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Entscheidung

Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
Mike "Spike" Scarletti
04.06.2014
04.06.2014
1
2.034
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04.06.2014 2.034
 
Hmm… ich wünschte, ich könnte sagen, ich bin glücklich mit diesem OS, aber irgendwie… ich weiß nicht so Recht. Zeitmangel und Liebesgeschichte ist eindeutig nicht meine Lieblingskombi. Ich hoffe, es gefällt dir trotzdem ein bisschen!

22:51. Winnie schloss die Augen, um die rot blinkende Zahl auf dem rechten Monitor nicht sehen zu müssen.

Ihre Schicht war seit knapp sechs Stunden zu Ende; der Einsatz, der Toronto halb verwüstet und komplett verstört hatte, seit knapp vier Stunden. Andrew, ihre Ablöse, saß neben ihr – er hatte es vor zwei Stunden aufgegeben, sie wegschicken zu wollen.

Weg. Nach Hause. In ein einsames, aber warmes Bett, das Denken ausschalten und einfach nur froh sein, dass sie den Tag überlebt hatte… sie hatte gelernt, abzuschalten, auf Kommando. Es war Teil ihrer Ausbildung gewesen, noch bevor sie zur SRU gegangen war. Sie musste sich von dem, was sie auf den Bildschirmen sah und über die Mikros hörte, distanzieren, mehr noch als die Polizisten.

Vier Monate lang hatte es funktioniert. Vier Monate, in denen sie von Team Eins nur die Rufnamen kannte. Keine Familiennamen, kein Alter, keine Gesichter. Sie hatte sie nicht sehen wollen, die Männer, deren Tod sie vielleicht live mitanhören musste, so wie den von Jason.Jason Montgomery, zweiundzwanzig. Er war Anfänger auf ihrer ersten Wache in der Maple Street gewesen – und schwul, weshalb Winnie sich erlaubt hatte, ihn anzusehen. Es konnte ja nichts passieren… als sie sich endlich eingestand, dass aus der flüchtigen Bekanntschaft eine enge Freundschaft geworden war, war es zu spät gewesen. Sie konnte nicht mehr hinaus, und sie wollte es auch nicht. Bis Jason von einem angetrunkenen Passanten erstochen worden war. Es sollte ein Test sein, hatte der Mörder später zu Protokoll gegeben, er wollte eigentlich seine Frau töten, die ihn ständig betrüge, anscheinend auch mit dem eigenen Sohn.

Die Frau lebte noch und misshandelte ihr Kind vielleicht weiter. Der Mann saß im Gefängnis, ohne Hoffnung auf Bewährung, bis an sein Lebensende.Jason war tot.

Seit zehn Jahren brachte Winnie am 23. Juni weiße Rosen an sein Grab und versuchte, sich an seine Stimme zu erinnern. Es ging nicht mehr. Andere Gesichter hatten Jasons Platz in ihren Gedanken eingenommen, Gesichter, die ihr jeden Tag – und gerade jetzt – so deutlich und verzweifelt vor Augen standen, dass ihr das Atmen schwerfiel.

Ed. Jules, Sam, Leah.

Donna. Winnie ballte die Hände  zu Fäusten, als die Trauer sie zu übermannen drohte. Noch nicht. Noch war sie nicht zuhause, noch durfte sie nicht in den persönlichen Modus fallen… radioaktiv verseuchter Staub, der durch das Gebäude wirbelte, und dazwischen tausend Teilchen Sergeant Donna Sabine. Leiterin von Team Drei, Ehefrau seit über einem Jahr, Izzy Lanes Patin… sie war tot. Tot wie Winnies Onkel Joe, auch ein Cop. Tot wie Jason. Nur ein Schritt, eine Sekunde, und es war vorbei.

Tot wie Lou.Jetzt kamen die Tränen doch, so heftig Winnie auch die Augen zupresste. Sie hatte es gehört, damals. Sie hatte ihn mit dem Leben abschließen und Spike betteln gehört. Sie hatte ihn sterben gehört.

Wie damals sprang sie auf und wollte davonrennen, weg von allem, weg von Donna und Lou und Spike… Wie damals blieb sie nach drei Schritten stehen. Spike. Er hatte nach ihrem Namen gefragt, mitten im Einsatz, und sie hatte automatisch geantwortet – hatte ihm erlaubt, einen Menschen aus ihr zu machen, eine Frau, nicht nur eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Am nächsten Morgen war er direkt zu ihr gegangen, um sich vorzustellen. Damals war Winnie klargeworden, dass sie sich schon wieder selbst belogen hatte. Sie wusste mehr über Spike – Michelangelo Scarlatti – als sie bewusst gelernt hatte. Sie wusste, noch bevor er es ihr sagte, dass die SRU sein Traum war, und dass er mit sich selbst und seinen Erwartungen kämpfte. Sie wusste, dass er es war, der das Team zum Lachen brachte. Dass er seine Kollegen bewunderte und bedingungslos loyal war. Dass er gut sein und Leben retten wollte.

Dass er alles war, was sie sich als kleines Mädchen unter dem Begriff „Prinz“ vorgestellt hatte.

Winnie atmete tief durch und wischte die Tränen von den Wangen. Sie konnte nicht weg. Ganz egal, was noch passierte, ganz egal, was die Nacht bringen würde. Ihr Platz war hier.

22:54. Andrew sagte nichts, als sie sich wieder neben ihn setzte. Auch er wirkte erledigt, obwohl gerade kein Einsatz lief. Winnie brauchte nicht zu fragen, warum. Sie schloss die Augen wieder, aber das machte es nicht mehr besser. Sergeant Parker war immer noch im OP, oder er war schon draußen und alle waren so sehr im Freudentaumel, dass sie vergessen hatten, sich im Hauptquartier zu melden… oder es war vorbei, und Greg schloss sich der Reihe der Toten in Winnies Leben an.

Und in Spikes Leben. Wie automatisch in letzter Zeit sprangen ihre Gedanken zu dem Halbitaliener. Sein bester Freund war gestorben, sein Mentor bei der Polizei, sein Vater… wie würde er es überstehen, wenn es der Sergeant nicht schaffte? Wenn er noch eine Vaterfigur verlor? Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen, der Preis dafür, dass sie die Distanz aufgegeben hatte. Sie hatte das Team hineingelassen, schnell, unüberlegt, unauslöschbar. Jetzt kämpfte einer von ihnen um sein Leben, und die anderen…

Es klingelte. Winnie lehnte sich zurück und zwang sich, langsam zu atmen, als Andrew abhob. Es war ein Einsatz, ein normaler Einsatz, wenn noch irgendetwas normal war hier…

„Verstehe.“ Andrews Stimme war professionell kühl. „Danke für die Information. Ich werde es ihr ausrichten.“

Nein! Sie spannte sich an. Das Warten war so schlimm gewesen, dass sie geglaubt hatte, sie sei für die Antwort bereit. Wieder eine Selbstlüge. Angst breitete sich in Winnies Magen aus wie Säure. Nein. Nein. Das steht er nicht durch…

„Es ist wegen Parker“, sagte Andrew, immer noch vollkommen ruhig. Winnie nickte krampfhaft. Vor ihren Augen brannten beide Gesichter, Parkers und Spikes, und sie wusste nicht, welcher Anblick ihr mehr wehtat. „Entspann dich, Camden.“ Langsam machte sich Erleichterung auf Andrews Gesicht breit, als könnte er es selbst noch nicht glauben. „Er kommt durch.“

Sie brach zusammen, lachend und weinend zugleich.

„Winnie? Winnie!“ Eine Hand rüttelte nicht gerade sanft an ihrer Schulter. „Was?“ Andrew deutete auf die Uhr. „Ich weiß, ich hab das schon öfter vorgeschlagen heute Nacht, aber… er kommt durch. Du solltest wirklich nach Hause gehen.“00:24. Winnie runzelte die Stirn. „Du lässt mich eine Stunde schlafen und dann sagst du mir, dass ich gehen soll?“Andrew zog die Augenbrauen hoch. „Nicht ganz.“ Er klang pikiert. „Ich hatte gerade einen Einsatz zu koordinieren, die Plünderungen fangen an. Ein Wunder, dass es so lange ruhig war.“„Die hatten Angst vor einer radioaktiven Verseuchung.“ Winnie atmete tief durch. Es war alles gut. Die schmutzigste der Bomben war nicht gezündet worden, die Stadt würde weiterleben. Der Sergeant würde weiterleben. Es war alles gut.

„Okay, dann… geh ich mal.“ Sie versuchte, den kleinen Stich der Enttäuschung zu ignorieren. Warum hatte Spike sich nicht gemeldet? Er hatte versprochen, ihr jede Veränderung von Parkers Zustand mitzuteilen.

Die warme Nachtluft floss um sie wie eine Decke und machte sie noch müder. Winnie sank hinter dem Steuer zusammen und zündete blind den Motor. Vielleicht sollte sie einfach hier schlafen? Ihre nächste Schicht begann in sieben Stunden, und sie hatte ihre Ersatzuniform immer im Wagen…

„Winnie!“

Sie schrak so heftig zusammen, dass der Wagen einen Sprung nach vorne machte. Spike reagiert mit einem Sprung nach hinten. „Whoa, ganz ruhig.“ Seine Stimme klang dumpf gegen die Fensterscheibe. Für einen Moment starrte sie den jungen Mann an, zu erschöpft, um zwischen Traum, Realität und Alptraum zu unterscheiden. Dann reagierte ihre Zunge.

„Bist du verrückt geworden? Willst du vielleicht auch noch sterben heute, war es nicht genug?“

Der entsetzte Ausdruck auf Spikes Gesicht brachte sie wieder zu sich. Winnie schluckte die nächsten zwei Sätze hinunter und biss sich auf die Lippen, ehe sie das Fenster öffnete. Langsam stieß sie die Luft zwischen den Zähnen hervor. „Es tut mir leid.“

Spike schluckte. Er sah müde aus, natürlich, erschöpft, verängstigt, erleichtert,… und schuldbewusst. „Mir auch“, sagte er, so sanft, dass Winnie wieder Tränen in den Augenwinkeln brennen spürte. „Ich hätte dich gleich anrufen sollen, ich weiß, aber als Andrew sagte, du wärst noch hier…“ Er ging neben dem Wagen in die Hocke, sodass ihre Gesichter auf gleicher Höhe waren. Winnie wusste nicht, was ihres gerade ausdrückte. Sie wusste noch nicht einmal, was sie fühlte.

Vorsichtig griff Spike durchs Fenster, erreichte den Zündschlüssel und stellte den Wagen wieder ab. Ein Funken Lachen mischte sich in seine Augen. „Was hältst du davon, wenn ich dich dafür nach Hause fahre?“

Nein. Winnie schluckte. Sie musste jetzt nein sagen, denn wenn sie ja sagte, war es endgültig zu spät, dann würde sie ihn zu sich heraufbitten und er würde – schon allein seiner selbstzerstörerischen Ritterlichkeit wegen – nein sagen und sie alleine lassen. So, wie sie ihm gesagt hatte, dass sie es wollte.

„Winnie?“ Besorgt legte er ihr die Hand auf die Schulter. „Es ist okay. Ich weiß, es ist verrückt, aber es wird alles wieder gut werden. Wir schaffen das. Komm.“ Entschieden öffnete er die Tür, löste den Gurt und zog sie aus dem Auto. Winnie folgte wie in Trance.

Da war etwas, etwas sehr Wichtiges, das sie gerade zu vergessen drohte… etwas stimmte noch nicht. Was jetzt durch ihre Adern rauschte und die Luft um sie zum Flimmern brachte, war nicht mehr Angst, das nicht, aber es war ebenso stark. Etwas musste noch geschehen. Die Nacht schien sich um die beiden herumzufalten, immer enger und kleiner. Merkte er es nicht?

Winnie schaute auf und Spike direkt in die  Augen. Sie standen vor seinem Wagen, viel zu dicht nebeneinander, er hielt sie immer noch am Arm, als könnte sie umfallen.

Das würde sie nicht. Sie war stark. Stark und hart, professionell, und sie hatte vor einigen Stunden einen Terroranschlag überlebt… sie würde nicht umfallen, nicht, solange er sie hielt.

„Winnie?“ Spikes Stimme zitterte ein wenig, und er schüttelte den Kopf. „Winnie, ich weiß…“ jetzt war sie fester, „ich weiß, du hast gesagt, du wirst niemals etwas mit einem Polizisten anfangen. Und das sage ich auch nicht, ich frage mich nur… weißt du, das Leben ist kurz.“ Er schaute zu Boden, und Winnie wusste, an wen er dachte.Und was noch zu tun war.

„Ich wollte dich nur fragen…“„Ich liebe dich, Michelangelo Scarlatti.“ Ihre Stimme war fest, aber nicht professionell fest und kalt, sondern leidenschaftlich. Das war es. Das war, was sie ihm hatte sagen wollen seit dem ersten Tag, was sie so oft aufgeschoben hatte – aus Angst, es zu ruinieren, aus Angst, ihn zu verlieren, aus Angst, er würde es nicht hören wollen…

Spikes Gesicht leuchtete auf. „Könntest du das nochmal sagen? Ich meine…“ Plötzlich wurde er wieder ernst. „Es war ein langer Tag. Ich bring dich… jetzt einfach…“

Winnie lächelte. Das war einer der Facetten, die sie am stärksten zu ihm gezogen hatten, die ihren Beschützerinstinkt weckten, mehr als alles andere. Ganz egal, was er tat, Spike glaubte nur schwer, dass er es verdient hatte, geliebt zu werden. Und dabei wurde er geliebt, von allen.

Zärtlich legte sie ihre Hände an seine Wangen. Auch das etwas, was sie sich ewig lange gewünscht hatte.

Urplötzlich schoss Lou in Winnies Gedanken, und sie glaubte, seine Botschaft zu verstehen. Pass auf ihn auf. Das würde sie.

„Winnie…“ Spike war sichtlich nicht fähig, mehr zu sagen. Winnies Finger wurden nass von seinen Tränen, aber das machte nichts. Er war stark genug gewesen, auf sie zu warten.Jetzt war es an ihr, stark zu sein. Sie war stark, solange er sie hielt.

„Ich sagte, ich liebe dich, Michelangelo Scarlatti. Und ich werde es dir noch ein paar tausendmal öfter sagen.“„Wirklich?“ Es dauerte etwas, bis die Freude wieder in Spikes Gesicht durchbrach, aber dann war sein Lächeln so strahlend, dass Winnie nicht anders konnte, als mitzulächeln.

„Wirklich.“

Seine Arme schlossen sich um sie, und sie zog ihn näher, hielt ihn fest, bevor noch eine Bombe oder ihre Feigheit zwischen sie kommen konnte. Ja, er hatte Recht. Es war alles gut. Es würde alles gut werden.„Ich liebe dich.“ Es tat unendlich gut, es auszusprechen, aber bevor sie es noch einmal sagen konnte, küsste er sie, und jeder Gedanke, jede Sorge, die ganze Welt rundum segelte davon.

„Ich liebe dich, Winnie.“
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