Von Wein und brennenden Brücken

von Ylvi
GeschichteRomanze, Angst / P18 Slash
Blaine Anderson Kurt Hummel
13.05.2014
13.07.2014
12
41410
7
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Dieses Kapitel
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Viel Spaß allen beim Lesen :)
Die Warnungen über den Kapiteln gelten immer zusätzlich zu denen in der Kurzbeschreibung.


Warnungen: Detaillierte Beschreibung von Depression. Wer sich dabei unwohl fühlt, kann dieses Kapitel überspringen. Alles, was darin vorkommt wird im Laufe der Geschichte erklärt.






New York, I love you



Ich wache auf; um mich ist es dunkel. Dunkel und warm. Ich presse meine Augen zusammen und ziehe die Decken um mich herum höher. Es kann nicht dunkel genug sein.

Und ruhig.

In meinem Zimmer ist es so ruhig, die Stille drückt auf meine Ohren, bis sie beinahe bluten.

So still.

Wie in einem Grab.

So still, man könnte meinen außer mir existiere kein anderes Lebewesen.

So still.

Ich presse mir ein Kissen auf die Ohren. Mein Atem ist laut. Meine Finger verkrampfen sich in der Bettdecke.

Ich will wieder einschlafen. Es ist das einzige, das ich noch will. Schlafen. Es ist das einzige, das ich noch mache. Schlafen.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal die Wohnung verlassen habe. Nicht für die Beerdigung. Und nicht für die Gerichtsverhandlung. Nicht einmal um mein Baby zu sehen.

Es kümmert mich nicht. Das würde zu viel Kraft kosten und ich habe keine Kraft mehr. Sogar die wenigen Schritte zwischen Schlafzimmer und Bad sind anstrengend für mich. Sogar schlafen ist anstrengend, aber weniger anstrengend als alles andere und viel weniger anstrengend, als wach zu liegen und  zu denken, denken, denken, bis mir der Kopf platzt, bis ich schreie, so unwirklich, unmenschlich und sie in mein Zimmer gelaufen kommen und auf mich einreden, bis ich aufhöre zu schreien, nur um wieder zu schlafen.

Schreien macht müde.

Aber bei so viel Stille kann ich einfach nicht anders als zu schreien. Wenigstens manchmal.

Selbst unter all meinen Decken und Kissen höre ich, wie sich die Tür leise öffnet. Ich weiß, dass sie oft nach mir schauen. Manchmal sitzen sie stundenlang bei mir, nie alle auf einmal, aber ich bin nicht so oft allein, außer wenn ich mir die Mühe mache und darum bettle. Vorher gehen sie nicht.

„Bist du wach?“, wispert die Stimme meines Vaters in der Dunkelheit. Ich antworte nicht, aber er kommt trotzdem herein.

„Kurt, ich weiß, dass du wach bist“, sagt er leise und seufzt, dann kommt er herüber zum Bett. Die Matratze sinkt unter seinem Gewicht. Eine Hand schiebt die Decke an meinem Kopf zur Seite, nur ein kleines Bisschen und ich blinzle in die Dunkelheit. Mein Vater zieht das Kissen weg, das ich mir über den Kopf gezogen habe und legt es zur Seite. Dann spüre ich seine rauhe Hand an meiner Wange und Stirn, als er mir vorsichtig die schweißverklebten Haare aus dem Gesicht streicht.

„Ich wünschte, du würdest mit mir reden.“ Er seufzt wieder. Seine Stimme ist so schwermütig, sie versetzt mir einen kleinen Stich. Eine winzige Gefühlsregung, kaum der Rede wert. Ich dränge sie sofort zurück. Hinter diesem kleinen Schmerz wartet ein noch viel größerer.

Immer noch streicht er mir über die Haare, eine ungewohnt sanfte Geste für meinen Vater.

„Brauchst du irgendwas?“, fragt er. „Tee? Etwas zu essen? Kakao?“ Ich hätte wohl gelächelt, wenn es nicht so anstrengend gewesen wäre, so ungewohnt, meine Gesichtsmuskeln auf diese Art zu verziehen. Kakao gab es früher immer, wenn es mir nicht gut ging. Nach dem Tod meiner Mutter habe ich jeden Abend Kakao getrunken.

Ich ziehe die Decken höher und er lässt von meinen Haaren ab, als ich wieder meinen Kopf verstecke.

„Ich mach dir einen Tee. Und Adam ist da.“

Er sagt noch etwas, aber ich höre nicht mehr zu. Wenn jemand zu viel redet werde ich müde. Es ist so schwer, sich auf mehr als zwei Sätze nacheinander zu konzentrieren, dass ich die Anstrengung kaum auf mich nehme.

Mein Vater redet nie viel mit mir. Vielleicht weiß er am besten wie es mir geht und er war nie jemand, der viel redet. Manchmal, wenn ich wach bin, weil ich einfach nicht mehr schlafen kann und ich versuche nicht zu denken und scheitere frage ich mich wie er es geschafft hat. Wie lebt man weiter, wenn die wichtigste Person im Leben eines Menschen stirbt? Wie lebt man weiter, wenn man seinen besten Freund und seinen Liebhaber verliert? Den Menschen, dem man ewige Treue geschworen hat und bis dass der Tod uns scheidet.

Mein Körper krümmt sich zusammen und ich wimmere unter meinen Decken, wimmere und versuche zu atmen, weil ich nicht aufhören kann zu atmen, warum kann ich nicht aufhören?

Diesmal bemerke ich nicht wie die Tür aufgeht.

Adam ist nicht so zögerlich wie mein Vater. Er legt sich zu mir ins Bett, wühlt zwischen Decken und Kissen nach mir und zieht man zitternden Körper an seinen.

Ich denke bis dass der Tod uns scheidet.



Es vergeht eine unbestimmte Menge an Zeit. Ein Rieseln durch die Sanduhr, die ich nicht sehen kann. Als ich wieder auftauche – so weit ich es eben schaffe aufzutauchen, nur um kurz Luft zu schnappen, nur ganz kurz…! – redet Adam. Er redet leise, aber bestimmt.

Er sagt: „… ich kann das nicht länger mit ansehen, das musst du doch verstehen. Du bringst dich um und wir können dir nicht beim Sterben zusehen. Wir haben so lange gewartet, aber wenn wir länger warten…“ Er bricht ab.

Ich blinzle verständnislos, mein Gesicht in seinen Nacken gepresst. Seine Finger streichen über meinem Nacken.

„Ich dachte wir könnten uns hier um dich kümmern, aber… du brauchst Hilfe, Kurt. Mehr Hilfe, als wir dir geben können. Du isst nicht einmal.“ Er zieht mich näher an sich heran.

Ich antworte nicht.

Irgendwann schlafe ich ein.



Ich habe einen dieser Träume. Von dieser Nacht.

Mein Körper schmerzt, ein Phantom der Schmerzen aus dieser Nacht. Um mich herum in der Dunkelheit, vereinzelte Lichter, trüb und düster und nie hell genug und ich wünsche mir, ich könnte sehen, aber dann sehe ich ihn. Es ist gerade hell genug, um seine reglose Gestalt am Boden erkennen zu können, nur wenige Meter von mir entfernt.

Mein Atem stockt.

Nein, denke ich. Nein. Nein.

Ich rapple mich hoch, doch ein stechender Schmerz durchfährt meinen Brustkorb und ich sacke stöhnend zurück. Andrews Gesicht ist von mir abgewandt. Als ich zu ihm hinüber krieche sehe ich im schummrigen Licht das Blut, das seine Haare verkrustet.

Ich strecke meine zitternden Hände nach ihm aus. Der Boden, auf dem ich knie, ist kalt und die Kälte hat sich längst in all meine Glieder geschlichen, hat sie erobert und lässt sie zittern, zittern.

Andrew zittert nicht. Er ist ganz still.

In der Dunkelheit kann ich sein Gesicht kaum erkennen, so entstellt und voller Blut.

„Drew“, wispere ich, greife nach seiner Hand. „Drew!“ Ich rüttle sanft an seiner Schulter, bevor meine Finger an seinen Hals wandern, suchend, nach einem Stück warmer Haut und einem schlagenden Herzen.

Mein Atem geht schnell und laut und es ist immer noch so dunkel.

„Drew“, schluchze ich und er ist immer noch zu still und mein Finger suchen, aber finden nicht. „Drew, bitte…“

Er ist weg, denke ich.

„Komm zurück… sag was! Drew! Komm zurück…“



Tränen laufen mir über das Gesicht, als ich aufwache.

Das Bett neben mir ist leer, dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass ich in Adams Armen eingeschlafen bin. Ich drehe meinen Kopf zur Seite und fummle an meinem Wecker, bis die Ziffern aufleuchten. Es ist kurz nach vier. Mitten in der Nacht.

Ich seufze und rolle mich auf den Rücken, aber das schwache Licht meines Weckers erinnert mich zu sehr an all die verschwommenen Lichter in meinem Traum und ich taste hektisch die Wand nach dem Lichtschalter ab.

Es ist viel zu hell und ich schlage mir die Hände vors Gesicht, aber ich kann gerade nicht im Dunkeln sein, also blinzle ich ein paar Mal, bis ich in der Lage bin an die Decke zu starren ohne dass meine Augen brennen.

War Adam wirklich hier?

Ich taste mit der Hand die leere Hälfte des Bettes neben mir ab, als würde ich den Geist meines Mannes dort suchen. Vergeblich natürlich.

Andrew ist längst beerdigt und ich glaube nicht an Geister.

Es ist zu warm unter meinen Decken und ich werfe sie zur Seite, aber dann ist mir zu kalt, als die Luft im Zimmer den Schweiß auf meiner Haut trocknet. Es sind die Albträume, die mich schweißgebadet erwachen lassen, Nacht um Nacht.

Je wacher ich werde, desto besser erinnere ich mich. Die Fetzen meines Traumes vermischen sich mit wirklichen Erinnerungen. Ich versuche an etwas anderes zu denken, an weniger tiefe Abgründe.

War Adam vorher hier?

Und dann fällt mir auch wieder ein, was er gesagt hat, während ich mich zitternd in seinen Armen verkrochen habe.

Etwas von Hilfe, die ich brauche und dass sie sich nicht mehr um mich kümmern können.

Und während seine Worte zuvor nur unverständliches Zeug gewesen waren, ergeben sie jetzt mehr und mehr Sinn.

Sie wollen mich einweisen lassen.

Diese Erkenntnis schreckt mich wacher als es das helle Licht jemals gekonnt hätte.

Adam ist Psychologe. Wenn er so verzweifelt ist, dass er bereit ist, mich zu anderen – fremden – Ärzten in Betreuung zu geben muss es wirklich schlimm sein. Zugegeben ich war in letzter Zeit nicht ich selbst… Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal mit jemandem gesprochen habe. Oder duschen war.

Ich versuche mich an meine letzte Mahlzeit zu erinnern und scheitere.

Die Vorstellung von künstlicher Ernährung lässt mir die Galle in den Mund steigen. Ich denke an Schläuche und ein Krankenhausbett, ein fremdes Zimmer, fremde Menschen, oh Gott, oh Gott.

Mir wird schwindlig. Ich richte mich auf, stelle die Füße auf den Boden, lege den Kopf auf die Knie. Keine Ahnung ob das etwas nutzt, aber ich will gerade nicht liegen.

Ich kann das nicht, denke ich.

Das können sie nicht mit mir machen.

Es ist, als würde mein Kopf abermals durch die Wasseroberfläche stoßen und ich schnappe nach Luft, bevor sich meine Atmung beruhigt. Mir ist immer noch etwas schlecht, aber ich habe nicht mehr das Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen.

Ich will nicht in ein Krankenhaus, kann nicht. Vielleicht ist es egoistisch, dass ausgerechnet die Angst um mich selbst mich dazu bringt, aus meiner Starre zu erwachen, aber jetzt, da es mir so klar vor Augen ist, kann ich nicht mehr zurück.

Ich muss hier raus.



Es ist noch immer früh am Morgen und unsere – meine – Wohnung ist still, bis auf das Schnarchen meines Vaters im Wohnzimmer und das Geräusch des Reißverschlusses, als ich meinen Koffer schließe.

Eine Weile stehe ich im Türrahmen, gleich neben der Couch, auf der mein Vater schläft. Um mich herum ist das Licht dämmrig, grau, aber es wird stetig heller. Von draußen dringt Straßenlärm herein. In meiner Stadt ist es nie ganz ruhig. Irgendwie habe ich das vergessen in den letzten Wochen. Ich fühle mich wie ein Tauber, der langsam lernt wieder zu hören.



Unten auf der Straße atme ich ein paar Mal tief.

Dann ein Taxi zum Flughafen.

Ich sehe meine Stadt an mir vorbei ziehen, starre, versuche alles in mich aufzunehmen. So viele Straßen, die ich kenne und so viele, die ich noch nie gesehen habe.

Ich verabschiede mich stumm.

Es tut nicht einmal weh.
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