Ein neues Leben

von shada
GeschichteAllgemein / P16
Maid Marian Much Robin Sir Guy of Gisborne Tuck
20.05.2014
30.07.2014
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1. Kapitel

Es war ein kalter Morgen. Dichte graue Wolken hingen am Himmel. Nieselregen überzog das Land. Doch trotz des ungemütlichen Wetters und der frühen Stunde war die Stimmung unter den versammelten Zuschauern ausgelassen und erwartungsvoll. Heute war der Tag, auf den alle seit langer Zeit gewartet hatten. Gisbornes Verbrechen waren in aller Munde. Viele der Anwesenden  hatten entweder selbst unter ihm gelitten oder es waren Verwandte oder Freunde gewesen, die gequält und gedemütigt worden waren. Vereinzelte leise Stimmen, die einzuwenden wagten, dass er in den letzten Monaten mit Robin Hood zusammengearbeitet hatte und es auch ihm zu verdanken war, dass der König heute in Nottingham weilen konnte, wurden schnell zum Schweigen gebracht. Dann schwoll der Lärm plötzlich an, der Verurteilte näherte sich von mehreren Wachen begleitet dem Hinrichtungsplatz. Der stolze Ritter war kaum wiederzuerkennen. Die zerschlissene Hose und ein schmutziges Hemd verbargen kaum, dass er während des Aufenthalts im Kerker gefoltert worden war. Die Haare hingen strähnig in ein Gesicht, auf dem keine Regung zu sehen war.

Die letzte Nacht im Kerker hatte Guy nicht schlafen können. Man hatte ihm keinen Priester geschickt, da der König der Meinung war, dass ihm eine Vergebung seiner Sünden nicht zustand. Damit entsprach er sicherlich den Wünschen vieler Menschen, die durch ihn großes Leid erfahren hatten. Guy konnte ihre Rachegelüste durchaus verstehen. Er hatte nicht erwartet, dass man ihn begnadigen würde, der Tod als Strafe für seine Taten, damit hatte er seit Jahren gerechnet, aber nach den Ereignisse der letzten Monate hatte Guy geglaubt, dass man ihm einen leichteren Tod gönnen würde. Der König aber war unversöhnlich geblieben. Hängen, Ertränken, Vierteilen. Selbst hartgesottene alte Krieger hatten Richard erstaunt angesehen, diese Strafe wurde so gut wie nie ausgesprochen, schon gar nicht bei Angehörigen des Adels. Auch wenn es unter den anwesenden Rittern keine Freunde Guys gab, hatte er ob der Grausamkeit des Urteils auf einigen Gesichtern einen Anflug von Mitleid lesen können. Aber Guy hatte zwei Anschläge auf das Leben des Königs verübt, das wog zu schwer. King Richard und sein Vater waren mehr oder weniger direkt für das Unglück, welches über Guys Familie gekommen war, verantwortlich, so dass es Vaisey nicht sehr schwer gefallen war, Guy zu überreden, ins Heilige Land zu reisen. Guys mögliche Gründe für seine Taten hatten bei der Anhörung keine Rolle gespielt, er hatte keine Gelegenheit für eine Rechtfertigung erhalten, das hatte man bei dieser Art Anschuldigung und den dafür vorliegenden Beweisen nicht für nötig gehalten. Auch die Einwände Tucks – der Mönch war der einzige geblieben, welcher sich wegen Guys Verhalten in den letzten Monaten für eine Abmilderung des Todesurteils ausgesprochen hatte – waren beim König auf taube Ohren gestoßen.
So saß er nun in seiner Zelle und wartete auf den nahenden Morgen. Guy hatte gedacht, dass er schon lange mit seinem Leben abgeschlossen hatte. Der Tod von Marian hatte seine ganze Welt auf den Kopf gestellt, nichts war mehr wie vorher gewesen. An diesem Tag war auch etwas in ihm gestorben. Für ihn gab es nun keine Hoffnung mehr. Guy hatte Marian nicht töten wollen. Doch Wut und abgrundtiefe Enttäuschung, der plötzliche Verlust jeglicher Hoffnung und die Erkenntnis, dass Marian ihn trotz allem, was er für sie getan hatte, immer wieder nur benutzt hatte, hatten seine Hand geführt. Erst als Marian aus seinen Armen geglitten war, war Guy mit maßlosem Entsetzen bewusst geworden, was er getan hatte. Was hätte er doch dafür gegeben, wenn er seine Tat hätte rückgängig machen können! Doch das war nicht möglich. Es gab kein Zurück. Über Monate hatte er danach versucht, seine Abscheu vor sich selbst und seinen Kummer im Wein zu ertränken. Das Leben hatte für ihn keinen Sinn mehr gehabt. Natürlich hatte es nicht funktioniert. Als er tiefer kaum noch sinken konnte, hatte er Robin angebettelt, ihn zu töten. Der hatte in diesem Moment wohl erkannt, dass die Strafe größer sein würde, wenn er Guy zum Leben verurteilen würde. Und so hatte er ihm nur eine hässliche Wunde auf der Wange zu verdanken.

Doch dann war das Unglaubliche geschehen. Er hatte Vaisey getötet und zusammen mit Robin dafür gesorgt, dass in Nottingham endlich Frieden und Gerechtigkeit einkehrte. Niemals hätte er es zugegeben, aber er hatte die Kameradschaft unter den Outlaws genossen, gerade weil er so etwas nie erlebt hatte. Natürlich war ihm klar gewesen, dass er ein Außenseiter in ihrem Kreis war, zu Recht, wie er sehr wohl zugeben musste. Zu viel war während seiner Herrschaft geschehen. So hatte es ihn auch nicht wirklich überrascht, dass außer Tuck sich niemand für Gnade bezüglich des grausamen Urteils eingesetzt hatte, dennoch war er ganz hinten in einem Winkel seines Herzens enttäuscht gewesen, dass keiner der anderen Outlaws für ihn gesprochen hatte, als hätte es die gemeinsame Zeit im Lager nie gegeben.

In seiner letzten Nacht auf Erden musste Guy allerdings merken, dass er doch noch nicht vollkommen mit seinem Leben abgeschlossen hatte. Ganz unterschiedliche Gefühle kamen zum Vorschein. Der Wunsch nach Erlösung aus seinem unglückseligen Leben hatte sich vollkommen unerwartet und unwillkommen abgewechselt mit der verzweifelten Hoffnung auf einen Ausweg aus der Situation, auf ein bisschen Glück, eine neue Chance. Er hatte immer gewusst, dass er einmal für seine Taten würde büßen müssen, doch jetzt erschreckte ihn der Gedanke, dass sein Leben in ein paar Stunden enden würde und nichts von ihm bleiben würde außer Hass, Zorn und schlimme Erinnerungen.

Guy trat unter den lauten Rufen der Anwesenden seinen letzten Gang an. Er wusste genau, was ihn erwartete und hoffte, dass er genug Stärke zeigen konnte. Schmährufe, aber auch faules Obst und sogar Steine begleiteten ihn auf seinem Weg. Er sah den Galgen, das große Becken und ganz hinten die vier wartenden Pferde. Nur mit Mühe konnte er ein Schaudern unterdrücken. Als die Gruppe am Hinrichtungsplatz angekommen war, wurde Guy an den Henker und seine Helfer übergeben, die ihn am Fuß des Podestes erwartet hatten. Er wurde vom Henker mit einem Kopfnicken aufgefordert, die Stufen hinauf zu steigen. Oben angekommen wurde er so positioniert, dass die Schlinge genau vor seinem Kopf hing. Nach einem Moment des Wartens stand der König von seinem Platz auf. Er hob die Hand und es wurde still. King Richard sprach davon, was für ein Verbrechen es war, sich gegen den König zu wenden. Guy wollte nicht zuhören, seine Gedanken drehten sich im Kreis. Er konnte nicht leugnen, dass sich in ihm Angst ausbreitete und konzentrierte sich darauf, nichts davon nach außen dringen zu lassen. Er senkte den Kopf.

