Der Gefallene Kreuzritter

von Steerpike
KurzgeschichteFantasy / P16
21.05.2014
21.05.2014
1
2.123
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
21.05.2014 2.123
 
Vor vielen Jahren habe ich einen heiligen Eid abgelegt, die Schwachen zu schützen, die Kirche von Verderbtheit zu reinigen und dem Licht zu dienen. Doch in letzter Zeit fällt es mir zusehend schwerer, diesem Eid Folge zu leisten. Die Ereignisse der letzten Wochen zehren an meinem Verstand und lassen mich an meiner edlen Aufgabe zweifeln. Erst der Tod Leahs und dann der Kampf gegen Malthael… So viele Schlachten habe ich im Namen des Guten geschlagen, doch nun frage ich mich: Wozu?
Am Ende haben wir nicht gewonnen. Das Böse ist noch immer dort draußen und lauert darauf, erneut zurückzukehren. Wir haben so viele Opfer gebracht und doch konnten wir keinen endgültigen Sieg erringen.  
Cain, Leah und viele andere, deren Namen ich nicht einmal kannte, sind tot. Gefallen in einem sinnlosen Krieg, der seit Jahrtausenden zwischen den Heerscharen des Himmels und der Hölle tobt. Dabei haben die Väter und Mütter der Nephalem gezeigt, dass es zwischen Dämonen und Engeln durchaus ein friedliches Zusammenleben geben kann.
Nepahlem… Sie waren die Kinder von Licht und Dunkelheit. Sie trugen sowohl Gutes und Böses in sich. Und ich bin einer der ihren. Leider konnte mir Cain vor seinem Tod nicht viel über die Nephalem erzählen. Auch Tyrael hüllt sich in Schweigen. Ich sehe die Furcht in seinen Augen, jedes Mal wenn ich ihn darauf anspreche. Vielleicht sollte ich in der Bibliothek des Ordens nach Antworten suchen…


Eine Woche ist seit meinem letzten Eintrag vergangen. In dieser Zeit habe ich mich intensiv mit den alten Schriften befasst, die die Nephalem behandeln. Ich habe nicht geschlafen und kaum Nahrung zu mir genommen. Meine Gefährten werfen sich besorgte Blicke zu, sobald sie in meiner Nähe sind und mit mir sprechen. Sie können meine Besessenheit nicht begreifen.
Wie könnten sie auch? Sie können die Bürde nicht nachvollziehen, die es heißt, ein Nephalem zu sein. Mit einer hellen und einer dunklen Seite in sich zu ringen. Mittlerweile kann ich die Furcht Tyraels nachvollziehen. Er befürchtet, dass ich mich der Versuchung meiner dunklen Seite hingeben könnte. Und er könnte Recht behalten. Die Schriften sprechen von zahllosen Nephalem, die sich ihrem dämonischen Naturell hingegeben haben.
Und auch ich spüre, wie meine dämonische Seite mit jedem Tag, der verstreicht, stärker wird. Doch noch kann ich dem Dunkel Widerstand leisten. Ich bete täglich zum Licht, damit ich auch weiterhin auf dem Pfad der Gerechtigkeit wandeln kann, auch wenn mein Glaube an diesen Pfad auf eine schwere Probe gestellt wird…


Je intensivere ich mich mit den alten Schriften befasse, desto größer wird mein Zorn. Die Arroganz der Engel war es, die diesen Krieg entfacht hat und über tausende Jahre hinweg am lodern gehalten hat. Hätten sie die Nephalem akzeptiert und sich uns angeschlossen, dann hätten wir gemeinsam die Horden der Hölle vernichten können!
Ich ziehe mich immer mehr zurück. Stundenlang brüte ich über den staubigen Schriftrollen, bis mir die Augen schmerzen und der Kopf dröhnt. Meine Gefährten meiden meine Gesellschaft nun völlig. Doch ich kann hören, wie sie miteinander tuscheln, wenn ich ihnen auf den Gängen der Burg begegne.
So wie meine Gefährten mich meiden, so meide ich Tyrael. Nach der Offenbarung des Verrates der Engel kann ich in ihm keinen Freund mehr sehen. Viel mehr sehe ich in ihm einen der Schuldigen für das Leiden dieser Welt. Ich weiß, dass der viel guten Taten vollbracht hat und dennoch ist er nicht frei von Schuld.
Meine Gebete an das Licht habe ich mittlerweile eingestellt. Ich habe erkannt, dass jedes Gebet in der strahlenden Arroganz der Hohen Himmel verhallt, ohne gehört zu werden. Ich kann mich nur noch auf mich selbst verlassen…


Das Dunkel in mir wird stärker und schürt meinen schwelenden Zorn immer weiter an. Dieser Zorn richtet sich gegen Engel und Dämonen gleichermaßen. Aber auch gegen die Sterblichen, die mit diesen Geschöpfen paktieren.
Kleingeistige Menschen. Ihnen fehlt es an der Weitsicht eines Nephalem, weshalb sie niemals zu vergleichbarer Größe gelangen werden. Sie brauchen stets jemanden, der sie bei der Hand nimmt. Jemanden, der sie führt und beschützt. Sie brauchen einen Helden.
Kann ich dieser Held sein? Einst, als ich noch auf dem Pfad des Lichts wandelte, war ich mir dessen sicher. Doch zeigten mir die vergangen Wochen, dass Edelmut und Ehre nicht die Waffen waren, mit denen man diesen Krieg gewinnen konnte. Um einen endgültigen Sieg zu erlangen, muss ich mich der Finsternis in mir bedienen und mich völlig von meinem Zorn leiten lassen. Mich ihm hingeben. Ich muss die Reinigung Sanktuarios von der Verderbtheit des Himmels und der Hölle mit fanatischem Eifer durchführen. Jeder, der sich mir in den Weg stellt, wird durch mein Schwert niedergestreckt werden. Egal ob Mensch, Engel oder Dämon…


Ich habe den Entschluss gefasst, Sanktuario von jeglicher Verderbtheit zu befreien. Jedes himmlische Wesen und jede Kreatur der Hölle wird vom Antlitz dieser Welt gebannt und mit ihnen alle Sterblichen, die sich auf Pakte mit ihnen einlassen. Ich werde der Beschützer Sanktuarios sein. Die Menschen werden vielleicht nicht zu mir aufsehen, vielleicht werden sie mich sogar fürchten und verfluchen. Doch am Ende werden sie erkennen, dass ich es war, der dieser Welt den Frieden gebracht habe…


Nach weiteren Studien der alten Schriften bin ich auf die dunkelsten Geheimnisse der Nephalem gestoßen. Man wollte nicht, dass ein ‚neuer‘ Nephalem dem Dunkel anheim fällt, weshalb man diese Aufzeichnungen gut versteckt hielt. Allerdings nur vor den neugierigen Augen der Sterblichen, nicht aber von dem weisen Blick eines Nephalem.
Für mich war es ein leichtes, den Code zu entschlüsseln, den der Orden verwendet hatte. Der daraus entstehende Text gab Auskunft über verschiedene Kräfte, die nur den dunklen Nephalem zur Verfügung stehen. Weiterhin beschrieb er Meditationsmethoden, um die Finsternis, den Zorn und die Wut zu kanalisieren und zu einer Waffe des Willens zu machen. Für meine bevorstehende Aufgabe waren die Schriften äußerst dienlich…


Ich spüre, dass Tyraels Furcht mir gegenüber immer mehr in Misstrauen umschlägt. Er vermutet, dass ich nicht mehr der Streiter des Lichts war, den er kennen gelernt hat. Allerdings weiß er nicht, dass ich mich mittlerweile fast vollständig dem Dunkel zugewandt habe. Die Kräfte, die mir die Finsternis in meiner Seele gewährt, sind atemberaubend. Noch nie habe ich solche Vitalität, solche Stärke und solche Gewandtheit gefühlt wie zu diesem Zeitpunkt. Mein unheiliger Zorn, meine Wut, mein Hass sind die Triebkräfte, die dies in mir hervorrufen. Doch ich bin noch lange nicht an dem Punkt angekommen, an dem ich bereit bin, Frieden nach Sanktuario zu bringen. Dazu bedarf es noch intensivere Mediationen…


