Gruppe 06: Auf nach Seattle

von MDU-Story
GeschichteAllgemein / P12
29.05.2014
29.05.2014
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Kapitel 2 – baronesse


Wenn man ein Dach über dem Kopf hat, ist es nicht schwer, die Nacht zu überstehen. Obdachlosenheime sind nicht gerade dafür bekannt, dass man in Ruhe und Frieden dort seine Zeit verbringt, aber die freundliche Miranda hatte mir ein Fleckchen zugewiesen, wo ich in Ruhe hatte die Augen schließen können. Gleich am Morgen wickele ich die Decke ein und bringe sie ihr zurück und bedanke mich.

„Ach Hayden, bei mir brauchst du dich doch nicht zu bedanken“, erwidert sie freundlich. „Komm heute Abend wieder, es soll unter 20 Grad Fahrenheit haben!“

Das ist wirklich verdammt kalt, aber für den Winter in Detroit geht es. Auf jeden Fall sind wir einer Meinung: mit 16 bin ich zu jung zum erfrieren. Es ist tröstlich, dass es wenigstens Miranda betrüben würde, dabei ist sie nur eine ehrenamtliche Helferin im Obdachlosenheim. Ich habe keine Familie mehr, meine Eltern sind vor vier Jahren gestorben. Und die im Heim? Die haben sich ja nicht mal dafür interessiert, dass ich weggelaufen bin. Damals war ich 13 und vom Gesetz her gesehen hätten sie eigentlich nach mir suchen müssen. Dreckige Säcke. Wenn sie es getan haben, so war ich klüger und bin ihnen entkommen.

Seitdem lebe ich auf der Straße. Das ist kein Zuckerschlecken. Eigentlich ist es überhaupt kein Leben, wie mir an Tagen wie gestern einer war, wieder bewusst wird. Jeder schaut dich an, als wärst du etwas Widerwärtiges, dabei bin ich nur dreckig, weil ich keine Möglichkeit habe mich zu waschen. Der Bäcker, der mich verfolgte. Es geht auf Weihnachten zu, aber er gebärdet sich, als wäre es für ihn der Weltuntergang, wenn ihm das kleine bisschen Brot verloren geht. Detroit ist einfach ätzend. Insgeheim verfluche ich meine Eltern noch immer dafür, dass sie mit mir hergezogen sind. Bis zu meinem elften Lebensjahr war alles bestens. Wir haben in Seattle gelebt, Dad hatte seinen Job, Mum mochte die Nachbarn, ich war in der Schule beliebt und freute mich, dass man an der Junior High überlegte mich ins Baskeltballteam aufzunehmen.

Seattle. Ich wandere durch die Straßen von Detroit und merke gar nicht, dass ich an der Michigan Central Station angekommen bin. Das Gebäude ist seit Jahren geschlossen und zerfällt langsam. Trauriges Symbol und so passend zu meiner Stimmung. Das Bahnhofsgebäude sieht aus wie ein Omen für meine Zukunft. Sieh’s ein Hayden. Du hast keine.

Oder vielleicht doch. Aber nicht hier, sagt eine kleine Stimme in meinem Kopf. Wenn Mike sich noch an mich erinnert, dann habe ich noch einen Menschen auf dieser Welt, der sich dafür interessiert, was mit meinem dreckigen, halb abgefrorenen Arsch passiert. Mike war damals in Seattle mein bester Freund. Nach meinem Umzug verlor sich der Kontakt, das letzte, was ich von ihm gehört habe, war eine Karte aus einem Skiurlaub in Kanada. Dann starben meine Eltern und wenn er mir noch mal schreiben wollte, haben die im Heim es vermutlich verschlampt. Denen war ja egal, was mit mir passierte. Hauptsache du ordnest dich ein, dann ist alles gut, ducken und nicht auffallen, sonst gibt’s Schläge, manchmal schlimmeres. Das schlimmste konnte ich so gerade noch verhindern indem ich weggelaufen bin.

Der Wind pfeift durch das alte Gebäude und egal wie sehr ich mich in meine dünne Jacke kaure, es hilft nicht. Ich muss endlich etwas unternehmen. Das hier muss sich ändern. Schon der letzte Winter war hart und ich bin mir nicht sicher, dass ich noch einen überstehe. Oder dass ich das überhaupt will. Vielleicht sollte ich Drogen nehmen, um zu vergessen, wie scheiße das alles ist, aber bislang habe ich mich geweigert die Dinger auch nur anzufassen. Ich kenne nämlich genügend, die da tief drin hängen und denen geht es noch dreckiger als mir. Na gut, sie merken es nicht, also zählt das vielleicht nicht. Die meisten von ihnen werden irgendwann kriminell, weil sie es sich sonst nicht leisten können. Das will ich auch nicht. Das bin ich nicht. Ich bin einfach nur ein Waisenkind, was auf der Straße lebt, da es nichts anderes hat und nie wieder in die Heime zurück will, wo sie Kinder wie mich ausnutzen und als ihre willigen Opfer betrachten.

Mit eiskalten Fingern lasse ich den alten Bahnhof hinter mir. Früher sind hier mal Züge gefahren. Jetzt laufen alle wichtigen Verbindungen über Chicago, nicht Detroit. Von hier kommt man kaum weg. Wenn ich wirklich eine Chance haben will, und die kann mir nur Mike geben, muss ich nach Seattle. Von Detroit nach Seattle. Ich bin nicht blöd. Das sind über 2000 Meilen. In Erdkunde war ich nämlich früher ein Ass, deshalb habe ich bei unserem Umzug auch genau aufgepasst, durch welche Bundesstaaten wir gefahren sind. Am Ende trennen uns acht Staaten. Warum nur mussten meine Eltern damals so weit wegziehen? Ich mochte die Westküste!

Nicht weit von der alten Central Station verläuft die Interstate 94. Die geht leider nicht durch bis Seattle, aber bevor ich versuche über 2000 Meilen im Winter zu trampen schaue ich lieber, dass ich mich in Chicago in den Zug mogel. Einen Plan habe ich noch nicht. Vorerst stapfe ich auf die Interstate zu um in einem der kleinen Restaurants am Rand mein Glück mit dem trampen zu versuchen. Ich habe ein mulmiges Gefühl in der Magengegend. Vielleicht ist es Hunger. Ganz wohl bei der Sache ist mir aber nicht. Ich bin zwar ein dreckiger sechzehnjähriger, aber man kennt ja allerhand Geschichten. Hoffentlich gelingt es mir, jemanden zu finden, der mich mitnehmen will, ohne dass der ein Psychopath ist!
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