Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

[24/7] Jenseits verkehrter Wahrheit

von halfJack
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Krimi / P16 / MaleSlash
L Light Yagami
19.05.2014
13.09.2018
6
18.650
7
Alle Kapitel
18 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
19.05.2014 1.273
 
Inhalt:
Die vorerst letzte Schlacht war geschlagen, es gab einen Sieger und einen Verlierer. Doch der Kampf zwischen L und Kira war noch nicht entschieden.
Die Geschichte setzt im siebten Band, beim Kapitel „Zero“ bzw. nach der Animefolge „Schweigen“ an, basierend auf der alternativen Lösung meiner Fanfiction [24/7] Zwischen den Zeilen.

Kommentar:
Zu gegebener Zeit werde ich die Inhaltsangabe ergänzen. Updates erfolgen nur langsam und unregelmäßig. Die Protagonisten werden manchmal nicht bloß kriminalistische, sondern auch lange ethische Debatten führen, weshalb man wahrscheinlich ein gewisses Interesse dafür aufbringen sollte. Verweise oder Zitate folgen am Ende des jeweiligen Kapitels. Slash kommt durchaus vor, allerdings in Maßen und eher auf zwischenmenschlicher, komplizierter Ebene.
Ich beantworte gern und ausführlich Fragen und freue mich über jede Kritik und Hilfestellung genauso wie über jeden, der nur schweigsam favorisiert.

Disclaimer: Die Rechte an dem Manga „Death Note“ liegen nicht bei mir, sondern bei Tsugumi Ohba und Takeshi Obata. Ich verdiene mit dieser Geschichte kein Geld.

Betaleser: Dornentanz


Hörtest du, es sei gut, den Sieg zu gewinnen?
Ich sage, auch fallen ist gut. Schlachten werden verloren im selben Geist wie gewonnen.
(Walt Whitman)


24/7
Jenseits verkehrter Wahrheit


Prolog

Wie der Blätter Geschlecht, so ist auch das der Menschen. All die linierten Seiten des Todes, besudelt mit zahllosen Namen, wurden vom Herbstwind verweht wie das Laub des heutigen Tages. Es war der fünfte Tag im November.
Die einsetzende Dämmerung sollte der Moment des Sieges sein, der Beginn einer neuen Ära auf dem Triumphzug eines Menschen, der in Kira zum Gott geworden war. Er hatte die Verderbtheit und Ödnis der Welt gesehen. Langweilig und verrottet entblößte sie ihm ihre hässlichsten Seiten. Sie war dem Untergang geweiht und nichts konnte diesen Prozess aufhalten.
Doch mit dem Notizbuch des Todes besaß der Messias der Gerechtigkeit auf einen Schlag etwas, das ihm die Augen öffnete und seine Denkweise veränderte.
Macht. Absolute, unermessliche Macht.
Fortan konnte er ihn zerquetschen, diesen parasitären Abschaum, der mit nichts anderem beschäftigt war, als seine stinkenden Exkremente auf einem Boden zu hinterlassen, der ohne dieses Ungeziefer perfekt sein konnte. Zwischen den Fugen des blanken Fundaments der Gesellschaft wucherten die niederträchtigen Individuen wie Unkraut. Individuen? Menschen? Lachhaft. Nichts weiter als Kakerlaken, die unter Kiras Schritten leise und unbedeutend zerknackten.
Mit jedem Mord, jeder unrechten Tat war Kira weiter abgestumpft und spürte von Sekunde zu Sekunde weniger von sich selbst, seinem längst verdrängten Ich, bis er irgendwann die eigenen Schreie nicht mehr hörte. Er wollte sein menschliches Dasein vernichten, um als Gott einer neuen Weltordnung aufzuerstehen. Die Hinrichtung seines Widersachers war das einzige Opfer, das er hierfür erbringen musste. Damit hielt er das ideale Instrument in der Hand, um aus seinem Inneren den letzten Rest seines schwachen Herzens herauszuschneiden.
Sein Plan war perfekt. Fehlerlos.
Trotzdem hatte Kira versagt. Denn die Todesgötter verrieten ihn und statt seiner gewann L den Kampf. Im neunten Zirkel der Hölle wurde Verrat als die schrecklichste aller Sünden bestraft, aber die Verbindung zwischen dem Besitzer eines Death Notes und seinem Shinigami bestand einzig aus Besessenheit. Woraus war jenes Band geknüpft, das Kira und L aneinander fesselte? Verraten werden konnte man nur, wenn man vertraute. Hybris war Kiras Untergang und der Verlust seines Lebens die Strafe dafür.
Als sollte er absichtlich an das vergangene Martyrium erinnert werden, fand er sich nach seiner Niederlage in einer Gefängniszelle wieder, die jenem Raum glich, in den er sich fünf Monate zuvor freiwillig hatte einsperren lassen. Dieses Mal gab es jedoch kein Entkommen. Dieses Mal sollte Kira wirklich zum Märtyrer werden. Die Menschheit würde ihn niemals vergessen. Jene Gewissheit war der Anker für seinen Verstand, damit er in Gefangenschaft nicht dem Wahnsinn verfiel.
In Japan wird die Todesstrafe durch Erhängen vollstreckt.
Kein festgelegtes Datum bestimmte darüber, wann das Urteil in die Tat umgesetzt wurde. Wochen, Monate, oft sogar über Jahre harrte der Todeskandidat in seiner engen Kammer aus und kannte den Tag seiner Hinrichtung nicht. Manche erfuhren erst Minuten vorher davon.
Kira rechnete nicht damit, jemals seine Familie oder ein anderes verwandtes Gesicht wiederzusehen. Zum Tode Verurteilte wurden all ihrer Rechte beraubt. Ihre Angehörigen wussten häufig nicht einmal, ob sie noch lebten oder bereits tot waren.
Aber Kira konnte nicht sterben. Er war ein Gott. Er war unsterblich.
Das dachte er ungebrochen, als sich die Zellentür öffnete und er einen langen, fensterlosen Gang entlanggeführt wurde. Man brachte ihn in einen kargen Raum, ihm gegenüber befand sich eine bühnenartige Öffnung, verhüllt von einem Vorhang. Ein Mann in Uniform teilte mit weiß behandschuhten Händen den Vorhang in der Mitte, zog erst die eine, dann die andere Seite auf und befestigte den Stoff mit präzisen Bewegungen links und rechts am Rahmen. Dahinter kamen zwei weitere Räume zum Vorschein, horizontal mit einer großen Glasscheibe voneinander getrennt. Durch das Sichtfenster erkannte Kira eine Art Zuschauerloge. Wenige fremde Personen saßen dort.
Nur eines der Gesichter war ihm vertraut.
L hockte in der letzten Reihe auf einem Stuhl, die knochigen Finger wie stets auf seinen angewinkelten Knien. Stechend verweilten Kiras Augen auf seinem einstigen Feind, seinem einstigen Freund.
Währenddessen kehrte der Uniformierte ihm den Rücken zu, blieb vor ihm im Durchgang stehen und verbeugte sich in gerader Haltung vor den Anwesenden. Als er anschließend beiseite trat, gab er den Blick auf ein doppelt umrahmtes Rechteck frei. Jemand forderte Kira auf, voranzuschreiten und sich in das Zentrum des roten Quadratmeters zu stellen. Dann wurde ihm mit sorgsam bemessenen Bewegungen ein Galgenstrick um den Hals gelegt.
Bei der ganzen Prozedur jagte seine Aufmerksamkeit von einer Wahrnehmung zur nächsten. Eine Tür, unweit von ihm, führte wahrscheinlich zu jenem Bereich, wo sich nebeneinander an der Wand drei Schalter befanden, von denen nur einer seine Funktion erfüllte. Doch das würde nicht passieren. L würde es rechtzeitig zu verhindern wissen, schließlich brauchte er ihn für seinen eigenen Lebenszweck. L war die letzte Person, die Kira töten wollte.
Kira konnte nicht sterben. Er war unsterblich.
Seine Augen huschten zurück zum Zuschauerraum, auf die dort kauernde Gestalt, die ihn durchdringend musterte. In den dunklen Tiefen bemerkte er die gleiche besessene Abhängigkeit, die ihn selbst mit Sinn und Allmacht und Glück anreicherte. Ihm lief es vor Aufregung kalt den Rücken hinunter. Siegesgewiss lächelte er.
Im selben Moment öffnete sich der Boden unter seinen Füßen.
Noch im Fall schossen ihm mehrere Fakten durch den Kopf. Die Exekution erfolgte durch Drosselhängung. Ein sofortiger Genickbruch war selten. In der Regel durften die Angehörigen der Hinrichtung nicht beiwohnen, damit sie den Todeskampf des Verurteilten nicht sahen.
Ruckartig hingen Kiras Beine in der Luft, das Seil rutschte mit einem zurrenden Geräusch zwischen den Schlaufen hindurch, als sich die Schlinge zuzog, enger und enger umschloss sie seine Kehle, er versuchte zu schlucken, zu atmen, zu schreien, die Adern an seinem Hals schwollen an, Blut pochte in seinen Ohren und Schläfen, erstickender Druck pulsierte in der Stirn, sein Kopf wurde heiß, sein Nacken steif, seine Glieder verkrampften sich, zappelnd traten seine Füße ins Nichts, suchten nach Halt in der Leere, aus seinen aufgerissenen Augen quollen Tränen, seine Pupillen rollten nach oben, die Decke, eine Lampe, eine Kurbel, ein Strick.
Schweißgebadet zuckte Kira zusammen und schreckte aus seinem Dämmerzustand hoch.
Er saß wieder auf dem Boden seiner Gefängniszelle, die Arme im Rücken gefesselt, um Atem ringend und panisch. Allmählich schärften sich die Konturen der Realität. Er ermahnte sich zu mehr Haltung, doch noch immer schlug sein Herz heftig, es beruhigte sich langsam, aber es hörte nicht auf zu schlagen.
Er hob den Kopf, starrte auf die Tür zu seiner Zelle und wartete darauf, dass sie sich öffnete.

__________
Anmerkung:
Der erste Satz basiert auf einem Zitat aus der „Ilias“ von Homer: Gleich wie die Blätter im Walde, so der Menschen Geschlecht, dies wächst und jenes verschwindet.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast