Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Three Rooms

von Die Meg
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Gen
Draco Malfoy Hermine Granger
12.05.2014
28.05.2014
24
142.856
105
Alle Kapitel
80 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
12.05.2014 8.298
 
Kapitel 22

Er hatte die Brille abgesetzt und rieb sich über seinen Nasenrücken.

Sein Blick wanderte jedoch immer wieder über Ginny. Ginny Weasley, die mit Abstand heute Abend das schönste Mädchen war, was er jemals gesehen hatte. Ihre roten Haare fielen ihr immer wieder in Gesicht, und sie steckte sie zurück hinter ihr Ohr. Er liebte ihre roten Haare.  Das wusste er jetzt. Er war blind gewesen.

Hermine hatte den Umzugskarton unter sein Bett geschoben, in dem sich alle ihre magisch verkleinerten Einrichtungsgegenstände befanden.

„Also?“, begann Harry wieder und setzte die Brille nachdenklich wieder auf. „Was ist passiert?“, wagte er erneut zu fragen, und wieder tauschen Ginny und Hermine einen Blick, als ginge es um große Staatsgeheimnisse. Er seufzte auf und blickte gen Himmel.
„Ok, also, ihr wollt mir nicht sagen, weswegen Hermine ausgerechnet heute aus ihren Räumen ausgezogen ist und ihre Sachen hier bei mir im Schlafsaal versteckt? Und ihr denkt, Snape wird es nicht merken?“, fügte er ungläubig hinzu.

„Ich sage es Snape. Aber nicht heute“, entschied sich Hermine zu sagen.

„Leute, das geht so nicht!“, entfuhr es ihm. „Unser Frühlingsball hat angefangen, und du bist nicht mal umgezogen!“, fuhr er Hermine jetzt an, der wieder die Tränen in den Augen standen. Und eigentlich hatte er heute alles tun wollen, außer die eine Frage zu stellen, die er absolut nicht stellen wollte. „Also… wo ist Malfoy?“, ergänzte er resignierend, und seine Nackenhaare stellten sich bei diesem Namen auf.

Hermine wischte sich über die Nase, und Harry hasste es, dass sie wegen diesem Wichser weinte.

„Wissen wir nicht. Wahrscheinlich in der Großen Halle. Die Schulsprecher… müssen die Begrüßung halten“, fügte Ginny kleinlaut hinzu. Harrys Augen wurden groß.

„Ach ja? Hermine, denkst du nicht, dass heute ein ungünstiger Zeitpunkt ist, die Schuluniform anzuhaben?“, sagte er behutsam, aber jetzt flossen Hermine die Tränen ungehindert über das Gesicht, und sie schämte sich tatsächlich dafür. Oh Merlin! Was war denn nur los? Hermine war doch sonst nicht so weich? Er erntete von Ginny einen zornigen Blick.

„Jungs sind einfach nur dämlich!“, informierte sie ihn. „Geh vor, ich komme gleich. Malfoy wird die Begrüßung schon allein zustande kriegen“, fügte sie giftig hinzu und schob ihn aus seinem eigenen Schlafsaal.

„Moment!“, rief er ärgerlich, beugte sich zu seinem Nachttisch und griff sich die Karte der Rumtreiber aus der Schublade, ohne dass es Ginny oder Hermine merkten.

„Raus, Harry!“, wiederholte Ginny rigoros, und mit offenem Mund und keinen Deut schlauer, stand Harry nun auf dem Flur zum Schlafsaal.

Jungs waren nicht dämlich, Mädchen waren einfach nur anstrengend! Vor allem hatte er Ron versprochen, ihn nicht solange mit Lavender allein zu lassen. Er verstaute die Karte zusammengefaltet in seiner Innentasche und verließ kopfschüttelnd den Gemeinschaftsraum, zog sein Jackett noch einmal gerade und eilte den Flur entlang, die Treppen runter zur Eingangshalle. Anscheinend waren alle Schüler schon drinnen, denn an den weißen Tischen vor dem Eingang strahlten ihn nur ziemlich motivierte fremde Hexen an.

„Mr Potter, Ihr Band liegt bereit“, sagte eine Hexe einen kryptischen Satz, aber anscheinend brauchte er ein Band? Er kam näher und ließ es sich um sein Handgelenk legen. Das Band nahm die schwarze Farbe seines Anzugs an.

Ehe er die Halle betreten konnte, kam ihm Lavender entgegen, die anscheinend einen Radar für ihn hatte.

„Wo ist Ron?“

„Was?“ Er versuchte über ihre Schulter in die protzige Halle zu blicken, aber ihr wütendes Gesicht kam näher.

„Ron. Wo ist er? Er und Pansy Parkinson sind seit einer halben Stunde verschwunden und haben weder Hermine, noch Malfoy gefunden!“, schnappte sie beleidigt. „Snape hat die Begrüßung selber gemacht und ist stink wütend!“

„Was?“, wiederholte Harry, immer noch verwirrt, aber Lavender verdrehte genervt die Augen. „Hermine ist im Gemeinschaftsraum der Gryffindors und… kommt gleich“, sagte er vage.

„Und wo ist Ron?“, fragte sie wieder, aber er Harry tätschelte ihre Schulter und machte wieder kehrt. Schleunigst! „Sag Ron, er soll endlich wiederkommen, oder ich tanze mit wem anders!“, rief sie ihm zornig nach.

Harry nahm an, das würde Ron auch lieber haben, als sich von ihr anschreien zu lassen. Und Ron war mit Pansy unterwegs, um die Schulsprecher zu suchen? Dankbar zog Harry die Karte hervor, als er unter dem nächsten Treppenabsatz neben den Putzeimern Halt machte.

„Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin!“, flüsterte er und tippte mit dem Zauberstab auf die Karte. Schnell füllte sich die Karte mit schwarzer Tinte und zeichnete ihm das Schloss. Fast alle Siebtklässler befanden sich in der Großen Halle. Die Namen überlagerten sich dort.

Seine Augen überflogen die Stockwerke. In ihrem Schlafsaal waren immer noch Ginny und Hermine, keine Veränderung da. Seine Augen wanderten höher.
In den Räumen der Schulsprecher waren Ron und Pansy! Was zur Hölle taten sie da? Malfoys Name wurde ihm nämlich nicht angezeigt!
Er klappte die Karte weiter auf. Vierter Stock… - Mrs Norris lief durch die Gänge.
Im dritten Stock hielt sein Blick inne.

Malfoy war im Trophäenzimmer, stellte er jetzt fest.

Und er zögerte einen Moment.

Merlin, Malfoy war nicht sein Problem. Wenn Hermine sich unbedingt mit ihm rumärgern wollte, bitte, dann sollte sie das tun. Harry war froh, den Bastard so wenig wie möglich zu sehen!

Aber die Entscheidung wurde ihm abgenommen.

„Ist Mr Potter aufgetaucht?“

Harry wich weiter unter den Treppenabsatz zurück. Scheiße, Snape suchte auch schon nach ihm? Wahrscheinlich weil er annahm, er wüsste, wo die Schulsprecher waren.

Die Eingangs-Hexen sagte etwas, und Harry hörte Snape näher kommen. Allerdings schritt er neben den Treppen vorbei, und Harry beschloss, dass er im dritten Stock auf jeden Fall vor Snape sicherer wäre als hier unten!

Er wartete noch ein paar Sekunden, ehe er um den Treppenabsatz stolperte und hastig zwei Stufen auf einmal nach oben nahm. Er traf auf ein Paar Zweitklässler, die sich beleidigt in den Fluren rumdrückten, und anscheinend gerne auf der Party wären. Harry konnte sie verstehen, er wäre jetzt auch lieber auf der verdammten Party. Er nickte den Zweitklässlern zu, ohne zu wissen, ob sie ihn auch begrüßten.

Er nahm die Treppe zum nächsten Stock und anschließend zum dritten.

Und er musste sich nicht mal fragen, ob Malfoy noch da war, denn er hörte ihn.

Nein, er hörte Glas zu Bruch gehen! Was zum…?

Er verharrte, als er in der Tür zum Trophäenzimmer stand.

„Was tust du da?“, entfuhr es ihm schockiert. Malfoy hatte in der Bewegung inne gehalten. Er hatte irgendeinen Quidditchpokal am Henkel gepackt und war dabei, eine weitere Vitrine kaputt zu schlagen, als Harry ihn aufgehalten hatte.

„Verpiss dich, Potter!“, sagte Malfoy nur, und Harry entdeckte die Flasche Feuerwhiskey neben der Vitrine. Halbleer. Harry atmete aus. Und er könnte immer noch umdrehen. Er könnte immer noch gehen.

„Mrs Norris ist im vierten Stock“, entschied er sich, den Bastard zu warnen.

„Wow. Na und?“ Malfoy holte aus und schlug tatsächlich das Glas der Vitrine kaputt. Und Harry hatte das Zimmer betreten, ohne weiter nachzudenken und zerrte Malfoy den Pokal aus der Hand.

„Bist du verrückt geworden?“, fragte er, aber eigentlich war ihm das schon klar gewesen. Natürlich war Malfoy verrückt!

„Was willst du von mir, Arschloch?“, knurrte Malfoy, und Harry sah, dass sein Hemd nicht ordentlich in der Hose saß, seine Fliege nur locker um seine Schultern lag, und… hatte Malfoy geweint? Wieso weinten heute alle ständig um ihn herum?!

„Snape sucht dich!“

„Ist mir scheiß egal, und jetzt verpiss dich!“

„Malfoy-“

„-was?“

Harry konnte gar nicht sagen, wie sehr er es leid war, mit Malfoy zu streiten.

„Was ist dein Problem?“, blaffte er Malfoy jetzt an, und dieser schenkte ihm ein Lächeln.

„Du bist mein Problem, Potter!“, erklärte Malfoy und griff nach der Flasche und setzte sie an die Lippen. Harry verdrehte die Augen.

„Das glaube ich eher nicht. Du verlierst deinen Posten“, informierte Harry ihn, mit nicht gerade wenig Genugtuung.

„Und?“

„Und?“, wiederholte Harry ratlos. „Malfoy, Snape wird dich entheben, dich von der Schule werfen, Snape wird-“

„-du begreifst es nicht, oder? Na und?“, wiederholte Malfoy zornig. Harry sah ihn kopfschüttelnd an.

„Ok, hör zu, mir ist es scheiß egal, was mit dir passiert. Was ist heute mit Hermine vorgefallen?“, fragte er stattdessen, um alles abzukürzen.

„Das Schlammblut? Keine Ahnung, was-“

Aber Harry hatte es satt.

Seine Hände waren ohnehin zu Fäusten geballt. Er hatte ausgeholt, und es tat verflucht gut, einfach zuzuschlagen. Einfach locker weg. Und er traf Malfoy nicht mal besonders hart im Gesicht. Malfoy stolperte gegen die kaputte Vitrine und sackte am Sockel zusammen auf die endlosen Scherben. Die Flasche jedoch hatte er festgehalten. Malfoy rieb sich mit der linken Hand über die schmerzende Wange und schoss ihm einen hasserfüllten Blick zu.

„Also?“ Harry hatte es so satt, dass ihm keiner irgendwelche Antworten gab! Ginny nicht, Hermine nicht – Ron war in Hermines Räumen und stellte wusste Merlin was mit Pansy an, und Malfoy? Harry hatte keine Ahnung, was Malfoy eigentlich tat oder wollte!

Malfoy hatte den Blick auf den Boden gesenkt und trank einen weiteren Schluck.

Harry atmete entnervt aus, schüttelte seine minimal taube Faust und sah sich um. Er stellte fest, dass Malfoy tatsächlich nicht willkürlich gehandelt hatte. Er hatte auch vorher nicht gewusst, wie viele Ehrungen Lucius Malfoy eigentlich bekommen hatte. Er wusste, Malfoys Vater war Schulsprecher gewesen, als Snape auf der Schule war, und er wusste, Lucius Malfoy hatte einen Korb voller Ehrungen erhalten, war irgendein Ballkönig gewesen und hatte den besten Abschluss seit Hermine hingelegt.

Anscheinend war er ebenfalls Kapitän der Slytherinmannschaft gewesen, hatte einen Pokal gewonnen und auch den Hauspokal jedes Jahr, seit er Vertrauensschüler gewesen ist. Zumindest entnahm Harry Überreste davon aus den zerrissenen Urkunden, die zwischen den Scherben lagen.

Und Harry nickte nur. Er setzte sich schließlich neben Malfoy auf den Boden voller Scherben und hoffte nur, dass sie seine Hose nicht zerschneiden würden. Ginny würde ihn töten.

„Verpiss dich endlich“, murmelte Malfoy, aber Harry blickte stumm nach vorne. Er hasste sich für diese Worte. Sehr.

„Ich denke, egal, was du angerichtet hast, es lässt sich bestimmt rückgängig machen“, informierte er Malfoy bitter und tonlos. Malfoy lachte auf.

„Was? Wovon redest du, Narbengesicht? Alles läuft verflucht perfekt“, fügte er heiser hinzu.

„Ja“, nickte Harry, wenig überzeugt, „das sehe ich.“

„Was willst du von mir? Das hat nichts mit dir zu tun, ok? Das kannst du nicht haben, oder?“, fuhr Malfoy ihn scharf an.

„Malfoy, du bist ein Arschloch. Und weißt du, es ist mir scheiß egal, was mit dir passiert, wirklich. Aber ich kann es nicht haben, dass Hermine wegen dir weint“, klärte er ihn zornig auf.

„Sie ist selber schuld!“, war alles, was Malfoy bitter erwiderte. „Ich habe sie nicht darum gebeten, mich zu…“ Aber Malfoy schien nicht die Absicht zu haben, den Satz zu beenden.

„Du verstehst es nicht, oder? Du musst Hermine nicht darum bitten, nett zu sein, denn sie ist immer nett. Sie hat immer Mitleid, immer Moral – und sie ist viel zu gut für dich“, schloss Harry bitter.

„Nicht drüber weg?“, vermutete Malfoy grinsend, aber Harry seufzte auf. Er fand diesen Jungen so unangenehm dreist!

„Nein, Malfoy. Ich bin drüber weg, glaub mir. Ich bin so weit weg, ich kann schon nicht mehr verstehen, was in mich gefahren ist, aber-“

„-gut!“, erwiderte Malfoy nur. „Dann kannst du jetzt auch abhauen.“

„Es ist deine Party“, merkte Harry schließlich an und ärgerte sich, überhaupt so viel gesagt zu haben. „Und jetzt willst du selber nicht auftauchen? Wenn Hermine dir so zuwider ist, dann wird es dich bestimmt freuen zu hören, dass sie nicht da ist.“

Malfoy schwieg jedoch verbissen. „Wir wissen, dass sie wegen dir ausgezogen ist, Malfoy“, ergänzte Harry genervt.

„Potter, was auch immer du gehört haben solltest, ich bin kein Mensch, der gerne mit anderen über Problemchen plaudert. Und ich habe keine Lust, dich zu schlagen, aber ich bitte dich inständig, verpiss dich endlich!“ Malfoy hatte es ruhig gesagt.

Harry erhob sich schließlich. „Ich habe mich oft gefragt, warum Snape dich zum Schulsprecher ernannt hat, Malfoy“, sagte Harry und blickte auf ihn hinab. Malfoy hob spöttisch den Blick. „Und ich habe es bis jetzt noch nicht rausgefunden. Du verfügst nicht über eine einzige gute Eigenschaft.“

Malfoy lächelte.

„Potter, verschwinde endlich, und nimm deine tausend guten Eigenschaften gleich mit.“ Es klang so resignierend aus Malfoys Mund.

Harry war kurz irritiert, denn ein Schatten schlich um seine Beine.

„Oh verflucht“, stöhnte er auf, denn Mrs Norris maunzte vor ihm, während sie sich an seinem Schienbein rieb. „Großartig, jetzt ist Filch gleich hier!“, ergänzte Harry gereizt. Die Katze verschwand, nach kurzem Betrachten der Szenerie aus dem Trophäenzimmer. Und all das hatte Ron erst die letzten Tage auf Hochglanz poliert.

Unschlüssig stand Harry im Chaos, Malfoy vor ihm auf dem Boden.

Er konnte hier nichts mehr tun, er würde einfach –

„Ach du liebe Güte!“, entfuhr es McGonagall hinter ihm entsetzt. Langsam wandte sich Harry um, krampfhaft auf der Suche nach einer guten Ausrede.

„Professor McGonagall, ich-“

„-Mr Potter, Mr Malfoy!“, rief sie aus und trat über die Scherben hinweg ins Zimmer. „Was ist hier vorgefallen?“ Als Malfoy den Blick nicht hob fixierte sie nun ihn. Und Harry schüttelte resignierend den Kopf und schickte einen Blick gen Himmel. Warum er es tat, war ihm unbegreiflich.

„Ich… ich habe Malfoy zu Boden geschlagen und dabei…“ Harry deutete wahllos in die Runde auf das Chaos.

„Mr Potter!“, fuhr McGonagall ihn abschätzend an und schüttelte vor Empörung den Kopf, dass ihr Dutt wippte. Harry sah, wie Malfoy wieder auf die Beine kam.

„Das ist überhaupt nicht wahr!“, sagte dieser jetzt. „Potter lügt. Ich habe Potter geschlagen und-“

„-niemand schlägt hier jemanden, Mr Potter, Mr Malfoy! Ich dachte, Professor Snape wäre deutlich genug gewesen?“

„Malfoy lügt. Ich habe ihn wirklich geschlagen, Professor“, beteuerte Harry und warf Malfoy einen eindeutigen Blick zu. McGonagalls Mund öffnete sich langsam.

„Nein, Professor, Potter hat gar nichts getan“, sagte Malfoy jetzt entnervt.

„Also“, begann McGonagall, der die Geschichte wohl langsam seltsam vorkam. „Sie sagen mir jetzt auf der Stelle, wie dieses Chaos hier zustande gekommen ist, oder ich werde-“

Sie unterbrach sich selbst, als ein Geheul im Gang draußen zu hören war. Keine Sekunde später, zuckte McGonagall zusammen als sie ein dickes Stück Torte direkt in den Hinterkopf traf. Harrys Mund klappte vor Überraschung auf, während er und Malfoy beide die halbleere Whiskeyflasche auf dem Boden hinter ihren Beinen verdeckten. Wäre es nicht so eine ernste Lage, hätte Harry fast gelacht. Aber er hütete sich, denn McGonagalls Augen hatten sich zu Katzenschlitzen verengt.

„Peeves!“, knurrte sie. „Ich nehme an, dieser missratene Geist trägt Schuld an diesem Chaos!“, fuhr sie zornig fort, während sie versuchte, ihre Robe zu reinigen. „Sie beide werden in der Halle erwartet, und keine Probleme mehr, haben Sie verstanden?“, zischte McGonagall außer sich und deutete streng nach draußen, während sie schon vorging, zielstrebig hinter Peeves her.

„So viel Glück hatte ich noch nie“, bemerkte Harry kopfschüttelnd, eher an sich selbst gewandt. „Wieso hast du sie angelogen?“, fuhr er Malfoy jetzt an.

„Warum nicht? Damit der große Potter, der große Held, die Strafe auf sich nimmt? Nein, danke. Ich brauche deine Almosen nicht“, informierte Malfoy ihn und nahm die Flasche vom Boden auf. Harry schüttelte wieder den Kopf.

„Komm drüber weg, Malfoy. Die Heldensache ist vorbei.“

„Die Heldensache ist nie vorbei, du dummes Arschloch“, knurrte Malfoy nur.

„Warum machst du das?“, fragte Harry schließlich und hob entgeistert die Arme. „Warum bist du so? Was ist bei dir alles falsch gelaufen, dass am Ende so was dabei rauskommt?“, wollte Harry wissen und deutete mit beiden Händen auf ihn.

„Potter, ich habe dich nicht um deine Hilfe gebeten, du kannst deine Meinung einfach für dich-“

„-nein, du bittest nie irgendwen um Hilfe, Malfoy! Du nutzt Menschen einfach nur aus, du denkst, du kannst alles und du weißt alles besser, aber so ist es nicht, ok?“

„Oh Potter-“, begann er abschätzend, aber Harry schüttelte wild den Kopf.

„Sieh dich an!“, schrie er außer sich und deutete auf das Scherbenmeer unter sich. „Sieh dich um! Du hasst deinen Vater, wir haben es begriffen, ok? Du willst ein böser Todesser sein, bitte, mir ist nichts egaler als das, du verdammter Bastard! Du hasst mich, das weiß ich auch, Malfoy, und ich bin dankbar dafür, dass ich nicht mit so einem kaputten Ekel befreundet sein muss, aber…“ Harry hob unschlüssig die Hände.

Und Malfoy sah ihn an. Die grauen Augen klar und unerbittlich. Seine ganze Erscheinung war so… so… - Harry wusste kein Wort dafür! Malfoy brauchte so dringend Hilfe, aber er wollte nicht, dass Hermine ihm half. Er wollte es einfach nicht. Und der Junge vor ihm fuhr sich durch die blonden Haare. Er sah seinem Vater so ähnlich, dass Harry es schon unheimlich fand.

Ein kühles Lächeln erschien auf Malfoys Zügen, und Harry hasste es.

„Jedenfalls… habe ich nicht gewusst, dass sie auszieht. Ich bin nicht schuld, dass-“

„-Malfoy, natürlich bist du schuld“, ignorierte Harry seinen Einwand. „Du bist immer schuld“, ergänzte Harry bitter. „Tu mir einfach den Gefallen, und-“ Aber Harry besann sich und schüttelte den Kopf, „nein, tu mir keinen Gefallen. Denk einfach nur einmal nicht immer nur an dich selbst, an deinen Vorteil, an deinen Gewinn.“

Harry wandte sich von ihm ab. Aber ihm fiel noch etwas ein.

„Ach, und Malfoy?“ Dieser tat jedoch so, als würde er ihn nicht mehr beachten. „Die Sache mit dem Spiegel“, fuhr er fort, und Malfoy hob den Blick. „Du warst im Raum der Wünsche, um sie zu finden?“, vermutete Harry, und nach Malfoys Ausdruck zu urteilen, lag er richtig. „Ich kenne diesen Raum zufällig, und ich kenne den Spiegel. Allerdings zeigt er einem nicht nur die Person, sondern auch, was für einen selbst der schlimmste Albtraum wäre.“ Malfoys Mund öffnete sich perplex. „Und… wenn du denkst, ich würde irgendwas mit Hermine machen, weil du es gesehen hast, dann… sagt das eine Menge über dich und deinen schlimmsten Albtraum.“

„Du irrst dich“, erwiderte Malfoy, aber seine Stimme klang rau und etwas tonlos, ertappt und gar nicht so, wie Harry es gewöhnt war. Oh, er hasste Malfoy wirklich, vor allem, wo er wohl richtig lag.

„Das hoffe ich“, entgegnete Harry bitter.

„Ja, du irrst dich!“, entfuhr es Malfoy scharf, und Harry hatte keine Lust mehr auf die Psycho-Spiele, die Draco so hervorragend beherrschte.

„Gut!“, knurrte Harry schließlich. „Dann halt dich von ihr fern! Dann sieh sie nicht mehr an! Sprich kein Wort mehr mit Hermine, denn du stehst doch soweit über ihr! Du und dein reines Blut, dein verdammtes Gold, ihr werdet doch kein Problem haben, ein anderes Mädchen zu finden! Du musst nicht Hermine haben wollen, Malfoy! Jede, aber nicht sie!“

Und Malfoy sah ihn an, schien abzuwägen, atmete heftiger als vorher, und Harry wartete noch eine Sekunde und stöhnte gereizt auf.

