seinen Fuß gegen eine Wand krachen lassen? Eine Verstauchung half ihm jetzt auch nicht weiter.
Adrenalin durchschoss ihn, als er die bebenden Schritte des Drachen hörte und das Rauschen losgetretener Goldlawinen durch die riesige Schatzkammer hallte.
Jeglichen Schmerz vergessend rappelte der Hobbit sich auf und stürzte auf die Treppen zu, an deren Ende der Geheimgang lag. Nur noch raus hier, raus, raus, raus!

Brüllend spuckte Smaug Feuer in Bilbos Richtung, als er sah, wie sich der Dieb zu den Treppen stürzte. Seine heißen Flammen erreichten die zierliche Gestalt aber nicht. Wenn das so weiterging, würde der Dieb nicht in Flammen sterben, sondern an einem Hitzeschlag.
Der Dieb sollte aber nicht entkommen! Dieb!
Dann erblickte er eine neue Figur auf dem Spielfeld. Zwergischer Geruch drang in seine Nüstern und er bleckte gierig seine Fänge. Erst lernte er den Speichellecker des Zwerges kennen und jetzt den Zwerg höchstpersönlich. Und dann auch noch der verehrte König unter dem Berge, seine Majestät.
Gierig zischend schlängelte er sich langsam weiter durch die Säulen, das Geschehen fest im Auge behaltend.

Thorin stürmte auf den Treppenabsatz am Ende des Ganges der Geheimtür. Sein Schwert hatte er gezückt, aus welchem Grund auch immer. Sehnsüchtig ließ er den Blick über die Mengen an Gold schweifen und eine kranke Gier nahm Besitz von ihm.
Doch bevor er in dieser kranken Gier versinken konnte und verrückten Gedanken nachhängen konnte, nahm er den hektischen Atem eines anderen, kleineren Wesens wahr und fuhr herum.
„Der Drache! Thorin, geh'! Der Drache kommt!“, rief Bilbo ihm atemlos zu.

Der Hobbit war massiv verwirrt, als er Thorin hier antraf. Die Zwerge sollten doch draußen bleiben, warum war Thorin hier? Er gefährdete ihre Sicherheit!
Kühl starrte der Zwerg ihn an. Schauder fuhren ihm über seinen Rücken, als er die letzten Stufen humpelnd nahm und sich mit diesen Augen konfrontiert sah.
„Der Arkenstein.“, knurrte Thorin und versperrte ihm den Weg. In den hellblauen Augen stand die übliche Eiseskälte und eine widerliche, kranke Gier.
„Der Drache!“, schnaufte Bilbo warnend und trat noch einen Schritt näher zu Thorin.
Thorin baute sich noch mehr vor ihm auf und starrte ihn bedrohlich an.
„Der Arkenstein! Hast du ihn?“, fauchte der Zwerg beinahe und starrte Bilbo in Grund und Boden.

Bilbo schwieg.
Er konnte die Gier in den Augen sehen. Es war scheinbar dieselbe Gier, die Thrór damals ins Verderben gestürzt hatte.
Mit einem schlechten Gefühl im Bauch dachte er an Bruchtal zurück. Als er ungewollt Gandalf und Elrond belauscht hatte, die darüber diskutierten, dass auch Thorin von dieser Krankheit befallen werden konnte.
Sie hatten Recht gehabt. Thorin war von dem Moment an, an dem er diesen Berg nach den Jahrzehnten wieder betreten hatte, von dieser Krankheit befallen worden. Durch diese Krankheit wurde er, so wie es nun schien, noch unerträglicher als er sowieso schon war.

Zudem belastete ihn auch noch die Tatsache, dass Smaug ihm ähnliches eingeredet hatte. Dass Thorin beim Anblick des Arkensteins anfängt einen innerlichen Kampf auszutragen, darunter zu leiden anfängt, innerlich zerstört werden würden...und verrückt werden würde.

Warum also sollte Bilbo ihm das geben, was er begehrte?
Sollte er dafür sorgen, dass diese Krankheit unangenehme Ausmaße annahm?
Damit Thorin alle ins Verderben werfen konnte, so wie sein Großvater es einst tat?

Nein, Bilbo würde Thorin den Arkenstein nicht geben, das war ihm klar.

Ungeduldig und nervös schaute der Halbling zu dem Zwerg auf.
„Wir müssen hier raus!“, meinte er trocken, antwortete dem Zwerg einfach nicht auf seine gierige Frage. Das einzige, was jetzt in seinem Kopf spukte, war unglaubliche Angst vor den Auswirkungen des Arkensteins, Angst vor Smaug und Angst vor diesem kranken Blick des schwarzhaarigen Zwerges.
Er humpelte auf den Ausgang zu, wollte sich an Thorin vorbei quetschen, doch der Zwerg  versperrte ihm erneut den Weg, indem er sein Schwert  mit der flachen Seite gegen Bilbos Schulter hielt und ihn mit der Klinge wegdrückte.
Geschockt stolperte Bilbo zurück, als sich dann auch noch die Spitze des Schwertes sich gegen ihn richtete und ihn immer weiter wegdrängte.

„Thorin...“, wisperte er in einem verletzten, herzzerreißenden Ton.

Die eiskalten Augen hatten ihn unnachgiebig fixiert. Sie vermittelten dem armen Hobbit die Wut des Zwerges und eine Spur Enttäuschung stand in ihnen. Als würde der Zwerg wirklich enttäuscht über den Hobbit sein, der ihm den besonderen Edelstein nicht geklaut hatte oder ihn ihm einfach nicht geben wollte. Eine seltsame Wärme trat in die Brust des Hobbits. Hatte Thorin wirklich so viel Vertrauen in ihn gesteckt, dass er jetzt enttäuscht war, weil der Halbling den Arkenstein scheinbar nicht bergen konnte?

Mit diesem furchteinflößenden Blick und dem Schwert drängte er den Meisterdieb immer weiter zurück.

Dann spürte er die Kante des Treppenabsatzes unter seinen Hacken. Würde Thorin noch näher mit seinem Schwert kommen, würde sich entweder die Spitze in seine Brust bohren, weil er versuchen würde, stehen zu bleiben. Oder er würde runter fallen.
Zitternd rang er um sein Gleichgewicht und hätte sich jetzt am liebsten an den breiten Schultern des Zwerges festgehalten, doch Thorin war außer Reichweite.
Nur das Schwert war das einzige Objekt in der Nähe, an dem er sich festhalten könnte. Würde er es festhalten, hätte er aber das Problem, dass er es sich wahrscheinlich dank seiner unglaublichen Geschicklichkeit in die Brust rammen würde.

Entweder hatte Thorin es nicht wahrgenommen oder er machte es absichtlich, doch er trat noch einen Schritt näher auf den Halbling zu, die Schwertspitze gegen die zierliche Brust drückend. Hatte er denn wirklich nicht gesehen, dass der Hobbit schwankend an der Kante des Treppenabsatzes stand und mit seinem Gleichgewicht kämpfte?

Durch das nach hinten gedrängt werden und dem immer mehr verschwindenden Boden unter seinen Füßen blieb dem Halbling keine andere Wahl, als sich an dem Schwert festzuklammern. Seine verschwitzten Handflächen rutschten jedoch von der Schneide ab und er kämpfte für einen letzten Augenblick mit seinem Gleichgewicht.
Ein letzter verzweifelter Versuch blieb ihm noch. Er verlagerte das Gewicht auf eines seines Beine und balancierte sich mit dem unbelasteten aus. Nur belastete er das falsche Bein. Stechender Schmerz fuhr durch seinen verstauchten Fuß und sein Bein knickte durch den brennenden Schmerz unter seinem Gewicht zusammen. Er stürzte hintenüber aus dem Sichtfeld Thorins.
Den letzten Blick, den sie tauschten, war ein Blick puren Entsetzens. Sowohl Thorin als auch Bilbo schauten einander entsetzt und hilflos an.

Thorins Ohren nahmen nur ein Krachen und ein widerliches Knacken wahr. Ein Knacken wie von berstenden Knochen...
Das konnte nicht wahr sein. Es durfte nicht wahr sein!
Seine Finger verloren ihre Spannung und klirrend fiel sein Schwert auf den Steinboden.
Als er fast schon ängstlich über die Kante hinwegblickte, erbleichte er und eine heftige Übelkeit nahm von ihm Besitz.

Als hätten sie den Schmerz und das Entsetzen ihres Anführers gespürt, stürmten die restlichen Zwerge in diesem Moment in die Schatzkammer hinein, riefen laut nach Thorin und verstummten sofort, als sie ihren König erblickten.
Das, was sie sahen, erschütterte sie zutiefst. Thorin, der regungslos und mit fahlen Gesicht an der Kante des Treppenabsatzes stand und mit gläsernen Augen hinabschaute.
Balin trat hinter ihn und lugte ebenfalls hinab. Noch lag Neugier in seinen dunklen Augen. Jedoch drehte er sich unerwartet schnell wieder um und schaute die anderen Zwerge mit stumpfen Blick an, ein grüner Stich um seine Nase.
Auch Dwalin wagte einen Blick und wandte sich ab. Er schien ebenso angewidert und erschüttert wie Balin, nur lenkte er sich sofort ab, indem er die drei jüngsten Zwerge zurückhielt, damit sie bloß keinen Blick wagen konnten.

