Das andere Reich des Todes

von Schafi95
GeschichteAllgemein / P12
28.05.2014
28.05.2014
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Disclaimer: Ich besitze keinerlei Rechte an Star Trek und veröffentliche diesen Text ohne die Absicht, damit einen Gewinn zu erwirtschaften.




Watters schlug die Augen auf – und sah nichts außer Dunkelheit. Es dauerte einige Sekunden, bis er sich wieder erinnerte, warum er in einem Raum voller stickiger Luft, zum Schneiden schon fast zu dick, auf einem kalten Steinboden nächtigte: Er war ein Kriegsgefangener, genau wie seine Crew. Oder besser das, was von seiner Crew noch übrig war. Denn die Jem'Hadar hatten einen nach dem anderen geholt, aller Wahrscheinlichkeit nach, um sie zu foltern.
Ächzend richtete er sich auf. Die Kälte war ihm in die Glieder gekrochen und auf dem bloßen Boden hatte er alles andere als bequem gelegen. Ja, sie alle waren jetzt Gefangene des Dominion, weil er, der großartige Sternenflottencaptain Tim Watters, versagt hatte. Und nun blieb ihm nichts anderes übrig, als die perversen Spielchen, die der Feind mit ihnen zu spielen gedachte, zu ertragen, zu überleben, ohne dabei den Verstand zu verlieren.
Die Unterbringung und die miese Versorgung mit Lebensmitteln waren noch das kleinste Übel, wenn er daran dachte, wie es schon mehr als einem Dutzend seiner Besatzungsmitgliedern ergangen war. Wenn sie nicht von den Jem'Hadar unter endlosen Schreien, die in dem Raum, in dem er und die seinen untergebracht worden waren, nur zu gut zu hören waren, zu Tode gefoltert oder in zerschundenem Zustand, auf den oft genug der Tod folgte, wieder zum Rest der Gefangenen zurückgebracht wurden, starben sie an den Folgen akuter Panikattacken: Herzattacken, Kreislaufzusammenbrüche, verzweifelte Versuche von Selbstmord.
Und das alles nur, um den einen mürbe zu machen, der die taktischen Informationen besaß, an denen das Dominion so interessiert war. Indirekt war er am Tod von fünfzehn Kadetten innerhalb der letzten sieben oder acht Tage – so genau wusste er das nicht, da ihm in der Düsternis sein Zeitgefühl abhanden gekommen war – schuld, weil er nicht reden wollte. Und das schlimmste daran: Die Verluste nagten an ihm, brachten auch ihn immer weiter um den Verstand. Und genau das war es, was die Jem'Hadar wollten. Ihn mürbe machen, damit er endlich redete. Kurzum: Er hatte Angst.
„Sind Sie wach, Captain?“, erklang eine Stimme aus der Dunkelheit. Kurz darauf flackerte ein kleines Lämpchen auf, das Parton wenige Tage zuvor aus nicht viel mehr als etwas Klebeband und etwas altem Besteck, das sie zusammen mit ihren kärglichen Rationen erhalten hatten, zusammengebastelt hatte.
„Ja“, antwortete Watters der Stimme, die dem Klang nach zu Doktor Cutler gehören musste, und erhob sich vom feuchtkalten Boden. „Was gibt es?“
„Sie haben H'suuri zurückgebracht“, antwortete Cutler knapp.
Als er sich einige Schritte genähert hatte, konnte auch Watters das blutige, wimmernde Fellknäuel, neben dem die Ärztin kniete, erkennen. „Das ist ja grausig“, flüsterte er. „Wird sie durchkommen?“
„Das lässt sich im Moment nur schwer sagen. Einige Schnitte sind nur oberflächlich, aber ein paar gehen auch tiefer ins Fleisch. Innere Organe scheinen – sieht man von zwei oder drei gebrochenen Rippen ab – nicht verletzt zu sein, aber wenn sich die Wunden entzünden, oder, was fast noch schlimmer wäre, die gebrochenen Rippen die Lunge verletzen, sehe ich schwarz für sie.“
Watters biss die Zähne zusammen. Egal, was er tat, es würde verantwortungslos sein, egal, ob er nun den Jem'Hadar nachgab, oder wartete, wie ein Besatzungsmitglied nach dem anderen qualvoll starb, hier, im anderen Reich des Todes. So ging seine Crew zugrunde. Nicht mit einem Knall: mit Gewimmer.





AN: So, hier melde ich mich mal wieder, diesmal mit einer Kurzgeschichte, die direkt im Anschluss an den ersten Valiant-Teil spielt.
Sowohl den letzten Satz wie auch den Titel habe ich aus T.S. Eliots sehr empfehlenswertem Gedicht „Die hohlen Männer“ („The Hollow Men“) übernommen.