Unbemerkt hatte sich Tuck genähert, der wohl die Vollstreckung bezeugen sollte. Erst als er direkt vor Guy stand, hob dieser den Kopf und sah dem Mönch in die Augen. Als Tuck erkannte, was in Guys Augen zu lesen war, hielt er den Atem an. Die Qual, die dort geschrieben stand und die bei weitem nicht nur mit seinem baldigen Tod zu tun hatte, ließ ihn vergessen, was er eigentlich gewollt hatte. Einsamkeit, unerwiderte Liebe, tiefe Reue und Bedauern, Angst, in seinen letzten Augenblicken zeigte Guy seine wahren Gefühle hinter dem Menschen, den alle zu kennen schienen. Und Tuck vermutete richtig, dass nie vorher ein Mensch hinter diese Fassade gesehen hatte, nie hatte jemand nach Gründen gefragt. Alle waren davon ausgegangen, dass Guy Marian kaltblütig ermordet hatte. Aus einer Eingebung heraus und ganz im Gegensatz zu dem, was der König gefordert hatte, erteilte Tuck dem zum Tode Verurteilten seinen Segen. Dankbar schloss Guy die Augen.

Die Stimme des Königs drang wieder an sein Ohr. „Guy of Gisborne, wir erkennen Euch den Adelstitel ab. Ein Ritter trat vor, überreichte dem König Guys Schwert, welcher dieser unter zustimmenden Rufen in zwei Teile zerbrach. Von Scham erfüllt sah Guy auf den Boden. Sein Gesicht war eine steinerne Maske.

„Bereitet den Gefangenen vor!“, die Stimme des Herolds klang klar durch den kalten Morgen. Zwei Henkersknechte ergriffen Guys Hände und banden sie auf dem Rücken zusammen, auch seine Beine wurden gefesselt. Dann schoben sie ihn weiter nach vorn. Raue Hände ergriffen seinen Kopf und beugten ihn nach vorn, um ihm die Schlinge um den Hals zu legen. Der Henker kam auf ihn zu und überprüfte den Knoten. Dann nickte er dem König zu und trat zurück. Wieder hob der König die Hand und forderte damit Ruhe ein. Er wandte sich an den Herold und ließ das Urteil verlesen. Nie vorher hatte Guy empfunden, wie grausam dieses ganze Vorgehen war. Wenn er verantwortlich gewesen war, hatte er schnell gehandelt. Gefallen an der Vollstreckung von Todesurteilen oder Folter hatte er nie gefunden, er hatte es aus aus den verschiedensten Gründen meist für notwendig gehalten, Strafen auszusprechen und zu vollziehen, auf das Verursachen von möglichst vielen Schmerzen war es für ihn dabei nicht angekommen. Hier aber war alles darauf angelegt, den Verurteilten so lange wie möglich psychisch und physisch zu quälen.

Das Verlesen des Urteils wurde immer wieder von. Rufen aus dem Publikum begleitet. Für Guy begann die Zeit zu rasen. Er hatte oft gehört, dass in den letzten Momenten das Leben an einem vorbeiziehen würde, aber er sah nur Marian. Marian, wie sie lächelte, Marian als Nightwatchman, ihr Mut und ihr Einsatz für die Armen und dann Marian mit seinem Schwert im Körper. Er wollte sie festhalten, wollte ihr sagen, wie sehr er alles bedauerte, erzählen, dass er am Ende doch getan hatte, was sie immer gewollte hatte, er wollte ihr sagen, dass er sie liebte, auch ein Jahr nach ihrem Tod hatte seine Liebe nichts an Stärke verloren und der Stachel seines Schmerzes über ihren Tod nichts an Schärfe. Robin hatte längst eine andere Liebe gefunden, für ihn aber war das undenkbar.

Viel zu schnell wurde es wieder still. Alle sahen zum König hin, auch Guy. Scheinbar absichtlich nahm sich King Richard viel Zeit und hob langsam den Arm. Er sah Guy an. Doch wenn er gehofft hatte, Angst zu sehen, wurde er enttäuscht. Egal wie es auch in ihm aussah, blickte er doch dem König fast herausfordernd in die Augen. Der Henker näherte sich wieder und stellte sich vor Guy hin. Dieser wusste, was das bedeutete. Der Mann musste alles genau beobachten, damit der Verurteilte nicht schon beim ersten Teil der Hinrichtung starb. Der Arm des Königs neigte sich wie in Zeitlupe. Der Henker sah Guy an und nickte dann. Guys Kopf wurde mit einem Ruck nach hinten gezogen. Der Knoten presste sich schmerzhaft in seinen Hals und drückte ihm die Luftröhre zu. Unwillkürlich kämpfte Guy dagegen an. Seine Beine hatten sich vom Boden gelöst und bewegten sich in dem sinnlosen Versuch, sich Erleichterung zu verschaffen. Sein eigener röchelnder Atem dröhnte ihm in den Ohren. Auch wenn er genau wusste, dass das nur der Anfang war und er jetzt noch nicht sterben sollte, konnte er nichts gegen die Panik tun, die ihn ergriff. Das Atmen wurde immer schwerer und er musste um jeden Atemzug kämpfen. Als die Welt sich verdunkelte, ließ der Druck plötzlich nach und er prallte schmerzhaft auf dem Boden auf. Die Henkersknechte zogen ihn unter hämischen Bemerkungen grob auf die Füße. Sofort knickte er weg, sein rechter Fuß schien gebrochen und stand in einem unnatürlichen Winkel ab. Stechender Schmerz zog sein Bein herauf, als die Männer ihn zwangen, die wenigen Schritte bis zum Wasserbecken zu laufen. Die Schlinge hing ihm dabei noch um den Hals. Guy schüttelte die Wachen ab und lief langsam und schmerzerfüllt, das verletzte Bein nachziehend, aber selbstständig, bis zum mit Wasser gefüllten Becken. Als er am Rand des großen Bottichs stand, schlug ihm einer der Knechte mit einer Eisenstange die Beine weg und er landete auf den Knien, während sein Kopf, da er sich wegen der immer noch auf dem Rücken gebundenen Hände nicht abstützen konnte, auf dem Beckenrand aufprallte. Der Schmerz, der ihn beim Aufprall durchzuckte, war so stark, dass er ein heiseres Stöhnen nicht unterdrücken konnte, was unter den Zuschauern ein Raunen hervorrief. Guy kniete vor dem Wasserbecken, während ihm das Blut über das Gesicht lief und konnte nicht umhin, sich mit Schrecken an eine ähnliche Situation vor Jahren zu erinnern. Damals war es Robin gewesen, der versuchte hatte, ihn zu ertränken. Er wusste bis heute nicht, ob Robin es wirklich getan hätte, wenn ihn Marian nicht daran gehindert hätte. Guys Blick wandte sich der Tribüne zu, wo er Robin und die restlichen Outlaws zu finden wusste. Keiner sah ihn an.

Inzwischen war es wieder ruhig geworden. Gespannt wartete die Menge auf den nächsten Akt. Diesmal näherten sich drei besonders kräftige Henkersknechte. Jeweils einer legte ihm die Hände rechts und links auf die Schulter. Der dritte Knecht trat von hinten an ihn heran und legte seine Pranken auf Guys Kopf. Guy, der körperliche Nähe selten erfahren hatte und es immer gehasst hatte, wenn Vaisey ihm zu nahe gekommen war, musste sich beherrschen, um nicht dagegen anzukämpfen. Wieder näherte sich der Henker und sah Guy erwartungsvoll an. Doch dahinter tauchte Tucks Kopf auf, seine Augen hielten Guys fest. Er murmelte leise Gebete. Der Henker sah zum König hin, dessen Zeichen diesmal schneller kam. Die drei Männer drückten seinen Oberkörper unter Wasser. Erstaunt sahen sie sich an, als sie keine Gegenwehr spürten. Guy versuchte, sich nicht zu wehren. Nach einiger Zeit sahen sie fragend zum Henker hin. Aufmerksam geworden gab dieser das Zeichen. Der Druck auf seinen Schultern ließ nach und sein Kopf wurde an den Haaren aus dem Wasser gezogen. Er riss den Mund auf und rang keuchend nach Atem.

Die Zeit schien sich endlos zu dehnen. Immer wieder wurde Guys Kopf unter Wasser gedrückt, dann ein, zwei Atemzüge frische Luft und danach begann das Ganze von Neuem. Es war ein einziger Alptraum. Seine Lungen brannten. Mittlerweile schaffte er es nicht mehr, sich wehrlos ins Wasser drücken zu lassen. Er kämpfte, auch wenn er wusste, dass es kein Entkommen gab. Die Menschen johlten. Selbst mit dem Kopf unter Wasser konnte er ihre begeisterten Schreie hören, während er um jeden Atemzug kämpfte und dabei immer schwächer wurde und die Qual immer unerträglicher wurde. Und hinter allem stand die fürchterliche Gewissheit, dass das Schlimmste ihm noch bevorstand. Guy verstand selbst nicht, dass er dennoch immer noch am Leben hing. Trotz aller Pein wollte er nicht sterben und wusste doch, dass sein Schicksal besiegelt war.

