Three Rooms

von Die Meg
GeschichteRomanze / P18
12.05.2014
28.05.2014
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Kapitel 1

Sie tippte mit ihrem Zauberstab auf den breiten Türgriff.

„Dumbledore“, sagte sie ruhig ihr ausgewähltes Passwort für diese Woche, aber die böse Vorahnung in ihrem Innern hatte selten etwas mit Aberglauben zu tun, sondern war mittlerweile ausgewachsener Instinkt.
Denn sie war Freitagnachmittag nach London abgereist. Und jetzt war es Sonntagnachmittag. Sie war also zwei Tage nicht in ihren Räumen hier in Hogwarts gewesen.

Die Tür öffnete sich. Und ihr Atem stockte kurz.

Gefährlich. Sie nahm an, das war das Wort, nach dem sie suchte. Es war das Wort, was am besten passte. Wieder einmal war sie an diesem Punkt angelangt, wo es gefährlich wurde. Irgendwann war es passiert, dass sie reizbar geworden war. Sie war regelrecht von Gemütsschwankungen betroffen. Sie wurde wütend, sie schrie sogar, wenn sie sich selber nicht im Griff hatte.
Vielleicht lag es daran, dass sie Einzelkind war, dass sie es gewöhnt war, Dinge für sich selbst zu haben? Dass sie nicht gerne teilte? Vor allem nicht die Räume, in denen sie lebte? Aber dann wiederum… glaubte sie es nicht. Sie hatte kein Problem, Sachen mit Harry oder Ron zu teilen.

Sie ließ die Henkel der Reisetasche resignierend aus ihren Fingern gleiten, und die Tasche fiel mit einem dumpfen Geräusch neben sie auf den Boden. Sie bemühte sich nicht mal, die hohen Schuhe auszuziehen, in denen sie den ganzen Tag schon unterwegs gewesen war.

„Ich wünschte, du würdest endlich von der Schule fliegen“, murmelte sie gepresst, und ihre Finger zitterten bereits vor Wut, während sie sich bemühte, das Chaos zu beseitigen, was er veranstaltet hatte. Und nur er! Immer nur er! Ihre Atmung ging flach, und sie konzentrierte sich darauf, nicht weiter nachzudenken. Sie sah ihn nicht an, als er gähnend aus seinem Zimmer schlurfte. Wütend beförderte sie die leeren Flaschen in einen Beutel, trat unbeherrscht nach zerknüllten Schalen und Packungen, in denen er sich wohl wieder per Eule hatte Essen aus Hogsmeade liefern lassen und überlegte noch zorniger, wie sie die dunklen Flecken aus dem beigen Teppich bekommen konnte, die bereits eingetrocknet waren. Sie strich die Haare gereizt hinter ihre Ohren, pustete sich eine Strähne aus der Stirn, und fuhr damit fort, ihn nicht anzusehen. Sie kniete nicht direkt auf den Knien, denn sie wollte auf keinen Fall die neue dunkle Jeans dreckig machen, nur weil sie wieder angekommen war.

Es stank nach abgestandenem Bier und anderem beißenden Alkohol, neben den chinesischen Gewürzen der Fertiggerichte, und sie öffnete eilig das Fenster.
Es war eine widerlich stickige Luft im Zimmer, und gereizt löschte sie mit dem Zauberstab das Feuer, was wohl die Nacht über im breiten Kamin schwach gebrannt hatte.

„Hast du mit mir gesprochen? Ich spreche kein Schlammblut“, gab er desinteressiert zurück, und er trug seine Quidditchtrainigshose, ein weißes Muskelshirt – und sonst nichts. Er kam barfuß ins Zimmer, die wenigen Stufen hinab, zertrat unbeeindruckt weitere Chips, die vereinzelt auf dem Boden lagen, und beachtete ihre Aufräumarbeiten nicht. Und sie hasste dieses Wort!

Aus dem gemeinsamen Schrank holte er eine Packung Bertie Botts Kekse und streckte sich schließlich. Es war weit nach zwei, stellte sie mit einem gereizten Blick auf die Standuhr fest. Sie bemühte sich, seine Gestalt nicht zu betrachten. Aus den Augenwinkeln erkannte sie dennoch das hässliche schwarze Mal auf seinem Unterarm. Seine Haare lagen so verstrubbelt auf seinem Kopf, dass sie tatsächlich davon ausgehen konnte, dass er bis jetzt gerade eben geschlafen hatte. An einem Sonntag. Ein Tag vor dem Treffen der Vertrauensschüler, wofür er wieder einmal nichts getan haben würde! Er schlenderte langsam wieder zurück, kam auf sie zu, und seine Gestalt überragte sie um einen ganzen Kopf.

Er kratzte sich am Rücken, bückte sich, um den Berg an Quidditch-Zeitschriften vom Gemeinschaftszimmertisch zu wischen, um dann mit einem bestätigenden Geräusch seinen Zauberstab aus dem Chaos zu klauben und schließlich nach einer offenen Chester Cherry Magic Coke griff. Er würde die Zeitschriften einfach auf dem Boden liegen lassen! Sie wusste, das würde er tun, ohne weiter darüber nachzudenken.
Er schnippte den Zauberstab Richtung Kamin und entfachte das Feuer erneut.
Ihm war immer kalt, während sie vor Hitze verging. Jetzt zu diskutieren, würde tödlich enden. Für ihn. Deswegen würde sie warten, bis er weg war, um das Feuer zu löschen.

„Wann genau hattest du vor diesen Schweinestall aufzuräumen?“, fuhr sie ihn schließlich mit eisiger Kontenance an, und er wandte sich langsam zu ihr um, fuhr sich durch die zerzausten Haare, und setzte eine angestrengte Miene auf. Es war nicht so, dass ihre Räumlichkeiten klein waren, nein. Sie befanden sich im gemeinschaftlichen Wohnzimmer, und es maß bestimmt die Hälfte des Gryffindorgemeinschaftsraums, aber selbst unter der hohen, runden Steindecke, den Kommoden an den Wänden, der dunkelbraunen Ledercouch, den beiden langen Fenstern, die den See überblickten – mit all seiner urigen Schönheit, die dieses Zimmer bot, hatte sie das Gefühl, nicht atmen zu können!

„Oh Mum, ich weiß nicht. Wenn mir danach ist?“, entgegnete er spöttisch, die Stimme tief und rau, wahrscheinlich vom Alkohol, nahm sie an. Er fuhr sich mit der Hand über die Bartstoppeln, und sie spürte, wie sich ihr Mund zu einer dünnen Linie presste. „Oder gar nicht“, schloss er achselzuckend, warf sich noch einen Keks in den Mund, nahm einen abgestandenen Schluck aus der Flasche des süßen Zuckerzeugs, das sie niemals anrühren würde, und sie zwang sich zur Ruhe. Zur äußersten Ruhe.

