[Operation Nautilus] Nemos Vermächtnis

von MarySueL
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P18 Slash
02.06.2014
15.12.2018
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Nach dem Vorfall dauerte es eine Weile bis sich alle wieder beruhigt hatten und alle wieder in einen normalen Ablauf fanden. Trautman hatte sich mit Winterfeld und dem Arzt in den hinteren Teil der Krankenstation zurückgezogen und berichtete über die Ereignisse auf der Nautilus.
Singh konnte auch aus der Entfernung ihre ratlosen Gesichter erkennen und seine Hand schloss sich fester um Mikes.
Er war seit Stunden nicht mehr von seiner Seite gewichen und das würde er auch nicht. Seine Muskeln schmerzten bereits von dem harten Stuhl und der einseitigen Haltung, ächzend stand er auf und streckte sich. Einige der Schwestern warfen ihm nervöse Blicke zu, nach dem Vorfall näherten sie sich Mike nur wenn sie es unbedingt mussten und wenn er in der Nähe war. Es machte Singh wütend, denn er konnte nur erahnen durch welche Hölle Mike zur Zeit ging und dessen blasses Gesicht ängstigte ihn.
Nachdenklich nahm er den Zettel in die Hand und besah sich die Zahlen. Sie würden hier auf der Leopold nichts für Mike tun können, außer ihn unter Drogen zu setzen und langsam sterben zu lassen. Es gab absolut keinen Anhaltspunkt was ihm fehlte und was all die Dinge erklärte, die hier geschahen. Wenn sie einfach nur hierblieben und weiter rätselten wäre Mike bald tot. Sie verspielten hier seine Zeit.
Entschlossen schloss er seine Finger um das Stück Papier und lief zu Trautman.

Mike bewegte sich wie durch Nebel, entfernt sah er ein grollendes Gewitter herannahen und es fröstelte ihn. Ihm war wieder voll bewusst, dass er schlief, aber diese Erkenntnis ließ ihn nicht erleichtert zurück. Er wusste, dass dieser Ort genauso gefährlich für ihn war, wie das reale Leben. Anders noch, es schien bedrohlicher zu sein, als stünde mehr auf dem Spiel als nur sein Leben. Schnell lief er los, um etwas zu suchen wo er sich verstecken konnte und hoffte schnell aufzuwachen um dieser Hölle zu entkommen. Doch dann erinnerte er sich an die Spritzen; er war hier gefangen und selbst wenn nicht, wäre er wach, wäre er die Gefahr für seine Freunde.
Im dichten Nebel sah er einen schwachen Lichtschein und ging darauf zu. Der peitschende Wind um ihn herum ließ etwas nach und von seiner linken Hand ausgehen, bildete sich eine vertraute wohlige Wärme.
Er lächelte aufgrund des Gefühls und der Dankbarkeit, dass er ihn nicht alleine ließ.
Ein Blitz zuckte und die wohlige Wärme verwandelte sich jäh in einen stechenden Schmerz, begleitet von einem gleisenden Licht, dass ihm die Augen schmerzten. Schnell hob er die Arme vor das Gesicht, aber es stahl sich durch jede Zelle von ihm.
Als der Schmerz nachließ, wagte er die Augen wieder zu öffnen. Seine Umgebung hatte sich verändert. Mike stand nicht mehr inmitten einer Nebelbank, sondern in einem der Korridore der Nautilus.
Doch etwas stimmte nicht, aber er konnte nicht sagen was es war und machte einen vorsichtigen Schritt in eine Richtung. Es war stockdunkel und er taste sich weiter vorwärts. Kein einziges Geräusch war zu hören, begriff er. Der Boden unter seinen Füßen war bedeckt von dichtem Staub und jeder seiner Schritte hinterließ Abdrücke. Langsam nährte er sich der Tür zum Salon und dem Kontrollzentrum des Schiffes.
Vorsichtig drückte er die angelehnte Tür auf.
„Hallo?“, rief er zögernd.
Die Energie, die ihn umgab schien ihn erdrücken zu wollen und das Atmen fiel ihm schwer. Seine Augen gewöhnten sich langsam an das Dunkel und ein unheimlicher grüner Schimmer beherrschte den Kontrollraum. Er blieb unter der Tür stehen und ließ den Blick durch den Raum schweifen, was er sah erschreckte ihn und seine Atmung beschleunigte sich.
Ruhig
Der Raum hatte nichts mehr mit dem gemeinsam den er kannte, überall lag zerbrochenes Mobiliar. Bücher lagen auf dem Boden, verstaubt und waren halb zu Asche zerfallen. Der Tisch, an dem sie immer ihre gemeinsamen Mahlzeiten einnahmen, war mit Staub und Dreck verkrustet und in tausend Teile zersprungenes Geschirr noch darauf und davor.
Er war einer Panik nah, doch seine Beine schienen ihn unaufhaltsam weiter in den Raum vor zu bringen.
Beruhige dich.
Mike horchte auf und nahm die Stimme nun zum ersten Mal richtig war. Obwohl er sie noch nie gehört hatte – da war er sich sicher – kam sie ihm seltsam vertraut vor.
Nichts davon ist real.
Alles in Mike schrie auf umzukehren, doch er ging immer weiter, sein Körper reagierte nicht auf ihn. Mit knirschenden Schritten näherte er sich den Kontrollpulten. Sie waren besetzt, aber alle drehten ihm den Rücken zu.
„Trautman? Singh?“, rief er und seine Stimme hallte seltsam durch den Raum. Er bekam keine Antwort von ihnen, stattdessen vernahm er wieder die unbekannte Stimme.
Geh nicht weiter!, befahl sie ihm.
Mikes Verzweiflung wuchs. Genau das hätte er ja gerne getan, aber etwas zog ihn immer weiter.
Ich weiß, es ist schwer, aber ich will das du dich jetzt auf mich konzentrierst.
Er streckte die Hand nach einem der Stühle aus, um ihn herum zu drehen, doch die Stimme hielt ihn auf.
Du musst noch etwas durchhalten. Alles wird bald besser.
„Was ist hier los?“, fragte er. Seine Hand lag noch immer auf dem Stuhl, doch die nächste Bewegung vor der er sich fürchtete kam nicht.
Alles was hier passiert, ist in deinem Kopf. Du bist sehr krank.
Mike nahm die Hand langsam zurück.
„Krank?“, fragte er.
Ich weiß du hast große Angst, aber ich werde bald bei dir sein und du wirst es dann verstehen.
Langsam machte er auf der Stelle kehrt, lief langsam auf die Tür zu und wieder war es als wäre es nicht er der die Entscheidungen für seinen Körper traf. Doch er spürte auch wie es ihm wieder leichter wurde um die Brust und er wieder Luft bekam. Die Stimme schwieg eine Weile und Mike glaubte schon, dass er wieder alleine war.
Merke dir was ich dir jetzt sagte.
Er schreckte auf, nickte dann abgehackt und blickte verwirrt.
„Ich verstehe nicht…“, sagte er zögernd.
Merk dir die Zahlen gut. Sag sie Trautman, er wird wissen was er tun muss.
Mike hob erstaunt den Kopf.
„Sie kennen Trautman?“
Nicht jetzt., sagte die Stimme. Wir haben keine Zeit.
Er nickte, sein Körper lief weiter und schließlich fand er sich in seinem Quartier wieder.
Hier bist du erst einmal sicher.
Mike horchte auf.
„Was wäre passiert, wenn ich im Kontrollraum weitergegangen wäre?“, fragte er.
Ich hätte nichts mehr für dich tun können.


Er öffnete die Augen, sah gebannt in die Flamme der Kerze vor ihm und brauchte eine Weile, um in die Wirklichkeit zurückzufinden. Noch immer spürte er, wie die beiden Realitäten sich überlagerten und musste all seine Konzentration aufbringen um im Hier und Jetzt zu bleiben. Als er sich sicher war, dass ihm keine Gefahr mehr drohte, lehnte er sich vor und legte die Hand sachte hinter die Flamme und blies sie geradezu ehrfürchtig aus. Starr sah er dem aufsteigenden Qualm nach und hing seinen Gedanken nach, dass er fast das Summern an seiner Tür überhört hätte.
Der Mann hob den Kopf, blieb jedoch weiter mit verschränkten Beinen auf dem Boden sitzen und bat seinen Gast herein. Es war ihm ganz bewusst wer da seine Aufmerksamkeit verlangte und vor diesem Jemand musste er sich nicht hinter einer Fassade verstecken. Also konnte er es sich leisten sitzen zu bleiben, was er bei jedem anderen als ein Zeichen von Schwäche gewertet hätte.
Er beobachtete seinen Gast, wie er eine Weile einfach nur dastand und sich an das dämmrige Licht im Raum gewöhnte.
„Wie ist es gelaufen?“, fragte die tiefe Stimme seines Gastes und kam schließlich näher. Er stand nun doch auf und sah in das Gesicht vor ihm. Entschlossene Augen, denen man das Alter seines Trägers nicht ansah, blickten ihm entgegen und auch sonst stellte sein engster Vertrauter und Freund eine imposante und autoritäre Person dar.
Sein Blick glitt von diesen Augen, hinaus zu den Sternen und sein Gesicht verdüsterte sich.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit.“, antwortete er schließlich und er musste die Frage nicht aussprechen die ihm als nächstes auf der Zunge brannte.
Noch eine besondere Eigenschaft seines Gegenübers, er schien immer zu wissen was er wollte, oder sie kannten sich nun einfach schon zu lange.
„Wir brauchen noch zwei Tage.“, sagte sein Vertrauter und fuhr fort als er merkte, wie er sich versteifte. „Vielleicht einen. Ich mache schon mehr Druck als gut ist und alle Arbeiten bis zu ihren Grenzen.“
„Ich weiß.“, nickte er bitter. „Doch ich kann nicht zulassen, dass er für die Fehler die ich begangen habe, sein Leben lassen muss.“
„Das wird nicht passieren.“, sagte sein Gegenüber in voller Überzeugung und musterte ihn dann durchdringend. „Wenn er nur halb so ist wie Sie, dann ist er unglaublich zäh und willensstark.“
Er drehte sich wieder zu den schwarzen Augen, die ihm aus dem dunklen edel geschnittenen Gesicht anblitzten und lächelte breit.
„Ja, das ist er.“, sagte er stolz.


Trautman nahm den Zettel und studierte seinen Inhalt stirnrunzelnd, dann blickte er wieder zu Singh auf und wirkte sichtbar gequält.
„Ich weiß nicht, Singh.“, sagte er zögernd, das Gesicht seines Freundes verdüsterte sich und er fuhr schnell fort. „Ich bin mir einfach nicht sicher ob diese Zahlen etwas zu bedeuten haben, mir liegt genauso viel daran Mike zu helfen, aber das ist einfach verrückt.“
Winterfeld der neugierig über Trautmans Schultern sah, nahm ihm das Stück Papier ab und sah sich nun ebenfalls dessen Inhalt an. Dann stand er auf und sagte etwas leise zu einem seiner Soldaten, woraufhin dieser nickte und sich entfernte.
Als er die fragenden Blicke der anderen sah, setzte er sich erneut an den Tisch und legte den Zettel sicher vor sich ab.
„Ich glaube das es sich hierbei um Koordinaten handelt.“, berichtete er und die wissenschaftliche Neugier blitzte in seinen Augen auf. Trautman seufzte, er hatte ähnliches vermutet, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Mike einfach nur im Fieberwahn irgendwelche Zahlen aneinandergereiht hatte, war eben deutlich größer. Währenddessen kam der Soldat mit einigen Karten zurück. Winterfeld nahm sie ihm dankend entgegen und beugte sich dann darüber. Einige legte er sofort wieder zur Seite, doch schließlich fand er wonach er suchte und legte den Zettel darauf.
„Hier.“, sagte er dann und zeigte auf einen Punkt. „Das sind die Koordinaten.“
Singh studierte ebenfalls die Karte und nickte dann.
„Er hat recht, Trautman.“
Doch der Kapitän der Nautilus sah weiterhin zögernd drein und deutete auf die Zahlen und die Karte.
„Aber das erklärt es immer noch nicht, es sind zu viele Zahlen.“, merkte er an. „Was sollen diese Zahlen bedeuten?“
„Es ist die Tiefe, in die wir tauchen müssen.“, sagte eine Stimme hinter ihnen und alle fuhren erschrocken herum, Mike stand direkt hinter ihnen. Er war immer noch blass, aber sein Erscheinungsbild strahlte eine neue Stärke aus, die vorher nicht da gewesen war. Für einen Moment erschien es so als wäre er wie ein Wunder genesen, doch der Schein trügte.
Mit zitternden Händen zog er sich einen der Stühle heran und setzte sich. Nervöse Blicke wurden ihm von allen Seiten zugeworfen, doch es irritierte ihn nicht, er spürte eine neue unbekannte Selbstsicherheit. Es musste etwas mit dem seltsamen Traum zu tun haben – nein es war kein Traum – der Fremde war real gewesen. Er war nicht körperlich anwesend, aber er war da gewesen und hatte ihm geholfen. Er hatte ihm Zeit verschafft, doch er wusste das er davon trotzdem nicht ewig hatte.
„Keine Angst.“, sagte er, dies galt vor allem den verschreckten Schwestern und dem Arzt der bereits eine neue Injektion vorbereitete. „Ich habe mich unter Kontrolle, zumindest zurzeit. Ich hatte etwas Hilfe.“
Singh sprang von seinem Stuhl auf und legte Mike seine Hand auf die Schulter, dieser drückte sie dankbar. Mikes rehbraune Augen lächelten ihn wissend an und wäre der Inder nicht so schon verloren gewesen in seiner Liebe zu ihm, wäre seine letzte Abwehr jetzt gefallen. Er erkannte Mike in diesen Augen, aber auch etwas anderes, dass vorher nicht dagewesen war. Eine Kraft, die der er sich nicht entziehen konnte. Die ihn faszinierte.
„Danke.“, flüsterte er Singh zu.
„Wofür?“, fragte er verwundert zurück.
Mike lächelte sanft. „Das du die ganze Zeit da warst.“
Trautman räusperte sich, um die Aufmerksamkeit Mikes wieder auf sich zu lenken, bevor die beiden komplett in ihrer eigenen Welt verschwanden. Mike drehte langsam den Kopf zu ihm, ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen und er hatte das Gefühl nicht gänzlich den Mike vor sich zu haben, den er kannte.
„Hilfe? Von wem?“, fragte Trautman schließlich.
Doch Mike zuckte nur mit den Schultern.
„Das kann ich schwer erklären.“, fing er an und beeilte sich weiter zu reden, als er Trautmans zweifelnden Blick auffing. „Ich verstehe es ja selbst nicht wirklich, aber er hat gesagt, dass sie wissen was zu tun ist, wenn sie die Zahlen haben. Bitte, bringen sie mich da hin.“
Trautman sah in weiter prüfend an und man sah wie es hinter seiner Stirn arbeitete.
„Was werden wir da finden? Weißt du es?“
Mike schüttelte den Kopf und erwiderte Trautmans bohrenden Blick ohne mit der Wimper zu zucken, bis Trautman schließlich seufzte.
„Also gut.“, sagte er schließlich. „Wir haben ja keinen anderen Anhaltspunkt und ich will auch nicht weiter hier herumsitzen, bis es dir noch schlechter geht. Allerdings wird es einige Tage dauern bis die Nautilus wieder fahren kann, geschweige denn tauchen.“
Und sie wussten nicht ob Mike einige Tage hatte, war der Gedanke den sie alle dachten.
Ein betretenes Schweigen löste die beginnende Heiterkeit im Raum ab. Mike spürte wie sich Singhs Hand auf seiner Schulter verkrampfte und senkte den Blick. Das war dann also seine einzige Chance gewesen, er hatte sie sich selbst durch seinen Ausbruch auf der Nautilus verwehrt. Jetzt konnte er darauf warten bis er langsam starb und dabei hatte er im Gefühl, dass das auch für den Rest seiner Freunde sehr unangenehm werden würde. Vielleicht sollte er sich eine einsame Insel dafür suche, dachte er bitter.
Der Einzige der nicht mit in dieses Trübsal einstieg war Winterfeld, er fing plötzlich über das ganze Gesicht an zu grinsen.
„Das ist doch gar kein Problem.“, verkündete er fröhlich. „Wir nutzen die Leopold und schleppen die Nautilus bis zu den Koordinaten und zusammen mit meinen Männern haben wir das Schiff schneller wieder klar als sie gucken können.“
Trautman, Singh und auch Mike sahen ihn entgeistert, aber auch misstrauisch, an. Winterfeld war der Mann, der Mike aus dem Internat in England entführte, ihn monatelang auf seinem Schiff festhielt um an die Geheimnisse Nemos und die Nautilus zu kommen, der sie immer wieder erbarmungslos durch die Weltmeere jagte, und gerade dieser Mann sollte jetzt ihre einzige Hoffnung sein.
Aber welche Wahl hatten sie schon?
„Ich habe nur eine Bedingung.“, fuhr Winterfeld fort und sah sich den eiskalten Blicken dreier Augenpaare entgegen. Er ließ sich davon nicht beeindrucken und lächelte entwaffnend. „Ich will mit an Bord der Nautilus, wenn ihr da runter taucht. Ich werde mir doch nicht entgehen lassen, was da unten auf uns wartet.“
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