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Gruppe 05: Das Diadem

von MDU-Story
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
22.05.2014
22.05.2014
10
7.975
 
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22.05.2014 802
 
2. Kapitel - Stillleben


'Scheiße' ist mein erster Gedanke. Und auch mein zweiter.
Beim dritten hauche ich es zusätzlich noch ins Telefon.

„Was. Scheiße? Was ist los bei dir?“, fragt Natalie am anderen Ende natürlich sofort. Blöderweise ist sie noch dran.  

Aber Fassungslosigkeit gepaart mit aufkeimendem Selbsthass schnüren mir irgendwie gerade zu sehr die Kehle zu, um zu reden. Stattdessen drehe ich mich wie von plötzlicher Paranoia gepackt immer wieder um meine eigene Achse und suche die Umgebung ab. Gleichzeitig klopfe ich etwas hirnlos meine Klamotten ab, als ob sich mein Koffer von einer Tasche darin in einen Dimensionsspalt oder so verzogen haben könnte.
Ich merke, wie manche Passanten mir befremdliche Seitenblicke zuwerfen. Nicht auch noch das.

„Anni? Noch da?“ Einige Sekunden lang wartet sie auf meine Antwort, die natürlich nicht kommt, nur um dann selbst das mehr oder weniger Offensichtliche auszusprechen: „Irgendwas stimmt nicht, oder.“

Ich räuspere mich kurz und finde dann doch noch zu meiner Sprache zurück: „Nein, wirklich. Ich meine doch. Es ist alles in Ordnung hier. Mach dir keine Sorgen, ja?“
Hoffentlich klinge ich nicht zu aufgekratzt. Natalie hat nämlich einen siebten Sinn, was Katastrophen angeht.
„Mach dir nur keine Sorgen“, wiederhole ich gedankenverloren.

Nein, ich meine, warum auch? Ich hab ja auch nur ausgerechnet die Tasche verbummelt, in der sich ein gestohlenes Diadem befindet, das ich vorhabe zurückzubringen, obwohl ich nicht mal der Langfinger bin. Welchem Gott ich da bloß auf den Schlips getreten bin.

„Auch wenn du das grade zwei Mal gesagt hast, werde ich dir das jetzt einfach so abkaufen. Du kannst es mir ja später erklären.“

Ich höre mich aufatmen. „Mach ich. Allerdings schaffe ich es nicht in einer halben Stunde, bei dir zu sein. Können wir vielleicht eine Stunde draus machen?“

„Wieso? Hast du noch was anderes vor, als bei einem Juwelier einzubrechen?“

So unter Strom, wie ich bin, kann ich nicht mal sagen, ob Natalie es wirklich so meint, oder ob das ihre Art ist, völlig unangebrachten Sarkasmus an den Tag zu legen.
„Jein“, entgegne ich deswegen äußerst überzeugend. „Es wird nicht lange dauern, versprochen.“
Wie lange es eben dauert, seine eigenen Spuren des Chaos meisterdetektivisch zurückzuverfolgen.
Und bevor ich mich letzten Endes doch noch verplappern kann, lege ich schnell auf – grußlos, was Natalie mir später hoffentlich nicht übelnehmen wird.
Ich starre noch etwas länger auf mein Handydisplay, wie um zu verdauen, was gerade alles Unglaubliches um mich herum geschieht. Halb gedachte Gedanken und nicht ganz realisierbare Schlachtpläne streiten sich solange in meinem Kopf um den Podestplatz meiner vollen Aufmerksamkeit.

'Was jetzt? Was jetzt? Mein Leben ist vorbei.' scheint dabei der Gewinner zu sein – verzweifelt genug, rücksichtslos genug, absurd genug.

Jetzt erst fällt mir auf, wie ätzend eigentlich der exakte Moment ist, in dem man sich bewusst wird, wie alles aus dem Ruder läuft, wie einem alles aus den Händen zu gleiten droht. Da ist es egal, ob man fünf, fünfundachtzig oder zwanzig, gut im Wegstecken oder ein totales Weichei ist. Es hat im ersten Augenblick immer denselben paralysierenden Effekt: Kindliche Hilflosigkeit.
In ebender kindlichen Hilflosigkeit lehne ich mich mit der Stirn gegen das Schaufensterglas am Ort des Verbrechens und bin zu nichts weiter in der Lage, als mich zu fragen, wie zum Geier Mona es überhaupt geschafft hat, während der Öffnungszeit unbemerkt einen Juwelier zu beklauen. Sicher, ich liebe sie und es schmeichelt mir, dass sie mir nur einen Gefallen tun wollte, in etwas anderen Augen werde ich sie in Zukunft aber trotzdem wohl sehen.

„Ach, Mona“, flüstere ich mir schuldig lächelnd zu, während mir all die Wege durch den Kopf gehen, wie ich mich am besten unbeschadet aus der Sache heraus manövrieren könnte.

Und so wie es nun einmal ist – am moralisch tiefsten Punkt angelangt, kurz davor aufzugeben – erbarmt sich der lang ersehnte Geistesblitz doch noch und wirft einem unverhofft einen Brocken Eingebung vor die Füße:

„Bastian“, stelle ich mit einem Mal verblüfft fest. Stimmt, da hab ich meine Tasche heute Morgen gelassen.
„Ja, richtig, Bastian!“, rufe ich ein zweites Mal, schon sicherer, und richte mich dabei stolz auf. „Sie ist bei Bastian!“
Etwas überrumpelt von meiner plötzlichen Erleuchtung setze ich mich in Bewegung und stolpere wie in Trance Richtung U-Bahn Station.
Noch knapp eine dreiviertel Stunde, registriere ich mit einem hektischen Blick auf die Bahnhofsuhr. Schaff ich das? Hoffentlich hat er das Diadem nicht gefunden! Das zu erklären, könnte sonst nämlich in einen echten Drahtseilakt ausarten.

… Moment …

Was hab ich bei Bastian eigentlich verloren gehabt?

Ich merke, wie meine Schritte langsamer werden, mein Hirn dagegen aber eine Spur an Geschwindigkeit zulegt.
„Oh Gott“, höre ich mich sagen, als mir schließlich das ganze Ausmaß der letzten Begegnung mit meinem Freund aus Schultagen wieder klar wird. Und obwohl ich weiß, dass Mona indirekt auch dafür verantwortlich ist, hab ich es ihr schon längst verziehen.
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