„Diesmal bin ich wirklich sprachlos, Malfoy!“, knurrte sie, und würde sie sich nicht beherrschen, dann würde sie gleich schreien, überlegte sie verzweifelt.

Und er hob eine helle Augenbraue, während er sie betrachtete. Abschätzend, abwertend. Seine Oberlippe hob sich in seiner spöttischen Manie, und er atmete resignierend aus.
„Das sagst du jedes Mal, und dennoch… hältst du nie dein Wort, Granger“, fügte er glatt hinzu. „Ich bin sicher, gleich fallen dir noch weitere Worte ein, die mich einen absoluten Scheißdreck interessieren“, erklärte er lächelnd. Ihr Mund schloss sich zornig. Arschloch! Scheiß Arschloch!
Sein breiter Rücken entfernte sich von ihr, und er hob winkend die Hand, ohne sich noch einmal umzusehen, ehe er im Gemeinschaftsbad verschwand. Die Tür trat er mit dem Fuß ins Schloss.

Atmen, Hermine. Einfach ganz ruhig atmen, befahl sie sich, denn sie wusste, schreien half nicht! Schreien half nicht, ihm anzudrohen, Snape zu holen, half nicht, und deswegen zog sie stur ihren Zauberstab und begann zu versuchen, den Fleck aus dem großen Teppich zu hexen, der über dem kalten Steinboden ausgebreitet war. Vom Geruch her handelte es sich wohl auch um Chester Cherry Coke, und sie hasste ihn einfach! Sie wohnte auch hier, und es war ihm scheiß egal! Ihre Ordnung ließ ihn unbeeindruckt, und ihre Regeln ignorierte er so konsequent als wären sie in irischem Koboldogack verfasst! Wieder löschte sie das Feuer im Kamin.

Der Fleck verlor langsam an Farbe. Sie sah sich seufzend um. Der Teppich sah schrecklich aus! Auf dem übrigen Steinboden klebten dunkle Flecken anderer Art, seine Klamotten lagen quer verteilt, und über dem Türgriff des Gemeinschaftsbadezimmers steckte sein Quidditchhandschuh.
Selbst auf den wenigen Stufen, die hoch zu ihrem Zimmer führten, lag allerhand an Abfall, den sie nicht einmal identifizieren konnte.
Die Bilder der ehemaligen Schulsprecher an der Wand neben der Eingangstür lehnten sehr gespannt in ihren Rahmen. Es waren über fünfzig winzige Portraits hinter Glas, und die jungen Leute starrten sie und Malfoy schon seit dem ersten Tag regelmäßig mit offenen Mündern an. Und sie ignorierte sie seit dem ersten Tag und war froh, dass das Glas sie daran hinderte zu sprechen. Vor allem die Portraits von einer jungen Molly Weasley, neben einem jungen Arthur.

Sie war so unsagbar froh, dass ihre Zimmertür versiegelt war, nachdem sie, das erste Mal als sie weg war und wiedergekommen war, Goyle selig schlafend in ihrem Bett vorgefunden hatte! Es hatte ein Donnerwetter gegeben, was Mr König-Lord-und-Mistkerl Malfoy hier natürlich hingenommen und ignoriert hatte. Und seitdem war ihre Tür mit unzähligen Zaubern versiegelt!
Goyle jedoch schämte sich seitdem immerhin und sah ihr nicht mehr ins Gesicht.

Sie hörte ihn unter der Dusche summen, als wäre alles in bester Ordnung, und der Klang seiner Stimme jagte ihr Schauer des unergründlichen Hasses über den Rücken. Sie kam bestimmt nicht von einer anstrengenden Fahrt, um danach direkt weiter machen konnte, aufzuräumen.
Die jährliche Verbandsfeier der Zahnärzte Londons war wieder einmal endlos lang gewesen. Endlos lang war auch die Liste an potentiellen festen Freunden, die ihr von ihrer Mutter wie immer dreist präsentiert worden war.
Das Essen war erstaunlich lecker und ungesund gewesen, bedachte sie den Anlass. Sie war also einen ganzen Samstagabend herum gereicht und vorgeführt worden.
Und ihre Mutter hatte lächelnd verkündet, ihre Tochter hätte einen geheimen Job bei der Regierung.

Und egal, wie oft Hermine ihr erklärt hatte, dass sie bestimmt nicht mit einem Muggel – oder gar einem Zahnarzt – ihren Lebensabend verbringen wollte, so war das ihre Mutter so egal wie Draco Malfoy ihre Regeln.
Nachdem Hermine immer noch Single war – wofür ihre Mutter nur ein Kopfschütteln übrig hatte – sah diese sich wohl gezwungen, die Sache selber in die Hand zu nehmen. Denn mit siebzehn schien man sich wohl vorbereiten zu müssen, hieß es.

Sie seufzte schwer und beschloss, nicht mehr über ihre Mutter nachzudenken. Der Fleck war verschwunden. Gut! Sie arbeitete sich weiter vor und hatte noch nicht einmal ihr Zimmer betreten! Sie fand weitere Flaschen unter der Couch und zornig stopfte sie diese ebenfalls in den bereits vollen Beutel. Sie entdeckte jetzt erst die beschmierten Fenster und wusste, es würde sie wohl den ganzen Nachmittag kosten, hier aufzuräumen.
Alle Essenreste beseitigte sie eilig mit einem Alles-weg-Zauber, der den Müll in den nächsten Mülleimer befördern würde. Nichts stand mehr an seinem ursprünglichen Platz, aber dafür konnte sie sicher sein, dass in der Kommode neben der Tür im untersten Fach alles die beste Ordnung haben würde. Da waren nämlich die Putzsachen untergebracht, und die Hölle müsste zufrieren, bevor Draco Malfoy seinen königlichen Hintern bewegte, und einen Lappen zur Hand nahm!

Auf der Kommode zwischen weiteren Butterbierflaschen und Chipstüten lag ein kirschfarbener BH, den sie mit spitzen Fingern ergriff. Sie wollte gar nicht wissen, wie er dahin gekommen war. Sie hinterfragte seine sexuellen Eskapaden nicht, denn er war bisher meist schlau genug, sie davon nichts mitbekommen zu lassen, denn sonst hätte sie Snape schneller gerufen, als er das Wort Schlammblut auch nur hätte denken können.

Sie beschloss also, einen komplett-Desinfektionszauber auszuführen, nachdem sie das gröbste beseitigt hätte. Nur bei den Fenstern wagte sie keine Zauber. Selbst Molly Weasley konnte nur mit äußerster Vorsicht Fenster magisch reinigen. Das war Hermine zu gefährlich. Weil sie viel zu wütend war, um sorgfältig zielen zu können!

