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Three Rooms

von Die Meg
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Gen
Draco Malfoy Hermine Granger
12.05.2014
28.05.2014
24
142.856
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12.05.2014 8.983
 
Kapitel 6

Sie saß auf der kühlen Steinbank im Innenhofgarten des Schlosses. Die Glyzinien, oder Blauregen, wie man sie hier nannte, hingen in herrlich blauer Pracht an den Mauerwänden in dichten Blütentrauben, schwerfällig wie Weinreben, hinab.
Neben ihr summten ein paar Bienen träge in den Rosenbüschen, und alle Vögel sangen heute, bestimmt von der Sonne müde, eher verhalten um die Wette.
Die Sonne schien warm und sommerlich auf ihre bloßen Beine hinab. Sie hatte heute in weiser Voraussicht auf die Strümpfe verzichtet. Der Wind rauschte durch die Blätter der Linden, und der Innenhofgarten war wie ein kleines Biotop, was sich im großen Rechteck in die torbogenartigen Mauerunterführungen fügte.

Einige der Schüler lümmelten sich auf dem grünen Gras in der Mitte vor dem Zierteich, und Hermine sah einer Libelle zu, die auf einem der Seerosenblätter ein Nickerchen zu machen schien. Der Körper glänzte grünlich in der Sonne. Das Wasser war in ständiger Bewegung, denn ein angelegter kleiner Natursteinwasserfall plätscherte beruhigend vor sich hin. Der Schilf, der um den See wuchs, wiegte sich leicht im Wind, und von den Jasmin-Sträuchern neben ihr wehte ein wunderbar süßer Duft in ihre Richtung.

Die wenigen Schüler hier ruhten sich auf Decken aus und sprachen gar nicht. Sie genossen die warme Sonne und die Freistunden, die sie wohl hatten. Auch Hermine gönnte sich die Ruhe, denn Ron und Harry besuchten gerade Hagrid, Ginny hatte noch Unterricht, bevor Hermines ZAG Kurs begann, und absolut niemand störte sie. Für gewöhnlich war der Innenhof auch um einiges voller, aber wahrscheinlich waren die meisten heute unten am See, bei einem solchen Wetter.
Sie hatte sich bei den Jungen entschuldigt, denn sie brauchte ein bisschen Ruhe, um nachzudenken. Sie hatte ihnen gesagt, sie müsste sich vor ihrem Kurs noch um Schulsprecheraufgaben kümmern, was auch immer glaubwürdig war, aber jetzt gerade ruhte sie sich einfach nur aus.

Sie schlüpfte aus den flachen Schuhen und ließ ihre nackten Füße über den Grashalmen baumeln. Das Gras war angenehm kalt. Der leichte Wind schien ihr Gesicht zu streicheln, spielte mit ihren losen Haarsträhnen, und Hermine strich sie lächelnd hinter ihr Ohr.

Das schlechte Gewissen in ihrem Innern war heute angenehm still. Ein Zitronenfalter flog unentschlossen vor ihr durch die Luft und ließ sich schließlich neben ihr auf dem kühlen Stein der Bank nieder. Sie beobachtete, wie er seine Flügel ausbreitete, und genüsslich schloss sie die Augen.

Am liebsten würde sie hier wohnen, hier, im Innhofgarten. Hier war alles sommerlich friedlich.

Kein Draco Malfoy.

Sie wollte nicht schon wieder an ihn denken, aber die Gedanken kamen, ohne dass sie es verhindern konnte. Und sie brachten dieses Gefühl mit. Diese heißen Schuldgefühle.
Sie hatte von ihm geträumt, letzte Nacht. Natürlich. Ihre Hand hob sich unbewusst zu ihren Lippen, als sie an den Kuss dachte, an die Minuten, die er sie gefangen gehalten hatte, direkt unter ihm, unter seinem Körper.

Eine Wolke schob sich vor die Sonne und die Hitze verschwand für einen kurzen Augenblick.
Sie öffnete blinzelnd die Augen und schämte sich für ihre Gedanken, hatte fast Angst, jemand hier hätte sie heimlich gelesen. Sie sah sich kurz um, aber die Schüler lagen alle immer noch faul auf ihren Decken und räkelten sich in der wiederauftauchenden Sonne.

Wieso hatte er sie geküsst? Wieso hatte er das getan? Wie konnte er so etwas tun? Ohne Skrupel, einfach so? Sie erinnerte sich schon kaum noch an ihr vorangegangenes Gespräch. Hatte es etwas damit zu tun gehabt? Selbst wenn! Hätte er es doch einfach nicht getan! Dann müsste sie jetzt nicht daran denken! Dann müsste sie es vor allem nicht vor Harry und Ron verheimlichen. Und was bedeutete das jetzt?

Dass er sie mochte wohl kaum. Er war Draco Malfoy. Aber… küsste man jemanden, den man nicht mochte? Sie spürte die Röte in ihren Wangen. Nein, sie mochte ihn nicht. Aber… sie hatte ihn zurückgeküsst. Und Merlin, sie hatte es sogar gewollt. Und sie wusste nicht, warum. Denn er war ein widerlicher Todesser. Sie spürte, wie ihre Mundwinkel bitter nach unten sanken. War sie so ein Mädchen? Konnte sein Aussehen plötzlich seinen verdorbenen, furchtbaren, verachtungswürdigen Charakter wettmachen? Nein!

Das war doch einfach nicht zu fassen. Sie war zwar unerfahren, aber sie wusste, das war ein guter Kuss gewesen. Ein unglaublich guter Kuss. Warum ausgerechnet mit Malfoy? Warum nur?! Und dass der Kuss vielleicht… gut gewesen war, bedeutete noch lange nicht, dass irgendwas daran richtig war!

Sie hatte sich hilflos gefühlt und ausgenutzt. Und es hätte nicht passieren dürfen! Er nannte sie Schlammblut, Merlin noch mal. Er sollte es einfach nicht getan haben! Was war in ihn gefahren? Sie hatte so viele Fragen. Und Harry war unglaublich misstrauisch. Eigentlich immer. Sie hoffte, Malfoy würde es nicht gegen sie ausspielen. Aber… Pansy würde dann wahrscheinlich eine Hetzjagd veranstalten. Hermine atmete lange aus.

Ein Junge auf einer Decke sah sie an. Sie bemerkte es erst jetzt. Erschrocken setzte sie sich aufrechter hin. Ein Hufflepuff, so viel erkannte sie zumindest an seinem Hemd. Seinen Namen wusste sie nicht. Kein Vertrauensschüler. Er schenkte ihr ein knappes Lächeln, ehe er sich wieder seinem Gespräch zuwandte.

Fremde Jungen lächelten ihr zu. Es passierte ab und an mal. In der Halle oder auf den Fluren. Es war ihr schon aufgefallen, und sie schob es alles auf ihren verdammten Busen, der so groß geworden war. Vor einigen Jahren hatte sie noch überlegt, ihn kleiner zu hexen, aber sie hatte davon abgesehen. So groß war er auch nicht, aber… und immer wieder fiel ihr dieser Vergleich ein, auch wenn es absolut oberflächlich war… aber er war größer als Pansys.
Und sie wusste, zumindest Pansy machte es wahnsinnig.

Hermine war nicht eitel mit sich selbst. Ihr Körper war einfach so geworden, wie er jetzt war. Der oberste Knopf ihrer Blusen ließ sich nicht mehr schließen. Wegen ihrem Busen passten ihre Sachen nicht mehr, Pansy hatte ihr schon lange den Krieg erklärt und Draco Malfoy fühlte sich gezwungen, sie zu küssen.

Vielleicht ließ sich alles auf Hermines Körper zurückführen. Und wenn, dann verabscheute sie ihren Körper einfach. Sie sah nicht anders aus als die anderen Mädchen! Und sie befand Jungen sowieso für dämlich, die nur auf die Brüste eines Mädchens achteten.
Sie wusste nicht, wie oft sie diese Diskussion schon mit Ginny geführt hatte, die sich immer über ihren Busen beschwerte, egal, wie oft Hermine ihr klarmachte, dass das wichtigste eines Menschen bestimmt nicht in seinem BH steckte!

Und sie füllte Körbchengröße D nicht mal völlig aus! Nicht mal das. Madame Rosmertas Brüste aus den Drei Besen war kein Vergleich zu ihren, nahm Hermine an. Rosmerta hatte bestimmt Doppel F. Sie schloss genervt die Augen. Jetzt dachte sie auch noch über ihre Brüste nach.
Aber vielleicht war das besser, als über Malfoy nachzudenken, und über den Kuss, der sie nicht so sehr beeindrucken sollte!

Sie hatte sich gewehrt! Ja, hatte sie auch. Anschließend… - und wieso hatte sie nicht geschrien? Wieso hatte sie ihn gewähren lassen?
Oh Merlin, sie war so dumm! Was war nur in sie gefahren? Sie konnte nicht alles auf den Schock schieben.

Und es war ok. Es war alles in Ordnung, denn er hatte es gesagt. Es würde nie mehr passieren. Und sie brauchte dafür nicht mal seine Bestätigung. Sie wusste, es würde nie mehr passieren! Und wenn sie ihm zwei monatelang aus dem Weg ging, es würde nicht mehr passieren! – Und er hatte es ja gesagt. Und es war auch egal, denn selbst, wenn er es nicht gesagt hätte, sie würde es nicht noch einmal passieren lassen.
Sie wollte nicht mit ihm reden müssen. Sie wollte ihn nicht mal mehr sehen, aber sie wusste, dass das wirklich schwierig werden würde. Wirklich schwierig….

Noch eine Wolke schob sich vor die Sonne.

„Hey!“

Sie erschrak so sehr, dass Ginny die Stirn runzelte. Der Schmetterling schwirrte hastig davon. „Alles klar?“

„Ich… ja. Ich hab dich nur nicht gesehen!“, erwiderte Hermine und rückte zur Seite.

„Hör mal, hast du kurz Zeit? Also vor unserem Unterricht?“ Ginny setzte sich neben sie. Hermine nickte. Ginny war sogar ihre beste ZAG-Schülerin. Hermine glaubte, sie gab sich mit Absicht so viel Mühe.

„Klar, Harry und Ron sind unten bei Hagrid. Alles ok? Wie war dein Tag?“, fragte sie und war dankbar, dass sie mit ihren Gedanken nun in eine andere Richtung gehen konnte.

„War ganz ok, obwohl…“ Aber Ginny sprach nicht weiter. Hermine biss sich abwesend auf die Unterlippe, während sie wartete.

„Obwohl was?“, fragte sie gespannt, aber Ginny seufzte auf.

„Hermine, ich muss dir was sagen“, begann Ginny, und Hermines Augen weiteten sich kurz.

„Mir was…? Was denn? Ist alles in Ordnung?“ Sie konnte sich eigentlich nicht vorstellen, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Ginny hätte es ihr längst gesagt, und so besorgt musste sie wohl auch aussehen, aber Ginny lächelte plötzlich.

„Nein, nein. Mach dir keine Gedanken, aber… was hältst du so generell von den Slytherins?“, wollte Ginny plötzlich wissen, und Hermine spürte die Röte in ihren Wangen erneut.

„Slytherins? Was? Wieso fragst du das?“, erkundigte sie sich vielleicht zu hastig.

„Ich… nur so! Was ist denn los, Hermine?“

„Nichts! Gar nichts. Also… generell, manche Slytherins sind… nicht wirklich… also die Siebtklässler sind schon eher… anstrengend. Und… der Rest…“ Sie überlegte eine Spur ratlos. „Ich glaube, wir halten nicht ganz so viel von Slytherins, oder?“, endete sie mit einem gequälten Grinsen. „Vielleicht solltest du Ron fragen“, bot sie Ginny spaßeshalber an.

„Nein. Nein, es ist wichtig, ob du sie alle furchtbar findest oder-“

„Ginny, was ist los?“

„Würdest du mit einem von ihnen ausgehen wollen?“, brachte Ginny schließlich hervor.

„Ich… was?“ Hermine sah sie an. Meinte Ginny das ernst? Worauf wollte sie hinaus? Wusste Ginny von dem Kuss? Das war unmöglich! Wer sollte es ihr erzählt haben? Malfoy persönlich? Das hielt Hermine für abwegig. „Was meinst du damit?“, beschloss sie einfach, Zeit zu schinden.

„Also, ich… bin mir nicht völlig sicher, aber…“

Was? Oh Merlin, wovon sprach sie?!

„Aber ich denke Blaise Zabini ist interessiert.“

Hermine schwieg für einen Moment. Oh Merlin. Ginny musste sich irren. Blaise Zabini? Woher wollte Ginny so etwas wissen? Sie glaubte nicht, dass man so etwas tagtäglich am Slytherintisch zu hören bekam. Oh ja, Blaise Zabini? Ja, der steht auf Hermine Granger. Das weiß doch jeder. Als ob! Und vor allem war es vollkommen absurd! „Blaise Zabini? Du musst dich irren, Ginny!“

Und Ginny wirkte tatsächlich ein wenig gequält.

„Nein, ich glaube nicht“, bemerkte Ginny leiser, damit die anderen hier draußen nicht mithörten. „Blaise kam gestern zu mir, hat mich abgefangen und wollte mit mir sprechen, ob er eine Chance bei dir hätte.“ Hermine Mund öffnete sich perplex. Meinte Ginny das wirklich ernst? Blaise Zabini? Der Schönling Blaise? War seine Mutter nicht sogar eine Veela? Er war zu Ginny persönlich gegangen?

„Na ja, und das ist eine ziemlich große Sache“, schloss Ginny ernst.

„Eine große Sache?“, wiederholte Hermine verwirrt, und Ginny nickte.

„Ja, natürlich. Ich meine, wir müssen mit Rons und Harrys Reaktion rechnen. Und die wird… na ja, du kannst dir ausmalen, wie begeistert die beiden sein werden!“ Ginny seufzte auf.

„Ja, aber… ich kenne Blaise doch überhaupt nicht. Weshalb sollte ich überhaupt riskieren, dass Harry ausrastet?“

„Weil ich mir sicher bin, Blaise wird dich sehr bald fragen, ob du mit ihm ausgehst. Und ich glaube nicht, dass er Hintergedanken hat. Ich glaube, er meint es ernst“, fügte Ginny hinzu. „Und du solltest darüber nachdenken, ob du nicht ja sagen würdest.“

Ihr Blick verfing sich an der schlafenden Libelle. Blaise Zabini? Mit ihm hatte sich Malfoy gestern gestritten. Oder nicht? So hatte es ausgesehen. Und er wollte sie um ein Date bitten? Sie wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Oder sagen würde, wenn er sie fragte. Und Ginny glaubte nicht, dass es ein Trick sei. Dass es einfach nur ein Scherz war.

Hermines Herz klopfte. Blaise war zu Ginny gegangen. Extra, um herauszufinden, ob Hermine mit einem Slytherin ausgehen würde? Würde sie? Sie küsste welche in ihrem Wohnzimmer…. Aber sie hatte noch nie darüber nachgedacht, mit Blaise Zabini auszugehen! Sie hatte noch nie über Blaise Zabini nachgedacht! Hilfesuchend wandte sie sich an Ginny, die ebenfalls etwas ratlos wirkte.

„Also, ich würde vorschlagen, du probierst es aus. Oder auch nicht“, fügte sie eilig hinzu, als sich Hermines Augen vor Schreck geweitet hatten.

„Ja sicher! Und was sagt Harry dazu?“, erwiderte Hermine kopfschüttelnd.

„Ich weiß nicht, Hermine. Du kannst dich aber nicht nach Harry richten, was deine Dates angeht. Harry würde bestimmt keinen Jungen für gut genug halten. Merlin, ich halte schon keinen für gut genug!“, bemerkte Ginny, die nachdenklich die Arme verschränkt hatte. Hermine würde sie gerne darauf aufmerksam machen, dass sie die ältere war, aber sie verkniff es sich. „Aber Blaise hat sich Mühe gegeben, zuerst mit mir zu sprechen. Die beste Freundin“, fügte Ginny vielsagend hinzu. „Etwas viel Aufwand, nur um Harry zu ärgern, oder?“

Hermine verzog ratlos den Mund. „Oh, und magst du Blaise überhaupt?“, ergänzte Ginny schließlich, und Hermine zuckte die Achseln. „Ich meine, gut sieht er aus.“ Ja, Ginny hatte Recht. Blaise sah gut aus. Aber… er war ein Slytherin. Das einzig Gute, was sie bisher über ihn sagen konnte, war, dass er sich anscheinend mit Malfoy gestritten hatte. Und das war doch nicht ausreichend, oder? Und er nannte sie nicht Schlammblut.

„Ginny, ich glaube, wir haben nichts gemeinsam“, sagte sie zögernd. Ja. Genau. Und du küsst Malfoy, weil ihr praktisch ein und dieselbe Person seid, richtig, Hermine?

„Hmm“, erwiderte Ginny unschlüssig.

„Und wenn er doch bloß Harry aufregen will?“

„Also, ich glaube ja, das ist eher Malfoys Job“, korrigierte Ginny sie. Hermine wollte den Namen schon nicht mehr hören. Malfoy würde doch schlichtweg ausrasten, würde einer seiner Slytherins mit einer Muggel ausgehen! „Aber… es ist deine Angelegenheit. Ich habe Blaise schon gesagt, ich kann ihm nichts versprechen.“

Hermine sah sie an. „Wie könnte ich so etwas vor Ron und Harry rechtfertigen?“, wollte sie von Ginny wissen. Aber Ginny verdrehte die Augen.

„Hermine, das sind nicht deine Wachhunde! Du darfst auch alleine Entscheidungen treffen.“

„Warum ist es nicht einfach mal ein Gryffindor-Junge?“, brummte Hermine, mehr zu sich selbst, als an Ginny gewandt.

„Einfach mal? Wie oft warst du denn schon in dieser Situation?“, wollte Ginny neugierig wissen, aber Hermine schüttelte hastig den Kopf, um die plötzliche Röte wieder zu vertreiben.

„Nein. Ich meine… generell einfach…“, versuchte sie sich zu retten, und Ginny zuckte die Achseln.

„Manchmal kann man es nicht ändern, aber ich glaube nicht, dass du überhaupt Probleme hast, einen Jungen zu finden. Dieser Hufflepuff da starrt dich die ganze Zeit schon an“, flüsterte ihr Ginny unauffällig zu. Ja, vielleicht sollte Hermine einfach mit dem ausgehen. Hufflepuff wäre kein Problem für Harry.

Harry…. Harry war wichtiger als jedes Date! Es war wichtiger, dass sie mit Harry befreundet war, als irgendein Date zu haben, was Harry aufregen würde. Er und Ron würden auch nie mit Pansy ausgehen. Niemals!

„Du denkst wieder an Harry und Ron, oder? Weißt du, manchmal sind auch Harry und Ron Idioten. Sie wissen nicht immer, was gut für uns ist. Und außerdem, es gibt nicht nur schwarze Schafe in Slytherin!“ Zu gerne hätte Hermine Ginny gefragt, wer in Slytherin denn wohl als passabel gelten würde, aber… dann wiederum fiel ihr nur Blaise ein. Er war unauffällig, höflich, gutaussehend. Aber… sie kannte ihn nicht.

„Um kurz das Thema zu wechseln, was wirst du auf den Frühlings-Ball anziehen? Wollen wir vorher noch mal shoppen gehen?“, erkundigte sich Ginny lächelnd, aber Hermine schüttelte nur den Kopf.

„Ich gehe bestimmt nicht auf Malfoys Casino-Night!“, beschwerte sie sich knapp. Aber Ginny jedoch verdrehte die Augen.

„Ich sage dir das gleiche, was ich schon Harry gesagt habe, Hermine. Das will er doch nur! Er will doch nur, dass manche Leute nicht kommen, aber wir spielen ihm nicht in die Hände. Soll er doch dumm genug sein, für alle zu bezahlen! Ich finde es perfekt, endlich mal ein Anlass, sich wirklich schick zu machen.“ Hermine wollte Malfoy nicht sehen. Und sie wollte auch nicht auf seine Party. Ihr fiel der wichtigste Faktor wieder ein.

„Und Harry…?“ Hermine wagte gar nicht zu fragen, wie dieses Gespräch ausgegangen war.

„Harry holt mich in zwei Wochen um sieben Uhr vor dem Gemeinschaftsraum ab, um mit mir auf den Vegas-Frühlingsball zu gehen“, schloss Ginny mit einem überlegenen Ausdruck. Oh je. Harry ging also auf die Party. Und Hermine wusste, sie würde nicht gehen, um Malfoy eins auszuwischen. Sie würde nur gehen, um aufzupassen, dass Harry nicht ausrastete. Und aus keinem anderen Grund. Aber Ginny schien sich ehrlich zu freuen. Hermine sah sie beinahe resignierend an.

„Was hast du ihm dafür versprochen, Ginevra Weasley?“, wollte Hermine wissen, und anscheinend ging es mit Harry und Ginny voran, auch wenn Ron davon wohl nichts hören wollte.

„Nichts, was er nicht auch so haben könnte“, bemerkte Ginny vielsagend, und Hermine stellte es sich schwierig vor, mit Harry Potter ausgehen zu müssen. Harry war… schwierig. Aber wenn er sich jetzt mehr auf Ginny konzentrierte, vielleicht würde er sie dann mehr ignorieren. „Ron ist wahnsinnig wütend. Aber Ron ist ständig wütend“, ergänzte Ginny achselzuckend. Ja, Hermine wusste das. Und Rons Wut hatte auch nicht nur mit Harry und seiner kleinen Schwester zu tun, das wusste Hermine auch. „Hey, dann könnte ich mit Harry gehen und du mit Blaise“, schlug Ginny jetzt vor. „Ich hatte schon Sorge, dass Harry dich fragen würde“, bemerkte sie kleinlaut.

„Mich?“, entfuhr es Hermine überrascht und äußerst ungläubig. „Harry will nicht mit mir ausgehen, Ginny“, erklärte sie kopfschüttelnd.

„Manchmal bin ich mir da nicht so sicher. Manchmal denke ich, Harry würde…“ Sie sprach nicht weiter. Hermine war dieses Gespräch unangenehm. Als ob sie jemals in Erwägung ziehen würde, mit Harry auszugehen! So war ihre Beziehung nicht! Auch wenn Malfoy es bei jeder Gelegenheit andeutete!

„Ginny!“, sagte Hermine streng. „Ich würde dir niemals wehtun. Ich würde niemals mit Harry ausgehen. Und ich weiß, dass er mich so nicht sieht, ok?“

„Er sieht dich, Hermine“, erwiderte Ginny still. „Glaub mir, er sieht dich bestimmt auch so. Auch wenn… wenn er es nicht immer zeigt oder zugibt, aber… das kann ich auch nicht ändern. Ihr wart schließlich zusammen während des Kriegs. Auf nächster Nähe. Und… ich meine, wenn er… ich könnte es ihm auch nicht verdenken!“, schloss sie, ohne Hermine anzusehen. Aber Hermine schüttelte vehement den Kopf.

„Ginny, wie kannst du denn so etwas denken? Zwischen mir und Harry war nie irgendetwas und es wird nie irgendetwas sein!“ Es war doch absurd, dass sie so ein Gespräch führten, oder nicht? Hermine verstand Ginny nicht. Harry ging mit Ginny auf den Ball. Das bedeutete doch eben gerade, dass er nicht mit ihr, Hermine, gehen wollte!

„Jaah, schon gut. Ich weiß“, beteuerte Ginny mit hängendem Kopf. „Vielleicht… erhofft sich Harry eben doch, dass du irgendwann-“

„-nein!“, unterbrach Hermine sie rigoros. „Dann gehe ich lieber mit Blaise aus, um dir zu beweisen, dass so etwas niemals passieren wird!“, drohte Hermine jetzt. Mit Blaise Zabini ausgehen. Sie wüsste nicht mal, worüber sie mit ihm sprechen sollte!

„Ja, genau. Und dann verkuppeln wir Ron noch mit Pansy, und alles ist perfekt!“, entgegnete Ginny jetzt nickend. Hermine verdrehte die Augen bei diesem Gedanken. „Hermine?“ Ginny schien noch weitere unangenehme Themen auf Lager zu haben. Hermine rutschte ängstlich auf der Steinbank nach vorne.

„Ja?“ Sie wollte fast nicht, dass Ginny weitersprach.

„Was ist mit Ron?“, griff Ginny jetzt ihre Worte wieder auf. Hermine runzelte die Stirn.

„Was meinst du? Generell? Ich denke-“

„Nein, nicht generell“, unterbrach Ginny sie kopfschüttelnd. „Ich meine, Ron würde bestimmt mit dir auf den Ball gehen“, fuhr Ginny fort. Hermine runzelte die Stirn.

„Ron? Ich denke, du willst mir einfach jeden Jungen zuschieben, der dir gerade ins Gedächtnis kommt, oder?“, wollte Hermine ungläubig wissen. Ginny seufzte auf.