„Und dass du es nicht mal zugeben kannst, macht dich so erbärmlich, du verdammter Todesser! Dass du es nicht mal jetzt zugeben kannst, verflucht! Ich stehe genau vor dir, und ich sage dir, dass ich es schon weiß – und immer noch! Immer noch gibst du es nicht zu!“, schrie er praktisch. Er wartete erneut, wartete, dass Malfoy irgendwann die Erleuchtung haben würde, dass sein ignoranter Verstand ein einziges Mal begreifen würde!

„Du irrst dich“, wiederholte Malfoy scharf, ohne ihn anzusehen.

„Weißt du was, mir ist es scheiß egal!“, rief Harry aus. „Ich bin keine Partnerbörse, Malfoy! Ich habe es nicht nötig, dich vor Hermine schön zu reden. Du bist ja so arm und verloren, du hast niemandem, mit dem du reden kannst; du hasst deinen Vater und kommst damit nicht klar – wow, du bist bestimmt der einzige Junge, der so fühlte!“, knurrte Harry lakonisch und fuhr sich durch die dunklen Haare. „Du magst Hermine, aber du kriegst es nicht hin, ihr das auch zu vermitteln, ohne deine Todesser-Masche durchzuziehen? Muss verdammt hart sein für den König aus Slytherin!“ Malfoys Mund öffnete sich langsam, und seine Fäuste ballten sich. „Das einzige, was mich beruhigt, ist, dass du nicht mal begreifst, wie gut du es hast!“, ergänzte Harry noch um einiges zorniger und wandte sich ab.

„Du bist nicht drüber weg!“, rief ihm Malfoy nach, in einer arroganten, abschätzenden Tonlage, als hätte er Harrys Worte komplett ignoriert. Harry fuhr auf dem Absatz herum, überwand den Abstand zu Malfoy, griff hart in sein weißes Hemd und schob ihn so heftig zurück, dass die gesplitterte Vitrine unter seinem Rücken noch einmal verdächtig knarzte.

„Nein, Draco“, knurrte er durch zusammen gebissene Zähen, so leise, dass nur Draco ihn auf diese Nähe verstehen konnte. Und seine Augen bohrten sich in Dracos graue, vor Überraschung weit aufgerissenen, Augen. „Du bist nicht drüber weg!“, korrigierte er ihn hasserfüllt.

„Nimm deine Hände von mir“, erwiderte Draco gefährlich leise.

„Ist doch komisch, dass wir ausgerechnet diese Gemeinsamkeit haben, oder, du scheiß Arschloch?“, erkundigte sich Harry während er Dracos Hemd fahren ließ. Draco fixierte ihn ernst.

„Potter, Granger ist nicht unsere Gemeinsamkeit“, informierte er ihn glatt.

„Hast du sie geküsst?“, fragte Harry direkt heraus und entließ seinen gegenüber nicht aus dem kalten Blick. Und er hätte schon vor Minuten gehen sollen. Und Malfoy starrte ihn einfach nur an, wich seinem Blick nicht aus, und Harry spürte den Hass wieder kochen.

Und er sprach tatsächlich!

„Das heißt nicht, dass ich es gut habe“, erwiderte Malfoy gepresst, und Harry hätte schon wieder zuschlagen können, alleine für das Geständnis aus Malfoys verdammtem Mund!

„Nein, du Wichser“, knurrte Harry haltlos. „Das heißt nur, dass ich Recht habe!“, ergänzte er. „Du hast es gut, weil sie dich liebt, weiß der Teufel, warum! Und das, was mich beruhigt ist, dass du es versauen wirst, weil du alles versaust, was richtig ist, Malfoy“, ergänzte er ruhiger, denn er wusste, dass Malfoy nicht fähig war, irgendetwas richtig zu machen.

Und nein! Er sah, wie Malfoy überheblich antworten wollte, aber dieses Mal wandte sich Harry augenblicklich ab und stürmte aus dem Zimmer. Er war zu lange geblieben, er hatte zu lange gewartet, er hatte zu viel gesagt! Aber er hasste Malfoys überhebliche Art! Er konnte gar nicht sagen, wie sehr er ihn verabscheute!

Er kam unten an und erkannte Ginny vor der Halle stehen.

Und sie war rasend vor Wut.

~*~

Er betrat die Halle, nachdem ihm das Band um das Handgelenk gelegt worden war. Die Empfangs-Hexen hatten ihm noch auffällig übertrieben zugezwinkert. Der Zauber, mit dem er den Alkohol überdeckt hatte, stellte seinen Fokus langsam wieder scharf. Das Problem mit solchen Zaubern war meistens, dass sie lange brauchten und nicht besonders lange hielten.

Als die Schüler ihn entdeckten, klatschten sie johlend in die Hände, zumindest die meisten von ihnen. Er nickte ihnen abwesend zu, und wappnete sich für Snape. Dieser kam mit wehendem Umhang auf ihn zu gerauscht. In seinem Magen rumorte der Zauber heftig.

„Der Herr Schulsprecher auch anwesend?“, zischte der Schulleiter, und Draco kannte den Zorn in den dunklen Augen des Schulleiters gut. Zu gut. „Wo waren Sie? Professor McGonagall erzählte mir von Vorfällen im Trophäenzimmer? Ich hoffe wirklich, an dieser Geschichte ist nichts dran, Draco“, fügte er kopfschüttelnd hinzu. Aber Draco beschloss, dazu erst mal nichts zu sagen. „Und Miss Granger?“

Anscheinend war es eine echte Frage, keine rhetorische, wie Snape sie sonst an ihn richtete.

„Was ist mit ihr?“

„Wo ist sie?“, knurrte Snape. Draco sah sich ratlos um. „Oh nein, sie hat ihr Band nicht abgeholt. Sie müssen sie hier nicht suchen, Draco.“ Snapes Freundlichkeit war nicht echt. Draco atmete also aus. „Es wird noch ein Nachspiel haben, dass Sie zur Begrüßung nicht in der Halle waren, Draco. Ein großes Nachspiel. Und ich werde Ihnen morgen noch genügend Punkte dafür abziehen, dass Sie Ihr verdammtes Abzeichen schon wieder nicht tragen!“, donnerte Snape wieder einmal. Ehe Draco antworten konnte, schnitt ihm Snape das Wort ab. „Und jetzt erfüllen Sie Ihren Job als Schulsprecher und passen Sie auf die Schüler auf!“

Snape rauschte davon, und Draco hatte keine Ahnung, wohin er verschwand. Er nahm an, Snape ging sich jetzt in seinem Büro betrinken, zumindest würde es Draco so machen.

Ratlos atmete er aus.

„Oh hey, wo warst du? Du warst nicht in deinen Räumen“, unterbrach ihn Pansy aus seinen Gedanken. Er öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder. Er runzelte die Stirn, denn eine Strähne stand auffällig schief aus Pansys Frisur ab.

„Was?“, schnappte sie sofort, fuhr mit der Hand hoch zu ihren Haaren, fand die Ausreißer-Strähne und steckte sie eilig zurück. „Ich dachte, ich hätte alle gerichtet“, murmelte sie mehr zu sich selbst.

„Hat Goyle-?“ Aber Pansy ließ ihn diesen Gedanken nicht einmal aussprechen.

„Nein. Oh Gott, nein, Draco!“, fuhr sie ihn verstört an. Aber Dracos Augenbraue blieb erhoben. „Ich… - wieso ist Granger ausgezogen?“, wechselte Pansy so prompt das Thema, dass er verwirrt den Kopf schüttelte.

„Was? Wer ist dann in den seltenen Genuss gekommen, deine Frisur zu verwüste?“, wollte er lächelnd wissen, aber Pansy ignorierte dieses Thema wohl konsequent.

„Du musst es ja diesmal wirklich geschafft haben. Granger ist doch sonst so hart im Nehmen?“ Pansy ließ nicht locker. Und das Rumoren in seinem Magen nahm nur zu.

„Woher wusstest du das Passwort?“, erkundigte sich Draco jetzt, der sich ebenfalls auf dieses Thema nicht einlassen wollte.

„Was? Ich… nein, Weasley wusste es“, erklärte sie konsterniert. „Mir verrätst du es ja nicht, Draco“, fügte sie eindeutig hinzu.

„Weasley?“, wiederholte er langsam. „Du warst mit Weasley in meinen Räumen?“, sprach er jetzt den nächsten Gedanken aus, und Pansy besaß wenigstens den Anstand rot zu werden.

„Ich… wir haben euch gesucht.“

„Und? Habt ihr… uns gefunden?“, wollte Draco spöttisch wissen, aber Pansy schüttelte nur den Kopf.

„Wirklich, darum geht es überhaupt nicht, Draco!“, fuhr sie ihn plötzlich an. Er runzelte die Stirn über Pansys Wut. Er spürte einen dumpfen Schmerz in der linken Wange, dort wo Potter ihn getroffen hatte. Nicht übermäßig, aber so merkbar, dass er wieder Wut auf Potter verspürte.

„Ok, bitte. Mir ist es egal“, sagte er abwehrend. Er erkannte Potter, Weasley und seine Schwester aus der Ferne an der aufwendig dekorierten Bar. Sie schienen ins Gespräch vertieft zu sein. „Pansy, könntest du…“, begann er und blickte auf seine polierten schwarzen Schuhe hinab.

„Was?“, wollte sie knapp wissen, und er legte die Hand über seine Augen. „Was ist los, Draco?“, fragte sie, aber Slytherins waren nicht wirklich besorgt, deswegen hörte er auch keine aufrichtige Sorge aus ihrer Stimme.

„Nichts, könntest du die Schüler maßregeln, wenn sie Mist bauen?“, bat er sie, und Pansy ruckte unschlüssig mit dem Kopf.

„Sicher, aber – hey, wo gehst du hin?“

„Ich komme wieder“, sagte er nur und trat seinen Rückweg aus der bunten Halle an. Einige Jungen riefen seinen Namen, wollten, dass er mit ihnen Poker spielte, andere fragten, ob er mit ihnen Butterbier trinken würde, aber er winkte nur ablehnend und verließ die Halle. Er löste die Fliege wieder, während er die Stufen nach oben lief.

~*~

Sie musste gähnen, als sie den nächsten Absatz in ihren Notizen unterstrich. Sie streckte sich auf dem unbequemen Holzstuhl und legte die Feder beiseite. Sie spürte, wie sie leichte Kopfschmerzen bekam. Nicht nur vom Sitzen oder vom Lesen, sondern natürlich auch von ihrem wenigem Schlaf und den vielen Tränen.

Sie hatte Ginny versprochen, sie würde nachkommen, hatte sich aber letztlich doch umentschieden und war in die Bibliothek verschwunden. Sie ignorierte die Blicke und die Fragen der Schüler, die nicht auf die Party durften. Sie gönnte keinem eine Antwort und beschäftigte sich lieber mit den Zaubertränken für die nächsten Wochen, mit denen Snape sie foltern würde.

Es machte mehr Sinn. Sie hatte ohnehin nicht auf die blöde Party gehen wollen, und vor allem jetzt war ihr die Entscheidung auch abgenommen worden, weil sie jetzt auch kein elegantes Kleid mehr hatte.

Sie löste das Haargummi, band sich den langen Zopf neu, und als sie noch ein Dutzend weitere Schüler bemerkte, die mit den Fingern auf sie zeigten, klappte sie das Buch zu und packte ihre Sachen zusammen. Sie war bestimmt nicht hier her gekommen, damit die Schüler über sie tuscheln konnten. Aber natürlich hätte sie es besser wissen müssen.

Sie schwang die Tasche über die Schulter und trat ihren Rückweg an.
Sie erreichte den Korridor zum Gryffindorgemeinschaftsraum.

„-nein, ich habe gehört, sie hat einen Nervenzusammenbruch!“, vernahm sie die Stimme von Cormac McLaggen. „Malfoy muss sie wohl richtig fertiggemacht haben.“

„Vielleicht hat sie auch mit ihm Sex gehabt. Versaut genug ist sie doch wohl!“, entgegnete ein anderer Gryffindor. Sie verbarg sich hinter der Wand. „Und Malfoy hat in der Halle ziemlich zufrieden ausgesehen!“

„Quatsch, das weißt du nicht! Und Malfoy sieht immer zufrieden mit sich aus!“

„Als ob du noch nie darüber nachgedacht hast! Mit ihr Sex zu haben wäre bestimmt-“ Hermine beschloss, nicht zuzuhören! Und jetzt wollte sie auch nicht in den Gemeinschaftsraum. Aber… Malfoy war unten, also konnte sie auch hoch zu ihren alten Räumen gehen. Zumindest für eine Weile. Bis diese beiden Idioten vor dem Gemeinschaftsraum verschwunden waren.

Sie wechselte die Richtung und schritt zielstrebig, mit ihrer Büchertasche über dem Arm zu ihren alten Räumen. Niemand hielt sich in dem Korridor auf, und sie tippte lautlos auf den Knauf. Sie sagte den verhassten Namen, und die Tür schwang nach Innen auf.

Alles sah aus wie immer. Nichts war anders. Und sie war allein. Und sie wusste, sie durfte hier nicht mehr sein, hatte das Recht aufgegeben, und sie wollte eigentlich auch gar nicht mehr hier sein. Und wieder einmal spürte sie, dass sie nicht wusste, wo sie hin sollte. Eigentlich fühlte sie sich hier nicht mehr wohl, nicht mehr willkommen, und sie hatte gute Gründe gehabt, auszuziehen.

Sie hatte vergessen, wie nett die eigene Privatsphäre doch gewesen war. Bevor… bevor die ganze Sache mit Malfoy passiert war.

Sie erschrak so sehr, als die Badezimmertür aufging, dass sie vor Schreck ihre Tasche fallen ließ. Malfoys Stirn runzelte sich verblüfft. Er trug seine Trainingshose und ein Muskelshirt. Er sah aus, als wäre es Sonntag oder Nachmittag – und wieso war er nicht unten?!

Und es tat weh, ihn zu sehen. Seine Haare waren noch feucht, und unschlüssig kratzte er sich am Kopf.

„Du bist nicht auf der Party“, sagte sie, um irgendetwas zu sagen und bereute schon wieder, dass sie als erstes gesprochen hatte. Er blickte in Richtung Boden und schien sie nicht mal ansehen zu wollen. Sie hob ihre Tasche hoch. „Ich wollte nicht herkommen, aber ich dachte, wenn du nicht da bist, dann…“ Sie ließ den Satz unbeendet.

„Hast du Snape gesagt, dass ich Schuld bin?“, wollte er plötzlich wissen. Natürlich. Er war immer auf seinen Ruf bedacht. Sie schüttelte nur den Kopf.

„Nein, Malfoy. Ich habe Snape gar nichts gesagt“, erwiderte sie lautlos und hasste sich dafür, dass es weh tat, mit ihm zu sprechen. Ihn zu sehen und zu wissen, dass er noch genauso gut aussah wie vorher. Dass er geschlafen hatte, dass er nicht geweint hatte, dass er einfach Malfoy war.

„Und du hast dir also keine Gedanken darüber gemacht? Du ziehst aus, du legst den Posten ab – ohne dass auch nur mit einem Wort mit Snape zu besprechen?“, fuhr er sie wütend an. Sie spürte die Tränen, verdrängte sie aber tapfer. Für den Moment wenigstens.

„Es geht dich nichts an, oder? Ich werde schon mit ihm reden, und keine Sorge! Dein Name wird nicht fallen!“, ergänzte sie bitter. Er verdrehte die Augen.

„Ja, sicher. Du bist eine scheiß Lügnerin, Granger. Vielleicht kannst du Potter anlügen, aber Snape ist nicht so dämlich!“

Sie starrte ihn an. Er war so ein Arsch!

„Ich hoffe, du fängst nicht an zu weinen“, sagte er kühl. „Es war ein Spiel, Granger, und du hast verloren“, fügte er leichthin hinzu.

„Ja“, bestätigte sie tonlos.

„Dann… verschwinde endlich. Du wohnst hier nicht mehr“, erwiderte er schließlich. Und sie schluckte schwer. Die letzten Wochen passierten Revue vor ihren Augen und kamen ihr meilenweit entfernt vor.
Und für einen flüchtigen Moment fühlte sie all den Schmerz, den er ihr zugefügt hatte. Für einen Moment war der Schmerz aber nicht zu vergleichen mit der Leere, die sie empfand, wenn sie nicht hier war. Hier, bei ihm. In ihren gemeinsamen Räumen.
Sie wusste, es war die kluge Entscheidung, denn er brachte ihr nur Kummer. Liebe sollte so nicht sein. Es sollte leichter sein. Sie sollte sich sicher fühlen und nicht so, als könnte sie im nächsten Moment von der höchsten Klippe geschubst werden. Von ihm.

„Gibt es… irgendetwas Gutes in dir?“, wollte sie von ihm wissen, und seine Oberlippe kräuselte sich verächtlich. „Irgendwas?“

„Mein Blut, Granger“, erwiderte er tatsächlich, und ihre Mundwinkel hoben sich freudlos. „Und du solltest endlich verschwinden“, fügte er gleichmütig hinzu.

„Weißt du, warum ich dich liebe, Malfoy?“ Kurz stachen die Tränen in ihren Augen, und sie hatte das Gefühl als wäre die Welt plötzlich verstummt, als warte alles nur darauf, dass Hermine Granger diese absurde Tatsache erklärte.

Selbst Malfoy war verstummt. Und unbewegt schien er sie anzusehen. Sie glaubte sogar, dass er die Luft angehalten hatte, so reglos stand er vor dem Badezimmer.

„Wie du Aufsätze schreibst ist… wundervoll.  Denn… du wärst kein Schulsprecher, würdest du den Unterschied nicht kennen“, flüsterte sie. „Ich weiß, es ist dir egal, ob man reich ist oder arm. Reinblut oder Muggel. Und ich weiß, Snape weiß, wer du bist. Und… auch wenn ich dich noch nie so erlebt habe, wie du in deinen Aufsätzen bist – neutral, aufgeklärt, allwissend und gerecht – so weiß ich, dass… wann immer ich mit dir gestritten habe, wann immer wir…uns nahe waren,… dass alles andere nicht mehr so wichtig war.“

Er schwieg noch immer und sah noch immer so aus, als hätte er kein Wort gehört. „Ich hatte das Gefühl, du würdest mich verstehen. Ich hatte das Gefühl, du würdest… mich mögen. Und ich weiß nicht, ich… will das nicht vergessen, Malfoy“, fuhr sie fort. „Die Momente mit dir… ich habe noch nie so etwas gefühlt. Und ich weiß, ich sollte mit Ron zusammen sein wollen. Es wäre so einfach gewesen. Nicht wahr?“, hauchte sie. „Und… er hätte auch mein Kleid nicht zerstört. Aber… das ist mir schon egal“, seufzte sie achselzuckend.

Und sie sah, wie er die Augen schloss. Er zwang sich, ruhiger zu atmen, so schien es.
„Wieso gehst du nicht endlich?“, brachte er gepresst hervor, ohne die Augen zu öffnen.

„Willst du das?“, fragte sie vorsichtig, und seine grauen Augen schossen auf.

„Ja!“, schrie er und kam näher. „Ja, verdammt, Granger! Spreche ich Koboldogack? Ja! Ich will, dass du gehst! Ich will, dass du endlich verschwindest! Lass mich endlich in Ruhe, verpiss dich, geh zu deinem heiligen Potter! Geh zu Zabini, oder Weasley oder keine Ahnung wohin! Geh zu Snape, lass mich von der scheiß Schule werfen, weil ich dich geschlagen habe oder vergewaltigt – lass dir was einfallen, aber geh! Geh einfach!“, schrie er, während er näher gekommen war. Tränen rannen ihre Wangen hinab, und sie konnte nicht atmen.
„Ich hasse dich, Granger!“, rief er unglaublich laut, so laut, dass sie die Augen schließen musste. „Ich hasse dich!“

Und als sie die Augen öffnete stand er vor ihr. Und er wischte sich zornig die Träne von der Wange, während er sie hasserfüllt anstarrte. „Zufrieden?“, knurrte er rau. „Und ja, es ist wichtig, ob man reich ist oder arm. Es ist wichtig, ob man ein Reinblut ist, Granger. Es ist wichtig, weil… weil…“ Seine Brust hob und senkte sich heftig, während er sprach, und ihr Mund hatte sich leicht geöffnet.

„Draco…“

„Nicht!“ schrie er jetzt. „Nein! Hör auf damit!“

„Du musst nicht-“

„-hör auf, zu reden, Granger!“, unterbrach er sie heiser. „Warum haust du nicht endlich ab?! Was willst du von mir? Wieso bist du hier? Wieso… ich… kann nicht…!“, brachte er kopfschüttelnd hervor, und eine weitere Träne löste sich von seinen langen Wimpern und fiel auf seine Wange. „Ich… kann nicht…“, flüsterte er kopfschüttelnd, ohne jeden Zusammenhang, und sie schlang ohne weiter zu zögern die Arme um seinen Nacken und umarmte ihn fest.

Sein Körper war so warm, sie roch sein Duschgel und klammerte sich an ihn, als würde sie selber ertrinken, und sie spürte es. Sie spürte, wie sein Kopf auf ihre Schulter sank, wie er nicht verhindern konnte, aufzuschluchzen, wie seine Hände ihre Rücken fanden und sie näher an sich drückten. Tränen rangen sich aus ihren eigenen Augenwinkeln, und sie schloss die Augen, während sie ihn hielt, während sie auf Zehenspitzen vor ihm stand, und versuchte, Trost zu bringen.

Und es verging eine Ewigkeit. Das einzige Geräusch war die Wanduhr und sein unregelmäßiger Atem gegen ihre Schulter. Sie hatte ihn noch nie so gehalten, und es war ungewohnt. Vorsichtig strichen ihre Finger durch seine dichten Haare, spielten abwesend mit den Strähnen, während er sie noch immer nicht losließ.
Sie hätte ihn für immer so halten können, aber er hob schließlich den Kopf, und seine Hände sanken wieder neben seine Seiten. Sie nahm ihre Arme zurück, und er fuhr sich mit beiden Händen über die Augen.

Er hatte geweint, und es brach ihr das Herz. Er war so wunderschön, und sie würde sterben, wenn er jetzt wieder anfangen würde zu schreien, wenn er noch immer wollen würde, dass sie ging.

Ehe sie sprechen konnte, zuckte sie zusammen, als die Tür hinter ihnen aufflog. Auch Draco erschrak und fuhr sich anschließend noch einmal über das Gesicht.
Sie wandte sich hastig um, und Snape stand in der Tür.

„Warum sind Sie nicht unten?“, sagte er schließlich, und sein Blick ruhte kurz auf Draco, ehe er sich an sie wandte. „Sie… haben geweint?“ Und Hermine wischte sich eilig über die eigenen Wangen.

„N…nein, Sir“, log sie eilig. Und Snape wirkte kurz unschlüssig.

„Was geht hier vor? Draco?“, wandte er sich wieder an ihn, und Hermine wusste nicht, was sie sagen sollte.