Die Badezimmertür öffnete sich, nachdem sie ihre Putzsachen zusammengestellt hatte.
Der heiße Dampf der Dusche kroch über den Fußboden.

„Fenster auf!“, bellte sie wütend in seine Richtung, aber er sagte nichts. „Und das hier…!“ Sie deutete angewidert auf den BH. „Brauchst du den noch? Oder irgendwer?“, schnappte sie zornig, und sah ihn an. Er rubbelte sich gerade mit einem Handtuch die Haare trocken, und jetzt trug er nur noch seine Trainingshose. Tropfen perlten seinen Oberkörper hinab, und dass er einen Körper eines griechischen Gottes besaß machte sie noch wütender! Sie zwang sich, ihn nicht zu genau anzusehen. Sie erkannte seine Hüftknochen, die über dem Bund seiner Hose saßen, die formschön seine Beine hinab fiel. Sie konnte sich nicht erklären, wie er seine Muskeln definiert halten konnte, wo er doch so einen Junkfood-Mist in sich reinstopfte! Nahezu jeden zweiten Tag! Immerhin hatte sie die Röte in ihren Wangen relativ gut unter Kontrolle. Relativ bedeutete, dass sie nicht mehr rot wie eine Tomate und um Worte verlegen wurde.
Sie hatte sich – so schlimm dies auch war – an den Anblick eines halbnackten Draco Malfoys bereits gewöhnt. Und sie hasste es!

Und er schüttelte die feuchten Haare, als er das Handtuch achtlos über die Sofalehne warf.

„Malfoy, Handtuch!“, sagte sie sofort, aber er gähnte erneut.

„Bin schon trocken, Granger“, gab er zurück.

„Malfoy!“, wiederholte sie warnend, aber er war schon weiter in sein Zimmer gewandert. Wie es da aussehen mochte, wollte sie gar nicht wissen. „Du hilfst mir! Du räumst hier auf!“, rief sie ihm wütend nach. Sie konnte nicht fassen, dass es ihm so egal war! So konnte man nicht leben! Sie lebte seit einem halben Jahr mit Draco Malfoy auf drei Zimmern, und sie war am Ende ihrer Lebenslust! Sie hasste es. Es war wie eine WG der Hölle, und er war Teufel!
Er war bestimmt nicht Schulsprecher geworden, weil er so ordentlich war. Nein, ganz bestimmt nicht!

„Keine Zeit“, erklärte er gleichmütig, als er schließlich vollständig bekleidet mit Trainingsjacke aus seinem Zimmer zurückkam. Sie erhaschte einen Blick in sein Zimmer. Die Jalousie war noch unten, überall lagen Klamotten von ihm, das Bett war nicht gemacht, und die Decke lag halb auf dem Boden. Er fuhr sich noch einmal mit der Hand über die halbnassen Haare. Sein Blick glitt suchend durch das Wohnzimmer, schien aber nichts von dem Chaos wahrzunehmen. „Accio Nimbus!“, rief er also, ohne den Zauberstab aus der Hosentasche zu holen, und fast vergaß sie, wie wütend sie war, und Neid befiel sie, dass er zauberstabloses Zaubern fertig brachte, und sie bisher immer noch nicht.
Seine Theorie dazu wollte sie nicht ein weiteres Mal hören! Muggel konnten es nämlich genauso gut, wie Reinblüter! Und wenn sie etwas mehr Zeit hätte, sich auf das Zaubern zu konzentrieren anstatt aufs Putzen, wäre sie vielleicht schon in der Lage zauberstablos zu apparieren!

Sie hörte plötzlich das Knacken der Garderobenschranktür neben der Tür, und ehe sich ihr Mund öffnen konnte, brach die Tür aus den Angeln, und der Besen kam mit voller Wucht in seine Hand geschossen.

Ihr Blick hob sich eisig zu seinem Gesicht, während er kurz die Tür betrachtete, die nun schief in den Angeln hing. Auch die Münder der ehemaligen Schulsprecher hinter Glas hatten sich stumm geöffnet.

„Das reparierst du!“, fuhr sie ihn an. „Nicht später, nicht morgen. Jetzt, Malfoy!“ Es war lange her, dass sie ein Wort wie Bitte oder Vielleicht gebraucht hatte. Mit Malfoy war alles ein Streit. Alles war ein Für und Wider. Alles war schwer und kompliziert. Alles war getränkt in bittere Beleidigungen und Hass.

Er warf ihr einen ungläubigen Blick zu. „Wieso sollte ich auf irgendwas hören, was du sagst, Granger? Glaubst du wirklich, wir leben hier in deiner kleinen Symbiose, wo die eine Hand die andere wäscht?“ Er ließ sie nicht mal zu Wort kommen. Sein Blick bekam die abschätzende Malfoy-Note, die sie für gewöhnlich von ihm gewohnt war. „Apropos waschen… das sollte dein Stichwort sein, Schlammblut. Aber nicht vergessen… schön das Badezimmer danach putzen. Ich will mir keinen Ausschlag einfangen“, ergänzte er lächelnd.

„Fick dich, Malfoy“, entfuhr es ihr zornig. Er lächelte breiter.

„So schmutzige Worte. Weiß Potter, dass aus deinem Schulsprecher-Gryffindor-Besserwisser-Mund solche schmutzigen Worte kommen? Aber wahrscheinlich kommt der kleine Bastard sowieso noch vorbei, richtig? Kann ja seine Schlammblut-Hure keine einzige Sekunde aus seiner Aufmerksamkeit entlassen.“ Sein Lächeln war bitterböse. „Ich frage mich, welche Rolle du in seinem kleinen Martyrium gespielt hast, Granger“, fuhr er fort, während er seine Hand am Stiel des Besens obszön hinauf und hinab gleiten ließ. „Warst du die gesamte Zeit nackt?“, erkundigte er sich, ein spöttisches Funkeln in den Augen. „Ein Wunder, dass Potter den Krieg gewonnen hat und sich nicht die gesamte Zeit übergeben musste.“ Ihr Mund schloss sich und sie schluckte den Zorn hinunter. „Sieh mal an, wie die Zeit verfliegt“, ergänzte er mit einem Blick auf die Wanduhr. „Keine Zeit mehr für Schlammblut-Gespräche.“ Damit wandte er sich von ihr ab. „Oh, und Granger?“ Er steckte demonstrativ den Zauberstab tiefer in seine Tasche, hob die Hände in die Luft und schenkte ihr ein letztes Lächeln.

Sie spürte, wie sich ihr Kiefer hart anspannte. Sie hasste ihn. Hasste, hasste, hasste ihn!

„Jetzt alle Schlammblüter aufgepasst“, flüsterte er, sah in die Runde, nickte einem imaginären Publikum zu, und mit viel Showeinlage führte er den Reparo zauberstablos aus. Sie hasste ihn! „Und das war jetzt nur für dich“, ergänzte er leise und sah ihr direkt in die Augen. „Muss bitter sein. Die Gryffindor-Meisterhexe schafft nicht mal einen simplen Zauber ohne Zauberstab. Vielleicht kann ich später noch eine Tür kaputt machen, und dir zeigen, wie viel besser ich bin?“ Er sah sie herausfordernd an. Er wartete auf ihren Konter. Aber sie schüttelte nur den Kopf. Sein Grinsen verblasste eine Spur. Sie wusste, er mochte nicht, wenn sie ihm nicht antwortete. Aber es war ihr verdammt egal, was er mochte und was nicht! Sollte er seine Psychospiele doch alleine spielen!

„Hau endlich ab, Malfoy“, knurrte sie und bereute schon, mit ihm überhaupt gesprochen zu haben. Sein Grinsen vertiefte sich wieder. Er schulterte den Besen und schritt selbstsicher zu Tür. Oh, er hielt sich ja für so überlegen! Er war so ein Arschloch.

„Wow. So viel Schlagfertigkeit auf einmal, Granger. Keine Ahnung, ob ich mich davon erholen werde“, fügte er hinzu, die Hand auf der Klinke.

„Und wo sind die Pläne? Bis morgen muss das Konzept stehen“, ignorierte sie einfach seine Worte und beschloss, zu vergessen, dass er ihr Blut zum Kochen brachte. Es würde ihr rein gar nichts bringen, sich jetzt weiter mit ihm anzulegen. Es würde nichts helfen, nichts besser machen, und sie hätte nichts gewonnen. Er hielt einen Moment inne.

„Jaah, richtig. Ich hatte schon schlaflose Nächte deswegen“, erwiderte seine spöttische Stimme. Ihr zorniger Blick musste sich durch seinen Hinterkopf brennen.

„Malfoy!“, entgegnete sie, die Warnung immer auf den Lippen. „Wo sind die Pläne?“, wiederholte sie lauter, aber sie hörte ihn lachen.
Und sie wusste, das Gespräch war beendet. Stumm versiegelte er seine Zimmertür, die mit einem Ruck ins Schloss fiel. Dann hatte er die Räume verlassen.
Und wieder einmal hatte sie ihren Standpunkt nicht verteidigt. Wieder einmal war ihm alles egal. Aber es war ihr auch egal!

Sie schritt auf sein Zimmer zu und beäugte die Tür mit einem feindseligen Blick. Die Türen zu ihren Schlafräumen waren oben rund, gleich groß, und man musste drei breite Steinstufen vom Wohnzimmer aus nach oben gehen. Sie waren alt, aber dafür, dass sie so dick waren, waren sie erstaunlich leichthörig. Sie nahm an, das Holz war mit der Zeit porös geworden. Sie überlegte kurz, wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, dass er den Türrahmen mit einem Zauber belegt hatte, der Muggel tot umfallen ließ und kam zu dem Schluss, dass es höchst unwahrscheinlich war. Und verboten!

„Alohomora!“, rief sie, mit dem Zauberstab in der Hand. Sie würde gerne zauberstablos zaubern. Aber sie kam auch hervorragend mit ihrem Zauberstab zurecht. Und nichts passierte. Die Tür blieb verschlossen. Sie atmete gereizt aus. Und jetzt würde sie erst recht in sein Zimmer gehen!
Es folgten Bombardia-Zauber, einige weitere Zauber zum Öffnen von Gegenständen, aber die Tür blieb beharrlich verschlossen. Sie überwand die drei Stufen und stand nun direkt vor dem alten Holz.

„Oh, du mieser Idiot!“, murmelte sie und krempelte sich die Ärmel ihrer Bluse hoch. „Als ob du einen Zauber fertigbringen könntest, den ich nicht knacken kann!“, murmelte sie der Tür zu und legte ihre linke Hand auf den Knauf. „Revelio!“, flüsterte sie den Enthüllungszauber, und nach einem kurzen Moment erschienen Umrisse auf der Hälfte der Tür. Hermine runzelte die Stirn. Es sah aus, wie eine Hand. Zögernd legte sie ihre Hand auf die Stelle der Tür.

Sie wagte einen erneuten Versuch und ließ ihre Hand auf der gezeigten Stelle. „Alohomora!“, sagte sie erneut, und dieses Mal schwang die Tür auf.
Ein kombinierter Öffnungs-Zauber. Sie würde alles andere als beeindruckt sein, beschloss sie grimmig. Dennoch betrat sie sein Zimmer mit größter Vorsicht. Ihr Mund verzog sich angewidert. Leere Feuerwhiskeyflaschen reihten sich neben seiner Tür zu einer Art kunstvollen Pyramide auf. Sie würde diese nicht bewegen. Vielleicht würde McGonagall ihn von der Schule werfen für Alkoholmissbrauch, wenn sie heute Abend den Rundgang machte. Sie sah sich um, ohne etwas anzufassen. Das Zimmer kam ihr feindlich vor. Es lag im Halbdunkel, und ihr wurde bewusst, sie war noch nie hier drin gewesen. Natürlich sah sie von der Couch aus das Zimmer, wenn er die Tür offen stehen ließ, aber sie glaubte nicht, schon einmal wirklich hier drin gewesen zu sein.

Sie betrachtete das Zimmer voller Argwohn. Es wunderte sie nicht, dass hier die gleiche Unordnung herrschte, die er auch im Wohnzimmer ausgebreitet hatte. Sie hatte gewusst, es würde bitter enden, wenn sie ein Wochenende nicht da wäre. Sie hatte es schon vorher gewusst! Malfoys Zimmer ähnelte seiner Persönlichkeit, befand sie bitter. Unordentlich, düster und unpersönlich. Er hatte keine Bilder aufgestellt oder Poster aufgehangen. Seine Schulsachen lagen verteilt auf dem Boden, auf dem Schreibtisch, halb unter dem Bett, wie sie erkennen konnte, und seine Kleidung quoll unordentlich aus seinem Schrank. Fünf grün-silberne Krawatten hingen über der geöffneten Schranktür, und das einzige, was er selber angebracht hatte, war ein Haken neben der Tür, fiel ihr auf. Dort hing seine Quidditchuniform. Darunter stapelten sich Reinigungsmittel für Rennbesen, Quidditchschuhe und allerlei weitere Quidditchartikel.

Sie atmete aus. Harry und Ron waren genauso. Ginny auch. Malfoy schien ebenfalls besessen von diesem Sport zu sein. Es war etwas, was sie absolut nicht nachvollziehen konnte. Sie roch sein Aftershave überall. Ein Schauer befiel sie. Sie zwang sich aus ihrer Starre und sah sich weiter um. Seine Steinwände hier wirkten staubig, verschmiert, und auch der Boden war mehr als dreckig.

Hunderttausend Sachen stapelten sich auf seiner Arbeitsfläche, wie sie es im Dämmerlicht erkennen konnte. Seine Pinnwand über dem Schreibtisch war ebenfalls ein Chaos. Meistens verschiedene Zettel, Servierten, sogar Arbeitszettel, die mit Namen von verschiedenen Mädchen und ihren verschiedenen Häusern beschrieben worden waren mit anscheinend seiner eigenen Bewertung dahinter, der sie absolut keine Beachtung schenkte! Sie fand ihn widerlich!

Auf dem Schreibtisch lagen Briefe, viele ungeöffnet, viele zerknittert und viele Belege diverser Lieferdienste aus Hogsmeade. Einige verhexte Drachen aus Papier flogen noch träge ihre winzigen Runden über dem Schreibtischchaos, denn der Zauber war mittlerweile zu schwach, als dass sie noch höher fliegen konnten. Eine Box mit Chinarollen stand noch auf seinem Tisch und roch nicht mehr gut. Sie ignorierte diese geflissentlich und schob sie mit spitzen Fingern beiseite, ehe sie darunter den beschmierten Plan fand, den sie suchte.
Und er war nicht ausgefüllt! Sie unterdrückte einen zornigen Schrei, griff sich den Zettel, und beschloss, es selber zu machen, denn auf dieses Arschloch war kein Verlass! Unter dem Chaos entdeckte sie das Schulsprecherabzeichen, was er ohnehin nie trug. Es sollte ihm sowieso abgenommen werden. Er war so ein Arschloch! Er verdiente so etwas nicht mal. Harry hätte es verdient! Aber es hatte noch nie Schulsprecher vom gleichen Haus gegeben. Und es entsprach nicht den Regeln. Aber… wäre doch einfach Ernie MacMillan Schulsprecher geworden. Ihretwegen hätte es sogar Blaise Zabini sein können, den sie zwar ebenso wenig mochte, der sie aber noch nie Schlammblut genannt hatte.

Sie hasste das Wort. Hasste es!

Sie hätte auch verzichten können, aber es war so eine Ehre gewesen. Sie hatte nicht widerstehen können. Hätte sie vorher gewusst, was es für ein harter Job war, hätte sie abgelehnt. Sofort. Ohne mit der Wimper zu zucken. Ihre Augen glitten kopfschüttelnd über das Chaos.

Sie entdeckte einen weiteren Stapel Briefe. Er lag auf dem Boden, zwischen Schrank und Schreibtisch. Eine Schicht feiner Staub hatte sich bereits auf ihnen abgelagert. Sie stutzte. Alle trugen ein fliederfarbenes Siegel mit Drachenkopf auf der Rückseite, und das Siegel war noch nicht gebrochen, die Briefe waren also ungeöffnet. Die Umschläge sahen zerknickt aus, teilweise als wären sie nass geworden und wieder getrocknet, und sie erkannte alle hatten denselben Absender auf der Lasche stehen: Lord Lucius Malfoy.

Sie musste die Briefe anstarren als wären sie gefährlich, denn ihre Augen hatten sich ungläubig verengt. Sie wusste, die Briefe mussten älter sein. Plötzlich fühlte sie sich unwillkommen. Plötzlich spürte sie die gesamte Feindlichkeit, die von diesem Zimmer ausging. Und sie wusste sogar, dass er wahrscheinlich rasend vor Wut wäre, wüsste er, dass sie – das Schlammblut – sein Zimmer betreten hatte.
Ihr Herz schlug etwas lauter. Und sie wollte nicht darüber nachdenken, dass er alte Briefe von seinem Vater ungeöffnet auf dem Boden liegen hatte. Allein der Name seines Vaters hier in diesem Zimmer strahlte etwas ungemein Böses aus.

Sein Vater war vor sieben Monaten gestorben. Also waren diese Briefe… älter. Wieso hatte er sie damals nicht gelesen? Nein. Es war egal, Hermine! Absolut egal! Der Tod von Lucius Malfoy war wohl das Thema gewesen, worüber in der Schule im letzten Jahr ausgiebigst gesprochen worden war. Neben dem Sieg über Voldemort, natürlich.
Sie hatte seinen Vater in keinem Gespräch, in keinem Streit erwähnt. Sie hatte darauf verzichtet. Sie nahm an, weil er selber nie ein Wort über den Tod seines Vaters zu verlieren schien, war es keine kluge Idee, ihn darauf anzusprechen.

Sie hielt den Plan fester an ihren Körper gedrückt, sah sich ein letztes Mal in seinem Zimmer um und verließ es, ohne etwas anderes zu berühren.

Sie versiegelte seine Tür erneut, nur um wieder wütend zu werden, als sie das klebrige Parkett im Wohnzimmer inspizierte. Putzen. Putzen lenkte sie von möglichem Mitleid ab, was sie sowieso nicht für Malfoy übrig hatte.
Oh, ganz bestimmt nicht!

~*~

Als es klopfte, konnte sie sich nicht mehr erheben.

„Offen!“, rief sie nur, völlig erschöpft.

„Hey, du bist endlich wieder – Wow!“, entfuhr es Ron sofort. Harry setzte sich neben sie auf die Couch. Sein Blick war skeptisch und abweisend, wie immer, wenn er ihre Räume betrat. Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, dass er lächelte, so lange war es her. „Unglaublich!“, fügte Ron kopfschüttelnd hinzu. „Wie kann es immer so ordentlich bei dir sein, Hermine?“, wollte er ungläubig von ihr wissen. „Wahnsinn! Kannst ruhig bei uns auch vorbeikommen“, schlug er gönnerhaft vor. Er ließ sich in den Sessel fallen, den sie frisch aufgereinigt hatte, mit diversen Zaubern, von denen sie immer noch ganz benebelt war. „Kann ich mal über deinen Aufsatz von McGonagall rüber lesen?“, erkundigte er sich jetzt, als er beherzt nach der Schale mit übrigen Bertie Botts Keksen griff, die sie in der Mitte des Couchtisches drapiert hatte, um ein Brandloch zu verdecken, das sie bisher nicht hatte verschwinden lassen können. „Kalt hier“, merkte er an und schielte zum Kamin, den sie auch gerade erst sauber gehext hatte.

„Hab ihn noch nicht fertig. Und es ist nicht kalt, Ron“, brachte sie müde über die Lippen. Ron sah sie verwirrt an.

„Was? Noch nicht fertig? Morgen ist Abgabe!“, brachte er entrüste hervor. „Wieso ist er nicht fertig? Ich muss noch was für den Schluss finden, Hermine!“, beschwerte er sich tatsächlich beleidigt. Sie atmete entnervt aus.

