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Das Spiel des Mr. William Bludworth

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteHorror, Übernatürlich / P18 / Gen
03.06.2014
03.06.2014
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William Bludworth war an diesem Morgen in einer ausgezeichneten Stimmung.
Während er die beiden rollbaren Metalltische mit den ersten Kunden des neuen Tages darauf aus der Kühlkammer  in den Nebenraum beförderte, pfiff er eine fröhliche Melodie. Mit sicheren Handgriffen bereitete er seine unfreiwillige Kundschaft für ihren weiteren Weg vor und war, für seinen Geschmack, viel zu schnell damit fertig.
Dabei hatte er sich schon mehr Zeit gelassen, als er eigentlich benötigt hätte, aber viel gab es bei den beiden nun mal nicht mehr vorzubereiten. Das meiste hatte die todbringende Explosion schon im Vorfeld erledigt. Die bis zur Unkenntlichkeit verkohlten Überreste von Eugene Dix und der lieben Clear würde der Ofen in weit weniger als der üblichen Stunde gänzlich in Asche verwandeln.
Das war nun normalerweise nichts, worüber Bludworth sich ärgerte, doch in diesem Fall hätte er gerne etwas mehr Zeit mit seinen Gästen verbracht. Er hätte es sich früher überlegen sollen. Schließlich war der erbärmliche Zustand der beiden nicht zuletzt sein Werk. Er hätte sicherlich noch einen anderen Weg finden können, doch das hätte bedeutet, auf Risiko zu spielen… Mehr als ohnehin schon. Nein, es war gut, so wie es war und Bludworth tröstete sich damit, dass es immerhin sein größter persönlicher Erfolg seit langer Zeit war, der da vor ihm auf einem der Metalltische lag.
Die Temperaturanzeige des Ofens überschritt die 800° Marke und Eugene machte den Anfang. Flammen loderten hell auf, als Bludworth den Leichnam in den Muffel schob und der Bestatter war mit Clear Rivers allein. Zumindest für eine kleine Weile würde er seinen Erfolg also doch noch richtig auskosten können.
Vorsichtig schlug er das weiße Tuch ein Stück zurück, um das sehen zu können, was noch vor wenigen Tagen das Gesicht einer hübschen jungen Frau gewesen war. Jetzt konnte man nur noch mit Mühe erkennen, dass es sich überhaupt um ein Gesicht handelte. Nase, Ohren und Lippen waren restlos verschwunden, ebenso wie die langen blonden Haare. Das Fleisch war ihr an manchen Stellen gar von den Knochen geschmolzen, an anderen ließen sich immerhin noch Reste verbrannter Haut erkennen. Eines ihrer Augen war von umherfliegenden Splittern getroffen worden und dort wo es gesessen hatte klaffte nun eine leere Höhle. Das andere war durch die Hitze getrübt worden, doch schien sie ihn aus diesem einen verbliebenen Auge anzustarren.
Erst vor wenigen Tagen hatte sie noch hier vor ihm in diesem Raum gestanden und er hatte sich gefreut, sie noch einmal so lebendig zu sehen. Er hatte Kampfgeist in ihren Augen funkeln sehen und gewusst, dass seine Entscheidung, ein neues Spiel zu starten, richtig gewesen war. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt, eine Karte namens Kimberly Corman. Ein Spielzug, der sich schneller bezahlt gemacht hatte, als anfangs gedacht. Kimberly hatte vor der Tür von Clears Zelle in der Psychiatrie gestanden, noch bevor das Spiel überhaupt richtig Fahrt hatte aufnehmen können. Und anscheinend hatte sie obendrein genau die richtigen Worte gefunden.
Somit war es letztlich wohl wirklich Kimberlys Verdienst, dass Bludworth das Spiel zu seinen Gunsten hatte entscheiden können und vermutlich nur fair, sie und ihren Police Officer vorerst davonkommen zu lassen. Ob er die beiden endgültig in Frieden lassen würde stand auf einem anderen Blatt. Vielleicht würde er sie auch eines Tages in ein weiteres Spiel verwickeln, so es denn eines geben würde. Für mindestens ein weiteres Jahr hatten die beiden jedoch nichts zu befürchten. Ein kleines Dankeschön dafür, dass sie Clear für ihn aus der Defensive gelockt hatten.