„Wir kommen sofort“, sagte Draco tatsächlich. Snape atmete entnervt aus.

„Sie haben fünf Minuten, um sich umzuziehen. Und ich erwarte eine Erklärung für all das. Morgen“, fügte Snape knapp hinzu, ehe er verschwand und die Tür wieder ins Schloss fiel. Hermine atmete aus. Draco sah sie an. Das war fast gnädig von Snape gewesen.

„Na los, zieh dich um. Ich… brauche kein Kleid“, endete sie kleinlaut, aber er rührte sich nicht. Sie musste den Blick senken, denn sie ertrug nicht, noch länger in seine Augen zu sehen, wenn er sowieso nichts sagen würde.

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie er den Zauberstab aus seiner hinteren Tasche zog und zum Fenster schritt, um es zu öffnen.

„Expecto Patronum!“, sprach er, und ehe sie sich unwillkürlich fragen konnte, was wohl sein glücklicher Gedanke war, öffnete sich ihr Mund sprachlos, als ein schneeweißer, feingliedriger, mannshoher Drache aus der Spitze seines Zauberstabs brach und sanft auf dem Steinboden landete.

Hermine war vor Schreck zurückgewichen.

„Malfoy Manor“, befahl Draco dem Drachen ruhig, und dieser breitete seine Schwingen aus und flog hinaus zum Fenster, von weißen Wolken umgeben.

„Malfoy!“, flüsterte sie ungläubig. „Das… das… - weiß Snape das?“, sagte sie sofort, aber Draco schüttelte knapp den Kopf. „Das Ministerium würde dich verpflichten! Du könntest-“

„-nein“, unterbrach er nur ihre Gedankengänge.

„Aber du würdest-“

„-ich bin auf Bewährung, Granger. Ich würde absolut gar nichts!“, endete er.

„Was? Wenn der Minister wüsste, dass dein Patronus ein Drache ist-!“

„-dann müsste ich erst die Prüfung zum Animagus ablegen, um überhaupt irgendetwas tun zu können, und ich glaube nicht, dass das besonders einfach ist.“

„Was? Nein, aber McGonagall ist auch ein Animagus, sie kann dir sagen, was-“

„-Granger, sie ist nur eine Katze!“, unterbrach er sie harsch. Und Hermine war gar nicht aufgefallen, dass sie wieder sprachen. Und sie fand es unverschämt, dass er seine Gabe nicht verraten hatte! Einen Drachen als Animagus zu haben, war nicht nur unheimlich selten, es privilegierte ihn außerdem noch dazu, ein Animagus zu werden, der unter jeden Umständen vom Ministerium angestellt werden würden, um sämtliche Arten von Auslandseinsätzen zu machen, sogar um artenübergreifend zu handeln! Obwohl sie nicht ganz wusste, wie das funktionierte, und sie wusste auch nicht, wie sich Drachen vermehren konnten – aber jedenfalls war es selten!

„Dein… dein Vater war auch ein Drache?“, vermutete sie plötzlich. Er nickte nicht, aber er sprach.

„Der Patronus meines Vaters war ein Drache, ja, aber er hat die Prüfung zum Animagus nie abgelegt, weil er nicht an das Ministerium mit irgendeinem Weltverbesserer-Auftrag gebunden sein wollte“, erwiderte Malfoy nur.

„Aber…“

„Granger, ich werde jetzt nicht darüber-“

Und die Elfe erschien aus dem Nichts mit einem lauten Plopp und stürzte in einer ehrfürchtigen Verbeugung auf den Fußboden zu Dracos Füßen.

„Master Draco, Master Draco! Was soll Lowyn tun? Lowyn kam so schnell sie konnte! So schnell sie konnte!“, jammerte das kleine Geschöpf, und Hermine hätte sie am liebsten in den Arm genommen, zu klein und scheu war das Geschöpf vor ihr.

Und Draco kniete sich vor die Elfe.

„Schon gut“, sagte er rau. „Geh in das große Schlafzimmer im ersten Stock, und bring mir aus dem Schrank die silberne Kleidertasche“, erklärte er der zitternden Elfe ruhig.

„J…ja, Master Draco! Sofort, Master Draco!“  Die Stimme der Elfe bebte beim Sprechen, und sie verschwand so schnell, wie sie gekommen war.

„Was war das?“, fragte Hermine verurteilend, sie konnte nicht anders.

„Das war eine meiner Elfen“, erwiderte er bitter.

„Ich sehe schon. In eurem Haus gab es nie Kleidung geschenkt“, vermutete sie abschätzend.

„Nein“, sagte er nur.

„Und was genau ist in dieser Kleidertasche, wenn ich fragen-“ Aber Hermine zuckte wieder zusammen, als die Elfe wieder zurückkam.

„Hier, Master Draco! Bitte, Master Draco!“, keuchte das kleine Geschöpf und legte eine Tasche vor ihm, von der Hermine gar nicht erst vermuten wollte, dass sie aus Drachenhaut war!

„Danke, Lowyn“, erwiderte er ruhig, und das Geschöpf starrte ihn an. Dann fiel die Starre von ihr ab.

„Ja, ja, Master Draco! Immer, Master Draco!“ Und sie verschwand, ohne Hermine überhaupt angesehen zu haben. Er bückte sich nach der Tasche und hielt sie ihr tatsächlich hin. Argwöhnisch musterte sie ihn.

„Was ist das?“

„Ein Kleid, Granger“, erklärte er lakonisch. „Was sollte sonst in einer Kleidertasche sein?“ Sie verdrehte die Augen.

„Das sehe ich, aber… aber…“

„Es gehörte meiner Mutter. Es ist sauber, es ist deine Größe, nehme ich an, und es… es wäre mein Anliegen, dass du es heute tragen würdest“, schloss er, und ihr Mund öffnete sich überrascht. Es war ihm was? Ein Anliegen?! Zögernd ergriff sie den zarten Stoff der Kleidertasche, und ihre schlimme Drachenhaut-Vermutung sah sich bestätigt. Sie sagte dazu allerdings nichts. Sie nahm an, er wusste selber, wie widerlich sie es fand!

Sie öffnete zaghaft den Reißverschluss der Tasche, und ein dunkelblaues kurzes Kleid mit eingewebten funkelnden Steinen im Dekolleté-Bereich raubte kurz ihre Aufmerksamkeit, und ihre vollkommene Unfähigkeit, ihm ihre Meinung zu sagen.

Sie brauchte nicht fragen, um zu wissen, wie kostbar dieses Stück Stoff war!

„Es war Narzissas Lieblingskleid, auch wenn sie es nicht oft getragen hat“, sagte er still. „Lucius fand es… nicht angemessen“, fuhr er fort, und Hermine konnte den Blick nicht von den Steinen wenden. „Das sind silberne Diamanten aus den Drachen-Mienen in Kroatien“, ergänzte er, falls sie hatte fragen wollen. Aber sie wollte es gar nicht wissen, denn sie wusste, wie teuer normale Diamanten waren. Silber-Diamanten gab es nicht mehr auf dieser Erde!

„Draco, ich-“

„-es ist nur ein Kleid, Granger“, unterbrach er sie ruhig. „Und wir strapazieren Snapes Geduld“, fügte er ruhiger hinzu.

„Danke“, flüsterte sie nur. Sie hob den Blick zu seinem Gesicht. Sein Ausdruck war ihr nicht zu deuten. Er war anders als sonst. Vorsichtiger als sonst, ausgewählter als sonst. Kein Hass, kein Zorn. Nichts Negatives lag mehr in seinen grauen Augen. Er sagte nichts weiter, und sie ging mit wackligen Knien in ihr altes Zimmer, um sich umzuziehen. Nur die Schuhe lagen schon im Gryffindorgemeinschaftsraum. Sie würde sie gleich noch holen müssen. Und sie ignorierte so gut es ging, ihr Schulsprecherabzeichen auf dem Schreibtisch.

Es war schon nach acht. Die Sonne versank langsam hinter den Bergen, stellte sie fest, schlüpfte aus ihrer Schuluniform und betrachtete das feine Kleid, was sie auf ihr altes Bett gelegt hatte. Es war wunderschön. Und es war wohl nichts, was ein achtzehnjähriges Mädchen tragen sollte, oder sich überhaupt leisten konnte. Sie würde auffallen. Ganz bestimmt, dachte sie, während sie das Haargummi löste, und ihre Wellen weich über ihren Rücken fielen. Sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, sie zu glätten, also fielen sie heute so natürlich, wie es schon lange nicht mehr der Fall gewesen war.

Als sie nur noch ihr Höschen trug stieg sie vorsichtig in das trägerlose Kleid. Es schmiegte sich nahezu augenblicklich an ihren Körper. Die Seide lag weich auf ihrer Haut. Sie verschloss die winzigen Ösen und Haken, die sich scheinbar tausendfach aneinanderreihten, aber es ging relativ schnell, alles zu verschließen.

Sie besaß zwar keinen Spiegel mehr, konnte ihren Anblick aber in der Scheibe betrachten. Es lag eng an ihrem Körper, und auch in der Fensterscheibe funkelten die vielen Steine verführerisch. Nur war sie noch barfuß.
Anscheinend hatte sie doch länger gebraucht, denn er klopfte bereits an der angelehnten Tür. Sie wandte sich um und strich noch einmal über den samtweichen Stoff des Kleides.

Er trug seinen Anzug und sah unglaublich schick darin aus. Er schien für solche Anlässe geboren worden zu sein, stellte sie stirnrunzelnd fest. Alles saß perfekt, und das Schwarz brachte seine hellen Haare noch deutlicher zur Geltung. Er konnte sich sehr gut verkaufen. Fast seufzte sie auf, denn Draco Malfoy hatte sie verzaubert.
Sie hatte gesagt, dass sie ihn liebte. Es machte ihr fast keine Angst. Auch, dass er es nicht erwidert hatte war nichts, wovor sie sich fürchtete.

Unsicher blickte sie an sich hinab. „Und?“, fragte sie leise, aber er schüttelte nur den Kopf. Sie wusste nicht, ob es ihm die Sprache verschlagen hatte, oder ob sie tatsächlich abscheulich aussah, so dass er nicht mehr sprechen konnte. Sie beschloss, es nicht zu hinterfragen. „Ich… brauche noch Schuhe. Die sind im Gryffindorgemeinschaftsraum, weil ich ja… ausgezogen bin“, murmelte sie und deutete auf das leere Zimmer.

„Was?“, fragte er ehrlich verwirrt, schüttelte erneut sanft seinen Kopf und gewann wieder Fokus.

„Schuhe?“, wiederholte sie langsam. „Gryffindorgemeinschaftsraum?“

„Ok“, sagte er nur, und mit der Geste eines perfekten Gentlemans bot er ihr seinen Arm. Sie zögerte kurz.

„Ich bin barfuß, Draco“, sagte sie und deutete auf ihre bloßen Füße. Er folgte der Geste und nickte schließlich. Und er schloss den Abstand zu ihr. Ohne Zögern, ohne eine Frage und hob sie auf seine Arme, ehe sie protestieren konnte. Ihre Arme lagen fest um seinen Nacken, während er sie trug, als wöge sie nichts!

„Malfoy!“, sagte sie warnend, als er sie aus ihrem alten Zimmer ihre Stufen hinab ins Wohnzimmer trug. „Das habe ich so nicht gemeint!“ Aber er reagierte nicht auf ihren Einwand. „Malfoy!“, wiederholte sie ungläubig, als er mit einer Hand die Tür öffnete und mit ihr auf seinen Armen die Räume verließ.

Merlin sei Dank war der Flur ausgestorben, und sie hätte jetzt auch einfach in seinen warmen, festen Armen sterben können. Er trug sie durch den Flur, die Stufen hinab, ohne ein Wort zu sagen. War sie doch so schwer, dass er nichts sagen konnte? Dass er so schweigsam war, war das einzige, was sie beunruhigte.

Sie kamen vor dem Gryffindorturm an. Und blöderweise standen McLaggen und der andere Gryffindor, den sie vage als Thomas So-und-so einordnete immer noch vor dem Portraitloch.

Oh Merlin…!

Die Jungen sahen sie beide mit offenen Mündern an, und Hermine hätte vor Scham versinken können.

„Hey…?“, begrüßte Cormac sie beide verwirrt, und Hermine nickte nur mit hochroten Wangen, als Draco das Passwort sagte, und das Portrait aufschwang. Sie wollte gar nicht hören, was sich diese beiden jetzt zusammenreimten.

Die niederen Klassen befanden sich im Gemeinschaftsraum, und Hermine klammerte sich an Dracos Nacken, denn was sollte sie sonst tun? Er machte keine Anstalten, sie abzusetzen.

„Da hoch!“, sagte sie eilig, und er wandte sich nach rechts, ohne die übrigen Schüler zu beachten, die ihnen mit offenen Mündern und großen Augen hinterherstarrten. „Ich kann laufen, weißt du?“, wagte sie einzuwerfen, aber mit dem Fuß trat er den Schlafsaal der Siebtklässler-Jungen auf und setzte sie erst ab, als sie eingetreten waren.

Sie konnte nicht anders, als zu denken, dass er sich einfach nur schlichtweg unwohl fühlte, und es schmerzte etwas in ihrem Innern, so zu denken. Sie beeilte sich, den Karton unter Harrys hervorzuziehen, was beinahe unmöglich war, so schwer war das Ding, ohne das Kleid zu beschädigen oder auch nur ein Staubkorn auf den teuren Stoff kommen zu lassen.

Sie griff in die Tiefen des verhexten Kartons und brauchte eine Minute, ehe sie ihre Schuhe fand. Erleichtert stellte sie fest, dass sie gut zu dem Blau des Kleides passten, und als sie die Schuhe über ihre Füße zog war sie fast so groß wie Malfoy selber. Er überragte sie noch um wenige Zentimeter, und sie liebte es, endlich mal etwas größer zu sein, waren die Schuhe auch lebensgefährlich, wie ihre Mutter es nannte.

Und er nickte anerkennend. Sie konnte nur annehmen, dass es ihm gefiel, was sie trug. Sie konnte auch nicht fassen, dass sie jetzt mit ihm im Gryffindorschlafsaal der Jungen stand. Sie nahm ihren Mut zusammen und kam langsam auf ihn zu, bis sie einen halben Meter vor ihm inne hielt.
Er sah auf sie hinab. Sie bemerkte erst jetzt, dass sie überhaupt kein Makeup trug! Sie musste aussehen wie ein Troll, durchfuhr es sie beschämt. Sie senkte unbewusst den Blick, damit er keine Bemerkung darüber machen konnte.

„Danke… für das Kleid“, sagte sie, damit diese furchtbare Stille aufhörte.

„Du hast dich schon dafür bedankt“, erwiderte er, und sie konnte nicht sagen, ob er gereizt oder neutral klang. Es war so schwer bei ihm zu unterscheiden. Entnervt hob sie den Blick, denn mit ihm war es wie bei einer tickenden Zeitbombe, die jede Sekunde explodieren –

… er hatte den Abstand geschlossen, ehe sie den Gedanken abschließen konnte, und seine Lippen verschlangen ihren Mund hungrig und fast verzweifelt.

Seine Hände griffen hart um ihre Taille, zogen sie fest an sich, und sie öffnete für ihn ihre Lippe, damit seine Zunge in ihren Mund gleiten konnte, als hätte sie nie etwas anderes getan! Er stöhnte ungehalten, und ein angenehmer Schauer rann ihre Wirbelsäule hinab.
Tausend Schmetterlinge flatterten in ihrem Bauch, und sie konnte sich nicht mal aufhalten, als ihre fahrigen Finger sein Jackett von seinen Schultern zerrten.
______________________________________________________________
tbc...
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast