Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Fortune Of Life

von Rayden
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Brad Delson Chester Bennington Mike Shinoda
10.05.2014
03.08.2020
33
153.414
6
Alle Kapitel
125 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
25.01.2015 4.030
 
Hey, meine lieben Leser! Ihr seid wirklich super toll. :) Ich bedanke mich herzlichst für die Reviews (Antworten kommen noch) und die Favouriteneinträge! Wow! ♡

x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x


14. Kapitel



Flashback

Es waren Sommerferien und ein Tag an dem die Sonne nicht ganz so erbarmungslos herunterbrannte. Chesters Freunde hatten keine Zeit und er streunte gelangweilt durch das Haus. Brian hatte Pamela bei sich und wollte sich demnach nicht mit seinem jüngeren Bruder beschäftigen und Charlene war einkaufen gefahren, vor dem er sich gedrückt hatte – denn dies war bekanntlich noch langweiliger.

Lee hatte einen schichtfreien Tag, von seinem Dienst als Lieutenant im Phoenix‘ Police Department, vor sich, auf die er immer besonders hin fieberte. Denn mit seinen aufsteigenden Dienstgraden waren seine Jahre, in denen er mit dem Motorrad Streifen fuhren durfte vorbei. Nun führte er es als Hobby aus und war insgeheim auch auf der Suche nach einem Club, dem er sich anschließen konnte und der ohne zwielichtige Machenschaften auskam.

Chester kam in die Garage gelaufen und wollte sich eigentlich sein Skateboard von dort holen, als er sah wie sein Vater seinen Lederkombi anzog. Seine Augen funkelten interessiert und mit einem verschmitzten Grinsen kam er näher. „Fährst du?“, fragte er und schielte zu ihm hinauf. „Darf ich mit?“

„Nein. Brian soll auf dich aufpassen und wenn deine Mutter zurück ist, hilfst du ihr mit dem Einkauf.“, entschloss er. Lee schnappte sich seinen Helm und wischte ein paar kurze Strähnen zurück, bevor ihn aufsetzte. Er schnallte ihn zu und hupfte etwas, als würde sich sein Anzug dadurch geschmeidiger gegen seinen Körper legen. Er atmete tief durch und überlegte, als er in seine Handschuhe schlupfte.  „Ich werde ein paar Stunden unterwegs sein. Komm her, Chester.“, meinte er und öffnete seine Arme.

Chester ließ sich in eine Umarmung ziehen. Er roch das Leder, das sich gegen seine Wange klebte und verzog den Mund. „Bitte?“, hauchte er leise. Fast ein wenig kleinlaut, da er bereits vermutete wie so oft zurückgewiesen zu werden. Doch er würde sich sehr freuen. „Du hast mir mal versprochen mich mitzunehmen.“

Lee schnaufte geschlagen und brummte widerwillig. „Nun gut.“, nickte er, auch um eine ausufernde Diskussion zu unterbinden. Er reichte Chester die Motoradkluft, die sein Sohn begeistert entgegennahm. „Du hältst dich immer schön fest und wenn wir Pause machen dann gehst du ohne mich nirgends hin. Hast du verstanden?“

Lee schob seine Harley aus der Garage und er half Chester auf die hintere Sitzbank, ehe er sich davor setzte und das Motorrad anschmiss. Der Junge hielt sich brav fest und spürte ein leichtes Rucken, als sie schließlich losfuhren. Ein Stück durch die Stadt, bis sie schließlich aus dieser heizten.

-

Lee war angespannt und konnte die Fahrt nicht komplett auskosten. Er sorgte sich um seinen Mitfahrer und war auch nicht ganz so schnell unterwegs, wie sonst wenn er alleine fuhr. Dennoch machte es Spaß, besonders in den Momenten wenn er Chesters Lachen hörte. Ab und zu fuhr er Schlangenlinien oder wurde kurz noch schneller, Spielereien die er sicher unter Kontrolle hatte. Sie fuhren schon eine ganze Weile, der Windzug war angenehm und die Sonne nicht zu stark, als sie eine Kleinstadt ansteuerten.

Weiteres Knattern von Motorrädern erfühlte die Umgebung, als sie der Zivilisation wieder näher kamen. Am Ende der flimmernden Straße erkannte Lee schon bald Gleichgesinnte. Gut gestimmt grinste er und grüßte diese, als sie aneinander vorbeifuhren.

