Verkaufende auf Risa (Teil 3/3 - Verkaufende auf Risa)

von Blaue 8
GeschichteAllgemein / P12
08.05.2014
08.05.2014
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Verkaufende auf Risa

1.
Das Fahrzeug verlangsamte, um schließlich mit fast unfühlbarem Ruck kurz vor dem Tor zum Stehen zu kommen. Dann verharrte es einen Moment, während die elektronische Wachanlage den gerade empfangenen Schlüsselcode überprüfte.
Kal-Jinn warf seinen rechts und links von ihm sitzenden Begleitern nervöse Seitenblicke zu, doch die sahen schweigend geradeaus und hielten es offensichtlich noch immer für überflüssig, eine nähere Erklärung abzugeben. Während der Fahrt hatte Kal-Jinn ein paarmal den Versuch unternommen, ein Gespräch mit ihnen anzufangen, doch obwohl er eine ausgezeichnete Konversationsausbildung genossen hatte, waren seine Bemühungen erfolglos geblieben. Diese Männer hatten kein Interesse an einer Unterhaltung, soviel stand fest.
Schon im nächsten Augenblick schwangen die Torflügel langsam zur Seite, worauf sich der Gleiter wieder in Bewegung setzte und auf eine kunstvoll gepflasterte und von Gillbäumen gesäumte Auffahrt einschwenkte. Dann wurde ein inmitten eines üppig wuchernden Parks gelegenes Anwesen sichtbar.
Kal-Jinn hielt unwillkürlich die Luft an, als er das noch im alten Stil gehaltene Gebäude erkannte. Wie die meisten Verkaufenden kam er nur äußerst selten dazu seine Stadt zu verlassen, und ein Landhaus wie dieses hatte er noch nie zu Gesicht bekommen. Es gab nicht viele Risaner, die sich ein solches Domizil leisten konnten, doch andererseits war es auch kein gewöhnlicher Mann, der hier seinen Wohnsitz hatte. Dieses prachtvolle Anwesen mit seinen Baumbeständen, Grünflächen, Hecken, Alleen, Sträuchern, Stauden und Nolai-Beeten gehörte niemand geringerem als dem Ryaichan.
An diesem Nachmittag hatte sich Kal-Jinn wie üblich auf die Tour durch sein angestammtes Stadtviertel gemacht, als er überraschend angehalten wurde. Drei kräftig aussehende Männer erklärten ihm, der Ryaichan wünsche ihn zu sehen, und nur wenige Augenblicke später fand er sich auf dem Rücksitz eines Gleiters wieder. Während der gesamten darauf folgenden Fahrt beschäftigte er sich mit der verzweifelten Frage, was man von ihm wollte, zumal es so gut wie keine Berührungspunkte zwischen Verkaufenden und dem Ryaichan gab.
Natürlich wußte Kal-Jinn, daß es sich bei dem Ryaichan um einen ebenso mächtigen wie gefährlichen Mann handelte, dem man Verbindungen bis in die höchsten Regierungskreise nachsagte, und was über ihn in Umlauf war, trug nicht gerade dazu bei, den Verkaufenden zu beruhigen. Auf Risa kam es immer wieder vor, daß sich Außenweltler scheinbar in Luft auflösten, wobei nicht verschwiegen werden durfte, daß etliche von ihnen den Planeten lediglich zum Untertauchen nutzten. Was jedoch die übrigen betraf, so mußte man davon ausgehen, daß sich ihr Verschwinden auf sehr unfreiwilliger Basis abspielte. Ein Teil davon, so hieß es, fiel in den Verantwortungsbereich des Ryaichan. Es galt als nicht besonders empfehlenswert, ausgerechnet diesem Mann einen Wunsch abzuschlagen.
Der Gleiter steuerte einen Seitenflügel des Gebäudes an, wo sich ein weiteres Tor automatisch öffnete. Gleich darauf kam er in einer weitläufigen Tiefgarage neben sieben oder acht weiteren geparkten Fahrzeugen zum Halten, wo bereits zwei mit Energiewaffen ausgerüstete Wächter warteten, um den Ankömmling in Empfang zu nehmen. Kal-Jinn wurde zu einem Lift gebracht, der ihn und seine neuen Begleiter in die höher gelegenen Bereiche des Hauses hinauf beförderte. Die anschließende Wanderung führte durch einen Teil des mit dicken Teppichen ausgestatteten und auch sonst höchst luxuriös eingerichteten Anwesens und endete schließlich vor einer schweren hölzernen Doppeltür.
Kal-Jinn sah sich fragend zu einem der Wächter um, dessen Reaktion in einer auffordernden Kopfbewegung bestand.
"Er wartet."
Der Verkaufende zögerte kurz, dann gab er sich einen Ruck und betrat einen Raum, der in seiner Ausdehnung das Haus von der Front bis zur Rückseite durchmaß. Jenseits eines sorgfältig gearbeiteten Schreibtisches fiel Sonnenlicht durch eine breite Fensterreihe, durch die Kal-Jinn die Auffahrt mit den Bäumen erkannte, über die er hergebracht worden war. Doch der Sessel, der hinter dem wuchtigen Möbel stand, war leer. Auch bei den rechts und links davon stehenden mit Kunstgegenständen bestückten Regalen war niemand zu sehen.
Kal-Jinn drehte sich suchend um, und nun erst stellte er fest, daß er von der rückwärtigen Seite des Raumes beobachtet wurde. Ein Mann stand dort vor einer Fensterreihe, die ebenso breit war wie ihr nach Westen ausgerichtetes Gegenstück. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt, und sein leicht zur Seite geneigter Kopf drückte wachsame Intelligenz aus. Direkt hinter ihm zeigte sich der Park in seiner ganzen üppigen risanischen Fülle.
Kal-Jinn faßte sich rasch und verneigte sich.
"Ryaichan!" begrüßte er ehrfürchtig seinen Gastgeber und schickte sich an, ihm entgegenzugehen, doch zwei Worte bremsten ihn sofort.
"Bleib stehen!"
Gemächlich kam der Mann auf ihn zu, dann verharrte er in einiger Entfernung und musterte ihn ausgiebig. Während der Verkaufende bewegungslos verharrte, kam ihm auf unbehagliche Weise zu Bewußtsein, daß er nicht nur erheblich jünger und größer, sondern auch wesentlich besser gebaut war als sein Gegenüber. Natürlich waren all dies Eigenschaften, die in seinem Beruf von Vorteil waren, doch in dieser speziellen Situation mochten sie sich als Nachteile erweisen.
Nervös beobachtete er das Gesicht seines Gastgebers und hielt nach den ersten Anzeichen von Unwillen Ausschau, doch seine Sorge erfüllte sich nicht. Vielmehr spiegelte die anfangs noch unbewegte Miene des Mannes nun zufriedene Anerkennung wider. Erneut setzte er sich in Bewegung und kam näher.
Schon im nächsten Augenblick brach dem Verkaufenden der Schweiß aus, als er zu begreifen glaubte. Ganz offensichtlich hatte man den Ryaichan falsch unterrichtet, denn sein frisch eingetroffener Gast war ausschließlich auf heterosexuelle Kontakte spezialisiert. Verzweifelt überlegte Kal-Jinn, auf welche Weise er am besten auf den Irrtum hinwies, als er sich erneut daran erinnerte, in wessen Haus er sich befand. Es war zwar nicht anzunehmen, daß seine Abweisung prompt auf ein Todesurteil hinauslief, doch es war zu befürchten, daß sein Gastgeber verärgert sein würde. Auf alle Fälle würde es leichter sein, sich auf einen unüblichen Kontakt einzulassen, als einen langen, durch Schlagverletzungen verursachten Verdienstausfall hinzunehmen.
Ein Anflug von Widerwillen überkam ihn, doch sofort rief er sich zur Ordnung. Die Tätigkeit eines Verkaufenden beinhaltete kein Vergnügen, sondern lief vor allem auf Disziplin, Hingabe und Pflichterfüllung hinaus. Er würde auch dieses Mal in der Lage sein, den Wünschen gerecht zu werden.
Als sein Gastgeber ihn langsam umkreiste, richtete sich Kal-Jinn zu seiner vollen Größe auf und straffte die Schultern, damit sein Gegenüber in der Lage war, seine körperlichen Vorzüge zu beurteilen. Schließlich blieb der Ryaichan dicht vor ihm stehen und betrachtete ihn noch einen Moment lang schweigend. Dann strich er die mehr als schulterlangen Haare des Verkaufenden zur Seite und schob die Hand unter das kleine Goldabzeichen, das an Kal-Jinns Halskette befestigt war. Er blickte darauf und nickte zufrieden.
"Kategorie Eins! - Ganz ausgezeichnet!"
Überraschend wandte er sich von seinem Gast ab und entfernte sich ein paar Schritte von ihm, bevor er sich wieder umdrehte.
"Du besitzt einen vorzüglichen Ruf, Kal-Jinn!" eröffnete er das Gespräch. "Es heißt, du wärst geschickt und verstündest es, auf weibliche Gäste einzugehen. Ich denke wohl, daß meine Informationen richtig sind."
"Sie sind sehr freundlich, Ryaichan!" entgegnete Kal-Jinn verwirrt. "Ich bemühe mich lediglich, Gebrauch von meinen schlichten Fähigkeiten zu machen, das ist alles."
Sein Gegenüber lächelte spöttisch.
"So schlicht wie du sagst können deine Fähigkeiten kaum sein." wies er die Antwort zurück. "Es ist nun einmal eine Tatsache, daß man Verkaufende als die Edelsteine Risas bezeichnet, und je nach Geschmack und Geldbeutel ist für jeden Kunden etwas zu haben. Das Angebot reicht von gefälligem billigen Zeug über seriösen Schmuck bis hin zu erlesenen Juwelen. Kategorie Eins kommt jedoch einem gut geschliffenen Diamanten gleich: Strahlend, makellos und widerstandsfähig, nicht wahr, Kal-Jinn?"
Der Verkaufende wußte nicht, was er erwidern sollte, und darum hielt er es für besser, vorerst zu schweigen. Die Situation erfüllte ihn noch immer mit Unsicherheit. Allerdings schien der Ryaichan auch keine Antwort erwartet zu haben, denn er setzte das Gespräch bereits von sich aus fort.
"Ich weiß, daß sich längst nicht alle Frauen von Schmuckstücken beeindrucken lassen, und dennoch bin ich bereit, es auszuprobieren. Ich würde gern auf deine Fähigkeiten zurückgreifen, mein gutaussehender Freund!"
Der Angesprochene hob überrascht den Kopf. "Sie wünschen meine Hilfe, Ryaichan?" vergewisserte er sich.
"Das ist richtig. Und zwar möchte ich, daß du für mich ein kleines Ärgernis aus dem Weg räumst. Vor ungefähr sieben Dekaden ist eine Frau in Olanki aufgetaucht. Seither treibt sie sich Nacht für Nacht in den Vergnügungsvierteln der Hauptstadt herum und stellt Fragen, und das ist etwas, das mir nicht gefällt. Ich weiß noch nicht genau, was sie im Schilde führt, aber sie ist auf keinen Fall zur Erholung hier, soviel steht fest. Mittlerweile bin ich mir nahezu sicher, daß sie ein von der Föderation ausgesandter Spitzel ist."
