01 Melody

GeschichteDrama, Romanze / P16
Beast / Henry "Hank" Philip McCoy Cyclops / Scott Summers Gambit / Remy LeBeau Wolverine
29.05.2014
15.08.2014
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Logan:

„Cerebro hat soeben eine Mutantin geortet“, verkündete der Professor und legte seine Hände auf den Schreibtisch. Wir waren allein in seinem Büro. „Und dafür haben sie mich jetzt her bestellt? Hätte das nicht bis zur nächsten Versammlung warten können?“ Charles schüttelte den Kopf und sah mich mit einem wissenden Lächeln an. „Es handelt sich um eine uns bekannte Mutantin“, fügte er hinzu und sein Lächeln wurde breiter. „Aha?“ Ich zog eine Augenbraue hoch und verschränkte die Arme vor der Brust. Als der Professor einsah, dass ich nichts weiter sagen würde, öffnete er eine Schreibtischschublade und holte eine Akte heraus, die er mir reichte.
Unbeeindruckt nahm ich die Akte entgegen und schlug die auf. Als mein Blick jedoch auf das Bild des Mädchens mit dunkelblauen Augen und dunkelblonden Haaren fiel, hielt ich die Luft an. Mit einem strahlenden Lächeln sah sie mir entgegen. Melody.
Ich starrte noch eine ganze Weile auf das Bild, ehe ich den Professor ansah. „Weiß Hank es schon?“ Charles schüttelte mit trauriger Mine den Kopf. „Ich denke, es ist besser, wenn er es nicht erfährt. Noch nicht. Er würde es nicht ertragen, wenn wir sie nicht finden und zurückbringen können.“ Ich nickte langsam und starrte wieder auf das Bild. „Wie lange ist das jetzt her? Vier, fünf Jahre?“ „In etwa“, antwortete der Professor und seufzte. „Ich weiß nicht, warum es so lange gedauert hat, sie zu finden. Ein paar Mal hat Cerebro sie orten können, aber das Signal war verschwunden, ehe ich eine Chance hatte, ihren genauen Aufenthaltsort ausfindig zu machen.“ Er sah mir direkt in die Augen. „Das hat sich heute geändert.“
„Dann sollten ich mich am besten gleich auf den Weg machen“, sagte ich, legte die Akten auf den Tisch und wollte gehen, doch Charles rief mich zurück. „Du wirst Verstärkung brauchen. Eine Menge. Sie war schon damals sehr mächtig. Wir sollten ihre Fähigkeiten auf keinen Fall unterschätzen.“ Ich nickte grimmig. „Gut.“ Ich wusste genau, wen ich mit auf diese Mission nehmen würde.

*****

„Logan, wenn ich mir die Frage erlauben darf… was genau ist der Anlass für diese Unternehmung?“, fragte Hank ohne den Blick von den Geräten und Schaltern des Cockpits abzuwenden. Ich hatte beschlossen, ihn mit zu nehmen, für den Fall, dass wir sie zwar finden, aber nicht zum Mitkommen bewegen konnten. Er musste sie einfach sehen! „Ein neuer Mutant wurde geordnet“, gab ich knapp zurück, da ich ihm keine Hoffnung machen wollte.
„Und weshalb haben wir ein so starkes Team dabei?“, klinkte Scott sich ein und ich warf ihm einen finsteren Blick zu. „Weil ich es so wollte.“ Scott schnaubte abfällig. „Ja, klar.“ Warum hatte ich ihn noch gleich mitgenommen? Achja, auf Wunsch des Professors. Scott war zwar ein guter Kämpfer, aber für meinen Geschmack war er viel zu diplomatisch. Ich warf einen Blick in die Runde. Alle sahen mich erwartungsvoll an, aber ich hatte mit dem Professor abgemacht, niemandem etwas zu verraten, daher hielt ich den Mund und bald wandten sie ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen zu.
Nach einiger Überlegung hatte ich mich für folgende Zusammensetzung entschieden: Beast, Storm, Cyclops, Jean, Nightcrawler und Shadowcat. So hatten wir vermutlich die besten Chancen.
Ohne weitere Fragen zu stellen, steuerte Hank die Koordinaten an, die der Professor uns gegeben hatte. Unser Ziel war Detroit, Michigan.
Als wir uns endlich dem Zielort näherten, meldete sich Scott wieder zu Wort. „Haben wir überhaupt einen Plan? Eine Strategie?“ Ich warf ihm einen finsteren Blick zu. „Ja, haben wir: Wir durchsuchen die Stadt. In Teams.“ Scott sah so aus, als würde er etwas erwidern wollen, doch Jean legte ihm eine Hand auf die Schulter und er schnaubte wütend. „Schön“, presste er dann zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