Der Vater bekam nicht mit, dass sie kehrt machten und sie wieder einholten. Schnell wurden sie von ihnen eingekreist und Lee schluckte schwer. Dies konnte nichts Gutes verheißen.

„Wo ist die Kutte?“, wurde er bitter gefragt. „Welches County? Wer seid ihr?“, knurrte er weiterhin ungeduldig.

„Verpisst euch.“, rief ein anderer mit dunklerer Stimme und Lee wusste sich kaum in dieser Situation zu verhalten. Ehe er jedoch etwas sagen konnte, kam einer der Fahrer mit seiner Maschine gefährlich nach an sie heran. Er kickte warnend gegen die Seite von Lees Harley, doch dieser war darauf nicht vorbereitet und schwenkte erschrocken aus.

Sie kamen auf das Bankett hinaus. Panisch versuchte Lee die schwere Maschine zu halten, doch die Reifen hatten kaum mehr halt und rutschten ihm auf dem Sand und Dreck weg. Er kippte. Laut schepperte es, das Metall zerkratzte und Lee und Chester fielen von hier und wurden über den staubigen Boden geschlittert.

Der Vater stöhnte. Der Aufprall war unangenehm gewesen, doch er hatte ihn gut überstanden. Langsam und nur etwas benommen setzte er sich auf, die Motorradfahrer waren schon lange wieder weg. Mit rasendem Puls blickte er sich anschließend nach Chester um und kam schnell zu ihm.

„Chester! Alles okay, geht es dir gut, schmerzt dir etwas?“ fragte er besorgt und musterte seinen Sohn lange.

Sanft nickte er schniefend und hustete aufgrund von eingeatmeten Sands. Sein Körper schmerzte etwas wegen des harten Sturzes. „I-Ist gut…“, flüsterte Chester und spürte allerdings plötzlich Tränen. Der Schock saß tief und er drückte sich stark gegen seinen Vater. Nur langsam beruhigte er sich wieder. „Warum-…?“

Lee zuckte mit den Schultern und ließ nicht mehr von ihm ab, streichelte ihm kontinuierlich über den Rücken. „Vermutlich eine Motorradgang … verdammt, deswegen nehme ich dich ungern mit, Chazy. Wirklich alles okay, ja?“

Sanft nickte der kleine Junge, aber zitterte noch etwas. Er unterdrückte den wummerten Schmerz in der Seite auf der er gelandet war und auch seine Blessuren im Gesicht brannten etwas. „Okay, ich sehe nach der Harley und bringe dich trotzdem zu einem Arzt. Ich möchte sicher gehen, dass alles okay ist.“, erklärte Lee und nahm Chesters Hand und zog ihn sanft mit sich.

Einige üble Kratzer und ein paar Dellen übersäumten das Motorrad. Auch der Außenspiegel war abgebrochen, doch sie fuhr noch. Sehr zögerlich war Chester aufgestiegen, doch er musste und Lee brachte ihn daraufhin zu einem Arzt in der nächsten Stadt.

-

„Alles nur halb so schlimm, aber ich verordne einen Tag Erholung, bevor sie zu der langen Heimreise antreten. Übernachten sie bei Betty. Sie hat gemütliche Gästezimmer und wir haben eine Kirmes in der Stadt.“, schlug der Doktor dem Vater und dem Sohn vor. Er reichte Chester noch einen Lutscher und verabschiedete sich daraufhin.

Chester klangen die Ohren bei dem Wort Kirmes und mit funkelnden Augen sah er bittend zu Lee auf, als sie die Praxis wieder verließen. „Okay… okay, wir sehen dort mal hin.“, lachte Lee noch bevor sein Sohn ihn fragen konnte.

Chester nickte begeistert und drückte sich dann ganz unvermittelt gegen seinen Vater. So feste er konnte drückte er sich gegen ihn. „Danke Daddy, du bist der Beste.“


Die Luft duftete hinreißend, als sie auf die Wiese traten auf dem die Kirmesleute ihre Buden errichtet hatten. Leckere Süße lag in ihr, Duft von gebrannten Mandeln und Zuckerwatte. Kindergelächter und Geschrei drang an ihre Ohren, doch wurde durchbrochen von tüdelnder Musik, die einfach so typisch für solche Veranstaltungen war. Bunte Lichter blinkten, doch kamen noch nicht so gut zur Geltung, da es noch zu hell war.

Fahrgeschäfte gab es viele. Karussells, Schießbuden und ein Horrorhaus, sogar ein Clown saß auf einer Plattform, darauf wartend, dass jemand auf eine Zielscheibe warf und traf, um dann in einen Bottich voller Wasser getaucht zu werden. Es war ganz faszinierend und einnehmend. Chester kannte eine Kirmes nicht in solch einer familiären Art. So unbeschwert und schön. Es war ziemlich einnehmend und er sah sich begeistert um. Er zog seinen Vater mit sich und deutete auf alles was er sah und er wollte auch alles unbedingt fahren.

Lee grinste breit und war froh darüber seinen Sohn so aufgeschlossen und glücklich zu sehen, trotz ihres Unfalls und stimmte oft zu, wenn er glaubte, dass es Chester nicht zu sehr beanspruchte. Immerhin sollte er sich erholen.

Sie gingen zu einem Süßwarenstand, bei dem Chester seine versprochene Zuckerwatte bekam. Er rupfte an dem weißen, klebrigen Zeug und zauberte sich einen Santa Claus-Bart, der sie beide zum Lachen brachte. Lee genoss es und sah sich um, während sein Sohn aß. Er warnte noch, dass ihm vielleicht schlecht wurde, als er ein paar Typen erkannte. Sie waren vermehrt in schwarz gekleidet. Leder und Kutten. Er atmete tief durch und glaubte sie, als die Typen wiederzuerkennen, die sie von der Harley schuppsten.

„Okay, Chaz. Komm wir gehen.“, meinte er vorsichtshalber zu seinem Sohn. Nicht das diese Typen noch auf weitere Ideen kamen. Diese hatten sie schon einmal in die Mangel genommen und er wollte nicht, dass seinem Sohn etwas Schlimmeres geschah.

„Daaaaddy…“, jammerte der Junge und rümpfte missmutig die Nase und schüttelte trotzig den Kopf. „Ich mag nochmal etwas fahren, bitte. Noch einmal.“

„Chester wir gehen, jetzt. Du bist heute schon genug gefahren. Komm nun.“, warnte er und packte bestimmend, aber dennoch sanft den Oberarm seines Sohnes und zog ihn mit sich. Chester wehrte sich und versuchte sich loszueisen. „Daaaaaddy…“, jammerte er und in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit, hatte es der Junge geschafft und rannte von ihm. „Hey, Chester!“, rief Lee ihm nach.

Lee stockte überrascht und ging ihm dann allerdings hinterher. Chester war um ein Geschäft gebogen, doch war dort nicht mehr aufzufinden. Lee knurrte und lief über den Platz. Er suchte seinen Sohn zwischen den vielen fremden Kindern und konnte ihn nicht entdecken. Lee wurde immer unruhiger und er streunte hin und her.

Der Vater suchte überall und nach einiger Zeit musste er panisch feststellen, dass Chester wohl verschwunden war. Er schluckte schwer und suchte schließlich Officer auf, die auf der Kirmes Streife liefen. Unruhig erklärte er diesen seine Problematik und konnte seinen Blick nicht fest auf den Polizisten legen, da er diesen ständig über die Menge der Besucher schwanken ließ, um Chester vielleicht doch noch zu finden.

-

Chesters Kopf wummerte stark, als er langsam wieder zu sich kam. Er blinzelte und stöhnte voller Schmerzen. Er konnte kaum etwas erkennen, alles war noch schummrig und unscharf. Das Atmen viel ihm schwer und er nahm tiefe, langsame Atemzüge. Langsam rappelte er sich auf. Er lag auf irgendetwas.
„Daddy?“, fragte er in die Stille hinein, seine Stimme kaum mehr als ein Hauchen. Kratzig, als wären seit Tagen keine Worte mehr über seine Lippen gekommen.

Es war düster in dem Raum, grau und Regen trommelte unaufhörlich gegen das Dach und die Fenster. Unter ihm quietschte es. Es klang nach alten, drahtigen Lattenrost. Es roch morsch und irgendwo zog ein sanfter, aber kalter Windzug zu ihm herüber und streichelte kneifend seine Wangen. Sein Herz begann schwer zu schlagen, als er begriff, dass er hier nicht hergehörte und irgendetwas an dieser Situation gar nicht stimmte.

Er beugte sich nach vorn, versuchte mehr im dem Raum zu erkennen und schielte auch durch einen Durchgang. „Dad?“, versuchte er es erneut und sah mit großen, hoffnungsvollen Augen umher. Niemand tauchte auf. Keiner hörte ihn. Chester war ganz allein. Sein Hals schnürte sich mehr zu und er zitterte unwohl.

Vorsichtig wollte er versuchen aufzustehen. Chester schaffte es, doch seine Beine wären ihm beinahe weggeknickt, als ein höllischer Schmerz durch ihn schoss. Schwer keuchte er und krümmte sich nach vorn.

Erst als er sich davon erholt hatte, spürte er den kalten und verschmutzen Holzboden. Keine Socken, sie waren weg. Chester verwirrte es und nun kam ihm auch, dass sein Gürtel verschwunden war und seine Jeans deshalb gefährlich lasch an ihm hing. Er knurrte und konnte die gesamte Situation nicht erklären. Seine Schläfe pochte und Chester zwang sich weiter. Er sah sich um, suchend nach Erklärungen oder seinem Vater.

Spärlich, aber dennoch einladend wirkte es, wenn auch nicht sauber. Durch die nassen und sehr staubigen Fenster, erblickte er nur schemenhaft die Umgebung in der er sich befand. Doch Chester glaubte, es war ein Wald. Eine Waldhütte. Er schluckte schwer und sein Herz raste. Dies hatte nichts Gutes zu verheißen. Er hatte es im Gefühl.

Wo war sein Dad? Warum schmerzte alles? Was war geschehen? Dicke Tränen kullerten ihm über die Wangen und er schluchzte bitterlich auf. Er wollte hier weg und zurück nach Hause. Panische Angst zerfraß ihn. Die Hütte bestand nur aus drei Räumen. Das Wohnzimmer in dem er auch schlief, Küche und Badezimmer. Chester rannte zur Tür, die ihn nach draußen bringen sollte, doch diese war versperrt. Er zog und rüttelte an ihr, doch nichts geschah.

Chester weinte laut und rutschte kurz an der Tür hinab. Er versteckte sein Gesicht in seinen Händen. „Daddy… Mommy…“, schluchzte er nach Luft ringend. Nach einiger Zeit stand er wieder auf und schlürfte verloren zum Bett zurück. Eine dünne und ziemlich kratzige Decke lag dort. Sie roch nach Mottenkugeln und war wohl schon lange Zeit nicht mehr gewaschen worden. Doch Chester zog sie um seinen zitterten Körper und mummelte sich in sie. Es war absurd, doch er fühlte sich geschützter durch sie. Nicht nur vor der Kälte.  „I-Ich will heim…“

Chesters Tränen waren nicht versiegt, bis sie lange genug an seinen Kräften genährt hatten und der kleine Junge in einen unruhigen Schlaf fiel. Es wurde dunkler. Die Nacht brach langsam ein und der Regen verstärkte sich noch. Die Decke war viel zu dünn und die weiter abgekühlten Abendstunden knabberten an seinen Zehen und Fingerspitzen. Seine Zähne klapperten und plötzlich schlug die Tür laut auf. Zwei schwere Stiefel klopften gegen den Holzboden, der unter dem Gewicht des Fremden knarrte.

Der Junge war aus seinem leichten Schlaf aufgeschreckt. Er japste leise und erstarrte. Chester bekam wieder schreckliche Angst und er versuchte einfach so zu tun, als hätte er nichts mitbekommen. Vielleicht würde er dann in Ruhe gelassen werden.

„Steh auf!“, knurrte eine dunkle Stimme. Sie war männlich und getränkt in einen starken Dialekt. Etwas raschelte, als er die Tür mit dem Fuß zu stieß. Er hatte eine Plastiktüte bei sich und warf diese unachtsam auf den Esszimmertisch. Chester schluckte schwer. Er fühlte sich beobachtet.