Kal-Jinns Augen weiteten sich. "Und... und was soll ich für Sie tun?"
Der Ryaichan lächelte. "Oh, keine Sorge, nichts, wozu du nicht in der Lage wärst. Du bist ein Verkaufender, und Verkaufende sind dazu da, daß sich Gäste mit ihnen vergnügen, stimmt´s? Nun, dann sorg dafür, daß sie sich vergnügt! Flirte mit ihr, bereite ihr angenehme Nächte, verdreh ihr gehörig den Kopf und laß sie ihren Auftrag vergessen. Ich denke, daß sie bald wieder von hier abgezogen wird, wenn sie nichts in Erfahrung bringt."
Kal-Jinn atmete erleichtert auf. Dann dachte er einen Moment nach.
"Ich bitte um Verzeihung, Ryaichan..."
"Nur zu, stell deine Frage!"
"Ich versichere Ihnen, daß ich alles tun werde, was in meinen Möglichkeiten steht, aber... was ist, wenn sie trotz meiner Bemühungen an ihrem Auftrag festhält?"
Im Gesicht des Ryaichan vollzogen sich einige subtile Veränderungen, obwohl er weiterhin lächelte.
"In dem Fall," sagte er langsam, "betrifft dich ihr Schicksal nicht weiter. Ich werde dann auf bewährtere Methoden zurückgreifen. Allerdings wäre es dir doch sicher lieber, mir in angenehmer Erinnerung zu bleiben, oder, Kal-Jinn?"
Der Verkaufende verstand augenblicklich. Er nickte nur.
"Ich werde ihren Namen und den ihrer Unterbringung brauchen." brachte er heraus, nachdem er sich etwas gefaßt hatte.
"Natürlich, du bekommst beides, wenn du in die Stadt zurückkehrst. Hast du sonst noch eine Frage?"
"Können Sie mir vielleicht ungefähr sagen, was sie für eine Frau ist?"
Das Lächeln des Ryaichan verwandelte sich in ein beunruhigendes Grinsen.
"Nach dem äußeren Eindruck zu urteilen hat sie ungefähr dein Alter, soviel will ich dir verraten. Was aber alles übrige angeht, so würde ich es vorziehen, wenn du dir möglichst rasch selbst ein Bild von ihr machst. Ich bin allerdings ziemlich sicher, daß dich dein Auftrag nicht allzuviel Überwindung kosten wird. Geh jetzt und mach dich zu ihr auf, und - enttäusche mich vor allem nicht, mein Freund!"

Kurz darauf saß Kal-Jinn wieder auf dem Rücksitz des Gleiters, und einige Zeit später erkannte er die Silhouetten der Prachthotels von Olanki, hinter denen die Küste in der Sonne des Spätnachmittags funkelte. Schließlich hielt das Fahrzeug und der Verkaufende stieg aus. Es dauerte nur einen kurzen Moment, dann war der Gleiter mit den beiden Männern im lebhaften Verkehr der Hauptstadt untergetaucht.
Kal-Jinn hielt sich nicht lange auf, sondern machte sich unverzüglich auf den Weg zu dem Hotel, das man ihm angegeben hatte, gleichzeitig dachte er voller Angst und Sorge über das gerade Erlebte nach. Sein unheimlicher Auftraggeber hatte sich ihm gegenüber recht unmißverständlich ausgedrückt. Man hatte Kal-Jinn die Verantwortung für einen weiblichen Gast übertragen, indem es allein bei ihm lag, diese Frau von ihrer mysteriösen Aufgabe abzulenken. Scheiterte er, hatte er nicht nur ihr Leben verspielt, sondern mußte zu allem Überfluß auch noch ärgste Konsequenzen für sein eigenes befürchten. Noch niemals in seinem ganzen bisherigen Leben hatte er unter einem derartigen Erfolgsdruck gestanden.
Das 'Ewiger Frühling' war ein solides Mittelklassehotel, das sich ziemlich weit am Rande von Kal-Jinns Stadtviertel befand. Als er es erreicht hatte, atmete er tief durch und erinnerte sich der Fähigkeit eines guten Verkaufenden, immer und jederzeit entspannt und liebenswürdig zu wirken. Dann trat er ein.
Es war schon zehn oder elf Dekaden her, daß er zuletzt hier gewesen war, doch als er das Foyer betrat, hob der hinter der langen Nachmittagstheke stehende, bullig wirkende Risaner den Kopf und lächelte.
"Länger nicht mehr gesehen, Kal-Jinn!" begrüßte er ihn. "Schön, daß du dem 'Frühling' wieder die Ehre gibst. Was macht der Verdienst?"
"Wie die Gunst der Inajas es will." gab der Verkaufende zur Antwort und kam heran. "Ich bin in der glücklichen Lage, zurechtzukommen, Baran!"
"Da bin ich sicher! Möchtest du etwas trinken?"
"Wenn du einen Mokhesaft ohne Eis hättest..."
"Sollst du haben! Geh ruhig, ich bring ihn dir rüber."
Baran begab sich zum Replikator und Kal-Jinn steuerte jenen Teil der Theke an, der für Verkaufende gekennzeichnet war. Dort warteten bereits einige Angehörige seiner Zunft, unter ihnen auch Neskije, eine gute Bekannte, der er häufig unterwegs oder im Fitnessraum begegnete. Als sie ihn bemerkte, winkte sie und zeigte einladend auf den leeren Barhocker, der neben ihr stand.
"Kal-Jinn!" empfing sie ihn warmherzig. "Ich hoffe, du stehst hoch in der Gunst."
"Ich bin zufrieden, Neskije!" erwiderte er freundlich. "Hallo Disinae, wie geht es meinem kleinen Liebling?"
Das zierliche Geschöpf hatte zu Füßen des Barhockers geschlafen, doch nun spannte es seine Leine und stemmte seine Vorderpfoten gegen die Knie des Verkaufenden. Der lange Schwanz rollte sich begrüßend zusammen und streckte sich wieder. Kal-Jinn bückte sich und liebkoste den gefleckten Kopf des Tierchens.
"Er ist ein Prachtkerl, Neskije! Nicht wahr, Disi, du bist noch immer der Schönste von uns."
Neskije lächelte. Ihre Augen standen ein wenig zu eng, der Mund war etwas zu breit, zudem besaßen ihre Beine nicht die als ideal bezeichnete Länge. Dafür hatte sie eine vorzügliche Ausbildung genossen, die sie zu einer intelligenten und niveauvollen Gesprächspartnerin machte. Zudem verstand sie sich meisterhaft aufs Zuhören und verfügte über ein geradezu umwerfendes Lächeln. Mit all diesen Vorzügen hatte sie es trotz ihrer körperlichen Mängel auf die Kategorieeinstufung Drei gebracht.
"Ja, er ist hübsch!" stimmte sie ihrem Kollegen zu. "Aber er wird langsam alt. Zudem sind seine Rassemerkmale schon längst überholt. Ich habe gehört, daß sie im Süden jetzt größere mit runden Ohren und einer Art Karozeichnung herausgebracht haben. Angeblich sind die Leute ganz verrückt nach der Züchtung."
Kal-Jinn setzte die Vorderpfoten des kleinen Lardais behutsam auf den Boden, richtete sich auf und strich sich das honigfarbene Haar aus der Stirn.
"Und, was willst du tun? Planst du Disi demnächst gegen ein aktuelleres Exemplar einzutauschen?"
Neskije lachte kurz und humorvoll auf, dann bückte sie sich und hob Disinae auf den Schoß, der glücklich zu summen begann.
"Sei nicht albern, natürlich nicht! Und wenn die ganze Stadt mit karierten Lardais überschwemmt ist, uns läßt das völlig kalt, stimmt´s, Disi?"
Baran kam zu ihnen und stellte ein Glas auf der Theke ab.
"Dein Saft, Kal-Jinn! Laß ihn dir schmecken."
Der Verkaufende drehte sich zu ihm um.
"Ich danke dir, Baran! Ich hätte nur gern noch etwas gewußt: Gibt es hier im 'Frühling' eine Inaja, die Aryshtin heißt?"
Der Befragte zog die Brauen hoch, dann wechselte er einen raschen Blick mit Neskije.
"Doch! Doch, die gibt es!" entgegnete er dann. "Allerdings..." Er stieß heftig die Luft aus und fächelte sich demonstrativ Luft zu, daraufhin wandte er sich ab und eilte zu ein paar Gästen, die gerade an die Theke gekommen waren.
"Er meint, daß sie nicht sehr zugänglich ist." antwortete Neskije an seiner Stelle. "Sie ist schon ziemlich lange hier, und bis jetzt hat sie jeden Verkaufenden abgewiesen, Männer wie Frauen. Möglicherweise hat sie überhaupt kein Interesse an sexuellen Kontakten."
"Weißt du, was für einer Spezies sie angehört?"
"Rein äußerlich kann man wohl mit Recht sagen, daß sie voll und ganz den humanoiden Standard erfüllt, sogar mehr als das. Aber trotzdem, irgend etwas... Nun, du wirst es ja sehen, wenn sie nachher nach unten kommt."
"Sie ist immer noch auf ihrem Zimmer?"
"Das ist nicht weiter verwunderlich. Angeblich geht sie jede Nacht durch die Vergnügungsviertel, vielleicht kommt sie ja dort auf ihre Kosten. Obwohl ich ehrlich gesagt an dieser Möglichkeit zweifle."
Kal-Jinn nickte und sah nachdenklich die Theke entlang. Wie es aussah, würde er die Sache auf sich zukommen lassen müssen, allerdings fühlte er sich dadurch nicht allzu beunruhigt. Die meisten seiner Kontakte entstanden ohnehin spontan und nicht durch Planung. Vielleicht war es sogar besser, wenn er sich in diesem besonderen Fall nicht zu viele Gedanken machte.
Im nächsten Moment sah er etwas, das ihn von seinen Überlegungen ablenkte. Am Ende der Theke, ein gutes Stück von den übrigen Verkaufenden entfernt, saß ein Mann mit auffallend gesenktem Kopf. Kal-Jinn mußte zweimal hinsehen, bevor er sich endgültig sicher war.
"Ist das nicht Arotay?" raunte er Neskije zu.
Die Verkaufende folgte kurz seinem Blick, dann nickte sie bekümmert.
"Er mußte sich vor kurzem der Kommission stellen." antwortete sie ebenso leise. "Dabei hat er die Kategorie Eins verloren."
Kal-Jinn schwieg betroffen. So lief es stets ab. Als er selbst sich noch in der Ausbildung befunden hatte, hatte Arotay einen sagenhaften Ruf besessen, ein Mann, der selbst unter den Verkaufenden der Kategorie Eins als Ausnahmeerscheinung galt. Es hieß, er wäre intelligent, humorvoll und von unvergleichlichem Charme, dabei mit derart phantastischem Aussehen gesegnet, daß sich die Inajas auf der Straße nach ihm umdrehten. Aber Inajas verlangten Jugend, und Jugend war etwas, das verging. Man mochte in der Lage sein, die Augen der Gäste noch eine Weile zu betrügen, aber niemals die der Kommission. Es begann mit dem Abstieg in die Kategorie Zwei, dann in die Kategorie drei und dann immer so fort.
Voller Mitleid sah der Verkaufende zu seinem älteren Kollegen hinüber. Er wußte, daß Arotay nun gezwungen war, wesentlich mehr Kontakte herzustellen, um den niedrigeren Tarif auszugleichen, und das war bitter für jemanden, der immer gewohnt gewesen war, auf höchstem Niveau zu arbeiten. Gleichzeitig konnte sich Kal-Jinn vorstellen, was für eine Demütigung es für ihn sein mußte, sein altes Einserabzeichen gegen ein anderes einzutauschen, das die ganze Stadt auf seinen Abstieg hinwies.
Einen Moment überlegte er, ob es vielleicht sinnvoll war, zu ihm zu gehen, ihn zu begrüßen und ihn herüber zu bitten, als er spürte, daß Neskije ihn sanft anstieß. Fragend schaute er sich zu ihr um und sah, daß sie mit den Augen diskret zur Hoteltreppe hindeutete.
"Da drüben kommt sie." fügte sie leise ihrem Wink hinzu, doch ihr Kollege war bereits ihrem Blick gefolgt und hob nun überrascht den Kopf.
Er wußte nicht genau, was er erwartet hatte. Kal-Jinn war ein Profi auf seinem Gebiet, und daher war es ihm gänzlich gleichgültig, wie seine Kundinnen aussahen. Wesentlich entscheidender war es für ihn, wie sie sich verhielten, und hier hatte er die Erfahrung machen müssen, daß es häufig gerade die gutaussehenden Inajas waren, die sich als anspruchsvoll und schwierig herausstellten. Offenbar waren viele der Meinung, daß ein Gast, der selbst etwas bot, auch um so mehr verlangen konnte.
Die Frau, die dort langsam die Treppe herunterkam, war ohne Zweifel gutaussehend. Was rein ihr Äußeres anging, konnte er sich tatsächlich kaum eine Kommission vorstellen, die ihr nicht die Kategorie Eins erteilt hätte. Freilich war sie ungewöhnlich groß, aber es gab durchaus Kunden für so etwas, zumal Körper und Extremitäten hervorragend proportioniert waren. Obendrein verfügte sie über eine Muskulatur, die in keinem Fitnesscenter antrainiert worden war, da war sich Kal-Jinn sicher. Eigentlich ließ sie nur eine Schlußfolgerung zu: Ihre Trägerin entstammte einem Planeten mit ziemlich hoher Schwerkraft.
Die Art ihrer Kleidung war allerdings verblüffend. Ein weiblicher Gast dieses Aussehens hätte normalerweise nichts unterlassen, sich angemessen in Szene zu setzen. Diese hier zog jedoch offenbar simple enganliegende Lederkleidung vor. Entweder hatte diese Frau nicht die geringste Vorstellung, wie sie aussah, oder es war ihr vollkommen gleichgültig.
"Oder sie ist nicht zum Vergnügen hier." ergänzte Kal-Jinn seine Überlegungen im Stillen. Konzentriert musterte er das Gesicht der sich Nähernden. Bei allem Widerwillen gegen seinen Auftraggeber mußte er ihm dennoch recht geben: So sah keine Urlauberin aus. Obwohl diese Frau gerade erst ihr Zimmer verlassen hatte, wirkte sie niedergeschlagen, erschöpft und gereizt. Wenn die Angaben des Ryaichan stimmten, war sie bereits über sechs Dekaden hier, und einer Sache war sich der Verkaufende jetzt schon sicher: Sie haßte den Aufenthalt auf Risa.
Er hatte seine Betrachtung gerade abgeschlossen, als jemand rasch an ihm vorbeiging. Arotay hatte eine Chance für sich gesehen und bemühte sich, dem wesentlich jüngeren Kal-Jinn zuvorzukommen.
Unmittelbar vor der Fremden hielt der Verkaufende an und verbeugte sich auf vollendete Weise. Die Frau kam zum Stehen und runzelte die Stirn.
"Du ehrst uns durch deine Anwesenheit, schöne Inaja!" sprach er sie mit klangvoller Stimme an. "Laß uns, laß Risa nicht in deiner Schuld stehen und uns deine Freundlichkeit vergelten. Es würde mich glücklich machen, dir die erlesenen Freuden unserer Welt zu zeigen."
Kal-Jinn erhob sich. Er wußte, daß Arotay in seiner verzweifelten Hast die falschen Worte gewählt hatte.
Unterdessen ging etwas kaum Merkliches mit der Fremden vor. Sie senkte ein wenig den Kopf, faßte den Risaner jedoch genau ins Auge. Kal-Jinn erkannte im Herankommen, wie sich ihre Lider halb schlossen. Arotay hielt noch einen kurzen Moment stand, dann aber zuckten seine Schultern nervös, und er wich zur Seite.
Die Frau hob den Kopf wieder und sah sich Kal-Jinn gegenüber.
Der Verkaufende schaute sie ruhig an, näherte sich aber nicht weiter. Irgend etwas machte ihn sicher, daß sein Konkurrent eine unsichtbare Schwelle überschritten hatte.
"Es ist nicht gut, allein über eine Welt wie diese zu gehen, Inaja Aryshtin!" sagte er ernst.
Die Frau blieb still. Überraschte grüne Augen trafen auf freundliche honigfarbene, und einen Moment lang spürte Kal-Jinn eine sonderbare Beklemmung in sich aufsteigen. Schon mit dem nächsten Atemzug ging das Gefühl vorüber; der Blick der Fremden trübte sich, und sie seufzte unhörbar.
Als sie wieder aufsah, fiel ihm erneut auf, wie müde und abgespannt sie wirkte. Dann sprach sie das erste Mal.
"Sie wären gegen Geld bereit, mich zu begleiten?"
"Wohin Sie wollen, Inaja Aryshtin!"
"Wie heißen Sie?"
"Mein Name lautet Kal-Jinn, Inaja Aryshtin!"
Sie nickte. "Gut, also kommen Sie, Kal-Jinn!"
Er wies mit dem Kopf zur Theke hinüber. "Bitte, wenn Sie mir vielleicht noch gestatten würden, mein Getränk zu bezahlen? Außerdem schreibt die Regierung in solchen Fällen ein paar Formalitäten wie zum Beispiel die Vorlage meines Gesundheitszeugnisses vor. Wäre es Ihnen recht, wenn wir diese Förmlichkeiten in Ihrem Zimmer erledigen würden?"
Die Frau namens Aryshtin schaute zur Theke, von wo Neskije und ein paar andere die Vorgänge aufmerksam verfolgt hatten. Dann sah sie wieder den Verkaufenden an.
"Natürlich!"
Kal-Jinn wandte sich noch einmal Arotay zu. Sein Kollege stand wenige Schritte entfernt da und ließ die Schultern hängen.
"Wir sollten uns einmal außerhalb des Dienstes sehen, Arotay!" unternahm der Jüngere einen Versuch, ihn zu trösten. "Dein Besuch wäre mir jederzeit eine Freude."
Der andere Risaner sah ihn an und nickte langsam, dann drehte er sich um und verließ wortlos das 'Ewiger Frühling'.
Kal-Jinn atmete tief durch und begab sich zurück zur Theke, doch als er Baran das Geld übergab, ließ ihn ein Geräusch überrascht nach unten schauen. Disinae duckte sich neben Neskijes Barhocker und zischte wie ein Dampfkessel.
Als der Verkaufende sich umsah, stellte er fest, daß Aryshtin in geringem Abstand auf ihn wartete. Sie hatte ihren Blick auf das wütende Tierchen gerichtet und beobachtete es aufmerksam.
Neskije bückte sich und versetzte dem kleinen Lardai einen harmlosen Klaps.
"Was ist denn mit dir los, Disi?" schalt sie ihren Liebling. "Schäm dich, die schöne Inaja anzufauchen! Schluß damit!" Sie hob den Kopf und sah Aryshtin entschuldigend an. "Bitte verzeihen Sie, Inaja, so etwas hat er noch nie gemacht. Normalerweise ist er die Freundlichkeit in Person."
Die gelbhaarige Frau lächelte ein wenig. "Er ist klein, aber es steckt noch viel von seinen Vorfahren in ihm, das findet man selten bei diesen Geschöpfen. Er dagegen weiß noch einen Jäger zu erkennen. Tadeln Sie ihn nicht deswegen."
Aryshtin wartete, bis der Verkaufende seine Quittung entgegengenommen hatte, dann machte sie sich wieder auf den Weg zur Hoteltreppe ohne sich noch einmal nach ihm umzusehen. Kal-Jinn tauschte noch einen stummen Blick mit Neskije, dann kam er der Fremden mit raschen Schritten nach. Kurz vor den Stufen hatte er sie wieder eingeholt.
"Auf welcher Etage liegt Ihr Zimmer, Inaja Aryshtin?" erkundigte er sich.
Die Frau wandte ihm den Kopf zu, und für einen winzigen Moment schien Belustigung in ihren Augen aufzublitzen.
"Auf der sechsundzwanzigsten." war die knappe Antwort. Dann begann sie in geschmeidigen Sätzen die Stufen hinaufzuspringen.
Der Verkaufende ließ sich seine Überraschung nicht anmerken, sondern folgte ihr ohne Zögern. Er begriff, daß es sich um einen ersten Test handelte, auch wenn er sich nicht ganz sicher war, ob hier seine Kondition, sein Gehorsam oder seine Beharrlichkeit auf dem Prüfstein stand. Wie schon befürchtet würde die Inaja es ihm wohl nicht ganz leicht machen, ihr Leben zu retten.
Bis zum Ziel blieb er ohne übermäßig große Anstrengung an Aryshtins Seite, allerdings mußte er feststellen, daß sich ihre Atemfrequenz durch den schnellen Aufstieg noch weniger als seine erhöht hatte. Offensichtlich war es nicht das erste Mal gewesen, daß sie auf den Lift verzichtet hatte.
Ihre Unterkunft entpuppte sich als eine ansprechende kleine Suite, deren Fenster einen Blick bis hin zur Küste ermöglichten. Das Bett nebenan war benutzt, aber Kleidung, Gepäckstücke oder persönliche Gebrauchsgegenstände waren nirgends zu sehen. Die Inaja schien sehr ordentlich zu sein. Kal-Jinn drehte sich um und sah zu ihr hinüber. Vorhin im Foyer hatte sie einen Moment lang allein und verwundbar gewirkt, doch jetzt war ihr nichts mehr davon anzumerken.

Aryshtin beobachtete ihn mit scharfen Augen. Dieser Mann war anders als die Leute von Barioncy, aber er unterschied sich auch ganz eindeutig von den Mitgliedern des Athletic Paradise Fun Clubs, und diese Feststellung erfüllte sie mit einer diffusen Erleichterung. Als sie am Anfang eine Möglichkeit suchte, sich außerhalb der Stadt Bewegung zu verschaffen, war sie erleichtert gewesen, als sie jemand auf den Club verwies. Der Blick über die Steilküste war schön, die Umgebung zwar nicht natürlich aber doch immerhin grün, und die Gesellschaft die sie dort antraf, glich auch nicht einer Versammlung heißhungriger Tirste an einem Kadaver. Kein Zweifel, Helen und die übrigen begegneten ihr überaus herzlich und zuvorkommend, und dennoch gab es dort mittlerweile ein paar Details, die sie störten. Vor vier Tagen hatte sie sich wieder zu einem Wettrennen überreden lassen, obwohl ihr überhaupt nicht nach einem Wechsel zumute gewesen war. Sie hatte natürlich gewonnen, und Helen hatte ihr versichert, daß der Neue genug Geld besaß, um den Verlust seines Wetteinsatzes leicht verschmerzen zu können, aber trotzdem.
Sie betrachtete Kal-Jinn noch einen Moment, dann nickte sie ihm auffordernd zu.
"Ihre Formalitäten?"
"Selbstverständlich, Inaja Aryshtin!"
Der Verkaufende griff in sein Jackett und holte eine Anzahl von Papieren heraus, die er vor ihr auf dem Tisch ablegte. "Hier ist meine Lizenz der Kategorie Eins, mein Impfausweis, mein Gesundheitszeugnis, meine Sterilisationsbescheinigung und eine Auflistung der Tarife der vierzehn Kategorien mit dem Stempel der risanischen Behörden. Wenn Sie sie einsehen möchten, Inaja Aryshtin?"
Während sich die Rhazaghani stirnrunzelnd über die Unterlagen beugte, hatte der Verkaufende Mühe, seine Nervosität zu unterdrücken. Er hatte zwar die erste Hürde genommen, aber er war sicher, daß ihm die zweite, eigentlich schwierige, in wenigen Augenblicken bevorstand. Begreiflicherweise verhielt es sich so, daß die erste Kategorie den höchsten Tarif von allen besaß, und einen ihrer Angehörigen für die Dauer eines Tages zu mieten, kostete eine Kleinigkeit. Ihn sich über einen ungewissen Zeitraum zu leisten, erforderte jedoch einen handfesten Investitionswillen. Kal-Jinn begutachtete möglichst unauffällig das schlichte Outfit seiner Kundin und fragte sich voller Sorge, ob sie finanziell überhaupt so gut gestellt war. Es war kaum anzunehmen, daß sie in der Lage war, ihn bei ihren Auftraggebern auf die Spesenrechnung zu setzen.
Auf einer anderen Welt wäre es ihm möglich gewesen, den Preis nach eigenem Ermessen zu senken, aber diese Option stand Kal-Jinn leider nicht zur Verfügung. Es war gesetzwidrig, eine andere Summe zu verlangen als den offiziellen Tarif. Der Entgelt für die Dienstleistungen der einzelnen Kategorien war festgelegt, und wer mehr oder weniger verlangte, riskierte den Verlust seiner Lizenz und damit seinen Broterwerb. Daß Kal-Jinn bereits einen zahlenden Auftraggeber hatte, änderte nichts daran, zumal es ihm unter Drohungen untersagt worden war, diesen irgendwo zu erwähnen. Alles mußte wie ein ganz normaler Kontakt aussehen.
"Was ist dies hier?" unterbrach sie seine unruhigen Gedankengänge.
"Was meinen Sie, Inaja Aryshtin?"
"Dieses Blatt hier! Was besagt es?"
"Meine Sterilisationsbescheinigung? Sie belegt meine Zeugungsunfähigkeit, ist also die Bestätigung, daß der diesbezügliche chirurgische Eingriff erfolgreich war." erklärte er ihr ohne Zögern.
Sie hob den Kopf und sah ihn ratlos an, aber dann schien sie zu begreifen. Skepsis und Zurückhaltung flohen schlagartig aus ihrem Gesicht und ließen einen Ausdruck offener Bestürzung zurück.
"Sie haben freiwillig auf Nachwuchs verzichtet, um diese Tätigkeit ausüben zu können? Unwiderruflich?"
"Es ist für jeden Verkaufenden gesetzlich vorgeschrieben, Inaja Aryshtin!" antwortete er geduldig. "Die Gäste erwarten es. Haben Sie das nicht gewußt?"
"Das... ich... nein! Nein, das wußte ich nicht!"
"Es steht alles in der Broschüre, die an Einreisende verteilt wird. Haben Sie sie nicht erhalten?"
"Sie meinen das Heft, das man im Transporterzentrum bekommt? Es hatte mich nicht sonderlich interessiert. Mir fiel lediglich auf, daß darin vor sogenannten Illegalen gewarnt wurde."
"Nicht ohne Grund!" Kal-Jinn nickte bestätigend. "Sie werden möglicherweise wissen, daß es seit Jahrhunderten Außenweltler nach Risa zieht. Nicht alle kommen als Gäste; viele von ihnen tauchen hier unter und versuchen sich mit Hilfe von Prostitution, aber auch durch Folgekriminalität wie Zuhälterei, Diebstahl, Raub, Drogen- und Organhandel über Wasser zu halten. Die Regierung mußte etwas unternehmen, um diesen Sumpf auszutrocknen, und so gibt es seit knapp hundert Jahren die Zunft der Verkaufenden. Ihre Angehörigen stehen unter planetarer Aufsicht, werden regelmäßigen gesundheitlichen Kontrollen unterzogen, genügen genau festgelegten Mindestanforderungen und sind vor allen Dingen ehrlich. Ein illegaler Prostituierter mag seine Aufgabe für wenig Geld verrichten, aber der Kontakt mit einem Verkaufenden garantiert es dem Gast, am nächsten Morgen noch im Besitz seines Geldbeutels, all seiner Organe und vor allem am Leben zu sein."
"Ich verstehe!" Aryshtin schaute ihn an und dachte sichtbar dabei nach. "Wieviele Verkaufende gibt es auf Risa?" fragte sie dann plötzlich.
Kal-Jinn atmete tief durch. "Man schätzt, daß momentan etwa ein Siebtel der risanischen Bevölkerung aus Verkaufenden besteht. Der größte Wirtschaftszweig neben dem Hotel- und Gaststättengewerbe, der Grund weshalb uns manche Leute als lebenden Rohstoff oder auch als Edelsteine Risas bezeichnen. Der weitaus größte Teil der Urlauber kommt allein wegen der Verkaufenden hierher."
"Bei Ihren Kollegen handelt es sich grundsätzlich um jüngere Leute, Personen, die sich normalerweise ebenfalls im zeugungsfähigen Alter befinden würden, oder?"
"Ja. Ja, das ist richtig."
"Daher, jetzt begreife ich. Ich habe kaum Kinder in dieser Stadt gesehen." Aryshtin schüttelte sich entsetzt. "'Genießen Sie sie, solange es sie noch gibt' - so heißt es doch, nicht wahr? Ihr Planet verkauft seine Zukunft, Kal-Jinn!"
Er seufzte. "Eine Frage, Inaja Aryshtin: Besitzt Ihre Welt Rohstoffe?"
"Allerdings! Vor allem Dilithium und Tritanium, warum?"
"Weil Sie in dem Fall zu beneiden sind. Sehen Sie, unsere Welt war nie sonderlich reich, aber vor ein paar Jahrhunderten gab es auf Risa durchaus noch Erze, die für die Föderation von Interesse waren. Leider verstand sich unsere damalige Regierung nicht darauf, unseren Vorteil zu wahren; sie ließ es zu, daß die Planetenkruste zu schnell und für einen viel zu geringen Entgelt ausgebeutet wurde. Als die Lagerstätten erschöpft waren, zog sich die Föderation wieder zurück, und dieser Planet stürzte in eine Wirtschaftskrise nie geahnten Ausmaßes. Am Ende verfiel man dann auf den Gedanken, die letzten Rohstoffe zu nutzen, die dem Planeten noch geblieben waren. Noch heute verfügt Risa über ein angenehmes Klima, liebliche Küsten und attraktive Einwohner, wenn Sie verstehen."
Die Rhazaghani schaute zu Boden, dann sah sie auf und nickte stumm.
"Haben Sie sonst noch irgendwelche Fragen, Inaja Aryshtin?"
"Diese Anrede..."
"Sie meinen das Wort Inaja? Sie ist ein Relikt aus der risanischen Sprache, die allerdings kaum noch gesprochen wird. Übersetzt bedeutet es 'geliebte Fremde'."
Aryshtin dachte darüber nach.
"Wie kann man..." begann sie schließlich, unterbrach sich aber mit einem Blick auf den Verkaufenden. "Ich glaube, ich verstehe." schloß sie dann.
Sie blieb einen Moment still.
"Die Liste mit den Tarifen haben Sie eingesehen?" hakte Kal-Jinn schließlich ängstlich nach.
"Wie? Doch, gewiß! Tarif Kategorie Eins, alles in Ordnung."
"Und haben Sie die Absicht, auf meine Dienste zurückzugreifen?"
"Ja, natürlich! Ich möchte, daß Sie mich gegen Geld begleiten, wie ich Ihnen vorhin sagte."
Der Verkaufende atmete lautlos auf.
"Und wie lange glauben Sie..."
"Bis zum Schluß!"
Kal-Jinn glaubte zunächst sich verhört zu haben, und darum fragte er noch einmal nach.
"Was sagten Sie, Inaja Aryshtin?"
"Ich wünsche Ihre Begleitung während der gesamten Dauer meines Aufenthaltes. Jedenfalls so lange, bis ich gefunden habe, was ich suche."
Kal-Jinn schwieg ebenso erleichtert wie überwältigt. Dann, nach kurzer Überlegung, beschloß er ein Risiko einzugehen.
"Verzeihen Sie bitte meine Neugier, aber was genau ist es, wonach Sie suchen?"
Aryshtin musterte ihn nachdenklich. Er wirkte nicht wie jemand, der sich viel in Barioncy aufhielt, aber ein Versuch konnte nie schaden.
"Einen Mann! Einen Cardassianer, um genau zu sein."
Der Verkaufende hob überrascht die Brauen. "Einen Cardassianer? Inaja Aryshtin, es gibt in dieser Stadt Tausende von Cardassianern, sie bilden die größte nicht-risanische Bevölkerungsgruppe auf diesem Planeten. Nach dem Krieg haben viele das zerstörte Cardassia verlassen und sich hierher geflüchtet, wissen Sie?"
"Ja, das habe ich schon gemerkt. Allerdings traf dieser Mann noch vor dem Ende des Krieges hier ein. Sein Name ist Ilgash, und er besitzt nur noch ein Auge, allerdings ist es nicht ausgeschlossen, daß sich das mittlerweile geändert hat. Bei ihm müßte sich noch ein zweiter Cardassianer befinden, der den Namen Bentrang trägt. Ist es vielleicht möglich, daß Sie diesen Männern vor etwa zweieinhalb Jahren begegnet sind? Oder kennen Sie jemanden, der sie erwähnt hat?"
Kal-Jinn überprüfte seine Erinnerungen, doch schließlich hob und senkte er die Schultern.
"Es ist zwar nicht gänzlich ausgeschlossen, aber Olanki ist groß und ich fürchte... Was sind das für Männer?"
"Cardassianische Deserteure; der erste nicht besonders hochgewachsen, aber schlau und verschlagen. Der andere ist größer, hat ein schlichtes Gemüt und weicht seinem Freund praktisch nie von der Seite."
Der Verkaufende schüttelte bedauernd den Kopf. "Es tut mir leid, aber ich glaube nicht, daß ich ihnen jemals begegnet bin. Darf ich fragen, warum Sie nach ihnen suchen, Inaja Aryshtin?"
Die Rhazaghani schaute ihn an, und Kal-Jinn sah, wie sich erneut ein Vorhang aus Härte und Mißtrauen über ihren Blick senkte.
"Nein!" antwortete sie kalt.
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