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Dohr

GeschichteMystery / P12
Lindsay Donner Peter Axon Professor Connor Doyle
23.05.2014
06.06.2014
2
6.492
 
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23.05.2014 4.085
 
Titel: Dohr- Part 1
Autor: DancingStar
Pairing: Connor/ Lindsay
Rating: 12
Kategorie: AU, Mystery,
Inhalt: Connor, Lindsay und Peter bekommen es mit einem Wesen namens „Dohr“ zu tun…
Anmerkungen: keine


Dohr- Part 1

„Was sagtest du noch gleich? Wo ist das Kaufhaus?“, fragte Lindsay, während sie die Landkarte einmal um 90 Grad drehte. Sie waren seit zwei Stunden unterwegs zur Rocky Heights Mall. Wenn sie Peter Glauben schenken konnten, dann hatte in dem Kaufhaus der erste Bubble Store Kanadas eröffnet. Und so kam es, dass Peter sie überredete, an einem Samstag mit ihnen in die zweihundert Meilen entfernte Rocky Heights Mall zu fahren. Sicherlich hatten Connor und Lindsay etwas Besseres zu tun. Hinzu kam noch, dass sie überhaupt nichts mit Bubble Tea anfangen konnten, aber Peter hatte dieses Getränk von einem Trip nach Amerika „mitgebracht“ und er schwor seinen Freunden, dass sie danach verrückt sein würden, wenn sie den Tee nur einmal probierten. In dem Laden sollte es über zweihundert verschiedene Geschmacksvarianten geben und als Peter seinen Freunden zum ersten Mal von dem Laden erzählt hatte, hatte Connor geantwortet, er wusste nicht einmal, dass es überhaupt zweihundert unterschiedliche Geschmäcker gab.
Sie waren bereits seit zwei Stunden unterwegs. Vor einer halben Stunde hatten sie den Highway verlassen und waren auf Landstraßen weitergefahren. Peters Wagen besaß kein Navigationsgerät, also mussten sie mit der guten alten Landkarte fahren. Lindsay hatte auf dem Beifahrersitz die Funktion des Navigators übernommen- und leider hatten sie sich auf dem Weg hierher einmal verfahren, weil sie zu früh vom Highway abgebogen waren.
„Ich hoffe, dieser Bubble Tea ist den weiten Anfahrtsweg wert…“, meinte Connor, der auf dem Rücksitz hockte.
„Glaub mir, er ist jede Meile wert“, antwortete Peter.
„Ich habe im Fernsehen einen Bericht gesehen, dass die Bubbles giftig wären…“
Aber Peter ignorierte seinen Kommentar. Stattdessen bog er an einem Schild, welches mit „Rocky Heights Mall“ beschriftet war und nach rechts zeigte, auf einen Feldweg ab. Die linke Abzweigung der Straße schien zumindest geteert zu sein.
„Warum verlassen wir die Nebenstraße und fahren auf einem Schotterweg weiter?“, fragte Lindsay, als der Kies unter den Reifen des Wagens rauschte.
„Weil das Schild es uns gesagt hat“, antwortete Peter und er bemerkte ihre Besorgnis sofort, „Ich bin sicher, dass wir uns diesmal nicht verfahren haben. Bestimmt wird diese Straße momentan erneuert und ist deshalb nur mit Kies bedeckt…“
Connor auf der Rückbank rollte mit den Augen, denn er konnte gar keine Baustellenfahrzeuge sehen. Außerdem war diese Straße viel zu schmal, als dass man sie von beiden Richtungen befahren konnte und somit war die Straße keinen Belag wert.
Ein weiteres Schild führte sie nun zu einem Parkplatz, der von einem Maschendrahtzaun umgeben war. Peter folgte dem Schild und stellte seinen Wagen schließlich auf dem Parkplatz ab.
Sie steigen aus, sobald er den Motor abgestellt hatte. „Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“, fragte Lindsay skeptisch. Der Himmel war heute grau und einige vertrocknete Blätter wehten über den Parkplatz.