„Du bist eben zu hübsch, Hermine. Kein Wunder, dass Harry und Ron dich mit anderen Augen sehen, als noch vor sieben Jahren“, bemerkte Ginny, und Hermine musste das erste Mal seit Tagen wirklich lachen. Sie lachte befreit, und fand es fast herrlich mit Ginny über solche belanglosen Dinge zu sprechen. Ginny verdrehte die Augen. „Ich meine das ernst, Hermine“, beteuerte sie, aber das brachte Hermine nur noch mehr zum Lachen. „Du kannst nicht für immer Single bleiben. Irgendwann wird der erst schon kommen!“, endete Ginny nickend. Und Hermines Lachen ebbte langsam ab. Sie wischte sich eine Lachträne von der Wange.

Ja, der erste war bereits gekommen, dachte sie plötzlich. Zwar war es nur ein flüchtiger Kuss gewesen, aber ein Junge war bereits in ihre nächste Nähe gekommen. Und dann ausgerechnet dieser Junge! Sie schüttelte knapp den Kopf, um den Gedanken zu verscheuchen.

„Ok, Ginny“, sagte Hermine nur. „Ich habe mir angehört, was du sagen wolltest, und ich denke, ich…“ Sie überlegte kurz. Sie wusste nicht, was sie tun würde.

„Ich möchte weder mit Ron noch mit Harry auf den Ball gehen“, begann sie schließlich. „Und Blaise Zabini soll erst mal den Mut aufbringen und mich tatsächlich fragen. Dann sehen wir weiter“, schloss sie. Ginny lehnte mit geschlossenen Augen ihren Kopf in die Sonne. Und Hermine wusste, Ginny musste blind sein, wenn sie glaubte, dass Harry sie nicht wollte. Was auch immer Harry für sie, Hermine, fühlte, hatte nichts mit seinen Gefühlen für Ginny zu tun. Hermine wusste, wie er Ginny manchmal beobachtete, wenn Ginny nicht hinsah.

Für sie stand außer Frage, dass Harry und Ginny zusammen gehörten. Und Ron wusste das auch. Wen könnte er außerdem besseres für seine Schwester finden? Und Ron? Ron würde sie niemals um ein Date bitten. Sie waren weit davon entfernt. Die Sache mit Ron… war seit drei Jahren nicht mehr aktuell. Im Krieg hatte sie noch Hoffnungen gehabt, aber… die waren alle zerschlagen. Sie war über Ron hinweg. Und er war wohl niemals auch nur für eine Sekunde in Versuchung gewesen, sie um irgendwas zu bitten. Hermine wusste das mit Sicherheit.

Das waren auch alles sehr hypothetische Gedanken. Aber ein Gedanke blieb in ihrem Innern. Der Gedanke an Draco Malfoy. Sie hatte ihn nicht abgeschüttelt, denn… sie hatte Draco Malfoy geküsst. Und jetzt konnte sie es nicht mal mehr Ginny sagen. Denn Ginny hielt Verbindungen mit Blaise Zabini, Ron und Harry und einem fremden Hufflepuff-Jungen für möglich. Aber bestimmt nicht eine Verbindung mit Draco Malfoy. Und das wollte Hermine auch so beibehalten.

~*~

Heute schienen alle mehr Hunger zu haben. Die Große Halle platzte aus den Nähten und es herrschte so aufgeregtes Geplapper, wie schon lange nicht mehr. Aber Hermine wusste, warum. Pansy hatte dafür gesorgt, dass Plakate aufgehangen wurden. Die Casino-Night war jetzt mit allem drum und dran angekündigt worden, nachdem Snape tatsächlich sein Einverständnis gegeben hatte.

Ron war missmutig, Harry war zwar schon von Ginny besiegt worden, war aber auch noch missmutig, und Hermine war mit den Gedanken woanders, während sie Blaise Zabinis Hinterkopf betrachtete. Ginny saß zwei Plätze weiter neben Harry.

„Und hat Hagrid irgendwas Spannendes erzählt?“, wollte Hermine aufmunternd von Ron neben ihr wissen. Dieser hob mürrisch den Blick.

„Nicht viel. Er und Madame Maxime gehen diesen Sommer zelten. Er hat irgendwie anklingen lassen, dass sie adoptieren wollen, wenn Madame Maxime jetzt nicht schwanger wird, aber Harry und ich haben das Thema gewechselt“, fuhr Ron angewidert fort. Hermines Augen wurden groß.

„Wie alt ist sie? Sie sieht… so alt aus? Kann sie überhaupt noch Kinder kriegen?“

„Hermine!“ Ron deutete anklagend auf seinen Pudding. „Ich esse!“, beschwerte er sich.

„Gehst du auf den Ball?“, fragte sie ihn stattdessen, und er ruckte mit dem Kopf. Sie wollte dieses Thema sowieso mit ihm besprechen, wollte Ginnys Vermutung zerschlagen, dass Ron mit ihr gehen wollen würde.

„Harry geht, also…“ Er sprach nicht weiter.

„Ja, Ginny meinte, wir sollten gehen. Es ist unser letzter Ball“, fügte sie nachdenklich hinzu.

„Jaah…“ Ron hob den Blick zu ihrem Gesicht. Er sah sie seltsam an, fand Hermine. Sofort fuhr sie sich mit Hand über die Wange.

„Hab ich was im Gesicht?“, fragte sie sofort, aber Ron schüttelte stumm den Kopf.

„Nein. Nein, alles perfekt“, erwiderte er und schob den Pudding zur Seite. „Ich glaub, ich bin müde“, schloss er schließlich. „Ich gehe hoch. Wir sehen uns morgen, ok?“ Sie nickte nur perplex. Was war das denn? Hatte sie irgendwas Falsches gesagt? Sie atmete langsam aus. Ihr Blick glitt wieder zum Slytherintisch.

Nein, sie kannte Blaise Zabini überhaupt nicht.

Sie verließ mit Harry und Ginny zusammen die Halle und verabschiedete sich im zweiten Stock von beiden. Sie würde ihre Bücher holen, und in der Bibliothek lernen gehen. Sie würde dies ziemlich schnell erledigen, dann bestand die Chance, dass sie ihn heute nicht sehen musste. Das war gut. Das war wirklich… gut.

Sie öffnete die Tür mit dem verhassten Passwort. Ja, sie hasste ihn wirklich.

Kurz stockte ihr Atem, denn… er war hier.

Sofort beschleunigte sich ihr Herzschlag. Es verschaffte ihr dennoch eine seltsame Ruhe, ihn hier zu wissen. Hier, in ihren Räumen. Und hatte sie den Tag über angezweifelt, ob es tatsächlich passiert war, so wusste sie jetzt wieder mit Sicherheit, dass sie sich gestern erst geküsst hatten.

Sie und Draco Malfoy. Und niemand wusste es.

Und er machte sie genauso wütend wie immer. Immerhin war die Wut ein Gefühl, mit dem sie umgehen konnte. Denn der verdammte Kamin brannte. Und das löste einfach nur ganz normale Wut in ihr aus.

Er sah auch aus wie immer. Aber was hatte sie erwartet? Dass er sich über Nacht verwandelt hätte? Plötzlich zu dem Monster geworden war, das er schon immer gewesen ist? Allerdings sah sie ihn mit etwas anderen Augen. Mit beinahe ängstlichen Augen, denn sie wusste plötzlich, wie sich seine Lippen anfühlten, wie es sich anfühlte, wenn er seine Zunge zwischen ihre Lippen schob, wie sich die Muskeln seiner Arme anfühlten, wenn er sie um ihre Taille – nein! Stopp! Und er sah sie nicht einmal an!

Die blonden Haare fielen ihm locker zu beiden Seiten, er trug keine Krawatte mehr, und das Hemd hatte er nicht ganz zugeknöpft. Er wirkte jedoch… nervös. Seine Stirn war gerunzelt.
Er wirkte fast verkrampft. War sie dafür der Grund? Spannte er sich an, weil sie gerade das Zimmer betreten hatte?

Er beachtete sie nicht. Nicht einmal als sie ganz eintrat, die Tür schloss und in die Mitte des Raumes kam. Sie hob wieder den Blick zu seiner Gestalt. Und sie verfluchte sich innerlich dafür, dass sie sprach. Es war ein Reflex. Es war eine ganz normale Reaktion auf einen Menschen, der im Raum stand. Sie hatte für eine Sekunde vergessen, dass sie nicht mit ihm sprechen wollte. Nur für eine Sekunde.

„Alles ok?“, fragte sie tatsächlich…

- und wieso tat sie das?!

Es war doch völlig egal, ob alles ok war! Er war Malfoy, und es interessierte sie einen feuchten Eulenmist, ob alles ok war! Von ihr aus, könnte er kopfüber aus dem Fenster hängen, und sie würde ihm lediglich einen guten Flug nach unten wünschen! Hermine, tadelte sie sich selbst. Bist du verrückt geworden? Wahrscheinlich! Sie schloss ungläubig die Augen und schüttelte über sich selbst den Kopf.

„Was wird das?“, wollte er feindselig von ihr wissen, die Stimme so arrogant, so widerlich, wie sie sie kannte. Und fast beruhigte es sie, dass er nicht anders mit ihr sprach. Nicht anders als sonst. Es beunruhigte sie nur, dass sie ausgerechnet von diesem Jungen träumte. Sie fasste ihn noch einmal näher ins Auge. Ja. Sie träumte von ihm. Und sie wusste nicht warum. Oh, sie wusste warum, aber… sie sollte nicht! Ihre Finger kribbelten.

„Gar nichts!“, gab sie genauso kalt zurück und setzte ihren Weg fort. Sie sollte überhaupt nicht mit ihm reden, als hätte er es verdient, dass man mit ihm sprach. Wenn, dann sollte sie schreien und ihm drohen, ihn aber bestimmt nicht fragen, ob alles in Ordnung war! Nein, gar nichts war in Ordnung, und sie wünschte sich, sie könnte die Worte zurücknehmen. Er hatte sie geküsst! Er sollte gar nicht so tun, als… als… - es machte sie wahnsinnig! Diese Sache! Dieser Kuss, der anscheinend vollkommen irrelevant war. Dabei… war er alles andere als das! Und sie wusste, sie mussten es irgendwie klären, denn gestern hatten sie das nicht getan. Es gab wichtige Dinge, die sie klären mussten!

Hermine musste wissen, was es zu bedeuten hatte, und was es weiterhin bedeuten würde. Sie konnte es nicht in sich hineinfressen, schon gerade weil sie mit niemandem darüber sprechen konnte.

„Malfoy!“, sagte sie fest, und er war schon an seiner Tür angekommen gewesen.

Er blieb stehen. Sie hörte ihn gereizt ausatmen. Natürlich! Tu ruhig so, als wäre dir alles lästig, du Arschloch!

„Was?“

Sie hörte, wie widerwillig er mit ihr sprach. Seine Worte waren kurz und scharf. Wieso wollte sie es dann unbedingt? Weil solche Dinge nicht einfach passierten und man dann nicht weiter darüber sprach! Er hatte sich nicht einmal bei ihr entschuldigt! Nicht einmal das! Was dachte er? Dass sie es einfach gut sein lassen würde? Wahrscheinlich dachte er das! Oh, er konnte so froh sein, dass sie es nicht Harry erzählt hatte! Aber… konnte sie wirklich? Dann hätten er und Malfoy sich wahrscheinlich wirklich geprügelt, und Snape hätte weiß Merlin was für Konsequenzen daraus gezogen.

Sie atmete resignierend aus. Es machte keinen Sinn. Es machte keinen Sinn, mit Draco Malfoy zu reden. Das wusste sie doch schon! Wieso versuchte sie es dann?

„Gar nichts“, wiederholte sie kopfschüttelnd, aber dieses Mal wandte er sich zu ihr um.

Er sah sie an. Ihre Bauchschmerzen kehrten mit aller Macht zurück.

Wieso hast du mich geküsst? Wieso, Malfoy? Wieso hast du das gemacht? Wieso kann ich es nicht einfach sagen? Wieso guckst du mich so an, als wäre nichts passiert?!

„Was?“, wollte er erneut wissen, diesmal am Rande seiner Geduld. Aber da war er sowieso immer schon, wenn sie ein Gespräch führten. „Granger, ich kann deine verfluchten Gedanken nicht lesen“, spuckte er ihr förmlich entgegen und schien wieder einmal tatsächlich darauf zu warten, dass sie etwas sagte, was er ohnehin schon wusste. Sein Zorn war ihr so vertraut, viel vertrauter als alles andere. Und es machte ihr Angst, dass er tatsächlich zu etwas anderem fähig war als Zorn, ihr gegenüber.

„Es war nicht wichtig“, räumte sie still ein. Sie hörte ihn auflachen.

„Granger, was du sagst ist nie wichtig. Würde ich danach gehen, müsste ich kein einziges Wort mit dir sprechen.“ Natürlich. Sie war in seine Falle getappt. Fast verdrehte sie die Augen.

Oh ja. Er war wieder Malfoy. Ganz Malfoy. Sie standen beide vor ihren Zimmern. Es war die möglichst größte Distanz, die sie in diesem Raum zwischen sich bringen konnten.

„Das wäre mir ohnehin lieber“, schloss sie nickend. „Wenn du dann gehen würdest?“, fügte sie mit erhobener Augenbraue hinzu, als er immer noch vor seiner Tür stand. Und sie sah, wie er zornig die Augen verengte.

„Granger, du Miststück, du hältst mich auf – nicht umgekehrt!“, knurrte er. Ja, er beleidigte sie. So wie sonst auch. Und sie hasste es.

„Ja, und jetzt bin ich fertig damit!“, gab sie genauso laut zurück.

„Fein!“

„Ja!“

„Gut!“, erwiderte er, nicht willig, ihr das letzte Wort zu gönnen.

„Verpiss dich, Malfoy!“

„Halt deinen Mund, Granger!“

Halt deinen Mund…. Das hatte er auch gestern gesagt, bevor er…. Sie sah ihn an. Worauf wartete er noch? Oh, er machte sie so wütend! Sie ballte die Hände zu Fäusten. Es war ein gewöhnlicher Schlagabtausch, aber dahinter lauerte so viel mehr. Sie wusste es. Und er musste es doch auch wissen!

„Geh endlich!“ Es war ihr Rückzug. Nicht strategisch oder überlegt. Nein, sie hatte mit ihm gesprochen, und das hätte sie besser nicht getan. Es war alles wie immer.

„Fick dich, Granger“, sagte er nur und wandte sich zur Tür.

„Warum hast du dich mit Blaise gestritten?“, entfuhr es ihr schneller, als sie hatte nachdenken können. Sie schloss die Augen. Gott, sie war so dumm! Jetzt fiel ihr Blaise wieder ein! Ausgerechnet jetzt! Sie wusste, warum. Sie wusste, dass es in ihrem Kopf keinen Sinn ergeben hatte, dass sich Malfoy mit einem seiner besten Freunde stritt. Sie wollte wissen, ob Malfoy es wusste. Ob er wusste, dass Blaise sie um ein Date bitten wollte. Aber… sie wusste nicht, warum sie es wissen wollte. Wieder sah sie ihn innehalten. Langsam, gefährlich langsam, hatte er sich wieder umgewandt. Der Zorn stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Glaubst du ernsthaft, ich rede mit dir über irgendetwas, Granger?“, fuhr er sie wütend, an, und nein.

„Nein, du redest nie, Malfoy! Du beleidigst mich, und das war‘s!“ Nein, seit neuestem war es das ja nicht mehr. Wieso sagst du es nicht einfach, Hermine? Merlin, jetzt ist es auch egal!

„Mehr bist du auch nicht wert!“, spuckte er ihr entgegen. Oh ja?! Er hatte sie GEKÜSST, Merlin noch mal! Und jetzt tat er so als wäre es vollkommen egal.

„Ja, wenn du das denkst, wie kommt es dann, dass du…“ Er sah sie an, und sie konnte nicht weiter sprechen. Merlin…. „Dass du…“ Und plötzlich erschien reges Interesse in seinen grauen Augen.

„Was? Was, Granger?“ Er lächelte ein bitterböses Lächeln, schien sich also innerlich für eine kindische, dämliche Antwort zu wappnen, und Hermine konnte nur zusehen, wie er den Spieß umdrehte. Wie er ihre Gedanken einfach erriet, und sie hasste ihn dafür!
„Ich bitte dich, du schmutziges, kleines Schlammblut. Du hast noch immer einen verdammten Knoten in deinem langweiligen weißen Schulsprecher-Höschen, oder? Fuck, dann haben wir uns geküsst! Es bedeutet rein gar nichts, ok?“, knurrte er jetzt zornig. „Du schmeichelst dir nur selber, wenn du denkst, es war irgendwas dahinter, was ich nicht schon längst bereue, ok? Weswegen ich nicht schon längst Magenschmerzen bekommen habe, weil du so verdammt widerlich bist. Also, wenn es das ist, was du fragen wolltest, wenn es das ist, was in deinem verdammten Schlammblut-Kopf vor sich geht, dann versichere ich dir, hier und jetzt, dass es verflucht noch mal vollkommen-“

Und sie schaffte es tatsächlich die Situation noch schlimmer zu machen.

„Nein! Das war nicht in meinem Kopf, du scheiß Todesser! Sondern… warum du die Briefe von deinem scheiß Vater nicht geöffnet hast!“

Und diese Worte wischten ihm jede Überlegenheit vom Gesicht. Und er hatte sich in Bewegung gesetzt!

Oh verflucht!

Und ja, sie empfand bodenlose Angst, denn er sah mehr als nur zornig aus. Hastig hexte sie ihre Tür offen, aber er hatte den halben Raum durchquert. Sie schlüpfte in ihr Zimmer und schlug die Tür zu.

Sofort spürte sie, wie seine Hand nach dem Knauf griff, ehe sie die Tür versiegeln konnte.

„Weg von der scheiß Tür, Granger!“, knurrte er so laut und kalt, dass sie die Tränen der Angst spüren konnte. Großartig, Hermine! Wirklich gut gemacht! Sie stemmte sich mit ihrem Gewicht gegen ihre Tür. Sie versteckte sich in ihrem Zimmer vor Draco Malfoy. Und sie hatte ihn ärgern wollen. Sie hatte ihm beweisen wollen, dass es sich durchaus lohnte, mit ihr zu streiten, denn manchmal hatte sie etwas im Ärmel, dass selbst ihn überraschen konnte. Aber warum… warum hatte sie ausgerechnet dieses Thema gewählt? Da wäre es besser gewesen, hätte sie ihn weiter nach Blaise gefragt!

„Du kleine Schlampe, du warst in meinem Zimmer?“, brachte er so laut über die Lippen, dass die Worte von den Wänden widerhallten. „Mach sofort die Tür auf!“ Wieso… wieso hatte sie das getan? Sie wusste es nicht! Sie hielt die Tür mit aller Macht zu, aber sie wusste, sie würde es nicht schaffen. Und es war fast lächerlich! Fast. Hätte sie nicht so viel Angst.

Und er warf sich im nächsten Moment gegen die unverschlossene Tür. Es war zu viel Kraft dahinter. Sie sprang auf, und schon umschlossen seine Finger die Türkante, und er schob sie fast mühelos auf. Sie stolperte nach hinten und fiel auf ihren Teppichboden. Sie schob sich über dem Boden vor ihm zurück und griff nach ihrem Zauberstab. Sie richtete ihn direkt auf ihn. Er war noch nie in ihrem Zimmer gewesen. Und am liebsten würde sie das auch so beibehalten!

Er sah zornig auf sie hinab, aber der Zauberstab in ihrer Hand, schien ihn zumindest abzuhalten, ihr Zimmer zu betreten. Sie bot ein ziemlich unwürdiges Bild, nahm sie an.

Es war ihre eigene Schuld. Wieso hatte sie nicht den Mund gehalten? Sie sah zu ihm auf. Oh, er war zornig. Unheimlich zornig! Sie kam zitternd wieder auf die Beine, und er schien es nur als Einladung zu betrachten, ihr Zimmer zu betreten. Sie durfte keine Angst vor ihm haben! Sie dachte an die Pläne für die Vertrauensschüler, versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, wer Samstag patrouillierte, überlegte, welche Farbe das Kleid haben würde, was sie zum Frühlingsball anziehen würde, aber sein eisigkalter Blick drang zu ihr durch.

„Mit welchem verfluchten Recht warst du in meinem scheiß Zimmer, du widerliches Schlammblut?“, schrie er plötzlich, und sie zuckte vor Schreck zusammen. Der Zauberstab in ihrer Hand zeigte noch immer auf seine Brust.

Devon Parker und Daisy Milas waren am Samstag dran, überlegte sie krampfhaft.

„Antworte mir!“, schrie er erneut. Oh Harry! Harry, Harry, Harry! Sie sollte um Hilfe rufen! Er war zu nahe! Viel zu nahe!

„Malfoy-“

„-Granger, ich frage dich nicht noch einmal! Nimm deinen verdammten Zauberstab runter!“

„Du bist ein Arschloch!“, spuckte sie ihm entgegen. „Ich war in deinem scheiß Zimmer, weil du die Pläne nicht fertig hattest!“, entgegnete sie mit zittriger Stimme. „Geh sofort weg von mir, Malfoy!“

Aber er kam nur noch näher.

„Die Pläne?“, wiederholte er zornig und schien dann zu begreifen. „Oh, du bist unfassbar! Das ist nicht dein verdammter ernst! Was denkst du eigentlich, wer-“

„Geh weg von mir!“, schrie sie lauter. „Du hast kein Recht, mich hier gefangen zu halten, du widerliches Schwein!“, rief sie außer sich, und er sah sich abschätzend um. Sein Blick glitt über ihren weißen Schreibtisch, die weißen Aufstellregale von Ikea, die ihr Vater geschickt hatte und die sie und Harry und Ron aufgebaut hatten. Über den weißen Kleiderschrank mit dem langen Spiegel in der Mitte und über ihren beigen Teppich. Und sie hasste, dass er ihre Sachen mit Abschätzung betrachtete.

„Dein Zimmer ist so widerlich, wie du es bist, Granger“, erwiderte er.

„Ich verfluche dich!“, drohte sie.

„Wirklich? Snape wird sich freuen! Du brichst in mein Zimmer ein, und dann verfluchst du mich!“

„Du bedrohst mich, du Arschloch!“, schrie sie zornig, und er kam noch näher.

„Das würde dir gut gefallen, oder?“, knurrte er jetzt, und sie hatte ihre Bettkante in den Kniekehlen, als er den Abstand geschlossen hatte.

„Geh weg von mir!“, zischte sie. Aber sein Blick hatte etwas widerlich Überlegenes angenommen.

„Wenn du mich verfluchen wolltest, hättest du das jetzt schon getan, Granger! Aber ich bin mitten in deinem Zimmer, ich stehe genau vor dir, und selbst ein dummes Schlammblut sollte so ein Ziel nicht verfehlen können-“

„-halt deinen Mund, Malfoy!“, rief sie, und sie konnte nicht fassen, wie alles so schnell so falsch gelaufen war! Und er sah sich um.

„Du brichst in mein Zimmer ein, und suchst nach meinen verdammten Briefen“, sagte er bedrohlich leise, und sie schüttelte den Kopf.

„Nein! Als ob es mich interessieren würde, ob-“

„-ich könnte dein Zimmer durchsuchen, Granger! Vielleicht würde ich-“ Und er setzte sich in Bewegung, um anscheinend ihre Regale zu durchsuchen, aber sie hatte nach seinem Arm gegriffen. Er würde hier nichts durchsuchen! Er würde hier keine willkürliche Unordnung machen, nur um sie zu bestrafen!

„Vergiss es, du-“

„-fass mich nicht an!“, donnerte er plötzlich, und sie zuckte zusammen, ließ beinahe augenblicklich seinen Arm los, und er fixierte sie voller Hass. „Du bist es nicht wert, Granger! Nichts hiervon!“, knurrte er, und sie verstand nicht, was passiert war. Er hatte den Zauberstab aus ihrer Hand geschlagen, und sie zuckte zusammen vor Schreck, als er ihre Schultern umfasste. Nicht schon wieder! Nein! Nicht schon wieder!

„Denkst du, das hier ist Spaß? Denkst du das?“, rief er so zornig, dass sie tatsächlich Angst bekam. Seine Augen waren dunkelgrau vor Zorn. „Denn es macht keinen verdammten Spaß!“, schrie er. Er brachte sie näher an sich. „Weißt du, ich könnte mich-“

„Hermine!“

Die Stimme kam von draußen. Vor der Haupttür! Malfoy hatte innegehalten.

„Ich sehe deine verfluchten Wachhunde lassen dir keine ruhige Minute! Du kannst mir nicht erzählen, dass du keinen von ihnen nie rangelassen hast!“, knurrte er zusammenhanglos. „Warum sollten sie dich sonst ständig retten wollen?“

„Malfoy, lass mich los!“, sagte sie mit beinahe fester Stimme. „Ron wird dich-“

„-Ron wird mich was?“, wollte er herausfordernd wissen. Sie bereute es, diesen Satz angefangen zu haben. „Ron würde bestimmt wahnsinnig werden, wenn er wüsste, dass du lieber mich geküsst hast, bevor du ihn ranlassen würdest!“, entfuhr es ihm kalt. Und sie wehrte sich in seinem Griff. Das hatte er gerade nicht wirklich gesagt! Es war unmöglich, dass er das gerade gesagt hatte! Ihr Herz schlug schnell, und ihr wurde schlecht bei seinen Worten! Nein!

„Hermine ich schlage die Tür ein!“ Sie nahm an, er hörte Malfoy schreien. Sie konnte nur hoffen, er hörte seine Worte nicht. Sie hatte Angst.

Sie entzog ihre Schultern mit einem Ruck aus seinem Griff und war im Begriff ihr Zimmer zu verlassen. Egal, ob er noch hier drin war oder nicht, denn Ron würde nicht die Türen einschlagen! Aber Malfoy war schneller, umfing ihr Handgelenk und hielt sie erneut auf.

„Du schlichtest schon wieder, Granger“, stellte er rau fest. „Warum lässt du die Dinge nicht einfach so passieren, wie sie passieren sollen, du dummes Miststück?“, wollte er tonlos von ihr wissen, und wieder entzog sie ihm mit voller Kraft ihren Arm.

„Und dann was? Ich soll Ron die Tür einschlagen lassen, damit ihr euch schlagen könnt? Nein, Malfoy!“ Sie schüttelte heftig den Kopf. Wie sollte man vernünftig mit einem Wahnsinnigen argumentieren? Er war so böse, so zornig, und sie wusste nicht mehr, was verlockend gewesen war, ihn zu küssen! Da war nämlich gar nichts!

„Du kannst nicht alles verhindern, du dummes Schlammblut!“ Und sie wusste nicht mal mehr, wovon er sprach. „Aber mach dem Arschloch ruhig Hoffnung“, rief er ihr nach, als sie die Stufen runter geeilt war. Hoffnung? Wovon sprach er? Sie wollte ihn nicht mal verstehen!

Mit einem Ruck hatte sie die Tür geöffnet. Ron stand mit erhobenen Fäusten davor, wahnsinnige Wut in seinem Gesicht.

„Hermine!“, keuchte er. „Alles in Ordnung, ich?-“ Doch sein Blick fiel ins Wohnzimmer, und anscheinend auf Malfoy, der gerade aus ihrem Zimmer kam. Zielstrebig schritt Malfoy die Stufen runter, während er Ron fixierte.

„Gib mir einen Grund Weasley“, drohte Malfoy, immer noch vollkommen zornig.

„Nein! Gib du mir einen Grund, Malfoy. Du kommst aus Hermines Zimmer! Was hat er da gemacht, Hermine?“ Rons Stimme war tief, zornig, er sah sie nicht einmal mehr an. Er dehnte seine Finger, ballte sie wieder zur Faust, und Malfoy kam unaufhaltsam näher.

„Oh, ich denke, in deinem verfluchten Kopf wirst du dir schon zusammenreimen, was ich dort getan habe“, bemerkte Malfoy eisig.

„Nein! Hört auf! Ron, es ist-“

„-es ist was, Hermine?!“, schrie Ron jetzt. „Was hat er gemacht?!“, fügte er noch lauter hinzu.

„Merlin, du bist noch erbärmlicher als dein verdammtes Schlammblut!“

Und Hermine schloss kurz die Augen. Nein. Wieso tat Malfoy das? Wieso nur? Was wollte er erreichen? Sie hasste ihn! Es verging keine Sekunde, und sie öffnete die Augen wieder, nur um sich vor Ron zu werfen.

„Nein!“

„Geh mir aus dem Weg, Hermine! Er verdient die Strafe! Dieses Arschloch verdient-“

„Ron, nein!“, rief sie laut. „Du kannst nicht-“

„-er macht es immer wieder, Hermine!“ Und sie hatte Mühe, ihn überhaupt zu halten, und sie würde es auch nicht mehr viel länger können.

„Ron, er ist ein Arsch! Es ist nicht wichtig!“, versuchte sie ihn zu beruhigen, aber Ron wollte an ihr vorbei.

„Du drehst wahrscheinlich gerade durch, oder?“, wollte Malfoy lächelnd wissen. „Dass ich alleine mit ihr in ihrem Zimmer war? Direkt vor deiner Nase, Weasley, du-“

„Es reicht!“, knurrte Ron, schob sich an Hermine vorbei, die kurz strauchelte, und sie sah, wie sich Malfoy überhaupt nicht wehrte, wie er stand, wartete, wie er gar nichts tat, außer Ron gewähren zu lassen, als dessen Faust schmerzhaft in sein Gesicht krachte.

Hermine schlug die Hand vor den Mund, als sie das widerliche Geräusch hörte. Ron schüttelte mit verzogenem Mund seine rechte Hand, während Malfoys Oberkörper nach vorn gebeugt war. Rons Atem ging keuchend laut, und er verlagerte ständig sein Gewicht, bereit den nächsten Schlag auszuteilen.

„Ron! Bist du verrückt geworden?“, entfuhr es ihr. „Du wirst ihn nicht mehr schlagen!“ Sie hatte sich sofort vor Ron gestellt. Sein Gesicht war verzerrt vor Wut. Er hatte rote Flecken auf den Wangen, und sein Kiefermuskel war angespannt.

„Er ist ein Wichser, Hermine. Er verdient genau das! Er bettelt doch drum!“

„Das ist mir egal! Ich werde dir Punkte hierfür abziehen, Ronald! Das sind die Räume der Schulsprecher! Ich habe dir gesagt, dass-“

„-bist du blind, Hermine? Siehst du nicht, was er tut? Scheiß auf die Punkte!“, schrie Ron außer sich, dass es in den Räumen nur so hallte.

„Ron-“

„-nein! Er ist ein Schwein!“ Wieder wollte Ron auf ihn losgehen, und Malfoy richtete sich auf. Blut war bereits auf sein weißes Hemd getropft, lief über seinen Mund, und Hermine schüttelte schockiert den Kopf.

„Er blutet, Ron! Hör auf! Hör auf damit!“, entfuhr es ihr panisch. „Lass ihn in Ruhe!“ Wieder stellte sie sich zwischen beide Jungen.

„Ihn in Ruhe lassen? Wieso sollte ich? Wieso verteidigst du ihn, Hermine?“, krächzte Ron kopfschüttelnd, und ihr Mund öffnete und schloss sich wieder.

„Das bringt dich um, Weasley, oder?“, hörte sie Malfoy raue, angeschlagene Stimme. Sie hörte ihn hinter sich husten.

„Hermine, geh aus dem Weg“, befahl Ron tonlos. Und sie sahen sich an. Ron war soweit von jeder Vernunft entfernt, dass es sinnlos war, zu reden. Sie spürte die Tränen in sich aufsteigen, denn sie wollte das nicht! Sie wollte keine Gewalt hier, wegen irgendwelchen Missverständnissen. War sie schuld? Hätte sie die Tür nicht öffnen sollen? Dann hätte er sie eingeschlagen, und es wäre genau so passiert. Nein, Malfoy war selber schuld! Aber er wehrte sich nicht mal! Fast kam es ihr vor, als wollte er es so!

„Hör auf damit, oder ich rede kein Wort mehr mit dir!“, erwiderte sie mit belegter Stimme und stürmte zur Tür hinaus. Sie schlug sie ins Schloss, und wenn sich beide umbringen sollten, dann sollten sie es ohne sie machen! Sollte sie Harry Bescheid sagen? Nein, Harry würde über beide Beine stolpern, um Ron zu helfen. Zornig lief sie den Flur entlang. Ihre Hände zitterten, und sie wusste nicht, wohin, aber sie wollte dort nicht bleiben.

Musste sie zu Snape? Sollte sie umkehren? Was, wenn Ron nicht auf sie hörte? Was, wenn es ihm egal war, dass sie nicht mehr mit ihm sprechen würde? Was dann?!

Aber sie hörte bereits, wie ihre Tür sich erneut öffnete, als sie am Ende des Flurs angekommen war. Sie hielt inne. Und wartete.

Ron tauchte keinen Moment später neben ihr auf, blieb neben ihr stehen und sah sie nicht an.

„Er verdient es nicht besser“, knurrte er bloß.

„Ron-“

„-er verdient auch deine Gnade nicht, Hermine! Schulsprecher hin oder her!“, unterbrach er sie zornig. Und wie immer, wenn dieses Wort fiel, verdunkelte sich etwas in Rons Gesicht. Ein Schatten schien sich über seine Züge zu legen, als wäre es ein schlechtes, böses Wort, was er benutzt hatte. Aber sie ignorierte es.

„Gewalt ist keine Lösung. Und ich erlaube sie auch nicht. Ich will sie nicht! Der Krieg ist vorbei, ich habe genug Gewalt gesehen, Ron!“, fuhr sie ihn an. „Es reicht!“ Sie stand beide vor dem großen Fenster am Ende des Gangs und sahen sich nicht mehr an. „Hast du ihn noch mal geschlagen?“ Und sie dachte er würde ihr nicht mehr antworten.

„Nein“, sagte er schließlich. „Habe ich nicht. Das bedeutet aber nicht, dass er es nicht verdient hätte“, fügte er gereizt hinzu.

„Tut… deine Hand weh?“, erkundigte sie sich jetzt ruhiger, und er ruckte mit dem Kopf.

„Nicht besonders“, erwiderte er. Sie wusste, er log, denn er dehnte immer noch seine Finger.

„Ich will das nicht mehr, Ron“, sagte sie mit Bedacht.

„Was hat er in deinem Zimmer gemacht, Hermine?“, fragte er erneut. Sie seufzte auf.

„Gar nichts, Ron! Wir haben uns gestritten, er ist mir gefolgt – und das war alles.“

„Wäre ich nicht aufgetaucht-“

„-dann wäre nichts passiert! Ron, ich komme mit ihm zurecht, ok? Ich brauche eure Hilfe nicht!“ Richtig. Sie kam mit ihm zurecht. Oh, Merlin, was für eine Lüge! Aber sie war so wütend auf Ron. „Was ist nur in dich gefahren?“

Zuerst sah es aus, als würde er antworten, aber dann schüttelte er den Kopf. Es verging ein kurzer Moment.

„Es war einfacher früher“, erklärte er dumpf.

„Früher? Wann?“, wollte sie wissen, während sie sich neben ihn stellte.

„Früher eben. Im ersten Jahr.“

„Im ersten Jahr?“ Sie erinnerte sich kaum an das erste Jahr. Natürlich erinnerte sie sich an den Stein der Weisen, an den Troll auf dem Mädchenklo, aber das war nicht einfach gewesen. Es war auch nicht einfach für sie gewesen, überhaupt keine Freunde zu haben.
Es war nie einfach gewesen, eine Muggel zu sein, auf einer Schule voller Halb- und Reinblüter. Sie sah zu Ron auf. Anscheinend dachte er an diese Zeit mit Wehmut zurück.

Und sie nickte. Denn sie verstand.

„Du meinst, als ich nicht Schulsprecherin war.“ Wieder das Wort.

„Nein. Ich meine…“ Aber er unterbrach sich, um dann ernst zu werden. „Ja, das meine ich“, bestätigte er schließlich.

„Ron-“

„-ich weiß“, unterbrach er sie bitter. „Ich… ich wollte mich bei dir entschuldigen kommen, dass ich nach dem Essen einfach abgehauen bin. Ich hatte nicht erwartet, mich mit ihm zu schlagen.“ Hermine wollte am liebsten erwidern, dass er und Harry eigentlich ständig erwarteten, sich mit Malfoy zu schlagen, aber sie sagte nichts.
„Es… es tut mir leid, Hermine“, ergänzte er schließlich kleinlaut. „Es tut mir wirklich leid.“

~*~

Er hatte die Augen geschlossen. Immerhin lenkte ihn der Schmerz seiner Nase von den Malschmerzen ab. Das war immerhin mal etwas Neues. Sein Atem ging langsam und flach. Sein Kopf schmerzte, und er wusste nicht, ob er sich jetzt besser fühlte.
Er wusste, Weasley hatte keinen anderen Weg gesehen. Eigentlich wartete er nur darauf, dass Potter auftauchen würde, dass Weasley sich Verstärkung besorgte. Draco hatte nicht zugeschlagen. Er hatte es nicht gewollt. Er hatte gewollt, dass Weasley ihn bestrafte. Bestrafte dafür, dass er sich nicht wie ein Todesser verhielt, sondern in ihrer Nähe sein musste. Ihn dafür bestrafte, dass er mit ihr sprach.

Die Tür öffnete sich. Er erkannte ihre bloßen, glatten Beine vor sich, als er träge die Augen öffnete. Er saß auf dem Boden, hatte den Rücken an die Wand gelehnt, und hatte für eine Sekunde gedacht, Weasley wäre zurückgekehrt. Denn er hatte es in seinem Blick gesehen. Er hatte ihn erneut schlagen wollen, aber anscheinend hatte ihre lächerliche Drohung, nicht mehr mit ihm sprechen zu wollen, eine seltsame Wirkung gehabt. Würde sie ihm so eine Drohung machen, würde er sie liebend gern entgegen nehmen.

Und dann kniete sie sich vor ihn. Sie begutachtete sein Gesicht.

„Du blutest“, sagte sie fast sanft. Er erwiderte nichts, wollte nichts sagen. Vielleicht würde sie ihn nicht mehr sehen, wenn er nichts sagte. „Du hast ihn nicht geschlagen. Ich nehme an, der sechste Eintrag bei Snape hat dich davon abgehalten?“, erkundigte sie sich immer noch ruhig bei ihm. Aber er hörte tatsächlich ihre Sorge. Ihre braunen Augen sahen ihn immer noch an. Was wollte sie hören? Nein, ich habe ihn nicht geschlagen wegen dir? Das dachte sie doch wohl nicht im ernst!

„Malfoy, du wirst ihn nicht noch einmal so reizen, hast du gehört?“ Und fast lächelte er. Was dachte sie, wer sie war? Seine Mutter? Wieso sollte er auf ein Schlammblut hören? Nein, das nächste würde er warten, bis Potter in der Nähe war. Potter wäre gnadenloser, nahm er an.

„Wenn…“, begann er rau, und ihr Blick hob sich zu seinem Gesicht, „wenn du wieder Mitleid mit mir hast, greifen deine Wachhunde von ganz alleine an“, erklärte er tonlos.

„Ich habe kein Mitleid mit dir“, erwiderte sie sofort. „Entweder du heilst dich selber, oder du gehst zu Madame Pomfrey“, fügte sie kälter hinzu. Nein, natürlich hatte sie kein Mitleid mit ihm. Was dachte er? Er trug ja keine verabscheuungswürdige Narbe auf der Stirn oder hatte widerlicher rote Haare, weswegen man Mitleid haben müsste. Sie war ihm nahe. So nahe, dass er sich fast übergeben wollte, weil er ihre Nähe registrierte und sich nicht mehr an den Geschmack ihrer Lippen erinnern konnte. Er war ein kranker Idiot.

„Und? Hat Weasley dein Mitleid bekommen?“, wollte er plötzlich wissen, und sie sah ihn an. „Den Kuss für den Sieger?“, fügte er rau hinzu, und ihr Blick war so offen, so absolut… ahrg! Er hasste diesen Blick.

„Du verstehst überhaupt nichts, Malfoy!“, antwortete sie abwehrend. Oh, er verstand mehr als sie dachte. Er verstand sogar mehr als sie, wie es aussah. Seine Mundwinkel zuckten freudlos.

„Bitter“, erwiderte er leise. Ja. Sieh mich ruhig so an, Granger! Warum ich mich mit Blaise gestritten habe? Willst du das wirklich wissen? Ich glaube nicht. Aber du willst immer alles wissen! Warum ich die Briefe nicht geöffnet habe? Warum ich bin, wie ich bin!
Und er hasste sie. Er hasste sie wirklich. Alles an ihr. Und sie wartete darauf. Darauf, dass er sprach, aber was dachte sie? Dass er war wie Weasley? Dass sie irgendeinen Einfluss auf ihn hatte? Sie war ein Schlammblut. Und mehr nicht!

„Bitte, blute nicht auf den Boden“, informierte sie ihn knapp, aber er wusste genau, dass sie sich Sorgen machte. Sonst wäre sie nicht zurückgekommen. Fast lachte er auf, aber es schmerzte zu sehr in seinem Gesicht.

„Mein Blut ist nicht das Problem, Granger“, erwiderte er heiser.

„Nein“, erwiderte sie stiller. „Dass du ein verdammter Todesser bist, ist das Problem.“ Sie hatte sich erhoben. Sie würde weinen. Er hatte es in ihren Augen gesehen. Er würde sich nicht entschuldigen. Für gar nichts! Weasley hatte ihn angegriffen. Und dass sie ein Schlammblut war, war eine verfluchte Tatsache. Sie könnte sich bei ihm entschuldigen. Dafür, dass er langsam verrückt wurde. Jetzt würde sie ihn wohl nicht küssen wollen, dachte er träge.

Und es hatte nichts genützt. Weasleys gut gemeinter Schlag hatte nichts genützt.
Allein ein Blick in ihr Gesicht hatte ihn hart werden lassen.
Mit geschlossenen Augen lehnte er den Kopf zurück an die Wand.

Fuck.

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