Meine Gefährten suchen wieder öfters meine Gesellschaft. Wenn ich in der Bibliothek die Bücher und Schriftrollen studieren, setzen sie sich zu mir und versuchen, mich in banales Geplauder zu verwickeln. Ich strafe sie mit eisigem Schweigen, denn ich kenne ihre wahren Absichten. Sie sind nicht hier, um sich mit mir zu unterhalten oder aus Sorge um mein Wohlbefinden, sondern weil Tyrael es ihnen aufgetragen hat. Ich kann sein Misstrauen mir gegenüber fast schon auf meiner Haut spüren. Er bedient sich meiner Gefährten, die sich bereitwillig missbrauchen lassen, um mehr über mein Vorhaben in Erfahrung zu bringen.
Ich verachte sie alle miteinander. Einst hielt ich sie für Freunde, doch mittlerweile sind sie nur noch Hindernisse auf meinem Weg der Reinigung. Nein, keine Hindernisse. Sie sind die Opfer, die ich bringen muss, um mein Ziel zu erreichen. Ich habe mir geschworen, jedweden dämonischen und himmlischen Einfluss aus Sanktuario zu tilgen. Und das Schicksal verlangt von mir, dass ich in meinem engsten Kreis damit beginne…


Meine Stärke hat ihren Höhepunkt erreicht. Ich spüre förmlich, wie sie in meinen Adern pulsiert. Es ist purer Hass, der mich antreibt und meinem Schwertarm seine Stärke verleiht. Ich bin nun bereit, meine Aufgabe zu beginnen.
An diesem Abend wandle ich unruhig durch die Gänge der Festung. Mein Wille ist entschlossen, doch mein Gewissen begehrt noch gegen meinen Plan auf. Ich werde mich auf ewig versündigen, flüstert es mir zu. Das Paradies wird mir verwehrt. Ich kehre in meine Kammer zurück und verdränge den letzten Funken eines Gewissens aus meinem Geist.
Stunden später kehre ich in voller Rüstung zurück auf die Gänge. Meine Zweifel sind getilgt, meine Entschlossenheit stärker denn je. Ich reise mit leichtem Gepäck. Der Hass und die Wut werden mich auf meinem Weg nähren und mir die Kraft geben, meine Aufgabe zu erfüllen. Ich habe mir sorgfältig überlegt, wie ich vorgehen werde. Tyrael hat die Festung am heutigen Tag verlassen, deshalb kann ich mich ihm nicht stellen. Doch seine Helfershelfer sind noch hier.

Als erstes fällt der Templer meinem Schwert zum Opfer. Er bekommt gerade noch sein Schwert zu fassen, als ich die Türe mit einer Welle dunkler Energie zum Bersten bringe. Dann bin ich auch schon bei ihm. Er kämpft tapfer, dass muss ich ihm eingestehen.  
Doch sein Kampf ist kurz und sinnlos. Als ich ihm die Schwerthand abtrenne, sinkt er auf die Knie und bettelt um Gnade. Ich sage ihm, dass es für Verräter keine Gnade außer einen schnellen Tod gibt. Dann schlage ich ihm den Kopf vom Hals und verlasse das Zimmer.

Die Verzauberin finde ich in der Bibliothek der Festung. Sie leistet mehr Widerstand als der Templer. Zauber um Zauber schleudert sie in meine Richtung, doch alle prallen sie von meinem gewaltigen Schild ab und richten um mich herum eine gewaltige Zerstörung an. Schnell wechselt sie die Strategie und lässt ein Bücherregal, das in meinem Rücken steht, auf mich herabfallen. Der Aufprall schmerzt, doch ich bleibe unverletzt und bin sofort wieder auf den Beinen.
Mittlerweile spüre ich die Panik, die sich in ihrem Herzen breit macht, und zehre davon. Meine Wut auf die Verräter lodert immer weiter. Angetrieben von ihr schaffe es ich schließlich, in Reichweite für einen zu gelangen.
Die Augen der Verzauberin weiten sie vor Schrecken, als ich meine Klinge hoch über meinen Kopf hebe. Sie bettelt nicht um ihr Leben, als ich sie mit einem gewaltigen Hieb von der Schulter bis zum Becken zerteile.

Zuletzt widme ich mich dem Schurken.
Mittlerweile hat mein Blutbad die Festung in Alarmbereitschaft versetzt. Das Vorankommen wird mir von zahllosen Soldaten erschwert, die sich verzweifelt mir entgegen werfen. Ihre Tode machen mich nur stärker, denn sie schüren meinen Hass auf Tyrael und den letzten verbleibenden Verräter. Diese einfachen Sterblichen, die einer nach dem anderen durch meine Klinge niedergestreckt werden, erfüllen nur ihre Pflicht, doch sie erkennen nicht, dass sie der falschen Sache dienen. So werden auch sie von meinem unheiligen Feuer verzehrt.
Als ich die Kammer des Schurken erreiche, bin ich nur leicht außer Atem. Sterbliche können sich mir nicht in den Weg stellen. Deshalb brauchen sie jemanden, der sie vor Dämonen und Engeln gleichermaßen beschützt.
Die Tür ist nicht abgeschlossen. Als ich eintrete finde ich niemanden vor. Ich bin nicht überrascht. Der Kampfeslärm muss durch die ganze Festung gedrungen sein, weshalb der Schurke die Flucht ergriffen hat. Ich gehe zum Fenster und blicke hinaus. Erst nach unten, doch im Schnee kann ich keine Spuren erkennen, also richte ich meinen Blick nach oben. Dort sehe ich gerade noch, wie ein Fuß über die Zinnen gezogen wird. Er ist also auf dem Dach. Und ich weiß, wohin ihn sein Weg dort führt: In den südlichen Bergfried.
Laut hallen meine Schritte durch den Turm, als ich die Treppen hinaufsteige. Mir stellen sich nun keine Soldaten mehr in den Weg. Ich bin überzeugt, dass der Kommandant die verbleibenden Truppen sammelt, um einen Gegenangriff gegen mich zu starten. Ich hoffe allerdings, dass er diese Torheit seinlässt und nicht noch mehr Menschenleben für die falsche Sache opfert.
Die schwere Tür zum Bergfried ist verrammelt und verriegelt, als ich endlich vor ihr stehe. Einen gewöhnlichen Streiter hätte dieses Hindernis wohlmöglich aufgehalten, einen Nephalem jedoch nicht.
Mein Schwert glüht rot vom Feuer meiner Wut, als ich durch Stahl und Holz schneide. Binnen weniger Sekunden habe ich mir Zugang zu der obersten Kammer des Bergfrieds verschafft. Dort finde ich – wie erwartet – den Schurken vor, zitternd vor Angst. Panisch versucht er noch, seine Armbrust zu laden, doch bisher einen Bolzen eingespannt, stehe ich bereits vor ihm. Meine Hand schließt sich um seinen Hals und ich schleife ihn Richtung Fenster. Er scheint zu betteln, doch aus seinem Mund dringt nur ein erstickendes Gurgeln. Selbst wenn ich ihn verstehen würde, würde ich ihm keine Gnade erweisen. Mit einem mächtigen Schwung werfe ich den Schurken aus dem Fenster.
Sein Schrei gellt für wenige Augenblicke über den Festungsinnenhof, bevor er aufschlägt und seine Leben beendete ist. Die versammelten Soldaten blickend schockiert nach oben, wo sie mich im Fenster stehen sehen. Ich rufe ihnen zu, dass sie sich ergeben sollen, wenn sie nicht auch so enden wollen. Viele Männer und Frauen leisten dem Folge, werfen ihre Waffen zu Boden und ergreifen panisch die Flucht.
Auch ich verlasse die Festung und zwar ohne Gegenwehr. Denn meine Aufgabe hat gerade erst begonnen. Und mein nächstes Ziel steht schon fest: Tyrael…