„Ziemlich sicher“, antwortete Peter.
„Bitte sag jetzt nicht Weil das Schild es dir gesagt hat…“, bat Connor.
„Sind wir die einzigen Mall- Besucher?“, Lindsay konnte die Rückseite der Rocky Heights- Mall sehen. Von hier aus wirkte der Betonblock richtig verlassen.
„Das werden wir gleich herausfinden“, versprach Peter. Er schloss seinen Wagen ab und gemeinsam machten sie sich auf den Weg um den Haupteingang der Mall zu finden. Sie liefen etwa zweimal um die Mall herum, fanden jedoch keine Tür, die offen stand.
„Das ist scheinbar nicht die Rocky Heights Mall“, sagte Connor.
„Dort oben steht es doch“, widersprach Peter und zeigte auf ein Schild. Tatsächlich standen dort die Worte: „Willkommen in der Rocky Heights Mall.“ Die sich darunter befindenden Doppeltüren schienen verschlossen zu sein.
„Das ist definitiv das falsche Kaufhaus“, erklärte Connor, „Bist du sicher, dass das Kaufhaus in Ontario ist? Hast du die Zeitungsanzeige vielleicht falsch verstanden?“
„Ich bin ziemlich sicher. Sieh doch im Internet nach, wenn du mir nicht glaubst…“
Connor kramte nach seinem Smartphone, aber er stellte fest, dass er kein Netz hatte.
„Das reicht jetzt“, beschloss Lindsay, „Wir haben für heute genug Zeit verschwendet. Wir sollten uns auf den Heimweg machen.“ Und weil sie Peter inzwischen so lange kannte und wusste, dass er auch diesmal protestieren würde, fügte sie hinzu: „Ich bin sicher, wir finden einen anderen Laden, der Bubble Tee verkauft.“
Sie machten sich auf den Rückweg zu dem Parkplatz, auf dem Peter seinen Wagen abgestellt hatte.
Zuerst bemerkte Lindsay, dass jemand das Tor aus Maschendrahtzaun, welches zu dem Parkplatz führte, abgeschlossen hatte: eine dicke Kette und ein massives Schloss hielten es zusammen.
„Großartig“, murmelte sie, als sie das Schloss genauer betrachtete, „Es ist mit Sicherheit nicht so, dass man unser Auto übersehen hätte, bevor der Parkplatz abgeschlossen wurde…“
Sie drehte sich um und bemerkte eine große, blonde Frau, die plötzlich vor Peters Auto stand.
„Leute…“, Lindsay schnappte nach Luft. Auch Connor und Peter drehten sich um und sahen die Frau. „Hey, Sie…!“, rief Peter. Natürlich fragte er sich, wo sie so plötzlich hergekommen war. Peter setzte sich in Bewegung und seine Freunde folgten ihm.
„Das ist ein Privatgelände“, erklärte die Frau, als sie näher kamen, „Sie dürfen hier nicht parken.“
„Das wussten wir nicht. Wir dachten der Parkplatz gehört zur Rocky Heights Mall“, entschuldigte Peter sich.
„Die Mall hat seit zehn Jahren geschlossen“, berichtete die Frau und Lindsay fand, das erklärte, warum das Gebäude so verwahrlos aussah. „Es gibt noch eine Rocky Heights Mall in Jackson, Ontario“, ihr Gesicht hellte sich plötzlich auf, „Aber hin und wieder verirren sich noch einige Leute hierher… Ich bin Kelly.“
„Das sind Connor und Lindsay“, stellte Peter seine Begleiter vor, „Und ich bin Peter… Können Sie das Tor für uns aufsperren?“
„Leider nicht“, antwortete Kelly, „Ich habe keine Schlüssel.“
„Wie sind Sie dann hier rein gekommen?“
„Es gibt ein Loch im Zaun. Menschen passen hindurch. Autos leider nicht.“ Kelly führte sie zu dem Loch im Zaun. Tatsächlich war der Spalt fast dreißig Zentimeter breit und sie konnten bequem hindurch schlüpfen. Jetzt, da sie sich auf der anderen Seite des Zaunes befanden, bemerkte Lindsay zum ersten Mal eine Burgruine. Sie hatte gar nicht gewusst, dass es hier in Ontario Burgruinen gab. Auch Connor sah die Burg und schien sehr überrascht zu sein.
