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Oxymora

GeschichteAllgemein / P12
05.06.2014
10.07.2014
2
6.802
 
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05.06.2014 2.004
 
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1. Schwarz & Weiß
2. Liebe & Hass
3. Ein Schritt vor & Ein Schritt zurück
4. Feuer & Wasser
5. Stark & Schwach
6. Licht & Schatten
7. Heiß & Kalt
8. Vergangenheit & Zukunft
9. Erde & Luft
10. Allein & In Gesellschaft
11. Hund & Katze
12. Fern & Nah
13. Leicht & Schwer
14. Fremd & Vertraut
15. Musik & Stille
16. Verloren & Gefunden
17. Arm & Reich
18. Gut & Böse
19. Tränen & Lächeln
20. (frei)


TEIL EINS
Fern & Nah


Jede Phantasie ist ein Wunsch, der realisiert wird,

eine Phantasiekorrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit.


Sigmund Freud



Du kommst um die Ecke, gerade, als ich den Schrank mit den Vordrucken öffnen will. Du tust, als ob du mich nicht siehst - oder vielleicht siehst du mich ja wirklich nicht. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.

Als ich den Schlüssel in das Schlüsselloch stecken will, zittern meine Finger. Ich bin nervös, ganz egal, ob du mich nun siehst oder nicht. Schon die gleiche Luft wie du zu atmen, macht mich nervös. Ich bin sonst gar nicht so unsicher, aber du, du gehst mir unter die Haut. In der Hoffnung, durch Krach deine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, reiße ich grob die Schranktür auf.

Keine Reaktion von dir, aber ich hab's auch nicht ernsthaft erwartet. So genau weiß ich sowie nicht, was ich von dir erwarte. Oder von mir. Oder was ich mir dabei denke, überhaupt etwas zu erwarten.
Du kramst in der Dokumentenablage neben dem Telefon, halb über den Tisch gebeugt. Am Rücken spannt deine Bluse, legt frei, was sie schützen soll. Der Bleistiftrock hat hinten einen Schlitz, mmmh. Ein toller Anblick. Ich rieche dein Parfüm bis zu mir. Es ist Valentino.

Immer wenn ich mit der U-Bahn zur Arbeit fahre und jemand wie du riecht, bekomme ich weiche Knie. Dieser Geruch ist so fest mit dir verbunden, dass ich dann, wenn ich die Augen nur fest genug schließe, dich fast vor mir sehen kann. Du wickelst in meiner Vorstellung immer eine Strähne deiner langen, blonden Haare um den Finger und siehst mich an, nur mich. Eigentlich stehe ich gar nicht auf blonde Frauen, aber du...du...du gehst mir nicht aus dem Kopf.

Christopher aus dem Vertrieb kommt ins Büro, sieht mich vor dem Schrank stehen und nickt. Ich nicke zurück. Ein abstoßender Mensch. Sein Aftershave durchdringt den Raum und stört meine Valentino-Duftoase. Pisser.

»Soll ich dir helfen?«, bietet er dir galant an. Ich drehe mich unauffällig um, um euch zu beobachten.

»Ähm ja, das wäre nett. Ich suche den Lieferschein für die externen Festplatten, die sie letzte Woche geliefert haben. Irgendeinen Schimmer, wo der hingekommen ist?«

Ihn siehst du an. Warum ihn? Ich verstehe es nicht. Bin ich so ein Freak, dass du mich nicht mal ansehen kannst? Bin ich echt so daneben für dich? Jetzt lächelst du ihn auch noch an. Ich fasse es nicht, wie leicht er das hingekriegt hat. Bei mir lächelst du nicht.

»Vielleicht ist er mit in die Post für die Zentrale gerutscht?», schlägt Christopher vor. Du legst die Papiere zurück, während er dir auf die Brüste sieht. Dafür würde ich ihm am Liebsten an die Gurgel springen, aber dir fällt es nicht mal auf. Ich wäre niemals so respektlos dir gegenüber gewesen.

»Da hab ich schon nachgesehen, war nichts dabei.«
Ich hole aus dem Schrank, was ich brauche, schließe ihn wieder zu und stehe auf. Christopher schaut zu mir, aber du scheinst mich immer noch nicht zu bemerken. Es verletzt mich, kränkt mich. Meine Erwartungen, gegen die ich nichts ausrichten kann, sind das Schlimmste an der ganzen Situation.
»Du weißt nicht zufällig, wo der Lieferschein für die Festplatten hingekommen ist?«, fragt er.

Wie in Zeitlupe dreht sich dein Kopf in meine Richtung. Unsere Blicke treffen sich. Mir wird am ganzen Körper heiß und kalt, vor allem heiß. Ich kann fühlen, wie die Hitze bis in meine Wangen steigt, das ist so peinlich. Wenn du mich dann mal ansiehst, werde ich rot wie ein kleines Mädchen. Kein Wunder, dass du es vorziehst, mich zu ignorieren.

Reflexartig fahre ich mir durch die Haare. Ich achte auf mein Äußeres, in der Hoffnung, es fällt dir auf. Tut's aber nicht. Seit ich zwei Jahre in England war, habe ich eine Schwäche für klassische Mode, für Westen und gut sitzende Anzüge. Vielleicht magst du England nicht. Leider weiß ich wenig darüber, was für Vorlieben du hast und was du verabscheust. Gut, von mir vielleicht mal abgesehen.
»Dustin? Hörst du überhaupt zu?«

Oh, ich werde angesprochen. Ich erinnere mich wieder, da war ja was.
»Ich habe echt keine Ahnung, tut mir leid«, antworte ich Christopher. Ich kann einfach nicht aufhören, dich anzusehen, aber dein Blick ist jetzt auf das stumme Fernsehbild in der Lobby gerichtet, dass man durch die Glastür sehen kann. Deine blonden Haare fallen dir ins Gesicht. Sie sind leicht wellig und gepflegt, dein Shampoo riecht wie ein Eukalyptus-Hustenbonbon, aber ich mag es. Die anderen machen sich oft darüber lustig, von wegen lutschen und so, aber mir gefällt es wirklich. Du hast wunderschöne Augenbrauen, ein Merkmal, dass mir an anderen Menschen noch nie aufgefallen ist.

Christophers Telefon klingelt und er zuckt entschuldigend mit den Schultern, weil er dir nicht helfen konnte, bevor er sich auf dem Weg in sein Büro macht.
Nun sind wir allein. Fieberhaft überlege ich, was ich Witziges, Nettes sagen könnte, aber mir fällt nichts ein.

Du wendest den Blick vom Nachrichtenticker im Fernsehen ab und gehst an mir vorbei. Valentino ist wieder da. Ich atme tief ein, kann davon einfach nicht genug kriegen. Ich würde alles dafür tun, um noch ein Weilchen mit dir alleine zu sein, also werfe ich das Erstbeste in den Raum, was mir einfällt. »Und, geht's dir gut?«, frage ich. Toll, bin ja wirklich sehr innovativ.

Du blickst von den Ordnern auf, in denen du nach deinem Zettel suchst, ganz kurz nur, aber es reicht, um mich anzumachen. Fuck, bist du schön. Wie soll ich es jemals schaffen, auch nur annähernd deiner würdig zu sein?
»Ja, eigentlich schon. Ein bisschen stressig heute und wenn ich nicht bald diesen bescheuerten Lieferschein finde, drehe ich noch durch.« Du hältst inne, ich halte die Luft an. »Aber sonst alles okay. Und selbst?«

Einen Ordner stellst du ins Regal zurück, einen anderen ziehst du hervor. Dabei fallen deine Haare wie in einer Shampoowerbung auf deine Schulter und federn wieder zurück. Was würde ich dafür geben, sie einmal berühren zu dürfen, dich berühren zu dürfen. Mir wird schwindlig, so innig und heftig ist mein Wunsch, dich zu küssen. Gott, meine Lippen auf deine zu legen, es ist so einfach, so naheliegend, so unmöglich.

»Ja, so ähnlich. Ist ja in zwei Stunden Wochenende.« Und schon wieder hätte ich mich selbst schlagen können, denn ich gab nur irgendwelchen Mist von mir. Zwar hatte ich Flirten noch nie so richtig drauf, aber so dämlich hatte ich mich eigentlich in meinem ganzen Leben noch nicht angestellt.

»Ich geh nachher noch mit meinem Freund ins Kino«, sagst du.

Ach ja, dein Freund. Muskelbepackt, Extrovertiert und erfolgreich. Ich hasse ihn. Hübsch ist er nicht, aber du wirst schon deine Gründe haben, mit ihm zusammen zu sein. Ich hoffe, der Grund ist nicht Liebe.

»Was wollt ihr euch denn ansehen?«, will ich wissen, nur um dich am reden zu halten. Ich mag deine Stimme, sie ist tief für eine Frau.

Du ziehst den letzten Ordner hervor. Gleich wirst du fertig sein und gehen, und dann sehe ich dich vor Montag nicht wieder. Das wird mir das ganze Wochenende ruinieren, ist immer so.
»Ach, ich weiß nicht, vermutlich wieder irgendwas mit explodierend Autokolonnen, einer hilflosen, blonden Frau, die noch umwerfend aussieht, nachdem sie gekidnappt und tagelang gefoltert wurde, und einer Sexszene am Ende. Wie das immer so ist.« Du klingt nicht besonders begeistert, aber irgendwie ziehst du ein niedliches Gesicht, wenn du genervt vom Geschmack deines Freundes bist.

