Parallelwelt

von Dewi
LeseprobeMystery, Romanze / P18 Slash
27.05.2014
14.06.2014
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Kapitel 5



Brachionus zappelte über die feine Linie des Rasters, das Leif beim Zählen des Zooplanktons half. Es war der dritte Durchgang und Leif fluchte leise, als er sich erneut verzählte. Es wimmelte auf dem Objektträger vor mikroskopisch kleinem Leben, das bestimmt und katalogisiert werden wollte.
Das im Schuppen untergebrachte Labor stand in einem starken Kontrast zur urigen Gemütlichkeit der Wohnhütte. Die Wände waren weiß gestrichen, einige Tische mit Laptops darauf standen im Raum, Schränke an den Wänden bargen Gerätschaften und waren mit den wichtigsten Basisgeräten für ihre Forschungen ausgestattet. Eine Glühbirne baumelte von der Decke und spendete ihnen funzeliges Licht.
Ein dieselbetriebener Generator versorgte das Labor mit Strom. Es gab sogar einen Ölradiator um zu heizen, denn die Forscher wollten Ruß und Staub aus dem Labor fernhalten. Doch da der Ölradiator laut Harkonsen Energie fraß wie ein ausgehungerter Eisbär Robbenbabys, hatte ihnen der Norweger von dessen Benutzung abgeraten. Immerhin musste der Diesel reichen, bis Harkonsen mit Nachschub zurückkehren würde.
Leif streckte seine Beine unter dem Tisch aus und fühlte die Muskeln in seinem unteren Rücken protestieren. Vielleicht sollte er es Sam gleichtun und laufen gehen. Der Gedanke provozierte Erinnerungen, die Leif über den heutigen Tag mehrmals erfolgreich verdrängt hatte. Wie Raucher, die ständig mit dem Rauchen aufhörten, nur um dann wieder rückfällig zu werden. Er murmelte einen leisen Fluch und richtete sich wieder auf, drückte den Rücken durch und nahm eine Arbeitsposition ein, die einem Ergonomielehrbuch entsprungen sein könnte, anstatt sich wie üblich krumm über das Mikroskop zu beugen.
Ein Knirschen unter seinem rechten Schuh weckte Leifs Aufmerksamkeit. Er beugte sich hinab und sah einige Glasscherben unter seinem Tisch liegen. Stirnrunzelnd tauchte er unter den Tisch und griff vorsichtig nach einer der größeren Scherben. Er hielt ein Bruchstück eines Objektträgers in der Hand, das an einigen Stellen rotbraun verschmiert war. Leifs Blick wanderte zu seinen eigenen Objektträgern, von denen keiner fehlte. Vor allem arbeitete er mit keiner Flüssigkeit, die an Jod – oder getrocknetes Blut – erinnerte. Er legte die Scherbe auf der Tischplatte ab und sammelte die restlichen Splitter ein, darauf bedacht, sich nicht daran zu schneiden. Eine entzündete Wunde reichte ihm und wer wusste schon, welche Substanz am Objektträger klebte?
Neugierig entfernte Leif seinen Objektträger mit den Brachionus, legte den größten Splitter unter das Mikroskop und drehte den Feintrieb, um das Bild schärfer zu stellen. Der Anblick, der sich ihm nun bot, erstaunte ihn, wenngleich er geahnt hatte, dass es sich bei der Substanz auf der Scherbe tatsächlich um Blut handelte. Leif nahm die Scherben genauer in Augenschein. Wenn er sich nicht täuschte, hatte jemand Blutstropfen so dünn auf dem Objektträger ausgestrichen, dass die Blutzellen vereinzelt lagen. Eine der größeren Scherben zeigte sogar eine bläuliche Färbung.
Leif fragte sich, welcher der norwegischen Wissenschaftler wohl an größeren Tieren forschte und dafür mit einer panoptischen Färbung arbeitete, um das Blut zu untersuchen. Er würde Harkonsen danach fragen... wenn er es über das ganze Gezähle in seinen eigenen Proben nicht vergäße. Seufzend entsorgte er die Scherben im Mülleimer und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.
