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„Du lässt uns nie allein, oder?“

von Calumon
KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
06.06.2014
06.06.2014
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Warnung vor:
leichtem OOC, Headcanons (weil ich die 5te Novel noch nicht fertig gelesen habe) und eventuellen Kido x Kano Andeutungen (weil ich einfach nicht ohne dieses Pairing kann <3)
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Der Tod ihrer Mutter Ayaka traf die Kinder der Tateyama-Familie wie ein Schlag.
Nach der Beerdigung, viele der Trauergäste waren bereits gegangen, standen alle vier in einer Ecke des Raumes und schwiegen. Ihr Vater, Kenjirou, sprach mit den übrig gebliebenen Gästen, welche ihm ihr Mitgefühl mitteilten.
Auf die Kinder kam niemand zu um mit ihnen über diesen Verlust zu sprechen, die meisten der Gäste hatten sie nur aus der Ferne betrachtet und getuschelt. „Sind das die Kinder der beiden?“ „Nein, nur das schwarzhaarige Mädchen, Ayano. Die anderen haben sie adoptiert!“ „Der arme Vater, jetzt muss er sich alleine um vier Kinder kümmern!“
Nicht das es sie aufgemuntert hätte direkte Worte von diesen Fremden zu hören, das würde ihnen ihre Mutter auch nicht zurück bringen.
Gerade für die drei Jüngeren war es hart gewesen auf der Beerdigung nicht die Fassung zu verlieren. Sie hatten schon einmal alles verloren und nun mussten sie das erneut durchmachen.

Kousuke, der kleine Schwarzhaarige mit den großen, rehbraunen Augen, hatte sich am Morgen in seinem Zimmer eingeschlossen, der Junge weigerte sich mit aller Kraft auf die Beerdigung zu gehen, weil er nicht 'Leb Wohl' sagen wollte. Jeden Tag seit dem Unfall hatte er darauf gewartet, dass Ayaka wieder durch die Tür kommen würde, ihr gewohntes Lächeln auf den Lippen.
Doch sie würde nie wieder kommen, die Beerdigung war der Beweis dafür.
Nun stand der Junge mit dem Rücken an die Wand gelehnt, sein Blick blieb schon die ganze Zeit über auf dem selben Fleck am Boden kleben.

Tsubomi hatte die ganze Beerdigung über geweint, ihr Gesicht in ihren Händen verborgen. Seit die Nachricht vom Tod ihrer Adoptivmutter die Familie erreicht hatte litt das Mädchen mit den schulterlangen, grünen Haaren nicht nur unter der Trauer. Ihre Augen, die Augen des Monsters, die sie allmählich zu kontrollieren wusste, spielten verrückt. Und zusammen mit dem roten Leuchten ihrer Augen verschwand auch das Mädchen augenblicklich, als würde sie sich in Luft auflösen. Sie wollte nicht verschwinden, doch in ihrer Trauer hatte sie jede Kontrolle über die Augen verloren.
Aus diesem Grund wollte auch sie nicht auf die Beerdigung mitkommen, wenn sich ihre Augen aktivieren würden gäbe das nur Probleme und sie wollte weder Kenjirou noch ihrer Schwester Ayano weitere Sorgen bereiten.

Das sie doch mitgekommen war, war Shuuya zu verdanken. Der Blonde hatte die letzten Tage so gut wie gar nicht gesprochen, seine katzenartigen Augen schienen stets ins Leere zu blicken. Wurde er angesprochen beschränkten sich seine Antworten auf ein kurzes Nicken oder Kopfschütteln. Es war als würde er seine eigenen Ansprüche zurückstellen um niemanden zur Last zu fallen. Als Tsubomis Probleme mit ihren Augen wieder begannen kümmerte er sich wie selbstverständlich um sie. Genau wie zu ihrer gemeinsamen Zeit im Waisenhaus war er es, der sie jedes Mal fand, wenn sie sich, unsichtbar für den Blick anderer, weinend in einer Ecke verkroch.
Er wusste, dass die Kraft ihrer Augen durch körperlichen Kontakt unterdrückt wurde, also packte er am Morgen der Beerdigung einfach ihre Hand und versprach ihr sie nicht los zu lassen bis sie wieder daheim waren.

So hockte Shuuya nun auf dem Boden, die Knie an den Körper gezogen. Seinen linken Arm hatte er um seine Knie geschlungen, das Gesicht im Ärmel verborgen. Seine rechte Hand hielt Tsubomis Linke umschlossen, das Mädchen selbst ließ nur schweigend den Kopf hängen, während sich ihre Hand an Shuuyas fest klammerte.

Ayano, die älteste der vier, seufzte während sie die Szene so betrachtete. Sie wusste, dass sie sie nicht aufmuntern konnte, ihr selbst war ja auch nicht nach Lachen zumute. Trotzdem musste sie für ihre Geschwister da sein, gerade jetzt brauchten sie sie mehr denn je. Mit einem aufgesetzten Lächeln, das wahrscheinlich mehr gequält als aufmunternd wirkte, ging sie vor dem Trio in die Hocke. „Wisst ihr...“ versuchte sie die richtigen Worte zu finden „...Mama ist vielleicht nicht mehr hier um...uns vorzulesen...Essen zu kochen...oder mit uns zu spielen...aber sie...ist doch trotzdem immer noch bei uns!...“ Das Mädchen wusste selbst nicht so recht worauf sie hinaus wollte, sie wollte nur irgend etwas sagen um die Kinder von ihrer Trauer abzulenken.
Keiner der drei rührte sich, erst nach etwa einer Minute Schweigen hob Tsubomi langsam ihren Kopf. Die Umgebung ihrer Augen war von den vielen Tränen rot geschwollen, ihr Gesicht sah aus, als könnte sie jeden Moment wieder in Tränen ausbrechen. „...Wie...meinst du das?...“ Es schien ihr schwer zu fallen zu sprechen, es war vielmehr ein Flüstern, das sie irgendwie heraus brachte.

Ayano dachte nach. Ja, wie meinte sie das eigentlich? „Naja...sie lebt doch in uns weiter...!“ Wie konnte sie das den Dreien nur erklären? Da kam ihr eine Idee. „...Ja genau, das mit dem Kochen zum Beispiel. Tsubomi, Mama hat uns doch ganz viele Rezepte beigebracht, nicht wahr?“ Ein kurzes Nicken war die Antwort. Auch Kousuke hatte inzwischen den Kopf gehoben und lauschte ihren Worten. „Das bedeutet dann doch wenn wir zusammen ihre Rezepte kochen...dann schmeckt es vielleicht am Anfang noch nicht so gut wie bei ihr...aber es ist doch trotzdem das was Mama uns beigebracht hat...also kocht sie dann indirekt immer noch für uns!“ Ihren Zeigefinger nach oben gestreckt begann Ayano diese Theorie aufzustellen, und je weiter sie sprach, desto überzeugter war sie auch selbst davon. Tsubomis Augen weiteten sich und kurz konnte in ihrem Blick ein Funke von Begeisterung erahnt werden.

Ihren Satz beendet lächelte sie in die Runde, alle drei Kinder sahen sie nun an. Im Kopf der Schwarzhaarigen ratterte es als sie sich weitere Beispiele überlegte. „Und die Geschichten die sie uns immer vorgelesen hat...die Märchen aus dem großen Märchenbuch...die kann uns doch von heute an Kousuke vorlesen! Mama hat doch immer gelobt wie gut du das kannst, es würde sie bestimmt sehr glücklich machen, wenn du das machst!“ Kousuke sah erstaunt aus und wurde sogar kurz rot als er so gelobt wurde. „Aber ich...kann doch nicht die Mädchen im Buch vorlesen...“ versuchte sich der Schwarzhaarige heraus zu reden, er erinnerte sich dabei daran, wie Ayaka immer die Stimmen verstellt hatte, wenn sie die Texte der verschiedenen Charaktere vorlas. Ayano ballte die Hände zu Fäusten, die sie enthusiastisch auf und ab bewegte. „Wir können doch alle mitlesen! Wir teilen die Rollen einfach unter uns auf, ja vielleicht macht sogar Papa mit!“

Nun konnte sich Shuuya ein leises Kichern nicht verkneifen und alle Blicke drehten sich verwundert zu ihm, während er aufstand, um mit seinen Geschwistern auf Augenhöhe zu sein. „Glaubst du er...würde auch mit uns Verstecken spielen oder malen? Mama hat das immer gemacht...“ Ayano überlegte kurz, dann lächelte sie ihren kleinen Bruder an. „Wenn nicht malen wir ihn einfach das nächste mal an, wenn er wieder beim Fernsehen einschläft!“ Ein einheitliches Kichern ging durch die Runde, als sich jeder den schlafenden Kenjirou mit aufgemaltem Schnauzbart vorstellen musste. Shuuya sprach weiter, als würden die Worte, die er die letzten Tage zurückgehalten hatte nun auf ein mal aus ihm heraus sprudeln. „M...Mama hat mir ganz viele Spiele beigebracht, die wir zusammen spielen können...heißt das, dass sie auch in mir...“ Er stockte, als Ayano die Arme ausbreitete und ihre Geschwister alle auf einmal an sich drückte. Keiner bemerkte die Tränen, die aus ihren geschlossenen Augen heraus über ihr Gesicht liefen.

„Ja! Sie lebt in jedem von uns weiter! Deswegen dürfen wir sie niemals vergessen, dann bleibst sie auch für immer bei uns!“

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Ayano vergrub ihr Gesicht im Kopfkissen und atmete tief durch. Sie konnte versuchen was sie wollte, die Tränen wollten einfach nicht stoppen. Vor ihrem inneren Auge schwirrten Bilder der letzten Tage. Ihr Vater, der ihr unter Tränen von dem Tod ihrer Mutter zu erzählen versuchte. Die Blicke von Shuuya, Kousuke und Tsubomi, als sie es erfuhren. Die vielen Menschen auf der Beerdigung, die Ayaka beweinten. Der groß gewachsene Kerl im schwarzen Anzug, der ihnen missmutige Blicke zugeworfen hatte, als sie nach der Beerdigung beisammen standen und kicherten. „Wisst ihr denn nicht, wie man sich auf einer Beerdigung zu benehmen habt? Habt ihr denn keinen Respekt vor den Toten? Was sollen eure Eltern denn von so einem Verhalten halten?!“ hatte er sie angemeckert. Auf einen Schlag waren sie alle wieder still, Kousuke hatte sogar beinahe zu weinen begonnen. Natürlich hatten sie Respekt vor den Toten, mehr als sich dieser Kerl vorstellen konnte, doch woher sollte er das denn wissen?
Das Mädchen wälzte sich im Bett hin und her. Sie hatte es geschafft ihren Geschwistern wenigstens für einen kurzen Moment ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern und das hatte sie wirklich glücklich gemacht, doch nun, wo sie allein in ihrem Zimmer lag, holten sie all die traurigen Gedanken wieder ein. Würde sie es schaffen ihre Familie weiterhin glücklich zu machen? Ayaka hatte das gekonnt, doch sie war nicht Ayaka, sie war ja nicht einmal in der Lage gewesen ihre Geschwister für länger als ein paar Minuten aufzumuntern, geschweige denn ihren Vater aus seiner Trauer zu holen.

Als sich die Tür leise öffnete hob Ayano ihren Kopf und erkannte im halbdunklen Raum zwischen ihrem Zimmer und dem Flur drei Gestalten, welche sich rasch als ihre Geschwister entpuppten. „Aya-nee, bist du in Ordnung?“
Eine berechtigte Frage. So wie Ayano auf ihrem Bett hockte, unter ihre Decke gekauert, das Kissen fest an sich gedrückt, die Augen voller Tränen, musste man kein Detektiv sein um zu wissen, dass es ihr alles andere als Gut ging.
Sie schluckte und zwang sich ein Lächeln auf, während sie die Kinder ansah. „Alles in Ordnung, geht wieder ins Bett ihr drei...“ murmelte sie und erschrak fast, als sie ihre eigene Stimme hörte, so zitternd und heiser. Sie glaubten ihr nicht, das konnte die Schwarzhaarige trotz der schlechten Lichtverhältnisse sofort erkennen, so verstarb das Lächeln auf ihren Lippen wieder und Tränen schossen ihr in die Augen. Ihr Kopf fiel nach vorne ins Kissen, worin sie ihr Gesicht vergrub. „Bitte verzeiht mir...das ich so eine grausame große Schwester bin...ich kann...euch nicht zum Lachen bringen...weil ich nicht einmal selbst aufhören kann zu weinen...“ Alles was Ayano immer wollte war, dass die Menschen um sie herum glücklich sein konnten, doch es wollte einfach nicht gelingen, sie war nicht stark genug.

Das Trio sah geschockt zu ihrer großen Schwester, wie sie da auf dem Bett kauerte und mit dumpfer, brüchiger Stimme diese Worte in ihr Kissen raunte. Sie wussten nicht was sie sagen sollten, sahen einander besorgt an. Dann betraten sie den Raum. Tsubomi ging zögernd voran, Kousuke, der sich mit einer Hand an ihrem Nachthemd festklammerte, folgte ihr während Shuuya, der noch immer die Türklinke in der Hand hatte, diese zunächst leise wieder schloss, bevor er zu seinen beiden Kindheitsfreunden aufschloss.
Das Bett knarrte, als die drei darauf kletterten und sich an ihre große Schwester kuschelten und Ayano sah verwundert auf, als sie die vielen kleinen Hände bemerkte, die sich an ihr fest klammerten. „Du bist eine tolle große Schwester!“ schluchzte Tsubomi, die ihr Gesicht gegen Ayanos Brust gedrückt hatte. „Es ist ok wenn du weinen willst Aya-nee...wir sind für dich da, ok?“ murmelte Kousuke und sah seine Schwester mit Tränen in den Augen an. „Du musst dich nicht zum Lächeln zwingen...wir sind dir nicht böse wenn du auch mal an dich denkst! Bitte mach dir keine Sorgen...“ rief Shuuya entschlossen aus, was von den andern beiden mit heftigem Kopfnicken bestätigt wurde.
Ayano wusste gar nicht was sie sagen sollte. Mit welchem Glück hatte sie nur drei so wunderbare Geschwister verdient? Ein leichtes Lächeln kehrte auf ihr Gesicht zurück, ein ehrliches Lächeln. „Ich danke euch...“

Etwas später lagen sie alle vier in Ayanos Bett. Es war etwas eng, aber sie hatten sich so dicht aneinander gekuschelt, dass sogar die einzelne Bettdecke für sie alle ausreichend war. „Ayano?“ kam es leise von Kousuke, der sie ängstlich ansah. Alle sahen zu ihm. „Was ist denn los Kousuke? Kannst du nicht schlafen?“ Der Schwarzhaarige nickte und verdeckte sein Gesicht zum Teil unter der Bettdecke. Dann fuhr er zögernd fort. „Ayano...du bleibst doch immer bei uns, oder?...Wenn du auch weg gehst...wer passt denn dann auf uns auf?...“ Seine Stimme brach ab und die Tränen in seinen Augen machten klar welche Angst diese Vorstellung in ihm wach rief. Auch Tsubomi und Shuuya sahen nur erschrocken zu ihr. Ayano sah hektisch zwischen all den vor Schreck geweiteten Augenpaaren hin und her. „Natürlich nicht! Wir sind doch eine Familie, ich bleibe immer bei euch, egal was passiert!“ Darauf hin strahlten sie alle wieder und kuschelten sich an ihre Schwester.
Niemand würde sich je ihrem Glück in den Weg stellen, dafür würde Ayano sorgen.

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Tsubomi fiel es schwer sich aus dem Bett zu quälen, immer wieder wälzte sie sich von einer Seite auf die andere und starrte Löcher in die Luft. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, das konnte sie durch die geschlossenen Vorhänge erahnen, aber warum sollte sie aufstehen? Außerhalb ihres Zimmers erwartete sie nur die unangenehme Stille der Abwesenheit. Das Lachen von Kindern, die vielen Stimmen der Familienmitglieder, hatten den Tateyama Haushalt auf einen Schlag verlassen, zurück blieb nur dieses unerträgliche Schweigen.
Nach einer weiteren halben Stunde schaffte es die Grünhaarige dann doch aufzustehen und schlurfte ins Badezimmer. Dort starrte sie sich selbst eine Weile im Spiegel an. Blasses Gesicht, ausdruckslose Augen, rot geschwollen von den Tränen, die sie jede Nacht in ihr Kissen weinte. Mit einem Seufzen wandte Tsubomi wieder den Blick ab und griff zur Haarbürste, um ihre langen Haare zu kämmen und schließlich zu einem simplen Zopf zusammen zu binden. Dann machte sie sich fertig, schlüpfte in ihren lilanen Hoodie und verließ das Bad in Richtung Küche.
Wie zu erwarten war auch hier alles still, als wäre keiner im Haus. Shuuya und Kousuke waren auf ihren Zimmern, da war sie sich sicher, ein Blick in Richtung des Schlafzimmers, das früher ihren Adoptiveltern gehört hatte, versicherte, dass Kenjirou nicht daheim war. Die letzten Tage hatte er sich kaum blicken lassen und wenn doch sprach er mit keinem von ihnen, sondern schloss sich direkt in seinem Büro ein, wo ihn keiner stören würde.

Es waren inzwischen fast zwei Wochen seit dem Tag vergangen, an dem Ayano sie verlassen hatte, doch noch immer konnte keiner von ihnen so recht begreifen was passiert war. Nur eines wussten sie mit Sicherheit: Ayano war tot und würde nie wieder nach Hause zurück kehren.
Vom Dach ihrer Schule war sie gesprungen, das Rot des Blutes, das an dieser Stelle den Betonboden bedeckt hatte, blieb Tsubomi wie eingebrannt im Gedächtnis. Sie waren an dem Tag zur Schule geeilt, weil sie nicht glauben konnten was sie gehört hatten, doch dort angekommen war es ausgerechnet die Farbe Rot, die Farbe der Helden, die ihnen diese grausame Wahrheit mit einem Schlag bewusst machte.

Wie auch nach Ayakas Tod traf dieser Schicksalsschlag alle hart, doch diesmal war niemand da, um ihnen beizustehen. Ayano hatte diesen Part damals übernommen, doch nun war sie es selbst, um die alle trauerten.
Tsubomi war es damals gewesen, die als erste wieder versuchte ein wenig Alltag in den Haushalt zu bringen, nicht weil sie am wenigsten trauerte, sondern weil sie es als ihre Pflicht ansah. Sie war die älteste der drei Geschwister und konnte zudem ganz gut kochen, also nahm sie es sich zur Aufgabe zumindest dafür zu sorgen, dass keiner von ihnen verhungern würde.
Dies war auch der Grund warum sie sich nun in der Küche befand und etwas zu essen für sich und die zwei Jungen machte. Es waren kaum noch Lebensmittel im Kühlschrank, sie würde wohl heute noch ihre Ersparnisse nutzen müssen um einzukaufen. 'Wenn Kenjirou uns schon im Stich lässt hätte er wenigstens etwas Geld für Essen und Trinken hier lassen können' schoss es ihr durch den Kopf, doch das Mädchen verwarf diesen Gedanken direkt wieder. Er litt mindestens genau so schlimm unter dem Verlust wie sie, schon nachdem seine Frau bei einem Unfall gestorben war hatte er sich nur noch selten außerhalb seines Büros blicken lassen, meist war er nur mit seiner Arbeit beschäftigt gewesen.
Nun stand er alleine mit drei Kindern da, die nicht einmal mit ihm verwandt waren. Warum sollte er sich also um sie kümmern?

Nachdem alles für ein notdürftiges Frühstück hergerichtet und auf drei Teller verteilt war verließ Tsubomi die Küche und ging den Flur entlang. An den schlichten Holztüren hingen Namensschilder, die sie damals mit Ayaka gebastelt hatten.
An der Tür mit dem grünen Namensschild, auf dem ein Reh abgebildet war, klopfte Tsubomi zuerst. Lange Zeit kam keine Antwort, also drückte sie einfach die Türklinke herab und öffnete die Tür.
Kousuke lag auf seinem Bett, eingewickelt in seine Decke, als er aber die Schritte hörte, begab sich der Deckenhaufen mit einem Ruck in die Senkrechte. „Tsubomi..“ murmelte der Schwarzhaarige und rieb sich müde die Augen. Hatte er bis eben noch geschlafen? Nein, wahrscheinlich eher das Gegenteil. Die Grünhaarige sah ihren Kindheitsfreund mitfühlend an. „Möchtest du etwas essen?“ Entgegen ihrer Erwartung schälte sich ihr Gegenüber auf ihre Frage hin aus seiner Decke, bevor er ein zustimmendes Nicken andeutete.
Die Erleichterung ließ Tsubomis Herz für einen Moment schneller schlagen. Vielleicht konnte sie ihnen ja doch ein wenig helfen?

Von diesem Gedanken angespornt wanderte sie bis zum Ende des Ganges, an ihrem eigenen Zimmer vorbei zu dem Zimmer, in dem Shuuya schlief. Auch hier klopfte sie an die Tür und erwartete, wie auch bei Kousuke, die gewohnte Stille, stattdessen wurde die Tür aber fast direkt auf ihr Klopfen hin geöffnet. Der Blondschopf, der in der Tür stand, sah aus wie immer, doch Tsubomi wusste, dass dies nur eine Illusion war. Schon seit er endlich die Kontrolle über seine 'Augen' erlangt hatte benutzte Shuuya sie immer wieder um sein wahres Selbst zu verstecken, inzwischen schien er sie alle fast dauerhaft mit seinen Masken zu täuschen.
Normaler Weise machte es sie wütend, wenn sie wusste, dass er log, doch in der aktuellen Situation wollte sie ihn nicht darauf ansprechen. Er versuchte seine eigenen Schmerzen zu verstecken, so wie Ayano es nach dem Tod ihrer Mutter getan hatte, und so lange es ihm nicht schadete würde sie ihn auch nicht davon abhalten, zumindest nicht jetzt. „Ich habe etwas zu Essen gemacht“ begann Tsubomi nun, bemüht möglichst beiläufig zu klingen, obwohl ihr die Antwort, die sie zu hören hoffte so wichtig war „möchtest du auch was?“

Shuuya schien wirklich zu überlegen, bis er dann wortlos wieder die Tür schloss und Tsubomi allein zurück ließ. Das Mädchen biss sich auf die Unterlippe, bevor sie kehrt machte und zurück in die Küche schlurfte. Dort angekommen verteilte Kousuke gerade Orangensaft auf drei Gläser. „Oh Tsubomi, ich dachte mir-“ stotterte der Junge unsicher, brach dann aber ab, als sie ihm mit einem leichten Lächeln entgegnete: „Shuuya isst nicht mit...“ Warum sie dabei lächelte wusste Tsubomi selbst nicht, vielleicht weil sie nur so die Tränen der Enttäuschung zurückhalten konnte?
Kousuke nickte verstehend und drehte die Verschlusskappe wieder auf die Plastikflasche.
Das bereits gefüllte dritte Glas stellte er dann neben den Teller, der für Shuuya gedacht war, die anderen beiden zu ihren eigenen Portionen.

Das Frühstück war schnell gegessen und nachdem sie gemeinsam Teller und Besteck abgewaschen und eingeräumt hatten entschlossen sie sich ins Wohnzimmer zu gehen. Shuuyas Frühstück ließen sie auf dem Küchentisch stehen, wenn er später Hunger bekommen sollte konnte er es sich ja holen.
Nun saßen Tsubomi und Kousuke nebeneinander auf der Couch und sahen zum Fernseher, in dem irgend eine Serie lief. Das Programm interessierte keinen der beiden so recht, aber es war immerhin besser, als nur schweigend da zu sitzen. So verging eine Weile, keiner der beiden wusste wie lange genau, als sie aus der Küche ein Klappern hören konnten. Sie wollten gerade aufspringen um nachzusehen, da kam ihnen die Geräuschquelle auch schon entgegen: Shuuya.
Er hatte sich seinen Teller und das Glas Orangensaft aus der Küche geholt und ließ sich nun wortlos auf der Couch nieder, wo er zu essen begann. Die erstaunten Blicke seiner beiden Adoptivgeschwister ignorierte er dabei so lange, bis sich Tsubomi zu Wort meldete. „Ich dachte du wolltest nicht-“ Nachdem der Blonde das halbe Glas in einem Zug geleert hatte wanderte sein Blick in Richtung Teppich, als wäre sein Muster das interessanteste auf der Welt. Eine leichte Röte war auf seinen Wangen zu erkennen, während der Junge murmelte: „Ich...wollte nicht, dass Tsubomi anfängt zu weinen, nur weil ich nicht frühstücken komme...ihr trauriger Blick war ja kaum auszuhalten...“

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'Die Zeit heilt alle Wunden', immer wenn Shuuya an diesen Spruch dachte hätte er kotzen können. Wer auch immer fest an so etwas glaubte hatte keine Ahnung wie es war jemand wichtigen zu verlieren, wie sonst könnte man glauben, dass nach ein wenig Zeit und gutem Zureden jede Trauer vorbei und der Schmerz verschwunden ist?
Gerade an diesem Tag kamen Shuuya viele solcher Gedanken, während er das Foto seiner verstorbenen großen Schwester betrachtete. Es war November, der 22ste um genau zu sein, Aya-nee's Geburtstag. Der Tag war trist, der Himmel von grauen Wolken bedeckt. Schnee gab es trotz der Kälte keinen, vielleicht hätte der Blick auf verschneite, friedliche Straßen den Tag wenigstens ein wenig erträglicher gemacht.
Nicht einmal ein halbes Jahr war Ayanos Tod nun her, ein schwarz umrahmtes Foto, welches im Wohnzimmer stand, erinnerte daran. Den ganzen Vormittag waren sie im Raum gesessen, jeder mit sich selbst beschäftigt. Tsubomi saß auf der Couch, vertieft in die Musik, die aus ihren Kopfhörern erklang und sie in eine völlig andere Welt abdriften ließ. Kousuke las in einem Buch mit etwas abgegriffenen Cover, woher er es hatte wusste keiner, es wollte aber auch niemand nachfragen. Shuuya wanderte ein wenig im Raum umher. Erst stand er nur vor dem Bild und sah es an, später saß er auf der Rückenlehne der Couch und betrachtete es von dort aus. Letzten Endes saß er im Schneidersitz auf dem Boden, sein Blick klebte weiterhin auf dem Foto.

Erst als sich Tsubomi erhob und Handy mitsamt Kopfhörer in der Tasche ihres Hoodies verstaute sah er zu ihr herüber. Das Mädchen ging ohne sich nochmals umzudrehen in die Küche, wo sie mit den Vorbereitungen fürs Mittagessen begann. Etwas missmutig sah Shuuya wieder zu dem Foto. Tsubomi hatte es heute morgen aufgestellt, danach aber keines Blickes mehr gewürdigt, und das gefiel ihm gar nicht. Auch bei Kousuke war das ähnlich, er war ohnehin schon seit einer Weile anders als sonst, fröhlicher, und er war viel allein draußen unterwegs. Shuuya verzog das Gesicht, als er darüber nachdachte.
Wie konnte er nur so fröhlich sein, jetzt wo Ayano nicht mehr hier war?
Eine Stimme aus der Küche. „Hey Kousuke, Shuuya, die Wäsche in der Waschmaschine dürfte inzwischen fertig sein, könnt ihr sie bitte zum trocknen aufhängen?“
Während Kousuke aufstand um sich um die Wäsche zu kümmern glitten Shuuyas Gedanken weiter ab.
Wieso konnte sie einfach so weiter machen, einfach an ihrer Stelle stehen, als ob es nicht von Bedeutung wäre, dass jemand wichtiges in ihrem Leben fehlte.
„Shuuya, du könntest wenigstens den Tisch eindecken anstatt den ganzen Tag nur auf dem Boden herum zu sitzen!“ Wieder die Stimme aus der Küche.
Wenn hier jemand nur herum gesessen hatte, dann sie. Wann hatte sie Ayano ihren Respekt gezollt? Sie schaffte es ja noch nicht einmal ihrer eigenen Schwester in die Augen zu sehen und zum Geburtstag zu gratulieren!
„...Shuuya, schläfst du?“
'Wieso nur verhältst du dich, als hätte sie nie in unserem Leben existiert?!'
„Shuuya?“
„Bedeutet dir Ayano denn überhaupt nichts mehr?!“

Den letzten seiner Gedanken hatte er, ohne es erst zu realisieren laut heraus geschrien.
Der Blonde stand nun im Wohnzimmer, sein ganzer Körper in wütender Anspannung, seine geballten Fäuste zitterten.
Tsubomi stand ihm gegenüber im Durchgang zur Küche, ihr Blick fassungslos. Langsam kam sie zu Wort, ihre Stimme blieb gewohnt ruhig. „Was...redest du denn da? Natürlich hat sie mir etwas bedeutet, uns allen, das weist du doch wohl!“
>Hat.<
„Hör mal, wenn es dir nicht gut geht solltest du dich vielleicht etwas hinlegen...“
„Tu nicht so als würde es dich interessieren!“ fauchte er zurück „Du hast wahrscheinlich ganz vergessen welcher Tag heute ist, hab ich nicht recht?“
Vergessen...Ayano vergessen...
„Jetzt sei doch nicht albern, ist das einer deiner schlechten Scherze?“
Nun hoben sich Shuuyas Mundwinkel langsam zu einem grässlichen Grinsen, aus seinem Mund ertönte ein kurzes, trockenes Lachen.
„Du bist es doch, die hier scherzt! Du und Kousuke! Ihr benehmt euch, als wäre euch Ayano komplett egal!“
„Das stimmt nicht! Nur weil wir ihr Foto nicht den ganzen Tag anstarren heißt das nicht das wir-“
„Also gibst du zu, dass du ihr aus den Weg gehst!“
Tsubomis Gesicht hatte durch das Geschrei einen hellen Rot-Ton angenommen, außerdem war sie Shuuya bis auf weniger Meter entgegen gekommen. Es war ihr klar, dass er unter Ayanos Abwesenheit litt, vielleicht sogar am meisten von den dreien. Doch das gab ihm nicht das Recht so zu reden!
„Shuuya, du musst endlich lernen weiter zu gehen! Klammer dich nach all der Zeit nicht weiter an damals, es ist nun einmal so das wir-“
>Zeit!<
Das Mädchen konnte gar nicht so schnell reagieren, da war Shuuya schon auf sie zu gestürzt und riss sie zu Boden. Er kniete über ihr, seine vor Wut zitternde Faust umklammerte den Kragen ihres Oberteils.
In seinen Augen konnte Tsubomi einen Blick sehen, den sie noch nie bei ihm gesehen hatte, ein Blick, den sie als puren Wahnsinn bezeichnen würde:
Wut, Hass, Angst, Trauer, all dies vereinte dieser furchterregende Blick in sich.
„DU SAGST MIR ICH SOLL SIE EINFACH VERGESSEN?!“
Shuuya schrie, als würde er um sein Leben schreien. Seine Gedanken waren wie leer gefegt, von jetzt an handelte er aus purer Wut heraus.

Kousuke kam ins Wohnzimmer geeilt, weil er ihre lauten Schreie bis nach draußen gehört hatte. Seine beiden Kindheitsfreunde fand er auf dem Boden vor, ineinander verkeilt wie zwei tollwütige Hunde, die aufeinander losgingen.
Es brauchte einen Moment bis er realisierte, dass dies kein harmloses Gerangel war sondern eine handfeste Prügelei, dann sprang er nach vorne um die beiden irgendwie auseinander zu reißen.
„Was macht ihr denn?! Auseinander ihr zwei-“ Kousuke bekam einen der Schläge ab und taumelte nach hinten und musste sich erst wieder fangen, während er sich mit seiner linken Hand die schmerzende Wange hielt. Noch immer wollten die beiden nicht aufhören, zusammen mit den zahlreichen Tritten und Schlägen schrien sie sich nun immer weiter an.
„Du hängst mit dem Kopf in der Vergangenheit fest! Du bist doch nur so sauer, weil wir weiter gehen konnten und du nicht!“
„Ayano zu vergessen ist doch kein Schritt nach vorne! Von so einer wie du es bist lass' ich mir das nicht erzählen! Wahrscheinlich bist du froh, dass sie tot ist!-“
Das Geräusch von Tsubomis flacher Hand, die Shuuyas Wange traf schien kurz im Raum zu hallen, die Stille die auf ihre Ohrfeige hin folgte schien ewig.
Die beiden Streithähne bewegten sich für einige Sekunden nicht und dies erkannte Kousuke als seine Chance: er packte das grünhaarige Mädchen von hinten und zog sie ein Stück von Shuuya weg.
Die Blicke der Beiden blieben auf dem jeweils anderen hängen, Tsubomis Blick zitterte leicht, als konnte sie noch immer nicht fassen was er gerade gesagt hatte, Shuuyas Blick aber zeigte, dass er es komplett ernst meinte.
Wie waren die beiden nur an diesen Punkt gelangt?
„Wir sind keine Kinder mehr...“ murmelte Tsubomi mit hängendem Kopf, sodass niemand ihr Gesicht sehen konnte. „...werd endlich erwachsen Shuuya.“

Weiteres Schweigen erfüllte den Raum, jeder der drei anwesenden schien die Ereignisse von eben für sich verdauen zu müssen. Shuuya war der erste, der sich regte, der Junge stand auf, taumelte erst etwas, und ging dann ohne ein weiteres Wort zu sagen an ihnen vorbei aus dem Wohnzimmer. Das Klicken der Haustür, die ins Schloss fiel verriet ihnen, dass sie nun alleine waren.
Kousuke seufzte und lockerte seinen Griff um Tsubomi, die beim Versuch aufzustehen nach vorne umfiel. Der Körper des Mädchens zitterte und ihr Atem war nur noch ein lautes Keuchen. Aus ihrer Nase lief etwas Blut und ihr ganzes Gesicht würde wohl schon bald von einigen blauen Flecken und einem schmerzhaft angeschwollenen Auge gezeichnet sein.

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Kousuke saß im Wohnzimmer, dort wo heute morgen noch Tsubomi gesessen hatte, das Mädchen selbst hatte sich in ihr Zimmer zurück gezogen und die Tür hinter sich verschlossen. Es war spät geworden, die Sonne schon lange hinterm Horizont verschwunden, doch Shuuya war noch nicht nach Hause zurück gekommen. Kousuke hatte sogar eine Vermutung wo er stecken könnte, doch er wollte Tsubomi jetzt nicht allein lassen, selbst wenn sie sich in ihrem Zimmer einschloss und für sich sein wollte, so war er doch für den Fall der Fälle hier.
Vom Streit selbst hatte er nicht viel mitbekommen und er würde sich hüten einen der beiden danach zu fragen, doch es musste ein heikles Thema gewesen sein, denn so eine Prügelei zwischen den beiden hatte er noch nie erlebt.
Von dem was er mitbekommen hatte ging es wohl um Ayano und genau das war der springende Punkt.
Nach dem Tod ihrer großen Schwester war jeder anders damit umgegangen.
Während sich Shuuya nur einschloss und der Vergangenheit nach hing, war Tsubomi voran gegangen und hatte versucht die Familie aus der Trauer zu ziehen. Kousuke hatte es nie offen gesagt, aber er war ihr sehr dankbar dafür gewesen, und ehrlich gesagt bewunderte er sie für diese Stärke, für ihre Familie diese Bürde auf sich zu nehmen und für alle anderen ihre eigene Trauer hinten an zu stellen. Shuuya hingegen schien zu denken, dass es Tsubomi leicht gefallen war über Ayanos Tod hinweg zu kommen, so zumindest schien es in ihrem Streit heute auszusehen.
Der Schwarzhaarige zog die Knie an seinen Körper und sah zum Fenster, immer in der Hoffnung einen bekannten blonden Haarschopf vor dem Haus zu sehen.
'Es ist als würde unsere Familie seitdem immer weiter auseinander driften...' dachte sich der Junge traurig und wandte seinen Blick zum Foto seiner Schwester. „Aya-nee...was mach ich denn jetzt? Ich will die beiden nicht auch noch verlieren...“

Es war spät am Abend, etwa gegen zehn Uhr, als sich Kousuke etwas kleines zu Essen machte. Keiner der drei hatte zu Mittag oder Abend gegessen und allmählich besiegte das Hungergefühl den Schock, der dem Jungen noch quer im Magen gelegen hatte. Ob Tsubomi auch etwas essen wollte? Er beschloss ihr zumindest etwas zu bringen, sie musste ja nicht mit ihm gemeinsam essen wenn sie nicht wollte.
So richtete Kousuke flott ein paar einfache belegte Brote her und nahm diese mit.
Sein Klopfen an Tsubomis Tür war kaum hörbar, kein Wunder also, dass keine Antwort kam. Er versuchte es erneut, diesmal kräftiger, doch wieder nichts, nur Stille.
„T-Tsubomi? Ich...komme rein ok?...“ langsam drückte er die Türklinke nach unten und betrat den Raum durch die überraschender Weise nicht abgeschlossene Tür. Seine Blicke glitten quer durch den Raum, doch keine Spur von der Grünhaarigen. War sie gar nicht hier?
Sie konnte natürlich überall sein – wenn sie gerade ihre Augen benutzte.
Kousuke kannte einen Weg sie trotzdem zu finden, auch wenn er davon alles andere als begeistert war. „Entschuldige...“ murmelte er, bevor seine Augenfarbe in ein stechendes rot wechselte. Sofort konnte er Tsubomis Stimme in seinem Kopf hören – oder eher ihr Schluchzen. Also war sie wohl doch im Raum.
'Shuuya hätte sie sicher auch so gefunden...' schoss es ihm durch den Kopf, während seine Augen wieder ins gewohnte Braun wechselten.
„Tsubomi, wenn du reden willst...“ sein Blick blieb auf einer Stelle im Raum, wo er meinte Konturen einer Person zu erkennen. Tatsächlich gab das Mädchen allmählich nach und ihre schützende Fassade fiel.
Die Beine eng an den Körper gezogen saß sie in einer Ecke, das mitgenommene Gesicht hob sich etwas und sah Kousuke mit dunklen Augen an. Dieser schloss die Tür wieder und ließ sich neben seiner Kindheitsfreundin nieder, den Teller mit belegten Broten stellte er zwischen sich und Tsubomi auf den Fußboden.
Zögernd griff ihre Hand nach dem Essen und so begannen die beiden, zwar schweigend, doch immerhin gemeinsam, die Brote zu essen.

„...Danke...“ kam es leise und Kousuke lächelte etwas. „Du hast das Gleiche auch für uns getan.“ entgegnete er noch wie selbstverständlich, worauf sich ihre Miene nachdenklich verzog. Ob sie gerade über Shuuyas Worte nachdachte?
„Kousuke?“ Der Schwarzhaarige sah sein Gegenüber an, nicht darauf gefasst, was sie nun sagen würde. „...Ich habe versagt, ich kann nicht wie Ayano sein...ich wollte unsere Familie retten, aber stattdessen habe ich...“ Tränen strömten aus ihren Augen, während sich das Mädchen nach vorne krümmte. Die grünen Strähnen verdeckten ihr Gesicht, während ihr Wimmern lauter und herzzerreißender wurde. „Ich...ich vermisse sie so schrecklich...warum nur musste Ayano sterben?!“
Es war das erste mal, dass er sie seitdem weinen gesehen hatte. Tsubomi hatte all die schrecklichen Gefühle verdrängt, hatte versucht weiter zu gehen, doch dabei muss die Last auf ihrem Herzen unerträglich schwer geworden sein. Mit einem einzigen Satz hatte Shuuya diesen starken Willen gebrochen und nun war von der Tsubomi, die für ihre Familie stark sein wollte nur noch ein Häufchen Elend zurück geblieben, das sich nun vor ihm auf dem Boden krümmte und in Selbstzweifeln versankt.
Schnell schloss er sie in die Arme, drückte sie ganz fest als könnte er so alle bösen Gedanken vertreiben, hoffte ihr so irgendwie Kraft spenden zu können. „Gib...gib jetzt nicht auf okay? Das was Shuuya gesagt hat...das war nur weil er sauer war, bitte hasse ihn nicht dafür...und vor allem, gib dir keine Schuld Tsubomi...ohne dich...wer weis wo wir jetzt stehen würden, wenn du nicht gewesen wärst...du musst nicht wie Ayano sein, um uns zu helfen, sei einfach du...und lass uns nicht allein...“
Den letzten Teil brachte er nur unter Tränen heraus, es waren die Worte, die er auch schon zu Ayano gesagt hatte, und je mehr er daran denken musste, desto größer wurde seine Angst. Nach Ayakas Tod hatte sie versucht wie ihre Mutter zu sein...und hatte sie dann genau so verlassen. Wenn Tsubomi nun versuchte den Platz ihrer großen Schwester einzunehmen...

Sie kauerten lange dort in der Ecke, sie ihr Gesicht in seiner Brust vergraben, er seinen Kopf an ihren gelehnt.
Beide sprachen kaum miteinander, es genügte ihnen, nicht allein sein zu müssen, jemanden zu haben, der die gleiche Furcht teilte, jemand vor dem sie sich nicht verstellen mussten.
Auch Shuuya hätte in dieser Nacht so jemanden gebraucht, doch er war noch zu aufgewühlt um heim zu kehren, daher ging er zur einzigen Person, die ihm in dieser Zeit Trost spenden konnte.
Wie eine Katze auf dem kalten Boden zusammengerollt lag er vor dem Grabstein, auf dem ein ihm wohl bekannter Name eingemeißelt war. 'Tateyama Ayano'
Ein paar Blumen lagen davor, wahrscheinlich war Kenjirou irgendwann einmal vorbei gekommen, um seiner Tochter zum Geburtstag zu gratulieren. Selbst dieser rücksichtslose Kerl war zuverlässiger als die beiden Kinder, die er seine Geschwister nannte. Bei diesem Gedanken verschwamm wieder die Sicht vor Shuuyas Augen, eine schnelle Bewegung mit dem Handrücken versuchte erfolglos die Tränen zu vertreiben.
Tsubomis Worte hallten durch seine Gedanken. Hatte er sie zu Unrecht verletzt? War er wirklich so schwach, so abhängig von Ayano, wie sie gesagt hatte? War er es, der nicht glücklich sein konnte, nein, nicht glücklich sein wollte, nicht in einer Welt in der Ayano tot war?

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Sollte sie ihn anschreien? Ohrfeigen? Oder zumindest ein schlechtes Gewissen machen? Sie könnte ihm sagen, was für Sorge sie sich um ihn gemacht hatten, genau so könnte sie auch einfach Lügen, ihm erzählen, dass die beiden die ganze Zeit über nach ihm gesucht hatten. Nein, Lügen war seine Schiene, sie war ohnehin zu leicht zu durchschauen, das hatte er ihr oft genug gesagt. Aber was wollte sie dann machen wenn er wieder zurück kam? Einfach so tun, als wäre nie etwas gewesen? Die Probleme einfach leugnen und verdrängen? Was für eine kindische Idee.
Aber sie waren Kinder, einfach nur ein paar Kinder, die sich wegen einer blöden Auseinandersetzung gestritten hatten.
Vielleicht war das ja dann doch keine so schlechte Idee? Immerhin besser als den Streit von zuvor neu aufzugreifen.

So verbrachte Tsubomi den ganzen Vormittag, denn Shuuya war seit dem Streit noch immer nicht aufgetaucht. Immer wieder ging der hektische Blick über die Schulter in Richtung Haustür, fast schon paranoid kam sie sich vor, wie sie nach jedem Knarren, jedem eingebildeten Geräusch zur Tür umwandte, immer in der Hoffnung den gewohnten blonden Haarschopf im Flur zu entdecken.
Vielleicht sollte sie ihn auch mit einem Lächeln begrüßen, mit einem 'Willkommen daheim'...mit einer ernst gemeinten Entschuldigung...ihm erzählen, wie sehr sie ihn vermisst hatte...ihn umarmen...
So weit war sie also schon gekommen, ihren Stolz konnte sie komplett vergessen, alles war ihr egal, Hauptsache er würde endlich wieder zurück kommen...

„Shuuya!“
Tsubomi war vom Stuhl gesprungen, als sie deutlich die Haustür hören konnte, doch ihr erleichtertes Lächeln verstarb binnen weniger Sekunden, als sie die dunklen Haare mit der gelben Haarklammer darin erkannte. In diesem Moment war ihr ihr Verhalten bereits peinlich. Natürlich war es Kousuke, er hatte ihr doch vor über einer Stunde Bescheid gegeben, dass er schnell die Einkäufe erledigen wollte.
„Entschuldige...“ kam es von ihm, doch sie hob abwehrend die Hände, bevor ihr Weg sie wieder in die Küche führte. „Schon gut, es war mein Fehler...“
Das Klingeln des Reiskochers gab Tsubomi endlich einen Weg sich abzulenken, denn nun konnte sie das Mittagessen herrichten.
An einem Tisch, gedeckt für drei, saßen beide wenige Minuten später und aßen. Kousuke lobte dabei, wie gut ihm das Essen schmeckte, wie sich ihre Kochkünste doch verbessert hätten, doch das Mädchen tat all dies mit einem einfachen Nicken ab. Selbst wenn er es ernst meinte, für sie waren dies momentan nur leere Worte.

Das Klicken der Tür bemerkte keiner von ihnen, erst als plötzlich ein blonder Junge in ihrem Alter im Durchgang zur Küche stand, in seinem Gesicht bis auf den unsicheren Blick kein Anzeichen für die Prügelei gestern, hielten sie inne.
Tsubomi stand ruckartig auf, ihr Stuhl kippte durch die Bewegung fast nach hinten um. Ihr Mund öffnete sich, doch es kamen keine Worte heraus, stattdessen reagierte der Junge nun auf die weit aufgerissenen Augen seiner Kindheitsfreunde.
„Ich weis, ich war lange weg, tut mir Leid wenn ich euch damit Ärger gemacht habe.“ Auf seinem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, ein aufgesetztes, sorglos scheinendes Lächeln, dass die Glaubwürdigkeit all seiner Worte auf einen Schlag reduzierte.
Als würde er sie damit bewusst auf den Arm nehmen.
„Du möchtest mich bestimmt am liebsten nochmal verprügeln, oder? Nur zu, ich habe es verdient Kido-chan.“ Kido. Ihr Nachname.
Tsubomi stockte, Kousuke sah verwirrt zwischen beiden hin und her.
„...Na gut, ich sehe ich störe euch, ich werde mich ein wenig ausruhen.“ Eine Vierteldrehung auf dem Absatz und Shuuyas Weg führte zu seinem Zimmer.
„Kano...ist es wirklich das was du willst?“
Der Blonde stoppte, drehte seinen Kopf nach hinten und sah der Grünhaarigen selbst über die Distanz einiger Meter hinweg direkt in die Augen. Sein Blick verfinsterte sich.
„Es ist wie du gesagt hast Kido...wir sind keine Kinder mehr...und Erwachsene reden sich nicht mehr sorglos mit dem Vornamen an, nicht wahr?“ Als keine Antwort darauf kam hob er eine Hand, als würde er zum Abschied winken und verschwand in seinem Zimmer.
Tsubomis Kopf hing nach unten, ihre Hände zu Fäusten geballt, die Zähne aufeinander gepresst. Dann, mit einem tiefen Seufzer, verließ die Spannung ihren Körper und ohne Kousuke noch einmal anzusehen ging sie ins Wohnzimmer, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, um sich auf der Couch hinzulegen.
Der Schwarzhaarige blieb allein zurück, als ihm klar wurde, was gerade passiert war.

Dies war der Moment, in dem ihre Kindheit endgültig ein Ende genommen hatte.
Shuuya, Tsubomi und Kousuke existierten nicht mehr, würden sehr bald verschwinden und zu einer bloßen Erinnerung werden.
Zurück blieben drei junge Menschen, die noch nicht einmal so recht wussten, was einen Erwachsenen ausmachte. Vielleicht war dies eine Aktion aus Verzweiflung gewesen, ein letzter Versuch die Kluft zu überwinden, die die Kinder sonst endgültig auseinander gerissen hätte.
Aus welchem Motiv heraus sie diesen Schritt auch getan hatten, sie alle waren sich bewusst, dass sie nicht mehr zurück gehen konnten.

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„...Seto?“
Der Schwarzhaarige wurde aus seinen Gedanken gerissen und sah direkt in ein paar rosa farbene Augen, die ihn fragend anblickten. Diese Augen gehörten einem Mädchen mit beinahe schon absurd langen, weißen Haaren, das neben ihm auf der Couch saß, die Hände auf seinen Schoß gestützt. Mary.
Er hatte sie vor Jahren mitten im Wald gefunden und inzwischen war er so etwas wie ihr Beschützer, sie hing so viel sie konnte an ihm, und ohne lügen zu müssen konnte Seto sagen, dass ihm das alles andere als zuwider war.
Bevor der Junge in Gedanken abgedriftet war hatte er ihr eines ihrer Lieblingsmärchen vorgelesen, also nahm er nun wieder das Buch mit dem etwas abgegriffenen Cover zur Hand, welches sie ihm bei einem ihrer ersten Treffen geschenkt hatte. „Entschuldige, ich lese weiter, in Ordnung?“

„Möchtest du sicher nicht mitspielen? Je mehr desto besser Danchou~“
„Wie oft soll ich dir denn noch sagen, dass ich bei deinen komischen Spielen nicht mitmache Kano? Ich will gar nicht wissen, was du schon wieder planst...“
„Ouh wie gemein Kido-chan, du tust ja fast so, als wäre ich einer von den Typen, denen man nicht ein Stück vertrauen kann! Du verletzt meine Gefühle~~“
„Ich kann auch stattdessen deinen Körper verletzen, wenn dir das lieber ist.“
„Auauau schon gut ich hab verstanden Kido-!“

Die lauten Stimmen aus der Küche wiesen auf eine weitere der vielen täglichen Streitereien seiner beiden Kindheitsfreunde hin, worauf Seto schmunzeln musste. Er war es inzwischen gewohnt, dass sie so miteinander umsprangen, sie alle hatten das.

Der Blonde kam wieder ins volle Wohnzimmer zurück, mit einer Hand rieb er sich noch immer den schmerzenden Arm. „Kido-chan ist beschäftigt, also müssen wir eben zu fünft spielen. Ich hoffe jeder von euch kennt das hier!“ Er hielt grinsend eine Packung eines bekannten Kartenspiels hoch, was gemischte Reaktionen der anwesenden Personen hervor rief. Während Momo bereits voller Enthusiasmus war und ungeduldig auf dem Hintern hin und her rutschte schien ihr Bruder eher gelangweilt.
Ene versuchte ihren „Master“ anzuspornen, während Hibiyas skeptischer Blick zu Konoha wanderte. „Sicher, dass du überhaupt weist wie man das spielt?...“
Kano grinste nur, während er die Karten mit flinken Bewegungen seiner Finger mischte. „Keine Sorge, wenn nicht bring ich es ihm eben bei, überlasst das einfach dem Meister der Spiele!“
Konohas Kopf war zur Seite gelehnt, während er die Karten in seiner Hand betrachtete. „Ich würde lieber essen...“ „Keine Sorge, Danchou ist schon fast mit dem Kochen fertig, du wirst begeistert sein! Aber bis dahin, lasst uns spielen!“

Mary hatte den Ärmel von Setos Oberteil gepackt und zog nun daran, um erneut seine Aufmerksamkeit zu erlangen. „Ja, was gibt’s denn?“ entgegnete er mit gewohnt freundlichem Gesichtsausdruck. Die Kleine deutete auf die Szenerie im Wohnzimmer, dann strahlte sie über ihr ganzes Gesicht. „Unsere Familie ist toll, nicht wahr Seto? Wir sind so viele Leute und manchmal streiten wir uns auch, aber trotzdem sind wir immer für einander da! Ich wünsch' mir, dass es immer so bleibt...“ Der letzte Satz schien sie etwas zu betrüben, während Seto ein Gedanke kam.

Ihre Familie war immer weiter auseinander gedriftet, sie hatten ihre Kindheit hinter sich lassen müssen um einander nicht zu verlieren. Sie hatten in den letzten Jahren viele Auseinandersetzungen gehabt...aber sie hatten nie aufgehört eine Familie zu sein. Und auch diejenigen die sie verloren hatten waren noch immer bei ihnen, sie lebten in ihren Worten und Taten weiter, genau wie Ayano es ihnen vor langer Zeit versprochen hatte.
Vielleicht hatte er sich ja damals getäuscht, vielleicht waren Shuuya, Tsubomi und auch Kousuke damals gar nicht gestorben...und wer weis, vielleicht würden sie eines Tages zurückkehren, an dem Tag, an dem diese rote Welt endgültig die Augen schließen würde.

Je eine Hand auf den Schultern der Weißhaarigen platziert sah Seto ihr entschlossen in die Augen. „Das wird es Mary, ganz sicher. Wir sind eine Familie, deswegen werden wir auch immer zusammen bleiben, egal was passiert. Keiner von uns muss je wieder allein sein, das Verspreche ich dir!“

Und diesmal glaubte er fest an diese Worte...


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Nicht gerade ein Meisterwerk, aber ich hatte sehr viel Spaß an diesem (12 Seiten umfassenden) Oneshot. Ursprünglich sollte diese FF erklären, warum sich das Trio nur beim Nachnamen nennt, es endete mit „Ayanos Theory of happiness“...naja was solls, ich bin trotzdem ganz zufrieden ^^
Ich möchte unbedingt wieder Geschichten zu Kagerou Project schreiben, hoffentlich kommen mir bald Ideen dazu.
Anders als bei meiner Pokemon FF hatte ich hier keinen Betaleser, Fehler oder Unverständlichkeiten bitte an mich weiter geben!
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