Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Higurashi no Naku Koro ni Sentakushi-hen

von Toth
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Tragödie / P18
Keiichi Maebara Kuraudo Oishi Mion Sonozaki Reina Ryuuguu Satoko Houjou Shion Sonozaki
12.05.2014
12.05.2014
1
7.284
1
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
 
12.05.2014 7.284
 
Diese Idee hier verfolgt mich schon eine ganze Weile und ich bin stolz, sie endlich umgesetzt zu haben. Entgegen meiner üblichen größenwahnsinnigen Großprojekte ist diese Geschichte hier als eine einzige Rückblende zusammengerafft worden. Ich hoffe, so den Verlauf der Handlung so auf den Punkt zu bringen, ohne an Tempo aber auch an Übersichtlichkeit zu verlieren.

Ich bin offen für Anmerkungen und Kritik. Ich hoffe, dass Mions Fall in diesem kleinen Arc einigermaßen realistisch nachgezeichnet werden konnte.

____________________________________________________________________



Higurashi no Naku Koro ni Sentakushi


Es kommt die Zeit im Leben eines jeden Anführers, in der man an die eigenen Grenzen stößt. Wie weit würdest du gehen, um die, die dir am Herzen liegen, zu schützen? Würdest du diese Grenzen zerschmettern? Sonozaki Mion hatte diesen Punkt erreicht. Sie hatte sich lange Zeit an Vernunft geklammert, wollte den anderen ein Vorbild sein. Doch nicht mehr. Wenn sie nicht bereit war, Grenzen zu überschreiten, dann wäre sie ein einsamer Anführer geworden. Ein Anführer ohne Gruppe. Sie hätte nach und nach zugesehen, wie sich der Club aufgelöst hätte. Wie einer nach dem anderen verschwunden und vergessen worden wäre. Das konnte sie nicht zulassen. Sie war ihren Freunden schuldig, sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften zu verteidigen.

Wenn das bedeutete, die eigenen Hände mit Blut zu beflecken, dann konnte sie damit leben.

Sie konnte damit leben.

Sie konnte damit leben.

Mion wiederholte die Worte immer und immer wieder. Doch warum fühlten sich ihre Augen trotzdem so feucht an? Sie konnte doch nicht wirklich weinen, nur weil sie das richtige getan hatte.

Es war doch richtig, oder?


Sie schaute herab auf den leblosen Körper, der vor ihr lag. Die Augen waren weit aufgerissen. War dies eine Momentaufnahme von Überraschung und Entsetzen? Oder nur die leblose Leere einer Hülle, die mit Gewalt aufgebrochen wurde, damit der Geist entweichen konnte. Ja, das musste es sein. Das war kein Mensch dort. Nur noch totes Fleisch, welches ein Instrument Oyashiro-samas gewesen war.

Ein Instrument, welches vernichtet werden musste, um das drohende Unheil abzuwenden. Sie hatte keine andere Wahl. Mion hatte keine andere Wahl.

Nur wieso tat es trotzdem so weh?

Sie starrte in diese unerträglich ausdruckslosen Augen und weinte. Ihr war zuvor noch nie aufgefallen, wie grün sie eigentlich waren. Grün wie die Hoffnung.



Mion konnte sich immer noch nicht verzeihen, dass sie die ersten Anzeichen nicht sehen konnte. Dabei waren sie doch so offensichtlich. Nur diese Mion der vergangenen Tage war blind gewesen. Blind vor Naivität. Blind vor Glück. Blind vor Leben. Das waren die Zeiten, als der Club noch vollständig war. Knapp ein Monat nachdem Maebara Keiichi in ihre Klasse gekommen war, hatten sie ihn endlich in ihre Aktivitäten eingebunden. Sie spielten ihre Spiele, lachten über die harmlosen Bestrafungen und genossen die Ruhe, die endlich in Hinamizawa eingekehrt war. Sie sah Satoko wieder lachen, als wäre ihr Bruder wieder unter ihnen. Und Rika, die sonst immer mit dem Kopf in den Wolken hing, schien sich mehr denn je an ihren Aktivitäten zu erfreuen. Letztlich war dann noch Rena. Oh Rena. Sie schien mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Mit Oyashiro-sama und seinem Fluch. So jedenfalls erschien es Mion. Weil sie blind war. Rena war schon immer gut darin, ihre wahren Gefühle zu verbergen. Nach außen war sie dieses unbeschwerte, naive Mädchen, welches fast so schlecht bluffen konnte wie Kei-chan. Doch da war mehr. Unter dieser Maske schlummerte immer noch Reina. Die Reina, die unter dem Einfluss von Oyashiro-sama ihre alte Schule in Trümmern zurückgelassen hatte. Als Rena ihr dieses Geheimnis anvertraut hatte, konnte sie es nicht wirklich glauben. Es musste eine rationale Erklärung für ihr damaliges Verhalten gegeben haben. Doch auch wenn es ihr nichts mehr brachte, jetzt war sie schlauer.

Oyashiro-sama existierte.

Und er hatte Rena noch immer nicht vergeben. Während sie mit ihnen lachte, musste sie es im Verborgenen gewusst haben. Erst jetzt konnte sich Mion daran erinnern, wie Renas Blick in die Ferne schweifte, sobald sie sich unbeobachtet fühlte. Wie ihr Lächeln aus ihrem Gesicht entschwand. Sie hatte Probleme. Probleme, die sie ihren Freunden nicht von selbst anvertrauen wollte. Probleme, die Mion vielleicht hätte lösen können. Zumindest, wenn sie damals die Entschlusskraft besessen hätte, die sie nun bewies.

„Du musst es nur realisieren“, hatte Rena noch gemeint.
„Was realisieren?“, Keiichi zog die Stirn kraus.
„Den Fakt, dass es ein Limit für die glücklichen Tage eines jeden Menschen gibt.“

Das war ein Hilfeschrei. Zu spät hatte es Mion begriffen. Rena wusste, dass ihre glücklichen Tage an ihrem Ende angekommen waren.

Dies... waren ihre letzten Worte.

Sie hätte Rena ansprechen sollen. Sie sich öffnen lassen sollen. Sie ohrfeigen und sie wachrütteln sollen. Doch was tat sie stattdessen? Lachte darüber und flüchtete mit Kei-chan aus dem Fenster. Wie närrisch sie doch war.

Am nächsten Tag kam Rena nicht zur Schule. Das erste Mal seit... eigentlich hatte Mion noch nie erlebt, dass Rena nicht zur Schule kam. Chie-sensei wusste auch nicht, was mit ihr war, obwohl ein einzelner Anruf genügt hätte, um sie krank zu melden. Logischerweise machten sich ihre Freunde Sorgen. Vor allem Keiichi, der geplant hatte, zusammen mit Rena eine Kenta-kun Puppe vom Schrottplatz zu bergen. An diesem Tag fragte er Mion nach der genauen Adresse von Rena. Da sie davon ausgehen musste, dass er sich bei seinem nicht vorhandenen Orientierungssinn trotz Wegbeschreibung hoffnungslos verlaufen würde, führte sie ihn nach der Schule zum Haus der Ryuugus. Auf den ersten Blick sah es dort aus wie immer. Doch als sie klingelten, antwortete nur Renas Vater. Er hatte nicht einmal den Mut, sich ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stellen. Die Tür war nur einen Spalt breit geöffnet, die Sicherheitskette machte unmissverständlich klar, dass er sie nicht hineinlassen würde.

„Was wollt ihr hier?“, Misstrauen schlug den beiden entgegen.

So hatte Mion den sonst so ruhigen Mann noch nie erlebt.

„Wir wollten uns nur nach Rena-chan erkundigen“, erklärte Mion.
„Re... Reina-chan ist nicht hier. Tut mir leid, ich kann nichts für euch tun.“

Die Tür schlug so schnell wieder vor ihrer Nase zu, wie sie geöffnet wurde. Im Nachhinein fiel Mion auf, dass das Auge, welches durch den Türspalt gelugt hatte, blau und geschwollen war. Zu dem Zeitpunkt hatte sie dies noch auf den Schattenwurf geschoben, doch nun ergab dieser Eindruck erstaunlich viel Sinn. Jedenfalls gab es nur einen Ort, an dem sich Rena jetzt noch aufhalten konnte. Einen Ort, bei dessen Erkundung sich ihre Freunde nur im Nachteil befanden. Mion rief noch schnell die anderen beiden Mitglieder des Clubs an, bevor sie sich bei der illegalen Müllhalde bei der Staudammbaustelle trafen.

Es war kein guter Plan. Ganz und gar kein guter.

Rika und Satoko hätten niemals anwesend sein dürfen. Sie hatten doch schon so viel in ihren kurzen Leben durchmachen müssen. Sie hätten das, was sie vorfanden, niemals mit eigenen Augen sehen dürfen. Doch es war zu spät.

Die Sonne wollte diesen Tag bereits hinter sich lassen und tauchte das Labyrinth in ein gespenstisches orange. Sie wollten die Suche schon abbrechen, als sie Rena nicht schon bei ihrer Ankunft begrüßten, doch ein beunruhigender Fund hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Begraben unter einigen Wellblechen lag Renas weiße Kappe. Im Nachhinein konnte Mion nicht mehr genau sagen, was sie erwarteten. Der Gedanke, dass Rena etwas zugestoßen war, erschien ihnen zu unwirklich. Dennoch setzten sie ihre Suche fort. Angetrieben von der aufkommenden Sorge um ihre gute Freundin. Die Sorge schlug bald um in Panik, als ihre Kräfte immer weiter nachließen. Das Terrain war zu schwierig, sie rutschten aus, als der Müll unter ihren Füßen nachgab, sie schnitten sich an scharfkantigem Schrott und ließen keuchend die Arme sinken. Es war so hoffnungslos. Es war so unwirklich.

Keiichis Schrei riss sie prompt aus ihrer Lethargie.

Das, was folgte, war der reinste Alptraum. Irgendwer hatte irgendwann die Geistesgegenwart, zur nächsten Telefonzelle zu laufen und den Notruf zu wählen. Mion war es nicht. Wie die meisten, starrte sie nur entgeistert auf Keiichis grausigen Fund. Es war kein Alptraum. Aber es konnte auch nicht Realität sein. Bis zum Eintreffen der Streifenwagen hatte Mion noch gehofft, dass das alles nur ein schrecklicher Scherz war. Doch das war es echt. Mit dem Eintreffen von Ooishi und Dr. Irie hatten sie Gewissheit, dass dies tatsächlich geschehen war. Irgendein krankes Scheusal hatte Rena umgebracht und in einem alten Kühlschrank versteckt. Keiner von ihnen würde den Anblick je vergessen können. Ihre gute Freundin, mit der jeden Tag verbrachte, lag leblos und verrenkt in unnatürlicher Haltung in diesem Kasten.

Die nächsten Tage vergingen wie im Fluge. Ooishi stattete ihrer Schule mehrere Besuche ab, um ihre Aussagen aufzunehmen und sie bei Widersprüchen zu erwischen. Mion hatte diesen Kerl noch nie ausstehen können, doch sie als Renas Mörder zu verdächtigen, setzte ihrer Abscheu ihm gegenüber die Krone auf. Wie konnte dieser nutzlose Trottel nur so etwas annehmen? Immerhin waren sie es, die die Polizei informiert hatten! Letztlich lag es an der Gerichtsmedizin, den Fall zu lösen. Bei einem Treffen des Dorfrates, bei dem Mion anwesend war, erfuhr sie erstmals die Details. Offenbar hatte es einen Kampf auf dem Schrottplatz gegeben und Rena versuchte ihren Täter zu kratzen, während sie zu Tode gewürgt wurde. Die DNA unter ihren Fingernägeln konnte einer gewissen Mamiya Rina zugeordnet werden. Sie stellte sich als die neue Freundin von Renas Vater heraus. Oder zumindest gab sie das vor. Im Verhör gestand sie, dass ihm nur um sein Geld erleichtern wollte. Rena fand dies heraus und es kam zum Streit, in dessen Verlauf Rena erdrosselt wurde. Nur aus diesem unsinnigen Grund musste ihre Freundin sterben.

Sie konnten nicht ahnen, dass das nur der erste Akt in dieser Tragödie war, welches die Ruhe in Hinamizawa für immer erschüttern sollte.

Denn noch hatten sie Hoffnung. In diesen Tagen nach Renas Tod waren die Clubaktivitäten grau und ohne Freude. Aber sie führten sie fort, denn Rena hätte gewollt, dass sie sich nicht aus der Bahn werfen lassen würden. Noch waren sie jung und müssten ihr Leben in vollen Zügen genießen.

Sie waren Narren.

Am Tag nach Mamiyas Verhaftung kam Satoko nicht zur Schule. Das Schicksal sollte sich wiederholen. Oyashiro-sama sollte erneut zuschlagen.



„Rika-chan, was ist bloß passiert?“

Am gleichen Tag, an dem Satoko verschwand, kam Rika zu spät zur Schule. Das war schon untypisch für sie, aber wirklich Angst jagte sie den verbliebenen Clubmitgliedern mit ihrem ausdruckslosen Gesichtsausdruck ein. Als Mion sie zur Rede stellte, ließ sie nur den Kopf hängen.

„Es ist alles hoffnungslos“, fauchte sie ungehalten zurück, „Diese Welt ist verloren.“

Zu diesem Zeitpunkt hielt Mion sie nur für verwirrt, doch mittlerweile war sie sich sicher, dass es ihre Gabe als Oyashiros Reinkarnation war, die sie die kommenden Ereignisse voraussehen ließen. Sie wusste es. Alles was sie mitbekam, war dass Satoko für Einkäufe das Haus verließ und nicht mehr zurückkam. Und trotzdem wusste sie genau, was passiert war.

„Es ist ihr Onkel. Er ist zurück. Sie wird genauso enden, wie vor einem Jahr“, erklärte Rika mit vernichtender Endgültigkeit.