Drei Stunden später blinzelte Leif entnervt, denn seine Augen tränten vor Müdigkeit. Hätten Steffen und Paul nicht so verbissen über ihren Proben gehangen, hätte Leif schon vor einer Stunde die Segel gestrichen. Aber vermutlich hatten die beiden auch deutlich besser – und vor allem länger – geschlafen als er. Leif sehnte sich hingegen nur noch nach etwas zu essen, einer heißen Dusche und dem viel zu schmalen Bett.
Er notierte die Anzahl der Rotatorien in der aktuellen Probe – sieben, hoffte er zumindest – und legte einen weiteren Objektträger auf, um das Spielchen zu wiederholen.
Doch er stellte nicht einmal mehr das Mikroskop scharf, sondern blickte nur stumpf auf seine Arbeitsmaterialien. Irgendwo hier draußen lief Sam herum, der sich um die Feuer und das Abendessen kümmerte.
Sam... verdammt. Wieder drifteten Leifs Gedanken ab und er sah seinen ehemaligen Freund vor seinem geistigen Auge auf dem Steg des Sees stehen, als er sich unbeobachtet gefühlt hatte. Helle Haut, offengelegt. Wie ein Pergament, auf dem einmal eine Karte gezeichnet worden war. Die Linien, die Leifs Finger gezogen hatten, lange verblasst. So wie die Freundschaft vergangen war, um die Leif so oft gerungen hatte.


Winter 2005

Die Haut unter seinen Fingern war warm. Die Muskeln darunter fest. Sam fühlte sich an wie ein Flusskiesel, der lange in der Sonne gelegen hatte. Bedächtig fuhr Leif über Samuels Schulter, ließ seine Finger über das Schlüsselbein wandern, bis sie die Kuhle unter der Kehle gefunden hatten. Nervös befeuchtete er seine Lippen und schluckte schwer, sein Blick huschte nach oben zu Samuels Gesicht. Fast hätte er erwartet, dass Sam ihn beobachten, sein Gesicht auf der Suche nach Hinweisen, was diese Berührungen mit ihm anstellten, studieren würde. Doch Sam hatte die Augen geschlossen, den Kopf zurückgelegt. Seine Lippen waren fest aufeinandergepresst. Leifs Hand hob sich in einem seltsamen Kontrast von Samuels heller Haut ab. Ganz langsam ließ er sie tiefer hinabgleiten.
Er spürte den leisen Erschütterungen nach, die Samuels klopfendes Herz verursachte. Sein eigenes Herz beschleunigte seine Arbeit, als würden sie sich hektische Morsezeichen zusenden.
Samuels Hände ballten sich zu Fäusten, als Leif sehr vorsichtig mit dem Daumen über dessen Brustwarze strich. Ihm wurde etwas schwindelig. Was taten sie hier eigentlich?
Eine dumme Frage. Doch lieber stellte Leif sich diese Frage wieder und wieder, ließ sie in seinem Kopf kreisen, bis sie jeglichen Sinn verloren zu haben schien. Alles war besser, als die Antwort zu hören, die klar und deutlich zwischen ihnen stand. Sie waren dabei, eine Grenze zu überschreiten. Aus seltsamen, pubertären Spielen war etwas anderes geworden.
Leif wollte Sam. Er wollte seine Nähe, den Klang seiner Stimme, seinen unverwechselbaren Geruch. Er wollte diese seidige Glätte unter seinen Fingerspitzen fühlen, die Wärme in sich aufnehmen. Und ja, er wollte auch das Kribbeln und die Erregung, die all dies auslöste. Gleichzeitig machte ihm dieser letzte Punkt furchtbare Angst.
Ganz langsam umkreiste Leif mit der Spitze seines Daumens die braune Brustwarze. Er hörte, wie Sam tief Atem holte. Bei dem Geräusch überzog eine Gänsehaut Leifs gesamten Körper, wie eine zu große Welle, die unvermittelt weit einen Sandstrand emporschwappte. Samuels Adamsapfel hüpfte, seine Lippen öffneten sich leicht. Leifs nächster Gedanke brachte die Bewegung seiner Finger zum Erliegen.
Er brauchte mehr. Mehr als diese versteckten Spiele, denen sie sich gelegentlich hingaben. Er wollte mehr als die spärlichen Berührungen seiner Hände auf Samuels Haut. Er erinnerte sich gut daran, wie sie sich das letzte Mal so berührt hatten, Haut an Haut, fast nackt. Das kalte Wasser des Weihers glitschig zwischen ihnen, seine Badeshorts hatten unangenehm an Leif geklebt und ihn bei ihrer Balgerei behindert. Er wollte diese Berührung noch einmal spüren – nur…  anders. Er wollte Schwere und Herzschlag, tief in sich. Er wollte Samuels Atem trinken, sich daran besaufen.
Sam wurde angesichts von Leifs Zögern unruhig. Nur zu genau wusste Leif, was ihn quälte. Mit einem leisen Brummen hob Sam den Kopf, griff an seine Hose und löste ohne Umschweife den obersten Knopf. Dann zerrte er am Bund, sodass die anderen Knöpfe der Jeans nachgaben. Eine unmissverständliche Aufforderung.
Mit einem erleichterten Seufzen ließ Sam seinen Kopf zurück in das Kissen sinken. Unter der offen stehenden Jeans konnte Leif den dunkelblauen Stoff von Samuels Boxershorts erkennen. Er wusste, wo er dessen Glied vorfinden würde, halb steif, vielleicht auch mehr, leicht zur rechten Seite gedrückt. Sein Mund wurde trocken.
Ein Teil von ihm wollte Sam die Kleidung vom Leib reißen, sich mit mehr als nur einer Hand auf ihn stürzen. Ihn berühren, ihn schmecken. Ein anderer Teil wiederum wollte schlicht und ergreifend davonlaufen. Samuels ruppige Direktheit verursachte ein leises Stechen in Leifs Magen. Es zeigte so genau, was Sam von ihm wollte – und was nicht. Schnelle, zielgerichtete Befriedigung, nicht mehr.
Leif biss sich auf die Unterlippe, konnte nicht verhindern, dass seine Hand hinabrutschte, über den Rippenbogen fuhr, über den straff gespannten Bauch und die nun unsichtbare Grenze, die noch kurz vorher vom Hosenbund gezogen worden war. Sam stieß ein leises Schnaufen aus und hob seine Hüften an. Es erregte Leif, wie sehr Sam das Kommende zu brauchen schien. Dennoch zögerte er, verharrte mit seinen Fingerspitzen am Rand von Samuels Shorts.
»Mach schon!«, knurrte Sam leise.
Leif zuckte zusammen. Fast schuldbewusst schob er seine Hand über die deutlich sichtbare Beule in der Unterhose, drängte die Jeans darüber zur Seite. Hitze. Härte. Zuckendes Leben. Er bedeckte Samuels Glied auf ganzer Länge mit seiner Hand, spürte, wie es sich unter seiner Berührung weiter versteifte.
Ein Gefühl von Macht, gepaart mit Erregung durchströmte ihn. Unwillkürlich rückte er näher an Sam heran, so nah, dass sich sein eigener Schritt gegen dessen Oberschenkel presste. Leif war hart, es war zu eng in seiner Hose und unbequem. Dennoch genoss er den Gegendruck. Sam versteifte sich mehr und ein kleiner Tropfen tränkte den dunkelblauen Stoff seiner Shorts, ließ ihn an dieser Stelle fast schwarz werden. Leif strich darüber, rieb über den feuchten Stoff, unter dem er die Konturen der Eichel spüren konnte. Samuels Atem wurde lauter.