Es war ein geschickter Zug von ihr gewesen, sich hinter den dicken, von innen gepolsterten Wänden der Nervenheilanstalt zu verschanzen. Bludworth musste ehrlich zugeben, dass er das nicht hatte kommen sehen und es ihn obendrein tatsächlich vor größere Probleme gestellt hatte. Sicherlich… er hätte auf lange Sicht einen Weg gefunden ihrer habhaft zu werden, jedoch nicht ohne gegen die Regeln seines eigenen Spiels zu verstoßen, oder den quälend langsamen Prozess der Zellalterung abwarten zu müssen. Sobald die biologisch festgelegte Obergrenze eines menschlichen Lebens erreicht war, gab es keine Türen oder Mauern mehr, die ihn aufhalten konnten. Doch genau darauf hatte er in diesem Falle nicht warten wollen. Es hätte den Sinn des Spiels ebenso verfehlt, wie die Alternative des Regelverstoßes und weder das eine noch das andere hätte ihn letztlich zufriedengestellt. Clear Rivers war tatsächlich nahe daran gewesen, den Tod in seinem eigenen Spiel zu schlagen.
Mit der Entscheidung ein neues Spiel zu beginnen um das alte zu beenden hatte Bludworth sich schwer getan. Weit schwerer als nach seinen ersten Versuchen. Er hatte sich viel Zeit bei der Planung gelassen und war schließlich zu der Erkenntnis gelangt, dass er seinen menschlichen Spielfiguren eine realistische Chance würde einräumen müssen, um das Spiel im Rahmen des Reglements für beide Seiten interessant zu halten. Im Verlauf der letzten Spiele war ihm klar geworden, dass er nicht zu viel erwarten durfte. Also hatte er Kompromissbereitschaft gezeigt und das Überleben einer oder zweier Personen von vornherein eingeplant. Auch seine Hinweise hatte er zumindest ein bisschen eindeutiger formuliert. Damit war er ein weit größeres Risiko eingegangen als bei den ersten beiden Malen und zumindest Kimberly war zu recht misstrauisch geworden. Es blieb zu hoffen, dass die Freude darüber, dass er sie noch einmal hatte ziehen lassen, sie davon abhalten würde, Nachforschungen in dieser Richtung anzustellen. In ihrem eigenen Interesse.
Alles in allem konnte er behaupten, dass dieses Spiel ein voller Erfolg gewesen war. Gute Unterhaltung von der ersten bis zur letzten Minute und ein Endergebnis ganz nach seinen Vorstellungen. Doch Bludworth wusste schon jetzt, dass das Hochgefühl nicht lange anhalten würde. Sofern das Schicksal in nächster Zeit keine anderen Pläne mit der Menschheit hatte, würde sich nur zu bald langweiliger Alltag einstellen. Ein kleiner Wermutstropfen, ein bitterer Nachgeschmack seines Triumphs.
Beinahe andächtig bedeckte er Clears entstelltes Gesicht wieder mit dem Tuch und schob den Tisch in die richtige Position vor den Ofen. Es fiel ihm unerklärlicher Weise schwerer als sonst, den Körper den Flammen zu übergeben. War es Trauer? Ein unsinniger Gedanke, das wusste Bludworth. Er war nicht fähig zu diesem Gefühl. Nein, es war eher eine Form von Respekt, die er für Clear Rivers empfand. In ihrem kurzen Leben hatte sie ihm wie keine andere zuvor die Stirn geboten. Zunächst aktiv im Wettlauf gegen die Zeit und einen unumstößlichen Plan, dann passiv durch ihr selbstgewähltes Exil. Am Ende war sie ihm doch nicht entkommen. Am Ende gab es niemanden, der ihm entkommen konnte. Doch er kam nicht umhin, Clears Leistung anzuerkennen. Nicht zuletzt, weil sie ihn damit so gut unterhalten hatte.
Zum zweiten Mal an diesem Tag loderten die Flammen hell auf, die Tür des Ofens wurde geschlossen und das vierte Spiel war vorbei. Oder war es nur der vierte Teil eines großen Spiels? William Bludworth tauschte seine Schürze gegen einen Mantel, steckte die Hände in seine Hosentaschen und verließ das Krematorium, seine fröhliche Melodie pfeifend. Im Hinausgehen warf er noch einen letzten Blick auf die geschlossene Ofentür, dann legte er das Thema Clear Rivers endgültig zu den Akten.
Draußen erwarteten ihn ein herrlich sonniger Nachmittag und eine ganze Menge Arbeit. Die eigentliche Arbeit dieses Tages…

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Beta gelesen von:
Meiner treuen Beta Flu 1.0 (Asako89) und Bacara (dem außerdem noch ein ganz besonderer Dank gebührt für die tatkräftige Unterstützung bei den umfassenden Recherchen[Bier trinken und Final Destination glotzen ;)] zu dieser Geschichte! Danke!!)
Auch möchte ich meiner Freundin Maite danken, die mir als medizinische Beraterin zur Seite gestanden hat. Tausend Dank, Süße! Jetzt wissen wir beide annährend alles über die Wirkung von Hitze auf das menschliche Auge. Das ist doch was wert ;)

Und euch allen, die ihr bis hierhin durchgehalten habt:
Vielen Dank für's Lesen und ich hoffe ihr hattet auch ein bisschen Spaß dabei :) Lasst mir gern ein Kommi da, wenn ihr Fragen, Kritikpunkte oder sonstige Anmerkungen habt!

Herzlichst,
Little Miss Ivy
 
 
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