Keiichi war der erste, der sich selbst ein Bild von der Situation machen wollte. Nur Rika war nicht dazu bereit, diesem Houjou Teppei einen Besuch abzustatten. Sie schien Satoko bereits aufgegeben zu haben. So lag es allein an Mion und Keiichi, die Situation auszukundschaften.

Satoko war zunächst nicht zu sehen. Ihr Elternhaus war aber auch so in sichtbar desolatem Zustand. Der Garten schien jahrelang sich selbst überlassen worden zu sein und aus dem geöffneten Fenster stank es nach Zigarettenrauch und Alkohol. Angeheitertes Gelächter war zu vernehmen Und bei einer stinkenden Dreckpfütze im Eingangsbereich hoffte Mion ernsthaft, dass diese Speisereste nicht schon einmal das Innenleben eines Menschen gesehen hatten.

Sie klingelten.

„Wird auch langsam Zeit, du kleine Made“, schallte es von innen.

Sie warfen sich verwirrte Blicke zu. Als die Tür immer noch nicht geöffnet wurde, mussten sie erneut klingelten.

„Was soll der Radau. Du hast einen Schlüssel, verdammt“, grunzte die Stimme, doch diesmal schien sie sich der Tür zu nähern.

Schließlich wurde die Tür aufgerissen von einem muskulösen Kerl, der sie mit einer Mischung aus Zorn und Verwunderung musterte. Mion hasste ihn. Sie hatte zwar schon einen schlechten Eindruck von ihm, nach dem sie Rikas Reaktion auf seine Rückkehr erlebte, doch ihn hier vor sich stehen zu sehen, zementierte ihre Abscheu. Es gab absolut keine positiven Qualitäten an diesem Scheusal. Mion hasste seinen Gestank, die Art wie er redete, wie er handelte, einfach alles.

„Oh, und ich dachte, ihr seid wer anders“, er ließ seine Zigarette von einem Mundwinkel zum anderen wandern, während er sprach.
„Wir sind hier, um nach Satoko zu sehen“, erklärte Mion, trotz aller Feindseligkeit ihren Augenkontakt aufrechterhaltend.
„Da kann ich nicht helfen. Ich wüsste selbst gern, wo sie... hey, na sieh einer an“, er schaute auf einmal an den beiden vorbei.

Sie folgten seinem Blick und sahen, wie vor dem Eingang ein Auto mit Dr. Irie am Steuer vorfuhr. Jedoch war es Satoko, die beladen mit schweren Taschen ausstieg. Sie bedankte sich bei dem Arzt für die Mitnahme, bevor sie ihren Weg zur Haustür fortsetzte. Nur um verwundert aufzublicken, als sie Mion und Keiichi im Türrahmen vorfand.

„Satoko“, Mion konnte nicht anders, als entsetzt auf den Inhalt der Einkaufstüten zu starren. Sie waren zum Bersten gefüllt mit Spirituosen, Snacks und Zigaretten. Sie waren so schwer, dass Satoko sie kaum anheben konnte.

Erst zu spät bemerkte Mion, dass sie an Armen und Beinen mit blauen Flecken übersäht war. Satoko registrierte die Anwesenheit ihrer Freunde, doch vermied sie Blickkontakt. Sie starrte nur mit glasigen Augen ihre Füße an.

„Na endlich, wir warten schon“, knurrte Teppei, bevor er wieder hineinging.

Dass Irie sie gefahren hatte, schien ihm völlig gleichgültig zu sein.

„Wir hatten uns Sorgen um dich gemacht“, begann Keiichi unsicher.
„Das tut mir leid“,  erwiderte Satoko leise, „aber es ist wirklich alles in Ordnung. Mein Onkel ist zurück und ich muss in dem Trubel die Zeit völlig vergessen haben. Wir haben uns entschlossen, dass wir wieder zusammen leben. Es tut mir auch leid, dass ich mich von Rika noch nicht wirklich verabschieden konnte.“

Mion und Keiichi waren fassungslos.

„Das kannst du doch nicht ernst meinen“, pruste Keiichi in vorwurfsvollem Ton los, „der Mann amüsiert sich da drinnen mit seinen Freunden und lässt dich derweil die Arbeit machen? Das ist doch kein Zusammenleben! Das ist Sklaverei“

„Satoko! Wir warten nicht ewig!“, grollte die Stimme Teppeis derweil wieder aus dem Haus.

Ihre Freundin zuckte zusammen und drängte sich hastig an den beiden vorbei.

„Es tut mir leid. Ich habe im Augenblick keine Zeit für euch.“

Nur Sekunden später standen sie erneut vor einer verschlossenen Tür. Irie war der einzige, der ihren Flüchen lauschte, während er Satokos Fahrrad entlud. Es ergab keinen Sinn. Ihre Freundin musste Unvorstellbares erdulden und war dennoch nicht bereit, einzusehen, dass sie Hilfe brauchte. Als Chie-sensei am nächsten Tag auf das Drängen von den restlichen Clubmitgliedern hörte und das Jugendamt einschaltete, endete deren Besuch wie zu erwarten im Desaster. Zu viele Faktoren spielten gegen Satoko. Die Falschmeldungen aus der Vergangenheit, ihre fadenscheinigen Ausreden und natürlich die Ächtung durch die Sonozakis, deren Bedrohungspotential den Beamten im Nacken saß.

Sonozaki.

Es lag Macht in diesem Namen. Und dennoch fühlte sich Sonozaki Mion machtlos. Die Situation entglitt ihrer Kontrolle. Was für eine Anführerin war sie nur, wenn sich der Club nach und nach auflöste?

Am nächsten Tag war die Beisetzung von Rena. Nicht einmal daran konnte Satoko teilnehmen. Darum war dies der Tag, an dem Mion erstmals ihre Fassung verlor. Keiichi zeigte sich verständnisvoll, doch sie spürte, dass sie auch ihn zu verlieren drohte. Er war noch nie gut dabei, seine Gefühle zu verbergen. Und wann immer er auch nur einen Gedanken an Satoko verlor, setzte er diesen hasserfüllten Gesichtsausdruck auf. Er versprach dann häufig, sie retten zu wollen. Und dass er das in die eigene Hand nehmen wollte. Mion konnte nur spekulieren, was er damit meinte. Jetzt hatte sie eine gute Vorstellung davon. Und sie schämte sich jetzt dafür, dass sie nicht bereit war, die gleichen Risiken einzugehen. Stattdessen nahm sie Kontakt auf mit dem letzten Bastard, von dem sie je Hilfe erwartet hätte.

Ooishi.

„Was für eine Überraschung, Sonozaki-san“, lachte er, als sie ihm an seinem Schreibtisch gegenüberstand.
„Helfen Sie mir oder helfen Sie mir nicht?“, fauchte sie voller Ungeduld zurück.

Sie hatten keine Zeit mehr zu verschwenden. Jeder Tag, den sie vergeudeten, schadete Satokos körperlicher und seelischer Gesundheit. Ooishi nickte anerkennend.

„Deine Freundin scheint dir wichtig zu sein. Gut, dann will ich ganz ehrlich mit dir reden. Dies ist ein Fall für das Jugendamt, nicht für die Polizei. So sehr ich selbst diesen Teppei auch verabscheue, ich kann ohne gerichtliche Verfügung nicht irgendwo hingehen und Leute verhaften.“
„Es gibt keine Möglichkeit? Keine einzige?“, Mion machte keinen Hehl aus ihrem Frust.

Ooishi zögerte:

„Sag, Mion-san. Bist du mit dem Fahrrad nach Okinomya gekommen?“
„Äh, ja. Wieso?“, stutzte sie.
„Es ist so schrecklich heiß um diese Zeit. Ich will nicht, dass du dich noch mehr erschöpfst. Hättest du etwas dagegen, wenn ich dich nach Hause fahre?“

Mion schüttelte den Kopf, unsicher worauf Ooishi hinaus wollte. Er schien etwas mit ihr besprechen zu wollen, was er nicht in Gegenwart seiner Kollegen tun konnte. Sie entschied sich, das Spiel mitzuspielen. Der Polizist lachte und führte sie zum Parkplatz vor der Polizeistation, die ganze Zeit über belanglosen Smalltalk haltend. Erst als sie in seinem Auto saßen und die Klimaanlage dröhnend ansprang, wurde sein Gesichtsausdruck wieder ernst.

„Es tut mir immer noch leid wegen dem, was mit Ryuugu Reina-san passiert ist. Kein Leben sollte so kurz enden.“
„Darüber wollte ich eigentlich nicht mit Ihnen reden“, Mion starrte missmutig aus dem Fenster.
„Dann musst du nicht reden. Es reicht, den Ausführungen dieses alten Mannes hier zu lauschen“, erklärte Ooishi, „als Sonozaki bist du mit Sicherheit schon darüber informiert worden, dass die dringend tatverdächtige Mamiya Rina-san bereits in Haft genommen wurde. Was du vielleicht noch nicht weißt, ist, dass sie einen Komplizen hatte.“
„Was?“, Mion war sprachlos, „noch jemand ist in den Mord verwickelt gewesen?“
„Nicht in den Mord, da spricht die Beweislast eindeutig dagegen. Doch es gab zwei Erpresser, die Ryuugu-sans Vater unter Druck gesetzt haben. Mamiya-san war nur der Köder. Der Drahtzieher war Houjou Teppei-san.“

Das war es. Das war die Möglichkeit, Teppei hinter Gitter zu bringen. Das war die Hoffnung, an die sich Mion damals klammern konnte!

„Warum verhaften sie ihn dann nicht? Dann wäre alles vorbei!“, erkannte sie.
„So leicht ist die Sache leider nicht. Ich weiß nicht, ob es der Schock über den Verlust seiner Tochter ist, oder die Tatsache, dass er immer noch von Houjou-san eingeschüchtert wurde. Aber Ryuugu-san hat keine Anzeige erstattet. Wir können erst handeln, sobald er das tut. Mit ein wenig mehr Druck auf Mamiya-san können wir Houjou-san der Erpressung und der Körperverletzung überführen. Die Vormundschaft von Satoko-san ginge dann automatisch an den Staat. Aber dazu müssen wir Ryuugu-san dazu kriegen, zu handeln.“
„Dann ist der Fall klar“, Mion konnte sich ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen, „Ich werde Renas Vater überzeugen! Daran besteht kein Zweifel. Ich werde nicht zulassen, dass wir einen weiteren Freund verlieren!“
„Das ist genau das, was ich hören wollte“, Ooishi gab ein kehliges Lachen von sich.

Sie war so eine Närrin gewesen. Als ob das Gesetz ihr tatsächlich helfen konnte. Als ob Ooishi ihr helfen konnte. Noch hatte sie sich standhaft geweigert, Grenzen zu überschreiten. Dabei hätte sie das wesentlich früher tun müssen.



Das Haus der Ryuugus hatte sich seit ihrem letzten unheilvollen Besuch kein bisschen verändert. An diesem Tag war Mion jedoch alleine gekommen. Keiichis Anwesenheit war nicht erforderlich. Das war etwas, was sie allein tun musste.

Sie klingelte.

Sie klingelte zwei Mal.

Sie klingelte ein drittes Mal.

Es gab keine Reaktion. War der Mann nicht da? Mion wurde dieses ungute Gefühl nicht los, das sich seit ihrer Ankunft hier in ihrer Magengegend ausbreitete. Sie hatte all ihre Hoffnungen auf Ryuugu-san gesetzt. Niederlage war keine Option.

Sie schlich um das Haus, immer in der Hoffnung, einen Blick durchs Fenster werfen zu können. Wenn dieser rückgratlose Narr sich verstecken wollte, würde sie es ihm nicht leicht machen. Das letzte Mal, dass sie Renas Vater gesehen hatte, war bei ihrer Beisetzung. Er war nur ein bleicher Schatten, der auch hinterher nicht ein Wort zu ihnen sprach.

Im Garten der Ryuugus stieß Mion auf die säuberlich aufgereihten Schätze, die Rena in den fünfzehn Monaten angesammelt hatte, die sie in Hinamizawa verbrachte. Einige erkannte Mion wieder. Sie war manchmal dabei, wie sie dieses oder jenes fand. Einige waren sogar Bestandteile von Clubaktivitäten gewesen, in denen sie alle um das süßeste Fundstück wetteiferten. Darunter war auch eine krude Holzpuppe, die von Satoshi stammte. Das erinnerte Mion an Zeiten, in denen sie noch alle zusammen waren. Zeiten, die man nur noch anstreben, aber niemals mehr erreichen konnte. Zeiten, die unwiederbringlich verloren waren.

Es schmerzte sie, diese Artefakte hier zu sehen. Aber gleichzeitig erinnerten sie Mion daran, was hier eigentlich auf dem Spiel stand. Sie mussten glückliche Tage ausleben, damit sie nicht nur in ihrer Erinnerung weiterexistieren würden. Mion trug die Verantwortung dafür. Sie hatte Satoshi und Rena im Stich gelassen, aber nicht mehr. Satoko durfte deren Schicksal unter keinen Umständen teilen. Sie musste leben.

Das Terrassenfenster hatte keine zugezogenen Vorhänge. Hier hatte sie die Chance, einen Blick hinein zu erhaschen.

Wie es dort drinnen überhaupt aussah, konnte Mion im Nachhinein nicht mehr sagen. Ihr Sichtfeld glich einem Tunnel, während sie das zu verarbeiten versuchte, was sie dort drinnen vorfand.

Das durfte nicht passieren.

„Nein... nein... das... das ergibt keinen Sinn, das... wieso jetzt?!?“, brüllte sie Renas Vater an.

Sie schrie, weil es das einzige Mittel war, mit dem sie sich noch Luft verschaffen konnte. Sie schlug auf das Fenster ein, doch Herr Ryuugu konnte sie nicht mehr hören. Er baumelte leblos an der Decke. Einen Strick um den Hals.

Es folgte das gleiche Spiel, wie bei Rena. Die Polizei und Irie als einziger Arzt mit Notdienst erschienen. Mion stellte sich den lästigen Befragungen, bis sie wieder sich selbst überlassen wurde. Sie kehrte nach Hause zurück mit Kopfschmerzen und entsprechend mieser Stimmung.

Es schien hoffnungslos.

Als hätte sich das ganze Leben gegen Satoko verschworen. Der einzige, der Satoko noch hätte retten können, war unter der Schuld an Renas Tod zerbrochen. Das musste es gewesen sein. Mion konnte klar erkennen, wie die Polizisten, nachdem sie sich Zugang zum Haus verschafften, ein Blatt Papier sicherstellten. Ein Abschiedsbrief? Mit ziemlicher Sicherheit...

Sonozaki Mion hatte alles auf eine Karte gesetzt und verloren. Sie war der Überzeugung, sie hatte das Leben von Satoko verspielt.


„Wo warst du nur den ganzen Tag?“, raunte Oryou, die ihr im Flur des Sonozaki-Anwesens auflauerte, „Ich dachte, nach all dem Terz mit der Polizei ruhst du dich mal einen Tag aus.“
„Baachan?“, sie war irritiert. Es schien fast, als würde sich ihre Großmutter Sorgen um sie machen.
„Was? Kriegt eine alte Dame keine Antwort mehr?“

Mion schluckte.

„Ich fürchte, ich kann mich erst ausruhen, wenn es wirklich vorbei ist.“
„Huh? Na wenigstens zeigst du Verantwortung. Egal aus welchem Grund...“

Mion machte sich niedergeschlagen daran, bei der Vorbereitung des Abendessens zu helfen. Doch die Worte ihrer Großmutter hallten weiterhin in ihren Ohren. Sie musste Verantwortung übernehmen. Sie musste alle ihr zu Verfügung stehenden Mittel nutzen. Selbst wenn sie dabei Grenzen überschreiten musste. Als sie dann Oryou beim Abendessen gegenübersaß, musste sie unweigerlich daran denken, welche Möglichkeiten sich ihr dadurch ergaben. Sie war Sonozaki. Sie versuchte das im Rahmen ihrer Clubaktivitäten immer wieder zu vergessen, vor allem in Anwesenheit der Houjous. Aber am Ende des Tages war sie immer noch die Erbin des mächtigsten Clans des ganzen Distrikts. Es wäre doch gelacht, wenn sie das nicht zum Vorteil derer, die ihr nahe stehen, nutzen konnte.

„Oryou-baachan... darf ich dich gleich noch einmal sprechen?“, sprach Mion beim Abräumen des Tisches.
„Natürlich“, sie zog die Stirn kraus, doch sie harkte nicht weiter nach.

Schließlich kniete Mion sich direkt vor ihr nieder, sodass sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber saßen. Sie holte tief Luft. Sie wusste, was für ein schwieriger Mensch ihre Großmutter war. Sie wusste das mehr als jeder anderer. Sie war nicht die mitleidslose Bestie, als die sie sich nach außen hin präsentierte. Doch nach all den einsamen Jahren an der Spitze wurde sie von der von ihr erschaffenen Identität, die eigentlich nur die Stärke ihres Clans repräsentieren sollte, nach und nach verschlungen. Wenn Mion erfolg haben wollte, musste sie nicht nur die Unterstützung von Baachan erringen, sondern gerade eben die von Oryou-sama, dem Kopf des Hauses.

„Ich spreche jetzt als Sonozaki Mion, Erbin unseres Hauses“, sie verbeugte sich tief und ließ die offizielle Mion sprechen, die sie für den Umgang mit den Dorfältesten entwickelt hatte. All dies in der Hoffnung, dass es Oryou von der Ernsthaftigkeit ihres Vorhabens überzeugen könnte.

„Ich richte mein Wort an Euch, Sonozaki Oryou-sama, Oberhaupt unseres Hauses.“
„Soso...“, Oryou reagierte amüsiert auf dieses Spektakel, doch Mion ließ sich nicht unterkriegen.
„Ich flehe Euch an, einen in Not geratenen Bewohner dieses Dorfes zu unterstützen. Nur noch Ihr habt die Macht, meine gute Freundin Satoko-chan zu retten. Sie wird von ihrem Onkel geistig und körperlich schwer misshandelt, doch das Jugendamt wagt nicht einzuschreiten aufgrund der Ächtung ihres Hauses durch Euch, Oryou-sama.“

Ihre Großmutter wartete mit ausdrucksloser Miene, ob Mion ihre Ausführungen beendet hatte. Nach zwei Atemzügen beschloss sie, diesen noch mehr Nachdruck zu verleihen.

„Mir ist in vollem Umfang bewusst, welche Bedeutung diese Ächtung für die Stellung des Hauses Sonozaki hat. Doch Satoko hat schon zu lange für Fehler bezahlen müssen, für die nur ihre Eltern verantwortlich sind. Ihr müsst dem Jugendamt nur zeigen, dass ein Einschreiten vom Haus Sonozaki gebilligt wird, mehr verlange ich nicht von Euch.“

Es folgte eine weitere Pause. Diesmal hatte Mion nichts weiter zu sagen und verblieb dabei, den Blickkontakt mit selbstbewusster Miene aufrechtzuerhalten. Es musste funktionieren. Sie musste mit den Mitteln der Sonozaki rechnen können, andernfalls... andernfalls stand sie alleine gegen den Rest der Welt.

„Pfff... Ich denke, du nimmst die Sache viel zu ernst.“

Die Worte wirkten wie ein Stich direkt in Mions Herz.

„Wie kannst du so etwas nur sagen?“, die offizielle Mion platzte wie eine Seifenblase, die wirkliche Mion kämpfte mit den Tränen.
„Du wolltest doch die Meinung vom Oberhaupt des Hauses hören, Mion-chan. Das ist genau das, was ich dir gebe, also lebe damit. Wenn es wirklich so ernst wäre, wie du sagst, dürfte das Amt auch ohne meine Zustimmung handeln können. Und diese Welt ist nicht perfekt, mittlerweile müsste dir das bewusst sein. Wir alle müssen Kompromisse schließen, selbst wenn sie uns nicht gefallen. Ich kann das Gesicht unseres Hauses nicht für eine Houjou aufs Spiel setzen. Tut mir leid. Wenn du mich entschuldigst. Ich bin müde und werde mich jetzt zurückziehen.“

Oryou erhob sich etwas wackelig, doch Mion stand nicht auf, um ihr zu helfen. Sie blieb nur wie versteinert zurück

„Sonozaki Mion, Erbin des Hauses, tz...“, raunte Oryou noch, als sie den Raum verließ.



