Medizin

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
Daniel "Dan" Dreiberg / Nite Owl II Walter Joseph Kovacs / Rorschach
03.06.2014
24.11.2019
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Medizin

Nite Owl sagte sich selbst, dass er es besser hätte wissen müssen.

Er hatte es geahnt als Rorschach nach ein paar Minuten auf Patrouille um einen Moment Pause gebeten hatte. Wann hatte der Maskierte das je getan? Daniel hatte sich ein wenig über ihn lustig gemacht, hatte ihn gefragt ob ihm die Bohnen zu schaffen machten die er tags zuvor wie gewohnt aus Daniels Küchenvorräten entwendet hatte.

Rorschach hatte gar nicht wirklich darauf reagiert sondern war merklich geschwankt, hatte sich an eine feuchte Häuserwand gelehnt; auch das war höchst untypisch für ihn gewesen.

Daniel hätte es besser wissen müssen.

Es war beängstigend und faszinierend zugleich zu sehen wie sich sein sonst so geschmeidiger und flinker Partner wie in Zeitlupe zu bewegen schien, irgendwie versetzt. Dem ersten Schlag irgendeines kleinen Taschendiebes konnte der Maskierte noch ausweichen, wenn auch nur knapp. Der zweite traf sein Ziel und Nite Owl konnte frisches Rot auf der gescheckten Maske erblühen sehen. Das passte nicht.

Er machte kurzen Prozess mit seinem eigenen Gegner und knockte ihn mit einem gezielten Ellbogenhieb seitlich gegen den Kiefer aus. Dann war er mit einem langen Satz an Rorschachs Seite.

Eine Sekunde zu spät. Es war nicht mehr möglich seinen Partner vor der aufblitzenden Klinge in Sicherheit zu bringen. Nite Owl versuchte es dennoch und brachte seinen Arm zwischen Körper und Messer.
Immerhin, die Klinge wurde beiseite gestoßen und verfehlte Rorschachs ungeschützte Brust, sank aber tief in dessen rechten Oberarm.

Nite Owl knurrte. Er versetzte dem Angreifer einen wuchtigen Tritt in den Magen der diesen rückwärts auf den harten Asphalt katapultierte. Den Geräuschen nach zu urteilen versuchte der Kerl jetzt gleichzeitig sich zu übergeben und nach Luft zu schnappen was in einem grässlichen Keuchen resultierte. Doch darum konnte er sich jetzt nicht kümmern. Er musterte Rorschach, der sich beinahe verwundert, so schien es, den blutenden Schnitt hielt und jetzt erneut schwankte.

Daniel hörte wie sein Partner die Nase hochzog, vermutlich um die Blutung unter Kontrolle zu bringen. Er sah wie sich die roten Flecken auf der heute erstaunlich zäh wirbelnden Maske ausbreiteten.

„Ich bring dich zurück zu Archie.“, hörte er sich sagen und nahm Rorschach vehement am Ellenbogen um ihn zum Flugmobil zu führen. Rorschach, immer kompliziert, schüttelte den helfenden Arm ab.

„Kann alleine gehen…“, grollte er dumpf. Es klang beinahe beschämt.

Nite Owl konnte es ihm nicht verübeln. Gegen einen ungelenken Kleinganoven zu verlieren war so gar nicht seine Art. Er sah es ihm nach und blieb dicht an seiner Seite als sie zurück zu Archie gingen.

Als sie das Mobil erreicht hatten, stieß Rorschach einen kläglichen kleinen Laut aus, als ob er schlimme Schmerzen hatte. Das beunruhigte Daniel etwas. Sicher, der Schnitt schmerzte sicher, aber Rorschach hatte schon weitaus schlimmeres ohne Laut von sich zu geben ertragen. Wieder dieses Schwanken, als wäre sich Rorschach plötzlich seiner Schritte nicht mehr sicher.

Daniel platzierte diskret eine flache Hand knapp hinter dem Rücken seines Partners, nur für den Fall dass dieser sich entscheiden sollte plötzlich umzukippen und öffnete die Tür für ihn.

Rorschach bewies dass er keine Sicherheitsvorkehrungen benötigte und stolperte in Archies vertrautes Innere, wo er versuchte sich in den Beifahrersitz fallen zu lassen und ihn knapp verfehlte.

„Rorschach…“ Daniel beeilte sich hinterher zu steigen und dem leise vor sich hin murmelnden Mann wieder auf die Beine zu helfen, dessen Protest zum Trotz.

„Brauche keine Hilfe… Daniel…“, schimpfte Rorschach, aber es klang seltsam schwach.

Daniel bemerkte wie heiß sich der Unterarm seines Partners selbst durch die vielen Schichten von Stoff und Latex hindurch anfühlte und das gefiel ihm gar nicht. Er flippte Rorschachs Hut zurück und legte eine Hand auf seine Stirn.
Rorschach glühte. Er versuchte jetzt halbherzig Daniels Hand abzuwehren, murmelte etwas von wegen „zu nah“ und schaffte es doch kaum auf den Beinen zu bleiben.

„Du hast Fieber. Ich bring dich zurück ins Nest.“, beschloss Daniel und half Rorschach sich in den ledernen Sitz zurück zu lehnen. Wieder ein hässliches Geräusch, als würde der schmächtigere Mann die Nase hochziehen, gefolgt von einem trockenen Husten.

Daniel musterte ihn besorgt und startete Archie.

Zum Glück waren sie nicht allzu weit weg von seinem Haus und ein paar Minuten später waren sie angekommen. Daniel musste Rorschach zweimal ansprechen bevor dieser mit einem erschrockenen Zucken aufsah.
„Wir sind da.“, erklärte er geduldig. „Kannst du laufen?“

Rorschach grunzte.

„Sicher…“ Er stand auf, zu schnell und fiel gegen die Armaturen.

Daniel nahm ihn bei den Schultern und stellte ihn gerade hin. „Hey… langsam. Du bist offenbar ziemlich krank.“

„Nur zu warm…“, murmelte Rorschach, ließ es aber zu, dass Daniel ihn stützte.

„Na komm… nur die Treppe hoch, dann sind wir da.“, redete er seinem verletzten Partner gut zu. „Ich wird mich um deinen Arm kümmern.“

Rorschach nickte und versuchte mit Daniel Schritt zu halten.

Sie schafften die kurze Treppe vom Keller zur Tür und dann musste Daniel einen Arm um Rorschachs Mitte legen um die Tür aufschließen zu können. Rorschach grunzte ungnädig und hielt sich wieder den verletzten Oberarm. Dann war die Tür offen und Daniel hievte seinen Partner hinein, kickte die Tür hinter ihnen ins Schloss.

Da die Küche nahe liegend war, brachte Daniel Rorschach dahin, setzte ihn behutsam auf einem Stuhl ab. Er konnte Rorschachs beschleunigten Atem hören der sich irgendwie zu trocken anhörte, zu sandig.

„Das wird schon wieder.“, meinte er und versuchte zuversichtlich zu klingen, als er sich Brille und Maske abstreifte. Die Handschuhe folgten dem Beispiel. Zum vernähen brauchte er seine bloßen Händen. Er verließ die Küche kurz um einen Erste-Hilfe-Kasten zu holen und als er wieder kam, hatte Rorschach seinen Hut abgenommen und hielt ihn gegen seine Brust gedrückt.

„Rorschach, ich muss die Wunde sehen.“, sagte er. Er wusste, dass sein Freund nicht begeistert war sich vor ihm seiner zahlreichen Schichten Stoffes zu entledigen, aber die Wunde musste versorgt werden.
Rorschach grunzte und senkte den Kopf, als wollte er an sich herab sehen. Erkenntnis dämmerte ihm und er legte seinen Hut auf den Tisch.

Daniel entging nicht wie zittrig die sonst so ruhigen Hände des anderen waren. Er ließ ihm die nötige Zeit um die Knöpfe seiner Jacke zu öffnen. Es dauerte ewig. Rorschach verfehlte die kleinen Knöpfe ein paar Mal. Daniel wollte ihn nicht drängen aber jede Minute die verstrich erhöhte das Risiko einer Infektion. Er seufzte lautlos und schob sachte die unsteten Hände seines Partners beiseite um sich selbst darum zu kümmern.

Zu seinem Erstaunen protestierte Rorschach nicht. Das machte die Sache erheblich einfacher. Daniel half ihm die Jacke auszuziehen und machte sich dann an die noch kleineren Knöpfe der Weste. Als auch dieses Hindernis überwunden war, fing Rorschach an zu zappeln als es um das Hemd ging. Daniel blieb stur und knöpfte auch dieses auf, registrierte die großen Schweißflecken daran und welche Hitze der schmale Körper des Mannes ausströmte. Er ließ sich nicht von dem recht intensiven Geruch von Schweiß und mangelnder Körperhygiene abschrecken und schob den feuchten Stoff über Rorschachs Schultern. Darunter trug er ein nass geschwitztes Unterhemd, geziert von ein paar kleinen Löchern im Stoff.

Rorschach bibberte jetzt.

Daniel sprach ihm gut zu und musterte die noch immer ein wenig blutende Wunde am Arm. Zum Glück war der Schnitt sauber und nicht ganz so tief wie er es befürchtet hatte. Die vielen Lagen Stoff hatten ihn optisch getäuscht. Er säuberte die Wunde mit alkoholbenetzten Wattepads und biss sich mitfühlend auf die Lippe als Rorschach schmerzerfüllt zischte.

„Das muss genäht werden.“, stellte Daniel fest und Rorschach ließ ergeben den Kopf sinken.

Daniel arbeitete effektiv und schnell und sieben Stiche später legte er Nadel und Faden beiseite.

„Gut… jetzt zum anderen Teil.“ Er drückte eine Tablette aus einer halb aufgebrauchten Blisterpackung und schob sie Rorschach mit einem Glas Wasser über den Tisch zu. Er konnte förmlich sehen wie dieser die Medizin misstrauisch durch seine Maske hindurch beäugte und keinerlei Anstalten machte sie auch nur zu berühren.

„Das ist Antibiotikum. Ungefährlich. Es wird dir helfen dich zu erholen.“, erklärte Daniel.

Rorschach schüttelte widerwillig den Kopf.

„Keine Tablette.“, murrte er.

Daniel seufzte.

„Komm schon… du hast hohes Fieber. Du musst dir helfen lassen.“, versuchte er es.

Rorschachs Kiefer mahlten unter dem Stoff der Maske. Die schwarzen Flecken darauf bewegten sich, als würden sie den Gedankengang des Mannes verbildlichen.

„Tabletten schlecht. Körper hilft sich selbst.“, meinte der Maskierte.

„Rorschach, zwing mich nicht dich zu einem Arzt zu bringen.“, warnte Daniel streng.

Die schwarzen Flecken wirbelten für einen Moment schneller, wie alarmiert. Dann gab Rorschach klein bei.

„Hurm.“

Er hob beide Hände um den Saum seiner Maske soweit nötig über seinen Mund hoch zu ziehen. Daniel sah verschmiertes Blut auf Oberlippe und Kinn bevor Rorschach die Tablette in den Mund nahm und trocken zerkaute.
Daniel rollte mit den Augen und zwang seinem Partner das Glas Wasser auf.

„Trink das, komm schon.“

Rorschach gehorchte, wenn auch widerwillig. Nachdem er das Glas mit ungewohnter Folgsamkeit geleert hatte, zog er die Maske nicht wieder runter. Er wischte über seinen Mund und verschmierte das halb getrocknete Blut noch mehr.
Daniel bot ihm ein Taschentuch an und Rorschach schnäuzte sich geräuschvoll. Mehr Blut kam zum Vorschein und das war nur gut so. Daniel wusste aus eigener Erfahrung wie unangenehm Blutklumpen in den Nasengängen sein konnten. Weil die Blutung wieder einsetzte, gab Daniel ihm noch ein Taschentuch und riet ihm den Kopf vornüber zu beugen.
Rorschach presste das Taschentuch gegen seine Nase und beugte sich vornüber.

Daniel fand, dass er müde wirkte.

„Du legst dich am besten etwas hin.“, sagte er. „Schlaf wird dir helfen schnell wieder auf die Beine zu kommen.“

Weil Rorschach nicht reagierte berührte er die bloße Schulter des Mannes und dieser schüttelte die Hand brüsk ab. Natürlich; sein Partner hatte immer noch große Probleme damit sich anfassen zu lassen, vor allem wenn es bloße Haut auf Haut war.

Daniel murmelte eine Entschuldigung und zog seine Hand zurück.

Für einen Moment hing gespanntes Schweigen in der Luft.

Dann stand Daniel auf. „Ich mach dir die Couch zurecht.“, erklärte er und floh aus der Küche.