Bittersüß wie ausgequetschte Zitronen

von crazytop
GeschichteFreundschaft / P6
09.05.2014
09.05.2014
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Disclaimer: Alle bekannten Namen, Orte, Personen und Begriffe gehören J.K.Rowling. Die Ausarbeitung gehört mir.

Inhalt: Dudley ist elf, als er den Jungen mit der Kamera zum ersten Mal sieht.

Beta: Vielen Dank an Saakje und Gazaia!



Bittersüß wie ausgequetschte Zitronen




Dudley ist elf, als er den Jungen mit der Kamera zum ersten Mal sieht. Er kriecht zwischen den Büschen im Park umher, klettert die Bäume hoch und benimmt sich allgemein wie jemand, der wirklich eine Tracht Prügel nötig hat.
Aber es ist niemand da, der Dudley zuschauen und ihn anfeuern kann und deswegen lässt er es.

Dudley fällt auf, dass der Junge alles, aber wirklich alles mit der Kamera um seinen Hals fotografiert. Er muss schon ungefähr fünfzehn Bilder vom selben Busch haben. Die Kordel, mit der die Kamera um seinen Hals befestigt ist, nervt Dudley. Der Idiot lädt einen rechten Haken wirklich ein.

Aber dann sieht der Junge hoch und Dudley ignoriert den rechten Haken, weil der Gesichtsausdruck zu sanft und zu vertrauensvoll ist. Niemand hat Dudley Dursley jemals so angeschaut.
Er setzt sich ins Gras, weil es Sommer ist und beobachtet den Kamerajungen. Der lässt sich davon nicht stören.

Am nächsten Tag ist er zurück und setzt seine Einhörnchenimitation fort. Dudley isst sein Schokoladeneis direkt aus dem Topf und schaut zu.
“Hi!”, sagt der Junge. Dudley hat das nicht erwartet und sagt nichts.
“Ich bin Colin! Der Park ist toll für Fotos, hier gibt es so viel zu entdecken! Bis nächsten Sommer!”
Dann springt er davon, bevor der baffe Dudley irgendetwas von sich geben kann.

Dudley ärgert sich darüber, dass der Junge - Colin, was ist das denn für ein Name? - einfach so annimmt, dass Dudley auch nächsten Sommer im Park sein wird. Als ob er ihn wiedersehen wollte.










Aber trotzdem geht Dudley den nächsten Sommer jeden Tag allein in den Park, um nach Colin Ausschau zu halten. Er weiß ganz genau, was er sagen wird.

Colin ist eine ganze Weile nicht da, aber an einem Montag Ende Juli sieht Dudley eine Kamera wie vergessen unter einem Busch liegen und weiß, dass Colin da ist. Nicht, dass er wirklich unter Büsche schauen würde oder sich auf den Kamerajungen freuen würde oder so. Nein, er will ihn nur aus seinem Park verscheuchen.

Dann steht Colin plötzlich vor ihm, mit einem Grinsen, das alle Zähne zeigt und streckt ihm die Hand entgegen. Dudley ignoriert sie. Er sagt: “Dudley. Ich meine, ich bin Dudley.” Er kommt sich bescheuert vor, weil der letzte Satz in diesem Gespräch ein Jahr her ist, aber Colin nickt nur begeistert mit seinem riesigen Lächeln.

Jetzt, da er weiß, dass Colin da ist, bringt er wieder seine Eistöpfe mit und setzt sich ins Gras.

Colin zeigt ihm eines seiner Bilder. Er hat tatsächlich ein Blatt fotografiert. Dudley weiß nicht, was er damit anfangen soll; er fängt an, wieder an rechte Haken zu denken, wenn er Colin ansieht.
“Das ist das Blatt von dem Haselnussstrauch da drüben! Siehst du die Rillen? Sie sind typisch für solche Blätter! Außerdem finde ich das voll genial, wie die Farbe durch die Photosynthese kommt! Stell dir vor, wenn Menschen das auch könnten! Ich meine, die Sonne …”
Dudley sind Haselnusssträucher egal und er hat die Hälfte der Zeit keine Ahnung, wovon Colin redet, aber er nickt und hört zu. Irgendwie mag er es, neben Colin zu hocken und ihm zuzuhören. Später fotografiert Colin weiter. Dudley träumt von Superhelden.

Am nächsten Tag kommt Colin nicht und den Rest der Woche, die sie haben, spricht er mit noch mehr Ausrufezeichen als sonst. Dudley fragt nicht.










Im dritten Sommer sieht Dudley Colin nicht, weil Tante Magda in Colins Woche da ist. Dudley vermisst Colin überhaupt nicht, aber wenigstens wird er am Ende der Woche gut bezahlt. Auch wenn der Freak mal wieder komische Dinge gedreht hat.










Dann ist es wieder Sommer und Dudley geht nur in der Woche allein in den Park, in der er weiß, dass Colin da ist. Seine Kamera sieht anders aus als beim letzten Mal, aber das Grinsen ist noch gleich. Sie high-fiven sich.

“Sorry für letztes Jahr”, sagt Dudley am Montag und ärgert sich gleich darauf. Entschuldigungen sind für Weicheier. Aber Colin nickt nur wie ein Besessener, springt von einem Fuß auf den anderen und klettert dann einen Baum hoch. Dudley bleibt unten. Vielleicht macht es nichts, bei Colin etwas weicheirig zu sein. Der ist ja auch eins.

Colin hat einen Eimer, in den er die Fotos manchmal tunkt. Dudley fragt ihn, was das soll und Colin ausrufezeichnet irgendwas von Entwicklungszeit. Er versteht nicht viel, aber Dudley hört trotzdem zu.

Sie sehen sich am Freitag das letzte Mal für dieses Jahr und Colin hat einen ganzen Packen Bilder im Schlepptau, den er Dudley gibt. Dann spielt Colin Eichhörnchen (Dudley weiß nicht, was er immer noch an diesem langweiligen Park findet) und Dudley isst Eis, während er sich die Bilder anschaut. Der Stapel ist so hoch, dass er ihm irgendwann aus den dicken Fingern rutscht. Ganz unten bewegt sich etwas.
Dudley wischt die Bilder beiseite. Er findet ein Bild von sich selbst. Es bewegt sich. Dudley lässt es wie von der Tarantel gestochen fallen und begräbt es hastig unter den anderen Bildern.

Colin ist einer der Freaks.

Sie verabschieden sich bis nächstes Jahr, aber Dudley weigert sich, Colin irgendwie anzufassen. Der merkt das sowieso nicht.

Colin ist ein Freak.

Der Verrat brennt komisch in seinem Magen.










Dudley malt sich ein ganzes Jahr lang aus, was er Colin ins Gesicht schleudern wird und wie er ihn verprügeln wird. Freaks sind nur dafür da.

Aber dann ist es Sommer und Dudley geht ganz normal in den Park. Er sieht Colin und kann nichts gegen das Grinsen auf seinem Gesicht machen. Colin benimmt sich so normal, wie Colin sich eben verhalten kann und deswegen high-fived ihn Dudley irgendwann. Colin schlägt begeistert ein und schlägt Dudley vor, eine Runde Sackhüpfen mitzumachen:
“Komm schon! Das ist lustig! Es sieht dich hier doch eh keiner außer mir!”
“Das ist kindisch”, brummt Dudley. Er isst viel lieber aus seinem Eistopf, den Letzen, den er noch vor seiner Mutter und ihren Diätenwahn in Sicherheit bringen konnte. “Lass das!”, fügt er hinzu, als Colin ihm im Haar rumwuschelt.
“Nur, wenn du mitmachst!”
Schließlich bringt Colin ihn tatsächlich dazu.

Der Sack ist Dudley ein wenig eng um die Brust und nach einer Runde um den Busch ist er komplett außer Atem. Er wartet darauf, dass Colin ihn auslacht und er weiß, dass er ihn dafür verprügeln muss, Colin hin oder her. Aber Colin schnaubt noch nicht einmal abfällig, sondern hoppelt eine Runde wie ein wild gewordener Hase um Dudley herum. Dann hockt er sich neben Dudley ins Gras und fängt an Wolken zu raten. Dudley ist verwirrt. Colin schießt Fotos von den besten Wolken.

Für einen Freak ist Colin in Ordnung. Dudley versucht das Foto zu vergessen. Er spricht ihn weder in diesem, noch im darauffolgenden Sommer darauf an. Als Dudley sechzehn ist, bezeichnet Colin ihn als Freund und Dudley hat nichts dagegen.










Im nächsten Sommer liegt eine komische Stimmung in der Luft. Colin spricht mit weniger Ausrufezeichen als sonst. Dudley vermisst sie irgendwie, aber er fragt nicht, was los ist. Colin mag vielleicht ein Weichei sein und Dudley ist es damit auch, aber trotzdem müssen sie nicht auch noch weibisch werden und über Gefühle reden oder so.

Sie holen sich das Eis von der Eisdiele um die Ecke, die Dudley liebt. Das Gras im Park ist warm und das Eis schmeckt gut.

Colin fotografiert sie beide mit dem Eis. Dudley hat keine Ahnung, wie das funktioniert, aber die Bilder sind sofort entwickelt. Er schaut sie an und ein Stich durchfährt ihn: Sie sind alle schwarz-weiß. Seine Mutter hat mal über Möchtegern-Künstler gelästert, die es sinnvoll finden, ihre Gefühle in Kunst auszudrücken.
Dudley hält so etwas für weibisch.
Colin ist Fotograf.
Beinahe hätte er gefragt, aber er hält sich gerade noch rechtzeitig zurück.

Sie treffen sich nur einmal, aber Colin schenkt ihm drei Fotos, auf denen Dudley mit drauf ist. Eines davon ist das sich bewegende Foto, aus dem Stapel, als er vierzehn war. Dudley erschrickt nicht. Weder Colin noch er sagen etwas dazu, aber Dudley behält das Foto: Er wirft es auch daheim nicht weg, sondern vergräbt es tief in seinem Kleiderschrank und manchmal schaut er es an.










Dudley denkt langsam und er hat noch nie jemandem etwas geschenkt, aber im November weiß er, was er Colin geben wird. Die Schokomuffins seiner Mutter sind besser als alles was er kennt. Er überredet sie bis zum Sommer, sie zu backen und nimmt sie mit nach Surrey in den Park.

Aber Colin kommt nicht. Er kommt auch nicht im darauffolgenden Jahr oder irgendein Jahr danach, in dem Dudley in den Park geht.








Dudley behält das Foto.
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