„Wie heißt diese Burg?“, fragte Connor.
„Keine Ahnung“, antwortete Kelly, „Ich glaube, die Ruine gehört zu einem Freizeitpark der seit Jahren geschlossen ist und um den sich niemand mehr kümmert…“
„Was machen wir jetzt?“, wollte Peter wissen, „Wie bekommen wir meinen Wagen vom Parkplatz?“ Und was noch wichtiger war: Wie kamen sie ohne den Wagen wieder nach Hause?
„Ich kenne den Besitzer des Parkplatzes“, sagte Kelly, „Aber Sie müssen noch bis morgen früh warten. Der alte Gill mag es gar nicht, gestört zu werden…“

Kelly bot ihnen an, dass sie in dem alten Motel übernachten konnten, welches ihr Vater bis zu seinem Tod betrieben und ihr dann vermacht hatte.
„Sieht aus, wie Bates Motel“, bemerkte Peter wenig begeistert, als er sein Zimmer betrat. Er beschloss, dass er nach Connor und Lindsay sehen würde, also klopfte er an ihre Tür. „Dieses Motel ist wirklich alt“, sagte Lindsay, „Der Fernseher hat sogar noch einen Münzeinwurf.“ Normalerweise war der Fernseher in allen Hotels, in denen sie bisher gewesen war, im Preis inbegriffen.
Das Zimmer roch modrig und der Teppich hatte ein seltsames 70ger Jahre- Muster. „Kelly sollte renovieren“, meinte Peter, als er sich auf eines der Einzelbetten hockte und das Bette genau in diesem Moment nachgab. Er entschuldigte sich bei Connor, weil er soeben sein Bett zerstört hatte.
„Vermutlich sind die alten Möbel nicht das einzige Problem“, vermutete Lindsay, die ins Badezimmer gegangen war, „Die Decke über der Dusche ist voll mit Schimmel.“ Sie fand es schlimm genug, dass sie wahrscheinlich in ihrer Alltagskleidung hier nächtigen musste und sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie viele kleinen Wesen namens Milben in den Betten hausten.
Lindsay kehrte nun in das Schlafzimmer zurück. „Müssen wir hier wirklich bleiben?“, wollte sie von Peter und Connor wissen.
„Ich fürchte, ja“, antwortete Connor, „Ich denke nicht, dass es noch ein Motel in diesem kleinen Örtchen gibt… Jedenfalls habe ich keines gesehen…“
„Warum sollte jemand ein riesiges Einkaufszentrum mitten im Nirgendwo errichten, wenn es in der Nähe keine Stadt gibt?“, fragte Peter. Das kleine Örtchen, in dem sie hier gelandet waren, schien nicht besonders viele Einwohner zu haben.
„Ist euch nicht aufgefallen, dass wir noch keinen einzigen Menschen gesehen haben, seit wir hier sind?“, fragte Lindsay nun, während sie sich auf einen Stuhl setzte.
Tatsächlich hatten sie keinen einzigen Bewohner dieser Ortschaft gesehen, als Kelly sie zu Fuß zu ihrem Motel am Fuße der Hauptstraße geführt hatte.
„Außer Kelly“, verbesserte Connor sie und Lindsay nickte.
„Alle öffentlichen Einrichtungen scheinen außerdem seit Jahren geschlossen zu sein“, fuhr sie fort, „Ich glaube, hier geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Etwas muss vor zehn Jahren passiert sein, sodass fast alle Bewohner- außer Kelly- diesen Ort verlassen haben.“

Sie fanden es praktisch, dass Kelly noch so spät im Büro ihres Motels hockte und offenbar mit Papierkram zu tun hatte. Als Connor und Lindsay gemeinsam mit Peter auf den Weg in das kleine Büro waren, bemerkten sie, dass sie erneut die einzigen Gäste in diesem Motel waren. Peter verkniff sich eine sarkastische Bemerkung.
Die Tischlampe auf dem Schreibtisch tauchte das Büro in unheilvolles Licht, als die drei das kleine Räumchen betraten. Zuerst entschuldigte Kelly sich für den Zustand ihres Hotels und erklärte ihnen, sie wisse ebenfalls, dass es hier sehr viel renovierungsbedarf gab. Dann entschuldigte Kelly sich dafür, dass sie ihnen kein Abendessen anbieten konnte.
„Kelly, was geht hier vor sich?“, fragte Peter.
„Was soll sein?“
„Wir- und Sie- sind die einzigen Menschen in diesem Ort. Was ist mit den Bewohnern der Stadt passiert?“ Niemand bewohnte alleine eine Stadt.
Kelly erhob sich von ihrem Schreibtisch und betrat das Nebenzimmer ihres Büros. „Kommen Sie mit“, sagte sie zu ihnen und als sie ihr nicht in das dunkle Zimmer folgten, kehrte sich noch einmal zu der Tür zurück. „Ich will Ihnen nur etwas zeigen“, meinte sie. Sie knipste diesmal sogar das Licht an und sie erklärte ihnen, warum sie dies zuerst nicht tun wollte: „Das Motel ist nicht mehr ans Stromnetz angebunden. Hinter dem Haus steht ein Generator, aber ich möchte nicht, dass die Gäste des Motels dies bemerken. Also überlasse ich ihnen den Strom und spare selbst so viel wie nur möglich.“
Kelly führte sie durch das Nebenzimmer, dann betraten sie einen langen Flur, an dessen Wänden unheimlich viele Bilderrahmen hingen.
„Bevor dies alles begann, lebten viele Menschen in Rocky Heights“, erklärte sie ihnen, „Der erste Zeitungsausschnitt an dieser Wand stammt aus dem Jahr 1970.“ Sie zeigte auf einen vergilbten Zeitungsartikel mit Foto, welcher in einem braunen Holzrahmen gefasst war.
„Was ist das hier?“, fragte Lindsay.
„Ich fand die Zeitungsartikel in einem Ordner im Büro des Sheriffs. Da sein Nachfolger sie nicht haben wollte, habe ich die Artikel an mich genommen und eine Chronik angelegt.“
„Im Jahr 1970 berichtete die Lokalreporterin Sara Danson über einen Todesfall der sich in der Mine am See nördlich der Stadt ereignet hat: Ein Bauarbeiter war eines Morgens tot aufgefunden worden.“ Das Foto in dem Artikel zeigte den Eingang zu der Mine.
„Der Bauarbeiter wurde mit zehn Messerstichen getötet“, erzählte Kelly und ging dann zum nächsten Zeitungsartikel, „Ein Jahr später geriet Sara Danson selbst in die Schlagzeilen: Sie hatten ihren Mann und ihr neugeborenes Baby für etwa zwei Stunden alleine zuhause gelassen, weil sie zum Einkaufen gefahren war. Als Sara Danson wieder nach Hause kam, war ihr Mann tot und das Baby verschwunden.“
„Hat man das Baby je wiedergefunden?“, fragte Connor.
„Das erzähle ich Ihnen später“, antwortete Kelly, „Die Jahre gingen ins Land und die Lokalzeitung berichtete immer wieder einmal über den Fall, bis Sara Danson letztes Jahr im Alter von 50 Jahren an einem Herzinfarkt starb.“
„Das Motel, in dem wir uns jetzt befinden, wurde vor 50 Jahren gebaut. Meine Mutter hat es vor einigen Jahren vom Vorbesitzer übernommen und in ihrem Testament, hat sie es mir vermacht. Nachdem meine Mutter hier eingezogen war, geschahen in der Gegend unheimliche Dinge: Ein Farmer fand seine Schafe eines Morden tot auf der Weide. Ein anderer Farmer meldete, dass seine Frau spurlos verschwunden sei. Natürlich glaubte er zuerst, seine Frau habe ihn verlassen, doch als bei einer Bürgerversammlung die seltsamen Vorkommnisse besprochen wurden, bemerkte ein Einwohner, dass all diese schrecklichen Sachen erst passierten, seit meine Mutter in der Stadt lebte.“
„Wollen Sie damit sagen, die Einwohner hielten Ihre Mutter für eine Mörderin?“, fragte Connor. Sie gingen jetzt an einem Zeitungsartikel über die toten Schafe vorbei.
„Fast“, bestätigte Kelly, „Der damalige Sherriff von Rocky Heights glaubte den Bürgern und so ließ er meinte Mutter 1990 verhaften. Ich war damals fünf Jahre alt und musste alles mit ansehen, ich kann mich noch sehr genau daran erinnern… Meine Mutter wurde fünf Tage lang von der Polizei verhört. Am sechsten Tag kam ein Mann von der Bundespolizei, der meine Mutter ebenfalls verhörte. Sie beteuerte, nichts mit den ungewöhnlichen Vorkommnissen zu tun zu haben, doch man hatte in am Weidezaun des Schäfers Blutspuren gefunden, die beinahe mit denen meiner Mutter übereinstimmten.“
Sie erreichten das Ende des langen Flurs und damit einen Artikel mit der Überschrift „Danson- Mord aufgeklärt.“
„Der Bundespolizist, der damals für die Befragung meiner Mutter in der Stadt gekommen war, muss eine Ahnung gehabt haben“, vermutete Kelly, „Er verglich eine Blutprobe von Sara Danson und eine Probe von meiner Mutter mit den Spuren, die am Holzzaun des Schäfers gefunden wurden. Er fand heraus, dass die das Blut am Zaun von Sara Danson kam und auf diese Weise stellte sich heraus, dass meine Mutter das Baby war, welches nach dem Mord an Sara Dansons Ehemann spurlos verschwunden war. Doch damit ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende: Der Bundespolizist und der Sherriff machten sich auf, um Sara Danson- meine Großmutter- zu befragen. Sie verlor die Nerven und erschoss den Sherriff mit der Pistole ihres verstorbenen Ehemannes. Den Bundespolizisten erwischte sie mit einer Kugel in der Schulter und gestand später, dass sie jahrelang mit den verschwommenen Erinnerungen an dem Mord an ihrem Mann gelebt hatte.“
„Heißt das, sie konnte sich an den Mord nicht erinnern?“
„Ja“, Kelly nickte, „Ärzte fanden später heraus, dass Sara Danson aufgrund ihres harten Berufes bei der Lokalzeitung stark alkoholabhängig war. Während der Schwangerschaft trocken zu bleiben, war sehr hart für sie und angeblich, soll sie sofort nach der Geburt weitergetrunken haben. Die Ärzte in der Klinik diagnostizierten bei Sara eine Alkohol- Halluzinose, das heißt sie hat unter Alkoholeinfluss massive Halluzinationen gehabt: Sie gab zu, dass sie manchmal Stimmen hörte, die über sie lachten und ihr sagten, sie sei eine Versagerin. Sara erklärte den Ärzten, eine dieser Stimmen nannte sich „ Dohr“ und sei ein Monster, welches unter der Erde lebt und die Seelen von Menschen raubt. An dem Tag, an dem sie ihren Mann  getötet hat, sagte die Stimme des Dohr zu ihr, ihr Ehemann habe eine Affäre mit der Nachbarin. Sie hat der Stimme geglaubt und… naja, der Rest steht in der Zeitung… An den Mord selbst konnte sie sich erst viele Jahre später erinnern. Ihr fiel dabei auch wieder ein, dass sie ihre kleine Tochter- also meine Mutter- in der Mülltonne eines Krankenhauses etwa 30 Meilen von hier entfernt, ausgesetzt hatte. Der Sherriff hat damals alle möglichen Zeitungsartikel darüber gesammelt und Sie mögen vielleicht denken, dass sei seltsam für eine fünfjährige, doch da der neue Sherriff die Artikel nicht haben wollte, habe ich ihn gefragt, ob er mir den Ordner überlassen könnte. Er hatte nichts dagegen…. Nach diesem Fall zogen viele Menschen aus Rocky Heights weg, da das Drama natürlich landesweit in den Medien Aufmerksamkeit erregte und niemand mit der Stadt in Verbindung gebracht werden wollte. Rocky Heights war nur noch eine Geisterstadt und bald brauchten wir nicht einmal mehr den neuen Sherriff, der dann letztendlich auch wegzog… Im letzten Jahr verstarb Sara Danson dann an einem Herzinfarkt, wie bereits erwähnt.“
Sie machten sich auf den Rückweg und als sie das Nebenzimmer betraten, sah Connor einen kleinen Zettel an der Wand hängen. Auf dem Zettel waren Stichworte niedergeschrieben wie „Dohr, raubt Seele, lebt unterirdisch“
Kelly bemerkte den Zettel jetzt ebenfalls. „Das tut mir leid“, entschuldigte sie sich, „Das muss so aussehen, als sei das alles nur erfunden. Aber ich verspreche Ihnen, dass diese Geschichte wahr ist. Es gibt in der Nähe eine sogenannte Dohr- Mine und ich dachte mir ich versuche mein Glück, aber ich habe nichts Mysteriöses gefunden. Wahrscheinlich war Dohr ebenfalls eine Erfindung meiner Großmutter.“

Mit einem seltsamen Gefühl in der Magengegend kehrten Connor, Lindsay und Peter in ihre Zimmer zurück. Peter fragte Connor, ob es ihn störte, wenn er sich wieder auf das kaputte Bett setzte, aber Connor rollte mit den Augen.
„Diese Stadt ist ein ziemlich unheimlicher Ort“, gestand Lindsay.
„Erinnere mich bitte daran, dass wir nie wieder auf Peter hören, wenn er uns noch einmal einen Ausflug vorschlägt“, sagte Connor zu ihr.
„Einverstanden.“ Irgendwann kostete Peter sie noch das Leben, davon war Lindsay überzeugt.
„Es ist sehr unfreundlich so über mich zu sprechen, wenn ich mich im gleichen Raum befinde“, nörgelte Peter. Doch er wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte. Für eine Sekunde dachte er daran, dass es genauso war wie in dem Buch, welches er soeben las: Es war die Geschichte eines jungen Anwalts, welcher von einem unheimlichen Grafen in seinem Schloss festgehalten wurde. Die Geschichte fesselte ihn so sehr, dass er letzte Nacht sogar davon geträumt hatte, aber als in seinem Traum plötzlich ein Panzer auftauchte, wusste Peter, dass hier etwas nicht stimmte.
Peter erhob sich von dem Bett, denn plötzlich war ihm etwas eingefallen: „Hat Kelly nicht gesagt, sie kennt den Besitzer des Parkplatzes?“, fragte er seine Freunde, „Hat sie nicht auch gesagt, sie könnte ihn anrufen?“
„Ich glaube, sie hat gesagt, dass der alte Gill es nicht mag, wenn man ihn so spät noch aus dem Bett klingelt“, verbesserte Lindsay ihn, „Wir müssen bis morgen warten, ob wir wollen, oder nicht.“

Kelly war erleichtert, als ihre Gäste gegangen waren. Sie hängte den Schlüssel, mit dem man die Eingangstür zu ihrem Büro absperrte an ein Schlüsselbrett. Hier hingen zwei weitere Schlüssel. Einer von ihnen trug ein Etikett mit der Aufschrift „Flur“. Kelly nahm den Schlüssel und betrat den Flur, in dem sie Connor, Lindsay und Peter die Chronik des Ortes gezeigt hatte. Etwa in der Mitte des Flurs gab es in der rechten Wand eine Tür, die stets abgeschlossen war. Kelly öffnete die Tür mithilfe des zweiten Schüssels und betrat einen weiteren Flur. Die Wände dieses Flures waren ebenfalls mit Bilderrahmen tapeziert. In den Bilderrahmen befanden sich Zeitungsartikel, wie im ersten Flur.
„Großhändler in Rocky Heights auf mysteriöse Weise verstorben“, lautete eine Schlagzeile aus dem Jahr 1998.
„Der Dohr geht um“, hieß ein Artikel aus dem Jahr 1999, der in der Zeitung von Vancouver veröffentlicht wurde, und den Kelly an ihrem Computer aus dem Internet ausgedruckt hatte. In einem weiteren Bilderrahmen war die Todesanzeige von Sherriff Carl Whitmore zu entdecken. Der Sherriff, welcher von Sara Danson erschossen wurde. Die Todesanzeige von Sara Danson- Kellys Großmutter befand sich neben der Anzeige von Sherriff Whitmore.
Ein weiterer Artikel stammte aus dem Jahr 2005 und wurde damals in der Washington Post veröffentlicht: „Kleines Örtchen in Kanada ist der unheimlichste Ort der Welt- Hier wohnt der Dohr.“ Und ein Artikel namens: „Der Dohr schlägt zu.“
Kelly lächelte bei dem Gedanken, dass der Dohr sogar schon in der Vereinigten Staaten bekannt war.
Zwischen all den Todesanzeigen von Menschen, die einst in Rocky Heights gelebt hatten und zwischen all den Zeitungsartikeln über den Dohr, fand Kelly noch Platz für einen weiteren, leeren Bilderrahmen, der darauf wartete, mit einem weiteren Artikel gefüllt zu werden.

„Haben Sie den alten Gill erreichen können?“, wollte Peter wissen, als Kelly ihren Motelgästen Brei zum Frühstück vorgesetzt hatte.
„Wen?“, fragte sie, dann fiel es ihr ein, „Nein, der alte Gill geht nicht an sein Telefon. Ich konnte ihn nicht erreichen.“
Connor schlug vor, dass sie sich zu Fuß auf den Weg zu dem Besitzer des Parkplatzes machen konnten, auf dem Peters Auto stand, doch Kelly schüttelte den Kopf. „Das geht nicht. Gill wohnt nicht in Rocky Heights. Er wohnt in Langdon, der Nachbarstadt.“
Auch dies schien für Connor und Peter kein Problem zu sein, denn sie schlugen vor, dass sie nach Langdon laufen könnten. Eine kleine Wanderung tat ihnen sicherlich gut.
„Langdon ist 65 Meilen entfernt. Das schaffen Sie nie bis Sonnenuntergang.“
„Warum sollte das ein Problem sein?“
„Der Dohr wird Sie holen.“
„Wenn ich mich richtig erinnere, war der Dohr eine Erfindung Ihrer Großmutter“, erklärte Lindsay und Kelly lächelte. „Natürlich. Dies ist nur ein Relikt aus meiner Kindheit. Als es in Rocky Heights noch Kinder gab, durften diese nach Einbruch der Dunkelheit das Haus nicht verlassen. Man sagte den Kindern damals, der Dohr würde sie holen.“
Lindsay beschloss, dass sie sich damit zufrieden geben müssten. Zumindest vorerst. „Gibt es in dieser Stadt einen Laden, in dem wir neue Kleidung bekommen können?“, wollte sie wissen und Kelly schickte sie zu Ginas Boutique, einem kleinen Laden an der Hauptstraße.
So kam es, dass Connor, Lindsay und Peter wenig später die Hauptstraße hinuntergingen. Als die abgeschaltete Leuchtreklame von Ginas Boutique in Sichtweite war, äußerte Peter die Bemerkung, dass er nicht glaubte, hier etwas Passendes zu finden. „Hör auf, dich zu beschweren“, meinte Lindsay nur, „Wir gehen nicht einkaufen.“ Sie ging an der Eingangstür zu dem dunklen Bekleidungsgeschäft vorbei.
„Was hast du vor?“
„Den alten Gill aufsuchen“, antwortete sie.
„Aber du weißt doch gar nicht, wo er wohnt.“
„Ich habe eine Idee, wie wir das herausfinden.“

Gemeinsam mit Connor quetschte sich Lindsay in eine Telefonzelle, die nicht weit weg von Ginas Boutique aufgestellt war. Zuerst nahm sie den Telefonhörer an sich. „Kein Freizeichen“, bemerkte Lindsay und Connor gab diese Information an Peter weiter.
„Das hätte mich auch gewundert“, sagte Peter und deutete auf einen Telefonmast auf der Gegenüberliegenden Straßenseite. Alle Telefonleitungen der Stadt schienen hier zusammen zu laufen, jedoch war der Mast schwer beschädigt. Weil sich der Mast außerdem am anderen Ende der Hauptstraße befand, hatten sie ihn gestern nicht gesehen, als sie mit Kelly in diesen verlassenen Ort gekommen waren.
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kelly überhaupt versucht haben will, den alten Gill zu erreichen“, murmelte Lindsay, die jetzt das Telefonbuch aufschlug. In der Nähe gab es tatsächlich eine Stadt namens Langdon, wie Kelly gesagt hatte. Kelly hatte auch gesagt, dass der alte Gill dort wohnte, also durchsuchte sie das Register nach Leuten, die mit Nachnamen Gill hießen. Auch die Leute, deren Vorname Gill war, notierten sie sich und  sie hatten Glück: Offenbar gab es in Langdon nur einen Mann, der als der alte Gill in Frage kommen könnte. „Ich speichere die Nummer in mein Handy“, schlug Connor vor. Danach brauchten sie nur noch einen Ort, an dem sie ein Netz hatten.
„Lasst uns auf diesen Hügel gehen“, schlug Peter vor. Hinter Ginas Boutique gab es einen Hügel, auf dem ein Baum stand. Zu dritt machten sie sich auf den Weg.
„Auf dem Hügel angekommen, hielt Connor sein Handy hoch und suchte nach einem Netz. Peter ließ sich die Handynummer schicken und suchte mit seinem Handy ebenfalls. Als Peter direkt vor dem Baum stand, rief er: „Ich habe ein Netz!“
Sofort kamen Connor und Lindsay zu ihm und beobachteten, wie er mit  ausgestrecktem Arm die Telefonnummer des alten Gill wählte. Nach drei Freizeichen nahm jemand das Gespräch entgegen.
„Hallo?“, rief Peter in das Telefon, „Sind Sie Gill McKinney?“
„Der bin ich“, bestätigte die krächzende Stimme, „Und Sie sind?“
„Ich bin Peter. Ich sitze hier mit meinen Freunden in Rocky Heights fest. Kelly sagt, Sie sind die einzige Person, die einen Schlüssel für das Tor am Kaufhausparkplatz hat. Mein Auto steht dort und wir kommen nicht weg. Könnten Sie…“
„Junge, ich habe keinen Schlüssel für dem Parkplatz an der Rocky Heights Mall“, unterbrach Gill ihn, „Ich habe den Parkplatz vor Jahren aufgegeben, weil niemand mehr in die Stadt gekommen ist… Und wer ist diese Kelly, von der Sie gesprochen haben…?“
„Sie sagt, Sie sind der einzige, der einen Schlüssel besitzt… Und ihr gehört das Motel an der Hauptstraße…“
Gill schien nachzudenken. „Ich wusste nicht, dass Kelly aus der Klinik entlassen wurde…“
„Klinik?“, Connor und Lindsay sahen sich fragend an.
„Ich weiß nicht mehr, wie lange das schon her ist“, entschuldigte sich Gill, „Aber meines Wissens nach, sollte sich Kelly Danson in psychiatrische Behandlung begeben.“
„Weshalb? Was ist passiert?“, wollte Peter wissen.
„Kelly hat ihre Mutter getötet“, antwortete Gill, „Weil eine Stimme, ich glaube, sie nannte ihn „Der Dohr“ es ihr befohlen hat.“

Wird Fortgesetzt…
 
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