Warum magst du den überhaupt? Du liest Shakespeare, liebst Jane Austen und Nietzsche, das hab ich auf Facebook gelesen, und er sieht aus, als würde er höchstens den Playboy lesen. Ich hab noch nie zwei Menschen gesehen, die so wenig zusammen passen, wie du und dieser Höhlenmensch. Er ist kein bisschen kultiviert, er ist laut und jung und vermutlich ziemlich potent.
Großartig. Ob ich will oder nicht, für eine Sekunde blinkt eine Vorstellung in meinem Kopf auf, er sitzend auf dem Bett, du stehst vor ihm, nackt, und beugst dich zu ihm hinunter, um ihn zu küssen. Dabei hab ich das Gefühl, als würde mir jemand mit einem überdimensionalen Staubsauger jegliches Glück entziehen. Mir wird übel.

Sieben Jahre bin ich älter aus du. Ob dir das was ausmachen würde? Ich seh nicht so aus, immerhin. Vielleicht magst du aber Jüngere lieber, wie deinen Freund. Er ist genauso alt wie du, Mitte Zwanzig. Ich bin neidisch. Mit über dreißig bin ich vermutlich nicht mehr jung, nicht dein Typ.

»Du stehst nicht auf Actionfilme, hm?«, frage ich und lächle dich an, aber du bist mit den Ordnern beschäftigt und würdigst mich keines Blickes.

»Ach na doch, sehr sogar, ich mag schon härtere Sachen, aber dann müssen sie auch einen ordentlichen Plot haben.«

Ich werde ganz schwach, sage aber nichts. Du hast mit Sicherheit nicht das gemeint, woran ich jetzt denke, aber die erotischen Bilder in meinem Kopf verschwinden trotzdem nicht.

Du legst den letzten Ordner weg und seufzst wieder. Gleich wirst du gehen. Vergessen ist der Sex und meine Eifersucht, jetzt bin ich nur noch geknickt. Geh nicht, will ich sagen, aber ich bringe es nicht mal in Gedanken über die Lippen. Dazu hätte ich niemals den Mut.

»Okay, ich werd dann mal weitermachen. Schönes Wochenende.«

»Dir auch«, antworte ich. Dann gehst du, nur dein Duft bleibt. Valentino drückt deine Unerreichbarkeit aus, unterstreicht den Luxus deiner Seele, und ich fühle mich ungeheuer wohl damit.

Nach dem Feierabend gehe ich ein paar Sachen für's Abendessen besorgen und fahre nach Hause. Claire, mein Freundin, ist schon da, sitzt vor dem Fernseher und tippt auf ihrem Tablet-PC herum. Ich gebe ihr einen Kuss und erzähle ihr von meinem Tag, doch Valentino lasse ich aus.
Ich hab mich an die Schuldgefühle gewöhnt. Es ist nicht so, dass ich Claire nicht liebe, das tue ich. Aber es ist nicht diese alles verzehrende Sehnsucht, dieses Verlangen, so stark und mächtig, dass meine ganze Welt sich nur noch darum dreht.

Als ich im Bett liege und sie endlich eingeschlafen ist, drehe ich mich von ihr weg und greife nach meinem iPhone auf dem Nachttisch. Ich öffne die Facebook-App und gehe auf dein Profil. Du bist mit allen deinen Kollegen befreundet, Gott sei Dank, so kann ich immer deinen Status lesen.
Auf deinem Profilbild bist du in einem trägerlosen, bodenlangen Kleid zu sehen, auf der Betriebsweihnachtsfeier der Firma deines Vaters. Du lächelst in die Kamera wie eine Oscar-Preisträgerin, wunderschön und unnahbar. Ich liebe dieses Bild.

Doch nicht so sehr wie das Bild, dass du vor einem halben Jahr gepostet hast: Du, im Herbst, ungeschminkt und lachend, in einem blauen Parka auf dem Boden kniend, mit einem großen, zottligen Hund im Arm. Deine Schönheit kommt nicht nur von außen, und nichts auf dieser Welt ist so zauberhaft wie Unschuld, oder zumindest der Anschein davon.

Vor 24 Minuten hast du ein Lied gepostet, es ist Creep von Radiohead, darunter ein paar zitierte Zeilen aus dem Songtext:

»When you were here before
Couldn't look you in the eye
You're just like an angel
Your skin makes me cry
You float like a feather
In a beautiful world
And I wish I was special
You're so fuckin' special...«

Mir schießt durch den Kopf, ob du wohl deinen Freund damit meinst, aber es fällt schwer sich vorzustellen, dass du ihn mit »Feder« meinst. Er sieht eher aus wir ein Rammbock. Urgs, wie passend.
Während ich einschlafe, stelle ich mir vor, du würdest mich damit meinen.
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