Auf der Flucht

von Gracecat
GeschichteRomanze, Fantasy / P16
08.06.2014
14.07.2014
8
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Es war kalt. Sehr kalt. Heute war der erste Schultag des neuen Jahres. Da kann so gut wie alles auf einen zukommen. Ich ging, wie jeden Morgen, mit dickem Mantel und Schultasche aus dem Haus in Richtung Zug. Feine Nebelwölkchen bildeten sich vor meinem Gesicht. Die Luft schmerzt sogar beim Atmen. Heute ist kein guter Tag. Ich sah mich um. Links und rechts auf der Straße befinden sich ein paar spärliche Büsche, hier und da alte, oft verlassene Häuser. Früher war es viel lebendiger. Vor dem großen Nichts. Trotz all der abweisenden, leeren Häuser befanden sich doch ein paar wenige Gestalten auf der Straße. Die meisten wirkten wie die Umgebung rings herum, seelenlos und kalt. Alle waren auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule. Schule. Ich freue mich schon auf den Abschluss. Nur noch ein Jahr, dann bin ich all das hier los. Auf dem halben Weg zum Bahnhof fiel mir plötzlich auf, dass es sogar noch stiller war als sonst. Ich sah mich um, doch es war alles wie immer… obwohl… das Vogelgezwitscher  fehlte! Um diese Uhrzeit begannen die Vögel immer ihr morgendliches Lied, das den Sonnenaufgang einläutet. Doch das einzige, was auf die Sonne hindeutete, war der langsam heller werdende Streifen am östlichen Horizont. Ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinab, und ich zog mir meine Haube etwas tiefer ins Gesicht. Jetzt merkte ich, dass mich ein paar der Menschen auf der Straße ansahen, als ob ich der Grund für das Fehlen der Tiere war. Ich beschleunigte mein Tempo, sodass ich den Kies unter meinen Schuhen deutlich knacken hörte. Einfach nicht darüber nachdenken. Das ist sicher nur Einbildung. Das sind doch alles nur diese Spinner, die denken, das Ende der Welt steht uns noch bevor…

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam ich in den halbwegs beheizten Warteraum des Bahnhofes. Hier war es nicht so still wie draußen, hier sprachen die Menschen miteinander über den bevorstehenden Tag und sahen mich nur flüchtig an. Hier war alles normal. Als der Zug einfuhr, ging ich wieder hinaus in die Kälte, vor das kleine Wartehäuschen, um in das Gefährt zu steigen, sobald es zum Stehen gekommen ist. Wie ein riesiges, schlangenartiges Tier fuhr der Zug an mir vorbei, so nah, dass ich den scharfen Luftzug des Fahrtwindes in meinem Gesicht und den Boden unter meinen Füßen erzittern spürte. Nachdem das Gefährt zum Stillstand gekommen war, öffnete ich eine der Türen und stieg ein. Wie gewohnt suchte ich mir einen abgelegenen Platz, um in Ruhe über den kommenden Tag nachzudenken. Als nun endlich die Ansage kam, dass wir losfuhren, rutschte ich etwas erleichtert auf meinen Platz nieder und war froh, dass sich keiner zu mir gesetzt hatte, wo mein Tag doch so schlecht begonnen hatte. Doch das änderte sich dann schlagartig wieder. Ein groß gebauter, kräftiger junger Mann kam in mein Abteil und setzte sich, ganz ohne zu fragen, mir gegenüber auf die Sitzbank. Das kann doch wohl nicht wahr sein! Ich will doch nur etwas Ruhe vor dem Alltag! „Entschuldigen Sie, dieses Abteil ist bereits vollständig besetzt. Meine Familie ist nur gerade beim Lokführer, um Tickets für die Fahrt zu kaufen. Wären Sie so freundlich, und suchen sich woanders einen Platz?“, fragte ich etwas giftig. Doch mein Gegenüber ignorierte mich einfach, saß einfach da, mit gesenktem Kopf, sodass ich nur sein schneeweißes Haar sehen konnte. Eine ungewöhnliche Haarfarbe, passend zu diesem ungewöhnlichen Tag. Hoffentlich kommt es nicht mehr schlimmer. Ich kramte meine Kopfhörer aus meinem Rucksack, entknotete sie und steckte sie an mein Handy. Dann suchte ich noch mein Lieblingslied in der Liste, drückte auf den Abspielknopf und schloss die Augen. Ich dachte nach, darüber, ob dieser Kerl wohl arbeiten gehen würde, oder noch auf die Schule ging. Ich dachte nach über die Vögel heute Morgen, ich dachte nach…

Irgendwann schlug ich die Augen wieder auf, hatte jedes Zeitgefühl verloren. Draußen schoss die Landschaft noch immer an dem Gefährt vorbei, doch die Sonne war bereits aufgegangen. Sie schwebte, groß und rot wie ein Feuerball, ein kleines Stück über dem Horizont. Das war der schönste Moment jeden Tag. Wenn dieser kleine Punkt am Horizont zum Leben erwachte, sich erhob und begann, der Welt langsam Leben einzuhauchen. Wenn es langsam hell und warm wurde. Wenn dieser kleine Punkt Trost spendete, weil man sonst schon jede Hoffnung aufgegeben hatte. Aber meine Hoffnung, meine Träume wird man mir nicht so leicht nehmen. Ich komme hier heraus. Ich sah zu meinem Gegenüber, der inzwischen seinen Kopf gehoben hat. Er starrte mich an. Ich wusste nicht, wie lange er mich schon so ansah, aber mir machte es komischerweise nichts aus. Er sah mich nicht wie die Menschen heute Morgen an, so vorwerfend. Es fühlte sich auch nicht komisch oder störend an, wie sonst immer. Er sah mich einfach nur neugierig an. Ich ließ es zu, starrte ihn zurück an. Er war einfach da, nicht aufdringlich, nicht nervend. Und ich war einfach da, wie ich immer war. Nur, dass es mich diesmal nicht störte, wenn jemand da war. Seltsam…

„In Kürze erreichen wir unser Ziel, Sincun. Bitte alle aussteigen!“, ertönte die Ansage. Ich wandte mich von dem Weißhaarigen ab, um meine Kopfhörer und mein Handy zurück in meine Tasche zu packen. Dann strich ich mir ein paar Strähnen aus dem Gesicht, stand auf, schwang die Schultasche auf meinen Rücken und machte mich auf den Weg zum Ausstieg. Bald wäre ich in der Schule, und all diese Ereignisse des Morgens vergessen. Ich blickte nicht zurück ins Abteil. Noch am Weg zum Ausgang blieb der Zug plötzlich ruckartig stehen, sodass es mich beinahe umwarf, und all meine Gedanken waren wie weggewischt. Wir bleiben zu früh stehen. Ich sah aus dem Fenster, und erkannte, dass wir noch im Tunnel vor dem Bahnhof in Sincun stehen geblieben sind. Aus den Lautsprechern ertönte Rauschen, dann hörte man die Ansagestimme sprechen: „Wir entschuldigen uns für die unsanfte Bremsung. Auf den Gleisen liegen tote Tiere. Die Einsatzkräfte sind bereits an der Arbeit, unsere Fahrt kann bald fortgesetzt werden.“ Tote Tiere. Keine Vögel heute Morgen. Welches Wesen hat nur all das Chaos verursacht? Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis der Zug sich langsam wieder in Bewegung setzte. Als ich endlich im Bahnhof aussteigen konnte, sprang ich aus dem Wagon und war selten so froh gewesen, den festen Boden unter mir zu spüren. Ich merkte, dass ich geschwitzt hatte.

Toll, der erste Schultag, und ich rieche nach alten Socken. Trotzdem zauberte sich ein Lächeln auf meine Lippen, als ich Eric am anderen Ende des Bahnsteiges winken sah. Ich lenkte meine Füße in seine Richtung. Er schien meine Aufregung zu merken, denn sein Grinsen legte sich, als ich ihn erreicht hatte, und fragte mich: „Was ist denn mit dir passiert, Liebes?“, doch ich ignorierte seine Frage und klammerte mich an seine Brust, verwirrt wie ich war. Der Zug, mit dem ich gekommen war, fuhr wieder ab, sodass wir weiter so im Getümmel standen, bis der Lärm der Lokomotive langsam außer Hörweite war. „Erzähl schon. Was ist dir heute Morgen über die Leber gelaufen?“ Ich sammelte meine Gedanken und sah zu ihm auf. „Eric, ich habe Angst… Es waren in  der Früh keine Vögel daheim. Es war totenstill. Im Zug hat mich ein fremder Mann angestarrt und es hat mich nicht gestört.“ Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, und ich sah ihn böse an. „Kurz  vorm Bahnhof lagen auch noch tote Tiere auf den Gleisen. Was hat das alles zu bedeuten? So beginnt doch kein normaler Tag…“ Schnell verwandelte sich mein Trotz wieder zurück in meine Angst. Er legte seine Hand schützend auf meinen Rücken. Nach ein paar Sekunden bedrückender Stille sagte er: „Ach du.. ich glaube, du machst dir zu viele Sorgen, Liebes. Was, wenn nur ein herumstreunender Luchs die Vögel bei dir daheim verschreckt hat? Und die Tiere auf den Gleisen… Vielleicht sind sie auf der Flucht vor einem Beutetier vor einen Zug gekommen. Das, was mir Angst macht, ist, dass dich der Mann im Zug nicht gestört hat.“ Er lächelte neckisch und fuhr mir mit der Hand durch die Haare. Ich funkelte ihn an. „Denkst du, ich habe Angst, wenn nur ein blöder Luchs herum streift? Ich habe gespürt, dass etwas anders war als sonst. Du bist blöd, Eric.“ Während wir uns stritten und neckten, gingen wir zur Schule. Ich fing auch an, nicht mehr über diesen Morgen nachzudenken, und lachte über Erics Witze. Langsam wurde der Tag dann doch normal.
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