Smaug war spätesten bei dem Krachen und dem Knacken stehen geblieben und beobachtete das Geschehen nun aus sicherer Entfernung.
Seine Vorderklauen hatte er um Säulen gelegt und er hatte sein Flügelmembran so weit ausgespannt, wie es nur ging. Es verlieh ihm ein noch größeres, mächtiges Aussehen.
Den Kopf hielt er niedrig und die Stacheln auf seinem Kopf angelegt. Die Stacheln waren wie die Ohren bei einer Katze. War sie angespannt oder wütend, legte sie ihre Ohren an. Legt Smaug seine Stacheln an, ist das meist kein gutes Zeichen.
Er behielt ein beständiges Glühen seiner Brust bei, was so viel hieß, dass er die ganze Zeit Feuer in seiner Brust hielt und nur einen Muskel öffnen müsste, damit das Feuer seinen Hals hinaufraste und sein Maul verlassen konnte.

Seine Nüstern zuckten die ganze Zeit über und er witterte beständig die Luft. Der für ihn angenehme Geruch von Blut hing in der Luft, seit dieses Krachen ertönt war. Dieser Geruch wurde immer stärker, und er fing an, ihn zu hypnotisieren und zu verführen.
Seinem Magen, der seit Jahrzehnten keine Nahrung mehr zu sich genommen hatte, kam dieser verführende Geruch zugute und er musste sich stark zurückhalten, um nicht zu sabbern.
Mit einem Knurren wollte er auf sich aufmerksam machen, doch da tat Thorin etwas unerwartetes.
Neugierig hielt er inne und wartete auf das weitere Geschehen.

Thorin hetzte die Treppen hinunter. Balin rief ihm etwas hinterher, doch Thorin war taub geworden. Er hatte keine Augen und Ohren mehr für den Rest der Welt. Nur die stille Gestalt in der Tiefe war ihm jetzt wichtig.
Warum war denn kein verdammtes Gold hinter dieser Kante gewesen? Überall in dieser Kammer war Gold, aber genau hier war kein Gold, welches den Sturz des Halblings etwas hätte abfedern können.
Nein, Bilbo war auf einer Treppenstufe aufgeschlagen und bis zu einem weiteren Absatz gestürzt oder gerollt, wo er nun auf dem Rücken lag und keinen Mucks von sich gab.
Eine Blutlache hatte sich um seinen Kopf herum gebildet.

„Bilbo!“, rief er heiser und sprang die letzten Stufen hinunter. Schnell ließ er sich auf die Knie fallen und hob den Halbling an, legte den blutgetränkten Schopf auf seinen Schoß und wiegte ihn sanft hin und her. Er rang um seine Fassung, doch das viele Blut und der leblos wirkende Körper nahmen ihm seinen letzten Rest Fassung.
„Bilbo, gajut men!“, schluchzte er auf Khuzdul und strich sanft mit seinem Daumen über die Wange des Hobbits. Schuldgefühle wallten durch ihn. Er war an dem ganzen Massaker hier Schuld!

Er sah, dass Bilbo noch schwach atmete. Jedoch hatte er die Hoffnung sofort aufgegeben, dass der Beutlin noch einmal die Augen aufschlagen könnte, als er das Ausmaß der Verletzung erblickt hatte.
„Bilbo, lass mich nicht allein...“, wisperte er und strich über die blutverschmierte Stirn des kleinen Wesens.
Bilbo hatte eine Platzwunde an der Schläfe und am Hinterkopf, der Schädel hatte mehrere Brüche erhalten. Wahrscheinlich war auch der Nacken oder die Wirbelsäule etwas angeknackst.
Eine Hoffnung auf Heilung war sehr unwahrscheinlich. Rettung war noch unwahrscheinlicher, da sie sich hier mit einem Drachen in der Halle befanden.
Thorin schniefte leise. Also hauchte der Halbling, der noch so lange hätte leben können, jetzt sein Leben aus. Dank ihm.

