Die Nebel von Chroyane

von baronesse
GeschichteÜbernatürlich / P12
Tyrion Lannister
31.05.2014
31.05.2014
1
3921
 
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Dies ist der finale Beitrag zum Fandomturnier 2013 von Pooky. Diesmal wird es übernatürlich und handelt von einer Person, die lange verschollen oder totgeglaubt war ...
Enthält Spoiler für "A Dance with Dragons" und Serienereignisse nach Staffel 4!


* * *

Die Nebel von Chroyane

  Das Wasser perlte glitzernd und brach am Bug der Shy Maid, die mit stetiger Fahrt über die Rhoyne glitt. Tyrion stand an der Reling und wartete auf die leisen Schritte, die, so wusste er, erklingen würden.

  Lemore ging jeden Morgen nackt in der Rhoyne baden.
Die Septa mochte sich dem Glauben an die Sieben verschworen haben, aber sie war weder so keusch, wie die Jungfrau von ihren Anhängern verlangte, noch alt und hässlich, wie Tyrion sich Septas bislang vorgestellt hatte. Im Gegenteil, Lemore war schlank und ansehnlich. Einige Streifen auf ihrem Bauch verrieten ein Geheimnis, was einige Jahre zurückliegen mochte, doch darüber hinaus entstellte nichts ihre Schönheit.

  Er hatte sich angewöhnt, ebenso früh aufzustehen wie sie, nur damit er an Deck stehen konnte, um sie zu beobachten, wenn sie im Wasser schwamm. Was gab es für einen Mann wie ihn sonst für Annehmlichkeiten?

  Als die Schritte erklangen, wandte er sich um und grinste, als er Lemore näher kommen sah. Das weiße Gewand hing der Septa lose um den Körper. Sie machte keine Anstalten, es abzulegen, sondern stellte sich neben Tyrion an die Reling und sah auf die Rhoyne hinaus.

  „Du gehst jeden Morgen schwimmen“, bemerkte Tyrion, als müsse er sie an ihre Gewohnheit erinnern. Es stand ihm nicht zu, sie zu hinterfragen oder die Forderung zu stellen, sie müsse es auch heute tun.
  Lemore zuckte mit den Schultern. „Heute morgen nicht.“

  Sie drehte sich halb zu ihm und deutete dann den Fluss hinunter. „Sieh dort, wo das Wasser sich ausweitet. Das ist Dagger Lake. Wir werden den See bald erreichen. Er ist voller Piraten und Seeräubern und wir können den Göttern danken, wenn wir unbemerkt weiter segeln können. Wir müssen unser Glück nicht noch herausfordern.“
  Sie lächelte, als wüsste sie genau, dass sie damit seine unausgesprochene Frage beantwortet hatte und dass er es bedauerte. „Wenn wir Dagger Lake überquert haben, vielleicht“, versprach sie, beugte sich vor und drückte Tyrion einen Kuss auf die Stirn, bevor sie wieder unter Deck verschwand.

  Sollte er wirklich glauben, dass sie nur dafür an Deck gekommen war? Grummelnd sah Tyrion ihr hinterher, dann blickte er auf den See vor ihnen. Wenn Lemore Recht hatte, dann gab es einigen Grund zur Sorge.

  „Sie hat Recht“, hörte er eine tiefe Stimme hinter ihm. Haldon, der halbe Maester, war an Deck gekommen. „Es gibt viele kleine Inseln in diesem See, Inseln mit Höhlen und versteckten Festen, allesamt Piratennester. Man sagt, Korra die Grausame auf ihrer Hag’s Teeth hat nur wunderschöne Mädchen mit an Bord, aber jeden Mann, den sie in die Finger bekommen, berauben sie seiner Männlichkeit.“
  „Dann könnt Ihr Euch glücklich schätzen, Halbmaester, denn in dem Fall müsstet Ihr Euch nicht von dem trennen, was Euch am wichtigsten ist: Euren Büchern.“ Tyrion gluckste leise. „Und ich bin nur ein halber Mann, vielleicht nehmen sie mir nur den halben. Nichts zu befürchten, also.“
  „So, meint Ihr also. Wir sollten uns in Acht nehmen und keine Geister herauf beschwören. Auch Urho der Ungewaschene ist ein gefährlicher Pirat und ernstzunehmender Gegner. Man sagt, sein Gestank allein reiche aus, um einen Mann zu töten.“
  Wieder lachte Tyrion.

  „Seht, wir haben keinen Grund zur Sorge. Es steigt Nebel auf.“
  Auch das schien Haldon nicht zu beruhigen. Der Mann hatte lange Jahre in der Citadelle von Oldtown gelernt und Tyrion konnte kaum glauben, dass er nicht genug Kettenglieder geschmiedet hatte, um ein vollwertiger Maester zu werden; Haldon schien alles zu wissen und von allem gelesen zu haben. Sicherlich mehr als Tyrion, der sehr belesen war und viel Zeit mit Büchern verbracht hatte.

  „Garins Fluch“, murmelte Haldon.
  Tyrion wusste, dass er nur warten musste. Der Halbmaester ließ sich nie lange bitten, sein Wissen weiterzugeben und eine neue Geschichte zu erzählen.
  „Garin war ein Prinz von Chroyane, einer prächtigen Stadt der Rhoynar. Als die Menschen in Valyria und Volantis begehrlich ihre Augen nach Norden richteten, zog er mit 250.000 Männern um sie aufzuhalten und fand tapfer den Tod für seine Heimat. Als sie ihn verspotteten und aufhängten, beschwor er mit letzter Kraft Mutter Rhoyne, ihnen zu helfen und das tat sie. Seitdem erhebt sich Nacht für Nacht der Nebel über dem Fluss, wenn die feurigen Männer sich aus ihrem nassen Grab erheben und nach Chroyane sehen. Es heißt, sie ziehen die Reisenden, die sie für Angreifer halten, auf den Boden des Flusses und überlassen sie dem Ummantelten Lord.“

  „Der Ummantelte Lord“, jetzt zog Tyrion skeptisch die Augenbrauen hoch und starrte auf das Wasser, das sich vor ihnen ausweitete. Die Geschichten von den Piraten erschienen ihm schon übertrieben, so wie man in Westeros gern von Knarlen und Riesen hinter der Mauer erzählte, und dass es in Essos Nixen und andere Ungeheuer geben sollte. Er schätzte, dass der Ummantelte Lord in etwa das Gegenstück des Winterkönigs war. Genauso erfunden, genauso verängstigend, damit die Kinder von Dummheiten abgehalten wurden.

  Haldon strich sich über den kahlen Kopf und schürzte die Lippen. „Manche sagen, es ist Garin, andere behaupten, es sei immer wieder ein anderer der Steinmenschen, der diese Rolle übernimmt. Sie nennen ihn die graue Eminenz oder Prinz der Sorgen. Sein Kuss verteilt Grauschuppen und er herrscht über die Nebel. Nein, Nebel ist kein gutes Zeichen. Ich wünschte, wir hätten Chroyane bereits passiert.“ Damit ließ er Tyrion allein an der Reling stehen und ging zu Yandry, dem Kapitän der Shy Maid.

  Der Nebel begleitete sie den Rest des Sees, schmiegte sich an den Bug der Shy Maid und liebkoste Tyrions vernarbte Haut. „Schlurp, Schlurp“, sagte das Wasser um ihn herum. Es war eine friedliche Atmosphäre, kaum zu glauben, dass grässliche Piraten und schlimmere Gefahren in diesen Nebeln lauern sollten.
  „Chroyane“, sprach Tyrion laut aus und testete den Klang des Wortes auf den Lippen. Er hatte nie viel von Chroyane gehört. Überhaupt schien man in Westeros der Meinung, dass die Sieben Königreiche der wichtigste Ort waren. Wer redete schon von den Goldenen Feldern längs der Rhoyne, von Dagger Lake oder verschwunschenen, längst untergegangenen Städten, die den Untergang von Valyria nicht überlebt hatten?