Erst als die Zuschauer Unmut äußerten, weil die ganze Prozedur ihnen langsam langweilig wurde, gab der König das vereinbarte Zeichen. Mehr tot als lebendig wurde Guy aus dem Wasser gezogen und sank auf den Boden. Doch ihm war keine Pause vergönnt. Die beiden ihm am nächsten stehenden Wachen zogen ihn brutal nach oben und drehten ihn so, dass er die an vier Ecken wartenden Pferde sah. „Bereitet die Vollstreckung der Hinrichtung vor!“, die Stimme des Königs übertönte den Lärm der Zuschauer fast mühelos. Die Wachen stießen Guy mitleidlos in Richtung des Kreuzes in der Mitte, so dass Guy stolperte und nach vorn stürzte. Blut tropfte von seinem Kinn, als er sich mühsam erhob. Gelächter ertönte. In der Mitte angekommen, trat der Henker auf ihn zu und riss ihm mit einem Ruck die Tunika vom Körper, so dass er nun nur noch mit einer zerschlissenen Hose bekleidet war. Die Fesseln an seinen Händen und Füßen wurden mit einem scharfen Messer durchtrennt. Guy zuckte kurz zusammen, als das Messer auch in seinen Handballen schnitt. Dann bedeutete ihm der Henker, dass er sich hinlegen solle. Guy sank auf seine Knie, während die Furcht jeden anderen Gedanken in den Hintergrund rückte. Er legte sich an dem vorgezeichneten Platz auf den Rücken, Arme und Beine ausgestreckt. Welche Obszönität, sich selbst, an den Platz rücken zu müssen, an dem man diesen grausamen schmerzhaften Tod erleiden würde. Zwei Knechte traten näher, zogen seine Arme und Beine auseinander und befestigten sie an den bereitliegenden Seilen. Jede einzelne, meist langsam ausgeführte Handlung war darauf angelegt, selbst jetzt noch den Verurteilten nicht nur körperlich, sondern auch mental zu foltern, ihm jedes Detail möglichst deutlich vor Augen zu führen und ihn keine Sekunde vergessen lassen, was geschehen würde. Guy kämpfte gegen die Panik, die seinen Körper überschwemmte. In grassem Gegensatz dazu stand die Reaktion der Zuschauer. Viele versuchten, sich unter Einsatz von Ellenbogen und Füßen nach vorn zu drängen, um einen möglichst guten Platz zum Beobachten ergattern zu können. Die Menschen mit guter Sicht erzählten den nicht so glücklichen, was sie sahen. Freudige Erwartung lag in der Luft. Nicht zum ersten Mal fragte sich Guy, wie man Hinrichtungen genießen konnte. In seinen Augen war es abartig, Menschen in ihren letzten Augenblicken wie Tiere zu beobachten, jede Regung zu diskutieren und sie wegen gezeigter Schwächen zu verspotten. In York hatte Guy einmal erlebt, wie ein Tode Verurteilter unter Anfeuerungsrufen der Menge gevierteilt worden war. Die Schreie des Unglücklichen hatten noch lange in seinen Ohren geklungen und fanden jetzt eine ganz neue Bedeutung. Guy wollte keine Schwäche zeigen, wusste ab nicht, wie lange er das durchhalten würde.

Noch einmal kam der Henker auf ihn zu und überprüfte umständlich und langsam den Sitz der Fesseln. Als er zufrieden mit dem Ergebnis war, richtete er sich auf und sah Guy hasserfüllt an. „Viel Vergnügen! Mögest du auf ewig in der Hölle schmoren.“ Guy schloss gequält die Augen. In einigen Minuten würde dieser Wunsch in Erfüllung gehen, dachte er mit bitterem Sarkasmus.

Als ihn ein Sonnenstrahl traf, öffnete Guy die Augen wieder und sah zum Himmel auf. Durch den wolkenverhangenen Himmel war ein kleiner Fleck strahlend blauer Himmel zu sehen. Ihm war, als ob er das erste Mal in seinem Leben die Schönheit der Schöpfung wirklich sah. Vielleicht veränderte sich der Blickwinkel, wenn das Leben sich dem Ende zuneigte. Guy hatte selbst viele Menschen, Männer und Frauen sterben sehen, einige davon hatte er selbst getötet. Doch nie war es ihm in den Sinn gekommen, sie nach ihren Gefühlen zu fragen. Und jetzt lag er hier und wartete auf den Tod. Ohne Zweifel wusste, dass er den Tod verdiente, wenn er für ihn selbst die Anschläge auf das Leben des Königs nicht so bedeutsam waren. Ohne allzu große Reue war er immer noch der Meinung, dass ein König die Verantwortung für sein Land trug. Das aber konnte er nicht tun, wenn er in einem fremden Land kämpfte. Allerdings musste er auch vor sich selbst zugeben, dass weder Prinz John noch Sheriff Vaisey mit seinen hochfliegenden Plänen die bessere Wahl gewesen wären. Wirkliches Bedauern fühlte Guy nur wegen der anderen Leben, die er genommen hatte, Bauer, die ihr Schulden nicht bezahlt hatten, Händler, die die Steuern nicht hatten aufbringen können, …. Über allem aber stand die Schuld, die er sich niemals würde verzeihen können. Marian. In einem Moment der grenzenlosen Wut und abgrundtiefen Enttäuschung hatte er ihr Leben ausgelöscht und damit auch jegliche Hoffnung in ihm vernichtet.

Auf dem Platz war eine erwartungsvolle Stille eingetreten. Alle sahen zum König hin. Dieser stand auf und sah mitleidlos zu Guy hin. „Heute ist der Tag, auf den ihr alle gewartet habt. Gisborne wird für alle seine Taten büßen.“ Er hob langsam seine Hand. Guy hielt den Atem an. Jetzt war es also vorbei. Seine Lippen murmelten tonlos ein seit langem vergessen geglaubtes und doch immer gegenwärtiges Gebet: „Vater unser ….“ Nach einer endlos scheinenden Zeit sprach der König mit eisiger Stimme: „Vollstreckt das Urteil.“ Dabei senkte er seinen Arm.

Die vier Henkersknechte gingen zu den vier Pferden hin, während der Henker sich vor ihn hinstellte und ihn beobachtete. Dann nickte er. Die Pferde setzten sich langsam in Bewegung. Unsagbare Schmerzen durchzuckten Guy, als seine Gliedmaßen nach vier Seiten auseinander gezogen wurden. Er krümmte sich. Als er dachte, dass er es nicht mehr aushalten konnte, ließ die Spannung etwas nach und er verstand, dass man es so langsam und schmerzhaft wie möglich machen wollte. Alles tat ihm weh. Der Himmel verschwamm vor seinen Augen. Der Henker verzog sein Gesicht zu einem bösen Grinsen, bevor er ein zweites Mal nickte. Als die Pferde sich erneut in Bewegung setzten und die Seile sich spannten, konnte Guy einen schmerzerfüllten Laut nicht mehr unterdrücken, den nur die am nächsten Stehenden hören konnten. Für diejenigen klang es nicht mehr menschlich, wie ein Tier in höchster Qual. Sein Körper war bis an seine Belastungsgrenze gespannt. Wieder eine kurze Pause. Beim dritten Mal spürte Guy, wie Muskeln, Sehnen und Haut rissen. Er keuchte auf. Unsagbare Schmerzen durchzogen seinen gepeinigten Körper, doch er verlor immer noch nicht das Bewusstsein. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, das hoffte er nun aus ganzem Herzen. Guy versuchte, sich für den letzten Kampf zu wappnen. Der Henker nickte. Die Pferde zogen an. Der jetzt einsetzende Schmerz ließ jeden klaren Gedanken sich in ein Nichts auflösen. Dunkle Punkte tanzten vor seinen Augen, als ein Bild immer klarer wurde: Marian in Acre, in ihrem weißen Kleid, sein Schwert in ihrem Körper steckend. Es wurde dunkel….