Der Mann kam tatsächlich auf das Bett zu, auf dem er noch lag. Er drückte bitterlich die Augen zusammen, dennoch wurde er barsch an der Schulter gegriffen. Die Decke wurde ihm entrissen und Chester schrie lauthals los und begann um sich zu treten und schließlich weg zu rennen. Er hatte sich den anderen nicht einmal angesehen und folgte einfach nur seinem Instinkt. Er rannte zur rettenden Tür. Egal wohin sie ihn brachte und er sich wohl nicht auskannte. Er wollte hier einfach nur weg. Nicht mehr eingesperrt sein.

„Warte, Kleiner!“, schnaubte es und Chester fühlte wie ihn ein harter Schlag traf und er gegen den Boden fiel. Grob wurde sein Handgelenk gepackt, um ihn wieder hinauf zu reißen. Stechend grüne Augen. Viel zu klein waren sie und das Gesicht umrahmt von einem krausenden Vollbart. Chester weinte wieder und wehrte sich, doch er war zu schwach. „Du kommst hier nicht mehr weg.“, grinste der Fremde und zeigte ein paar gelbliche und schiefe Zähne. Aus seinem Mund schwappte eine Mischung aus Whiskey und Rauch und Chester hätte sich beinahe auf seine schweren Stiefel übergeben müssen.

„Wo ist D-Daddy…? I-Ich will… z-zu meinem Daddy!“, protestierte er mit dicken Tränen, die ihm über die erröteten Wangen fielen. Er schluchzte und wurde dann jedoch wütend in die Richtung des Tisches gestoßen. Er prallte gegen einen Stuhl und stöhnte schmerzerfüllt auf.

„Hör auf zu heulen. Dein Daddy, kann dir nun auch nicht mehr helfen.“, zischte er und zwang ihn mit weiteren schmerzenden Griffen sich zu setzen. „Esse etwas!“, wurde von ihm verlangt und Chester zuckte. Er setzte sich kleinlaut auf den Stuhl, seine Hände steckte er zwischen seine Beine. Ängstlich zog er seine Schultern etwas hinauf und weinte leise mit gesenktem Kopf vor sich hin.

Der Mann schob ihm die Tüte zu. Es musste sogar warmes Essen sein. Es roch nicht einmal schlecht und dennoch traute er sich kaum sich zu bewegen. Der Fremde mit seiner gewaltigen und unfreundlichen Stimme und den steinharten, verletzenden Griffen, schüchtere ihn zu sehr ein.

Es schepperte und Chester kniff fiepend die Augen zu. Langsam blinzelte er und keuchte erschrocken, als er eine Pistole auf dem Tisch liegen sah. Der Mann hatte sie schwer auf den polierten Holztisch gelegt, der Lauf deute in seine Richtung. „Chester also, huh? Verdammt iss!“, knurrte er gefährlich.

Chester rührte sich nicht. Aus Angst vor Konsequenzen, wollte er  sich eigentlich etwas nehmen, doch er war wie erstarrt. Ihm war schlecht und er begriff nicht, wie dieser Fremde seinen Namen wissen konnte.

Ein Raunen durchdrang die Kehle des Alten und er packte die mitgebrachte Tüte mit dicken Fingern, die mit noch wuchtigeren Ringen verziert war. Er riss sie unachtsam auf und nahm die warmhaltende Styroporbox  heraus. Dazu eine Flasche Wasser. Der Mann stellte es dem Jungen vor die Nase. Ein einfaches Gericht. Nudeln mit Tomatensauce. Chester starrte auf das Essen und fühlte wie es ihn hob. Der Versuch es zu halten war erfolglos gewesen und er beugte sich hektisch zur Seite und erbrach sich auf den Boden.

„Fuck, verdammte Scheiße!“, schrie der Typ dröhnend und rumpelte von seinem Stuhl auf, sodass dieser, über den Boden kratzend, gegen ein Sideboard schepperte. Chester hatte sich kaum wegducken können, als er schon die Bestrafung einkassiert hatte. Die schweren und eckigen Ringe kratzen die weiche Haut an seiner Wange auf, als er ihn mit dem Handrücken schlug und ihn sofort an der Kehle gepackte.

Chester riss panisch die Augen auf und strampelte sich kraftlos wehrend, als er nach Luft röchelte. Er wurde durch den Raum geschliffen und auf das alte Bett zurückgestoßen. Der Mann kam über ihn und hatte ihn noch immer am Hals gepackt. „Versuch keinen Scheiß, Kleiner. Das wirst du sonst büßen.“, zischte er durch zusammengebissene Zähne. Voller Wut, die sich durch eine hervorgetretene pochende Ader an seinem Hals und den Spuckebläschen in seinen Mundwinkeln erkennbar machte. Seinen Griff verstärkte er noch mehr. Chester schnappte nach Luft. Sein Kopf wurde schon rot und seine Lippen verfärbten sich langsam blau.

„Nimm die Momente meiner fürsorglichen Hand an. Es wird schlimmere geben, Chester…“, klärte er ihn auf und küsste ihn dann schlabbrig gegen die Stirn.  Wild rang der Junge nach Luft, als er losließ und hielt seine Hände zitternd an seinen Hals. Völlig verstört sah er zu, wie er wieder aus dem Hüttchen ging.

„Wenn ich wieder komme, hast du aufgegessen und deine ekelhafte Scheiße aufgewischt!“

Laut scheppernd hatte er die Tür hinter sich wieder zugeschlagen und Chester zuckte wieder, als er bitterlich zu schluchzen begann.

-

Sie waren aufgeschmissen gewesen. Keine einzigen Hinweise fanden sich auf der weitereisenden Kirmes. Man hatte sogar die fremden Budenbesitzer befragt, doch es bestätigte sich nichts. Bis Lee die Begegnung mit der Motorradgang wieder in den Sinn gekommen war. Er hatte ein paar von ihnen auf der Kirmes entdeckt gehabt und hatte daraufhin gehen wollen.

Es würde sich vielleicht nichts bestätigend, doch es war ihr einziges Indiz. Die Polizei ging diesem nach und war auch dankbar darum, an dem Fall wieder etwas weiterzukommen. Es waren schon vier, lange Tage vergangen, in denen sie keine Spur gefunden hatten und die Spannungen stiegen. Es gab keine Lösegeldforderungen und Lee wusste, dass manche seinen Jungen sogar schon aufgegeben hatten.

Die Zimmerreservierung bei Betty hatte er verlängern lassen. Sie zeigte ihr Mitgefühl und brachte ihm einen gut gemeinten Kuchen und erließ ihm die extra gebuchten Nächte. Er hatte sich bedankt, doch den Kuchen konnte er nicht anfassen. Kein Hungergefühl, nur beklemmende Schuld.

Lee hatte am zweiten Tag sein Department informiert. Auch seine Kollegen sprachen ihr Mitgefühl aus und er war es schon leid. Sie sprachen von Unterstützung und dass sie die örtliche Polizei kontaktieren würden. Der schwerste Anruf galt allerdings seiner Frau. Sie war geschockt und fassungslos verstummt. Sie sagte kaum ein Wort, nur, dass sie sofort mit dem Auto nachkommen würde. Er wusste, dass sie dann noch richtig ausflippen würde. Als sie ankam, fiel sie ihm jedoch zuerst schluchzend in die Arme und bat um alle Details.

„Bring mir mein Baby, Lee. Bring ihn mir zurück.“, waren Charlenes einzige Worte. In ihren dunklen Augen war purer Schmerz gelegen und sogar ein Fünkchen Verachtung für ihn. „Ich hasste diese verfluchte Harley schon immer!“, schrie sie plötzlich mit dem Feuer einer leidenden Mutter in der Stimme. Sie machte kehrt und ließ ihren Ehemann stehen. Er wusste, sie würde wieder kommen und brauchte nur ein paar Momente für sich, weshalb Lee ihr auch nicht nachging.

Die Polizei ließ in ihren Ermittlungen noch nicht locker, ganz besonders, weil sie erfuhren hatten, dass Chester Bennington der vermisste Sohn eines Polizisten war. Sie hatten einen Tipp bekommen. Jemand musste seinen Jungen tatsächlich mit einem anderen Mann gesehen haben, der eine verräterische Kutte getragen hatte.

Ein Mitglied der Gang. Sein Unmut gegenüber diesen Menschen gewann noch mehr an Verachtung und Lee erwischte sich schon bald, seine eigene Liebe zu Motorrädern zu hinterfragen. All dieses Leid, das er und seine Familie erfahren mussten, war auf den Rücken der Harley gewachsen und wenn Menschen, wie diese Gang die Leidenschaft zu Motorräder mit ihm teilten, so wollte er nichts mehr davon wissen.

Sie bekamen einen richterlichen Beschluss für alle Räume, die zu dem Club gehörten und schickten Hunde durch die Wälder, bis zu einer verborgenden Hütte, die zu einem Mitglied der Kuttenträger gehörte.

Man fand Chester endlich. Lebend, aber in einem kritischen Zustand. Zusammengeschlagen und mehrfach missbraucht. Blutergüsse zierten seinen blassen Körper und Würgemale prangten rot leuchtend an seinem Hals. Rippen und das Handgelenk waren gebrochen. Rote Striemen von Gürtelschlägen überdeckten seinen Rücken. Er wurde noch Vorort notdürftig versorgt und dann weiter in ein Krankenhaus gebracht.

Lee hatte sich augenblicklich seine Frau geschnappt und war dorthin gefahren. Sie mussten notoperieren. Die Verletzungen waren zu stark. Es gab innere Blutungen und wie es das Schicksal wollte, hatte Chester lange gut durchgehalten, bis man ihn gefunden hatte, doch es hätte keinen Tag länger dauern dürfen.

Charlene war mit ihren Nerven völlig am Ende und Lee fing den zitternden Frauenkörper auf. War selbst mehr als nur geschockt und fühlte sich leer. Seine Frau weinte und er war wie erstarrt. Jemand bat sie ins Wartezimmer und Lee wusste nicht genau, wie er dort hingekommen war. Alles schien so sinnlos und dumpf.

„Mein Baby. Oh Gott, Lee… mein armes Baby.“, schluchzte Charlene und unbewusst legte er ihr den Arm um die Schultern und küsste beruhigend ihre Stirn. „Ich will mein Baby in die Arme nehmen dürfen…“

„Shh, er wird wieder. Wir bekommen unseren Chazzy zurück.“, murmelte er mit tonloser Stimme und starrte ins Leere gegen die gegenüberliegende Wand.

Sie nickte nur sanft und schaffte es wirklich ruhig zu werden. Charlene schlief nach einer ganzen Weile sogar gegen seine Schulter gelehnt ein. Vielleicht war sie von den unsagbar vielen Tränen komplett geschafft worden.

Es dauerte ewig. Lee konnte seine Augen nicht schließen. Er wollte nichts verpassen, obwohl es absurd war. Als Vater und Erziehungsberechtigter hätte man ihn geweckt. Irgendwann war er jedoch wieder etwas mehr zu sich gekommen. Seine Sicht wurde wieder klarer und langsam entwand er sich seiner Frau und holte eine Decke für sie. Fürsorglich breitete er diese über ihr aus und ging sich selbst einen Kaffee besorgen.

Lee streunte etwas umher und sah nervös immer wieder auf die Uhr. Der kleine Sekundenzeiger nervte ihn. In diesem Moment fand er, dass dieser seine Runden viel zu langsam machte. Die Zeit schien zu stehen und nicht wie gewöhnlich, einfach nur zu verfliegen. Lee verfluchte es und wollte endlich Gewissheit haben.

Er wollte seinen Sohn zurück.

6 Stunden hatte es gedauert. Lange verzweifelnde und unsichere Stunden, bis einer der operierenden Ärzte auf das Ehepaar zukam. Er sah abgeschlagen aus und war noch in der grünen OP-Kluft. Er sah erleichtert aus und nickte sanft. „Ihr Sohn ist stabil und schläft nun. Wir bringen ihn auf die Intensivstation.“

Es war irrwitzig aber es waren die schönsten Wörter, die Charlene und Lee wohl jemals gehört hatten. Alles war so wage gewesen und war an einem seidenen Faden gehangen. Es war wunderschön zu wissen, dass Chester es überstanden hatte und Charlene sprang von ihrem Stuhl. „Ich möchte zu ihm. Bringen Sie mich zu meinem Kind!“

Lee kam zu ihr und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. Er nickte ihr zustimmend zu und der Arzt ebenfalls. „Er schläft.“, wiederholte er und ging dann voraus. „Bitte erschrecken sie nicht vor seinem Aussehen, Mr. und Mrs. Bennington. Ihr Sohn ist allerdings auf einen guten Weg wieder komplett zu genesen.“

Flashback Ende

x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x-x

tbc
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast