Die Darcys auf Pemberley Teil II

von Bihi
GeschichteRomanze / P16
Charles Bingley Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy Georgiana Darcy Jane Bennet Mrs. Gardiner
23.05.2014
17.06.2014
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Das erste Weihnachtsfest mit George sollte eigentlich so wie im Vorjahr mit den Gardiners gefeiert werden. Es war doch nichts Besonderes, oder? Schließlich war er noch viel zu klein, um irgendwelche Besonderheiten würdigen zu können. Er brauchte seine Mama in regelmäßigen Abständen nicht nur zum Hungerstillen, sondern auch zum Schmusen, und inzwischen genoss er es offenbar auch, jeden Tag von seinem Papa durch das gesamte Haus getragen zu werden. Es stellte sich heraus, dass er das am frühen Nachmittag am liebsten hatte, und sein stolzer Vater stellte sich bereitwillig darauf ein. Gab es denn etwas Befriedigenderes als mit dem eigenen Sohn, dessen Mutter die schönste und beste aller Damen und Elfen war, durchs Haus zu gehen, mit ihm zu reden, zu schmusen und ihm Kinderlieder vorzusingen?
Hin und wieder ertappte er sich bei dem Gedanken, wie entsetzt sein Vater ihn zurechtweisen würde, wenn er noch lebte. Er fragte sich auch, wie seine Mutter reagiert hätte. Einerseits wäre sie vielleicht einverstanden gewesen, andererseits lebte sie ihr Leben in dem steifen Korsett der Konventionen. Sie war die Tochter des Earls of Derby und dazu erzogen worden, einem Earl, Duke oder Fürsten eine adäquate Gattin zu sein. Es hatte 'nur' zu einem Erben der Gentry, wenn auch einem ungewöhnlich reichen Erben, gereicht. Aber ihr hochherrschaftliches Gebaren kam bei den Darcys offenbar gut an. Auch bei den Pächtern und der Dienerschaft war sie sehr beliebt gewesen, weil sie sich zwar strikt an die Regeln hielt, dabei aber gütig und herablassend wohlwollend war. Was ihr Sohn jetzt tat, hatte mit den Anstandsregeln einer hohen Familie nicht mehr so viel zu tun.

Aber brauchte der kleine George bereits Weihnachtsbräuche? Fitzwilliam testete das, indem er, statt der gewohnten Kinderlieder, Weihnachtslieder sang. Einige schienen ihm tatsächlich besser als die Kinderreime zu gefallen.

Dann geschahen plötzlich verschiedene ungewohnte Dinge.
Zuerst war der Hausherr der Meinung, dass die beiden offiziellen Salons und das Musikzimmer feierlich geschmückt werden sollten. Ohne seinen Herzensdamen etwas zu verraten, ließ er Ilex-Zweige holen und mit roten und weißen Bändern verzieren.  
Als nächstes ließ der Hausherr, der sich bisher nie so sehr um Weihnachten gekümmert hatte – man ging am Heiligen Abend in die Mitternachtsmesse und am nächsten Morgen gab es je zwei Darcy-Geschenke für die Kinder – für jeden der geschmückten Räume vier Sterne aus Holz aussägen. Diese Sterne wurden mit Blattgold verziert und dann mit Lackfarbe beschriftet: Georgiana, Elizabeth, Fitzwilliam und George. Diese Sterne wurden in die Ilex-Zweige gehängt. Die wurden von der Dienerschaft an den Kaminsimsen befestigt, als die Herrschaften sich zurückgezogen hatten.
Zur Vervollkommnung wurden Lebkuchen, bereits im Oktober gebacken, auf Tellern in den drei Räumen verteilt. Die Köchin hatte ihm versichert, dass die Lebkuchen am besten schmeckten, wenn sie zwei Monate im Tonkrug aufbewahrt wurden. Dadurch kam heraus, dass Fitzwilliam sich schon lange Gedanken gemacht hatte, wie er sein Familienweihnachten feiern wollte. Die normalen weißen Tafelkerzen wurden durch rote Kerzen ersetzt.
Georgiana war genau so entzückt wie Elizabeth. Die Freude der beiden war so ungekünstelt, dass zwei Tage später auch die Salons der beiden Damen so herausgeputzt waren. Schneller ging es nicht, weil die Herstellung der Sterne langwierig war.
Zur Krönung bekamen alle Kinder und auch Georgiana jeweils einen bunt bemalten Holzteller, den sie an Heiligabend vor den Kamin stellen sollten. Mit dem Weihnachtsmann wäre ausgemacht worden, in diesem Jahr Teller zu nehmen, weil George noch keine Strümpfe trug. Darcy warnte davor, sich vor den Geschwistern einen Vorteil verschaffen zu wollen, indem man den eigenen Teller näher an den Kamin rückte, weil das der Weihnachtsmann gar nicht gerne sah. Die Gardiner-Kinder baten dehalb um einen Besenstiel, damit sie den Abstand richtig einhalten konnten.

Der Jubel im Kinderzimmer der Gardiners war groß, als die Teller am Morgen mit Äpfeln, Nüssen und Lebkuchen gefüllt waren. Die Kinder ließen sich dadurch leichter vertrösten, als die Erwachsenen sich wie üblich weigerten, bereits morgens um fünf Uhr zu frühstücken, nur weil es anschließend die Geschenke geben sollte. Auf Georges Teller fand sich ein Greifspielzeug und die kandierten Früchte, die seine Mama so gerne mochte. Da er noch keine kandierte Früchte aß, meinte Fitzwilliam, dass es einfacher wäre, wenn Elizabeth die Früchte nahm, statt darauf zu warten, ob der Weihnachtsmann zurückkäme, um fehlgeleitete Geschenke abzuholen. Die kleinen Gardiner Jungen stimmten dieser Überlegung aus vollem Herzen zu. Die Mädchen waren sich unsicher, ob es überhaupt einen Weihnachtsmann gab. Die Erwachsenen meinten lächelnd, dass dann aber Fitzwilliam mit dem Weihnachtsmann diskutieren müsste, falls er doch noch zurückkäme. Das versprach er feierlich.

Die Familie Gardiner und Georgiana machten am Nachmittag einen ausgedehnten Spaziergang. Elizabeth erklärte, dass sie dafür viel zu müde sei. Alle waren sofort der Meinung, dass die junge Mutter sich dringend ausruhen müsse, und bestanden darauf, dass sie sich hinlege. Fitzwilliam wurde ganz nervös vor Sorge. War sie etwa aus Überanstrengung zu müde? Wurde sie gar krank? Fühlte sie sich wirklich nur für einen Spaziergang zu müde oder generell? Er musste auf alle Fälle in ihrer Nähe bleiben. Dafür hatten alle Verständnis. Er hätte seine Elfe am liebsten zum Bett getragen, aber sie bestand darauf, dass sie durchaus noch in der Lage war, selber zu gehen, trotz der Müdigkeit. So stützte er sie nur liebevoll und geleitete sie in ihre Räume.
Er war erstaunt, als Elizabeth nur bis in ihren Salon ging und dann meinte, sie könnten doch einfach nur dort sitzen und sich unterhalten. Das sei für sie wirklich entspannend genug. Nein, er bestand äußerst besorgt darauf, dass sie sich hinlege – und zwar ins Bett. Um seinen Willen zu bekräftigen, hob er sie hoch und trug sie zum Bett. Um keine Zweifel aufkommen zu lassen, wie er sich die nächsten Stunden vorstellte, trug er sie nicht in sein Schlafzimmer, sondern in ihres. Sie sollte mindestens eine Stunde schlafen. So tief hatte er seine Elfe noch nie erröten sehen, als sie ihm stotternd und flüsternd die Bedingung darlegte, unter der sie bereit war, dort zu bleiben. Lächelnd küsste er sie auf Stirn und Wangen, bat um einige Sekunden Geduld, die er benötigte, um die Türen zu verriegeln, und erfüllte dann ihre Bedingung mit großer Hingabe, auch wenn das nicht unbedingt unter 'ausruhen' zu rechnen war. Nur ganz kurz überlegte er, ob sie das von Anfang an so geplant hatte. Aber dann wäre sie nicht erst in den Salon gegangen. Wahrscheinlich wäre sie auch nicht so tiefrot angelaufen. Nein, das war eine Spontanreaktion gewesen. Egal wie, so einen Wunsch konnte wohl kein Herr seiner geliebten Gattin abschlagen. 'Mein Elfchen, ich kann mir kein schöneres Weihnachtsgeschenk vorstellen, auch wenn Dein entzückendes Gesicht gerade alle roten Kerzen des Hauses in den Schatten stellt. Gerade das macht das Geschenk ja so großartig. Oh, mein Elfchen!' Sie genossen beide das Zusammensein, Elizabeth allerdings in dem Glauben, dass Fitzwilliam es ihr zu Gefallen tat, während er sich durchaus dessen bewusst war, dass sich ihre Wünsche endlich auf einer Ebene trafen.
Als die anderen zurückkamen, fragte sie leise: „Meinst Du, das kann auch ein Weihnachtsbrauch werden?”
„Mein Elfchen, einen schöneren kann es gar nicht geben!”, versicherte er inbrünstig. Nach einem letzten hingebungsvollen Kuss verschwand er durch die Verbindungstür, um über seine Räume wieder zu den Gästen zu gelangen, nachdem er Elizabeth gebeten hatte, sich nun aber wirklich auszuruhen. Dem Wunsch kam sie nach, bis er die Tür hinter sich schloss.
Sie war zwar anfangs wirklich ermüdet gewesen, aber es gab wohl nichts Erfrischenderes als seine zärtliche Liebe. Nun war sie wieder munter und energiegeladen für den Rest des Tages. Sie blieb aber in ihrem Salon, damit er nicht merkte, dass sie sich so ausruhte, wie sie es für richtig hielt. Er wollte sie nicht bevormunden, das wusste sie. Er war nur so außerordentlich besorgt um sie, und das fand sie irgendwie angenehm. Sie räkelte sich auf der Chaiselongue ohne Zeugen ganz ungeniert und durchdachte noch einmal die gerade erlebte Mittagsruhe.
Es war ungeheuerlich unschicklich gewesen, ihn dazu aufzufordern, aber sie bereute es nicht. Er hatte sich so liebevoll darauf eingelassen, als ob es seine Idee gewesen wäre. Es war genau genommen auch nicht ihre Idee gewesen. Es war eine spontane Eingebung, der sie nachgab, bevor sie sie richtig durchdacht hatte, sonst hätte sie sich nie getraut, ihrem Gatten Avancen zu machen. So etwas gehörte sich einfach nicht. Das hätte sie ja nicht einmal als Elizabeth Bennet gewagt, und nun war sie immerhin Gutsherrin. Aber mit dem Ergebnis war sie mehr als nur zufrieden.

Beim Tee gesellte sich Elizabeth wieder zur Runde, erleichtert begrüßt von Georgiana, verwundert betrachtet von ihrem Onkel, der die Erholung für geradezu bemerkenswert hielt. Die Tante sah in die strahlenden Augen ihrer Nichte, bemerkte einen Widerschein in den Augen Darcys und stieß ihren Gatten an, er sollte lieber schweigen.
Sie hatte das abgespannte Gesicht ihrer Nichte vor der Mittagsruhe gesehen und die besorgte Miene des Neffen. Das war nicht vorgespielt. Aber sie hatten eine wundervolle Möglichkeit erkannt und genossen, wie man sich entspannen kann. Da war es doch unerheblich, ob sie das am helllichten Tag taten oder schicklich bis zum Abend warteten. Sie gönnte dem jungen Paar das Glück und wollte nicht, dass ungeschickte Bemerkungen dieses Glück zerstörten, nicht einmal, wenn die Störung von ihrem Gatten ausging. Sie fragte sich, ob sie das vor zehn, elf Jahren wohl auch so gemacht hätte. Die Frage war deswegen müßig, weil sie damals alle Weihnachtsfeiern entweder bei den Bennets oder bei den Philips verbrachten, und beide Schwägerinnen so eine Ungehörigkeit mit Sicherheit nicht unter ihrem Dach hätten geschehen lassen. Aber sie musste gestehen, dass erst Elizabeth ihr zeigte, was auch als angemessenes Leben zu akzeptieren war.

Man besprach die Reisepläne, die man ein Weihnachten zuvor ohne Termine vereinbart hatte. Leider sah es ganz so aus, als ob Mr. Gardiner sich im Juli keine Zeit frei nehmen konnte. Sie kamen überein, dass man ja auch im Oktober fahren könnte. Da war die Laubfärbung phänomenal und die Arbeit sowohl in London als auch auf Pemberley war geringer als im Sommer. Genaueres sollte dann im Juli geplant werden. Vorerst wollte man als Abreisetag den 2. Oktober festhalten. Dann blieb ein Tag für letzte Vorbereitungen nachdem die Feiern vorbei waren, bevor man losfuhr. Die Familie Gardiner sollte möglichst schon Ende September kommen, damit sie das Michaelis-Fest und Georges Geburtstag mitfeiern konnten.
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