„Wahrscheinlich musste sie ihrem anderen Tagesjob nachgehen, Ron“, brachte Harry schließlich bitter hervor und fixierte sie streng, als wäre sie die Verdächtige bei einem Verhör. „Wieso sagst du McGonagall nicht, dass Malfoy ein verdammtes Arschloch ist, dass er nie aufräumt, dass er dich im Schweinestall sitzen lässt, und er fliegt von der Schule?“, wollte Harry gereizt wissen, aber sie atmete langsam aus.

„Er fliegt nicht von der Schule, weil er unordentlich ist, Harry!“ Das wäre aber wirklich super, überlegte sie dumpf. „Und ich habe mich schon genug mit ihm gestritten heute.“ Seine Stirn runzelte sich überrascht. Sie biss sich auf die Zunge. Nein. Das war das falsche gewesen.

„Gestritten? Heute? Wann? Um was ging es dieses Mal? Hat er dich fertig gemacht? Wenn er auch nur einen Schritt zu nahe kommt, Hermine! Wieso hast du uns nicht Bescheid gesagt?“, fuhr er sie an. Sie starrte ihn ungläubig an.

„Harry, ich werde mich jetzt nicht auch noch mit dir streiten!“ Sie schüttelte vehement den Kopf, und Harrys Mund wurde schmal vor Wut.

„Kommt schon! Es ist Sonntag. Können wir einmal nicht über Malfoy reden?“, beschwerte sich Ron verärgert und sah sie beide an. Harry beachtete ihn gar nicht.

„Es wäre wirklich schön, wenn wir uns wie normale Menschen unterhalten könnten“, fügte Hermine hinzu, und wartete, dass Harry endlich reagierte. Und er überwand sich schließlich zu einem resignierenden Seufzer.

„Schön“, gab er sich geschlagen, und Ron atmete erleichtert auf.

„Ja?“, vergewisserte sich Hermine, und Harry nickte widerwillig.

„Wie war deine Zahnarztmesse?“, wechselte Harry beinahe abrupt das Thema. Und Hermine wusste, Harry sparte sich gerade die Hasstiraden, für die er sonst ganze Stunden aufbringen konnte. Es war nett von ihm. Wahrscheinlich.

„Gut, danke“, log sie und verschwieg ihre anstrengende Mutter und die Männerschau.
Hermine wusste, solange sie nur schlechtes von Malfoy erzählte, sich über ihn aufregte und ihn als Teufel von Hogwarts betitelte, war alles in Ordnung. Harry regte sich dann gerne mit ihr auf, aber sobald sie versuchte, das Thema abzuwenden, Harry nicht mehr zustimmte, sie ihm erzählte, dass Malfoy sie beleidigt hatte oder dass sie sich gegen eine verbale Attacke nicht hatte wehren können, sah alles anders aus.

Harry unterstellte Malfoy alles Übel der Welt, und Hermine gab ihm da auch vollkommen recht, aber Harry übertrieb. Malfoy war ein Arschloch. Sicher war er ein Arschloch, aber sie kam damit zurecht. Sie erwartete keine Freundlichkeit von Malfoy, keine Kooperation. Es war einfach wie es war. Wie es zwischen dem Sohn eines Todessers und einer Muggel eben nicht anders sein konnte. Sie hatte das schon lange akzeptiert.
Aber Harry sah die Dinge anders. Schon allein wegen des Kriegs. Er hätte am liebsten, dass Malfoy zu Kreuze kroch, dass er sich entschuldigte, bis seine Lippen fusselig wurden, aber es war einfach utopisch. Es war von vorneherein utopisches Denken gewesen.

Harry erwartete Respekt von grundsätzlich jedem, aber… so einfach war es eben nicht. Slytherins waren eben immer noch Slytherins. Verdammte, arrogante, reiche kleine Reinblüter, die nichts Besseres zu tun hatten, als in ihrer Überheblichkeit den Krieg zu ignorieren, weil sie genügend Gold hatten, dass sie niemand belangen konnte.
Und sie verstand Harrys Wut natürlich.
Aber er musste es einfach hinnehmen. Er musste, ansonsten würde er noch bis zum Ende des Jahres explodieren.
Sie hatten sich alle drei darauf geeinigt, das letzte Jahr in Hogwarts zu verbringen, ihre Abschlüsse zu machen und sich anschließend zu bewerben.

Zwar standen Harry bereits alle Türen offen, aber sie hatten diese Abmachung getroffen. Und sie hatte den Jungen klargemacht, dass ein Abschluss wichtig war, und dass sie ganz normal die Schule beenden würden. Normalität nach dem Krieg war gut. Es war das einzige was half, zu vergessen.
Und die Schule war aufgebaut worden, war wieder wie neu. Und es tat ihnen gut. Sie spürte es. Es gab keine Flucht mehr, keinen Kampf. Es war vorbei. Und es war gut so, wie es war. Und dass in der Schule die Regeln der Welt nicht galten, musste Harry eben einsehen.
Er war ein Held. Ja. Aber im Moment, hier in Hogwarts, war er Harry Potter. Einfach nur Harry Potter, der nicht besser behandelt wurde.

Und sie hatten sich darauf geeinigt, dass das in Ordnung war.
Und jetzt machte es Harry ihr einfach zu schwer!

„Schulsprecher sollten keine eigenen Räume haben. Du solltest wieder bei uns im Gemeinschaftsraum sein“, bemerkte Harry gepresst, weil er es wohl nicht verhindern konnte.

„Es hat Tradition, Harry“, sagte sie, so wie sie es jedes Mal tat. Ron atmete entspannter aus. Er spürte wohl auch, dass Harry wieder freundlicher gestimmt war.

„Ja, aber bestimmt hatte es nie Tradition, dass ein Slytherin Schulsprecher geworden ist!“, bemerkte er mit einem Blick auf die vielen kleinen Portraits der ehemaligen Schulsprecher hinter Glas.

Die Tür öffnete sich laut, ehe sie Harry daran erinnern konnte, dass er versprochen hatte, nicht mehr darüber zu sprechen.

„Slytherin hatte in der Geschichte von Hogwarts mehr Schulsprecher als Gryffindor“, erklärte Malfoy hochmütig, während er den Besen gegen die Garderobe lehnte. Ron und Harry sahen ihn beide missmutig an. Wieso war er wieder da? Er kam nie vor sechs Uhr wieder! Sie hasste ihn noch mehr. Jetzt hatte Harry wieder Grund genug, wütend zu werden. Wieso konnte Malfoy nicht einfach abhauen? Wieso konnte er nicht drei Stunden einfach nicht auftauchen? Sie zählte innerlich bis zehn, um die Ruhe zu bewahren. Die Jungen waren nicht begeistert.

„Schuhe aus!“, befahl sie schließlich, aber natürlich hörte er nicht auf sie. Jedoch tat Goyle, der ihm gefolgt war, wie ihm geheißen, schlüpfte aus seinen Schuhen, und sie erkannte ein Loch in seinem Socken, wo sein großer Zeh rausguckte. Sein Gesicht zierte eine feine Röte.

„Greg, komm endlich!“, rief Malfoy ungeduldig, nachdem er seine Tür entriegelt hatte, und Harrys Hass wirkte wieder frisch entfacht. Sie beschloss, Malfoy jetzt auch nicht dafür anzuschreien, dass er den Plan nicht ausgefüllt hatte. Sie machte tatsächlich Schadensbegrenzung wegen Harry und Ron. Sie musste. Sonst wäre es furchtbar.
Goyle kam langsam zum Tisch, um sich unter ihrem bösen Blick mit zittrigem Finger einen Keks aus der Schale zu nehmen.

„Darf ich?“, flüsterte er, und sie verdrehte die Augen, ehe sie nickte. Er mied den Blickkontakt zu Harry und Ron, und folgte Malfoy eilig in sein dunkles Zimmer.

„Was machen die da drin?“, überlegte Ron angewidert und beugte sich im Sessel gespannt zur Seite.

„Bestimmt muss Goyle ihm die Schuhe ausziehen und dann seine verschwitzten Füße küssen“, erwiderte Harry spöttisch. Ron verzog angewidert den Mund.

„Er zieht sich doch nicht um, oder? Also, wenn Goyle da drin ist?“ Sie atmete gereizt aus.

„Ich weiß es nicht. Und es ist mir auch egal.“

Die Tür öffnete sich bald wieder, die Jalousie war oben, und Malfoy kam wieder raus. Er trug keine Trainingsjacke mehr und zog sich bereits im Gehen das Shirt über den Kopf. Oh Merlin!

„Schaff die Flaschen weg, und räum hinter dem Bett auf, Greg!“, rief er über die Schulter, während Harry und Ron größere Augen bekamen, als Malfoy mit nacktem Oberkörper zum Badezimmer schritt. Hermines Augen schlossen sich langsam. Oh nein! Bitte nicht! Bitte, bitte nicht! Aber es war schon zu spät.

„Hey, Malfoy! Das ist hier keine Sauna, verstanden?“, rief Harry, während er sich erhob. Malfoy sah ihn an, als sähe er ihn zum ersten Mal.

„Was willst du von mir, Potter?“, erkundigte er sich gereizt und mit ehrlicher Ratlosigkeit im Blick.

„Du kannst deine Striptease-Show in deinem Zimmer für deinen lethargischen Freund veranstalten, aber nicht hier draußen!“, knurrte Harry, und Ron hatte sich ebenfalls kauend erhoben.

„Jungs“, sagte sie warnend, aber Harry und Ron fixierten Malfoy unbeirrt. Sie war so unglaublich müde. „Es ist egal“, fügte sie hinzu und hasste Malfoy, dass er sich nicht darum scherte, wer seinen Oberkörper sah und wer nicht. Wie konnte er nur so dumm sein? Wieso musste er immer provozieren? Und wieso immer Harry?

„Ich will nicht, dass Hermine von dir belästigt wird!“, begann Harry erneut. Malfoy starrte ihn perplex an. Dann wandte er sich an sie. Ein schiefes Grinsen voller verachtendem Unglaube zierte seine Lippen.

„Behauptet sie das?“, wollte er belustigt, und immer noch oben ohne, wissen. Sie mied seinen Blick instinktiv.

„Rennst du hier immer so rum?“, wollte Ron jetzt skeptisch wissen, und sie hörte tatsächlich, dass er wohl eine Spur neidisch war. Er betrachtete Malfoys trainierten Bauch mit Widerwille.

„Ich bin nicht nackt, Weasley“, erklärte er gereizt. „Mach dir nicht ins Hemd. Ich habe es nicht nötig mich auf sie zu stürzen.“ Dann ging er weiter Richtung Badezimmer. Aber sie sah, dass allein die Aussicht seiner Worte, Harry jegliche noch vielleicht vorhandene Freundlichkeit aus dem Gesicht gewischt hatte.

„Hey, das ist hier kein nettes Gespräch! Zieh dir gefälligst was über, wenn du hier rumlaufen musst, Malfoy!“, rief Harry jetzt zornig. „Oder ich gehe zu McGonagall!“, fügte er hinzu. Malfoy machte wieder kehrt.

„Ja? Vielleicht sollte ich ihr dann sagen, dass Grangers beste Freunde immer in meinen Räumen rumhängen und mich vom Arbeiten abhalten!“, gab er lauter zurück. Goyle erschien in der Zimmertür, einen Armvoll Schmutzwäsche in den Händen.

„Arbeiten? Du weißt, was das ist?! Ich denke, Hermine erledigt die gesamte Arbeit hier, du Arschloch“, konterte Harry, und Hermine erhob sich ebenfalls müde von der Couch.

„Es reicht!“, informierte sie die Jungen entnervt.

„Nein, Hermine! Wieso schreist du ihn nicht an, dass er dich hier putzen lässt, dass er es dir überlässt alles ordentlich für McGonagalls Rundgang zu machen, wieso-“

„Potter, halt dein Maul. Wenn das kleine Miststück hier nicht abwarten kann, bis ich wieder da bin, dann soll sie, Salazar noch mal, die ganzen verdammten Räume putzen. Ich zwinge sie nicht dazu!“ Es war wieder einmal so weit, dass die Jungen auf ihren Füßen standen. Sie sahen sich an, drohten mit den Fäusten, und es war einfach erbärmlich!

„Wie wäre es, wenn du näher kommst, und mir das direkt ins Gesicht sagst, Malfoy?“, entgegnete Harry kalt, während sich seine Finger zur Faust ballten und sich wider entspannten. Aber Malfoy lächelte nur.

„Ja? Willst du das?“ Er kam tatsächlich näher.

„Harry!“, warnte sie ihn, aber Harry hörte genauso wenig zu, wie Malfoy es tat.

„Willst du mich aus der Nähe betrachten, Potter? Willst du dir einen echten Männerkörper aus der Nähe ansehen? Bringt es Weasley nicht mehr für dich?“, lachte Malfoy jetzt, aber Harrys Mundwinkel hoben sich freudlos.

„Weißt du, wir stehen nicht alle auf dieselben Sachen, du krankes Schwein“, gab er zurück, und Hermine spürte es. Es fehlte nicht mehr besonders viel.

„Harry, hör auf damit!“, wiederholte sie ein weiteres Mal. „Lass es einfach sein!“

„Harry, er ist es nicht wert“, sagte jetzt auch Ron, eher verhalten, aber wahrscheinlich sah er ein, dass eine Schlägerei nicht die klügste aller Entscheidungen sein konnte. Vielleicht. Zumindest hoffte sie, dass einer der beiden Vernunft annehmen würde.

„Bist du nicht ausgelastet, Potter? War der Krieg nicht hart genug für dich?“, erkundigte sich Malfoy bitter und schien immer noch auf eine Reaktion zu warten. Hermine schloss wieder die Augen. Sie hasste ihn!

„Du musst wirklich nicht darum betteln, dass ich dich fertig mache, Malfoy. Es reicht schon, wenn du-“

„Harry!“, fuhr sie wütend dazwischen und stellte sich zwischen ihn und Malfoy, der sie wütend betrachtete. „Es reicht. Geh einfach.“ Und er nahm ihr diese Worte mehr als übel.

„Hermine, er ist ein-“

„Ich weiß, wer er ist, Harry“, erklärte sie leise. „Aber ich bin Schulsprecherin. Es ist tatsächlich wichtig für mich, ok? Ich kann es mir nicht leisten, dass du dich mit ihm anlegen möchtest.“ Und es war ihr egal, dass Goyle es auch hörte. Dass Malfoy es hörte. Harry riskierte viel, seitdem er als Held zurückgekehrt war. Er glaubte, die Regeln ließen sich nach seinen Wünschen biegen und ändern, aber so wollte sie es nicht. Und er wusste das. Harry wusste das!

„Dieser Scheißkerl rennt hier nackt durch die Räume. Du musst krank sein, wenn du denkst, ich würde dich hier alleine mit ihm wohnen lassen, wenn er hier nackt rumläuft, Hermine!“ Er schien sich nicht überzeugen zu lassen.

„Was denkst du, was passiert, verflucht?“, entfuhr es ihr. „Er ist immer noch Malfoy, Harry!“

„Und was soll das an der Tatsache ändern? Ich habe es satt, sein Gesicht zu sehen, wenn ich dich besuchen komme! Ich kann nicht begreifen, dass diese scheiß Slytherin Idioten immer noch auf dieser Schule sein dürfen, haben ihre Väter doch das beste getan, alles zu zerstören! Er trägt das Mal, Hermine! Vor deiner Nase! Sag mir nicht, dass es dich nicht stört! Sag mir bloß nicht, dass es dir auf einmal völlig egal ist?“

Merlin. Es war jedes Mal dasselbe. Wieso hatte sie Ron und Harry rein gebeten? Wieso?! Es endete nie gut. Nie!

„Harry, es ist vorbei! Der Krieg ist vorbei! Alle wissen das. Auch die Schüler aus Slytherin“, gab sie gepresst zurück, während Malfoy sich immer noch nicht bewegte. Er schien ihren Streit sogar zu genießen, so kam es ihr vor.

„Ich hasse das hier!“, erklärte er zornig. „Hermine, ich hasse, dass du mit ihm wohnst!

„Harry, es ist meine Pflicht. Noch zwei Monate. Mehr nicht. Nicht viel länger! Dass du dich jedes Mal über dasselbe Thema aufregst steht mir bis zum Hals, verdammt!“ Sie fuhr sich durch die Haare. Sie war müde. Wirklich müde. „Es ist nichts passiert! Das gesamte Jahr über ist nichts passiert, Harry! Wir wohnen zusammen hier, ja. Aber ich rede nicht mit ihm, er redet nicht mit mir! Wir haben nichts miteinander zu tun! Du musst ihm nicht drohen. Er ist es nicht wert, und ehrlich gesagt, ist es auch nicht nötig. Ich kann mich selber verteidigen, Harry.“ Und wieder hörte Harry nur die Teile, die er hören wollte.

„Selber verteidigen? Wieso müsstest du dich selber verteidigen, wenn du doch sagst, dass nichts passiert?“

„Merlin, Potter…“, begann Malfoy und verdrehte die Augen. „Wieso ziehst du deine verdammte Hose nicht endlich aus und beweist deine Männlichkeit direkt hier, während du Granger auf dem Tisch vögelst. Weasley kann zusehen, wenn es dich beruhigt.“ Hermine schickte ein Stoßgebet zum Himmel, während sie ihren Körper gegen Harrys lehnte, als dieser mit einem Knurren auf Malfoy losgehen wollte.

„Hörst du nicht wie er redet, Hermine?“, schrie Harry jetzt außer sich, die Augen auf Malfoy fixiert. „Hörst du nicht, dass dieses scheiß Arschloch keinen Respekt hat?“ Hermine hielt ihn mit beiden Händen auf, während Ron ihm ebenfalls die Hand auf die Schulter legte.

„Malfoy, ich muss mir deine Scheiße nicht mehr anhören! Ich habe diesen Krieg nicht gewonnen, damit ich zusehen muss, wie du dich wie ein verdammtest Arschloch verhältst!“

„Richtig. König Potter hat den großen, bösen Krieg gewonnen! Wir sollten dir ein Denkmal direkt in die Halle stellen. Vielleicht sollte dein Penis Übergröße haben, was meinst du Granger? Du solltest ihn doch aus nächster Nähe kennen.“ Malfoy trieb es tatsächlich noch weiter. Und sie spürte, wie Ron neben ihr gänzlich an Ruhe verlor.

„Arschloch!“

Das war Ron. Und er hatte sich in Bewegung gesetzt, an ihr vorbei, direkt auf Malfoy zu. Und er stieß ihm beide Hände vor die bloße Brust. „Du verdammtes Arschloch!“, setzte Ron knurrend hinzu. Und Malfoys Mundwinkel hoben sich.

„Ron!“, rief sie jetzt warnend.

„Oh, ich bitte dich wirklich, bring das zu Ende Weasley, und ich schwöre-“, begann Malfoy mit einem willkommenen Grinsen auf den Zügen, aber Hermine schüttelte wild den Kopf. Ron ignorierte Malfoys Worte und unterbrach ihn zornig.

„Harry hat Recht. Du wirst hier nicht wohnen bleiben, Hermine!“

„Hm… Wer von euch durfte an ihr Höschen? Wer wollte das Schlammblut als erster-“ Und Malfoys Worte erstarben, als Ron ihm mit der Hand die Kehle zudrückte. Hermine ließ in derselben Sekunde von Harry ab und ergriff sofort ihren Zauberstab.
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tbc...

A/N: Es ist nicht meine erste eigene Story, aber wohl eine meiner Lieblingsstorys, wenn man denn so was als Autor hat :>
Werde hier die Teile nach und nach posten. Vlt findet die Story hier ja noch ein paar neue Leser. Sie ist schon zwei Jahre alt, aber das heißt ja nix! Auf meiner Page ist sie bereits komplett online, also gibt es (nicht wie bei Dragon's Bride) hundert Jahre Wartezeit ;>
Bin ein wenig aufgeregt, denn die Story verlässt zum ersten Mal ihr eigenes Nest...