*****

Anne:

So schnell ich konnte rannte ich durch die schummrigen Gänge der Kanalisation. Sie waren hinter mir her. Die wichtigste Frage war nur: wer waren „sie“? Ich war nicht lange genug an der Oberfläche geblieben, um das herauszufinden. Im dichten Gedränge der Stadt hatte ich aufgeregte Stimmen gehört, Gemurmel und einen lauten Ausruf der nach etwas wie „da drüben“ geklungen hatte. Das hatte mir als Beweis genügt. Ich war ohne weiter zu überlegen in die Kanalisation geflüchtet, aus Angst, erwischt zu werden. Derzeitig gab es für mich drei logische Erklärungen. Entweder war es der Ladenbesitzer den ich zuvor bestohlen hatte, die verdammte Polizei oder Magneto und seine Leute, die mich ja schon seit Jahren hin und wieder verfolgten. Oder war es doch…? Letzteren Gedanken verwarf ich jedoch sofort wieder. Warum sollte der Scheißkerl bitte nach mir suchen? Höchstens, um mir heim zu zahlen, was ich ihm angetan hatte, aber schließlich war das ja nur seine Schuld gewesen! Pah, nein, der würde nicht nach mir suchen!
Meine Füße trafen in regelmäßigen Abständen auf Boden, der knöcheltief mit dreckigem, übelriechendem Wasser bedeckt war. Das laute Platschen hallte in den Gängen wider und alle paar Sekunden drehte ich mich um, um zu sehen, ob ich verfolgt wurde. Erst als ich nicht mehr konnte und schon eine ganze Weile gerannt war, erlaubte ich mir stehenzubleiben und lehnte mich erschöpft an die Wand. Ich fuhr mir mit der Hand über die Augen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Vielleicht hatte ich ja auch einfach überreagiert. Das passierte mir öfter. Ja, genau das würde es sein!
Ich atmete tief durch, um mich zu beruhigen. Dann steckte ich mir die Haarsträhnen, die sich aus meinem Zopf gelöst hatten hinter die Ohren und streifte mir die Kapuze über den Kopf. Ich stieß mich von der Wand ab, versicherte mich, dass nichts aus meinem Rucksack herausgefallen war und ging rasch weiter, wohin, das wusste ich selbst noch nicht. Hauptsache weg.

Eine Zeit lang konnte ich nur das leise Platschen meiner Füße hören, dann plötzlich: „Ich glaube, ich habe etwas gehört.“ Mir blieb beinahe das Herz stehen. Von Angst erfüllt presste ich mich gegen die nächste Wand. Die Stimme war zwar gedämpft gewesen, aber ich war mir sicher, dass sie weiblich war und eigentlich hatte sie auch ziemlich jung geklungen. Seltsam… warum sollte mich ein Mädchen verfolgen?
Jetzt konnte ich auch Schritte ausmachen und weitere Stimmen. Zu meinem Schrecken kamen sie genau in meine Richtung! Hastig sah ich mich nach einem Ausweg um. Ich konnte über mir ein dickes Rohr ausmachen und ohne weiter nachzudenken, setzte ich zum Sprung an und zog mich an dem Rohr hoch, bis ich mich darauf hocken konnte. Somit hatte ich die perfekte Position: Ich konnte sehen, was unter mir vor sich ging. Die Chance, dass ich gesehen wurde, war dabei jedoch gering.
In diesem Moment erschien ein Lichtkegel am Ende des Ganges und eine Gruppe von drei Leuten näherte sich. „Ich bin mir sicher, dass es aus dieser Richtung kam“, sagte die erste. Ich erkannte die Stimme von vorher wieder. Tatsächlich gehörte sie zu einem jungen Mädchen. Sie hatte langes braunes Haar, das sie zum Pferdeschwanz gebunden hatte, und trug einen lila-blauen Ganzkörperanzug. Sie sah sich aufmerksam um, schien mich aber nicht zu bemerken. „Mhh, vielleicht habe ich mich ja doch getäuscht“, gab sie zu und schwieg. Ich kniff angestrengt die Augen zusammen, um herauszufinden, wer noch hinter mir her war.
„Ich verstehe immer noch nicht, warum wir uns in ein Jungen- und ein Mädchenteam aufteilen mussten. Das ist irgendwie sexistisch“, beschwerte sich die zweite im Bunde kurz darauf. Diese Stimme… Ich nahm die Frau, die gesprochen hatte genauer ins Visier. Sie hatte lange rote Haare und trug einen grün-blauen Anzug. Auf einmal traf mich die Erkenntnis, wie ein Schlag ins Gesicht und ich wäre beinahe vom Rohr herunter gefallen. Jean! Hastig ließ ich meinen Blick zur letzten Person schweifen.  Weißes Haar, dunkle Haut. Sie brauchte nichts zu sagen, damit ich sie erkannte. Storm!
Was hatte das alles zu bedeuten? Es konnte doch nicht sein, dass… Nein, das war absurd. Ich hielt die Luft an, um mich nicht zu verraten, als die drei unter mir längsgingen. „Wir müssen sehr wachsam sein“, bemerkte Storm in gedämpftem Tonfall und sah sich um, indem sie den Lichtkegel der Taschenlampe in alle Richtungen schwenkte.

Erst als die drei hinter der nächsten Biegung verschwunden waren und mit ihnen das Licht, wagte ich es wieder zu atmen. Und dort saß ich, allein in völliger Dunkelheit und vollkommen verwirrt. Als ich mir eine Haarsträhne hinter die Ohren steckte, spürte ich, dass mein Gesicht feucht war. Mir war nicht einmal aufgefallen, dass ich angefangen hatte zu weinen.
Was wollten die beiden hier? Warum suchten sie mich? Warum konnten mich denn nicht einfach alle in Ruhe lassen?! Ich unterdrückte ein Schluchzen und wischte mir mit dem Ärmel übers Gesicht. Das alles war so lange her… vier Jahre? Oder länger? Was konnten die X-Men von mir wollen?
Ich verharrte noch eine Weile auf dem Rohr, ehe ich mich traute, mein sicheres Versteck zu verlassen. Dann ließ ich mich fallen und lief in die Richtung, aus der die anderen gekommen waren, da ich mir relativ sicher war, dass mir dort keiner begegnen würde.
Angetrieben von dem Adrenalin in meinem Körper rannte ich über den nassen, glitschigen Boden. Ich bog ein paar Mal wahllos irgendwo ab, die Orientierung hatte ich längst verloren. Als ich bemerkte, dass sich der Weg, den ich genommen hatte plötzlich im Nichts verlor, machte ich schlitternd Halt. Sprachlos starrte ich in die Tiefe. Das war knapp gewesen!
Ich lief zurück zur letzten Weggabelung, als ich in einiger Entfernung erneut einen Lichtkegel ausmachen konnte. Hatte Jean nicht etwas von zwei Teams gesagt? Von Panik gelähmte blieb ich stehen. Der Lichtkegel kam unaufhaltsam näher. Ich stand an einer Weggabelung, von der aus vier Gänge angingen. Den hinter mir konnte ich vergessen, wenn ich mir nicht den Hals brechen wollte. Das Licht kam aus dem Gang zu meiner Rechten. Also nach links oder geradeaus.