  Von Haldon und Yandry hatte er vieles über dieses Land gelernt, das Land, aus dem die Rhoynar kamen und was heute so gut wie unbesiedelt war. Tyrion wusste, dass Chroyane, der Ort von Schlamm und Nebel, früher eine blühende, glänzende Stadt gewesen war.
  Es war nichts mehr übrig geblieben. Grau in grau tauchten die ersten vermoosten Steine an der Seite des Flusses auf, als die Rhoyne sich erneut verengte und mitten durch die einst blühende Stadt floss. ‚So geht alles den Bach runter’, dachte Tyrion und rieb verärgert seinen Nasenstumpf. Vielleicht sollte er sich damit abfinden, in den Ruinen von Essos zu leben. In Westeros hatte er keine Zukunft mehr. Auf seinen Kopf war eine Belohnung ausgesetzt und er reiste unter einem Decknamen, damit niemand ihn fand. Als ob es eine große Rolle spielte. Er war ein missgestalteter Zwerg, wie viele wie ihn gab es noch?

  Lemore war neben ihn getreten, lautlos diesmal, oder der Nebel hatte ihre Schritte verschluckt. „Die Brücke der Träume“, sprach sie leise und deutete nach vorn.
  Majestätisch hatte sie sich einst über die Rhoyne erhoben. Man sagte, dass sie golden glänzte und von dem sagenhaften Reichtum der Stadt kündete. Heute glitzerten nur noch hier und da die Lampen der Steinmenschen, jene, die von Grauschuppen befallen und verunstaltet waren und in den Ruinen hausten.

  „Alpträume, wohl eher“, murmelte Tyrion und atmete auf, als sie unter der Brücke hindurch gesegelt waren. Keiner der Steinmenschen hatte sich gerührt. Sie hatten es geschafft. Bald wären sie aus Chroyane heraus.
  Ein alarmierender Ruf schreckte sie auf.
  Tyrion drehte den Kopf, aber das, was hinter ihnen lag, war nicht das Problem. Lemores Finger krallten sich in seinen Arm, er hatte die Worte schon auf den Lippen, aber jetzt war sarkastisch zu sein fehl am Platz.

  Vor ihnen erhob sich stumm über dem Wasser die Brücke der Träume.
Er hatte keine Zeit den Kopf zu wenden und sich zu fragen, welche Brücke sie gerade passiert hatten oder wie viele Brücken in Chroyane es gab, denn diesmal hatten sie weniger Glück. Dumpfe Schläge und nebelige Gestalten verrieten ihm, dass die Steinmenschen aufs Deck der Shy Maid gesprungen waren.

  „Griff!“ Wo war Lemore? Wo war der junge Griff? Sie mussten beschützt werden, aber in den Schwaden war es nicht leicht zu sehen, wer Feind und Freund war.
Er rammte einen Mann in die Kniekehlen, der vor ihm aufgetaucht war und gegen jemanden aus der Crew kämpfte, zumindest hoffte Tyrion das. Dann fiel sein Gegner zur Seite und er sah den jungen Griff, bleich unter den blau gefärbten Haaren, die Augen schreckgeweitet. Schon bückte Griff sich und verpasste dem Mann einen Schlag auf den Kopf. Der Kampf ging weiter.

  Das Deck des kleinen Flussschiffes war kein idealer Platz für einen Kampf und Tyrion war nicht der beste Kämpfer. Zu klein, zu ungleich seine beiden unterschiedlich langen Beine, und dank der Vernachlässigung seines Vaters hatte er als Junge nie die Ausbildung mit dem Schwert erhalten wie sein Bruder.
  Stattdessen duckte er sich zur Seite und drückte sich an die Reling, in der Hoffnung, den Schlägen zu entgehen. Die beiden Griffs und Haldon würden mit den Steinmännern schon fertig werden, hoffte er.

  So sah er nie die graue Hand, die sich über die Reling hangelte, sah nie das entstellte, verzerrte Gesicht, das sich bei seinem Anblick verzog. Tyrion spürte nur die Wucht, die ihn plötzlich nach hinten riss und trotz seiner geringen Größe wurde er über die Reling gezogen und fiel in das trübe Wasser der Rhoyne.
Er würde ertrinken. Er konnte sich nicht aus dem Griff befreien. Wasser füllte seine Lungen, Nebel zog um ihn herum auf, obwohl es nicht sein konnte, hier unter Wasser, dennoch -

  „Tyrion“, hörte er die sanfte Stimme.
Er wollte die Augen nicht aufschlagen. Sein Schädel dröhnte, bleierne Müdigkeit hatte sich in seinen Knochen eingenistet und er war sich sicher, dass die Schwärze des Vergessens das Beste war, was ihm nach allem noch passieren könnte.

  „Tyrion, wach auf!“
Wo war er? Wer sprach zu ihm? ‚Lemore’, dachte er für einen Moment, doch die Augen, die das erste waren, was er sah, waren himmelblau. Augen die er kannte, Augen, von denen er nicht geglaubt hatte, dass er sie jemals wiedersehen würde.

  „Tysha!“ Er wollte sich aufsetzen, doch sie drückte ihn zurück.
„Bleib liegen. Du hattest schon die halbe Rhoyne geschluckt, als sie dich aus dem Wasser gezogen haben.“
  „Aber …“ Es konnte nicht Tysha sein, Tysha, seine Tysha. Wie war das möglich?

  Tyrion war noch ein Junge gewesen, als er ihr begegnet war und sie war nur wenig älter gewesen als er, ein junges, unschuldiges Mädchen mit großen, blauen Augen und sanften, dunklen Locken.
  Sie war auf der Straße von einigen Männern belästigt worden, als Tyrion ihr gemeinsam mit seinem Bruder Jaime begegnet war. Und während Jaime sich um die Männer gekümmert hatte, hatte er sich um Tysha, das Waisenmädchen, gekümmert – und sich in sie verliebt. Er war ein Narr gewesen, sie zu heiraten, er, ein Lannister von Casterly Rock und sie ein Niemand, aber damals war er noch jung und naiv gewesen, hatte die harsche Realität geleugnet.
  Sie war schnell genug auf ihn eingebrochen, als sein Vater von der Ehe erfahren hatte. Jaime hatte ihm vorgelogen, Tysha sei eine Hure, dafür bezahlt worden, aus Tyrion endlich einen Mann zu machen; und Tywin Lannister hatte jeden seiner Männer mit ihr schlafen lassen und ihr eine Münze dafür bezahlt und Tyrion als letzten gezwungen. Für ihn hatte sie eine Goldmünze bekommen.

  „Tysha“, stöhnte er. Ihr lieblicher Anblick war zu viel für seine geschundene Seele. Gequält schloss er die Augen.
  Viele Jahre hatte er geglaubt, dass auch sie nur sein Geld gewollt hatte. Er hatte nie an Jaimes Worten gezweifelt, doch Jaime hatte gelogen. Tysha war nur eine einfache Waise gewesen, die Tochter eines Kleinbauern, wahrhaft angetan von ihrem Retter. Tywin hatte sie aus Westeros verjagt und Tyrion hatte immer geglaubt, dass sie tot sein müsse, nach so vielen Jahren. Stattdessen kniete sie hier neben ihm und lächelte ihn an und er wusste nicht, wie es möglich war. Welche Fragen er stellen sollte, welche Entschuldigungen er vorbringen konnte für das, was seine Familie ihr angetan hatte.

  „Shh“, murmelte sie und strich sanft über seine Stirn. „Du hattest eine lange Reise hinter dir, aber jetzt bist du bei mir. Du hast mich gefunden.“
  Er musste nicht seine Augen öffnen, um zu wissen, dass sie lächelte.
  „Mein Vater sagte, du wärest, wo immer Huren hingehen. Ich habe immer gedacht, dass heißt, dass du gestorben bist.“ Tyrion kannte nur wenige Huren, die ein langes und glückliches Leben führten. Die wenigsten verdienten genug für die Zeit, wenn sie alt und wenig begehrenswert waren. Die meisten steckten sich mit etwas an, während sie noch jung waren und erlebten dieses Alter nicht mehr.

  „Ich bin nie eine Hure gewesen, Tyrion. Ich wollte nicht in den Freien Städten bleiben, wo sie mich zu einer gemacht hätten. Ich habe immer gedacht, dass wir uns eines Tages wiedersehen werden. Wegen dir bin ich aus Westeros gegangen, damit dein Vater dich in Ruhe lässt, und seit jenem Tag habe ich gehofft, dass du eines Tages wegen mir aus den Sieben Königreichen weggehst. Ich habe Freunde, die mir erzählt haben, dass du kommst.“
  Schuld rumorte in seinen Eingeweiden, als er ihre Worte hörte. Ja, er hatte die Sieben Königreiche verlassen, aber nicht wegen Tysha. Er hatte sich nie träumen lassen, dass er sie jemals wiedersehen würde. Eigentlich war sogar eine Hure Schuld daran, dass er nun hier war … Shae. Wäre er nicht so töricht gewesen und hätte seinen Vater dauerhaft mit Shae gereizt, vielleicht wären sie nicht so schnell damit gewesen, ihn des Mordes anzuklagen und zu beseitigen. Und hätte er Shae nicht im Bett seines Vaters gefunden, wäre er noch immer unschuldig gegenüber jeder Klage, die man gegen ihn erheben konnte. So war er ein Sippenmörder, wenn schon kein Königsmörder.

  „Und jetzt bist du hier …“
Wer von ihnen hatte das gesagt? War er noch bei Bewusstsein? Tyrion schloss die Augen und wusste nicht, wo hier war und ob er irgendetwas von dem glauben sollte, was seine Augen ihm vorgaukelten.
  Er war an Bord der Shy Maid gewesen, sie waren auf der Rhoyne gefahren, auf dem Weg nach Volantis. Er kannte sich besser mit der Geographie Westeros’ aus als mit der Essos’, aber Volantis war eine der Freien Städte. Ach nein, sie waren in Chroyane und diese Stadt war schon seit Jahrhunderten eine Ruine.

  „Du musst wissen, früher war ich eingeschüchtert von dir.“ Ein helles Lachen ertönte. „Du warst der Sohn eines Lords und so klug und belesen! Ich habe auch Lesen gelernt.“
  Ihre Finger glitten über sein Gesicht und bei den sanften Berührungen wünschte Tyrion sich, er sähe noch immer so aus wie damals. Unfug! Er war nie hübsch gewesen, ein missgestalteter Zwerg blieb ein missgestalteter Zwerg, selbst wenn ihm nach der Schlacht am Blackwater die halbe Nase fehlte und eine hässliche Narbe sich quer über sein Gesicht zog.
  Damals hatte es Tysha nicht gestört. Würde es das heute tun?

  „Das ist wunderbar“, murmelte er und genoss die zarten Finger. Es war lange her, dass er Zärtlichkeiten von einer Frau erhalten hatte und noch länger, dass er diese nicht dafür bezahlt hatte. Wenn er es sich genau überlegte, war das nie der Fall gewesen, seit Tysha aus Westeros verjagt worden war.

  „Komm mit mir“, flüsterte sie und half ihm auf. Langsam und vorsichtig. Hustenanfälle schüttelten Tyrion und er hatte das Gefühl, dass er noch immer die halbe Rhoyne in seinen Lungen hatte.
  „Die Shy Maid …“, murmelte er und sah sich um. Er hatte auf einer Brücke gelegen. Weißer, glitzernder Stein umgab ihn und spannte sich majestätisch über dem Wasser. Da war kein Nebel, und keine Steinmenschen – und kein Schiff.
  Tysha ging nicht auf seinen Kommentar ein. Sie führte ihn von der Brücke in die Stadt.

  Das hier sollte Chroyane sein? Die Gebäude waren nicht verfallen, die Häuser nicht unbewohnt, die Straßen nicht verlassen. Menschen bewegten sich grazil am Rand der Straße entlang, ihr Gang wiegend und anmutig, die Schritte flüssig, aber niemand sprach, niemand sah ihn direkt an. Ihre Gesichter verschwammen, bevor er genauer hinsehen konnte.
  Tyrion rieb sich die Augen. Er war lange unter Wasser gewesen, das hatte Tysha selbst gesagt.

  „Das ist der Tempel der Liebe“, Tysha deutete nach vorn, wo sich ein ebenfalls schneeweißes Gebäude aus der Masse der Häuser heraushob. „Dorthin gehen wir.“
  Tyrion wunderte sich, fragte aber gar nicht erst. Was hatte Tysha dort verloren? Hatte sie nicht eben noch behauptet, nie eine Hure gewesen oder geworden zu sein? Und doch klang es in seinen Ohren nach dem größten Bordell, das er je betreten hatte.

  Ein Lichtstrahl fiel auf die Straße vor ihm, Löcher in der Wolkendecke, die eben noch über der Stadt gehangen hatte. Nun sah er, dass die Häuser nicht so weiß waren, wie er angenommen hatte, alle Oberflächen funkelten golden, wie der größte Schatz, den man sich vorstellen konnte. Auch die Straße unter ihm funkelte, in allerlei blauen und weißen Schattierungen. Es sah aus, als würde er über Wasser laufen. Jetzt erinnerte er sich daran, dass man sagte, in Chroyane seien die Straßen aus Wasser und die Häuser aus Gold. Wie hatten sie das geschafft?
  Und warum hatte er das Gefühl, dass er sich nur an die Hälfte erinnerte? Dass es etwas anderes gab, was er über Chroyane gehört hatte, etwas mit einem Ummantelten Lord?

  Tysha führte ihn geradewegs auf das imposante Gebäude inmitten der Stadt zu. In Westeros gab es einige große Gebäude, auch wenn sie ihre Tempel Septen nannten, doch selbst die Rote Bergfeste konnte mit diesen Ausmaßen nicht Schritt halten. Tyrion fühlte sich noch mehr wie der Zwerg, der er war. Es war eine Unverschämtheit, dass Menschen so riesige Gebäude bauen durften.

  „Komm“, wiederholte Tysha. „Komm, tritt ein.“
Tyrion musterte die goldene Tür, die sich vor ihm erhob. Er war an der Mauer gewesen, die immerhin siebenhundert Fuß hoch war, und doch kam ihm dieser Eingang höher vor. Es war die Dekadenz, die Dekoration, die vielen, filigranen Details, die dieses Bauwerk so viel unwirklicher werden ließ als jedes andere. Alles trat in den Hintergrund. Träumte er, oder war dies hier Wirklichkeit?

  „Jetzt gibt es nur noch eine Frage“, begann er, bevor sie ihm die Finger auf die Lippen legen konnte. „Du wolltest keine Hure in den Freien Städten werden und bist weitergezogen.“ Wie war sie dann hier gelandet?
  „Ich wollte zu den Sommerinseln, aber dann hatte ich Angst, dass du mich niemals finden würdest. Dass du zuerst ganz Essos absuchen würdest, bevor du auf die Inseln kämest.“ Sie lächelte sanft und Tyrion konnte sich vorstellen, was sie zu den Sommerinseln gezogen hatte.
  Sie beteten nur einen Gott an, der Harmonie und Frieden predigte und Prostitution war ein ehrbarer Beruf. Tysha mochte behaupten, dass sie niemals eine Hure geworden war, aber für einen Tag war sie es gewesen, Tywin hatte sie dazu gemacht, als er sie gezwungen hatte mit seinen Männern zu schlafen. Diese Schmach hätte man ihr auf den Sommerinseln für immer genommen. Und doch war sie geblieben, für Tyrion …

  Er legte erneut den Kopf in den Nacken und sah zu dem riesigen Palast auf. „Der Tempel der Liebe“, murmelte er. „Lass uns hinein. Oh Tysha!“
  Überwältigt zog er sie an sich, schloss die Augen, und sie neigte den Kopf, eine der Gesten, die ihn bei anderen Frauen immer gestört hatte und bei ihr wie die natürlichste Sache der Welt wirkte. Sie hatten immer perfekt harmoniert, wenn sie sich geküsst hatten und dieser Kuss, nach all den Jahren, er würde bittersüß sein –

  „Tyrion! Tyrion!“
  Verwundert schlug er die Augen auf. Was machte Septa Lemore jetzt hier? War sie gekommen als Mahnwache seiner alten Götter, um ihn daran zu erinnern, was er mit Tysha an seiner Seite alles hinter sich lassen würde, wenn er in den Tempel der Liebe eintrat?
  Der Tempel … ein Stein rollte vor seine Füße, gesellte sich zu einem vermoosten Geröllhaufen. Nur noch die Hälfte der Mauer stand, der Rest war eingebrochen und trostlos zu Boden gefallen. Und Tysha, seine Tysha, er erkannte sie nicht wieder.

  Sie stand noch immer vor ihm, die Lippen gespreizt, die Augen noch so blau wie eh und je, doch der Rest von ihr war grau und brüchig, als hätte jemand sie mit Sandpapier überzogen oder eine Statue von ihr zum Leben erweckt. Tyrion erkannte ihre Züge, er glaubte es zumindest und die Sehnsucht ließ sein Herz schneller schlagen.
  Lemore zog ihn zurück, in dem Moment, bevor die steinernen Lippen die seinen treffen konnten. Die Septa hatte sich in zusätzliche Gewänder gehüllt, sogar ihre Hände waren schützend umwickelt. „Sie ist eine von den Steinmenschen“, zischte sie und zog ihn noch ein paar Schritte.

  „Warte. Warte doch, Tysha. Tysha!“
Er würde für den Rest seines Lebens glauben, dass sie es wahrhaft gewesen war, so verloren und traurig wie die anmutige Silhouette erstarrt stehen blieb und ihm nachsah, als Lemore ihn wegzog. Er würde immer glauben, dass er wirklich dagewesen war, dass er die Brücke der Träume überquert und das Chroyane von einst gesehen hatte. Dass Tysha zurückgekehrt war und ihn mitnahm in den Tempel der Liebe, selbst wenn er wusste, dass man ihn nun den Tempel der Trauer nannte.

  Fürwahr, der Ummantelte Lord hatte den Nebel um Chroyane ausgebreitet und ihn inmitten der Träume geführt und dort hatte er wiedergefunden, was er am meisten begehrt hatte.
  Es war nicht nur ein Trugbild oder ein Schlag auf den Kopf, wie Lemore sagte, die ihm erzählte, dass er ins Wasser gefallen war und hart aufgekommen war, aber dass Haldon ihn gerettet und nur einen Moment lang ans Ufer gelegt hatte, um weiterzukämpfen, bevor sie gemerkt hatten, dass Tyrion fort war.

  Es war alles Wirklichkeit gewesen, davon war Tyrion überzeugt.
Und eines Tages würde er zurückkehren, zu Tysha und den Steinmenschen, zum Tempel der Liebe und den Nebeln von Chroyane.

  Als er kurz vor Volantis die ersten grauen Stellen zwischen seinen Fingern entdeckte, wusste er, dass dieser Tag früher kommen würde, als gedacht.
Review schreiben