Ambrosius - der Meister der Zaubertränke

von Earthling
KurzgeschichteHumor, Parodie / P6
Zauberer & Hexen
01.06.2014
01.06.2014
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Ursprünglich war dieses Werk als Beitrag für einen Schreibwettbewerb auf deviantArt gedacht, aber irgendwann hat das ganze den Richtlinien nicht mehr entsprochen und ich hatte den Abgabetermin verschlafen.
Das ist mein erster Versuch, etwas eigenes im Fantasygenre zu verfassen, was in parodistischer Richtung einzuordnen ist.
Ich wünsche viel Vergnügen.

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Die Erkenntnis lastete bleischwer auf Ambrosius, als er die Augen aufschlug und sich erst einmal nicht in seinem Schlafzimmer zurechtfand. Auf merkwürdige Art und Weise verwirrten ihn die neuen Bettvorhänge immer noch. Das Muster… es gefiel ihm ja, aber gleichzeitig fragte er sich, ob er nicht doch zu alt für Nachtblau mit silbernen Mond- und Runenstickereien war. Blinzelnd betrachtete er den an den Bettpfosten gerafften Stoff und seufzte lang und tief. Doch, das Muster sollte so bleiben. In sein Schlafzimmer kam ja außer seinem alten Raben eh niemand und der Vogel war höchstwahrscheinlich sowieso farbenblind. Doch dieses merkwürdige Gefühl, das er eben gehabt hatte, bereitete ihm tatsächlich Rückenschmerzen. Nun ja, es war weniger eine Erkenntnis, sondern mehr die Ahnung, dass etwas passiert war. Etwas, womit er weder gerechnet hatte, noch was er gut finden konnte. Sein Nacken und seine Arme prickelten unbehaglich und er strich sich stirnrunzelnd über den struppigen blauen Bart.

Mühsam versuchte er, den Ablauf des vergangenen Tages zu rekonstruieren. Verdammt! Er war doch noch gar nicht so alt, dass er schon Gedächtnislücken haben konnte und abendliche Besäufnisse gab es seit seiner Zeit auf der Akademie vor gut zweihundert Jahren nicht mehr. Doch das einzige, was ihm nach kurzem Überlegen einfiel war, dass er seinen Assistenten Gunther gegen halb zwei ins Bett geschickt hatte, nachdem der vor Müdigkeit beinahe in den Kessel mit Wachstumstrank gefallen war als er die zähflüssig vor sich hin blubbernde purpurne Brühe umrühren wollte. So ein tatkräftiger junger Bursche war zwar eine große Hilfe für einen Mann in Ambrosius‘ Alter, aber manchmal eben zu tatkräftig…

„Hilft alles nichts…“, murmelte Ambrosius und strich sich wieder über den struppigen blauen Bart. Er musste unbedingt die Bestellung für den Fürst von Sonnenschein – nein Sonnenstein! – fertig kriegen, bevor dessen Bote hier aufkreuzte. Und wie Ambrosius den Boten kannte – vorausgesetzt natürlich, dass er nicht befördert oder gefeuert worden war seit ihrem letzten Stelldichein – konnte man den nicht mal mit der Dauer einer Tasse Tee vertrösten, wenn ein Trank noch nicht abgefüllt oder ein Pulver noch nicht abgewogen war…

Das Gold aus Fürst Waldemars Kasse hatten der Meister der Tränkebraukunst und sein Adlatus aber dringend nötig. Zutaten für verschiedene Wundermittelchen und Zaubertränke hatte er im Laufe seines Lebens genug angehäuft und war auch sehr froh darüber denn einige davon waren im letzten Jahrzehnt unverschämt teuer geworden; aber in dem alten Gemäuer zog es in allen Ecken und Fluren wie Hechtsuppe und für sein beginnendes Rheuma war das gar nicht gut. Außerdem plagte Gunther seit kurzem ein heftiger Schnupfen und keine Medizin wollte so recht bei ihm wirken. Aus diesem Grund war es nicht verwunderlich, dass das alte Kloster in dem die beiden sich eingenistet hatten, dringend repariert werden musste. Dumm war nur, dass die Handwerker seit einer kleinen Explosion in der im ehemaligen Speisesaal eingerichteten großen Küche durch nichts außer handfestem, echtem Gold zu bewegen waren, sich auch nur in den Schatten des Glockenturms zu stellen.

Seinen Sparstrumpf hatte Ambrosius schon anrühren müssen, aber mit irgendetwas musste er ja auch Gunther bezahlen und Lebensmittel einkaufen. Daher kam ihm der Auftrag des gottlob immer gut zahlenden Fürsten ganz Recht, der einen Liebestrank bestellt hatte. Mit diesem wollte er seine wunderschöne aber untreue Gemahlin zurückgewinnen, auch wenn er es selbst mit der Treue nicht so genau hielt und seine Schönheit… nun ja… die kam wohl eher von innen.

Mit all diesen trüben Gedanken im Kopf quälte Ambrosius sich aus dem Bett, zog sich an und versuchte, seinen Bart ein wenig zu kämmen. Der Bote war ein feiner Pinkel und irgendwie kam er sich trotz seiner beachtlichen Fähigkeiten klein und schäbig vor, wenn er mit ihm sprechen musste. Leider hatte er bei dem Versuch, seine Gesichtsbehaarung zu bändigen keinen Erfolg, daher beließ er es dabei und mit seinem verbliebenen Haupthaar versuchte er gar nicht erst sein Glück, sondern stülpte einfach einen riesigen, breitkrempigen Hut darüber, den sonst sein Skelettmodell trug. Ein wenig Spaß erlaubt er sich auf seine alten Tage schließlich auch noch. Endlich verließ Ambrosius seine Kammer und schlurfte die Treppen zur Tränkeküche hinunter. Diese Treppensteigerei war nichts für ihn und er überlegte, ob er seine Kammer vielleicht mit der von Gunther tauschen sollte. Dort roch es zwar immer nach den Tränken und er hatte keine so fantastische Aussicht über die umgebenden Hügel, Wiesen und Felder, aber dafür war sie ebenerdig und er konnte seine Knie schonen.

Erneut wurden die Überlegungen des Meisters der Zaubertränke unterbrochen und er zog verwundert die Nase kraus. Ein Duft von exotischen Früchten, frisch geschnittenem Gras und Mädesüß schien in der Luft zu liegen und er schnupperte erneut. Krampfhaft überlegte er, welcher Trank wohl so riechen mochte und er fragte sich, ob Gunther seine Anweisung ignoriert hatte, den fürstlichen Auftragstrank unter keinen Umständen anzurühren. Andererseits – Gunther war ein so guter Junge, er traute ihm einen solchen Vertrauensbruch gar nicht zu.

Aber man konnte ja nie wissen, ob vielleicht etwas anderes angebrannt war und obwohl er fest davon überzeugt war, vor dem zu Bett gehen, rein zur Sicherheit natürlich, das Feuer unter dem Liebestrank gelöscht zu haben, wurde Ambrosius unruhig. Er beschleunigte sein Schlurfen, das ihn immer noch die gewundene Treppe hinab führte und musste höllisch aufpassen damit er sich nicht im Saum seines Gewandes verfing. Schnaufend erreichte der alte Mann die Küche, wo Gunther schon wieder fleißig am Werkeln war.  

„Guten Morgen, Meister“, wurde er von dem großen, rothaarigen Jungen begrüßt, dessen Gesicht ihn immer wieder an eine Mischung aus Schweinchen und Ratte erinnerte. „Ich habe den Trank für Waldemar von Sonnenstein schon abgefüllt. Falls es Euch nichts ausmacht, habe ich ihn in die Flasche mit der roten Kristallverzierung aufgezogen. Ich dachte, die sei der Fürstin angemessen.“ Noch während er munter plapperte, entgleisten Ambrosius die Gesichtszüge.

„Oh nein.“ flüsterte er.

Gunther hob verwirrt den Kopf und kratzte sich am Ohr.

„War das denn falsch, Meister?“, fragte der ehemalige Krämersohn und wunderte sich, was denn verkehrt daran war, den Trank in eine Flasche zu füllen, die seit Jahr und Tag eingestaubt auf dem Regalbrett gestanden hatte und lediglich den eingetrockneten Rest eines Bodensatzes enthielt. Er hob die Flasche an und schielte von unten durch den dicken Boden. Der Bodensatz hatte sich bereits teilweise aufgelöst und trübte nun in himmelblauen Schlieren die sonst dunkelrote Flüssigkeit.

Doch noch ehe Ambrosius ganz in Ohnmacht fallen konnte, schellte das ausgeklügelte Glockensystem, das es den beiden ermöglichte auch während der Arbeit die Ankunft von Besuchern zu bemerken. Der alte Zaubertrankmeister seufzte tief und erinnerte seinen Gehilfen damit an ein Lamm auf dem Weg zur Schlachtbank.

„Das ist wohl der Bote, Meister“, stellte er fest. „Was machen wir jetzt?“

Ambrosius nahm vorsichtig die Flasche und drehte sie im Schein der Morgensonne, die hinter ihm durchs Fenster fiel und angenehm, fast tröstend, sein Kreuz wärmte. Er schlug sie in seine weiten Ärmel ein und klopfte Gunther mit der freien Hand auf die Schulter.

„Wird schon schiefgehen, Junge“, seufzte er und bot dabei einen tieftraurigen Anblick. „In der Flasche war noch der Rest von einem Flugzauber. Die Fürstin wird im wahrsten Sinne des Wortes auf Wolke Sieben schweben, wenn sie mehr als einen Schluck davon trinkt.“

„Ja ist das denn so schlimm?“ Gunther war zwar erleichtert, dass er nicht versehentlich eine alte Giftflasche verwendet hatte, aber wirklich behagen tat ihm der Gedanke nicht, dass wegen ihm die Fürstin in die Luft gehen würde.

„Eigentlich nicht, mein Junge. Ich fürchte nur, dass sie Waldemar dann zwar abgöttisch lieben wird, man sie aber mit einem Seil am Schlossturm festbinden muss, da sie sonst zum nächsten Fenster heraus entschwebt. Obwohl...“ Mit diesen Worten wollte der Meister der Zaubertrankbraukunst sich umdrehen, als plötzlich ein Ausdruck jugendlicher Spitzbübigkeit sein zerknittertes Gesicht noch zerknitterter aussehen ließ. Er deutete auf ein kleines blaues Fläschchen im Regal hinter Gunther.

„Gib mir doch bitte diese Phiole da“, sagte er und entkorkte vorsichtig die Flasche mit dem verunglückten Liebestrank. Er schüttete einen kleinen Schluck davon beiseite, sodass eine glitzernde rosa Wolke vom Boden aufstieg und sich in zwei miteinander verschlungenen Rauchherzen verflüchtigte. Gunther reichte ihm die Phiole und er goß ihren Inhalt in die Flasche, wobei er von plötzlicher Heiterkeit erfüllt vor sich hin kicherte.

„Ich bin mal gespannt, wie das hier dem fürstlichen Ehepaar schmecken wird“, meinte er schelmisch grinsend und verkorkte die Flasche wieder sorgfältig. Anschließend wandte er sich an Gunther und schickte ihn, den Boten hierher in die Küche zu holen.


Gunther wunderte sich über den plötzlichen Stimmungsumschwung seines Lehrmeisters und beschloss, ihn später danach zu fragen. Jetzt war er selbst viel zu gespannt, was für ein Gebräu der Fürst denn tatsächlich erhalten sollte und er beeilte sich, seinem Auftrag nachzukommen.

Der Bote war sehr verwundert darüber, dass man ihn nicht wie gewöhnlich direkt an der Tür abfertigte, sondern herein bat. Er fühlte sich inmitten dieses alten Gemäuers mit all seinen merkwürdigen Geräuschen und Gerüchen nicht sehr wohl und was ihn am meisten störte war die Tatsache, dass er jetzt wahrscheinlich zu spät zu seinem Rendezvous kommen würde. Er fragte im arrogantesten Ton, der ihm gelingen konnte, was das Ganze denn zu bedeuten hatte und sah Ambrosius mit hochgezogenen Augenbrauen an. Den rothaarigen Lehrling würdigte er dabei keines Blickes.

„Ach nichts, werter Herr“, tröstete Ambrosius ihn. „Es ist nur so, dass dieser Trank äußerst kompliziert ist – nicht nur in der Herstellung, sondern auch in der Anwendung. Ich habe hier ein Pergament mit der korrekten Gebrauchsanleitung für den Fürst von Sonnenstein. Ich bitte Euch, ihm diese persönlich mit der Flasche zu überreichen. Niemand sonst soll das Blatt vorher zu Gesicht bekommen. Daher war es auch nötig, Euch herein zu bitten. Ich möchte nicht, dass das Pergament oder der Trank in die falschen Hände geraten und Euch vertraue ich für die Ausführung dieser Aufgabe von allen Menschen die der Fürst senden könnte am meisten. Aber denkt daran: Der Fürst muss sich exakt an alle Punkte auf dem Pergament halten, ansonsten sind die Folgen katastrophal.“ Er hatte diese Erklärung in äußerst ernstem Ton vorgebracht und Gunther dabei verschwörerisch zugezwinkert, der nur etwas dünn lächeln konnte, da er der Mischung nun erst recht nicht mehr vertraute. Der Bote ließ sich davon nicht aus dem Konzept bringen. Stattdessen nickte er nur übertrieben verständnisvoll und zog einen Beutel mit Goldmünzen aus einer unter seinem Umhang verborgenen Umhängetasche.

„Ihr könnt euch völlig auf mich verlassen“, versicherte er und warf einen fragenden Blick auf die Kristallflasche in Ambrosius‘ Hand, die mittlerweile schwach zu leuchten begonnen hatte. Der Zaubertrankmeister nahm sie beinahe vorsichtig in beide Hände.

„Dass Ihr auch gut darauf achtet, sie nicht zu sehr zu schütteln. Möglicherweise explodiert sie sonst!“, ermahnte er den Mann und geleitete ihn anschließend zurück zur Tür, um ihn zu verabschieden. Gunther war den beiden mit dem sich gehörenden Abstand gefolgt und wartete nun auf seine Gelegenheit, die ihm so sehr unter den Nägeln brennende Frage zu stellen.

„Meister, was habt Ihr denn nun in den Trank gemischt, dass es Wert ist so geheimnistuerisch zu sein?“ Er war sichtlich aufgeregt, denn zu einem gewissen Teil war er ja selbst dafür verantwortlich und wenn schon etwas schiefgelaufen war, dann wollte er auch genau wissen, was.

„Nun“, begann Ambrosius. „Ich denke wir werden demnächst das spektakulärste Herrscherpaar der Welt haben. Die beiden werden vielleicht sogar als das geflügelte Fürstenpaar in die Geschichte eingehen. Mit einem Federkleid passend zu ihrem jeweiligen Charakter. Wie auch immer – ich denke mit dem Gegenmittel werden wir finanziell bis an dein und mein Lebensende ausgesorgt haben. Wir machen uns besser wieder an die Arbeit.“
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