„Hi. Tut mir leid, falls ich störe.“
„Mion-chan?“, Keiichi schien verwundert über den späten Anruf, „Nein, nein, überhaupt nicht. Was gibt es?“
„Kei-chan... ich habe nachgedacht über das, was du gesagt hattest.“
„Uh... auf was genau willst du hinaus?“
„Du sprachst davon, Satoko mit allen Mitteln retten zu wollen. Hältst du immer noch an diesem Plan fest?“
„Ich denke an nichts anderes“, gestand sich Keiichi ein.
„Gut“, sprach Mion mit bleierner Stimme, „Aber wir sollten uns absprechen, wie wir vorgehen.“
„Mii-chan, du...“, war das Zweifel in seiner Stimme?
„Ich habe erkannt, dass wir handeln müssen. Nicht nur die Zukunft von Satoko steht auf dem Spiel, sondern auch die Zukunft des Clubs. Ich fürchte zwar, dass wir unser Verhältnis damit für immer verändern werden. Doch wenn wir nichts unternehmen, dann werden wir uns das nie verzeihen.“
„Ich verstehe... Also was schlägst du vor?“

Mion schloss die Augen und öffnete sie wieder.

„In drei Tagen ist das Watanagashi-Festival. Ich habe das Gefühl, dass Oyashiro-samas Fluch auch dieses Jahr ein Opfer fordern wird.“



Sonozaki Mion war kein Mörder. Zumindest hatte sie nie vor, einer zu sein. Das mag eine seltsame Vorstellung sein, wenn die eigene Familie eine lange Tradition der Gewalt pflegte. Doch so war nun einmal Mions Selbstverständnis. Häufig glaubte sie, dass es die Existenz von Shion war, die auf sie wie ein Anker wirkte. Sie waren gleich. Sie waren gleich in jedem Aspekt ihres Seins. Und dennoch lebten sie in einer Welt, die darauf bestand, dass sie unterschiedlich sein mussten. Es war wohl diese Willkür, die die beiden so sehr verletzte, sodass Mion mit Abscheu gegenüber den Praktiken der Sonozaki erfüllt wurde. Kein Mensch hatte das Recht, andere so zu behandeln. Egal ob aus Tradition, wie es Oryou tat. Oder aus geschäftlichen Gründen, wie es ihr Vater tat.

Sie hätte nie gedacht, dass persönliche Probleme sie einmal dazu zwingen könnten, ihre Hände zu beflecken.

Houjou Teppei.

Dieser Dämon war in ihrer aller Leben getreten und bedrohte alles, was ihnen lieb war. Wenn Mion genauer drüber nachdachte, trug er nicht nur die Schuld an Satokos schwerem Los. Er zeigte sich auch mitverantwortlich am Schicksal von Satoshi und Rena.

Daran dachte sie jedes Mal, wenn sich ihr Gewissen und ihr rationales Denken meldeten und versuchten, sie von der Tat abzubringen. Aber es war zu spät. Es gab kein Zurück mehr. Würde sie es nicht tun, dann würde Keiichi die Last ohne zu Zögern alleine schultern, daran gab es gar keinen Zweifel. Er würde vielleicht vom eigentlichen Plan abweichen, aber er ließ sich auf keinen Fall mehr stoppen.

Und ihr eigentlicher Plan war so einfach. Die letzten vier Jahre in Folge starb am Tag des Wataganashi jedes Mal eine Person, während eine andere verschwand. Entgegen der allgemeinen Annahmen, wurden diese Vorkommnisse nicht von den Sonozakis initiiert, zumindest nicht sofern Oryou davon gewusst oder einen Einfluss darauf hätte. Nichtsdestotrotz bot sich der Tag ideal an, um einen Mord zu begehen und ihn als weiteres Opfer eines bizarren Fluches aussehen zu lassen. Oder eines Serienkillers, wie es die Theorie von Ooishi war. Keiichis Argumentation bei ihrem verschwörerischen Brainstorming war erstaunlich logisch.

Im Verlauf der zwei Tage zuvor konnten sie weiter Druck auf Chie-sensei und das Jugendamt machen. Das vermittelte zum einen den Eindruck, dass sie legale Mittel noch nicht aufgegeben hatten. Zum anderen schienen die Besuche der Sozialhelfer Teppei ausreichend zu nerven, als dass er Satoko wieder das Besuchen der Schule erlaubte. Und des Wataganashi-Festes. Das war der entscheidende Faktor.

„Was hast du gesagt?“, Shion hatte fassungslos reagiert.

Am Tag vor Wataganashi hatte Mion sie angerufen. Sie war sich nicht sicher, inwieweit sie ihrer Schwester vertrauen konnte. Schließlich hatten sie und Satoko sich nie wirklich gut verstanden. Mal abgesehen davon bestand immer noch die Gefahr, dass Shion sie schon aus Prinzip von der scheinbar offensichtlichen Dummheit abzuhalten versuchen könnte.

„Ich habe nur gefragt, ob du morgen mit Satoko auf das Festival gehen könntest“, erwiderte Mion verwundert über die derart heftige Reaktion.
„Nein“, sprach Shion ärgerlich, „du hast mich darum gebeten, mich um Satoko zu kümmern. Das war dein genauer Wortlaut.“
„Ja, schon gut. Ich hätte ja Rika gefragt, aber sie wird spätestens beim rituellen Tanz eingespannt. Keiichi und ich sind zu dem Zeitpunkt leider woanders beschäftigt, aber wir wollen Satoko nicht ganz allein zurücklassen.“

Mion hoffte, dass diese Formulierung Shion dazu ermuntern würde, die beiden deshalb aufzuziehen. Eine zweisame Unternehmung, fernab von den Blicken der geschäftigen Dorfbewohner. Das war genau die Art von Steilvorlage, auf die Shion normalerweise angesprungen wäre. Normalerweise. Shion war jedoch todernst.

„Onee-chan, ihr... ihr kommt doch wieder zurück, nicht?“

Wirkte ihre Stimme ängstlich?

„Warum sollten wir nicht zurückkommen? Wir werden uns pünktlich zum abschließenden Baumwolldriften wieder mit euch treffen.“
„Ach, das war nur so ein Gedanke“, winkte ihre Schwester missmutig ab, „ich wünsche dir und Keiichi viel Spaß.“
„Shion...“
„Ich kümmere mich Satoko, keine Sorge.“

Mit einem Knirschen brach die Leitung ab.

Aufgelegt.

Ahnte Shion, was sie vorhatten? Sie musste es geahnt haben. Im Nachhinein musste Mion feststellen, dass es nicht wirklich eine andere Erklärung für ihr Verhalten gab. Aber zu diesem Zeitpunkt vertraute sie einfach darauf, dass Shion in jedem Fall ihr bestes geben würde, um Satoko auf dem Festival zu bespaßen.

Am Tag des Festivals verlief alles dann genau, wie sie es geplant hatten. Keiichis ursprüngliche Idee war zwar nicht ideal, doch mit der Feststellung, dass die Polizei in Anbetracht der bisherigen Opfer des Fluchs ein Auge auf das Haus der Houjous halten würde, war es das beste, was sie tun konnten.

Ein Falle.

Sie lotsten ihn unter dem Vorwand einer Verhaftung von Satoko auf die Straße Richtung Okinomiya. Dort stürzte sich Keiichi auf den nichts ahnenden Bastard. Nachdem er von seinem Roller gestürzt war, wollte er fliehen, doch Mion schnitt ihm den Weg ab und schickte ihn mit einem gezielten Tritt auf die Knie.

„Wa... was wollt ihr?“, keuchte er mit Augen, die blankes Entsetzen mitteilen.

Ja, was wollten sie eigentlich? Gerechtigkeit? Die Rückkehr zu ihren unbeschwerten Tagen? Oder einfach nur ein Zeichen setzen? Es tat nichts zur Sache. Mion antwortete nicht. Das brauchte sie auch nicht. Das war er gar nicht wert. Sie blickte auf ihn hinab und beobachtete mit versteinerter Miene, wie Keiichi mit gezücktem Baseballschläger zu ihnen aufschloss.

Nach dem ersten Schlag fiel Teppei ächzend in den Dreck.

Nach dem zweiten Schlag rührte er sich bereits nicht mehr.

Der dritte Schlag schien nur noch eine ideelle Rolle zu spielen.


Drei Schläge. Einer für Satoshi, einer für Rena und einer für Satoko. Das schien nur fair.

Keiichi holte erneut aus.

„Es reicht“, sprach Mion ruhig, fast schon im Flüsterton.


Keiichi erstarrte in der Bewegung und schaute auf. Seine Pupillen waren zusammengezogen, der Schweiß rann ihm auf die Stirn. Es war ein Anblick des Wahnsinns.

„Wir müssen uns beeilen“, stellte Mion fest, „bevor noch jemand hier lang kommt.“

Sie entsorgten Teppeis Roller und die Tatwaffe im Onigafuchi-Sumpf. Gemeinsam waren sie auch kräftig genug, die Leiche dorthin zu tragen. Es war eine beschwerliche Arbeit, doch sie war notwendig. Mion konnte nur raten, was Keiichi ohne ihre Hilfe getan hätte. Wahrscheinlich hätte er die Leiche irgendwo verscharrt in der vagen Hoffnung, dass die Polizei zu idiotisch ist, um ihn wieder auszugraben. Der Sumpf jedoch war das ideale Versteck. Er galt als bodenlos und wurde schon im für Hinamizawa wenig glanzvollen Mittelalter für genau diesen Zweck genutzt.

Mion fragte sich immer noch, wie ihre Schwester reagiert hätte, hätte sie die Szene kurz danach gesehen, als die beiden noch im Wald ihre blutverschmierten Klamotten gegen frische wechselten, die sie in weiser Voraussicht mitgenommen hatten. Die Absurdität dieser Situation nahm einiges aus der Anspannung, die sie nach der Tat aufgebaut hatten.

„Na, da sind die beiden Turteltauben ja endlich“, grinste Shion verschmitzt, als sie sich am Ufer des Flusses zu den anderen gesellten.

In diesem Augenblick beneidete Mion ihre Schwester um ihr Schauspieltalent. Sie musste ihre Pläne am Vortag durchschaut gehabt haben und trotzdem konnte man ihr nichts anmerken. Mion dagegen wusste klar, dass von ihr erwartete wurde, zu erröten, doch stattdessen entfuhren ihr nur ein paar halbherzige Flüche. Sie war zu müde, um eine gute Show hinlegen zu können.

Stattdessen betrachtete sie die Gruppe um sich herum. Shion war die einzige, die gute Laune ausstrahlte. Keiichi war immer noch leichenblass, Rika so ernst wie nie und Satoko... Sie hatten dies für Satoko getan. Sie hatten all dies getan, um bald wieder ihr Lachen hören zu können. Aber noch wusste Satoko nichts vom Verschwinden ihres Onkels. Der Abend neigte sich dem Ende zu und sie wirkte, als müsste sich sie übergeben. Doch bald schon, so hoffte Mion, würde sie nach Hause zurückkehren und feststellen, dass ihr furchtbarer Onkel doch nicht auf sie wartete. Und vielleicht schon am nächsten Morgen würde sie bemerken, dass er nicht zurückkommen würde. Dann würde sie zurück zu Rika ziehen und alles wäre wieder wie vorher. Sie mochten einen hohen Preis dafür bezahlt haben, doch die glücklichen Tage würden wiederkehren.

Oh, wie sie keine Ahnung hatten.



Seltsam. Das war wohl die treffendste Beschreibung des unglückseligen nächsten Tages.

Diese ganze Woche hatte schon an Mions Nerven gezerrt, weshalb sie sich dringend mit jemandem aussprechen wollte. Nach der Schule rief sie daher Shion an, um sich mit ihr zu treffen. Da eine Begegnung von Shion und Oryou stets zu vermeiden war, einigten sie sich auf Shions Apartment in Okinomiya, abends nachdem Shion von ihrem Teilzeitjob zurückgekehrt war.

„So schlimm, eh?“, bemerkte Shion, nachdem sie ihnen den Tee eingegossen hatte.
„Steht es mir so offensichtlich ins Gesicht geschrieben?“

Shion hielt kurz inne.

„Es ist zumindest nicht gerade typisch für dich, so ernst zu sein, Onee. Also komm schon, sag mir, was dir auf dem Herzen liegt.“
„Alles“, Mion schüttelte missmutig mit dem Kopf, „einfach alles. Ich habe das Gefühl, die ganze Welt bricht um mich herum zusammen. Unser Club... er... Wir haben ihn gegründet, um ein bisschen Frieden nach all diesen furchtbaren Tragödien zu finden. Aber... Ich verliere ihn. Wir alle verlieren ihn.“
„Mit den Tragödien... du meinst Oyashiro-samas Fluch, nicht?“, es war weniger eine Frage als eine Feststellung.
„Der Verlust der Eltern hatte Rika-chan, Satoko-chan und Satoshi-kun ziemlich aus der Bahn geworfen. Natürlich mussten wir etwas dagegen unternehmen. Vor allem die letzten beiden mussten in ihrer Freizeit glücklich sein, wenn sie schon zuhause keine Freude erwartete. Aber... Satoko-chan... Sie kam heute in die Schule und es war so schlimm wie nie. Sie... sie hatte eine Panikattacke. Offenbar war ihr Onkel gestern heimgekehrt und war so zornig wie nie.“

Shion musterte ihre Schwester misstrauisch.

„Ist das nicht dieselbe Geschichte wie vorgestern?“
„Du verstehst nicht... Das... das sollte eigentlich unmöglich sein. Nach all dem, was wir gestern für sie getan haben.“
„Du und Keiichi-kun. Ich verstehe, du brauchst nichts weiter sagen“, bemerkte Shion gedankenversunken.
„Ich fürchte, es war alles vergebens. Es war zu spät. Alles war zu spät. Ich habe Zeit vergeudet, weil ich Hoffnungen in das Jugendamt, die Polizei und Oryou-baasan gesetzt habe. Hätten wir gleich so gehandelt, wir... Satoko-chan wäre nicht gebrochen worden. Aber so... Ihr Onkel hat es tatsächlich geschafft, diese gute Seele für immer zu zerstören“, Tränen stiegen Mion in die Augen, „ich wollte doch nur dafür sorgen, dass alles möglichst so bleibt wie es ist. Ich wollte nicht, dass es so endet wie mit Rena-chan und Satoshi-kun.“
„Wie Satoshi-kun“, echote Shion geistesabwesend, „Sag, wie endete es denn mit Satoshi-kun?“

Mion schaute auf und bemerkte erst jetzt die kalte Aura, die ihre Schwester ausstrahlte. Irgendetwas stimmte hier nicht.

„W... was meinst du damit?“
„Du hast ihn im Stich gelassen, Onee“, Bitterkeit durchdrang jedes ihrer Worte, „du hast ihn genauso im Stich gelassen, wie Rena und Satoko. Das ist das, was du eben gesagt hast.“

Mion seufzte: „Ich weiß. Ich war nicht stark genug. Ich war nicht aufmerksam genug. Es war das gleiche, wie bei Rena-chan. Ich hätte mehr nachforschen müssen, was ihn so heruntergezogen hatte. Vielleicht...“
„Es war Satoko“, fauchte Shion plötzlich, „die Satoko, für die du und Keiichi so viel unternommen habt, um sie zu retten. Sie sollte wesentlich dankbarer für solche Freunde sein. Satoshi-kun hatte diese nicht. Satoshi-kun stand ganz alleine, nicht nur gegen seinen Onkel, sondern auch seine Tante. Sogar gegen das ganze Dorf. Und er hatte niemanden, der so weit für ihn gegangen ist.“

Sie konnte sich gut vorstellen, warum ihre Schwester so wütend war, doch das änderte nichts daran, wie unfair dieser Vorwurf war.

„Satoko-chan war in der gleichen Situation wie Satoshi-kun. Sie trägt am wenigsten Schuld an dem, was passiert ist. Wenn du auf jemanden zornig sein willst, dann auf mich.“
„Vielleicht sollte ich das“, knurrte Shion, „oder vielleicht ich sollte mich zurücklehnen und zusehen, wie Oyashiro-sama nach und nach alle die nimmt, die dir lieb sind. Wen wird der Fluch wohl nächstes Jahr treffen? Wie wäre es mit deinem liebsten Keiichi? So groß ist die Auswahl ja nicht mehr.“

Mions Herz verkrampfte sich.


„W... was willst du damit sagen?“
„Dass du gelogen hast!“, grollte sie mit vernichtendem Tonfall, „Vor etwas weniger als einem Jahr hattest du mir in genau diesem Raum erklärt, dass du keine Ahnung hattest, was mit Satoshi passiert ist. Und jetzt behauptest du auf einmal, du hättest die Mittel gehabt, Oyashiro-sama aufzuhalten!“
„Nein, das habe ich nicht damit gemeint“, verteidigte Mion sich verzweifelt, „ich wollte auf das hinaus, was mit seiner Tante geschehen ist. Glaube mir das!“
„Eine Lüge! Eine Lüge, eine Lüge, eine Lüge!“

Mion erstarrte vor Schreck. Shion sprang auf. Was war hier los? Sie erkannte Shion kaum wieder. Sie... Doch, sie erkannte diese Shion. Die Szene von vor einem Jahr schien sich zu wiederholen. Dies war eine andere Shion als die, mit der sie sonst verkehrte. Eine Shion, die kein Problem damit hatte, ihr und anderen wehzutun. Aber da war mehr.

Mit einem lauten Knall krachte Mion in eine gläserne Vitrine. Die Wucht, mit der ihre Schwester sie vom Stuhl gefegt hatte, erwischte sie eiskalt. Während sie inmitten der Scherben zu Boden ging, erschienen seltsame Bilder vor ihrem inneren Auge. Erinnerungen, die nicht die ihren sein konnten, aber dennoch genauso real erschienen. In diesen fand sie sich eingesperrt wieder. Eingesperrt im Saiguden unterhalb des Sonozaki-Anwesens. Es war eine Welt voller Tränen, Blut und Schmerz. Sie selbst fror und hungerte, doch sie hatte keine Tränen für ihr eigenes Schicksal übrig. Sie sah die verbliebenen Mitglieder ihres Clubs. Da war Rika, ihre Finger durchbohrt von dutzenden Nägeln. Satoko blutend an ein Holzkreuz gebunden. Und Keiichi. Er lag gefesselt auf einer seltsamen Apparatur, die ihn auseinander zu reißen drohte. Und inmitten all dieser Gräuel Shion, stets ein hysterisches Lachen auf den Lippen.

„W... was hast du vor?“, schluchzte Mion zurück in ihrer augenblicklichen Situation.
„Das musst du wirklich noch fragen, Onee-chan?“, sie lachte.

Es war exakt das gleiche Lachen, wie in Mions aufflackerndem Erinnerungsfetzen. Grauen ergriff die am Boden liegende Schwester.

„Das kann ich nicht zulassen“, Mion klammerte sich an diese Erkenntnis, „ich werde nicht zulassen, dass du den anderen etwas antust.“

Shion versetzte ihr einen Tritt in die Magengrube. Mion krümmte sich, den beißenden Säuregeschmack in ihrem Mund zurückschluckend.

„Wir haben schon zu viele verloren. Zu viele glückliche Tage, die wir nicht erleben werden“, fluchte Mion, „doch nicht mehr. Ich werde dich aufhalten, egal was es kostet.“

Sie stützte sich auf dem Boden ab, um sich aufrichten zu können. Dabei bemerkte sie, wie die Scherben, die überall verteilt lagen, ihr tief ins Fleisch schnitten.

Sie schloss die Augen und öffnete sie wieder.

Sie hatte nur diese eine Chance.

Eine große Scherbe fest umklammert, sprang sie auf und stürzte sich auf Shion. Die Welt wurde zu einer verzerrten Karikatur ihrer selbst. Als sie langsam Form und Konturen annahm, war Mion wieder am Stehen. Shion lag rücklings zu ihren Füßen.

Sie lebte noch.

Ihre Augen spiegelten nur noch grenzenlose Fassungslosigkeit wieder. Shion öffnete den Mund und wollte etwas sagen, doch es kam nur ein tonloses Stöhnen hinaus. Sie krümmte sich und versuchte sich zur Seite abzurollen. Doch beide Hände waren zu sehr damit beschäftigt, die stark blutende Wunde an ihrem Hals zuzuhalten, sodass sie letztlich nur noch wirkte wie ein im Todeskampf befindlicher Fisch auf dem Land.

Es kam Mion wie Minuten vor, bis das Schauspiel beendet war. Das Feuer aus Shions Augen war verschwunden. In ihren letzten Augenblicken hatte sie nur noch ihre Schwester fixiert gehabt, doch nicht mehr. Es war vorbei. Shion war keine Bedrohung mehr.

Mion wusste, dass sie etwas furchtbares getan hatte, doch tief in ihrem Herzen wusste sie, dass es das richtige war. Dass Kasai jeden Augenblick, aufgeschreckt vom Lärm, in die Wohnung kommen würde, war ihr völlig egal. Sie hatte die Leben der verbliebenen Clubmitglieder gerettet. Das war alles, was zählte.

Sie hatte ihre Pflicht als Anführerin erfüllt.

Sie hatte Verantwortung übernommen.

Die Verantwortung für eine verlorene Welt.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast