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Ein Mann, der weiß, was er will

von ACZHS
KurzgeschichteAllgemein / P6 / Gen
Charlie Dalton
17.05.2014
17.05.2014
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Hallo.
Heute mal in diesem Bereich ein kleiner Oneshot. Er spielt eher gegen Ende des Filmes. Ich stelle die Behauptung auf, dass das Dokument, was am Ende alle unterschreiben müssen, tatsächlich erst auch Charlie mit aufgelistet hatte. Es wurde dann nur geändert, bevor es den anderen vorgelegt wurde. Hier könnt ihr dann halt lesen, warum. ;P
Ich hoffe, irgendwer liest das hier eben überhaupt und es gefällt dann auch. :)

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Als Charlie in den Raum kam, war er nicht unbedingt überrascht, neben Mister Nolan auch seinen Vater zu sehen.
Er war spätestens zu weit gegangen, als er Cameron geschlagen hatte. Vielleicht hatte Mister Nolan seine Entscheidung auch schon gefällt, als er von Cameron gehört hatte, dass er ebenfalls im Club der toten Dichter gewesen war, wie sie alle viele Nächte herausgeschlichen war. Vielleicht hatte Cameron dabei auch gleich von den zahlreichen Zigaretten und den Frauen erzählt. Vielleicht hatte es dann keine Rolle mehr gespielt, dass Mister Keating in dieser Sache der Schuldige sein sollte. Vielleicht hatte Mister Nolan schon dann beschlossen, dass er ihn, Charlie, nie wieder in die Ordnung bekommen konnte, die Welton so streng versuchte, aufrecht zu erhalten. Vielleicht war es aber auch doch erst der Schlag gewesen.
Nun waren zumindest offenbar seine Eltern informiert worden und hier war sein Vater.
Seine Eltern waren ansonsten viel unterwegs. Sein Vater war ein hoher Angestellter in einem Unternehmen. Er reiste viel und meist kam seine Frau mit ihm. Charlie hatte früher manchmal mitkommen dürfen, meist war er jedoch Zuhause geblieben und war an den Privatschulen, die er besucht hatte, von Lehrern betreut gewesen und  Zuhause von diversen Nannies.
Sie müssten so viel reisen für seinen Beruf, hatte ihm sein Vater das ein oder andere Mal erklärt. Deswegen solle er Banker werden. Er würde ähnlich gut verdienen, aber nicht so viel dafür reisen müssen.
Er würde aber wohl ein ähnliches Arbeitspensum haben, sodass er seine Familie genauso wenig sehen würde, aber das schien sein Vater nicht sehen zu wollen.
So oder so... Sein Vater hatte nie sonderlich viel Zeit für ihn gehabt. Aber wenn Mister Nolan ihn hierher bat... Natürlich kam er. Es war immerhin ein anderer Erwachsener und nicht nur sein eigener Sohn, der praktisch noch ein Kind war.
Und er musste gewusst haben, dass das hier ein wahrhaftig ernstes Gespräch um Charlie werden würde, das keinen positiven Ausgang haben würde. Sonst hätte er seine Frau mitgenommen – bei zu wichtigen Gesprächen, bei denen ihr Aussehen nichts helfen könnte, sollte sie nie stören.
„Mister Dalton. Setzen Sie sich bitte“, forderte Mister Nolan ihn auf und Charlie sah es schon wieder in seinen Augen. Die Genugtuung, die Mister Nolan zu bekommen schien, wenn er die Schüler manipulierte, sie erfolgreich in sein Muster presste. Was auch immer er hier noch pressen wollte... Woraus auch immer er hier noch die Genugtuung ziehen würde...
Er würde jawohl lediglich seinem Vater all die Fehltritte Charlies erklären und warum er keine andere Wahl gehabt hatte, ihn letztendlich doch der Schule zu verweisen.
Charlie ließ sich langsam neben seinem Vater auf dem Stuhl nieder, während Mister Nolan auch schon fortfuhr: „Ich habe Ihrem Vater soeben von Ihrem Missverhalten der letzten Wochen berichtet.“
„Charles“, erhob sein Vater im nächsten Moment die Stimme. Nicht laut, aber deutlich und autoritär genug, dass Mister Nolan wissen musste, dass er nun zu schweigen hatte.
Früher hatte sein Vater ihn auch Charlie genannt. Irgendwann hatte er wohl beschlossen, dass es an der Zeit war, dass sein Sohn erwachsen wurde. Seitdem nannte er ihn Charles.
„Du hast einen deiner Mitschüler geschlagen?“
Charlie sah ihm in die Augen, baute Blickkontakt auf, auf den sein Vater immer so unglaublich bestand. „Ja.“
Sein Vater wandte seinen Blick nicht wieder ab, aber sagte auch nichts.
„Wie ich Ihnen eben erklärte, Mister Dalton“, wandte sich Mister Nolan nach einer Weile an Charlies Vater, der langsam wieder zu ihm sah, „kann ein solches Verhalten nicht toleriert werden. Allerdings ist die Schule bereit, Ihrem Sohn eine zweite Chance zu geben.“
Überrascht sah auch Charlie wieder zu Mister Nolan. Sie würden ihn nicht direkt von der Schule verweisen?
Aber natürlich! Sein Vater steckte zu viel Geld in die Schule. Ständig zahlte er Zusätze, spendete. Das war der Grund, warum Charlie bisher nicht hatte gehen müssen, obwohl er den Bogen an einigen Stellen schon überspannt hatte. Vor allem in der Sache mit der Schülerzeitung.
Nun hatte er sogar einen Mitschüler schlagen können, aber das Geld wäre der Schule mehr Wert?
Er hätte verachtlich auf den Boden spucken können.
Mister Nolan fuhr fort: „Nach allem ist es wohl eher Mister Keating zuzuschreiben, der auch den Tod eines anderen Schülers zu verantworten hat. Ihr Sohn wird damit sicherlich übereinstimmen und das hier per Unterschrift bestätigen.“ – Mister Nolan schob ein Dokument über den Schreibtisch. – „Außerdem werden ihm ab sofort alle Privilegien entzogen, aber er wird diese Schule weiter besuchen dürfen.“
Wäre nicht alles in ihm sofort taub und kalt geworden, als Mister Nolan so nachlässig von Neils Tod sprach, in einem Nebensatz, dann hätte es in ihm gekocht.
Reichte Cameron nicht, der Mister Keating so eindeutig beschuldigt hatte? Würden die anderen nicht reichen, die doch sicher auch die Geschichte bestätigen würden, um sich zu retten? Glaubte Mister Nolan wirklich, er, Charlie, würde irgendetwas in der Richtung unterschreiben?
Aber natürlich, deswegen war sein Vater hier. Um ihn zu manipulieren. Vielleicht würden die Eltern der anderen auch kommen, um sicherzustellen, dass die Söhne alles tun würden, was von ihnen verlangt wurde.
„Ich würde gerne alleine mit meinem Sohn sprechen“, beschloss Charlies Vater ruhig.
Mister Nolans Gesicht versteifte sich einen Moment. Es war eindeutig eine direkte Aufforderung, die beiden alleine zu lassen, für Mister Nolan das eigene Büro zu verlassen.
Letztendlich schluckte er aber tatsächlich und stand auf.
„Ich werde Ihnen ein wenig Zeit geben“, sagte er, bevor er den Raum verließ.
Längst war der Blick von Charlies Vater wieder auf seinen Sohn geheftet. Prüfend.
Nach einem Moment sagte er sachte: „Es tut mir Leid, was mit Neil geschehen ist.“
Charlie senkte den Blick. Er würde vor seinem Vater nicht weinen. Aber er konnte auch nicht über den Tod seines besten Freundes sprechen.
„Sieh mich an, Charles“, verlangte der Mann und schwerfällig hob Charlie wieder den Blick und sah ihn an.
„Was hat es mit diesem Lehrer auf sich?“
„Mister Keating hat nichts getan“, antwortete Charlie entschieden, sah kurz zu dem Dokument, das Mister Nolan über den Schreibtisch geschoben hatte, und musste es nicht lesen, um zu wissen: „Und ich werde das hier nicht unterschreiben.“ Er schob es von sich weg.
Sein Vater sprach mindestens ebenso entschieden wie er: „Du wirst diese Schule nicht verlassen. Sie ist die beste, die es gibt.“
Und Charlie wusste nicht, was er dagegen halten konnte. Er hatte noch nie gewusst, wie er mit seinem Vater hatte argumentieren können. Ebenso, wie Neil es nie mit seinem Vater gekonnt hatte.
Und er dachte selbst zurück an seine Kindheit. Als sein Vater eines Abends Zuhause gewesen war und sich nicht daran gestört hatte, dass Charlie auf seinem Schoß gesessen hatte, während er noch durch einige Dinge am Schreibtisch gearbeitet hatte.
Und Charlie wusste nicht mehr, wie sein Vater darauf gekommen war, er konnte sich nicht daran erinnern, ob er sich womöglich zuvor ob der wenigen Zeit beschwert hatte oder ähnliches, aber sein Vater hatte gesagt: „Ich bin der Mann des Hauses, Charlie. Ich muss die Familie ernähren und dich und deine Mutter beschützen.“
„Ich bin auch ein Mann“, hatte Charlie gesagt und sein Vater hatte aufgelacht und ihm durchs Haar gestrichen: „Du bist noch ein Junge. Aber irgendwann wirst du ein Mann sein. Einer, der weiß, was er will und alles tun wird, um seine Ziele zu erreichen. Der selbstbewusst und stark ist.“
Und er hatte auch damals schon gewusst, was er wollte. Er hatte mehr Zeit mit seinen Eltern gewollt. Er hatte eine neue Nanny gewollt, weil die aktuelle ihm ständig grundlos wehgetan hatte. Er hatte so wahnsinnig viel gewollt.
Aber sein Vater hatte sicherlich Recht, hatte er sich gesagt. Was wusste er schon? Vielleicht hatte er ihn nur nicht richtig verstanden?
Und er hatte nichts mehr gesagt, denn letztendlich hätte er seinen Vater vielleicht doch noch gestört oder verärgert und so hatte er vielleicht noch ein wenig bei ihm sitzen können, bevor sein Vater ihn ins Bett schicken würde und er seine Mutter noch durch ein wenig Betteln dazu bringen könnte, ihn tatsächlich ins Bett zu bringen, ihm noch etwas vorzulesen, bevor er wieder alleine im Dunkeln liegen würde.
Und genau das hatte ihn zum Kind gemacht. Zum kleinen Jungen. Das Schweigen. Er war kein kleiner Junge mehr. Er wusste, was er wollte und er würde alles tun.
Er hielt dem Blick seines Vaters weiter stand, während er endlich wieder die Stimme hob: „Mister Keating hat uns daran bestärkt, wir selbst zu sein und unsere eigenen Ziele zu erkennen, im Gegenteil zum Rest der Schule. Vater, du warst es, der früher immer zu mir gesagt hat, dass ich ein Mann werden soll, der weiß, was er will. Hier bin ich. Ich werde dieses Dokument nicht unterschreiben. Ich werde diese Schule verlassen. Es gibt ähnlich gute an anderen Orten.“
Er zögerte einen Moment, nahm dann all seinen Mut zusammen und sagte, ebenso entschlossen wie den Rest: „Ich werde außerdem kein Banker. Ich weiß noch nicht, was ich sonst möchte, aber ich weiß, ich werde kein Banker.“
Sein Vater sagte kein Wort. Stattdessen sah er ihn so intensiv an, dass Charlie Mühe hatte, nicht doch zwanghaft den Blick zu senken.
Selbst, als sie beide hörten, wie die Tür sich öffnete, wandten sie sich nicht voneinander ab.
„Nun?“, hörten sie Mister Nolan, während der Mann wieder zu seinem Platz zurückging und sich dort niederließ.
Einen weiteren Moment, dann wanderte der Blick von Charlies Vater langsam zu Mister Nolan.
„Nun“, entgegnete Charlies Vater. „Ich muss sagen, ich bin enttäuscht, Mister Nolan. Offenbar ist diese Schule nicht das, was ich dachte, was sie sei. Mein Sohn wird nichts unterschreiben.“
Im gleichen Moment stand er auf und hielt Mister Nolan noch die Hand hin, die der verwirrt schüttelte.
Charlie stand fassungslos ebenfalls auf.
Geschah das hier tatsächlich? Erkannte sein Vater an, was er gesagt hatte?
Und tatsächlich ging sein Vater, nach einer kurzen Geste, dass er ihm folgen sollte.
Charlie folgte es sogleich, doch er konnte nicht anders, als sich noch einmal umzudrehen, als er an der Tür angelangt war, noch einmal zu Mister Nolan zurückzublicken, ein letztes Mal.
Er hatte ihn nicht gebrochen. Er würde es offenbar auch nie wieder versuchen können. Charlie würde Hellton endlich verlassen.
Nuwanda hatte Mister Nolan geschlagen.
Natürlich grinste er ihm zu.
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