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Notte di passione a Venezia

von gina1983
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteLiebesgeschichte / P16 / MaleSlash
09.06.2014
09.06.2014
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09.06.2014 2.712
 
So wunderte es nicht, dass sich auch Alessio Bertinelli stolz und aufrecht einen Weg durch die Massen suchte. Die kleinen, schmalen Gassen zum Markusplatz waren so gut wie verstopft und wäre die Rialtobrücke aus Holz, würde sie unter dem Gewicht kläglich ächzen.

Wie an den Tagen zuvor wimmelte es auch heute in der Stadt von maskierten Touristen, Fotografen und Schaulustigen. Man sah wirklich alles: statische, kühle Damen aus dem 18. Jahrhundert, hofiert von eiskalten Kavalieren, komödiantische Harlekine, bis hin zu modernen, kreativen Kostümen. Eine in gelb gekleidete Sonnenfrau umgarnte mit ihren Strahlen einen weiß schimmernden Mondmann. Auf den Marmorstufen einer Barocktreppe saß ein Hexenmeister in dunklem Samtgewand und bezirzte eine hübsche Hofdame.

Sie alle vergnügten sich oder wollten Aufsehen erregen. Die Stadt war für sie eine fantastische Bühne, für einige Stunden Protagonisten eines anderen Lebens zu sein.

Die Geräuschkulisse war ganz ordentlich. Überall lachende, singende Menschen. Aus jeder Ecke drang Musik, in der ganzen Stadt standen Bühnen, auf denen künstlerische und artistische Darbietungen gezeigt wurden. Und auf der modernen Eislaufpiste in Campo San Polo drehten die Kinder ihre Runden, während die älteren den verschiedenen Konzerten in den Kirchen lauschten.

Alessio liebte seine Stadt, er war Venezianer durch und durch und wusste, wie wichtig die Touristen für Venedig sind.

Doch in den Karnevalstagen war es immer ein regelrechter Kampf, von A nach B zu kommen. Erst recht auf dem Wasser.  Außerdem war es natürlich in Jeans, T-Shirt und Sneakers einfacher sich zu bewegen, als in solch einem schweren, mehrteiligen Kostüm, in dem man trotz der kalten Temperaturen ziemlich schnell ins Schwitzen kommt. Doch nichts auf der Welt würde Alessio davon abhalten, sich in Schale und in das Getümmel zu werfen.

Dieses wirklich sündhaft teure Kostüm, für das er fast ein Jahr lang gespart hatte, war für Alessio nicht irgendeine Maskerade. Nein, es war ein Lebensgefühl. Zu sagen, dass er sich in einen anderen Menschen verwandelte, sobald er sich die Maske aufsetzte, wäre zwar etwas übertrieben. Aber es war nah dran. Die Maske gab einem einfach eine gewisse Anonymität und Freiheit.

Fast unerkannt schlängelte sich Alessio durch seine Heimatstadt. Keiner seiner Freunde oder Kollegen kannten sein Kostüm. Die letzten Tage, an denen er mit ihnen unterwegs gewesen war, hatte er ein anderes, weniger aufwendiges Kostüm getragen.

Denn an diesem Abend wollte er unerkannt bleiben. Für seine Freunde hatte er sich eine gute Ausrede einfallen lassen und war alleine losgezogen. Er war nämlich auf der Suche nach dem, was im Karneval irgendwie immer unausgesprochen, dennoch sehr präsent in der Luft hing: Sex.

Das war schon während der Blütezeit des Karnevals im 18. Jahrhundert so gewesen. Durch die Masken wurden soziale Schranken aufgehoben. Adelige verkleideten sich als Diener und umgekehrt. Männer und Frauen tauschten die Gewänder. Für ein paar Tage im Februar wurden Sitte, Anstand und Rollenzugehörigkeit dem närrischen und auch leidenschaftlichen Treiben geopfert.

In den letzten 250 Jahren hatte sich das nicht wirklich geändert. Überall spürte man diese unterschwellige Sinnlichkeit, die Erotik, eine knisternde Spannung. Vor allem abends auf den Maskenbällen.

Zu einem dieser berüchtigten Bälle war Alessio nun unterwegs. Er versprach sich eine heiße Nacht und genau deshalb hatte er seinen Freunden möglichst glaubhaft erklärt, dass sein Magen gegen den vielen Alkohol der vergangenen Tage rebellierte und er einen Abend Pause brauchte.

Das stimmte natürlich nicht wirklich. Sie alle wussten zwar, dass er schwul war und sie hatten auch absolut kein Problem damit. Jedoch konnte Alessio in ihrem Beisein keinen Kerl anbaggern und ihn abschleppen. Das war wie eine unsichtbare Grenze, die er einfach nicht überschreiten konnte. Im Karneval war vielleicht fast alles erlaubt und man sah vieles nicht so eng, trotzdem fühlte er sich wohler, wenn er beim Flirten nicht unter der Beobachtung seiner Freunde stand.

Und heute Abend konnte er sich sicher sein, dass er niemandem von seiner Clique begegnete. Alessio war auf dem Weg zum Ballo Tiepolo im Palazzo Pisani Moretta, dem begehrtesten und glamourösesten Maskenball Venedigs. Die Eintrittspreise für diesen Ball waren dementsprechend hoch. Seine Freunde, allesamt Studenten, konnten sich das natürlich nicht leisten.
Er eigentlich auch nicht, doch Alessio hatte eine Einladung bekommen. Als Gondelbauer in Venedigs zweitgrößter Werft, dem Squero Daniele Bonaldo zu arbeiten, hatte eben gewisse Vorteile.

Um auch seinen Kollegen nicht zu begegnen, hatte er ihnen dieselbe Ausrede aufgetischt, wie seinen Kumpels. In der Werft wusste niemand, dass er auf Männer stand und das sollte auch so bleiben. Venezianische Gondelbauer waren sehr traditionell und konservativ. Homosexualität passte einfach nicht in ihr Weltbild.

Außerdem wollte Alessio den Abend ja nicht mit seinen Kollegen verbringen. Seine einzige Mission für den heutigen Abend lautete, einen heißen Kerl für eine heiße Nacht zu finden.

Leichtfüßig sprang Alessio vor dem Hotel San Silvestro in eines der wartenden Motorboote. „Zum Palazzo Pisani Moretta bitte“, sagte er dem Bootsführer und setzte sich.

Während der kurzen Fahrt, der Palazzo war nur vom Wasser aus zugänglich, wanderten Alessios Augen über die nächtliche Stadt. Es gab nichts Schöneres als Venedig bei Nacht. Besonders im Karneval. Fackeln leuchteten am Ufer des Canale Grande den Weg, ihr Feuer glitzerte im Wasser.

Auch der Eingang des Palazzo war von unzähligen Kerzen erleuchtet. Gaukler und Feuerspucker in historischen Kostümen begrüßten die Gäste und geleiteten sie ins Innere des Palastes. Zur Begrüßung bekam jeder ein Glas Dom Pérignon.

Schon zum zweiten Mal war Alessio auf diesem Ball, doch die Atmosphäre und Eindrücke überwältigten ihn aufs Neue.
Das großzügige, mit goldenem Dekor ausstaffierte Foyer war prächtig geschmückt mit Jahrhunderte alten Kerzenlüstern und Blumen- und Obstarrangements. In einer Ecke saß ein kleines Orchester und spielte Aria Di Festa.

Die Musik machte es Alessio noch leichter sich vorzustellen, wie es damals gewesen sein musste, als Kaiser Franz Joseph von Österreich oder Kaiserin Josephiné hier rauschende Feste gefeiert hatten. In jüngster Vergangenheit hatten sogar Prinzessin Diana und George Clooney auf diesem Ball getanzt.
Wer wusste schon, welche Stars sich heute Abend hinter den Masken versteckten?

Staunend sah sich Alessio um und betrachtete die ganze Szenerie. Es war, als wäre er in eine längst vergangene Zeit gesprungen. Die Menschen um ihn herum hatten scheinbar mit ihren Kostümen nicht nur Reifröcke, Korsagen und Kniebundhosen angelegt. Nein, sie hatten sich auch die Etikette der Oberschicht des 18. Jahrhunderts einverleibt. Hier legte ein Pärchen geziert die Hände übereinander, dort fächelte sich eine blasse Dame mit ihrem Spitzenfächer Luft zu. An einem der kleinen runden Tische kicherten zwei junge Frauen leise mit vorgehaltener Hand.

Sich einmal wie eine Hofdame oder ein Edelmann fühlen, deswegen waren sie hier, versteckten ihre Haare unter hochgetürmten Lockenprachten und trugen lange Ballkleider mit tiefen Dekolletés, ausladenden Hüften und Ärmel. Die Herren kostümierten sich in gemusterten Gehröcken, Spitzen-Jabot und extravaganten Hüten. Bunt gekleidete Fabelwesen und Pierrots waren ebenso anwesend und lachten und schwatzten.
Und alle waren maskiert. Kunstvolle, mit Federn reich verzierte Masken wahrten das Geheimnis ihrer Identität.

Plötzlich begann es in Alessios Körper überall zu kribbeln. Es lag tatsächlich ein Hauch der Verführung und Verruchtheit in der Luft, die für Casanova zum Sinn des Lebens geworden waren. Er hätte sich hier mit Sicherheit wohlgefühlt. Genau das, was der größte Liebhaber aller Zeiten wohl in solchen Nächten gespürt haben musste, pulsierte jetzt auch in Alessios Adern. In seinem Magen spürte er die Vorfreude und eine flatternde Erregung.

Langsam stieg er die prächtige Prunktreppe nach oben in das Obergeschoss, in dem sich der große Festsaal befand. Enorme Spiegel mit goldenen Rahmen, in denen sich das Licht hunderter Kerzen spiegelte, zierten die Wände. Unter den wunderschönen Deckenfresken alter italienischer Meister wie Giambattista Tiepolo hingen beeindruckende Muranolüster und verströmten den Charme vergangener Epochen.

An großen, opulent gedeckten Rokokotischen hatten sich bereits viele Gäste versammelt. Und die kamen aus der ganzen Welt. Alessio vernahm Englisch mit britischem und amerikanischem Akzent, Deutsch, Russisch, Spanisch, Französisch und natürlich Italienisch.

Aufmerksam ließ er den Blick durch den fast überfüllten Saal schweifen. Die meisten der Tische waren inzwischen besetzt, nur noch wenige Stühle waren frei.
Normalerweise würde er sich nicht einfach so zu fremden Leuten setzten. Doch die Maske verlieh ihm ein Selbstbewusstsein, das ihm im richtigen Leben manchmal fehlte.

Aufrecht schritt Alessio bis zur Mitte des Saales. Direkt neben dem Kamin, der leise vor sich hin knisterte, entdeckte er einen Tisch, an dem noch ein Stuhl frei war. Die anderen vier waren von drei äußerst adretten Damen besetzt.
Und von … D'Artagnan?

„Buona sera die Damen, der Herr.“ Mit einer galanten Bewegung verbeugte sich Alessio vor ihnen. Die lange weiße Feder an seinem Hut berührte dabei fast den Boden. „Ich hoffe Sie haben nichts dagegen, wenn ich mich zu Ihnen geselle?“ Erwartungsvoll blickte Alessio in die Runde.

„Aber gewiss nicht“, zwitscherte eine der Damen und wedelte mit ihrem Fächer so plakativ vor ihrem üppigen Dekolleté herum, dass man unweigerlich hinsehen musste. „Es ist uns eine Ehre, einen Edelmann wie Euch am Tisch zu haben, nicht wahr?“, säuselte sie weiter.

Aufgeregt kichernd stimmten die anderen beiden Damen zu, während D'Artagnan, dem sich Alessio gegenübersetzte, ihn nur eindringlich musterte.
Doch dann verzogen sich seine Lippen zu einem warmen Lächeln. „Ich freue mich über ein wenig männliche Unterstützung.“ Feierlich hob D'Artagnan sein Glas. „Auf einen schönen Abend, Signore.“

Leise drang das Klirren an Alessios Ohr, als er mit dem anderen Mann anstieß. Einen Augenblick kam es ihm so vor, als kannte er diese Stimme. Sie klang irgendwie merkwürdig vertraut.

Bevor er allerdings genauer darüber nachdenken konnte, setzte das L'Offerta musicale di Venezia, Venedigs berühmtestes Orchester, zu spielen ein. Wahrscheinlich irgendein Stück von Bach. Von klassischer Musik hatte Alessio keine Ahnung, aber das Stück war schön und verstärkte das Gefühl eines Zeitsprungs noch mehr.

Es dauerte nicht lange und livrierte Diener brachten den ersten Gang des stilvollen Barockdinners: Kastaniensuppe mit Rebhuhn-Coulis. Gut, die Suppe war jetzt nicht so wirklich seins, dafür aber die drei anderen Gänge, die noch folgten:  Rinderbraten mit Kohl, Poularden-Filets en Casserole mit Reis und Dorade auf Kartoffeln und Gemüse.


Während Alessio dieses üppige Abendessen sichtlich genoss und mit den drei Damen leichte Konversation pflegte, hörte D'Artagnan aufmerksam zu. Er achtete nicht einmal wirklich darauf, was er mit seiner Gabel vom Teller aufspießte, da er praktisch an den Lippen des Mannes ihm gegenüber hing. Mag wohl auch daran liegen, dass er außer seinem Mund nicht viel sehen konnte. Aber genau das machte ja den Reiz aus.
Gianluca Vendosso hatte schon befürchtet, den halben Abend mit diesen drei schnatternden Gänsen verbringen zu müssen.

Allerdings hatte er den geheimnisvollen, hochgewachsenen Fremden nicht nur deswegen an ihrem Tisch willkommen geheißen. Etwas an diesem Mann sprach zu ihm. Seine durchaus opulente Erscheinung spielte dabei sicher auch eine Rolle. Er sah aus wie ein reicher Kavalier aus dem 18. Jahrhundert.

Das opulente Jackett war aus glänzendem weinroten Brokat und von feinen goldenen Fäden durchzogen. Markante Goldborten schmückten es vom Kragen bis zum Saum sowie an den Manschetten und den Taschenlappen.
Um den Hals trug er ein Spitzen-Jabot. Die beige-goldene Weste hatte dasselbe Muster wie die Jacke. Die Hemdsärmel aus teurerer Spitze bauschten sich unter der Jacke hervor.

Die unterhalb der Knie endende Hose war ockerfarben. Weiße Kniestrümpfe, schwarze elegante Absatzschuhe mit Goldschnallen sowie ein Dreispitz mit schwungvoll gebogener Krempe komplettierten diesen außerordentlichen Anzug.

Die Maske war perfekt auf das Kostüm abgestimmt. Eine Colombina, die, eigentlich völlig untypisch, bis über die Wangenknochen ging und wirklich nur Augen und Mund frei ließ. Das alles musste ganz schön teuer gewesen sein.
Plötzlich kam sich Gianluca in seinem Lederdoublet, der engen Lederhose, dem braunen Musketierhut und den bis zu den Knien gehenden Stiefeln irgendwie … schäbig vor. Vor allem, da er schon das dritte Jahr hintereinander als D'Artagnan ging. Das Geld, sich jedes Jahr ein neues Kostüm auf den Leib schneidern zu lassen, hatte er einfach nicht. Die Eintrittskarte für diesen Ball musste er sich auch vom Mund absparen.
Zum Glück wusste das der junge Edelmann nicht. Für Gianluca stand nämlich fest: Er sollte es sein! Mit diesem Mann wollte er die Nacht verbringen.

Natürlich konnte es sein, dass sein Auserkorener später lieber mit einer der Damen nach Hause gehen wollte.
Also beobachtete Gianluca ihn während des gesamten Dinners, ohne dabei zu auffällig zu werden.

Die drei Damen buhlten zwar heftig um seine Aufmerksamkeit, doch auf ihre Flirtereien ging er nicht wirklich ein. Er war freundlich und höflich, mehr aber auch nicht. Das war ja schon mal ein gutes Zeichen, befand Gianluca lächelnd.

Besser wurde es jedoch, als die Augen des jungen Kavaliers immer öfter zu ihm wanderten und ihn viel länger als eigentlich nötig war, ansahen. Mit Freude erwiderte Gianluca diese Blicke und wagte daraufhin den nächsten Schritt. Von den anderen unbemerkt schob er unter dem Tisch einen Fuß nach vorn und strich mit der Schuhspitze an dem bestrumpften Unterschenkel seines Gegenübers entlang.

Überrascht riss dieser für einen kurzen Moment die Augen auf, lächelte dann aber und drückte sein Bein der Berührung sogar noch entgegen.
Vincita! Der Fisch hat angebissen.
Ein wenig wunderte sich Gianluca aber schon. Normalerweise stieg er nicht so schnell auf einen Flirt ein. Und noch seltener passierte es, dass er einen Flirt initiierte.
Lag es an dieser besonderen Atmosphäre? An dem Gefühl, tatsächlich jemand anderes in einer fremden Zeit zu sein?

Was es auch war, Gianluca war es egal. Denn dafür war er ja schließlich auf diesen Ball gegangen. Für eine Nacht, die ihn zumindest für ein paar Stunden vergessen ließ. Und Sex, guter Sex, ohne den ganzen emotionalen Wirrwarr, war erwiesenermaßen ein recht gutes Mittel, um unangenehme Dinge oder verteufelt gut aussehende Typen, die man sowieso nicht haben konnte, zu vergessen.

Das Dessert, Weinschaumsauce, schmeckte Gianluca dann wieder und inzwischen beteiligte er sich auch an den Gesprächen seiner Tischnachbarn.
Die beiden Männer flirteten immer noch miteinander. Den jungen Damen schien es entweder nicht zu stören, oder sie merkten es tatsächlich nicht, dass weder D'Artagnan noch der wohlhabende Kavalier Interesse an ihnen hegten.

Seit nun schon einer ganzen Weile unterhielten Schauspieler und Opernsänger die Gäste. Freiwillig würde Gianluca zwar nie eine Oper anhören, aber hierher passte es. Bei den schnelleren, heiteren Stücken ertappte er sich sogar dabei, wie er mit dem Fuß wippte und im Rhythmus mit den Fingern auf den Tisch klopfte.

Er wollte tanzen. In seinem Körper hatte sich in den letzten eineinhalb Stunden so viel Energie angestaut, die er einfach loswerden musste. Obwohl ihm noch eine weitaus lustvollere Art des Energieabbaus einfallen würde. Dieser Gedanke ließ das Blut in seinen Adern zwar brodeln, doch das musste noch ein wenig warten. Gianluca war das erste Mal auf dem Ballo Tiepolo, da wollte er nicht schon nach zwei Stunden wieder gehen.
Unter tosendem Applaus verabschiedeten sich die Schauspieler der Commedia del 'arte von ihrem Publikum.

Kurz darauf traut ein Herr mit langer, weißgrauer Lockenperücke und einem langen, goldenen Taktstock in die Mitte des Saales. Sei dunkelblauer Gehrock war aufwendig mit goldenen Stickereien verziert.

Drei Mal klopfte der Herr mit dem Stock auf den Boden. „Signore e signore. Mes dames et messieurs. Ladys and gentlemen. Ich heiße Sie alle herzlich willkommen zum diesjährigen Ballo Tiepolo“, begann er mit kräftiger Stimme. „Aber ein Ball ist erst dann ein richtiger Ball, wenn getanzt wird. Und heute Abend werden Sie tanzen, als würde Casanova Sie höchstpersönlich um einen Tanz bitten.“

Schwungvoll, sodass die Schöße des weiten Gehrocks mitschwangen, drehte sich der Tanzlehrer zu dem Orchester und klopfte erneut drei Mal mit dem Stock. „Musik!“

In einem Club des 21. Jahrhunderts tanzte man vorrangig, um andere Menschen heiß auf sich zu machen.
Ob die höfischen Tänze des 18. Jahrhunderts auf dasselbe aus waren, wusste Gianluca nicht. Wenn doch, waren sie aber lange nicht so dirty.  Sie waren eher würdevoll, genau einstudierte Bewegungen um den oder die Angebetete zu umgarnen, zu umwerben. Ein höfisches Vorspiel.

Eineinhalb Stunden übten und tanzten sie Menuett, Gavotte und Kontratänze zu Musik von Tomaso Giovanni Albinonin, Bach und Lully.
Durch die Aufstellungen und Schrittfolgen begegneten sich Alessio und Gianluca nicht oft. Doch wenn sie es taten, versuchten sie, den anderen wenigstens für einen kurzen Moment zu berühren. An der Hand, an der Schulter oder auch eine flüchtige Berührung an der Hüfte.
Das Loslassen wurde jedes Mal schwerer.

Schließlich verbeugte sich Alessio nach dem letzten Menuett galant bei seiner Tanzpartnerin, sagte etwas zu ihr und verließ den Saal. Allerdings nicht ohne Gianluca noch einmal intensiv anzustarren. Dieser verstand und eilte ihm so unauffällig wie möglich nach.
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