Nach kurzer Überlegung entschied ich mich für den, der geradeaus verlief. Das Licht war inzwischen viel zu nah herangekommen und ich wusste, dass sich mich hören würden, sobald ich zu rennen begann. Also schlich ich in den von mir gewählten Gang und sah mich verzweifelt nach einem neuen Versteck um. Warum hatte ich auch von dem Rohr runterklettern müssen? Als ich an das Rohr dachte, wanderte mein Blick nach oben und tatsächlich, in einiger Höhe konnte ich etwas ausmachen. Es war zwar kein Rohr, aber ein weiterer Gang, der in zwei Metern Höhe von der Wand zu meiner Rechten ausging. Mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, sprang ich hoch und es gelang mir, den Vorsprung zu fassen zu bekommen. Meine Arme zitterten vor Anstrengung, als ich mich hochzog, um mich in dem Gang zu verkriechen. Als ich es geschafft hatte, presste ich mich gegen die Wand. Leider musste ich feststellen, dass es sich bei dem Gang nur um eine Nische handelte. Als Fluchtweg konnte ich mein Versteck also vergessen.
Einen Augenblick später konnte ich hören, wie sich Schritte näherten und dann inne hielten. Sie mussten jetzt an der Kreuzung angekommen sein. „Und was jetzt?“, sagte jemand leise. Die Stimme war männlich und hatte einen seltsamen Akzent, den ich nicht einordnen konnte. „Wir sollten den anderen Bescheid sagen, und uns informieren wo sie sind. Vielleicht haben sie ja schon etwas gefunden.“ Meine Augen weiteten sich. War das Scott?! Die Stimme klang zwar tiefer als ich sie in Erinnerung hatte, aber ich war mir ziemlich sicher, dass er es war. Was wollten die alle bloß von mir? Und warum jetzt, nach so langer Zeit? Vermutlich führten sie nichts Gutes im Schilde. Sie hatten doch wohl nicht herausgefunden, dass…? Nein, das war nicht möglich!
„Still“, knurrte ein dritter und mir blieb beinahe das Herz stehen. Das konnte nicht sein! Nicht der… Ich hielt vor Schreck den Atem an. „Vielleicht sollten wir“, begann Scott, doch er wurde unterbrochen. „Nein, ich weiß, dass sie hier ist. Ich kann sie riechen“, knurrte der Mann, dem ich gerade am wenigsten begegnen wollte: Logan. Gegen ihn hatte ich doch gar keine Chance! Zumindest nicht, wenn ich mich weigerte, meine Fähigkeiten einzusetzen.
„Sie?“, fragte der, den ich nicht kannte irritiert. Er erhielt keine Antwort. „Dort entlang“, befahl Logan und ich wusste, dass sie mich finden würden. Die Gruppe setzte sich wieder in Bewegung und der Lichtkegel kam immer näher. Angsterfüllt starrte ich auf das Licht, das bedrohlich über den Boden glitt und immer näher kam. Ich schloss die Augen und wartete mit angehaltenem Atem auf den Moment, in dem sie mich entdeckten.

Logan:

Ich blieb abrupt stehen. Der Geruch war jetzt viel stärker. Auch wenn ich Anne seit Jahren nicht gesehen hatte… ich vergesse niemals einen Geruch. Und sie war ganz in der Nähe! Mit gerunzelter Stirn versuchte ich herauszufinden, woher genau ihr Geruch kam. Sie war hier, in diesem Gang, so viel war mir klar. Scott und Kurt waren ebenfalls stehen geblieben. Es war eine gute Idee gewesen, die beiden mitzunehmen. Besonders Kurt. Ich schloss die Augen und konzentrierte mich nur auf ihren Geruch und dann wusste ich es.
Ich schlug die Augen auf und sah nach oben. Auch wenn es dunkel war, konnte ich ihre Silhouette genau ausmachen und ich war mir sicher, dass sich unsere Blicke trafen. Sie wusste, dass es keinen Ausweg mehr gab, also löste sie sich aus den Schatten und sprang zu Boden. Es gab ein lautes Platschen und erst jetzt bekamen die anderen mit, was vor sich ging. Scott richtete die Taschenlampe auf sie und wir alle musterten einander ohne ein Wort. Unter der Kapuze ihres bodenlangen Mantels konnte ich nur ihre Augen erkennen, der Rest blieb in der Dunkelheit verborgen. Wir sahen uns an und es war mir, als läge ein Hauch von Angst in ihrem Blick. „Lang ist’s her“, sagte sie schließlich leise und mit diesen Worten brachte sie so viele Erinnerungen, die ich schon längst vergessen hatte, zurück: Ein kleines Mädchen, dass sich hinter ihrem Vater versteckte, als wir es abholten; Trainingsszenarien mit Jean, Scott und ihr … und dann dieser eine Moment, in dem sie mich einfach mit ihren Fähigkeiten ausgeknockt hat. Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen hatte. Bis zu diesem Moment.

„Melody“, brachte ich mit kratziger Stimme hervor. Ich konnte spüren, dass sich Scott neben mir versteifte. „Anne?“, fragte er fassungslos. Langsam zog sie sich die Kapuze vom Kopf. Ihr Gesicht war mit Dreck verschmiert, ihre Haare in einem zerzausten Zopf und ihre Kleidung schmutzig und heruntergekommen. Sie war älter geworden, um einiges. Sie lächelte Scott traurig an. „Hallo Scott“, sagte sie dann. „Was geht hier vor sich?“, fragte Kurt verwirrt. Keiner von uns antwortete ihm. Dazu war der Moment viel zu… was weiß ich. „Wo bist du die ganze Zeit gewesen?“, fragte Scott entgeistert. „Hier und dort“, entgegnete sie wage und biss sich auf die Unterlippe. „Dann wird es ja jetzt höchste Zeit, dass du jetzt mit uns mitkommst“, sagte ich bemüht freundlich, doch ich wusste, dass es nicht so einfach werden würde.
Wie erwartet schüttelte sie den Kopf. „Ich bin keine von euch mehr. Es tut mir leid, dir das sagen zu müssen, Logan, aber ich komme nicht zurück.“ War das ein Ausdruck von Schmerz auf ihrem Gesicht? „Dann hast du mich falsch verstanden“, knurrte ich. „Das war nämlich keine Bitte.“ Sie schenkte mir ein müdes Lächeln. „Ich weiß. Trotzdem kannst du mich nicht dazu zwingen mitzukommen. Wir wissen doch beide, wie das hier endet.“ Ich schüttelte den Kopf. „Diesmal nicht.“ Anne legte den Kopf schief. „Dann lässt du mir keine andere Wahl…“ Noch bevor sie ausgesprochen hatte wusste ich, dass wir jetzt handeln mussten, bevor sie ihre Fähigkeiten einsetzen konnte, denn sonst hätten wir versagt. Das konnte ich nicht zulassen „Kurt, jetzt!“, bellte ich, „Halte ihr ja den Mund zu! Sie darf den Mund nicht aufmachen!“ Kurt brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um zu begreifen, was ich von ihm wollte. Dann ging alles drunter und drüber.

Anne:

Noch ehe ich etwas tun konnte, verschwand der dritte im Bunde plötzlich mit einem Knall und tauchte direkt hinter mir wieder auf. Erst, als ich mein Versteck verlassen hatte, hatte ich gesehen, dass er blaue Haut hatte. Das hatte mich schon etwas verwirrt. Aber ich hatte absolut nicht damit gerechnet, dass er sich teleportieren konnte! Der Typ presste mir eine DREIFINGRIGE Hand auf den Mund und hielt mich mit dem anderen Arm fest. Mit aller Kraft versuchte ich mich zu befreien und tatsächlich schaffte ich es, indem ich dem Kerl gegen das Schienbein trat. Er jaulte auf vor Schmerz und sein Griff lockerte sich, sodass ich mich losreißen konnte.
So schnell ich konnte, rannte ich davon, doch ich hörte, dass die anderen direkt hinter mir waren. Dann, ganz plötzlich, tauchte der blaue Typ direkt vor mir auf und wir krachten ineinander. Ich wollte mich aufrappeln und weiterrennen, doch ich wurde am Kragen gepackt und hochgezogen. „Nicht so schnell“, knurrte Logan, presste mir eine Hand auf den Mund und drehte mir mit der anderen den Arm auf dem Rücken. Ich zuckte vor Schmerz zusammen, doch ich dachte gar nicht daran, aufzugeben. Ich hatte ihn schließlich schon einmal besiegt. „Hör mir zu“, knurrte mir Logan ins Ohr und verstärkte seinen Befehl, indem er mir den Arm noch stärker verdrehte. „Es gibt einen verdammten Grund, warum ich hier bin. Du wirst eine Sache für mich tun! Danach kannst du machen, was du willst.“ Ich verstand nicht recht. Hatte ich irgendetwas verpasst? „Ich verspreche dir, dass ich dir nichts tue. Aber versuch ja nicht, mich auszutricksen!“ Es wirbelte mich herum, sodass ich ihm in die Augen sehen musste. „Verstanden?“, fragte er und funkelte mich an. Ich schluckte, dann nickte ich. Was hatte ich denn auch für eine Wahl? Wenn ich meine Fähigkeiten nicht einsetzen konnte, hatte ich nicht den Hauch einer Chance. „Gut.“ Logan nahm die Hand von meinem Mund und ich blieb still. Es waren ja schließlich drei gegen einen. Außerdem war ich schon ein wenig neugierig, was es mit all dem hier auf sich hatte.

Logan holte ein Funkgerät hervor. „Wir haben sie und kommen jetzt hoch“, gab er durch und ich schnaubte abfällig, was Logan gepflegt ignorierte. „In Ordnung. Der Jet ist startbereit“, ertönte es aus dem Gerät. Ich erstarrte. Dann begriff ich, was Logan vorhatte. Mit aller Kraft, die ich hatte, versuchte ich, mich aus Logans Griff loszureißen, doch er packte mich noch fester und als ich schreien wollte, presste er mir wieder die Hand auf den Mund. Ich zog es ernsthaft in Erwägung ihm in den Finger zu beißen, doch er schien meine Gedanken lesen zu können und sah mich finster an. „Denk nicht mal daran“, knurrte er und ich starrte ihn wütend an.
„Logan, das kannst du nicht machen“, schaltete Scott sich ein, doch Logan würdigte ihn nicht mal eines Blickes. „Ich kann und ich werde“, gab er zurück. Dann schob er mich vor sich her in eine Richtung, in der ich einen Ausgang vermutete. Widerstand war zwecklos. Trotzdem hörte ich nicht auf, mich zu wehren. Angst schnürte mir die Kehle zu und ein Knoten ihm Hals erschwerte es mir zu schlucken. Ja, ich hatte Angst. Aber ich konnte nichts dagegen tun, dass der Moment vor dem ich mich solange gefürchtet hatte in kürzester Zeit eintreffen würde.

*****

Frische Nachtluft füllte meine Lungen, als wir die Kanalisation verließen, doch auch das konnte mich nicht ablenken. Noch immer schob Logan mich vor sich her und je näher wir dem nachtschwarzen Jet kamen, desto mehr sträubte ich mich. Ich konnte erkennen, dass einige Personen vor dem Jet standen und ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. Ich versuchte sie runterzuschlucken und jeder Schritt kostete mich Überwindung. Der Lichtstrahl einer Taschenlampe wurde auf uns gerichtet und ich senkte sofort den Kopf, obwohl ich wusste, dass es keinen Sinn mehr hatte, sich zu verstecken.
Das einzige Geräusch, das ich hörte, waren unsere Schritte auf dem nassen Asphalt. Dann mischte sich das Gemurmel verschiedener Personen dazu. Als wir nur noch ein paar Meter entfernt waren, schiene die Anderen festzustellen, dass ich nicht aus freien Stücken mitgekommen war. „Logan, was ist nur in die gefahren?“, konnte ich Storm rufen hören und Schritte näherten sich. Ich hielt den Blick weiterhin gesenkt. Und dann waren wir da. Logan nahm die Hand von meinem Mund und schubste mich ein Stück nach vorne. Ich stolperte ein bisschen, konnte jedoch mein Gleichgewicht halten. „Logan, wir zwingen niemanden mit uns zu kommen, das weißt du doch! Ich hoffe doch, dass du sie nicht verletzt hast?“ Diese Stimme. Es kostete mich einige Anstrengung, nicht sofort in Tränen auszubrechen. So lange her… Warum war er hier? Warum?
Ich hörte, dass er näher kam und ich zuckte leicht zusammen. „Ich werde dir nichts tun“, sagte er sanft, während auf mich zuging. Ich starrte weiterhin regungslos auf den Boden, doch als sich seine Füße in mein Blickfeld schoben, zuckte ich zurück. Blaue, pelzige Füße und Beine… was war mit ihm passiert? Es konnte doch nicht sein, dass… nein, er konnte kein Mutant sein! Langsam, ganz langsam wanderte mein Blick seinen Körper hinauf und mir wurde klar, dass es nicht anders sein konnte. Er war ein Mutant, so wie ich.
Schließlich erreichte mein Blick sein Gesicht und seine Augen und ich hielt den Atem an. Sein Gesicht wurde umrahmt von einer blauen Mähne. Seine Körperhaltung war gebeugt. Er starrte mich an, aus gelben animalischen Augen. Unglauben, Erleichterung, Furcht, Sorge… all das spiegelte sich in ihnen wieder. Ich schluckte und atmete tief durch. Es war an der Zeit, etwas zu sagen, das war ich ihm schuldig.

„Hallo, Dad“, war das Einzige, was ich herausbrachte.
Einen Moment lang war es totenstill. Dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Mein Vater schlang seine langen pelzigen Arme um mich, zog mich zu sich heran und presste mich an sich. So verharrten wir für einen Augenblick, dann taute ich auf und erwiderte seine Umarmung. „Bist du es wirklich?", fragte er mit brüchiger Stimme und obwohl ich sein Gesicht nicht sehen konnte, war ich mir sicher, dass ihm Tränen in den Augen standen, ebenso wie mir. Ich legte meinen Kopf an seine Brust. „Ja", flüsterte ich. Es war so, als gäbe es in diesem Moment nur uns beide. So wie früher. Als wäre nie etwas geschehen. Seltsam... Warum hatte ich mich so sehr vor diesem Moment gefürchtet? Ich wusste es nicht mehr. Ich wusste nur, dass ich mich nach sehr langer Zeit das erste Mal sicher fühlte. Sicher…
„Moment mal", hörte ich jemanden hinter mir sagen. „Sie ist Beasts Tochter?" Es war der Junge mit dem seltsamen Akzent. Ohne auf meine Umgebung und die anderen Anwesenden zu achten, löste ich mich von meinem Vater und sah ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an. „Beast?" Er fasste sich an dem Kopf und schenkte mir ein verlegenes Lächeln. „Weißt du, es hat sich einiges verändert... ", begann er vorsichtig. „Ja, das sehe ich." Und noch war ich mir nicht sicher, ob diese Veränderungen gut oder schlecht waren. Es gab einiges, worüber ich noch nachdenken musste. Und ehrlich gesagt hatte ich auch noch ziemlich viele Fragen, die einer Antwort bedurften. Dann hallte Logans Stimme wieder durch meinen Kopf: „Du wirst eine Sache für mich tun! Danach kannst du machen, was du willst". Allmählich nahm ich meine Umgebung wieder wahr und wandte mich um, um Logan anzusehen. Er erwiderte meinen Blick und nickte mir aufmunternd zu, auch wenn er nach wie vor grimmig drein schaute. Ich wollte nicht zurück. Ich konnte nicht! Ich durfte nicht!
Aber wie sollte ich das meinem Vater erklären? Ich konnte ihm nicht das Herz brechen, nicht jetzt, wo er so erleichtert war, dass ich wieder aufgetaucht war. „Du kommst doch mit uns, nicht wahr?", fragte er nun zögerlich, so als hätte er meine Gedanken gelesen. Ich musste eine Entscheidung treffen. Jetzt. Auch wenn ich sie vielleicht später bereuen würde. „"Natürlich ", sagte ich schweren Herzen und erneut schloss er mich in die Arme. Seine Erleichterung war deutlich zu spüren. „Ich habe dich so vermisst", raunte er mir zu und ich konnte nicht anders als zu lächeln, auch wenn es eher von trauriger Natur war.  "Ich dich auch. "
"Können wir dann aufbrechen?", murrte Logan ungeduldig. Machte er sich etwa Gedanken, ob ich meine Meinung doch noch ändern würde? "Sicher", entgegnete ich mit zusammengebissenen Zähnen und warf ihm einen bösen Blick zu. Ich war mir ziemlich sicher, dass er das genau so geplant hatte. Seinetwegen befand ich mich in dieser vermaledeiten Zwickmühle! Arschloch.
Mit hocherhobenem Kopf wandte ich mich um und wollte auf den Jet zugehen. Ich hatte immer noch Angst vor dem, was mich alles noch erwarten würde, doch das wollte ich den anderen nicht zeigen. Mit den Jahren hatte ich gelernt, meine Gefühle zu verbergen… zumindest für gewisse Zeit. Mein Vater legte eine Hand auf meine Schulter und folgte mir.
Ich hatte nicht damit gerechnet mich so bald wieder mit meiner Vergangenheit auseinander setzen zu müssen, doch jetzt gab es kein Zurück mehr.

*****

Logan:

Ich war mir nicht sicher gewesen, ob sie mitkommen würde, aber ich hatte es gehofft. Inständig. Irgendwie hatte ich mir immer die Schuld an ihrem Verschwinden gegeben. Schließlich hatte ich es nicht geschafft, sie aufzuhalten. Und gefunden hatte ich sie auch nicht, obwohl ich alles daran gesetzt hatte. Bis heute.
Zufrieden sah ich zu, wie Anne in den Jet stieg. Die Frage war nur, wie lange sie bleiben würde. Ich musste wachsam sein. Ein weiteres Mal konnte ich nicht zulassen, dass sie davon lief. Die Frage war nur: Warum war sie überhaupt davon gelaufen?
Alle waren still, als sie in den Jet stiegen und als ich als Letzter eintrat, hatten sie ihre Plätze bereits eingenommen. Es schien, als wären alle gleichermaßen von den Geschehnissen betroffen, weshalb keiner unnötige Fragen stellte. Noch nicht.
Storm hatte Hank abgelöst und die Steuerung übernommen, sodass sich der Vater um seine Tochter kümmern konnte. Ich setzte mich auf den Sitz des Co-Piloten und starrte in die Dunkelheit. Ich verzichtete darauf, mich anzuschnallen. „Warum hast du mir nichts gesagt?", fragte Storm ohne sich zu mir umzuwenden. Ich schnaubte gereizt. „Hank hätte es nicht ertragen, wenn wir sie nicht gefunden hätten. Es war besser so." Sie respektiere, dass ich nicht weiter darüber reden wollte und sah weiterhin in den dunklen Nachthimmel. Wir schwiegen eine Weile, bis sich Storm wieder zu Wort meldete. „Die Anderen werden eine Menge Fragen haben. Besonders Jean und Scott. Und natürlich der Professor. Und wenn ich ehrlich bin, ich habe auch so einige." „Die haben wir wohl alle", murmelte ich. „Ich bin mir nur nicht sicher, ob sie sie beantworten wird. Sie war schon immer verschlossen was so etwas angeht." Ich drehte mich im Stuhl um und musterte Anne. Sie starrte gedankenverloren auf ihre Füße, während ihr Vater mit gedämpfter Stimme auf sie einredete. Ich musterte die Anderen. Jean und Scott unterhielten sich, scheinbar über die jüngsten Ereignisse und Kitty und Kurt sahen verwirrt zwischen allen hin und her. Ich drehte mich wieder zur Frontscheibe und lehnte mich mit verschränken Armen zurück in den Stuhl. „Warum hast du sie dazu gezwungen?", fragte Storm auf einmal gerade heraus und warf mir einen strengen Seitenblick zu. „Ich wusste, dass sie nicht freiwillig mitkommen würde. Aber ich war es Hank schuldig. Die Kleine ist verwirrt. Sie weiß nicht, was gut für sie ist." „Und wir wissen es?" „Was weiß ich denn. Versuchen müssen wir er trotzdem." Sie nickte und konzentrierte sich wieder auf das Fliegen des Jets. Unserer Unterhaltung war damit beendet.
                                 
*****

Anne:

Der Flug dauerte für meine Verhältnisse viel zu lange und allmählich begann ich, über meine Entscheidung nachzudenken. Mein Vater hatte mir schon einige Dinge erzählt, die passiert waren, seitdem ich weggegangen war. Zum einen von seiner späten Mutation, dann von den vielen neuen Rekruten. Ich wusste jetzt auch, dass die beiden im Jet, die ich nicht kannte, Kitty Pride aka Shadowcat und Kurt Wanger aka Nightcrawler hießen.
Das alles wirkte wie ein schräger Traum. Ich war zurück. Zurück bei den X-Men. Was würde der Professor wohl sagen? Eigentlich wollte ich das gar nicht wissen. Ich wollte nicht mit ihm reden. Ehrlich gesagt wollte ich mit niemandem reden. Und ich wusste genau, dass es Fragen geben würde... „Wo bist du gewesen?" „Was hast du gemacht?" „Geht es dir gut?" Wie bist du alleine zurechtgekommen?“ „Warst du überhaupt allein?"
Ich stütze meinen Kopf auf meine Hände und starrte vor mich hin. Als mein Vater gemerkt hatte, dass ich nicht besonders gesprächig war, hatte er es aufgegeben, mich in eine Unterhaltung zu verwickeln. Zumindest für den Moment.
Wie lange ich so da saß, wusste ich nicht, aber plötzlich spürte ich, wie der Jet in den Sinkflug ging. „Wir werden gleich landen", informierte Storm uns. Ich unterdrückte ein Seufzen und sah auf meine Hände. Meine Welt hatte sich innerhalb von ein paar Stunden um hundertachzig Grad gedreht und nun wusste ich nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich war zwar nicht gerne auf mich allein gestellt gewesen, aber ein Fan von großer Gesellschaft war ich auch nicht. Naja, ich konnte mir das Ganze hier ja immer noch überlegen. Und wenn es mir zu viel wurde, dann würde ich eben wieder verschwinden. Zumindest war das der Plan.
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