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Wir betreten das Irrenhaus nicht mehr.

GeschichteDrama / P16 / Gen
Einstein / Ernst Heinrich Ernesti Johann Wilhelm Möbius Newton / Herbert Georg Beutler
08.05.2014
11.06.2014
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08.05.2014 500
 
Nach einiger Zeit, wenn der Applaus verebbt ist und die Zuschauer sich anschicken, zu gehen, wollen wir ihnen einige letzte Szenen präsentieren. Der Vorhang öffnet sich wieder und unsere drei Physiker sitzen wie gewohnt am Tisch im Salon. Einstein rauft sich die Haare – offensichtlich schon lange, denn ganze Büschel liegen zu seinen Füßen. Möbius hat die Hände über den Kopf zusammengeschlagen und knurrt die Tischplatte an. Nur Newton wirkt gelassen. Er kostet von den dampfenden Speisen, die ihnen aufgetragen wurden.

NEWTON: Wollen Sie nicht auch probieren? Die Suppe war ausgezeichnet und ich gehe frohen Mutes an das Filet.
EINSTEIN: Mir ist nicht nach Essen. Dieses Fräulein hat keine zwei Monate gebraucht, um die Welt in ein Irrenhaus zu verwandeln.
MÖBIUS: Mit meinen Erfindungen! Wie kann ich in dem Wissen essen, dass meine Fahrlässigkeit der Niederschrift die Welt ins Chaos gestürzt hat?
NEWTON: Sie wissen, dass man sie medikamentös behandeln wird, wenn sie nicht genug essen? Wir werden behandelt wie gewöhnliche Irre. Wie Könige zwar, aber wie irre Könige. Auch wenn sie sich dem Glück unserer Lage nicht bewusst sind, sollten Sie zumindest etwas essen.
EINSTEIN nimmt sich Suppe, MÖBIUS ein Stück Filet, sie setzen lustlos zu essen an, dann beide:
Das Glück unserer Lage? Haben Sie den Verstand verloren?
NEWTON: Nicht ganz – leider.
MÖBIUS: Erklären Sie.
EINSTEIN: Bitte.
NEWTON: Mein analytisches Denken hat zwar in meiner Zeit hier gelitten, aber unser guter Möbius hier hat es wieder in Schwung gebracht. Was, meine Freunde, geht da draußen vor sich?
EINSTEIN: Das Fräulein Doktor hat die Welt erobert…
MÖBIUS: … mit meinen Entdeckungen …
EINSTEIN: … und sie so in ein Irrenhaus verwandelt.
NEWTON: Und wo befinden wir uns?
MÖBIUS: Im Sanatorium „Les Cerisiers“.
EINSTEIN: In unserem privaten Gefängnis.
NEWTON: Für uns ist es das, aber was ist es für die da draußen?
MÖBIUS zögernd: Ein … Irrenhaus!
EINSTEIN: Genau, ein Irrenhaus, für jeden, in dem Irrenhaus da draußen. Er lacht befreit, dann wird er ernst. Aber was habt ihr daraus abgeleitet, lieber Newton?
NEWTON: Wenn da draußen alle verrückt sind und wir hier sind, sind wir nicht zwangsläufig verrückt. Wenn wir jedoch versuchen, bei klarem Verstand zu bleibe, sind wir dem Chaos der neuen Welt und der Schmach unseres Scheiterns ausgesetzt. Lassen wir aber zu, tatsächlich verrückt zu werden, können wir der Welt entfliehen und einen klareren Verstand bewahren, als es uns sonst möglich wäre.
MÖBIUS: Sie schlagen vor, unsere geistige Gesundheit aufzugeben?
NEWTON: Um sie zu wahren.
EINSTEIN: Wir sollen uns mit Drogen und Medikamenten behandeln lassen?
NEWTON: Um, wie man so schön sagt, sauber zu bleiben.
MÖBIUS: Und wie sollen wir das anstellen? Sie haben vielleicht gelernt, wie man Leute in den Wahnsinn treibt, aber sich selbst?
EINSTEIN: Es gibt Möglichkeiten, außerdem sind wir ja nicht alleine. Wir haben einander. Ich schlage vor, wir lassen uns stärkere Medikamente geben, das schwächt den Verstand. Dann hören wir auf, ganze Sätze zu bilden…
NEWTON: … und schließlich geben wir jeden Gedanken an Verantwortung und die Folgen unseres Handelns auf. Das ist das einzig verantwortungsvolle.
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