Näher! Er wollte Sam näherkommen. Leif beugte sich tiefer über ihn, sein Gesicht war nur noch eine Hand breit von Sam entfernt. Er spürte dessen warmen Atem auf seiner Haut, roch Spuren des Mittagessens darin und diesen ganz eigenen Sam-Duft. Dieser Geruch, der dafür sorgte, dass Leif sich fragte, wie Sam schmecken mochte.
Energischer strich er nun über die warme Härte unter seinen Fingern. Bald hielt er es nicht mehr aus, zerrte den Bund der Shorts nach unten, entblößte krauses dunkles Schamhaar und gab Samuels Glied Freiheit. Gerade, die Adern deutlich abgezeichnet und mit einer dick geschwollenen Eichel legte es sich auf die Bauchdecke. Zielstrebig umschloss Leif es mit der Hand, schob die Vorhaut über die entblößte Eichel, presste Sam den nächsten Tropfen ab.
Ein leises Summen schien von diesem auszugehen, nicht so viel, dass er stöhnen würde. Vielleicht war es auch viel mehr als ein Stöhnen, vielleicht waren es alle Laute zusammen, die Sam bisher zurückgehalten hatte. Er beschleunigte seine Bewegung, sein Blick huschte zwischen dem Anblick von Samuels Glied in seiner Hand und dessen geröteten Lippen hin und her. Er wollte, er könnte, er müsste…
Leif konnte nicht mehr klar denken. Er fühlte nur noch. Seidige Hitze und Samuels Feuchtigkeit an seinen Fingerspitzen. Eine Feuchtigkeit, die salzig und süß zugleich schmeckte, die Leif bereits heimlich von seinen Fingern geleckt hatte, wenn Sam es nicht bemerkte.
Manchmal träumte Leif. Er träumte davon, wie es wäre, Sam zu küssen, überall. Seinen Körper zu erkunden, das drahtige Schamhaar an seinen Lippen zu spüren und dann den Sprung zu wagen. Sam riechen, salzig und wild. Leif wollte wissen, wie sich Samuels Glied an seiner Zunge anfühlen würde, in seinem Mund. Ob es zu groß für ihn wäre. Er wollte Samuels Feuchtigkeit auf seinen Lippen, auf seiner Zunge. Und in den Momenten seiner Tagträume, in denen Leif kam, in denen Sam ihm im selben Atemzug folgte, wünschte Leif sich, Sam könnte in ihm kommen. Er wollte alles von ihm, wollte das Zucken und Krampfen spüren. Wollte schlucken und lecken und gierig sein.
Doch jetzt, hier, während Sam sich immer mehr anspannte, das Kreuz durchdrückte, wünschte Leif sich etwas anderes. Sein ganzer Körper kribbelte, sein Schwanz war schmerzhaft in seiner Unterhose verkeilt und seine Lippen waren ihm überdeutlich bewusst. Nein, nicht so. Er wollte mehr als bloßes Rumgefummel.
Als Sam unter ihm das Gesicht verzog, kurz davor zu kommen, konnte Leif sich nicht mehr beherrschen. Er beugte sich hinunter und presste seine Lippen auf die seines besten Freundes. Sam stöhnte auf, legte den Kopf in den Nacken, öffnete die Lippen, begegnete Leif – und kam. Spritzte sein Sperma über Leifs Hand, es tropfte zäh hinab auf Samuels nackten Bauch.
Leif glaubte zu fallen. Das Bett kippte unter ihnen weg, alles drehte sich, er musste sich an Sam klammern, um nicht verloren zu gehen. Samuels Lippen waren weich und gleichzeitig fest. Sein Geruch war so intensiv, dass er zu Geschmack wurde. Leif leckte über seine Unterlippe, ganz leicht nur. Synchron vertieften sie den Kuss, Leif presste sich noch dichter an Sam, drängte seinen Schritt im Rhythmus ihres Kusses einige Male gegen dessen Oberschenkel. Er stöhnte dunkel in ihren Kuss, als er unvermittelt kam, sich alles fast schmerzhaft in ihm zusammenzog.
Plötzlich erstarrte Sam. Seine rechte Hand umfasste Leifs Schulter und drückte ihn ruppig zurück. Leif sah auf ihn hinunter, seine Lippen pochten, sein Körper summte vor träge abflauender Lust und dem Taumel, in den ihn der Kuss versetzt hatte. Das Entsetzen in Samuels Gesicht brachte ihn jedoch auf den Boden der Tatsachen zurück, als hätte er seinen Kopf gegen eine Wand geschlagen.
Ihm wurde schlecht, sein Magen krampfte sich zusammen. Was hatte er getan? Was hatte er nur getan?! Überdeutlich wurde er sich bewusst, dass er seine Hand noch um Samuels erschlaffendes Glied geschlossen hatte, dass dessen Sperma auf seinen Fingern erkaltete. Er zog seine Hand zurück, wollte die klebrige Flüssigkeit loswerden, als könnte er die Spuren dessen verwischen, was sie getan hatten.
Doch der Kuss hinterließ keine sichtbaren Spuren und diejenigen, die er unsichtbar in ihre Erinnerung geschrieben hatte, würden dort verbleiben.
Hastig brachte er Abstand zwischen sie, flüchtete aus dem Bett, dessen Decke zerknautscht unter Samuels Körper lag. Sam, halb nackt und angerichtet, als wäre er direkt aus Leifs Tagträumen entsprungen. Die Fassungslosigkeit und auch der aufkeimende Widerwille in Samuels Gesicht trieben Leif aus dessen Zimmer.
Wortlos ging er zur Tür. Er war sich nicht sicher, ob er schwankte. Die Türklinke fühlte sich kalt an. Das Licht im Badezimmer, das nur wenige Schritte den Flur hinunter lag, ließ sein Gesicht blass und seine Augen glasig erscheinen. Er wusch seine Hände, dann kümmerte er sich um die Sauerei in seiner Unterhose.
Verdammt! Er war von nicht viel mehr gekommen als einem Kuss und all den Gedanken, die Sam unbedacht seit Jahren in sein Hirn säte. Er brauchte die Augen nicht zu schließen, um Samuels entgeistertes Gesicht vor sich zu sehen. Wut und Angst ballten sich in seinem Inneren zu einer explosiven Mischung. Verdammt.
Ja, sie holten sich ab und an gegenseitig einen runter. Nur er Idiot hatte die Beherrschung verlieren müssen. Es war egal, dass es sich so unglaublich gut angefühlt hatte. Es war egal, dass Sam immer näherzukommen so natürlich erschien, als gäbe es gar keine andere Möglichkeit für sie. Alles war egal, denn Leif wusste mit Sicherheit, dass Sam nicht so empfand wie er.
Wichsen war eine gegenseitige Gefälligkeit gewesen, als würde man den anderen an einer Stelle kratzen, an die der selbst schlecht herankam. Es sorgte für genauso viel Unruhe wie gemeinsames Computerspielen oder ein Nachmittag im Garten – zumindest was Sam betraf. Sie hatten nur die Dauer eines Taschentuchs gebraucht, bis sie zum nächsten Tagesordnungspunkt übergehen konnten. Aber jetzt?
Leif atmete zittrig aus. Was, wenn Sam ihn nun nicht mehr sehen wollte? Sie hatten nur wenige Tage, bis Sam zurückmusste ins Internat.
Die Ferien waren so kurz geworden, seit Sam nicht mehr auf dieselbe Schule ging wie er. Und gerade jetzt fühlte es sich so an, als hätte er alles verbockt. Die Angst schnürte Leif den Brustkorb zu. Er würde Sam verlieren.


Der Kaffee in Leifs Händen war schon lange kalt geworden. Das dickwandige Porzellan des großen Bechers zeigte einige Sprünge in der Glasur, eine Ecke war ausgeschlagen. Schönes Potsdam stand darauf, unter dem schnörkeligen Schriftzug war irgendein Schloss abgebildet, an dessen Namen sich Leif nicht mehr erinnern konnte. Wieder und wieder fuhr er mit seinem Daumen über die unebene Stelle am Rand des Bechers. Er starrte in die Schwärze des Kaffees und sah doch nichts. Dafür fühlte er umso mehr.
Das bleischwere Gefühl in seinem Magen, das nach hinten in Richtung Rückgrat zog, an eine Mischung aus Übelkeit und Schmerz erinnerte, hatte ihn seit Tagen nicht verlassen. Genau genommen hatte es sich eingestellt, nachdem Leif überhastet Samuels Zimmer verlassen hatte. Mit einem gemurmelten Tschüss war er vom Bad aus an der geöffneten Zimmertür vorbeigelaufen. Er hatte nicht gewagt, in Richtung Bett zu blicken.
Die Tage nach dem Kuss waren von einer beklemmenden Stille erfüllt gewesen. Einer Stille, die sich nicht im Mangel von Worten manifestierte. Nein, sie hatten miteinander gesprochen. Sie waren zusammen im verschneiten Wald Laufen gegangen, hatten Computer gespielt oder Filme geguckt. Fast gierig hatten sie jede Möglichkeit angenommen, sich mit allerlei Dingen zu beschäftigen, nur nicht miteinander. Sie hatten den Kuss mit keiner Silbe erwähnt, noch waren sie sich noch einmal körperlich nähergekommen.
Leif bereute sein Handeln bitterlich. Und doch, in den Minuten kurz bevor einschlief, wenn er sich in der Wärme seines Bettes zusammenrollte und die Spannung in seinen Schultern nachließ, musste er sich eingestehen, dass es etwas gab, was er sich mehr wünschte, als den Kuss ungeschehen zu machen.
Er wünschte sich, dass Sam ihn ansehen würde, lächeln und ihm verzeihen. Oder noch besser: Sam würde lächeln, ihn umarmen und ein weiteres Mal küssen.
Leif wurde schlecht bei dem Gedanken an den Kuss und seine Folgen und doch konnte er nicht umhin, sich immer wieder an diesen Moment zu erinnern. Samuels warme Haut, sein Atem, sein Geschmack, das feuchte Geräusch ihrer Lippen. Sobald seine Erinnerung jedoch bei Samuels abwehrendem Gesichtsausdruck angekommen war, gesellten sich Wut und Enttäuschung zu Leifs Gefühlschaos, ließen aus den dumpf polternden Felsbrocken in seinem Inneren scharfe Splitter herausbrechen, die sich tief in seinen Magen bohrten.
Und nun saß er hier am Küchentisch, an einem Sonntagmorgen. Es war früh, viel zu früh, um aufzustehen. Seine Eltern und Tilda schliefen noch. Doch Leif hatte nicht mehr im Bett bleiben können. Sam würde heute Morgen von seiner Mutter zum Zug gebracht werden. Sie würden sich bis zum Sommer nicht mehr sehen.
Leif fragte sich, ob der Abschied ihm auch in den vergangenen Jahren die Kehle zugeschnürt hatte. Er konnte sich nicht mehr erinnern. Mit einem Schnaufen stellte er den Becher auf dem vom vielen Gebrauch speckig polierten Holz des Küchentisches ab. Er vergrub den Kopf in den Händen, krallte seine Finger ins Haar.
Sie hatten sich bereits verabschiedet, gestern Abend. Unbeholfen. Ein Schulterzucken, ein halbes Lächeln, das ehrlich gewesen, aber von ihrer Erinnerung zum Krüppel gemacht worden war. Sie hatten sich nicht in die Augen sehen können.
Eine Frauenstimme, die gedämpft von der nachbarlichen Auffahrt her durchs Küchenfenster drang, ließ Leif zusammenzucken. Kari Wahlstrom. Und kurz darauf Sam, der seiner Mutter antwortete. Sam... Leif konnte ihn vor seinem inneren Auge sehen: Die rechte Schulter leicht emporgezogen, um die schwere Reisetasche zum Wagen zu wuchten. Der Blick gesenkt, einige dunkle Haarsträhnen würden ihm in die Stirn fallen. Ob er wohl hinauf zu Leifs Zimmerfenster blicken würde?
Leif wagte es nicht, zum Küchenfenster zu gehen und sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Zu oft schon hatte er Sam verabschiedet. Es war das erste Mal, dass er nicht am frühen Morgen noch in Boxershorts und Schlafshirt an der Haustür stand, fröstelnd und mit leiser Wehmut im Herzen.
Das erste Jahr, als Samuel ins Internat aufbrach, war Leif zu fassungslos gewesen, um das Ausmaß ihrer Trennung wirklich zu begreifen. In den folgenden Jahren war die Rebellion der Akzeptanz des Unausweichlichen gewichen. Doch heute, an diesem Sonntag, wollte etwas in Leif schreien. Er wollte brüllen und Sam brutal aus dem Auto zerren. Ihm den Weg verstellen und ihn nicht gehen lassen. Nicht, wenn sie so auseinandergingen.
Leifs Fingernägel kratzten über seine Kopfhaut, als er die Fäuste fester schloss. Es ziepte an seinen Haarwurzeln; er verstärkte den Zug. Dies war ein Schmerz, den er begreifen konnte. Anders als dieses Gefühl nagender Schwäche, das sich in seinen Bauch und in seinen Brustkorb geschlichen hatte und von da aus Wurzeln bis in seine Fingerspitzen trieb.
Warum hatte er nicht einfach weiterschlafen können? Samuels Aufbruch verschlafen, den Gedanken an seinen Freund weit wegschieben, ihn vergessen, alles vergessen, was gewesen war. Alles vergessen, was Leif sich wünschte, unausgesprochen. Aber seit dem Kuss nicht mehr geheim. Als wären Leifs Wünsche dabei über seine Lippen gekrochen, um ihm danach nur allzu offensichtlich auf der Nase herumzutanzen.
Er hörte den Kofferraum und die Autotüren schlagen, kurz danach sprang der Dieselmotor viel zu laut in der Stille des kalten Morgens an. Sein Herzschlag beschleunigte sich, seine Handflächen wurden feucht. Sein Körper wollte sich zusammenkrampfen. Doch der Stolz hielt ihn auf seinem Stuhl festgeklemmt, die Ellbogen schmerzhaft auf die Tischplatte gepresst. Das Geräusch des Autos entfernte sich.
Sam war fort. Einfach gegangen. Zeit und Raum wurden unendlich. Er würde sich erneut verändert haben, wenn er zurückkam. Falls er zu Leif zurückkam.
Ein ersticktes Geräusch entwich Leifs Kehle. Es war lange her, dass er geweint hatte. Das Erwachen aus dem Traum zählte nicht, denn über die Angst, die ihn dabei gepackt hielt, hatte er keine Kontrolle. Tatsächlich fühlte er sich in diesem Moment ähnlich ohnmächtig. Nur, dass diesmal nicht er es war, der in die Tiefe gezogen wurde, sondern Sam.
Heftig fuhr er zusammen, als mit einem Mal die melodische Türklingel ertönte. Wie von der Tarantel gestochen sprang er auf, lief zur Haustür und riss sie auf. Ein eisiger Schwall kalter Luft schlug ihm entgegen. Sam stand vor ihm, die Lippen aufeinander gepresst und die Hände in den Hosentaschen vergraben. Gut vierzig Meter die Straße hinunter stand das Auto seiner Mutter mit laufendem Motor, die Beifahrertür stand offen. Der Klammergriff um Leifs Herz lockerte sich ein wenig, als er sprachlos in Samuels Gesicht blickte. Zögernd, fast so, als würde er sich schämen, zog Sam die Schultern hoch.
Gerade noch hatte Leif davon geträumt, seinen Freund aus dem Auto zu zerren. Nun stand er vor ihm und war nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Stattdessen blickte er in Samuels braune Augen. Da war sie wieder, die Wärme, die er in den letzten Tagen so schmerzlich vermisst hatte. Das Lächeln auf Leifs Lippen ließ sich nicht aufhalten, wuchs und wurde breiter, bis es zu einem leisen Lachen angewachsen war. Absurd, mussten sie doch Abschied voneinander nehmen.
Leifs Fingernägel gruben sich in seine Handflächen, als er die Fäuste fest schloss. Er musste es tun, sonst würde er irgendetwas Dummes mit seinen Händen anstellen. »Sam…« Seine eigene Stimme kam Leif seltsam und unpassend rau vor. Er hätte diese drei Buchstaben gerne zurückgeholt, kündigten sie doch an, dass er etwas zu sagen hatte. Doch sein Kopf war leergefegt, kein wirklicher Gedanke hatte darin Platz, bis auf seinen besten Freund, der vor ihm stand und alles in Leif auszufüllen schien.
Samuels Lächeln wurde breiter. Er nahm die Hände aus den Hosentaschen. »Komm her.«
Leif blieb wie erstarrt stehen, doch das störte Sam nicht, vielmehr schien er sich mit dieser Aufforderung selbst die Erlaubnis gegeben zu haben, Leif in eine feste Umarmung zu ziehen. Dann war sie um Leif, Samuels Wärme, die durchdrungen war mit seinem Geruch. Ein Geruch nach Zuhause, nach Geborgenheit. Und seit einiger Zeit ein Geruch nach Abenteuer.
Nach einem Moment des Zögerns erwiderte Leif die Umarmung, presste Sam grob an sich, genoss die Nähe des anderen Körpers unter dem Anorak. Ein Gegenpol zu der sie umgebenden Kälte. Als er den Kopf neigte, den roten Schal beiseiteschob und seine Nase an Samuels Halsbeuge rieb, wusste er, dass er nun schon zum zweiten Mal die Grenze ihrer Freundschaft überschritt. Und doch konnte er nicht anders, zu überwältigend wirkte Samuels Nähe auf ihn. Es gab keinen Platz für Angst, viel zu mächtig war das Glücksgefühl, Sam noch einmal so nah bei sich zu haben.
Leif wollte mutig sein, er musste es sein, denn er spürte genau, wie Sam sich kurz versteifte, als Leif seinen Fuß auf Grund setzte, der verboten war. Einen Moment verharrten sie so, gierig sog Leif Samuels Duft ein, wünschte sich, er könne ihn ewig bei sich behalten.
Doch der Moment verging. Sie lösten sich voneinander, sahen sich unsicher und auch ein wenig traurig an.
»Mach's gut«, sagte Leif.
Samuels Adamsapfel hüpfte, dann erwiderte er ein leises: »Du auch.«
Nach einem letzten nachdenklichen Blick drehte sich Sam um und trabte zum Auto seiner Mutter zurück.
Es tat immer noch weh, ihn davonlaufen zu sehen. Selbst im Taumel ihrer plötzlichen Nähe wusste Leif, dass ihre Freundschaft aus dem Gleichgewicht geraten war. Er wusste es mit Bestimmtheit, denn das Gefühl, das Leif für Sam empfand und das sich leise in ihm eingenistet hatte, war zäh und renitent wie der Junge, dem es galt.
Es war keine Laune und auch keine Phase. Die Sicherheit, mit der Leif dies wusste, verängstigte ihn. Er ahnte, dass er nie wieder zurückkehren konnte zu der unbeschwerten Vertrautheit, die immer zwischen ihnen geherrscht hatte. Gleichzeitig spürte er, wie etwas Anderes in ihm erblühte: Hoffnung. Er war im Kampf um ihre Freundschaft nicht allein. Und einen Kampf, den man an Samuels Seite bestritt, konnte man nicht verlieren – oder?