„Thorin...“, krächzte eine schwache Stimme und Thorin schaute erfreut und tieftraurig zugleich auf den schmächtigen Hobbit hinab. Bilbos Augen waren halb geöffnet und er blickte hinauf zu Thorin. Der Hobbit holte Luft und ein unangenehmes, gurgelndes Geräusch ertönte. Hustend spuckte er Blut aus und sog rasselnd Luft ein, woraufhin er wieder husten musste, diesmal aber nur trocken. Er wendete sein letztes bisschen Kraft auf, um zu ihm sprechen zu können.
„Der Arkenstein...ich habe ihn in meiner Tasche...“, hauchte er und lächelte schwach. Der Zwerg hob nur eine Augenbraue. Tränen traten ihm in die Augen, flossen langsam seine Wangen hinunter.

„Bilbo, ich will diesen Edelstein nicht haben! Ich will nur dich behalten, alles andere ist egal!“, jammerte Thorin und strich die verschwitzten Locken aus der Stirn des kleinen Mannes. Bilbo lächelte erneut. Sofort erstarb das Lächeln aber wieder und er rollte mit den Augen, stöhnte leise. Anscheinend litt er ziemlich.
„Bilbo!“, kreischte einer der Zwerge ziemlich unmännlich. Thorin vermutete, dass es Kíli war. Kurz darauf hörte man schnelle Schritte von mehreren Stiefelpaaren die Treppe heruntereilen.
Alle Zwerge kamen die Treppenstufen hinab, allen voraus die beiden jungen Brüder und Balin. Thorin bedeutete seinen Gefährten mit einem einzigen Blick, dass sie zurückbleiben sollten.

„Ich habe den Arkenstein für dich gesucht, damit du wieder herrschen kannst...nehme ihn an dich und mache Erebor zu dem wundervollen Ort, der er früher war! Ich habe meine Aufgabe einzig allein für dich beendet und dabei mein Leben riskiert...sage mir, habe ich jetzt endlich deine Aufmerksamkeit gewonnen?“, flüsterte der Hobbit schwach. Sein Blick huschte unkontrolliert durch die Umgebung und ermattete zudem auch noch langsam. Der Zwerg durfte einfach nicht daran denken, dass Bilbo ihn viel zu bald verlassen würde.
„Oh Bilbo, du hast meine Aufmerksamkeit schon lange gewonnen!“

Thorin zitterte. Ja, der eigentliche König unter dem Berge zitterte und weinte dabei Tränen des Verlustes. Etwas, was man nie von ihm erwartet hätte. Nicht einmal bei dem Tode Thrórs hatte er geweint, geschweige denn getrauert. Bilbo musste ihm wirklich viel bedeuten.
„Dann kann ich glücklich sterben...“, murmelte Bilbo und lächelte wieder.
„Sag' so was nicht!“, winselte Thorin und sein Herz zerbrach, als Bilbo nur seine Augen schloss und eine einzelne Träne aus dem geschlossenen Auge des abenteuerlustigen Halblings floss.

„Bilbo.“

Er streichelte über die Locken des Hobbits und wiegte ihn wieder hin und her. Bilbos Augen zuckten unter seinen Augenlidern, doch er öffnete sie nicht mehr. Eine weitere Träne löste sich von seinen Wimpern und lief die Wange hinab, vermischte sich mit Blut, Schweiß und Dreck und tropfte dann in Thorins Mantel.

„Bilbo, nein, schau mich an!“, befahl Thorin schwach.

Der schwarzhaarige Zwerg bebte unter verzweifelt unterdrückten Schluchzen.
Es traf ihn viel zu sehr. Er hatte doch tatsächlich Gefühle für diesen Hobbit entwickelt. Gefühle.
Diese Fehlfunktion seines Körpers wurde ihm jetzt zurückgezahlt.
Bilbos Atem ging nun ruhiger, flache Atemzüge.

„Bilbo, öffne deine Augen!“

Der Hobbit verzog seine Lippen ein letztes Mal zu einem Lächeln.
„Lebe wohl, Thorin.“

Damit hauchte er seinen letzten Atemzug aus.

„Bilbo!“, rief Fíli mit fester Stimme und hielt seine Fassung ungefähr fünf Sekunden lang. Denn Thorin warf seinen Kopf in den Nacken und ließ ein langgezogenes, schmerzliches Heulen hören. Nach diesem schmerzerfüllten Heulen verloren fast alle Zwerge ihre Fassung. Fíli schluchzte bitterlich und Kíli nahm ihn in den Arm, weinte mit ihm.
Ori winselte und wurde erstaunlicherweise von Dwalin festgehalten, der ihn dann auch kurzerhand umarmte. Jeder Zwerg der Kompanie weinte oder trauerte still vor sich hin.

Thorin atmete resigniert aus, hob den erschlafften und erkalteten Körper vorsichtig und murmelte Schwüre und Versprechen auf Khuzdul. Tränen glitzerten auf seinen Wangen und verfingen sich in seinem Bart, als sie sich ihren Weg nach unten suchten.
„Bilbo Beutlin, du warst ein wunderbarer, mutiger Hobbit. Wir behalten dich in Ehren, das versprechen wir dir...“, rief Thorin mit zitternder Stimme, bevor er auf die Knie fiel und seinen Kopf hängen ließ.
Sein Herz zerbrach immer mehr, ein Vorgang, den er nicht stoppen konnte.

Während dem gesamten Geschehen schaute Smaug aus weit geöffneten Augen zu. Seine Augenbrauen waren erstaunt in die Höhe geschossen, als er den Trauer des Zwergenkönigs hörte und schmeckte und die furchtbare Angst der gesamten Kompanie wahrnahm.
Das hatte er nun wirklich nicht gedacht. Thorin hatte tatsächlich Gefühle für den Halbling entwickelt und ihn ins Herz geschlossen.
Seine Vermutungen, dass Bilbo von Anfang an nur als Köder und Dieb genutzt worden war, lösten sich damit in Luft auf. Da hatte er dem Hobbit doch was falsches ins Gewissen geredet. Upps.
Wie leid es ihm doch tat. Aber wozu hatte er nun mal seine geschickte Drachenzunge.
Er setzte wieder das Grinsen eines Raubtieres auf und näherte sich nun schneller den Zwergen.

„Ich will ja nur ungern eure Trauer stören, aber ihr Zwerge seid in meinen Berg eingedrungen. Habt ihr etwas zu eurer Verteidigung zu sagen, oder wollt ihr jetzt schon sterben?“

Die tiefe Stimme erfüllte die gesamte Halle.
Thorins trauernden Augen richteten sich auf den Drachen, der sie mit erbarmungslos gefletschten Zähnen anstarrte und immer näher kam.
Die Zwerge blickten allesamt in die Augen des übergroßen, geflügelten Reptils und warteten darauf, dass ihr Anführer seine wohlklingende Stimme erhob und Smaug antworten würde.
Und der schwarzhaarige König musste nicht lange überlegen, was er sagen wollte. Aus seinen Worten sprach der übliche zwergische Stolz und der Schmerz des jungen Verlustes.

„Sollten wir heute Nacht sterben, dann sollten wir alle gemeinsam sterben!“

Smaugs Augen glichen jetzt nur noch Schlitzen. Er kniff die zusammen, legte die Stacheln auf seinem gewaltigen Kopf an und überwand die letzten Goldhügel, die ihn von den Zwergen trennten.
Mit dieser stolzen Antwort hatte er nicht gerechnet. Eine arrogante Antwort hätte er schon eher erwartet.
Seine Brust glühte auf und er spürte die angenehme Hitze in seinem Brustbereich. Immer heißer schürte er das Feuer in seinem Magenbereich an und wartete nur darauf, es spucken zu können.
Doch davor musterte er jeden einzelnen Zwerg genaustens. Erstaunt musterte er die drei ziemlich jung wirkenden Zwerge. Solche jungen Geschöpfe hatte Thorin mit auf die Reise genommen?
Narr!

„Wenn dies im Feuer endet, sollten wir alle zusammen verbrennen!“

Smaug wandte seinen geschuppten Kopf wieder zu dem schwarzhaarigen Krieger.
In den Worten hörte man ja förmlich die Bereitschaft, sich in den Tod zu stürzen. Und keiner der anderen Zwerge schaute ihren Anführer entsetzt oder empört an. Eher stand in ihren Augen pure Zustimmung.
Der Drache richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf und bog den Hals nach hinten durch. Das Maul öffnete er leicht und er spürte die Hitze des Feuers seinen Hals hinaufschießen.

„So sei es!“, dröhnte es.

Das rauschende Brüllen vom Feuer hallte durch den Berg nach draußen. Durch den Gang schossen vorwitzige Flammen und erhellten, draußen angekommen, die Nacht.

Noch viel länger als die Hitze des Feuers hing der sanfte Seufzer eines von Schmerzen erlösten Zwerges in der Luft.



gajut men - vergib mir
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast